Zar und Zimmermann oder Die zwei Peter

Zar und Zimmermann oder Die zwei Peter

Libretto

Albert Lortzing

Uraufführung

22. Dezember 1837, Leipzig (Stadttheater)

Besetzung

PETER I., Zar von Russland, als Zimermannsgeselle Peter Michaelow (Bariton)
PETER IWANOW, ein junger Russe, Zimmermannsgeselle (Tenor)
VAN BETT, Bürgermeister von Sardam (Bass)
MARIE, seine Nichte (Sopran)
GENERAL LEFORT, russischer Gesandter (Bass)
LORD SYNDHAM, englischer Gesandter (Bass)
MARQUIS VON CHATEAUNEUF, französischer Gesandter (Tenor)
WITWE BROWE, Zimmermeisterin (Alt)
Ein OFFIZIER (Sprechrolle)
Ein RATSDIENER (Sprechrolle)
Ein BRAUTPAAR (stumme Rollen)

CHOR
Holländische Offiziere; Soldaten, Magistratspersonen; Ratsdiener; Einwohner von Saardam; Zimmerleute; Matrosen; Volk

Ort

Saardam in Holland (Zaandam)

Zeit

1698

Lortzing, Albert

Lortzing, (Gustav) Albert
23.10.1801 Berlin - 21.1.1851 Berlin


Bühnenwerke
mit Datum/Ort der Uraufführung:

Ali Pascha von Janina, oder Die Franzosen in Albanien (1824; 1.2.1828 Münster)
Der Pole und sein Kind, oder Der Feldwebel vom IV. Regiment (11.10.1832 ? Osnabrück?)
Szenen aus Mozarts Leben (11.10.1832 ? Osnabrück?)
Der Weihnachtsabend (21.12.1832 Münster)
Andreas Hofer (1832; 14.4.1887 Mainz)
Die beiden Schützen (20.2.1837 Leipzig)
Die Schatzkammer des Ynka (1836)
Czaar und Zimmermann, oder Die zwei Peter [Zar und Zimmermann] (22.12.1837 Leipzig)
Caramo, oder Das Fischerstechen (20.9.1839 Leipzig)
Hans Sachs (23.6.1840 Leipzig)
Casanova (31.12.1841 Leipzig)
Der Wildschütz, oder Die Stimme der Natur (31.12.1842 Leipzig)
Undine (21.4.1845 Magdeburg)
Der Waffenschmied (30.5.1846 Wien)
Zum Grossadmiral (13.12.1847 Leipzig)
Regina [Regina, oder Die Marodeure] (1848; 21.3.1899 Berlin)
Rolands Knappen, oder Das ersehnte Glück (25.5.1849 Leipzig)
Die Opernprobe, oder Die vornehmen Dilettanten (20.1.1851 Frankfurt am Main)



ERSTER AKT
Arbeitsplatz auf der Schiffswerft in Saardam. Zar Peter I. von Russland weilt, um sich in der Schiffsbaukunst auszubilden, inkognito als Zimmergeselle in Saardam, unter dem Namen Peter Michaelow. Er hat mit einem russischen Deserteur namens Peter lwanow Freundschaft geschlossen, den ein Liebesverhältnis mit Marie, der Nichte des ebenso dummen wie eingebildeten Bürgermeisters, verbindet. In letzter Zeit sind in Saardam allerhand geheimnisvolle Nachrichten eingelaufen, und die beiden Russen fürchten, entdeckt zu werden, was für jeden aus besondern Gründen gefahrvoll wäre. In der Tat ist es ruchbar geworden, dass der russische Herrscher sich in Saardam aufhalte. Die Gesandten von England und Frankreich wollen, da beiden Mächten an einem Sonderbündnis gelegen ist, den Zaren herausfinden. Da fährt der aufgeblasene van Bett dazwischen ( O sancta justitia! ). Peter heissen zwar mehrere Arbeiter, aber nur zwei stammen aus Russland. Das hat der Bürgermeister glücklich herausbekommen, aber natürlich. hält er in seiner Einfalt den falschen Peter für den Zaren. In denselben Irrtum verfällt der englische Gesandte, während der französische mehr Menschenkenntnis besitzt und durch eine geschickte Falle den Zaren veranlasst, sein Inkognito zu verraten.

ZWEITER AKT
In einer Schenke. Auf einem Hochzeitsfest, an dem alle voll Fröhlichkeit teilnehmen und der Marquis Châteauneuf sogar eine zärtliche Weise anstimmt ( Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen ), verhandelt der englische Gesandte mit dem falschen Peter, der sich ganz geschickt in die Rolle des Zaren findet, während der französische Gesandte sein geplantes Abkommen mit dem richtigen Peter trifft. Während Marie ein russisches Brautlied singt ( Lieblich röten sich die Wangen ), wird das frohe Fest durch einen Trupp Soldaten gestört. Die holländische Regierung hat nämlich erfahren, dass in letzter Zeit holländische Arbeiter von Fremden zum Dienst im Auslande angeworben werden und will diesem Übelstande ein Ende machen. Deshalb sollen nun alle Fremden, die sich nicht legitimieren können, verhaftet werden. Der einfältige Bürgermeister macht sich sogleich ans Werk und will alle, sogar sich selbst, arretieren lassen, um ganz sicher zu gehen. Doch alle Fremden legitimieren sich nacheinander als Gesandte ihrer Länder, die beiden Peter bleiben übrig. Als van Bett Peter Iwanow verhaften will, flüstert man ihm zu, das sei der Zar von Russland. Dem wirklichen Zaren Michaelow, der als letzter übrigbleibt, reisst die Geduld, und vor seinem Zornesausbruch verkriecht sich der Bürgermeister in völliger Ratlosigkeit unter dem Tisch.

