Mignon

Mignon

Libretto

Jules Barbier und Michel Carré

Uraufführung

17. November 1866, Paris (Opéra-Comique)

Besetzung

WILHELM MEISTER (Tenor)
FRIEDRICH (Tenor)
PHILINE, Schauspielerin (Sopran)
LAERTES, Schauspieler (Bariton)
LOTHARIO, ein fahrender Sänger (Bass)
MIGNON (Mezzosopran)
JARNO, Führer einer Zigeunertruppe (Bass)

Bürger, Landleute, Schauspieler, Zigeuner

Ort

Zeit

um 1790

Thomas, Ambroise

Thomas, (Charles Louis) Ambroise
5.8.1811 Metz - 12.2.1896 Paris


Bühnenwerke
mit Datum/Ort der Uraufführung:

La Double échelle (23.8.1837 Paris)
Le Perruquier de la régence (30.3.1838 Paris)
Le Panier fleuri (6.5.1839 Paris)
Carline (24.2.1840 Paris)
Le Comte de Carmagnola (19.4.1841 Paris)
Le Guerillero (22.6.1842 Paris)
Angélique et Médor (10.5.1843 Paris)
Mina, ou Le Ménage à trois (10.10.1843 Paris)
Le Caïd (3.1.1849 Paris)
Le Songe d'une nuit d'été (20.4.1850 Paris)
Raymond, ou Le Secret de la reine (5.6.1851 Paris)
La Tonelli (30.3.1853 Paris)
La Cour de Célimène (11.4.1855 Paris)
Psyché (26.1.1857 Paris)
Le Carnaval de Venise (9.12.1857 Paris)
Gillotin et son père (1859; np)
Le Roman d'Elvire (4.2.1860 Paris)
Mignon (17.11.1866 Paris)
Hamlet (9.3.1868 Paris)
Gille et Gillotin [rev. Gillotin et son père] (22.4.1874 Paris)
Psyché [rev] (21.5.1878 Paris?)
Françoise de Rimini (14.4.1882 Paris)
rev = Bearbeitung



ERSTER AKT
Vor einem Wirtshaus in Deutschland sitzen zechende Bürger und laden den Harfenspieler Lothario ein, mit ihnen zu trinken. Dieser, der sich nur bruchstückweise an seine Vergangenheit erinnern kann, zieht in der Welt umher, um nach seiner geraubten Tochter zu suchen. Eine Zigeunertruppe erscheint mit Mignon, die vor den Leuten tanzen soll. Als sie sich weigert, droht Jarno mit Schlägen, doch der junge Bürger Wilhelm Meister tritt dazwischen und schützt sie. Laertes und Philine, die einer aufgelösten Theatergruppe angehört haben, werden mit Meister bekannt, der sich in die leichtlebige Philine verliebt. Den Zigeunern kauft er die junge Mignon ab und behält sie in Pagenkleidern bei sich. Die Schauspieler werden von Baron Rosenberg eingeladen, auf seinem Schloss zu spielen. Wilhelm, so will es Philine, soll, einen Dichter vortäuschend, mitkommen. Wilhelm, entzückt von Philine, die ihres früheren Liebhabers Friedrich überdrüssig ist, zieht mit Mignon und den Schauspielern fort.

ZWEITER AKT
Philine schminkt sich in Schloss Rosenberg für die Aufführung des »Sommernachtstraums« und tändelt mit dem eintretenden Wilhelm. Mignon, die sich in ihren Beschützer verliebt hat, wird eifersüchtig und zieht, allein gelassen, ein Kleid von Philine an. Da stürzt Friedrich herein, der sich an Wilhelm rächen will und ihn zum Duell fordert. Mignon tritt dazwischen, wird aber von Wilhelm weggeschickt. Sie eilt fort und trifft im Park Lothario, der sie tröstet. Mignon verwünscht die Theaterleute. Während sich Philine nach ihrem Auftritt mit Wilhelm trifft, hört man Schreckensrufe. Das Schloss ist von Lothario, der Mignon rächen will, angezündet worden. Wilhelm rettet die bewusstlose Mignon aus den Flammen.

DRITTER AKT
Zusammen mit Lothario hat Wilhelm die schwerkranke Mignon nach Italien auf Schloss Cypriani bringen lassen. Von dem alten Diener Antonio, der seit fünfzehn Jahren das herrenlose Schloss betreut, erfährt Wilhelm, dass das einzige Kind der Schlossherrin geraubt wurde. Die verzweifelte Mutter starb, der Herr ging, halb von Sinnen, in die Welt. Wilhelm kauft das Schloss, weil Mignon sich dort sehr wohl fühlt. Philine und Laertes besuchen Wilhelm, dessen Herz jetzt einzig Mignon gehört. Diese ist, wie sich aus Papieren und Schmuck, die Wilhelm im Schloss findet, die von Lotharlo lang gesuchte Tochter. Graf Cypriani, der als Lothario in der Welt umherzog, findet sein Erinnerungsvermögen wieder und bestätigt, dass Mignon seine Tochter ist. Philine muss auf Wilhelm verzichten, der sich zur grossen Freude des Grafen mit Mignon verbindet.


--> OPER "in nuce"
ATTO PRIMO
In Germania e in Italia, verso il 1790. Nel cortile di una taverna si ritrovano il vecchio menestrello Lothario, alla ricerca della figlia perduta (“Fugitif et tremblant”), una carovana di attori tra i quali spicca la bella Philine, e un gruppo di zingari capitanati dal crudele Jarno. Egli ha con sé la piccola Mignon, che vorrebbe costringere a danzare sotto la minaccia di un bastone, ma Lothario e il giovane studente Wilhelm Meister, appena sopraggiunto, prendono le sue difese. Mignon, riconoscente, spartisce tra i due un mazzolino di fiori. Intanto Wilhelm viene adocchiato dalla capricciosa Philine, e malgrado un altro attore, Laerte, lo metta in guardia, finisce per soccombere al suo fascino, e le dona i fiori che Mignon gli aveva dato. La giovinetta torna da lui per ringraziarlo e gli racconta di non sapere nulla della sua origine e di conservare solo il ricordo di un paese più caldo «dove fiorisce l’arancio» (“Connais-tu le pays”). Wilhelm, commosso, decide di riscattarla dal suo padrone e di portarla con sé. Partono dunque insieme al seguito della compagnia di Philine, invitata a recitare presso il castello del barone Rosemberg.

ATTO SECONDO
Al castello, ospitata presso un lussuoso boudoir , Philine seduce Wilhelm (“Je crois entendre les doux complements”) sotto gli occhi di Mignon, la quale, ingelosita, approfitta della sua assenza per truccarsi davanti allo specchio (“Il était un pauvre enfant”) e indossare un vestito della rivale. L’arrivo di Frederick, precedente amante di Philine, e poi quello di Wilhelm, la costringe a nascondersi senza potersi cambiare d’abito. I due si sfidano a duello per amore della bella attrice e Mignon interviene per separarli svelandosi così nel suo nuovo abbigliamento, che provoca l’ilarità generale. Wilhelm, il quale vede per la prima volta Mignon come una donna, si rende conto che per loro è meglio separarsi (“Adieu Mignon, courage”). La giovinetta, disperata, trova rifugio presso il vecchio Lothario, cui confida il suo dolore (duetto “As-tu souffert? As-tu pleuré?”) e il suo ingenuo desiderio di veder bruciare il castello, dove Philine sta trionfando nelle vesti di Titania nel Sogno di una notte di mezza estate (“Je suis Titania la blonde”). Lothario dà fuoco al castello senza sapere che, nel frattempo, Mignon vi è entrata per prendere, su ordine di Philine, il mazzolino di fiori che un tempo era suo. Wilhelm, eroicamente, si getta tra le fiamme per salvarla.

ATTO TERZO
In Italia, dove lo studente ha condotto Lothario e Mignon, nel tentativo di guarirla. Egli ormai l’ama (“Elle ne croyait pas”) e vorrebbe anche acquistare per lei il palazzo dove sono alloggiati, che è in vendita poiché il proprietario è impazzito dal dolore per la morte della moglie e della figlia. Nel conoscere il nome del palazzo, Cipriani, Lothario ha un sussulto, ma Wilhelm, preoccupato per la sorte di Mignon, non se ne avvede. La fanciulla si sveglia dal suo lungo torpore e Wilhelm può finalmente rassicurarla circa il suo amore (“Je suis heureuse... l’air m’enivre”). Ma la loro felicità è turbata dall’arrivo di Philine, che fa cadere nuovamente Mignon in deliquio. Quando ella si ridesta appare Lothario lussuosamente vestito; egli le porge un cofanetto, che contiene un libro di preghiere. Mignon comincia a leggere una preghiera, poi, gettato il libro, prosegue a recitarla a memoria: fra la commozione generale Lothario, ritornato nei panni del marchese Cipriani, riconosce in lei la figlia Sperata, e benedice l’amore dei due giovani. Anche Philine deve arrendersi al fatto che Wilhelm non l’ama, e si consola tra le braccia di Frederick.

Oper in drei Akten
Nach J. W. Goethes' "Wilhelm Meisters Lehrjahre"


Personen:
MIGNON (Sopran)
PHILINE (Sopran)
WILHELM MEISTER (Tenor)
LOTHARIO (Bariton)
LAERTES (Tenor)
FRIEDRICH (Tenor)
JARNO (Bass)
DER FÜRST (Tenor)
DER BARON (Bariton)
ANTONIO (Sprechrolle)
EIN SOUFFLEUR (Sprechrolle)
EIN BEDIENTER (Sprechrolle)

CHOR
Zigeuner, Schauspieler, Herren und Damen, Bürger, Bauern und Bäuerinnen.

Ort: Deutschland und Italien
Zeit: gegen 179O

Ouvertüre

ERSTER AKT
Der Hof eines deutschen Wirtshauses

Links Gebäude, deren eines dem Publikum gegenüber. Im ersten Stock eine Glastür auf eine Treppe nach aussen führend, die in den Hof hinabgeht. Rechts ein Schuppen, Tische und Tonnen.

ERSTER AUFTRITT
Bürger. Später Lothario.
Die Bürger sitzen und trinken und werden von einigen Kellnern bedient


CHOR DER BÜRGER
Auf, ihr lustigen Zecher,
Füllt wieder eure Becher
Und trinkt und raucht, wie's euch gefällt.
Das Bier ist kühl, ihr Leute,
Und wie der Schaum sich hält.
Wir haben Sonntag heute,
Ruh' ist für alle Welt.

LOTHARIO
erscheint im Hintergrunde auf der Schwelle des Wirtshauses. Langsam schreitet er vor, bleibt in der Mitte des Hofes stehen und singt, sich auf der Laute begleitend
Ohne Rast, ohne Ziel irr' ich von Haus zu Hause,
Wohin der Zufall mich führet, selbst in Sturmes Gebrause!
Gott ist des Elends einz'ger Hort!
Doch sie lebt! Ja, sie lebt! Ich muss sie wiedersehen!
Ruh'n will ich einen Tag, ach, und dann wieder gehen
Und wandern fort und immerfort!

EINIGE BÜRGER
Seht, 's ist Lothario, der alte fremde Sänger.

ANDERE BÜRGER
Man sagt, dass seine Sinne verworren und krank.

EINIGE BÜRGER
Woher kommt er?

ANDERE BÜRGER
Niemand weiss es!

ALLE
zu Lothario
Nun, Freund, traure nicht länger,
So trinke und lass für heute den Klagegesang.

CHOR
Auf, ihr lustigen Zecher,
Füllt wieder eure Becher
Und trinkt und raucht, wie's euch gefällt.
Das Bier ist kühl, ihr Leute,
Und wie der Schaum sich hält.
Wir haben Sonntag heute,
Ruh' ist für alle Welt.


ZWEITER AUFTRITT
Die Vorigen. Jarno. Zigeuner. Bauern des Schwarzwaldes. Später Philine und Laertes (auf dem Balkon), dann Mignon

EINIGE BAUERN
auftretend
Platz gemacht, weicht zurücke!
Platz da, es nahn die Zigeuner,
Weit aus Böhmer Land kommen sie her.

Marsch

Da ist die ganze Bande, an ihrer Spitze Jarno
Und sein Gefährte Zafari.

Auftritt der Zigeuner. Die Bande zieht um die Bühne herum. Ein Wagen, mit grober Leinwand verdeckt und mit Flitterwerk aller Art beladen, wird durch zwei oder drei Zigeuner nach dem Vordergrund der Bühne gezogen. Jarno steht aufrecht im Wagon. Mignon, in einem durchlöcherten Mantel, schläft auf dem Stroh im Hintergrunde des Wagens. Eine Gruppe von Tänzern, Tamburins in den Händen, springt auf die Bühne. Zafarl ergreift seine Geige und gibt das Zeichen zum Tanze; ein Tamburin und eine Oboe begleiten die Musik.

GANZER CHOR
Platz da!

PHILINE
erscheint auf dem Balkon, gefolgt von Laertes
Laertes! Sehn Sie doch diese Kinder aus Böhmen,
Ein Schauspiel, das unterhaltend zu werden verspricht;
Doch, Nachsicht üben Sie, und höhnen Sie sie nicht,
So mögen sie den Platz hier nehmen.

Laertes setzt sich neben Philine

Zigeunertanz

EINIGE ALTE BÜRGER
Die Mädchen der Zigeuner
Mit ihrem Blick so schlau,
Ja, wie sie tanzet keiner,
Auch selbst nicht meine Frau.

LAERTES
die Zigeuner betrachtend:
Die Mädchen der Zigeuner
Mit braunem Angesicht,
Ja, wie sie tanzet keiner,
Auch selbst Philine nicht.

PHILINE
lachend
Die Mädchen der Zigeuner,
Sie haben leichtes Blut,
Ihr Herz betrübet keiner,
Stets frei, so ist es gut.

CHOR
La la ralla la, tralalala.
Sind wie der Vogel im Aetherblau,
Ja, ja die Mädchen der Zigeuner.
Nun so singt und so springt, ihr Zigeuner!
Ach, der tolle Reigen!
Ihr Tanz, so wild,
Mit Lust erfüllt.
Ja, so singt und so trinkt!
Lasset uns singen,
Tanzen und springen
In wildem Kreise
Nach lust'ger Weise.

JARNO
tritt in die Mitte der Bühne und grüsst die Versammlung. Einige Geldstücke fallen zu seinen Füssen. Zafari hebt sie auf
Um der Gaben, der Nachsicht würdig mich zu zeigen,
Folgt also jetzt ein Stück, unsrer Kunst höchster Glanz;
Gesehn ist es wohl nie der Art in diesen Kreisen,
Mignon zeiget sogleich den berühmten Eiertanz!

ALLE
Hurra! Lasset nah uns gehn,
Den Eiertanz anzusehn.

LAERTES
zu Philine
Wohlan, auch wir wollen sehn!

JARNO
zu Zafari
Du, Zafari, bereite
Den schönsten Schmaus für jedes Ohr!
Zu einem andern Zigeuner
Den bunten Teppich auf die Erde breite;
Er nähert sich dem Wagen und weckt Mignon
Und du, Mignon, steh auf! Tritt vor, tritt vor!

Zafari beginnt das Vorspiel auf der Geige. Eine alte Zigeunerin breitet einen Fetzen von Teppich auf der Erde aus. Die Eier werden von einem Kinde daraufgelegt. Mignon ermuntert sich bei Jarnos Stimme und tritt in die Mitte der Zuschauer. Sie hält einen Strauss von wilden Blumen und scheint aus einem Traume zu erwachen.