DRITTER AKT
Halle im Stadthaus. Van Bett studiert mit einem Chor eine selbstverfasste Kantate ein ( Den hohen Herrscher / Heil sei dem Tag ), mit der er den Zaren begrüssen will, für den er natürlich nach wie vor Iwanow hält. Als der wirkliche Zar auftritt, fährt er ihn grob an, wie er sich unterstehen könne, sich gestern an ihm zu vergreifen. Marie klagt dem Zaren ihr Leid: man halte ihren Peter für den Zaren von Russland; tröstend verspricht er ihr, sie mit ihrem Geliebten zusammenzubringen. Gerührt vergeicht er in Gedanken sein Schicksal als Zar mit der unbeschwerten Zukunft der beiden jungen Leute ( Sonst spielt ich mit Zepter ). Als der Zar aber, durch den Ausbruch von Unruhen nach Russland zurückgerufen, die Heimreise antreten will, kann er aus dem gesperrten Hafen nicht hinaus. Nun wird Iwan noch zum Retter in der Not, denn er hat einen englischen Pass, den er dem Zaren gibt. Dafür erhält er von diesem ein Kuvert, das er erst nach einer Stunde öffnen darf. Der Bürgermeister naht mit seiner Sängerschar, um den Zaren feierlich zu begrüssen. Peter Iwanow wird ehrerbietig auf einen Thronsessel geleitet und lässt, ohne dies alles zu begreifen, die Ansprache über sich ergehen. Da meldet ein Ratsdiener, dass Peter Michaelow auf vollbesetztem Schiffe eben zum Hafen hinausfahre. Der Bürgermeister ruft zu den Waffen; doch Peter Iwanow verliest das Schreiben des Zaren; das ihn zum kaiserlichen Oberaufseher ernennt und die Einwilligung zu seiner Heirat mit Marie gibt. Also ist Michaelow der Zar, der auf seinem Schiffe in Uniform noch einmal sichtbar wird und die Huldigungen der Saardamer Bürger, samt Bürgermeister, entgegennimmt.


--> OPER "in nuce"
Tsar and Carpenter, or The Two Peters


ACT ONE
Peter the Great is working incognito as a shipyard carpenter (as he actually did) under the name of Peter Michaelov. A fellow Russian carpenter, an army deserter named Peter Ivanov, is in love with Marie, the niece of Burgomaster Van Bett. Informed by his ambassador, Lefort, of simmering rebellion in Moscow, the tsar resolves to return to Russia. Van Bett arrives, with instructions to locate a foreigner called Peter working in the shipyard. The interest of the English and French ambassadors, Syndham and Châteauneuf, convinces him of the foreign Peter's importance. His suspicions, and Syndham's, centre on Peter Ivanov. Châteauneuf, however, correctly identifies Peter Michaelov as the tsar.

ACT TWO
During a wedding celebration for the son of Widow Browe, owner of the shipyard, Châteauneuf (in disguise) concludes an alliance with the tsar, while Syndham (also in disguise) turns his attention on the bewildered Peter Ivanov. The arrival of a party of soldiers with instructions to detain all suspicious foreigners creates a general tumult in which the ambassadors throw off their disguises. Each identifies a different Peter as the tsar. Van Bett, after futile attempts to control the situation, looks on bewildered.

ACT THREE
While Van Bett prepares a musical homage to the wrong tsar, Peter Michaelov prepares to escape with the English passport Syndham has given to Ivanov. In return for their assistance in the temporary deception, the tsar gives Ivanov and Marie a letter that licenses their marriage and appoints Ivanov a general inspector of the imperial court. The tsar's ship leaves the harbour to general rejoicing. Van Bett remains confused.
Tsar et charpentier


Le tsar Pierre le Grand est venu travailler sur les chantiers navals de Saardam aux Pays-Bas sous le nom de Peter Michaelov pour s'initier à des techniques industrielles et commerciales dont il veut faire profiter son pays. Il se lie d'amitié avec le déserteur russe Peter Ivanov, qui est épris et aimé de Marie, nièce du fat et sot bourgmestre Van Bett (Air: "O sancta justitia"). Averti par des ambassadeurs, l'Anglais Lord Syndham et le Français, le marquis de Châteauneuf, de la possible présence du tsar incognito, Van Bett mène son enquête et conclut qu'Ivanov est le souverain.. Il lui accorde la main de sa nièce. Syndham partage son erreur, alors que Châteauneuf et l 'ambassadeur russe l'amiral Lefort ont identifié le vrai tsar. Après une fête (Air du Châteaunef: "Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen"), Van Bett se dispose ä renvoyer dans son pays, avec tous les honneurs, Peter Ivanov (auquel le vrai tsar a accordé entre-temps le pardon pour sa désertion, et un sauf-conduit), et dirige de manière ridicule l'exécution des hymnes, cependant que Pierre le Grand s'embarque aussi, acclamé par tous ceux qui l'ont reconnu.
Zar e carpentiere


ATTO PRIMO
Sotto le mentite spoglie di carpentiere, lo zar Pietro di Russia si è recato in Olanda per apprendervi conoscenze tecniche da trapiantare nel suo regno. Con lui lavora un giovane disertore russo, Peter Iwanow, innamorato di Marie e geloso di un presunto rivale francese, che in realtà è un ambasciatore in incognito. Quando viene a sapere che in Russia gli strelitzi sono in rivolta, Pietro I decide di ritornare immediatamente in patria. Ma proprio allora il borgomastro blocca ogni partenza, avendo appreso da fonti sicure che a Saardam si cela lo zar in persona. Un equivoco porta van Bett a convincersi che lo zar sia il russo Iwanow; timoroso di far scoprire la sua vera identità e incoraggiato da Pietro medesimo, con cui si trova in rapporti amichevoli, a recitare la parte che gli viene attribuita, Iwanow ammette di essere lo zar di Russia.

ATTO SECONDO
Il vero zar, frattanto, conclude patti diplomatici con il sagace ambasciatore inglese, l’unico ad averlo riconosciuto. Al termine della festa di nozze di Iwanow e Marie scoppia di nuovo un pandemonio nel tentativo di stabilire quale sia il vero zar.

ATTO TERZO
Si succedono le astuzie di Pietro il Grande per non farsi scoprire e potersi allontanare senza cerimonie e contrattempi dall’Olanda. Pietro convince Iwanow, ignaro di tutto, a fingersi zar ancora per un’ora, tempo più che sufficiente per svignarsela alla chetichella mentre Iwanow riceve i festeggiamenti dell’intera Saardam; giunge infine al banchetto un dispaccio da parte del vero zar, che svela la verità, restituisce a Iwanow il passaporto che questi gli ha prestato e benedice le sue nozze con Marie.

Personen:
PETER I., Zar von Russland, als Zimermannsgeselle Peter Michaelow (Bariton)
PETER IWANOW, ein junger Russe, Zimmermannsgeselle (Tenor)
VAN BETT, Bürgermeister von Sardam (Bass)
MARIE, seine Nichte (Sopran)
GENERAL LEFORT, russischer Gesandter (Bass)
LORD SYNDHAM, englischer Gesandter (Bass)
MARQUIS VON CHATEAUNEUF, französischer Gesandter (Tenor)
WITWE BROWE, Zimmermeisterin (Alt)
Ein OFFIZIER (Sprechrolle)
Ein RATSDIENER (Sprechrolle)
Ein BRAUTPAAR (stumme Rollen)

CHOR
Holländische Offiziere; Soldaten, Magistratspersonen; Ratsdiener;
Einwohner von Saardam; Zimmerleute; Matrosen; Volk



ERSTER AKT

Ouvertüre

ERSTER AUFTRITT
Innere Ansicht der Schiffswerft zu Saardam
Viele Zimmerleute bei der Arbeit, unter ihnen Peter Michaelow und Peter Iwanow


Nr. 1 - Introduktion und Lied

CHOR DER ZIMMERLEUTE
Greifet an und rührt die Hände,
Baut des Schiffes stolze Wände!
Greifet an!
Rastet nicht in der Pflicht!
Tag für Tag, Schlag für Schlag!
Handwerksmann hat seine Plagen,
Lust zur Arbeit hilft sie tragen.

ZAR
im Vordergrund arbeitend, für sich
Dieses Wogen, dieses Streben -
Wie es doch mein Herz so hoch erfreut.
Der ist glücklich, der sein Leben
Solcher Arbeit stets geweiht.

IWANOW
auf der andern Seite
Froher Mut, leichtes Blut
Und dazu ein frohes Lied,
Das aus vollem Herzen sprüht -
Das ist gut.

CHOR
Recht, ganz recht, was soll gelingen,
Muss man mit Gesang vollbringen.

IWANOW
auf den Zaren zeigend
Hier, Gefährten, der vor allen
Weiss solch Lied uns vorzutragen.

ZAR
sich erhebend
Euch zugefallen,
Sei es denn!
Mög` es euch behagen.

Alle sammeln sich um den Zaren

Lied

ZAR
Auf, Gesellen, greift zur Axt und regt die nerv'gen Arme,
Dass so Herz als Blut mit jedem Streiche mehr erwarme!
Dröhnt der Schlag im Holz, als will die Erde erbeben,
jauchzt des Zimmermannes Brust vor wonnigem Leben.
Wackrer Zimmermann, hast ja Freude dran -
Wohlauf!
Denke, was du kunstvoll bauest, trotzt jeder Wut in grausen Wettern;
Was dein Beil erfasst, das muss ein kräftiger Hieb auch zerschmettern.

CHOR
die Äxte schwingend
Zimmermann zu sein, ist eine Lust,
Stete Arbeit kräftigt seine Brust:
Stattlich Werkzeug und des Liebchens Kuss,
Freunde, das ist Hochgenuss!

ZAR
Auf, Gesellen, der Gigantenbau kann nur gelingen,
Wenn sich alle Kräfte einigen, ihn zu vollbringen.
Seht dann euer stolzes Werk die Meere durchjagen,
Durch des Nordens Eis und Südens Glut keck sich wagen.
Wackrer Zimmermann, hast ja Freude dran -
Hallo!
Ha! Wie Donnersturm den riesgen Bau wild umkracht, ihn zu zersplittern,
Doch er trotzet kühn der Flut Geheul und dem Strahl in Gewittern.

CHOR
Zimmermann zu sein, ist eine Lust,
Darum rufet laut aus voller Brust:
Stattlich Werkzeug und des Liebchens Kuss,
Freunde, das ist Hochgenuss!

ZAR
Euren Wunsch hab ich gewährt,
Eilet nun zur Arbeit wieder
Und bedenket, dass alsbald
Ein frohes Jubellied erschallt,
Das zum Feste euch begehrt.

CHOR
Greifet an und rührt die Hände,
Baut des Schiffes stolze Wände!
Greifet an!
Rastet nicht in der Pflicht!
Tag für Tag, Schlag für Schlag!
Handwerksmann hat seine Plagen,
Lust zur Arbeit hilft sie tragen.

Nach beendigtem Chor geht alles wieder zur Arbeit, die Zimmerleute verlieren sich nach und nach.

IWANOW
Das muss wahr sein: du bist ein ganzer Kerl; ein Zimmermann, wie ihn Gott verlangt, und dabei ein Liedersanger, der seinesgleichen sucht.

ZAR
lächelnd
O ich besitze noch eine Eigenschaft, die in deinen Augen mehr ist als alle die übrigen.

IWANOW
Die ist?

ZAR
Geduld.

IWANOW
Na, da sei stille - was die betrifft -

ZAR
Wie? Höre ich nicht mit wahrer Engelsgeduld die Schilderungen deiner Zärtlichkeit für die reizende Marie an, die ebenso liebenswürdig wie ihr Oheim dumm und lächerlich ist?

IWANOW
Das ist wahr; aber da wir gerade davon reden, weisst du wohl ' dass mir ganz übel zumute ist?