PHILINE
vom Balkon aus zu Jarno
Holla, mein werter Herr, mögt Ihr uns nicht erst sagen:
Wer ist das arme Kind, das Antlitz scheint zu klagen,
Dass man so es erweckt und zum Tanz Befehl ihm gab,
Ist es ein Mädchen? Ist es ein Knab?

JARNO
Oh, keins von beiden, schöne Dame,
Weder Knab noch Mädchen, auch Frau nicht.

PHILINE
Und wer ist es denn?

JARNO
schlägt den Mantel zurück, der Mignon bedeckt
's ist Mignon!

Die Zuschauer lachen laut

MIGNON
für sich
Aller Augen ruh'n auf mir, dies Lachen mich beleidigt -
O Herz, sei mutig stolz, da niemand dich verteidigt.

JARNO
Auf zum Tanze! Tanze, Mignon!

MIGNON
mit dem nackten Fuss auf die Erde stampfend
Nein, nein! Nimmermehr!
Ich trotze deinem Willen
Und weigre mich, den Befehl zu erfüllen!

JARNO
Wie, du trotzest?
zu den Zigeunern
Holla, gebt schnell den Stock mir her!

MIGNON
Nein, nein!

JARNO
Tanze, Mignon, und zögre nicht,
Sonst zeigt der Stock dir deine Pflicht!

DIE MÄNNER
Tanze! siehe den Stock!
Tanze, Mignon, und zögre nicht,
Der Wütrich hält, was er verspricht.

DIE FRAUEN
Sie hat ganz recht, Sie tanzet nicht.

LOTHARIO
steht auf und läuft zu Mignon, die er in seine Arme schliesst
O fasse Mut
Und bau auf mich,
Gegen seine Wut
Beschütz' ich dich.

JARNO
zornig
Zum Teufel, elender Bettler, so geh zum Teufel!
Er erhebt den Stock gegen Mignon
Gleich tanzest du und zögerst nicht,
Sonst zeigt der Stock dir deine Pflicht.

ALLE
Tanze sogleich und zögre länger nicht,
Der Wüthrich hält, was er verspricht.

MIGNON
Nein, nimmermehr! Ich tanze nicht.


DRITTER AUFTRITT
Die Vorigen. Wilhelm

WILHELM
tritt auf, gefolgt von einem Diener, der seinen Koffer trägt. Er eilt Mignon zu Hilfe und hält Jarnos Arm zurück.
Ha, Schurke du, halt ein! Sieh, die Not kennt kein Gebot!
Er zieht eine Pistole aus der Tasche und legt auf Jarno an.

JARNO
Wie? Was beliebt?

WILHELM
Wagst du noch einen Schritt, bist du tot.

JARNO
Nun gut, ich gebe nach!
mit kläglichem Ton
Doch ich bin ruiniert,
Meine Einnahme ist weg, bin am Bettelstabe.

PHILINE
wirft vom Balkon Jarno ihre Börse zu
So, nimm da und schweig! 's ist mehr, als dir gebührt.

MIGNON
teilt ihr Bukett zwischen Wilhelm und Lothario
O nehmt die Blumen an, sie sind all meine Habe!

Ensemble

PHILINE
für sich
Wer kennt jenen fremden Herrn,
Der sein Leben wollte wagen?
Möchte jemand nur ihn fragen,
Wer er ist, ich wüsst' es gern.

LAERTES
für sich
Wer ist er?
zu Philine
Wer jener Fremde, wüssten Sie wohl gar zu gern.
Der schöne Mann, und voll Mut, wer ist er?

WILHELM
Nicht ahnte ich heut von fern
Was sich eben zugetragen!
Oh, Aermste, nicht durft' ich zagen,
Was ich tat, ich tat es gern.

MIGNON
Oh, Jungfrau, mein Hoffnungsstern,
O höre des Kindes Klagen,
Was du forderst, will ich tragen,
Beug' mich vor der Macht des Herrn.

LOTHARIO
unbeweglich und starren Auges seine Laute spielend
Naht im Dunkeln ein Ritter von fern,
Kannte ihn wohl in alten Tagen,
O eile, mir Trost zu sagen,
Du bist mein Hoffnungsstern.

JARNO
Jetzt nur fort, haltet euch nicht zu fern.
Wer er ist, ich wüsst' es gern.

CHOR
Wer ist er? seht von fern.

Die Bürger gehen durch den Hintergrund ab, Jarno und die Zigeuner ziehen sich in den Schuppen zurück. Mignon folgt ihnen, und Lothario entfernt sich langsam. Philine spricht leise zu Laertes, mit dem Finger auf Wilhelm deutend. Sie geht langsam ins Haus. Laertes steigt auf der äusseren Treppe in den Hof hinab.


VIERTER AUFTRITT
Wilhelm. Laertes

WILHELM
zu seinem Diener
Sorge für unsere Pferde und sieh danach, dass mein
Koffer an einen sicheren Ort komme. Ich werde hier
im Freien frühstücken.

Der Diener geht in das Wirtshaus ab

LAERTES
Wilhelm begrüssend
Mein Herr!
Wilhelm grüsst wieder
Die junge Dame, welche soeben mit mir auf jenem
Balkon sass, hat mich beauftragt, Ihnen ihren Dank
abzustatten für die wahrhaft ritterliche Weise, mit
welcher Sie die kleine Zigeunerin von den Schlägen
ihres reizenden Gebieters befreiten.

WILHELM
Was ich getan, würde jeder andere an meiner Stelle
auch getan haben.

LAERTES
Gewiss! Ich gestehe Ihnen, dass ich eben hinuntereilen wollte, als Sie wie ein rettender Engel erschienen. Unsere Herzen begegneten sich, sie werden sich darum auch verstehen. Erlauben Sie mir, Ihnen nun zu sagen, wer wir sind. Ich heisse Laertes, die Dame auf dem Balkon heisst Philine. Sie sehen in uns die letzten Ueberreste einer Schauspielertruppe, deren Direktor - wie das ja wohl vorkommt - versch- wunden ist, ohne jemanden zu bezahlen. Einige unserer Kollegen sind in der Stadt geblieben, um eine günstige Gelegenheit abzuwarten; Philine vertraut ihrem guten Stern, ohne sich wegen der Zukunft zu beunruhigen, und ich, ich benutze meine Freiheit, um alle die Albernheiten zu vergessen, die ich auf Befehl der Herren Autoren in mein Gehirn hineinpfropfen musste.

Eine Magd deckt den Tisch

WILHELM
Ist es Ihnen recht, so teilen Sie mein bescheidenes
Frühstück mit mir.

LAERTES
Mit Vergnügen.

WILHELM
zu der Magd
Zwei Kuverts!
zu Laertes
So werden wir plaudern und mit dem Glase in der
Hand unser Zusammentreffen feiern. Und nun -
Vertrauen gegen Vertrauen - hören Sie, wen Sie vor
sich haben. Ich heisse Wilhelm Meister, bin der Sohn
eines rechtschaffenen Bürgers in Wien, welcher vor
einem Jahre die Universität verliess, seine väterliche
Erbschaft in Empfang nahm, um in das Leben zu tre-
ten. Ich bin jung, reich, frei, verliebt, ein Freund
schöner Verse wie aller schönen Dinge. Neugierig, die
Welt zu sehen, ungeduldig, tolle Abenteuer zu erleben.
er steht auf
Ich will unser altes Deutschland durchreisen, ich will
Frankreich und Italien sehen und Geld unter die
Leute bringen.


Arie

WILHELM
Froh und frei will ich eilen
Durch die herrliche Welt,
Kommen, gehn und verweilen,
Heut hier und morgen dort; ich tu, was mir gefällt!
Neu sind mir alle Dinge,
Alles reizt, bezaubert mich,
Und ich lache, und ich singe,
Mein eigner Herr bin ich.
Lebe wohl denn, ich scheide,
Du mein väterlich Haus,
Das Vöglein, voll Freude,
Breitet die Flügel aus.
Froh und frei will ich eilen
Durch die herrliche Welt,
Kommen, gehn und verweilen,
Heut hier und morgen dort; ich tu, was mir gefällt!
Wenn die Lieb' auf meinen Wegen
Noch heute zu mir spricht,
Folg' ich Trieben, die sich regen,
Und bis morgen wart' ich nicht.
Mein Herz mag sich nicht sträuben
Vor der süssen Lust,
Lässt sich doch so gern betäuben
Die lieberfüllte Brust.
Doch die beste der Frauen,
Die ein Traum uns verspricht,
Noch konnt' ich sie nicht schauen,
Fand sie bis jetzt noch nicht.
Ob sie von hoher Herkunft, wie ist ihr Haar, ihr Auge?
Was kümmert's mich!
Ja, frei will ich eilen
Durch die herrliche Welt,
Kommen, gehn und verweilen,
Heut hier und morgen dort; ich tu, was mir gefällt

Die Magd trägt das Essen auf.

LAERTES
Das Frühstück ist serviert!

WILHELM
Nun denn, zu Tisch!

LAERTES
Zu Tisch!
lachend
Wahrhaftig, so ein Frühstück unter wirklichen Bäu-
men in Gesellschaft eines liebenswürdigen Mannes,
der nie Komödie gespielt hat, dieses Huhn, das nicht
nur ein Theaterhuhn von Pappe, dieser Wein, den
nicht der Requisiteur geliefert, das ist alles herrlich!
er zerschneidet das Huhn

WILHELM
einschenkend
Auf Ihr Wohl!

LAERTES
das Glas ergreifend
Und auf das Ihre!
er isst und trinkt
Und nun, mein lieber Herr - Wilhelm Meister, Sie
haben sich vorgenommen, die ganze Welt zu durch-
eilen; nehmen Sie sich nur in acht, dass Sie nicht auf
der ersten Station sitzenbleiben.

WILHELM
Wie das?

LAERTES
Ich meine irgendeine Liebesfalle, in die Sie geraten könnten.
er trinkt
Wie Sie, lieber Herr Meister, reiste ich mit meinen
zwanzig Jahren und den Talern meines verstorbenen
Onkels in der Tasche, von meinem Dorfe ab, um die
Welt zu erobern. Auf der ersten Station trete ich in
eine Scheune, in welcher eine wandernde Schauspielertruppe Komödie spielte. Beim Scheine der Talglichte fällt mir ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren auf, blond wie Stroh, mit Vergissmein- nichtaugen - es war die muntre Liebhaberin der Truppe. Den Morgen darauf gestehe ich ihr meine Liebe, nach acht Tagen waren wir verheiratet. Noch am Abend des Hochzeitstages überraschte ich meine Julia mit einem fremden Romeo zu ihren Füssen; ich duelliere mich, werde verwundet, und der Sieger verschwindet mit meiner Frau und meinem Gelde. In dem Zeitraum weniger Tage hatte ich die Empfindungen des Liebhabers, des Bräutigams, des Ehemanns und Witwers durchgekostet.
er trinkt
Mein Verlangen nach Reisen hatte sich gelegt, mein
Durst nach Abenteuern war befriedigt. Der Teufel
machte schliesslich aus mir einen Schauspieler. Sie
sehen, dass ich nicht gerade aus Neigung meinem
Stande angehöre und dass ich wohl Grund habe,
wenn ich Sie vor den Frauen warne!

WILHELM
lächelnd
Und dennoch schienen Sie sich mit der Dame auf dem
Balkon recht gut zu verstehen.

LAERTES
Sie meinen Philine? Das will nichts sagen, mein Wort
zum Pfande! Wir beide kennen uns zu gut, um uns zu
lieben.
Philine tritt auf den Balkon, um zu lauschen; sie hat ihren früheren Morgenanzug mit einem eleganten Reisekleld vertauscht.
Wir haben uns abends vor dem Publikum so viel
schöne Dinge gesagt, dass uns für das Privatleben
nichts mehr übriggeblieben ist.

WILHELM
lachend
Wirklich?

LAERTES
Und ausserdem sagt ja das Sprichwort sehr wahr;
Ein Wolf verschlingt den anderen nicht. Aber mit
Ihnen ist das etwas ganz anderes. Sie gehören nicht
zum Bau, Sie sind jung, feurig, wissbegierig, voller
Illusionen. Trauen Sie jener Dame nicht; ich bin
zu sehr ihr Freund und möchte zu gern Ihr Freund
werden, als dass ich Ihnen nicht dringend den guten
Rat erteilte. Philine ist lebhaft, kokett, verschmitzt,
lügenhaft und eitel, wie alle ihresgleichen, leichter
als der Wind, treuloser als die Welle, veränderlicher
als der Mond. Und mit all ihren Fehlern ist sie das
gefährlichste Weib, das ich kenne. Trinken wir auf
ihre Gesundheit!
Sie trinken und stossen an.

Während der letzten Rede Ist Philine die Treppe hinabgestiegen.


FÜNFTER AUFTRITT
die Vorigen. Philine

Terzett

PHILINE
Laertes mit der Spitze ihres Fächers auf die Schulter klopfend
Ei was, teurer Laertes, da Ihr Glas Sie geleert,
Vollenden Sie dies reizende Porträt denn nicht?

LAERTES
lachend zu Philine
Sie hier? Wir sassen zu Gericht!

WILHELM
Philine grüssend
Er ist als Freund ein strenger Richter,
Ihr schönes Aug' sagt, dass er nicht Wahrheit spricht.

PHILINE
zu Wilhelm
Ich danke für das Kompliment.

WILHELM
heiter, für sich
Welche Anmut, welches Sehnen
Spricht der Blick, voll Gefühl;
Ach, die Seufzer und Tränen
Führen hier nicht zum Ziel.

LAERTES
Er glaubt, bei dieser Schönen
Kommt so leicht er zum Ziel,
Er wird geliebt sich wähnen,
Doch treibt sie nur ihr Spiel.

PHILINE
für sich
Ich erwecke sein Sehnen,
Rache nur ist mein Ziel,
Wird geliebt er sich wähnen,
Der Rest ist leichtes Spiel.
zu Wilhelm
Wie ist's in der Welt zu beklagen,
Wenn alle Frauen so sind wie ich,
Kokett und leicht fürchterlich.
Die Männer, was soll man da sagen,
nach Laertes zeigend
Gar viele sind grad so wie er,
Sie schleppen die Langweil' uns her,
Rühmen sich, zu hassen alle Frauen,
Weil ihr Herz nicht eine ihm gibt;
Sie schwören, uns sei nicht zu trauen,
Und nur weil man nicht jeden liebt.

WILHELM
lächelnd
Gut gesagt! Das nenn' ich gerächt!

LAERTES
Sehr gut! Nur vorwärts ins Gefecht!
Ohne Umschweif erlauben Sie mir,
Sie gleich einander vorzustellen.
Wilhelm Philine vorstellend
Ein liebenswürd'ger Mann, Wilhelm Meister steht hier,
Der für Ihre Lieb' gern sein Herz will verlieren.
Philine Wilhelm vorstellend
Hier, Signora Philine, ein Engel in Person,
Die Sie findet scharmant und es wünscht auszu-
drücken.
Zu Philine
Und jetzt lassen Sie los ein Lächeln zum Entzücken!
zu Wilhelm
Sie reichen der Signora Ihr Bukett!
Er nimmt Wilhelms Bukett und gibt es Philine
Schon da!

WILHELM
für sich
Welche Anmut, welches Sehnen
Spricht der Blick, voll Gefühl;
Ach, die Seufzer und Tränen
Führen hier nicht zum Ziel.