ZAR
Argwöhnt der gestrenge Bürgermeister etwas?

IWANOW
Es scheint so, denn er hat sich bei der Meisterin genau nach mir erkundigt.

ZAR
Du hast doch keine Ehrensache?

IWANOW
Je nun - vor dir habe ich kein Geheimnis, drum höre. Du weisst, dass ich ein Russe bin. Als ich achtzehn Jahre alt war, machte man mir weis, ich müsste Vaterlandsverteidiger werden. Ich dachte: je nun, kannst's ja probieren, und liess mir den Soldatenrock anziehen. Der Rock war ganz hübsch, aber alles, was ich in dem Rock tun musste, war gar nicht hübsch; zudem war ich von jeher ein Feind jeden Zwanges. Was tat ich also? An einem schönen Morgen stellte ich mein Gewehr ins Schilderhaus, hing den Rock an den Nagel und vertauschte beides hier in Saardam mit Zimmeraxt und Winkelmass.

ZAR
Jetzt versteh ich dich.

IWANOW
Mein ehemaliger Oberst kann sich am Ende erinnern, dass ich da mals beim Verlesen gefehlt habe - in Saardam sind jetzt viele russische Offiziere.

ZAR
Sehr richtig - also müssen wir auf unsrer Hut sein.

IWANOW
Freilich. Übrigens kommt es mir vor, als ob du dich in einer ähnlichen Lage befändest.

ZAR
Ich?

IWANOW
Ja, ja. Du verbirgst dich so sorgfältig, vermeidest von deiner Familie zu reden und was dich nach Saardam geführt.

ZAR
Du glaubst doch nicht -

IWANOW
droht ihm
Alter junge, gesteh's nur, du hast auch Suiten gemacht! Doch was geht es mich an, ich will mich nicht in dein Geheimnis drängen.
Er sieht nach hinten
Da kommt Marie. Ist es nicht schrecklich, dass sie mit ihrem niedlichen Gesichtchen die Nichte eines Bürgermeisters ist?


ZWEITER AUFTRITT
Die Vorigen. Marie

MARIE
im Auftreten
Nein, es istl weiss Gott, zu arg - auf Schritt und Tritt geht einem der Mensch nach.

IWANOW
Mensch? Welcher Mensch?

MARIE
Ach, ein junger Franzose, der seit gestern hier herumschleicht.

ZAR
Ein Franzose?

IWANOW
Ein junger? Warum schleicht er herum? Warum?

MARIE
Was weiss ich? Er hielt mich an und fragte mich nach allerlei.

IWANOW
Das fehlte noch! Erst schleicht er herum, dann fragt er noch allerlei.
Still doch!
zu Marie
Nun, mein Kind, wonach erkundigte er sich?

MARIE
verschämt
Je nun -

IWANOW
Heraus mit dem Allerlei.

MARIE
Er meinte, ich wäre recht hübsch - und kurz und gut, ich wäre recht hübsch.

IWANOW
So? Das ist recht hübsch. Um das zu erfahren, brauchen wir keinen Franzosen, das können wir auf deutsch auch sehen.

MARIE
Endlich wollte er mich küssen.

IWANOW
Hab ich's nicht gedacht, das ist gewöhnlich das Ende. Soll man da nicht rasend werden?!

MARIE
ihn besänftigend
Aber Peter -

IWANOW
Nichts Peter! - Ich wollte, den französischen Gesandten, der da drüben in Rijswijk den Frieden kongressiert, holte der Kuckuck! Alle Augenblicke fährt hier so ein Windbeutel herum. Träfe ich nur einmal einen, ich wollte ihn gleich -

MARIE
Was gleich?

IWANOW
Das werd ich jetzt nicht sagen.

MARIE
Mein lieber Peter Iwanow, Sie sind ein kleines Grossmäulchen.

IWANOW
Ich wäre -

MARIE
Stille! - Sie sind ein kleines Grossmäulchen.

IWANOW
Aber Mamsell Marie -

MARIE
ernst
Herr Peter Iwanow!

IWANOW
nach einer Pause ruhig
Ich bin ein kleines Grossmäulchen.

MARIE
So recht, lieber Peter, nun bist du wieder artig. Warum ich eigentlich komme -

IWANOW
hastig
Ja warum? Das möchte ich eben wissen.

MARIE
ihm gelassen die Backen klopfend
Nur immer Gemütsruhe.

IWANOW
ja doch, ich bin ruhig, mein Gemüt auch.

MARIE
Mein Oheim hat unser Verständnis ausgewittert - glaube ich wenigstens -, er will heute auf den Werften selbst nachsehen, das ist ihm in drei Jahren nicht eingefallen; er hat Briefe, Befehle erhalten, und alles überzeugt mich, dass ein Anschlag gegen uns im Werk ist.

ZAR
der sich zurückgezogen, hat sich bei Mariens Erzählung aufmerksam genähert. Für sich
Sollte ich entdeckt sein?

IWANOW
für sich
Gewiss von meinem Oberst!

MARIE
Nun, meine Herren, ihr seid ja beide ganz verdutzt? Und Sie, mein Vielgetreuer, Sie kommen mir ganz kurios vor. Vorhin, da ein galanter junger Mann sich nach meinen kleinen häuslichen Angelegenheiten erkundigte, wird er bei der blossen Erzählung Feuer und Flamme, und nun, da unsrer Liebe Gefahr droht, steht er da, als könnte er nicht bis drei zählen.

IWANOW
Marie, du hast es heute wieder darauf abgesehen, mich zu quälen. Ich liebe dich so herzlich, aber ebendeswegen kann es mir doch nicht angenehm sein, wenn dich die ganze Welt küssen will.

MARIE
Die ganze Welt? Nein, lieber Peter, das würde ein zu grosses Gedränge werden; ich will mich darum lieber mit einem begnügen
Sie reicht ihm die Hand

IWANOW
küsst sie
Du bist doch ein Engel!

MARIE
Jetzt höre. Was mein Oheim im Schilde führt - ich weiss es nicht, und wir müssen es in Geduld erwarten. Sei darum guten Muts; ich bin und bleibe dir treu, und sollte es meinem teuren Oheim einfallen, mich zu einem andern Ehebündnis zwingen zu wollen - ich ahne so etwas -, so springe ich lieber in den Kanal.

IWANOW
Ich springe mit.

MARIE
Abgemacht, wir springen im Duett. Vorher aber gehen wir zum Feste. Du weisst doch, dass ich Brautjungfer bei Charlottes Hochzeit bin. Ich eile, mich in den Staat zu werfen.

IWANOW
Ach Gott, da wirst du wieder alles bezaubern.

MARIE
Je nun, ich werde mein möglichstes tun.
zum Zaren
Sehn Sie wieder den Eifersüchtigen?
zu Iwanow
Ach, lieber, lieber Peter, du musst noch gewaltig gezogen werden.

Nr. 2 - Ariette

MARIE
Die Eifersucht ist eine Plage,
Weh dem, der ihr zum Opfer fällt.
Sie schaffet viele trübe Tage,
Warum ist sie wohl auf der Welt?
Warum? Warum?

IWANOW
spricht
Ei, das möcht ich auch wissen.

MARIE
Zwar kenn ich dieses garst'ge Fieber
Nur eigentlich vom Namen her;
Bemerkt' ich's nicht bei dir, mein Lieber,
So wüsst' ich nicht, dass es vorhanden wär.

IWANOW
spricht
Es ist aber einmal da, und ich habe alle Ursache dazu.

MARIE
O ja!
Wenn bei unsern Festen
Alles sich im Tanze dreht
Und wenn einer von den Gästen
Zeigt, dass er mich nicht verschmäht;
Wenn er, während wir pausieren,
Mich recht viel und freundlich fragt
Und mit artigen Manieren
Ein'ge Schmeicheleien sagt,
Zum Exempel: diese Wangen,
Dieser Lippen Purpurrot
Wecken glühendes Verlangen,
Sie bezaubern mich, bei Gott!
Wär' es mir erlaubt zu fragen,
Ob ihr Herz noch frei sich fühlt?
Wenn, mit einem Wort zu sagen,
Er, was man so nennt, den Angenehmen spielt -

IWANOW
spricht
Dann darf ich doch -

MARIE
Dann darfst du niemals eifersüchtig sein.
Mein Herz gehört nur dir allein;
Du weisst es ja, mein Herz gehört nur dir allein.
Ach, das solltest du erst fühlen,
Wie so schön die Zeit verrinnt
Wenn bei unsern heitern Spielen
Pfänder einzulösen sind.
Wenn mit harrenden Gebärden
Jeder seinen Lohn begehrt,
Und es heisst: was soll dem werden,
Welchem dieses Pfand gehört? "
Diesem gibst du sieben Küsse,
Jenem achte, diesem neun,
Zehne reichst du jenem her!"
Lieber Freund, das sind Genüsse,
So was existiert nicht mehr.
Wenn dann mit verschämten Wangen
Schüchtern der Erwählte naht,
Wenn mit glühendem Verlangen
Er den Lohn empfangen hat -

IWANOW
spricht
Dann darf ich doch -

MARIE
Dann darfst du doch nicht eifersüchtig sein.
Mein Herz gehört nur dir allein;
Du weisst es ja, mein Herz gehört nur dir allein!

IWANOW
spricht
Nun, das nehme mir kein Mensch übel.

MARIE
Sieh, das sind nur alles Spiele
Unbefangner Jugendlust;
Fern von liebendem Gefühle
Schlägt das Herz in unsrer Brust.
Was geschieht vor allen Leuten,
Kann ja Böses nicht bedeuten.
Drum darfst du niemals eifersüchtig sein,
Mein Herz, du weisst es ja, bleibt ewig dein. -
Hast du mich auch wohl verstanden?
Ist kein Fieber mehr vorhanden?
Her mit dem Puls, wir werden nun gleich sehn,
Ob du kuriert, als Arzt muss ich's verstehn.
Sie ergreift seine Hand und fühlt den Puls.
Gut, sehr gut, in solchem Tempo muss er gehn.
Bedanke dich!
Sie hält ihm die andere Hand hin, die Iwanow küsst
Wie nun das Blut so ruhig fliesst,
Wie lieb du mir nun wieder bist.
Sie hält dem Zaren die Hand zum Kusse hin, während die andere noch immer Iwanow den Puls fühlt. Zum Zaren
Doch auch Ihr seid mir lieb und wert.
Herrgott! Was tobt dein Blut schon wieder fürchterlich,
Mein lieber Freund, du bist noch nicht kuriert!
Leb wohl und bessre dich!
Sie läuft ab

IWANOW
folgt ihr


DRITTER AUFTRITT
Zar, Lefort

LEFORT
Guten Morgen, Peter Michaelow! Ihr seid allein?

ZAR
Wie du siehst. Hast du Nachrichten von Moskau?

LEFORT
nachdem er sich umgesehen
Ja, Sire, und ernstliche Besorgnisse.

ZAR
Nun?

LEFORT
Sire, ich habe meine Bewunderung dem edelmütigen Entschlusse nicht versagen können, der Sie bestimmte, Ihre Staaten zu verlassen und bei den Völkern Europas Kenntnisse zu erwerben, die einst das Glück Ihres Volkes sichern sollen; allein, es ist Zeit, unseren Reisen ein Ziel zu setzen. Seit einem Jahre arbeiten Sie als Peter Michaelow auf den Werften von Saardam; seitdem hat sich vieles geändert. Ihre Untertanen fangen an, über Ihre Abwesenheit zu murren.

ZAR
Immerhin! Sie ahnen nicht, dass ich unter diesem groben Kittel mehr für sie getan, als der Zar in zehn Jahren hätte tun können. Doch zur Sache! Woher diese Besorgnisse?