PHILINE
für sich
Ich erwecke sein Sehnen,
Rache nur ist mein Ziel,
Wird geliebt er sich wähnen,
Der Rest ist leichtes Spiel.

LAERTES
lachend
Er glaubt bei dieser Schönen
Kommt so leicht er zum Ziel,
Er wird geliebt sich wähnen,
Doch treibt sie nur ihr Spiel.

PHILINE
zu Wilhelm
Mein Herr, ich bitte Sie, die Scherze meines Freundes zu entschuldigen!
zu Laertes
Sie geben mir Ihren Arm.

LAERTES
Wir gehen?

PHILINE
Ja, ich entführe Sie, um Herrn Meister Ihren schlechten Ratschlägen zu entziehen.

LAERTES
lachend
Und zu fliehn.
deklamierend
«Durchbohrend ihm das Herz mit gift'gein Pfeil!"
mit natürlichem Ton
Wohin gehen wir?

PHILINE
In die weite Welt.
leise
Meine Börse ist leer.

LAERTES
Teufel, die meinige auch.

PHILINE
Ich will in der Stadt einen anständigen Juwelier
suchen, welchem ich etwas Schmuck verkaufen kann.

LAERTES
leise
Sie haben noch Schmuck zu verkaufen? Sie Glückliche!

PHILINE
Laertes' Arm nehmend
Apropos, haben Sie nichts von unserem Freunde Friedrich gehört?

LAERTES
Nicht das mindeste.

PHILINE
Er hat mich seit acht Tagen nicht aufgesucht - er muss gestorben sein.

LAERTES
Sehr wahrscheinlich!
zu Wilhelm
Wir finden Sie wieder hier? Nicht wahr?

PHILINE
lachend
Sicher! Verschwindet man denn so schnell, wenn man
mich gesehen hat?

LAERTES
Man täte gescheiter, wenn man verschwände.

PHILINE
Unverschämter!
zu Wilhelm
Bis später, Herr Meister!
mit Laertes ab


SECHSTER AUFTRITT
Wilhelm. Später Mignon

WILHELM
fröhlich
Bei Gott! Ein reizendes Mädchen! Etwas närrisch
und ohne Zweifel sehr kokett - aber reizend.

MIGNON
kommt furchtsam aus dem Schuppen; für sich
Er ist allein.

WILHELM
Laertes mag noch so viel reden, ich glaube, trotz sei-
ner weisen Ermahnungen werde ich verliebt.
Mignon bemerkend
Ach du bist's, armes Kind!

MIGNON
Jarno ist eingeschlafen, und nun komme ich, dir zu
danken.

WILHELM
Hast du dich denn nicht schon bedankt, indem du mir
dein Bukett gabst?

MIGNON
Mein Bukett -

WILHELM
für sich
Teufel, das hat mir ja Philine genommen!

MIGNON
ür sich:
Was hat er damit gemacht?

WILHELM
Der Dienst, den ich dir geleistet, verdient wahrhaftig
nicht so viel Dank. Der Elende wollte dich schlagen;
ich schüchterte ihn durch Drohungen ein, und so bist
du diesmal seiner Wut entgangen. Morgen freilich
werd ich nicht mehr hier sein, um dich verteidigen
zu können.

Rezitativ und Romanze

MIGNON
Morgen, sagst du; wer weiss, morgen sind wir wohl weit!
Unsre Zukunft steht bei Gott, er bestimmt die Zeit.

WILHELM
gesprochen
Wie heisst du?

MIGNON
Mignon nennen sie mich. Nichts andres weiss ich.

WILHELM
gesprochen
Wie alt bist du denn?

MIGNON
Die Bäume wurden grün,
Der Schnee bedeckte das Feld,
Für mich war niemand da,
Der meine Jahre gezählt.

WILHELM
gesprochen
Wer ist dein Vater? Wer deine Mutter?

MIGNON
Die Mutter ruht von ihrer Not,
Und der grosse Teufel ist tot!

WILHELM
Der grosse Teufel? Was willst du damit sagen?

MIGNON
Das war mein erster Herr.

WILHELM
Der, welcher dich jenem Menschen verkaufte!
sie mit Teilnahme prüfend
Aber wie bist du in seine Hände gefallen? Sprich!
Vielleicht kann ich dir helfen und dich diesem elenden
Leben entreissen. Ohne Zweifel hat man dich deiner
Familie gestohlen. Bewahrst du nicht irgendeine Er-
innerung aus deiner Kindheit?
Mignon sieht Ihn an, ohne zu antworten
Du schweigst! Du wagst nicht, dich mir anzuvertrauen.

MIGNON
sucht ihre Erinnerungen zurückzurufen und spricht wie zu sich selbst
Von meiner Kindheit ist nur eine einzige Tatsache in
meinem Geiste geblieben, genau wie am ersten Tage.
Ich hatte mich von dem Hause meines Vaters weit ent-
fernt und irrte aufs Geratewohl im Felde umher, als
ich mich von Männern in seltsamer Tracht umgeben
sah. Ich bat sie, mich zu meinem Vater zurückzufüh-
ren und beschrieb ihnen den Weg, den sie einschlagen
sollten; sie versprachen mir es auch und führten mich
mit sich fort. Aber in der Nacht, als sie mich im
Schlafe glaubten, hörte ich, wie einer von ihnen sagte:
«Sie kann uns nützlich sein, wir müssen sie so schnell
als möglich aus dem Lande entfernen.»

WILHELM
gesprochen
Weisst du noch etwas von den Gegenden, welche du
durchwandertest, ehe du hierher kamst? Schweben dir
ferne Orte vor, welche du wiedersehen möchtest?

MIGNON
gesprochen
Ich weiss ein Lied, das meine Gedanken, meine Ge-
fühle wiedergibt.


Romanze

MIGNON
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl?
Dahin, dahin
Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach;
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?
Kennst du es wohl?
Dahin, dahin
Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!

WILHELM
Dieses zauberische Land, von dem du sprichst, diese
glückliche Gegend, welche du im Herzen bewahrtest,
ist es nicht Italien, liebe Kleine?

MIGNON
träumerisch
Italien - weiss nicht!

WILHELM
für sich
Seltsames Wesen!

Jarno kommt aus dem Schuppen.


SIEBENTER AUFTRITT
Die Vorigen, Jarno

JARNO
Ah, wie es scheint, gefällt Ihnen das Kind - mein
Prinz, Sie wollen mir es abwendig machen?

WILHELM
Elender! Ich hätte nicht übel Lust, dich dem Gericht
zu überliefern, damit es dich zwänge, diese arme
Klein ihrer Familie, der du sie ohne Zweifel gestohlen
hast, zurückzugeben.

JARNO
Gestohlen! Alle Welt kann bezeugen, dass ich sie
nicht gestohlen habe, wohl aber ernährt, erzogen wie
mein Kind, wie mein eigenes Kind.
WILHELM
Woher stammt sie denn?

JARNO
mit mürrischem Ton
Das weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass ich sie von
meinem Bruder, der, seiner merkwürdigen Talente we-
gen, den Beinamen «der grosse Teufel» führte, geerbt
habe. - Im übrigen, wenn Sie sich so sehr für sie
interessieren, zahlen Sie mir wieder, was sie mich
an Kleidung und Nahrung gekostet, und Sie mögen
über ihr Schicksal nach Belieben verfügen.

WILHELM
Gut! Ich nehme deinen Vorschlag an.

JARNO
erstaunt
Ah - was?

MIGNON
für sich
Was sagte er?

WILHELM
zu Jarno
Komm mit mir, ich zahle dir sogleich das Geld, wel-
ches du forderst, und dafür unterzeichnest du mir
eine Schrift, welche Mignon ihre Freiheit wiedergibt.

JARNO
Wenn ich bezahlt werde, unterzeichne ich alles, was Sie wollen.

WILHELM
So komm!
zu Mignon
Im Augenblick wirst du frei sein. Bald bin ich wieder
hier, mein liebes Kind.
mit Jarno ins Wirtshaus ab


ACHZER AUFTRITT
Mignon. Später Lothario

Rezitativ und Duett

MIGNON
Frei! Frei! Ist es wahr? Hab' ich recht gehört?
Sie bemerkt Lothario, welcher, aus dem Hintergrunde kommt
Ach komm und freue dich mit mir; wie er, sei auch
du gesegnet, der mich verteidigte.

LOTHARIO
Ich suchte dich, um dir Lebewohl zu sagen; ehe ich
ging, wollte ich dich noch einmal sehen.

MIGNON
Aber weshalb gehst du schon?

LOTHARIO
Ich muss!

MIGNON
Allein; ohne Führer!
für sich
Armer Greis, des Verstandes beraubt.
laut, teilnehmend
Gehst du nach Nord oder Süd?

LOTHARIO
Die Schwalben, welche du am Himmel schweben
Siehst, sie fliehen nach dem Süden; wohin sie gehen,
Gehe ich auch.

MIGNON
traurig
Oh, warum kann ich nicht wie sie durch alle Räume
Fliegen, in mein Heimatland. Gib mir deine Laute.

Sie singt, sich auf der Laute begleitend.

Duett

MIGNON
Ihr Schwalben in den Lüften,
In Gottes blauem Reich,
Schwebt über Seen und Triften,
O könnt' ich ziehn mit euch!

LOTHARIO
Klinge, süsse Laute,
Unter ihrer Hand,
Erinnerung wecke, traute,
Die längst ihr entschwand.

MIGNON
O flieht zu lichten Auen,
O flieht zu dem Horizont, so hell, so rein:
Wie glücklich, zu erschauen
Schon morgen jenes Land voll Sonnenschein,
O könnt' ich fliehn mit euch!

BEIDE
Ihr Schwalben in den Lüften,
In Gottes blauem Reich, Schwebt über Seen und
Triften,
O könnt' ich ziehn mit euch.
man hört hinter der Bühne Philine laut lachen

MIGNON
Schon wieder diese Frau!
Ich mag sie nicht sehen, komm!
Sie zieht Lothario nach dem Schuppen.

NEUNTER AUFTRITT
Philine, Friedrich, später Wilhelm und Jarno. Philine tritt laut lachend auf: Friedrich folgt ihr, den Staub von seinen Kleidern schüttelnd

PHILINE
Nein, lassen Sie mich zu Ende lachen, lieber Friedrich. Diese Art und Weise, über den Kopf Ihres Pferdes hinweg mir zu Füssen zu fallen, ist wahrhaftig ebenso originell wie galant. Ich wusste gar nicht, dass Sie ein so fertiger Voltigeur sind.

FRIEDRICH
Spotten Sie nur. Das arme Pferd hat meine Sehnsucht nach Ihnen fast mit dem Leben bezahlt.

PHILINE
Sagte ich es Ihnen nicht, dass Sie fern vor mir nicht
existieren können?
sie lacht

WILHELM
kommt mit Jarno aus dem Hause
Abgemacht! Mignon ist frei!

JARNO
Abgemacht! Ich werde ihr ihre Lumpen übergeben
und sie Ihnen herschicken.
für sich
Hundert Dukaten! Ein gutes Geschäft.
geht in den Schuppen


ZEHNTER AUFTRITT
Wilhelm, Philine, Friedrich

PHILINE
zu Wilhelm tretend
Wie, was höre ich da? Sie haben der jungen Zigeunerin ihre Freiheit erkauft? Sehr edelmütig! Was wollen Sie aber mit ihr beginnen?

WILHELM
Ich denke sie hier bei ehrlichen Leuten irgendeine Arbeit erlernen zu lassen.

PHILINE
lachend
Geben Sie sie mir! Sie soll Komödie spielen lernen und mich dafür in dem famosen Eiertanz unterrichten.

WILHELM
O spotten Sie der Unglücklichen nicht, es wäre Ihrerseits grausam.

FRIEDRICH
zu Philine wütend
Was will denn der eigentlich?
er will zwischen Wilhelm und Philine treten, Philine verhindert es

PHILINE
zu Friedrich
Bitte, nur Ruhe!
zu Wilhelm
Herr Meister, ich stelle Ihnen hier den jungen
Friedrich vor, welcher meinetwegen der Universität entlaufen ist, und den ich zu seinen Eltern zurückführen werde, sobald ich sie kennenlerne. Um bei mir zu sein, ist er zu allem fähig. Er wäre ebenso gern Souffleur, Lampenputzer, Ballettmeister oder Friseurder Truppe. Hauptsächlich ist er einer meiner hartnäckigsten und eifersüchtigsten Anbeter, der mich regelmässig alle acht Tage verlässt, um regelmässig acht Tage nachher wiederzukommen.
Friedrich bei der Hand nehmend
Herr Friedrich, ich stelle Ihnen Herrn Wilhelm Meister vor, einen Mann, welchen Sie ganz gewiss liebgewinnen werden, da er unserm Freund Laertes versprochen hat, mir nicht den Hof zu machen.

WILHELM
leise und lächelnd
Ich habe gar nichts versprochen.

PHILINE
für sich
Er liebt mich schon.
laut
Aber wo bleibt Laertes?

LAERTES
hinter der Szene
Philine - teure Philine!

WILHELM
Da ist er schon.


ELFTER AUFTRITT
Die Vorigen, Laertes

LAERTES
lebhaft, einen Brief in der Hand
Sieg! Sieg!

PHILINE
Was gibt's?

LAERTES
Endlich triumphieren wir über unsern bösen Stern.
Wir werden in den Genüssen Kapuas schwelgen und
vor einer unserer Talente würdigen Versammlung
spielen.

PHILINE
Wie das?

LAERTES
Unsre Kollegen bereiten sich schon zur Abreise vor
und werden uns sogleich hier abholen. Und hier
den Brief hochhaltend
der Brief, der uns und
zu Philine
hauptsächlich Sie ruft.
zu Wilhelm
Sie erlauben!
öffnet den Brief Und liest
«Meine Allerschönste, um die Anwesenheit des Fürsten von Tiefenbach, welcher auf der Durchreise einige Tage auf meinem Schlosse verweilt, würdig zu feiern, denke ich ihm durch einige Schauspielvorstellungen ein besonderes Vergnügen zu bereiten. Ich habe infolgedessen Ihre Kollegen benachrichtigen lassen, dass ich sie noch heute erwarte. Ihnen, meine Allerschönste, dem Stern der Gesellschaft, schicke ich einen Wagen, damit Sie bequem reisen. Ich hoffe, dass Sie meine Einladung annehmen, und verspreche Ihnen, dass Sie sich nicht über die Gastfreundschaft zu beklagen haben werden, welche Sie finden sollen bei Ihrem ergebenen Anbeter und Freunde. Der Baron von Rosenberg.»

FRIEDRICH
Mein Onkel!

PHILINE
in Lachen ausbrechend
Ihr Onkel? Der Baron Ihr Onkel!

FRIEDRICH
Leider!

PHILINE
Nun, besorgen Sie nichts. Ich werde ihm von Ihnen nur
Gutes erzählen.

FRIEDRICH
Sie nehmen also seine Einladung an?

PHILINE
Mit Wonne! Und seinen Wagen auch.

FRIEDRICH
Schändlich!
er geht nach dem Hintergrund zu Laertes, mit dem er spricht

PHILINE
zu Wilhelm
Und Sie, werter Herr, hätten Sie nicht Lust, uns zu begleiten? Ich stelle Sie dem Baron als unseren Dichter vor. Kommen Sie mit, Sie bereiten mir dadurch ein besonderes Vergnügen. Also nicht wahr, Sie willigen ein!
sie geht nach dem Wirtshause

FRIEDRICH
Philine!