LEFORT
Ihre Feinde in Moskau sind tätiger denn je; der kühne Geist Ihrer Schwester Sophie reizt die Bojaren und Strelitzen zum Aufruhr.

ZAR
wütend
Ha! Glaubt die zügellose Schar, die Zeiten Fedors und Iwans seien noch nicht verstrichen? Die Verräter sollen büssen! Ein Blick von mir entscheidet ihr Schicksal. Lass alles zu meiner Abreise bereiten! Fort!

LEFORT
geht ab


VIERTER AUFTRITT
Zar allein

Nr. 3 - Rezitativ und Arie

ZAR
Verraten! Von euch verraten,
Denen ich Vertraun und Liebe geweiht.
Höllischer Undank! Verrat! Des Lasters Krone!

(Diese Arie wird gewöhnlich gestrichen:)

Nur eurem Glück war mein Leben,
Nur eurer Grösse geweiht,
Und ihr verratet mich!
Die Macht des.Zepters, den Glanz der Krone,
Beneidenswert wähnt mancher sie,
Doch bittrer Undank, Hass zum Lohne
Ist oft die Frucht für Herrschers Müh.
Und nur ein Trost lindert die Schmerzen,
Ein Blick nach oben stärket die Brust:
Was auch die Mitwelt nicht erkannte,
Von Nebelschleier noch umhüllt,
Wir sehen dann aus jenem Lande
Das Volk der Nachwelt dankerfüllt.
Drum sehnt sich mein Geist nach Licht und Wahrheit.
Wie schütze ich das Werk, das ich durch deinen Beistand schaffte?
Kann der Verräter Blut dir wohlgefällig sein,
Der du der Milde und der Güte Urquell bist?
Treu hing stets mein Herz an meinem ganzen Volke,
Seinem Glück allein war stets mein Leben nur geweiht.
Warum, o Gott, erhabne Vorsicht,
Wird Völkerglück durch Strenge nur erreicht?
Warum durch Liebe, Huld und Milde,
Das Herz des Volkes nicht erweicht?
Treu hing stets mein Herz an meinem ganzen Volke,
Seinem Glück allein war mein Leben nur geweiht.
So sei es denn entschieden, dem Tode weih ich sie;
Man bessert ja hienieden durch Wohltun Sünder nie!
Verräterblut soll färben das blanke Henkerbeil,
Damit sie sühnend sterben, dem Vaterland zum Heil!


FÜNFTER AUFTRITT
Zar. Iwanow. Später Meisterin Browes Stimme

IWANOW
steht den Zaren eine Weile an
Du scheinst mir auch übel gelaunt.

ZAR
Wie das so manchmal kommt - es geht vorüber.

IWANOW
Freilich wohl, aber es sollte lieber gar nicht kommen, es nützt ja zu nichts.

ZAR
Wo fehlt dir 's denn schon wieder?

IWANOW
Marie macht mir den Kopf warm, und zum übermass des Unglücks ist der Herr Bürgermeister soeben auf der Werft angekommen.
leise
Du begreifst wohl weswegen.

ZAR
Ei, es soll mich freuen, seine Bekanntschaft zu machen - jetzt habe ich zu tun - auf Wiedersehn beim Feste.
Er will gehen

IWANOW
hält ihn
Höre, Freund, das ist nicht schön von dir.

ZAR
Was?

IWANOW
Dass du so hinterm Berg hältst. Ich habe dir alles vertraut, was ich auf dem Herzen, hatte, aber du spielst stets den Geheimnisvollen gegen mich.

ZAR
Sei ruhig, ehe ich abreise, erfährst du mein Geheimnis.

IWANOW
Was? Du willst uns verlassen? Wieder was Neues!

ZAR
Meine Familie verlangt nach mir.

IWANOW
So, deine Familie? Ist sie gross?

ZAR
Ziemlich.

IWANOW
Und da sehnt sie sich wohl sehr nach dir?

ZAR
Mehr oder weniger.

IWANOW
Du lebst doch nicht mit ihr in Uneinigkeit?

ZAR
kräftig
Ich stifte Frieden, darauf verlass dich!

MEISTERIN BROWE
hinter der Szene
Hierher, Herr Bürgermeister.

IWANOW
Da ist er!


SECHSTER AUFTRITT
Die Vorigen. van Bett. Meisterin Browe.

Nr. 4 - Arie

VAN BETT
O sancta justitia! Ich möchte rasen,
Von früh bis spät lauf ich herum;
Ich bin von Amtspflicht ganz aufgeblasen,
Das Wohl der Stadt bringt mich noch um.
Plerique hominum auf dieser Erde,
Sie ruhn doch mal von Qual und Beschwerde;
Doch kaum schaut der Morgen in meine Kammer,
So rufen die Akten mein Genie,
Und bis zur Nacht bin ich, o Jammer,
Re vera übler noch dran als ein Vieh!
Kein Zugpferd in der Tat hat's so schlimm,
Als ein Vorstand und Rat.
Ein Glück, dass ich mein Amt verstehe,
Und sapientissime alles wend und drehe,
Dass mein Ingenium Akten weiss zu schmieren
Und das Consilium am Gängelband zu führen.
Denn ich weiss zu bombardieren
Zu rationieren und zu expektorieren,
Zu inspizieren, zu räsonieren,
Zu echauffieren und zu malträtieren.
Rem publicam hab ich stets im Sinn.
Man weiss es ja, dass ich ein Codex bin.
Alt und jung ruft mir zum Preise,
Ich bin Saardams grösstes Licht.
O ich bin klug und weise,
Und mich betrügt man nicht.
Diese ausdrucksvollen Züge,
Dieses Aug', wie ein Flambeau,
Künden meines Geistes Siege,
Ich bin ein zweiter Salomo.
Dazu der Corpus noch in petto,
Mit einem Wort, ich bin ganz netto.