PHILINE
Sie!
auf der Treppe, welche zu ihrem Zimmer führt
Wenn Sie sich einfallen lassen sollten, uns zu folgen,
So werden Sie Ihrem Onkel überliefert.
geht lachend hinein und schliesst die Tür zu

LAERTES
Sie macht sich über Sie lustig, mein Lieber.

FRIEDRICH
Verdammte Kokette! Verdammter Baron! Verdammter Brief!
Laertes die Hand gebend
Auf Wiedersehn, Laertes!
Wilhelm den Rücken kehrend
Sie, mein Herr, Sie grüsse ich nicht.
läuft wütend ab

WILHELM
Was will der?
will ihm nach, Laertes hält ihn zurück


ZWÖLFTER AUFTRITT
Laertes, Wilhelm

LAERTES
Die Eifersucht lässt ihn den Verstand verlieren.
Er glaubt Sie schon in der Gunst der Schönen.

WILHELM
Ich! Welcher Wahn!

LAERTES
Ja, die Verliebten sind stets verrückt, besonders die
Von Philine Verzauberten, wie der da. Sie erinnern
Sich, was ich Ihnen in dieser Beziehung sagte. Jetzt
Will ich meine Rechnung bezahlen, alsdann komme
ich wieder, um von Ihnen Abschied zu nehmen, wenn
wir uns trennen müssen.
geht ins Wirtshaus ab

WILHELM
träumerisch
Ihr ins Schloss folgen, und warum nicht?


DREIZEHNTER AUFTRITT
Wilhelm, Mignon, später Lothario

Terzett und Finale

MIGNON
Da bin ich! Du hast mich erworben,
Was du willst, geschehe mit mir.

WILHELM
Ich kenne hier am Ort, wo wir sind, wackre Leute,
Da hast du's gut, dorthin bringe ich dich noch heute.

MIGNON
lebhaft
Weshalb trennst du mich von dir?

WILHELM
lächelnd
Ach, nicht wohl kann ich dich armes Kind um mich
lassen;
Denn wenig würde ich zum Familienvater passen.

MIGNON
Kleide mich wie 'nen Knaben und kauf mir Livree,
Gern will ich als dein Diener sie tragen.

WILHELM
Und was dann?

MIGNON
innig
Ach dem, der mich befreite,
Zeig' ich dankbar mich,
Gern folg' ich in die Weite
Und nicht mehr verlass' ich dich.

WILHELM
Aus jenes Wütrichs Ketten
Machte ich dich frei,
Und du willst, dich zu retten,
Nur neue Sklaverei?

MIGNON
bittend:
Nicht verlass' ich dich.

WILHELM
Nein! Nein!

MIGNON
Nun wohl, da deine Hand mich verstösst ohne Mitleid,
So gehe ich mit ihm!
auf Lothario zeigend, der aus dem Schuppen tritt

LOTHARIO
Komm! Schön ist das freie Leben!
Im schatt'gen, grünen Wald, nachts die Stern' ohne
Zahl,
Wird uns der grüne Rasen ein Lager auch geben,
Und der Verbannte, er teilet gern mit dir sein Mahl.
er will Mignon fortführen

WILHELM
hält ihn zurück
Nein, armes Kind, nicht so darf dein Los sich gestalten!
Bleibe bei mir! Mag es geschehn!
Entscheide du allein, ich will glücklich dich sehn.
gütig
Der Freund, der dich befreite,
Nicht verlässt er dich.

MIGNON
Ach dem, der mich befreite,
Gerne zeig' ich dankbar mich,
Gern folg' ich in die Weite,
Und nicht mehr verlass' ich dich.

LOTHARIO
Oh, Gott, mein Gott, lass leben mich,
Und lasse mich singen zu deiner Ehr'!


VIERZEHNTER AUFTRITT
die Vorigen, Schauspieler und Schauspielerinnen, Philine, Laertes, Jarno, Zigeuner, Bürger und Bauern

Die Schauspieler beleben den Hof des Wirtshauses; sie sind im Reisekleid und tragen Pakete oder Koffer, die ihre Theatergarderobe enthalten, auf der Schulter oder in der Hand. Die Darstellerin der Mutterrollen hat einen kleinen Hund auf dem Arm; die Liebhaberin der Truppe trägt einen leichten, grünen Sonnenschirm.

WILHELM
gesprochen
Ah, da kommt ja schon die reisefertige Gesellschaft.

CHOR
Ihr Freunde, kommt, fort auf die Reise!
Es lacht uns ja endlich das Glück,
Der Frohsinn herrscht in alter Weise,
Wir lassen den Mangel zurück.
Dass der Hunger, der Durst uns drückte,
Unser Bett der harte Stein,
Dass Künstler man also beglückte,
Es wird ja bald vergessen sein!

ZIGEUNER
Das Schicksal wendet,
Das Elend endet;
Das Schicksal wendet zum Guten sich.

DIE SCHAUSPIELERINNEN
Um Philine zu tragen
Ist gewiss jener Wagen.
Die Lakain seht nur an
Und das mut'ge Gespann.

CHOR
Ihr Freunde, kommt, fort auf die Reise!
Es lacht uns ja endlich das Glück,
Der Frohsinn herrscht in alter Weise,
Wir lassen den Mangel zurück.
Dass der Hunger, der Durst uns drückte,
Unser Bett der harte Stein,
Dass Künstler man also beglückte,
Es wird ja bald vergessen sein!

Bürger und Bauern drängen sich im Hintergrund der Szene. Ein Lakai durchbricht die Menge und begrüsst Philine, welche an Laertes' Arm die Treppe hinuntersteigt

PHILINE
Wer treu mir ergeben,
Den sehe ich auch dort;
Gott Amor soll leben!
Er ziehet mit uns fort.

LAERTES
zu den Lakaien
Wir folgen euch!
zu den Kellnern des Wirtshauses, die Philines Gepäck tragen
Tragt nur hinaus die Sachen.
zu den Schauspielern
Ich mach' Quartier für euch und empfang' euch am Ort,
Ein spendides Souper besorge ich euch dort.

DIE SCHAUSPIELER
Hurra!

PHILINE
Wilhelm die Hand reichend, leise
Und Sie, mein Herr, Sie woll'n uns nicht begleiten?
Dank sei jenem Kunstmäzen,
Der spielen uns will sehn,
Schnell lässt er hin uns tragen.
Und wir reisen so fein
Wie im Hochzeitswagen.

WILHELM
galant
Heut abend bin ich da,
Ich bleibe Ihnen nah,
Drum nicht Abschied genommen!
küsst Ihr die Hand

PHILINE
Hoffnung, sie bleibt mir ja,
Sie sind mir heut abend nah,
Der Dichter sei willkommen!

LAERTES
Wozu ist er auch da! Er bleibt ihr nah.

PHILINE
Und hier ist mein Bukett zum Feste!
sie zeigt ihm das Bukett, das sie von ihm erhalten hat.
Mignon kommt, ihr Bündel In der Hand, lebhaft herbei und erkennt die Blumen, die sie Wilhelm gab.


MIGNON
Mein Bukett.

WILHELM
Was ist dir?

PHILINE
für sich
Ha, er liebt mich!

LAERTES
für sich
Sie versteht's!

MIGNON
zu Wilhelm, auf Lothario zeigend
Sieh, meine armen Blumen, du hast sie nicht mehr
Er verachtet sie nicht, hält sie wert er!

WILHELM
lächelnd
Verzeihung, gab nicht die Blumen ihr,
Man nahm sie mir.

MIGNON
Nun wohl, führe mich fort, ich bin ja dein für immer.
zu den Zigeunern
Ihr, die mit ertrugt das Elend und die Schande,
Lebt wohl!
zu dem Kinde, indem sie ihm eine Medaille umhängt
Du armes Kind, mag die kleine Medaille
Einst Glück dir verleihen!
zu Jarno
Und du, des Wut ich gefürchtet,
Der oft mich grausam zwang zur Pflicht,
ihm die Hand reichend
Leb wohl! Mignon zürnt deshalb dir nicht.

ZIGEUNER
zu Mignon
Hab Mut und Glück auf deiner Reise!

DIE SCHAUSPIELER
Adieu, Philine, glückliche Reise!

DIE BÜRGER
Adieu, adieu, glückliche Reise!

LOTHARIO
Schon naht der Sturm aus fernem Kreise!

DIE SCHAUSPIELER UND ZIGEUNER
Ihr Freunde, kommt, fort auf die Reise!
Es lacht uns ja endlich das Glück,
Der Frohsinn herrscht in alter Weise,
Wir lassen den Mangel zurück.
Dass der Hunger, der Durst uns drückte,
Unser Bett der harte Stein,
Dass Künstler man also beglückte,
Es wird ja bald vergessen sein!

MIGNON
Ach! Freiheit und Hoffnung, o heller Schein,
Der mich beschützet, wird bei mir sein.
Hoffnung leitet mich auf der Reise.
Endlich lacht mir das Glück. Nun fort!

WILHELM
Schönheit und Liebe hier im Verein,
Werde heut abend so glücklich sein.
Blieb' ich hier, es wäre wohl weise.
Heut abend lacht mir das Glück. Nun fort!

LOTHARIO
Ach! Strahlt Hoffnung mit hellem Schein,
Wird sie bald gefunden sein.
Schon nahet der Sturm aus fernem Kreise!
Ach, lachte endlich mir das Geschick!
Sie wiedersehn, o welches Glück! Nun fort!

ALLGEMEINER CHOR, PHILINE, LAERTES und JARNO
Ihr Freunde, nun, fort auf die Reise!
Es lacht euch (uns) ja endlich das Glück.
Dass der Hunger, der Durst euch drückt,
Freunde, der Mangel, das Bett auf Stein,
Alles wird bald vergessen sein.
Der Frohsinn herrscht auf jegliche Weise,
Ihr Freunde, auf, zur Reise fort!

Wilhelm winkt Philine einen Abschiedsgruss. Die Schauspieler brechen zur Abreise auf. Lothario setzt sich nachdenkend im Vordergrund nieder. Mignon bleibt in der Mitte der Bühne stehen, die Augen auf Wilhelm gerichtet.

Entre-Akt

ZWEITER AKT
Elegantes Boudoir

Mitteltür und Seitentüren. Rechts ein Fenster, links ein Kamin. Toilettentisch, Stühle usw.

ERSTER AUFTRITT
Philine sitzt vor dem Toilettentisch. Laertes. Es klopft.

LAERTES
von aussen
Darf man eintreten?

PHILINE
Sie sind's, Laertes?

LAERTES
eintretend, ist etwas angetrunken
Nur ich! Ich störe doch nicht? Hier also wohnen Sie?

PHILINE
So ist's. Hier, in dem Boudoir der Frau Baronin.

LAERTES
Zu welchem doch gewiss der Herr Baron den Schlüssel hat?

PHILINE
Impertinent! Wie es scheint, haben Sie sehr gut
soupiert, und der Wein des Barons versetzt Sie in angenehme Laune.

LAERTES
Das will ich glauben.
er deklamiert
«Nichts auf der Welt kann mehr erfreun, als guter
und so billiger Wein.» Ich fühle mich wunderbar aufgelegt; ich bin fähig, heute abend eine gute Komödie
zu spielen, das wird komisch sein.

PHILINE
Und auch neu!

LAERTES
Und auch neu! Ich bin selbst fähig, ihnen Artigkeiten zu sagen, und Sie in einem Madrigal zu besingen, das dürfte noch viel neuer sein.

PHILINE
Aber weniger unterhaltend.

LAERTES
Wer weiss! Ich kann sehr galant sein, wenn ich will.
Hören Sie einmal.

Madrigal

LAERTES
Habe Mitleid, schönes Kind,
O senke deine Augenlider,
Denn ach, jeder Blick so sanft und lind
Ist ein Pfeil, ein Gott schickt ihn nieder,
Der uns alle trifft so geschwind.
Tralala, tralala.

PHILINE
Bravo! Fast sollte man glauben, man hörte den jungen Friedrich oder selbst den Baron. Ihre Galanterie rührt mich um so mehr, als Sie mich bis jetzt durch Artigkeiten nicht verwöhnt haben.
sich vertraulich auf seine Schulter stützend
Gestehen Sie nur ein, dass Sie sich glücklich schätzen, mein Freund zu sein; Sie hätten sonst wie die übrigen den Weg hierher zu Fuss machen müssen und auch nicht ein treffliches Abendbrot vorgefunden.
Doch sprechen wir von andern Dingen. Haben Sie Nachrichten von unserem Freunde? Ich meine natürlich den jungen Mann, welchen wir heute morgen im Wirtshaus kennenlernten.

LAERTES
Ach, Herrn Wilhelm Meister?
spöttisch
In der Tat, ich erinnere mich; haben Sie ihn nicht eingeladen, hierher zu kommen? Wollten Sie ihn nicht dem Baron als Theaterdichter vorstellen? Und er versprach Ihnen, zu erscheinen?

PHILINE
lächelnd
Ich glaube, ja!

LAERTES
Nun, er wird nicht kommen. Wenigstens habe ich ihm
geraten, Ihnen fern zu bleiben. Der junge Mann ge-
fällt mir, ich interessiere mich für ihn; ich wäre un-
tröstlich, wenn ihm ein Unglück passierte.

PHILINE
Recht nett! Sie werden mir das bezahlen, Laertes. Was Herrn Meister betrifft -

LAERTES
Wir werden ihn nicht mehr sehen.

PHILINE
Meinen Sie?
lachend
Er ist schon längst auf dem Wege hierher. In die-
sem Augenblick klopft er an das Schlosstor, verlangt
mich zu sprechen, man führt ihn hierher und -

EIN BEDIENTER
meldend
Herr Wilhelm Meister!

PHILINE
Er ist da!
zum Bedienten
Er möge eintreten.


ZWEITER AUFTRITT
Die Vorigen. Wilhelm. Später Mignon

WILHELM
eintretend
Reizende Philine! Mein lieber Laertes -

PHILINE
Ich bin entzückt, dass Sie Ihr Versprechen gehalten
haben. Ich werde Sie dem Baron vorstellen.

LAERTES
Und ich der Baronin. Doch für den Augenblick erlauben Sie mir, die Vorbereitungen zum Theater etwas zu kontrollieren. Die Bühne ist in dem Gewächshaus des Schlosses, zwei Schritte von hier, am Ende der Galerie eingerichtet. Heute abend spielen wir den «Sommernachtstraum» von einem gewissen Shakespeare, einem englischen Dichter, der nicht ohne Talent ist. Der herrliche Aloysius, unser Souffleur, hat das Stück für unsere Verhältnisse umgearbeitet und dem Tagesgeschmack angepasst. Philine im Kostüm der Titania wird anbetungswürdig sein; ich werde als Theseus erscheinen.
deklamierend
So lebt denn wohl, bald bin ich wieder hier.
zu Philine
Ich lasse Sie bei ihm -
zu Wilhelm
Ich lasse Sie bei ihr!
Er geht durch die Mitte, bleibt aber an der Tür stehen
Aber wer ist denn das Kind hier draussen hinter der
Tür?

Melodram

WILHELM
Das ist Mignon, die sich nicht von mir trennen wollte;
sie hat ihre Zigeunerkleider abgelegt und ist mir ge-
folgt. Darf ich sie hereinrufen?

PHILINE
Gewiss! Ich bin neugierig, sie zu sehen.

WILHELM
rufend
Mignon!

MIGNON
in der Tür
Du hast mich gerufen, Herr!
Sie tritt furchtsam ein; sie ist als Knabe gekleidet und trägt ein kleines Bündel, das sie an der Tür fallen lässt

PHILINE
lachend
Hahaha! Eine komische Verkleidung!