Er sperrt den Mund auf, als sänge er das im Orchester erklingende tiefe F

Man glaub' mir's, dass ich nie mich trüge
Et eo ipso momento
Gleich über jedes Crimen siege.
Ich wühl mich in Prozesse ein
Und schlichte sie sehr schlau und fein.
O ich bin klug und weise,
Und mich betrügt man nicht.
Diese ausdrucksvollen Züge,
Dieses Aug', wie ein Flambeau,
Verkünden meines Geistes Siege,
Ich bin ein zweiter Salomo.
Denn ich weiss zu bombardieren,
Zu rationieren, zu expektorieren,
Zu blamieren, inspizieren,
Echauffieren, räsonieren, malträtieren,
Und zu ieren, zieren, rühren,
Führen, schmieren, ratifizieren.
Mit einem Wort, man sieht mir's an,
Ich bin ad speciem ein ganzer Mann!

Spricht zu Witwe Browe.
Ihr könnt es nicht glauben, was mir alles auf dem Halse liegt und noch vielleicht darauf liegen wird. Da lest einmal.
Er zeigt ihr einen Brief
Ihr werdet Euer blaues Wunder hören.

MEISTERIN BROWE
Das Lesen ist von jeher meine schwache Seite gewesen, das tat mein seliger Alter für mich. Wende Sie sich hier an meinen Gesellen, den Peter Michaelow, der ist der Gelehrteste auf der Werft.

VAN BETT
Da, mein Freund!
zur Meisterin Browe
Nun passt einmal auf.
zum Zaren
Lies laut, mein Sohn!

ZAR
liest
"Mein Herr" -

VAN BETT
Schön, ich sehe, du kannst lesen, lies laut. Ich verlange ja nicht, dass du so schön lesen sollst wie ich; bewahre, das würde sich auch für dich gar nicht schicken.

ZAR
liest
"Herr Bürgermeister! Es liegt den Generalstaaten sehr viel daran, von dem Tun und Lassen eines Fremden, namens Peter, der gegenwärtig auf den Werften zu Saardam arbeitet, unterrichtet zu sein."

IWANOW
für sich
Ich bin entdeckt.

ZAR
für sich
Das bin ich.

VAN BETT
Schön, mir liegt auch viel daran. - Sequens, mein Sohn, das heisst, lies weiter!

ZAR
liest
"Nehmen Sie die allernötigsten Massregeln, damit dieser Fremde sich nicht von Saardam entfernt, und berichten Sie mir ungesäumt alles, was Sie in Erfahrung bringen können. Ich habe die Ehre zu sein

VAN BETT
Gehorsamer Diener. Ist das alles?

ZAR
Ja, Herr Bürgermeister.

VAN BETT
nimmt den Brief
Das ist eine äusserst verwickelte Sache, wie man sagt, ein casus confusus.

ZAR
Haben denn der Herr Bürgermeister keine Vermutungen, wer es ungefähr -

VAN BETT
Schöne Frage! Ich vermute immer, eine gute
Obrigkeit vermutet immer, und ich wette, in diese
Sache ist eine wichtige Person verwickelt, die man fest-
setzen soll, id est ad carcerem. Ein Ausreisser vielleicht.

IWANOW
bestürzt, für sich
Da haben wir's.

VAN BETT
Frau Meisterin, lasst sämtliche Arbeiter sich hier versammeln.

MEISTERIN BROWE
Ei, du Gerechter, Ihr werdet doch unter meinen Leuten keine Verbrecher suchen! Ichbin eine rechtschaffene Niederländerin, und mein Mann ist tot.

VAN BETT
Ebendeshalb schafft mir die Leute her! Tutti.

MEISTERIN BROWE
gibt Iwanow ein Zeichen, dieser zieht eine Glocke
Bloss um Euch den Willen zu tun.


SIEBENTER AUFTRITT
Die Vorigen.
Zimmerleute kommen hastig von allen Seiten mit ihren Schurzfellen, Arbeitsgerät in Händen.


Nr. 5 - Chor und Ensemble

CHOR
Lasst ruhen die Arbeit, das Zeichen ertönet,
Wir eilen zum Schrnause;
Es rufet die Stunde, so lange ersehnet,
Zum gastlichen Hause.
Ein heitrer, fröhlicher Festtag ist heut,
Bei Tanz und Gesängen entschwinde die Zeit.
Lasst heute des Daseins uns erfreuen!

VAN BETT
Was Tanz und Schmaus, es handelt sich hier
Um Staatsgeschäfte!
Unruhe im Chor
Ruhe! Und dann
Stellt euch in Reih und Glied,
Dass die Physiognomien ich mir betrachten kann.

CHOR
unter sich
Was will er betrachten?
Was schwatzt er für Zeug?

VAN BETT
für sich
Meinen Mann werd ich finden,
Das merk ich gleich.
laut
Antwortet laut und mit Verstand:
Wer von euch allen wird Peter genannt?

ZAR
Ich heisse Peter.

IWANOW und mehrere ZIMMERLEUTE.
Auch ich, auch ich!

VAN BETT
Schreit doch nicht so fürchterlich!
Ihr heisst alle Peter? Der Fall ist selten.
Ihr könnt alle doch wohl nicht für Peter gelten?

DIE PETER
Ihr fragt nach dem Namen, wer wird ihn verneinen,
Wir sind viele Peter, was wundert ihr Euch?

VAN BETT
Ei, hol euch der Teufel, ich suche nur einen
Und finde ein ganzes Dutzend gleich.

CHOR
Wir sind ihm zu viele, das ist doch zum Lachen,
Doch was hat er vor? Wo will er hinaus?

VAN BETT
für sich
Ich muss die Sache pfiffiger machen,
So bring ich es niemals heraus.
zum Chor
Woher seid ihr?

CHOR
Von Saardam.

VAN BETT
Ist das auch wahr?

CHOR
Ja, ja! Alle von Saardam.

VAN BETT
Das ist mir nun schon ganz klar.
Und welcher ist ein Fremder von euch?