WILHELM
zu Mignon
Tritt ohne Furcht näher, liebes Kind. Hier findest du
Feuer, um dich wieder zu erwärmen. Bitte Philine
um die Erlaubnis, dich einen Augenblick niederlassen
zu dürfen - hier in diesem schönen Sessel.

PHILINE
Wohl, erwärme dich, Mignon!
für sich
Merkwürdige Idee, die Zigeunerin mitzubringen.

LAERTES
leise zu Mignon
Wenn du deinen Herrn lieb hast, verlasse ihn nicht
und misstraue Philine; verstehst du wohl? Gib acht!
ab


DRITTER AUFTRITT
Wilhelm, Mignon, Philine

Terzett

WILHELM
Sei nicht von Sorgen schwer,
Nicht bang und traurig mehr,
Erwärme deine kalten Hände
An diesem traulich stillen Herd.

MIGNON
Vergessen ist das Leid
Und die Vergangenheit;
Ich friere nicht.
Freu' mich des Glücks, das mir gewährt.

PHILINE
O Gott, wie rührend, des Lobes wert!
Hahahaha! O lassen Sie mich lachen,
Fast genug hab' ich schon.

MIGNON
für sich
Was meint sie mit dem Lachen?
Wie grausam ist ihr Hohn!

WILHELM
zu Philine
Sie haben recht, zu lachen,
Auf Ihrer Schönheit Thron.

PHILINE
Ach, welch wunderbare Sachen,
So viel Ergebenheit,
Wohl muss ich lachen.
Statt dass der Diener dort soll seinen Herrn verstehen,
Sind Sie's, der ihn bedient.

WILHELM
sich Philine nähernd
Zu Ihren Füssen hier
Möcht' ich, wenn Sie's gestatten mir,
Schönren Dienst versehen.

PHILINE
Ist's wahr?
bezeichnet einen Leuchter auf dem Kamin
So bringen Sie gleich den Leuchter hierher!
Sie setzt sich vor den Toilettentisch. Wilhelm ergreift den Leuchter und bringt Ihn geschäftig zu Philine. Mignon folgt mit dem Blick allen seinen Bewegungen, ohne ihren Sessel zu verlassen.

WILHELM
Will als Sklav' Sie umgeben! Zu Befehl!
Was noch mehr?

PHILINE
Schön Dank!
Schrecklch sitzt mir das Haar, wie ich soeben sehe!
Doch bald werd' ich mich zeigen als strahlende Fee!
Glaub' schon zu hören,
Wie, zu betören,
Liebe mir schwören
Ach, jung und alt.
Es muss mir glücken,
Sie zu entzücken,
Sie zu berücken
Mit Allgewalt.

WILHELM
Dies Auge, es blendet mich bald,
Und diese Stimme stets zu hören,
Diese Reize, die mich betören,
Des spöttischen Lächelns Gewalt.
Philine singt ausgelassen fort, während sie sich vor dem Spiegel schminkt.

MIGNON
für sich, tut, als ob sie schliefe
Will hören nicht, was um mich schallt.

WILHELM
leidenschaftlich:
Schöne Philine, könnt' ich Sie bewegen!
Ach, Ihr sanfter Blick, dies Antlitz siegreich schön,
Müssen die Welt zu Ihren Füssen sehn.

PHILINE
zeigt ihr Armband
Nicht wahr, des Fürsten Armband ist schön!

WILHELM
Entzünden schnell jenes mächtige Regen;
Jedes Herz liebet da und betet an und es bricht,
Mein Gott, und Sie, Sie lieben nicht?!

PHILINE
betrachtet ständig das Armband
Ganz allerliebst, was er spricht!
Zum Baron nun gehen wir hinüber.

WILHELM
Ein Wort! Ach, nur ein einzig Wort!

PHILINE
auf Mignon zeigend
Zu laut sind wir. Unser Wirt erwartet uns,
Ihren Arm geben Sie mir!

WILHELM
Wie, ohne Antwort?

PHILINE
reicht Ihm die Hand:
Nun wohl; ich bin zu gut, mein Lieber.
Wilhelm drückt Philines Hand an seine Lippen; bei dem Geräusch des Kusses macht Mignon eine Bewegung, ohne die Augen zu öffnen
Ich wusst' es wohl, dass alles sie belauscht.

WILHELM
O Philine, o Kokette, die betäubt und die berauscht!
Ach möchten Sie doch nur mich erhören.
Ein einz'ger Blick nur aus Ihrem Auge,
Ein Wort nur lassen Sie hören!

MIGNON
Wird er Liebe ihr schwören?
Nichts will ich weiter hören.
Ob er sich wohl betören lässt?
Augen zu!
Dass ich schlaf', glaubt man bald.

Wilhelm gibt Philine seinen Arm und geht mit ihr durch die Mitte ab.


VIERTER AUFTRITT

MIGNON
Da bin ich allein!
sie steht auf
Ach, arme Mignon, sie gehen fort, ohne sich nur mit
Einem Blick um dich zu bekümmern. Er denkt nicht
Mehr an dich, er vergisst dich schon um diese Philine.
nach einer Pause
Ach, was geht das dich an? Bist du seiner Freund-
schaft nicht gewiss? Hat er deine höchsten Wünsche
nicht erfüllt, als er dir erlaubte, ihm zu folgen und ihn
zu bedienen? Worüber beklagst du dich, Undankbare?
Weshalb weinst du?
Sie trocknet rasch die Augen
Nein, nein, es ist nichts! Es ist schon vorüber! Ich
weine nicht mehr - ich bin glücklich!
Sie geht neugierig Im Boudoir umher und besieht Möbel und Vorhänge
Wie schön hier alles ist! Dergleichen Dinge habe ich
noch nie gesehen! Nein, nie! Diese vergoldeten Möbel,
diese seidenen Vorhänge, diese blitzenden Spiegel!
sie nähert sich dem Toilettentisch
Hier sass sie noch soeben, während Meister ihr sagte
- was so viele andere ihr täglich sagen.
sie setzt sich an den Toilettentisch
Hier sind Buketts, auch Briefe, gewiss von ihren Ver-
ehrern. Da ist Schminke, welche sie auflegt. Wenn
ich auch einmal versuchte, mich zu schminken!
Sie versucht sich zu schminken
Ach, meine bleiche Farbe verschwindet schon -
meine Augen leuchten ganz anders!
Sie lacht und singt

Steirisches Lied

MIGNON
Kam ein armes Kind von fern,
Zigeuner brachten es eben,
Traurig, bleich, seine Glieder beben.
Hahaha! Das tolle Märchen! Vergäss' es doch so gern!
Jetzt seh' ich besser aus, blieb' gerne so fürs Leben.
Tralalalala,
Ist das Mignon wohl? Ja, ach ja!
Armes Kind liebt seinen Herrn;
Dahin allein geht ihr Streben,
Zu gefallen, dem treu sie ergeben.
Hahaha! Das tolle Märchen! Vergass' es doch so gern!
Jetzt seh' ich besser aus, blieb' gerne so fürs Leben.
Tralalalala,
Ist das Mignon wohl? Ja, ach ja!

Melodram

MIGNON
Kaum erkenne ich mich wieder. Ach, die glückliche
Philine; jetzt begreife ich, dass man sie schön findet.
sie öffnet die Tür des Kabinetts
Hier hinein hat man wohl ihre prächtigen Kleider
gebracht?
Sieht neugierig in das Kabinett
Ja! Wenn ich auch - ich bin ja allein, niemand sieht
mich - welch eine tolle Idee fährt mir da durch den Kopf.
Sie geht in das Kabinett. Das Fenster öffnet sich plötzlich. Friedrich erscheint auf dem Balkon.


FÜNFTER AUFTRITT
Friedrich allein

FRIEDRICH
Da bin ich!
springt ins Zimmer
Das Gitter brach unter meinen Füssen, der Wind riss mir den Hut vom Kopfe, und bald wäre ich auf dem Wege in den Bäumen hängengeblieben. Doch was schadet's? Ich bin auf dem Platze!
sieht umher
Ganz sicher hat mein Onkel Philine dieses Zimmer angewiesen - das Boudoir meiner Tante! Ah, Herr Onkel, ich bin entschlossen, Ihnen Philine streitig zu machen, Ihnen, dem Fürsten von Tiefenbach, der ganzen Welt!
die Hand am Degen
Und, wenn es sein muss, mit dem Degen in der Hand.
Wehe dem ersten Liebesritter, der mir in mein Gehege kommt.


SECHSTER AUFTRITT
Wilhelm, Friedrich

WILHELM
die Mitteltür öffnend
Mignon!
tritt ein
Ich habe Philine versprechen müssen, sie zu entfernen, und ich -
Friedrich bemerkend
Ah!
verbeugt sich

FRIEDRICH
für sich
Ist das nicht der neue Ritter, welchen man mir heute morgen vorstellte?

WILHELM
für sich
Das ist der junge Geck aus dem Wirtshause.

FRIEDRICH
laut
Sie hier in diesem Schloss?

WILHELM
Wie Sie sehen. Ich fungiere hier als Theaterdichter.

FRIEDRICH
Aber mit welchem Rechte erlauben Sie sich, in Mademoiselle Philines Zimmer einzudringen?

WILHELM
Und mit welchem Rechte, mein Herr, sind denn Sie hier?

FRIEDRICH
Ich bin durchs Fenster gestiegen, auf die Gefahr hin,
mir den Hals zu brechen. Denn, mein Herr - denn -
ich bete sie an, ich vergöttere sie!

WILHELM
Ich, mein Herr, bin rasend verliebt in sie!

FRIEDRICH
Also sind wir Nebenbuhler?

WILHELM
So scheint es.

FRIEDRICH
Und Mademoiselle Philine gibt Ihnen hier ein Rendez-vous? Und Sie denken, mir ihre Liebe streitig zu machen?

WILHELM
Ja, beim Himmel!

FRIEDRICH
Das genügt, mein Herr!
seinen Degen ziehend
Wir schlag"n uns!

WILHELM
lachend
Wie, hier in diesem Salon?

FRIEDRICH
Gewiss! Bei Philine, in ihrem Boudoir, das ist originell!

WILHELM
den Degen ziehend
Nun, wenn es sein muss, vorwärts!

sie kreuzen die Degen. Mignon mit einer von Philines Roben gekleidet, tritt aus dem Kabinett.


SIEBENTER AUFTRITT
Die Vorigen, Mignon

MIGNON
sich zwischen beide werfend
Ah - Meister - Gott im Himmel!

WILHELM
Mignon!

FRIEDRICH
Mignon! Welche Mignon? Was heisst das? - Aber ich
Täusche mich nicht, das ist ja ein Kleid Philines?
lacht
Hahaha!

WILHELM
Mein Herr!

FRIEDRICH
Beruhigen Sie sich! Wir werden uns noch wiederfinden. Gott behüte mich, dass ich dieses schöne Kind Ihretwegen töten sollte. Aber Philine
muss ich doch gleich erzählen -
lacht
Haha!
läuft lachend ab


ACHTER AUFTRITT
Wilhelm, Mignon

WILHELM
Du, Mignon, in diesem Anzug! Wozu diese Verkleidung? Erkläre dich!

MIGNON
verwirrt
Oh, ich habe gefehlt, ich weiss es wohl, Ich hatte nicht das Recht, mich mit diesen schönen Dingen zu schmücken, die nicht mir gehören; aber ich glaubte mich allein - und ich konnte nicht widerstehen -

WILHELM
Wirst du närrisch? Willst du mich zum Gelächter aller Leute hier machen? Denkst du auf diese Weise deinem Herrn zu dienen? Dann ist es besser, wir trennen uns.

MIGNON
traurig:
Du jagst mich fort - schon jetzt?

WILHELM
O nein, ich jage dich nicht fort! Ich werfe dir auch
nichts vor. Ich bin dir dankbar für den edlen Zug, dass
du dich zwischen uns warfst, um mich vor dem Degen
jenes jungen Wüterichs zu beschützen. Aber ich sehe
doch ein, dass ich Unrecht tat, deinen Bitten nachzugeben.
heiter
Ich kann dich wahrhaftig nicht länger in meinem
Gefolge behalten einen Pagen deiner Art.

MIGNON
naiv
Weshalb?

WILHELM
verlegen
Weshalb? Nun - weil ein Mädchen wie du nicht einen Mann meines Alters bedienen kann; weil - weil nun - weil du ein Weib bist! Ich hatte das vergessen; du selbst aber erinnerst mich daran, da du mir in diesem Anzug entgegentrittst.

MIGNON
Ich glaube - ich hatte mir eingebildet - ach ich war wirklich närrisch! Schnell will ich diese schönen Kleider wieder ablegen, da sie mich in Euren Augen noch hässlicher und linkischer machen.

WILHELM
sie lächelnd betrachtend
O nein, das gar nicht - im Gegenteil.
Mignon sieht ihn an
Geh schnell, geh!
er treibt sie gegen das Kabinett
Wenn Philine zurückkäme -

MIGNON
Ah, Ihr fürchtet die Spötteleien der Mademoiselle Philine; die hat auch wohl den Rat gegeben, mich fortzuschaffen - gewiss sie allein! Nun wohl, ich muss gehorchen.

WILHELM
sanft
Sieh doch, liebe Kleine, überlege ein wenig; ich darf
dich wahrlich nicht um mich behalten. Was würde man
sagen, was würde man denken?
lachend
Schliesslich müsste man gar glauben, ich sei in dich verliebt.

MIGNON
schnell
Ja, ja, du hast recht, wir müssen uns trennen!

WILHELM
Ich verlasse dich deshalb nicht; ich schicke dich zu
einer alten Verwandten, welche dich wie ihre Tochter
behandeln wird.

MIGNON
sinkt in einen Sessel
O mein Gott!

Lied

WILHELM
Gib Kraft, Mignon, dem Herzen,
O weine nicht!
Die Jugend verwindet noch leicht alle Schmerzen!
Durch schwarze Wolken bricht
Der Hoffnung tröstend Licht,
Drum weine nicht!
Sieh, der Wunsch geht mit dir: Mög' der Tag bald
Erscheinen,
Der dir ruhiges Glück in der Heimat gewährt,
Der die Lieben dir bringt, die so lang dich beweinen,
Und die so schmerzlich dich entbehrt!
Gib Kraft, Mignon, dem Herzen,
O weine nicht!
Die Jugend verwindet noch leicht alle Schmerzen!
Durch schwarze Wolken bricht
Der Hoffnung tröstend Licht,
Drum weine nicht!
O klage mich nicht an! Nicht würdest du mich ver-
Stehen,
Wenn du geglaubt: mich bannte andre Liebe hier!
Ich halte fest daran, dass wir uns wiedersehn,
Schwer scheide ich von dir!
Gib Kraft, Mignon, dem Herzen,
O weine nicht!
Die Jugend verwindet noch leicht alle Schmerzen!
Durch schwarze Wolken bricht
Der Hoffnung tröstend Licht,
Leb wohl, doch weine nicht!

MIGNON
entschlossen
Ich bin dir dankbar für all deine Freundlichkeit, aber ich kann das Asyl, welches du mir bietest, nicht annehmen. Für dich gab ich die Freiheit auf, ohne dich will ich frei sein.

WILHELM
Teures Kind, höre auf die Vernunft!

MIGNON
Die Vernunft ist kalt und grausam; das Herz gilt mehr.

WILHELM
Aber was soll aus dir werden?

MIGNON
Was früher war: Mignon!
zeigt auf Ihr Bündel an der Mitteltür
Ich hatte wohl recht du siehst es nun - meinen ar-
men Zigeuneranzug zu behalten; ihn lege ich wieder an und scheide! Gib mir noch einmal deine Hand.
ergreift seine Hand und drückt sie an ihre Lippen
Nun scheide ich froh! Leb wohl, habe Dank, heissen
Dank!

WILHELM
Nein, nicht so kann ich dich von mir lassen!

MIGNON
Es muss sein!


Rezitativ

MIGNON
Schon morgen bin ich weit, und nicht mehr siehst du
Mich.

WILHELM
gesprochen
Und wohin gehst du?

MIGNON
Wohin der Zufall führt; die Wege finden sich.

WILHELM
gesprochen
Wer soll dich schützen?

MIGNON
Gott, seine Engel dort in den Höhen,
sie werden gnädig auf mich sehn.

WILHELM
gesprochen
Wie willst du deinen Unterhalt finden?

MIGNON
Es gibt Herzen in der Not! Und ohne zu warten, bis
Man's befiehlt, beginn ich meinen Tanz, ach für ein
Stückchen Brot.
sich zum Lachen zwingend, bricht sie endlich in Tränen aus
Hahahaha!


NEUNTER AUFTRITT
Die Vorigen, Philine, Friedrich, Später Laertes, Souffleur

PHILINE
Sie sagten die Wahrheit, Friedrich!
tritt vor
Mignon in einer meiner Roben - Mignon in den Armen
des Herrn Meister!

WILHELM
verlegen
Mignon bittet um Ihre Verzeihung für die kindische Laune, eines Ihrer Kleider anprobiert zu haben. Sie sagte mir soeben Lebewohl!

PHILINE
Sie geht fort?

WILHELM
leise
Haben denn nicht Sie es gewünscht?

PHILINE
Ich? Ganz und gar nicht. Und weshalb? Im Gegenteil,
Ich will Mignons Freundin sein! Und wenn meine Robe
Ihr gefällt, schenke ich sie ihr mit Vergnügen.
betrachtet Mignon mit spöttischer Miene
Wahrhaftig, sie sieht so sehr gut aus - sehr gut - ihr
früherer Herr - der Jarno - der Mann mit dem Stock -
würde sie so nicht wiedererkennen.
Mignon reisst voll Wut an den Bändern des Kleides
O warum denn diese Wut gegen meine armen Spitzen?
Mignon richtet sich auf, betrachtet sie mit festem Blick, dann nimmt sie schnell ihr Bündel an der Tür und läuft In das Kabinett rechts
Und welcher Blick!
leise und lächelnd zu Wilhelm
Gott verzeih mir, man möchte sagen, diese kleine Wilde
Ist eifersüchtig auf mich!

WILHELM
Eifersüchtig!

Melodram

Einige Schauspieler Im Kostüm der Theatervorstellung gehen über die Galerie im Hintergrunde; vor ihnen Lakaien mit Lichtern. Laertes erscheint in der Tür des Hintergrundes, seine Rolle in der Hand, als Fürst Theseus angekleidet.

LAERTES
Holla! Puck, Ariel, Oberon, vorwärts! Ich folge gleich.
zu Phillne
Nun, wo bleiben Sie denn? Alles ist bereit, die Musik
beginnt sogleich, und Titania fehlt noch!

PHILINE
Ich habe hinlänglich Zeit, mich hinter der Bühne als
Fee anzuziehen.
zu Friedrich
Holen Sie da aus dem Kabinett mein Kostüm!
zeigt auf das Kabinett links

FRIEDRICH
Ich bringe es sogleich aufs Theater!
ab

LAERTES
zu Phlline
Ich weiss kein Wort mehr von meiner Rolle - und du?

PHILINE
Ich? Ich habe an ganz etwas anderes zu denken.

LAERTES
lachend:
Nun, die Vorstellung verspricht unterhaltend zu werden.
zu Wilhelm
Kommen Sie mit?

WILHELM
zerstreut
Ich folge sogleich nach.

LAERTES
leise zu Philine
Was ist ihm denn?

PHILINE
Ich werde es Ihnen erzählen.

WILHELM
für sich
Eifersüchtig!

PHILINE
zu Laertes:
Ich habe ihn hier mit der jungen Mignon überrascht, welche sich, um ihm zu gefallen, mit einer meiner Roben herausgeputzt hatte. Das arme Kind ist, glaub' ich, in ihren Herrn verliebt!

DER SOUFFLEUR
erscheint im Hintergrunde
Laertes! Philine! Man fängt an.

LAERTES
läuft zu ihm
Ach, teurer Aloysius, souffliere gut, oder ich bin verloren!

PHILINE
zu Wilhelm
Herr Meister!

WILHELM
aus seiner Träumerei aufschreckend
Verzeihung!

Er bietet Philine seinen Arm; Mignon öffnet die Tür des Kabinetts zur Rechten.

PHILINE
zu Wilhelm
Was träumen Sie denn? Haben Sie mich nicht mehr lieb?

WILHELM
Ich, Philine, ich bete Sie an!
ab mit Philine durch die Galerie

MIGNON
wie im ersten Akt gekleidet
Diese Philine - ich hasse sie!
läuft ab

Entre-Akt

Verwandlung
Ein Winkel des Parks

Im Hintergrunde rechts ein zum Schlosse gehöriges Treibhaus, im Innern erleuchtet; links ein grosses Wasser mit Rohrdickicht umgeben


ZEHNTER AUFTRITT
Mignon allein. Musik und Beifallsrufe hinter der Szene. Mignon schleicht unter den Bäumen und bückt sich im Schatten, um zu lauschen

Rezitativ-Kantabile und Duett

MIGNON
Dort bei ihm ist sie jetzt; den Triumph abzuwarten!
Und ich irr' umher; weiss nicht wohin in diesem weiten Garten!
Sie wird geliebet! Er liebt sie! Nun wohl, ich hab's gewusst,
Ich litt Qual in tiefster Brust.
Nein! Noch hab' ich selbst es nicht gehört aus seinem Munde
Dies Wort, das zerreisset mein Herz!
Hoffst du: er fühlt, dass er dir schlug diese Wunde?
Ach, Mignon, nein! Er liebt sie! Und sein spöttischer Scherz,
So bitter ach, für mich - fürchtet nicht, dass er mich verwirre!
Er liebt sie! O Gott, mein Geist wird Irre!
Ich bebe vor Zorn und Schmerz.
den See betrachtend
Ach, dies Wasser, ruhig und weich,
Es zieht mich an! - schon hör' ich im Schilfe - o fasse
Mut - Eure Stimmen, ihr Töchter der Flut,
Ihr ruft mich zu euch!
sie will sich in den See stürzen, da ertönen aus den Bäumen die Akkorde einer Laute
Gott! Was hör' ich? Welcher Ton?
Sie kommt nach dem Vordergrunde
Der böse Engel floh!
Ach, ich will leben!
Lothario erscheint
Bist du's, Lothario?


ELFTER AUFTRITT
Mignon, Lothario

LOTHARIO
Wer ist denn hier?

MIGNON
Er ist's!

LOTHARIO
Wer ist es, der hier mich rufet?
Mignon erkennend und sie liebevoll betrachtend
Ach, bist du's, Sperata? O sag, find' ich dich?

MIGNON
Nein!

LOTHARIO
sie sanft zurückweisend
Mein Herz täuscht sich aufs neue; weh mir! 's ist nicht Sperata!
Jenes Kind, das mit mir gehen wollte, Mignon ist's!

MIGNON
traurig
Ja, ja! Erinnre dich wohl, Mignon heisse ich!

LOTHARIO
Armes Kind, o du armes Wesen,
Dich wiedersehn wollt' ich, dir folgt' ich unbewusst!
In meinem Arm, an meiner Brust
Sag dein Weh, o lass mich in deiner Seele lesen!
er schliesst Mignon in seine Arme

Duett

MIGNON
Drückt Kummer dich, hast du geweint,
Dein Dasein ist ohn' alle Freude,
Wenn kein Stern der Hoffnung dir scheint,
Ja dann weisst du auch, was ich leide.

LOTHARIO
Ach, wie du, einsam und verstossen,
Gebeugt unter strengem Gericht,
Meine Tränen zur Erde flossen,
Der Himmel erhörte mich nicht!

MIGNON
O grausam Los, o streng Gericht!
man hört Beifallsrufe aus dem Schloss. Sich schnell aus Lotharios Armen reissend
O höre! Ihren Namen nur hört man erschallen!
Nur sie, die man begehrt, die gefeiert von allen!
sich mit drohender Gebärde gegen das Schloss wendend
Oh, dass doch Gottes Hand
Wollte schleudern den Donner gleich auf sie hernieder,
Machte diesen Palast zu Schutt und Asche wieder!
Dass ihn verschlang' ein mächt'ger Feuerbrand!
entflieht durch die Bäume


ZWÖLFTER AUFTRITT
Lothario allein

LOTHARIO
verwirrt
Ha, dort brennt's! Feuer ist's!

er durchschreitet langsam die Bühne und verschwindet im Schatten


DREIZEHNTER AUFTRITT
Herren und Damen, Philine und die Schauspieler,
Friedrich, Der Baron, Der Fürst, Diener, Fackeln tragend. Die Vorstellung ist zu Ende. Die Türen des Treibhauses öffnen sich, die Gäste und die Schauspieler treten heraus. Philine und die Schauspieler sind noch in den Kostümen Ihrer Rollen


CHOR
Ah, bravo, bravo!
Ja, Titania hat uns erfreut,
Herzen und Blumen sind ihr geweiht
Wie mit Stolz man sie nennt,
Man sieht sie mit Entzücken,
So viel Reiz und Talent,
Die müssen uns berücken.
Ehre, Ehre für Titania. Bravo!

Rezitativ, Polonaise und Finale

PHILINE
Ja, für den Abend bin ich Königin der Feen,
Seht hier den Zauberstab, und dann hier meine Kampftrophäen!
sie zeigt den Stab und die Kränze

FRIEDRICH, DIE SCHAUSPIELER UND EINIGE HERREN
Zwanzig, die verliebt,
Seht nur das Gedränge,
Blumen, Lob in Menge
Es für sie nur gibt.

Polonaise

PHILINE
Titania ist herabgestiegen,
Die Fee der Luft, vom blauen Wolkensitz,
Will die Welt lachend nun durchfliegen,
Noch schneller als der Vogel, schneller als der Blitz.
Mein Wagen durch die blaue Luft zieht,
Die Elfenschar mit leichtem Tritt flieht!
Weit um mich her erschallt der Klang, lang,
Der Liebe und der Lust Gesang.
Wo im Morgenrot Blumen spriessen, uns zu grüssen,
Ueber Wiesen durch den Wald schweb' ich bald.
Und auf schaumbedeckten schnellen Silberwellen
Flücht'gen Fusses mit leichtem Sinn zieh' ich hin.

CHOR
Bravo! Titania! Hoch, ja hoch!
Die Gäste gehen nach dem Hintergrunde, wandeln unter den Bäumen umher und bilden Gruppen


VIERZEHNTER AUFTRITT
Die Vorigen. Wilhelm, später Mignon und Lothario, dann Laertes

PHILINE
Wilhelm bemerkend
Ach, endlich hier! Wie leicht können Sie mich
Entbehren!

WILHELM
zerstreut zu Philine
Verzeihen Sie!

PHILINE
mit dem Blick des Vorwurfs
Sie waren gar nicht dort, mich zu hören!

FRIEDRICH
für sich, Philine beobachtend
Immer er! Ihm allein scheint Huld sie zu gewähren!

WILHELM
unruhig umherblickend
Verzeihn Sie mir, ich suchte Mignon hier!

PHILINE
schmollend
Weiss ich?
Nun, mein Herr, immer suchen Sie!
Was kümmert's mich?

Sie gehen im Gespräch nach dem Hintergrunde. Mignon und Lothario begegnen sich im Vordergrunde der Szene.

LOTHARIO
zu Mignon leise
Gib zufrieden dich nun, Mignon, mein Kind,
Mir so teuer;
Rächen wollte ich dich; sieh,
Das Haus steht in Feuer!

MIGNON
Gott! Was sagst du?

LOTHARIO
Ich tat so, wie du begehrt.

MIGNON
Gott!

LOTHARIO
Diese Mauern, sieh nur hin, sind bald vom Brande verzehrt!

Mignon sucht unruhig Wilhelm mit den Augen

WILHELM
bemerkt es und kommt zu ihr
Ah, Mignon, endlich da! Ich suchte dich.

PHILINE
zu Mignon
Heda, mein Kind, so höre!

MIGNON
zu Phillne
Was wünschen Sie?

PHILINE
Zu prüfen deinen Eifer,
zeigt auf das Treibhaus
Lauf schnell dorthin und suche mir auf dem Theater
Ein Bukett, das dieser Herr heut abend mir gegeben
Und das mir dort entfallen ist; ich sucht' es eben.

WILHELM
Wozu das?

MIGNON
zu Wilhelm
Zu Befehl, Herr, ich gehe schon!
eilt ins Treibhaus

LAERTES
eilt herbei
Gott! Philine, Freunde, sehet dort, das Theater brennt!
Blicket hin!

ALLE
Was sagt er?

PHILINE
Ich sterbe! Mein Blut, es stockt mir!

WILHELM
die Menge zerteilend
Ach, unglückselig Kind!

PHILINE
Die Gefahr wusst' ich nicht, der Himmel
Kkann's bezeugen,
Wilhelm!

LAERTES
Wilhelm zurückhaltend
Bleibt zurück!

WILHELM
O haltet mich nicht auf!
stürzt Mignon nach

CHOR
Die Flamme leuchtet wieder,
Wie schnell sie um sich greift;
Keine Rettung! o seht!
Der Schreck lähmt unsre Glieder
Alle Hilfe umsonst, sie kommt doch zu spät!

LOTHARIO
mit erhobener Gestalt in der Mitte der Szene, die Verwirrung beherrschend
Ohne Rast, ohne Ruh irr' ich von Haus zu Hause,
Wohin der Zufall führet, selbst in Sturmes Gebrause!
Gott ist des Elends einziger Hort!
Doch sie lebt, ich muss sie wiedersehen.

Das Glaswerk springt und stürzt ein. Die Gäste fliehen mit dem Schrei des Entsetzens nach dem Vordergrund.

ALLE
Gott!

WILHELM
erscheint, Mignon in seinen Armen haltend, keuchend
Dank, o Gott, der über uns geschwebt!
Bald erblickte ich sie, geweiht dem sichern Tod,
Verzweifelnd lief sie umher, kein Ausweg in der Not!
Der Flamme schon entriss ich sie:
Dank, o Gott, sie lebt!

ALLE
Dank, o Gott, sie lebt!

Wilhelm legt die betäubte Mignon auf eine Rasenbank. Mignon hält in den Händen krampfhaft ein Bukett verwelkter und halbverbrannter Blumen.

DRITTER AKT
Eine italienische Galerie
mit Statuen geschmückt. Rechts ein offenes Fenster, auf das Land gehend. Im Hintergrunde grosse, geschlossene Tür. Seitentüren. Wenn sich der Vorhang hebt, ist die Bühne leer.

ERSTER AUFTRITT

Introduktion, Chor und Berceuse

CHOR
hinter der Szene
Sobald der Wind das Segel schwellt,
Und es blinken die Sterne,
Dann winkt dem Schiffer die Ferne,
Treibt's ihn hinaus in die Welt.
In der Nacht das Ruder leuchtet,
Hinter ihm her eine Furche von Glut
Auf blauer Flut.


ZWEITER AUFTRITT
Lothario erscheint in der Tür rechts

LOTHARIO
spricht
Sie schläft!

Berceuse

Endlich kehrt die Ruhe ihr wieder,
Sanftes Lächeln zeigt ihr Mund,
Schlaf, o träufle Balsam hernieder
Tief in ihres Herzens Grund.
Armes Kind!
Mit dir die Engel Gottes sind!
Schlummre sanft, armes Kind!

Auf der Stirne himmlischer Frieden,
Den ein Engel treu bewacht,
Fromme Seelen finden hienieden
Sanften Schlummer, süsse Nacht.
Armes Kind!
Mit dir die Engel Gottes sind!

CHOR
hinter der Szene
Ah! Nachts das Ruder leuchtet,
Hinter ihm her eine Furche von Glut
Auf blauer Flut.
Sobald der Wind die Segel schwellt,
Und es blinken die Sterne,
Dann winkt dem Schiffer die Ferne,
Treibt's ihn hinaus in die Welt.

die Stimmen verhallen in der Ferne. Lothario bleibt in Träumerei versunken


DRITTER AUFTRITT
Wilhelm, Antonio, Lothario

WILHELM
Gut! Stelle diese Lampe dorthin!

ANTONIO
setzt die Lampe auf einen Tisch, dann zeigt er auf das Fenster
Von diesem Fenster aus kann der gnädige Herr diese Nacht sehen, wie alle Villen der Umgebung glänzend erleuchtet werden und unsere Schiffer bei den Klängen der Gitarren und unter fröhlichem Gesang auf dem Wasser kreuzen. Morgen ist das Fest des Sees.

WILHELM
Ich weiss wohl.

ANTONIO
traurig
Hier dieser Palast allein bleibt dunkel und nimmt
Keinen Teil mehr an dem Feste - seit fünfzehn Jahren.

WILHELM
Man erzählte mir von einem Unglück, das sich einst
hier ereignet. Ein junges Mädchen ertrank im See,
nicht wahr?

ANTONIO
Ein Kind, Signor. Ich war's, der ihren Hut am Ufer aufnahm. Arme Kleine! Sie konnte nicht einmal in christlicher Erde bestattet werden, denn wir fanden sie nicht wieder. Ihre Mutter starb vor Gram, ihr Vater, im Schmerz wahnsinnig geworden, verschwand, und Heute ist der alte Palast meiner Herrschaft zu verkaufen. Wenn der gnädige Herr noch die Absicht hat, ihn zu erstehen -

WILHELM
Morgen sollt Ihr Näheres darüber erfahren.

ANTONIO
Befiehlt der gnädige Herr noch etwas?

WILHELM
Nein!

ANTONIO
betrachtet Lothario, der noch immer in Träumerei versunken ist. Für sich
Die Züge dieses Greises sind mir nicht unbekannt!
geht ab


VIERTER AUFTRITT
Wilhelm, Lothario

WILHELM
berührt Lotharios Schulter
Nun, Lothario, Mignon schlummert?

LOTHARIO
bebend
Ja!

WILHELM
Armes Kind. Wie bin ich Ihnen dankbar, lieber Lothario, dass Sie mich hierher begleiteten und zur Hälfte die Sorgen mit mir trugen. Ihre Freundschaft ist für Mignon viel wertvoller als die meine; Sie verstehen es, das Fieber, welches sie verzehrt, zu bannen.

LOTHARIO
Das Kind fiebert nicht mehr.

WILHELM
Ist's wahr? So hätte das Heimatland bei ihr schon Wunder bewirkt? Denn nach einigen Worten, welche ihr im Fieber entschlüpften, zu schliessen, muss sie in dieser Gegend Italiens geboren sein. Hat sie zu Ihnen nichts gesprochen?

LOTHARIO
Nichts!

WILHELM
Wir werden uns hier niederlassen, Lothario; und Mignon, so hoffe ich, soll hier wieder genesen. Hörten Sie, was der alte Diener mir soeben sagte? Diese Herrschaft ist zu verkaufen, und wenn Mignon sich hier wohl fühlt, so kaufe ich für sie den Palast Cypriani.

Melodram

LOTHARIO
erhebt sich zitternd
Cypriani!

WILHELM
für sich
Was ist ihm?
Lothario lässt stillschweigend seine Blicke umherschweifen, dann geht er nach der grossen Tür im Hintergrunde und versucht sie zu öffnen
Sie können dort nicht hinein; jenes Zimmer war, wie man mir gesagt, das des alten Marquis und ist seit fünfzehn Jahren nicht geöffnet worden.

LOTHARIO
Fünfzehn Jahre!
er blickt um sich, als wolle er sich etwas zurückrufen, dann geht er nach der Tür links
Ah - dort!

WILHELM
Was wollen Sie beginnen?

Lothario, auf der Schwelle der Tür, bedeutet ihm, er möge schweigen. Er entfernt sich langsam, einen Finger auf den Mund gelegt und starren Blickes


FÜNFTER AUFTRITT
Wilhelm allein

WILHELM
Seltsamer Blick! Welch neuer Wahn verwirret sein
Gehirn? Ach, mehr als sein Verstand es könnte, führt
sein Herz ihm die Worte zu, welche Mignon trösten
und heilen.
er nähert sich der Tür rechts, öffnet sie und beugt sich nieder, um zu lauschen
Sie ruht sanft! Sie spricht ganz leis meinen Namen!
Ach, teure Mignon!
kommt nach dem Vordergrunde
Wie konnte ich ihr Geheimnis nicht früher erraten?

Romanze

WILHELM
Wie ihre Unschuld auch sich das Gefühl verhehlte,
Das schon so lange tief in ihrem Herzen schlief;
Dass ein geliebtes Bild ihr ganzes Sein beseelte,
Ihr kindlich reines Herz zu neuem Leben rief;
Soll früh nicht die Blume enden
Und aufs neu' frisch und blühend sein,
Dann holder Lenz, dann magst du den
Tropfen Tau ihr spenden,
Herz, mein Herz, gib du ihr deinen Sonnenschein!

Fruchtlos ersehne ich Aufschluss aus ihrem Munde,
Dass ihr geheimes Weh endlich dem Freund sie sagt;
Fürchte stets, dass mein Blick, dass sie mein
Wort verwunde,
Ihr schönes Auge dann in heissen Tränen klagt.
Soll früh nicht die Blume enden
Und aufs neu' frisch und blühend sein,
Dann, holder Lenz, dann magst du den
Tropfen Tau ihr spenden,
Herz, mein Herz, gib du ihr deinen Sonnenschein!


SECHSTER AUFTRITT
Antonio, später Laertes, Wilhelm

ANTONIO
eintretend:
Signor! Draussen ist ein Freund, welcher
Sie zu sprechen wünscht.

WILHELM
Ein Freund?

LAERTES
in der Tür
Ja, lieber Wilhelm ich bin's!

WILHELM
Laertes!
zu Antonio
Lasst uns allein!
Antonio ab


SIEBENTER AUFTRITT
Wilhelm, Laertes

LAERTES
Sie staunen?
Wilhelm sieht unruhig nach der Tür
Fürchten Sie nichts - ich bin allein!

WILHELM
kalt
Vor allen Dingen, bitte, sprechen Sie leise.
nach der Tür rechts zeigend
Dort befindet sich ein mir teures Wesen, das der Ruhe bedarf.

LAERTES
Mignon?

WILHELM
Ja!

LAERTES
Also jenes kranke Mädchen, welches Sie seit acht
Tagen in diesem alten italienischen Palast vor aller
Augen verbergen?

WILHELM
Sie ist's!

LAERTES
Philine hat es erraten!

WILHELM
misstrauisch
Philine! So sind Sie wohl von ihr abgeschickt?

LAERTES
schnell
O nein, im Gegenteil!
zieht Wilhelm beiseite
Sie werden gleich verstehen. Denken Sie ein wenig
An die Ereignisse auf Schloss Rosenberg zurück.
Mit dem Brande war das Fest zu Ende. Unsere Kostüme, Bühne, Requisiten lagen in Asche,
Komödie war nicht mehr zu denken.
leise
In der allgemeinen Verwirrung, ohne den Anbruch des
Tages, abzuwarten, ohne jemandem Lebewohl zu sagen, verschwand Mignon mit ihrem Retter.
Titania war wütend: «Der Undankbare, der Verräter! Wie bestraf' ich ihn? Friedrich, ich liebe Sie!» «Mich?
Ah was? Schnell einen Wagen, Pferde, ich entführe Sie, Laertes reist mit uns!» - Und nun Kutscher, fahr zu, Viva l'Italia! Und Friedrich, der Dummkopf, der nicht errät, und ich dreifacher Narr, der auch nicht einsieht, dass Sie es sind, welchen wir Schritt vor Schritt, von Gasthaus zu Gasthaus verfolgen!
Endlich sind wir auf venezianischem Gebiet und diesen Abend an den Ufern des Gardasees, Gegenüber dem Palast Cypriani. Philine befragt leise den ersten Bauern, der uns begegnet; ich lausche und
Höre von einem jungen, kranken Mädchen sprechen,
Von einem fremden Herrn, von einem Greise mit
weissem Barte, alle seit acht Tagen miteinander hier
angelangt. «Sie sind's!» ruft Philine aus, und dieser
Schrei des Herzens enthüllt mir ihre List, ich errate
ihre Pläne, und ich denke an die arme, zweimal von
ihnen gerettete Mignon. Ohne zu wissen weshalb,
zittere ich für Mignons Wohl und für das Ihrige, und so komme ich denn, selbst auf die Gefahr hin, Sie zu belästigen, um Ihnen zuzurufen: Freund Wilhelm,
Philine ist hier, sei'n Sie auf der Hut!

WILHELM
warm:
Guter Laertes, daran erkenne ich Sie!
reicht ihm die Hand
Vergeben Sie mir, dass ich einen Augenblick geglaubt -

LAERTES
Ich vergebe Ihnen gern, aber Philine wird mir nicht vergeben. Doch das tut nichts!
lachend
Ihre Freundschaft steht mir höher als die Philines;
Ich will mich freuen, wenn ich Ihnen in irgend etwas
Dienlich sein kann.

WILHELM
Oh, der Dienst, welchen Sie mir in diesem Augenblick
leisten, ist ein viel grösserer, als Sie denken können.
leise
Lieber Laertes, ich verdanke Ihnen Mignons Leben.

LAERTES
Was sagen Sie?

WILHELM
Mignon stürbe, wenn sie Philine wiedersähe! Der Name schon allein würde das hitzige
Fieber wieder zurückführen, dem Mignon fast
Erlegen ist. Der Ton von Philines Stimme wäre Imstande, ihren angegriffenen Geist auf immer zu Verwirren; der Anblick jener Person würde sie in Meinen Armen töten.

LAERTES
Ich verstehe - Mignon liebt Sie!

WILHELM
Mignon hat mich noch nicht in ihr Herz blicken lassen,
Sie vermeidet es, mit mir darüber zu sprechen.
Aber ich habe geschworen, diese gebrochene
Seele zu neuem Leben zu erwecken, und ich werde Meinen Schwur halten. Dies ist die Ursache, wegen Welcher Sie mich hier in dieser verlassenen Wohnung Wiederfinden. Doch, was will Philine von mir?
Wie entfernen wir sie?

LAERTES
Oh, ich habe ein Mittel. Denken Sie, ich bin Witwer!

WILHELM
Ah!

LAERTES
Ja, ich empfing diese gute - nein, diese angenehme - nun, diese Nachricht! Lassen
Sie mich nur machen! Beim Himmel, um Ihnen meine Freundschaft zu beweisen, ich bin zu allem fähig.
entschlossen
Philine wird abreisen, und sollte ich -

WILHELM
lauschend
Still - ich höre Mignon, die erwacht; sie darf Sie
hier nicht finden.

LAERTES
Wie bewegt Sie sind, Ihre Hand glüht!

WILHELM
Oh, ich liebe sie!

LAERTES
Glücklicher Wilhelm! Glückliche Mignon!
er geht

WILHELM
Adieu und herzlichen Dank!
Laertes geht ab
Es war die höchste Zeit!
er geht nach dem Hintergrunde und tritt beiseite In den Schatten


ACHTER AUFTRITT
Wilhelm. Mignon, in langem, weissem Kleide, tritt auf. Sie geht langsam; Ihr Haar Ist aufgelöst. Im Orchester ertönt das Motiv der Romanze des ersten Aktes: «Kennst du das Land.»

Melodram

MIGNON
Wo bin ich? Ich atme freier; die Luft scheint mir lind
Und rein.
sieht erstaunt um sich
Dieser Saal, diese Marmorbilder, welche mich
Umgeben!
geht zum Fenster
Der tiefe blaue Himmel - dort der grosse See -
legt die Hand an die Stirn, als wollte sie Ihre Gedanken sammeln
Wo babe ich das alles schon gesehen?
Ich will mich erinnern und vermag es nicht.
Aber weshalb lässt man mich allein?
Ach, Lothario, Wilhelm! Wo seid ihr?

WILHELM
stürzt zu Ihr hin
Mignon!

MIGNON
Ach, Wilhelm, dich rief ich ja!
sie fällt In seine Arme


Duett

MIGNON
Wie strahlt das Glück auf mich hernieder,
Fort sind die Schmerzen aus meiner Brust,
Neu erwacht fühl' ich mich wieder
Zum Leben. O welche Lust!

WILHELM
Armes Kind, dass die Angst entschwinden,
Bald gibt dir neue Kraft due Luft so rein,
Du wirst ein neues Dasein finden,
Ja, du sollst leben der Lieb' allein!

MIGNON
Ach, glaub' es gern, dir will ich glauben,
O so sprich - sprich noch mehr - immerzu!

WILHELM
Wer möchte dir den Himmel rauben,
Littest so lang, du Arme, du!

MIGNON
Wie strahlt das Glück auf mich hernieder,
Fort sind die Schmerzen aus meiner Brust!

WILHELM
Ja, glaub dem Glück,
Es strahlt auf dich hernieder,
Es strahlt auf dich hernieder,
Die Schmerzen sind fort aus der Brust.
Neu erwacht fühlst du dich wieder,
Der Liebe lebst du, o welche Lust!

MIGNON
Neu erwacht fühl' ich mich wieder,
Gern lebt Mignon, o welche Lust.

WILHELM
Ach, dass die Seele dein meiner Seele sich eine,
Du teures Kind, lass mich in deine Augen seihn,
In diesem weissen Kleid, mit diesem Heil'genschein
Bist du ein Engel aus Himmelshöh'n.

MIGNON
traurig lächelnd
Nein, Mignon bin ich nur!

WILHELM
zu ihren Füssen
Oh, dass sie's ewig bliebe!

MIGNON
für sich, freudig
O Gott, soll ich's denn glauben?

WILHELM
Nur dein mein ganzes Herz,
Du allein, die ich liebe!

MIGNON
Du, mich lieben? Ist es wahr?
sich seinen Armen entwindend
Oh, erinnere dich nur,
Denk an Philine zurück!

WILHELM
Philine ist weit von hier, nie hab' ich sie geliebt!

MIGNON
kehrt wieder zurück und breitet die Arme aus
Ist das wahr? O unaussprechlich, süsses Glück!
Lass endlich sagen dir, doch nur geheim und
Ganz leis' -

PHILINE
hinter der Szene
Titania ist herabgestiegen,
Die Fee der Luft, vom blauen Wolkensitz,
Will die Welt lachend nun durchfliegen,
Noch schneller als der Vogel, schneller als der Blitz!

WILHELM
für sich
Philine!

MIGNON
Immer sie! Ich kann ihr nicht entgehen,
Was in mir lebt, o es bleibt nun verschwiegen!
Ach! Weh, welcher Ton für mich,
Wie er klingt fürchterlich,
Ein Blitzstrahl führt hernieder,
Ha, sie findet dich wieder;
Oh, frage mich nicht mehr;
Fällt es mir noch so schwer,
Ich spreche nimmermehr! Nein, nein!
sie sinkt in einen Sessel

WILHELM
Ach, ich höre ja nur dich,
Mignon, nur dich sehe ich,
Oh, erheitre dich doch wieder,
Schau auf mich hernieder,
Ich liebe dich so sehr
Und du liebst mich nicht mehr!
für sich
Gott!
Mignon! Unglückliches Kind! Ihre
Lippen werden bleich, ihre Hand eisig!
O musste jenes Weib uns bis hierher verfolgen!
Mignon, komme zu dir!
Ach, sie schlägt die Augen auf!

MIGNON
nach und nach zu sich kommend
Ich höre nichts mehr! War das nicht ihre Stimme?
Ist nicht sie wieder hier?

WILHELM
Nein, sammle dich, teures Kind! Der
Fieberwahn war es, der dich glauben liess -

MIGNON
Fieberwahn - sprichst du wahr?
Wilhelms Hand zurückstossend
Ah, du lügst! Lothario täuscht mich nicht!
Er, er liebt mich.

WILHELM
Wünschest du, dass ich ihn rufe?

MIGNON
Ja!

WILHELM
Horch! Schritte hier auf dieser Seite!

MIGNON
Nun?

WILHELM
Dieses Zimmer - niemand kam hinein!

MIGNON
Sieh, die Tür öffnet sich!

WILHELM
Wirklich! Was bedeutet das?

MIGNON
erstaunt
Er ist es.

Die Tür im Hintergrund öffnet sich. Lothario erscheint in derselben; er ist in reichem Kleide von schwarzem Samt, trägt eine kleine Kassette und schreitet langsam vor.


NEUNTER AUFTRITT
Die Vorigen, Lothario, später Philine, Laertes und Friedrich

Terzett

LOTHARIO
Mignon! Wilhelm! Ich grüsse euch!
Wie gerne seh' ich euch bei mir!

WILHELM
für sich
Was soll das heissen?

MIGNON
erstaunt:
Dieses reiche Gewand? Wie erscheinet er hier?

LOTHARIO
Alles mein, was ihr seht!
zu Mignon
Betrachte und staune,
Ich war einst Herr hier in diesem Palast.

WILHELM
leise zu Mignon
Es ist ein Wahn ja nur, was er da spricht!

MIGNON
Die Stimme und der Blick - so sah ich ihn noch nicht.

LOTHARIO
stellt die Kassette auf den Tisch und nähert sich Mignon
Hat auch Elend schwer uns betroffen,
Sieh, ein kostbar Kleinod bring' ich heut,
Schöne Zukunft stehet uns offen,
Die dich von der Sorge befreit.

MIGNON und WILHELM
für sich
O welch Geheimnis! Darf ich wohl hoffen?
Er verheisst uns schönre Zeit.

LOTHARIO
zu Mignon
Diese Kassette hier, seit lang gehört sie mir!
So öffne sie, mein Kind!

MIGNON
Was ist darinnen?

LOTHARIO
ohne den Kopf zu wenden
Schau hinein!

MIGNON
öffnet die Kassette
Eine Kinderschärpe hier!

LOTHARIO
mit starrem Blick, unbeweglich, in der Mitte der Bühne
Gestickt mit Gold und Silber,
Ja, ich hatt' treu so lange sie bewahrt.

MIGNON
Und was bedeutet sie, und wer war's, der sie trug?
Rede!

LOTHARIO
Sperata!

MIGNON
Sperata!
Den Namen hört' ich schon einmal erklingen;
Erinnerung so süss
Will bei dem Namen ins Herz mir dringen!
Ein Echo aus vergangener Zeit ist's gewiss?!

LOTHARIO
für sich, schmerzlich
Sperata!

MIGNON und WILHELM
Er weint von Schmerz erfüllt!

LOTHARIO
immer unbeweglich und ganz in Erinnerung versunken
Und siehst du nicht ein Armband von Korallen dabei?

MIGNON
nimmt ein Armband aus der Kassette und versucht es um ihren Arm zu legen
Wohl hier ist's! Meinem Arm ist's zu klein!

LOTHARIO
traurig
Zu gross für sie, um die mein Klagen!
Ach, dass die Zeit zum nächsten
Tag so langsam schwand,
Wo sie sollt' diesen Schmuck zum ersten Male tragen!
Sie hielt den Schmuck, und ach, er entglitt ihrer Hand!

MIGNON
für sich, sehr bewegt
Er entglitt ihrer Hand -

WILHELM
zu Mignon
Was ist? Du zitterst! O Mignon, du weinst?

LOTHARIO
zu Mignon
So schau nur weiter!

MIGNON
nimmt aus der Kassette ein kleines Buch mit silbernen Ecken
Ein Gebetbuch!

LOTHARIO
O Gott! Noch seh' ich sie vor mir,
Wie sie spricht ihr kindlich Abendgebet.

MIGNON
öffnet das Buch und liest
O Jungfrau Maria, bei dem Herrn in Himmels Höh'n,
Auf dein bittend Kind schau herab und erhör sein
Flehen.
lässt das Buch fallen, sinkt auf die Knie, die Augen zum Himmel und mit gefalteten Händen wie ein betendes Kind

LOTHARIO
nach ihr hingeneigt
So betete auch sie!

MIGNON
Jungfrau so rein,
suchend
Ich schaue dich,
sich erinnernd
In dem Arm den Erlöser der Erde;
Dass des Himmels Gnade mir werde,
O Madonna, bitte für uns, bitt auch für mich!

LOTHARIO
die Hände nach Mignon ausstreckend
Auf ihr ruht Himmels Klarheit,
Kindestraum wird zur Wahrheit!

MIGNON
steht auf, immer erregter
Lothario! O Wilhelm! Ist's ein Wahn, der mich quälet?
Ich errate, ich sehe, ich fühle, die Sprache fehlet!
Wohin hast du mich geführet und wie heisst dieses
Land?

WILHELM
Italien!

MIGNON
Italien! Himmelsstrahl, der auf einmal erleuchtet!
Welche Erinnerung!
Nachdem sie sich bemüht hat, ihre Erinnerungen zu sammeln, stürzt sie mit einem Schrei nach der Tür Im Hintergrunde, verschwindet einen Augenblick, dann kommt sie bleich und wankend zurück.
Dort, dort, das Bildnis meiner Mutter!
Doch verlassen ist ihr Zimmer!

LOTHARIO
der allen ihren Bewegungen mit Angst folgte, streckt ihr die Arme entgegen und eilt zu ihr
Ach, meine Tochter!

MIGNON
stürzt In Lotharios Arme
Mein Vater!

WILHELM
Ach! O mein Gott!

LOTHARIO
Mein teures Kind, sie ist es!

MIGNON
Ja, du bist es selbst!

MIGNON und WILHELM
O gesegnet Gottes Hand,
Sie gab mir/ihr wieder den Vater und
mein/ihr Heimatland.

LOTHARIO
Oh, gesegnet Gottes Hand, ach, meine
Tochter, mein Kind!
Ja, glücklich darfst du nun leben, von ihm geliebt,
Meinem Sohn,
O Wilhelm mein Sohn, gesegnet Gottes Hand.
* Hier schliesst man oft die Oper mit glücklichem Ende
PHILINE
singt hinter der Szene
Titania ist herabgestiegen usw.

MIGNON
von einer Bewegung getroffen
Ach! Wohl hab' ich's gewusst, kein
Traumbild ist's gewesen!

WILHELM
Komm!

Mignon stösst seine Hand zurück

LOTHARIO
zu Mignon
Was ist dir?

MIGNON
zu Wilhelm
Zeig ihr Verachtung, auf ewig heisse sie gehn,
Oder willst du vor ihr mich im Schmerz sterben sehn?
sie läuft durch den Hintergrund rasch ab

LOTHARIO
Meine Tochter!

WILHELM
Halt ein!
* Bei tragischem Ausgang treten hier, als Mignon fortstürzen will, ihr in der Tür Philine, Laertes und Friedrich entgegen. Wilhelm und Lothario rufen "Philine!" Mignon blickt lange unbeweglich auf Philine; sie schluchzt, sie wankt, Wilhelm eilt zu ihr: "O Gott!"
Mignon schreit auf “Ach" und fällt leblos in Wilhelms Arrme. Allgemeiner Aufschrei "Mignon", worauf der Vorhang fällt

WILHELM
Verzweiflung spricht aus ihr;
O folgen wir ihr!
beide folgen Mignon


Verwandlung
Die Ufer des Gardasees

In der Ferne Italienische Villen. Der Tag beginnt. Die jungen Mädchen und Männer der ländlichen Bevölkerung in Festkleidern tanzen am Ufer des Sees.
Einzelne Boote fahren vorüber auf dem See



ERSTER AUFTRITT
Junge Mädchen und Männer. Tanz. Eine reichgezierte Barke hält im Hintergrund, Philine und Friedrich steigen aus.

Tanz und Forlana

JUNGE KNABEN und MÄDCHEN
Tanzet, Freunde!
Und fröhlich singt,
Dass weit es klingt!
Tanzt und springt!

PHILINE
zu Friedrich
Nun fort! Sie finden mich hier!
Bezahlen Sie die heiteren Gesellen,
Und alsdann mögen Sie ein gutes Frühstück bestellen.
zeigt auf das Wirtshaus

FRIEDRICH
Endlich werd' ich frühstücken doch, und mit ihr!
ab ins Wirtshaus

PHILINE
zu den Bauern
Nun, da ich den Befehl zum Feste gegeben,
Will singen ich für euch, und ihr, ihr tanzt daneben.

ALLE
Zum Tanze!

Forlana

PHILINE
Bauernkind oder Dame fein,
Wähle dir den Liebsten dein,
Denn so lang der Sonnenschein,
Wird auf Erden Liebe sein.
Tanzet fröhlich in der Runde,
Ach, die Zeit entflieht,
Haltet fest die schöne Stunde,
Da die Liebe glüht.
Traue, Mädchen, nicht dem Schein,
Denn der Vielgeliebte dein
Täuscht vielleicht dich schlau und fein
Und wird bald verschwunden sein.

Nehmt euch in acht, ihr Männer mit leichtem Sinn,
Der stets euch zu Neuem zieht;
Wenn veränderlich ihr flieht
Und Treue schwört mit falschem Munde,
Denkt, es naht die schöne Stunde,
Wo für uns die Rache glüht.
Bauernkind oder Dame fein,
Der dich täuscht mit falschem Schein,
Er kommt wieder ganz allein,
Süss wird dann die Rache sein.

CHOR
O wie fein,
Das muss herrlich sein!


ZWEITER AUFTRITT
Philine, Laertes

Melodram

LAERTES
ausser Atem herbeieilend
Ach! Da ist sie!

PHILINE
heiter
Laertes.
seinen Arm ergreifend
Lassen Sie uns Friedrich aufsuchen!

LAERTES
kurz
Sprechen Sie nicht mehr von Friedrich.
mit fürchterlicher Miene
Ich hasse ihn!

PHILINE
Wieso?

LAERTES
Sie begreifen also nicht? Philine, du begreifst also
Nicht? Nun ja, ich habe dir noch nichts gesagt: Ich bin
Witwer, bin frei, glücklich, mein eigner Herr!
Ich liebe dich - ich entführe dich - ich heirate dich!
für sich
Das Wort ist heraus!
laut
Ja, ich heirate dich!
er will sie fortziehen
Komm, komm, lass uns unser Glück am Ende der
Welt verbergen, in Smyrna, in Bagdad, in einer
Wüste, wo du willst.

PHILINE
bricht in lautes Gelächter aus und entreisst sich seinen Armen
Hahaha! Armer Laertes, du wirst ewig ein schlechter
Komödiant bleiben. Du kommst aus dem Schlosse
Cypriani, dort hast du Wilhelm und Mignon gesehen.
Nun wohl, so sage ich dir, dass ich nur hier bin, um
mich an Mignon zu rächen.

LAERTES
Das wirst du nicht! So vernimm denn: Mignon ist
glücklich, von Wilhelm geliebt, ein
Wort von dir tötet sie.
Mignon Im Hintergrunde bemerkend
Ah, da kommt sie!


DRITTER AUFTRITT
Die Vorigen, Mignon, später Wilhelm und Lothario. Mignon tritt sehr rasch auf, Philine geht ihr entgegen, lächelnd, fast höhnisch. Mignon senkt den Kopf bei ihrem Anblick. Sie stösst einen leisen Schrei aus, legt die Hand ans Herz und eilt zu Ihrem Vater, der sie umarmt, wie um sie zu beschützen.
Lange Pause.


Finale

MIGNON
für sich
Gott! Welch Lächeln voll Hohn!
Wie ihre Blicke siegreich sind!

LOTHARIO
zu Mignon
Sperata! Meine Tochter! Ach, mein Kind!

WILHELM
Ja, nur dich lieb' ich, Mignon, dich allein, teures Kind.

LAERTES
leise zu Phlilne
Philine, hab Mitleid und schone dieses Kind!

PHILINE
für sich
Welch Schreck ergreift sie doch! Welcher Schmerz!
Armes Kind!
zu Wilhelm, mit etwas Ironie
Wohl anders dacht' ich Sie zu finden;
Täuschung war's, nun, mag es drum sein!
O wer kann Männerherzen ergründen?
Sind Sie glücklich, so soll es mich freun.
zu Mignon mit Teilnahme
Er hat dich zur Gattin erwählet,
Morgen knüpfet ihr das heilige Band,
Wenn Eifersucht auch mich noch quälet,
Dennoch reicht dir Philine die Hand.
Verzeih, mein Kind, gib mir die Hand!

MIGNON
Philine, hier meine Hand!


VIERTER AUFTRITT
Die Vorigen, Antonio, später Friedrich

ANTONIO
auf Lothario zeigend
Da ist er! Der Marquis von Cypriani!

ALLE
Der Marquis von Cypriani!

LOTHARIO
Ja, Freunde, ja! Eure Herzen kennen mich wohl noch!

ALLE
Der Marquis, er lebe hoch!

LOTHARIO
Seht ihn wieder bei euch, dem Gott so viel Gnad' erwies.
Er gab mir heut zurück die heissgeliebte Tochter!

ALLE
Seine Tochter!

Friedrich erscheint auf der Treppe des Wirtshauses

PHILINE
auf Ihn zulaufend, ihn bei der Hand lassend und vorstellend
Herr Friedrich, mein Gemahl!

FRIEDRICH
erstaunt:
Wer, ich? Wieso?

PHILINE
zu Friedrich
Nur stille!
leise zu Laertes
Laertes, so rächt sich Philine!

LAERTES
Gut! Als Opfer fällt der Narr dort,
Sonst nahm sie wirklich mich beim Wort!

WILHELM
Mignon In seine Arme schliessend
Mein teures Kind, welch Wonnetag für mich!

MIGNON
zu Wilhelm
Und jetzt darf ich dir gestehen: ich lieb' dich!

ALLE
O Tag der Wonne,
O Tag der Feier,
Tag der Freud'
Für alle Zeit!

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Partitur

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Klavierauszug

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