ZAR und IWANOW
Wir beide sind fremd.

VAN BETT
Aha! Das dacht' ich mir gleich.
für sich
Nur pfiffig sondieren und immer leise,
Denn so nur erhält man das wahre Licht.
O ich bin klug und weise,
Und mich betrügt man nicht.

CHOR
Die Sache wird lustig.

IWANOW
für sich
Ich bin verloren.

CHOR
Jetzt packt er die beiden.
Sie lachen

VAN BETT
Still, nicht gelacht!
zum Zaren
Antworte, wo bist du geboren?

ZAR
In Smolensk.

VAN BETT
Das hab ich mir doch gleich gedacht.

CHOR
lachend
Haha, das hat er schlau gemacht.

VAN BETT
Still, kein Wort kann man verstehn.
zu Iwanow
Wo bist du geboren?

IWANOW
In Moskau.

VAN BETT
Schön, dein Name?

IWANOW
spricht
Peter Iwanow.

VAN BETT
spricht zum Zaren
Und du heisst?

ZAR
spricht
Peter Michaelow.

VAN BETT
kopfschüttelnd
Hm, hm! Der Fall wird kitzlig, so will mir's scheinen,
Da hab ich wieder zwei für einen.
Doch täuschet meine Weltkenntnis mich nicht,
So hat
auf Iwanow deutend
der das echte Spitzbubengesicht.

ZAR, IWANOW und CHOR.
Ist wohl die Frage uns erlaubt,
Warum der Zeit man uns beraubt?

VAN BETT
Ein hochgelahrtes Stadtgericht
Schert sich um Zeit und Stunde nicht.
Geht wieder zur Arbeit, ihr lieben Leute,
ich weiss genug für heute.
zu Meisterin Browe, auf Iwanow deutend
Auf diesen einen gebt wohl acht!
zum Chor
Ihr habt eure Sache gut gemacht.

CHOR
Wenn dann nach der Arbeit das Zeichen ertönet,
Wir eilen zum Schmause;
Es rufet die Stunde, so lange ersehnet,
Zum gastlichen Hause.
Ein heitrer, fröhlicher Festtag ist heut,
Bei Tanz und Gesängen entschwinde die Zeit.
Lasst heute des Daseins uns erfreuen!
Seine Art und seine Weise
Ist die rechte wahrlich nicht,
Drum sich jeder glücklich preise,
Den verschonet sein Gericht.

IWANOW und ZAR
Auf so abgeschmackte Weise
Wird ihm nicht das kleinste Licht;
Er dünkt sich sehr klug und weise,
Doch, gottlob, er ist es nicht.

VAN BETT
O ich bin klug und weise,
Und mich betrügt man nicht.

ALLE ZIMMERLEUTE
gehen ab


ACHTER AUFTRITT
van Bett. Meisterin Browe

VAN BETT
Verlasst Euch auf mich, Frau Browe, ich habe ihn; dieser Iwanow will mir nicht aus dem Kopf - er ist mir schon von einigen als ein homo suspectus bezeichnet worden.

MEISTERIN BROWE
Ein pectus? Um Verzeihung, Herr Bürgermeister -

VAN BETT
Das will sagen, ein Taugenichts, der sich's einfallen lässt, meine Nichte zu beliebäugeln.

MEISTERIN BROWE
Davon weiss ich nichts, und es geht mich auch nichts an.

VAN BETT
Aber mich geht's an, den Bürgermeister! Ich soll einen verdächtigen Menschen aufsuchen, und das kann kein anderer sein, als einer, der mit meiner Nichte liebäugelt.

MEISTERIN BROWE
Kurz, ich halte den Peter lwanow für einen rechtlichen Burschen. Jetzt muss ich an meine Geschäfte, also, Gott zum Gruss, Herr Bürgermeister.

VAN BETT
Noch ein Wort, Frau Browe. Ihr gebt heute ein Gastmahl, ein Fest -

MEISTERIN BROWE
Mein ältester Sohn macht Hochzeit, und da wissen Sie wohl -

VAN BETT
Gut, habe gar nichts dagegen. Ich wollte Euch nur darauf aufmerksam machen, dass bei solchen Lustbarkeiten häufig Händel vorfallen.

MEISTERIN BROWE
Das wollen wir nicht hoffen.

VAN BETT
Bei Gott ist kein Ding unmöglich und bei besoffenen Zimmergesellen, noch viel weniger - ich halte es daher für meine Pflicht, alles in Person zu. beaufsichtigen.

MEISTERIN BROWE
für sich
Auf den haben wir gewartet.
laut
Wenn es Ihnen Spass macht -

VAN BETT
Keineswegs; bloss ein Opfer, welches ich der öffentlichen Sicherheit bringe. Wann wird gespeist?

MEISTERIN BROWE
Um zwölf Uhr ' Herr Bürgermeister.

VAN BETT
Da finde ich mich ein, denn convivia habent multa scandalia.


NEUNTER AUFTRITT
Die Vorigen. Lord Syndham.

LORD
Finde ich hier vielleicht den Herrn Bürgermeister?

MEISTERIN BROWE
Hier, dieser Herr.
für sich
Gott sei Dank, da werde ich den Gierschlund mit guter Manier los.
Sie geht

VAN BETT
ihr nachrufend
Ich lasse nicht warten, verlasst Euch darauf.

MEISTERIN BROWE
Ich bin auch gar nicht bange.
Sie geht ab


ZEHNTER AUFTRITT
van Bett. Lord Syndham

LORD
Ich habe Sie um eine Gefälligkeit zu bitten, mein Herr.

VAN BETT
für sich
Das ist der Engländer, der sich seit einigen Tagen sehen lässt
laut
Darf ich um Dero Firma, will sagen, Dero Namen bitten?

LORD
Später sollen Sie erf ahren, wer ich bin. Erst bedarf ich Ihres Beistandes bei einer Nachforschung von höchster Wichtigkeit.

VAN BETT
Reden Sie! Nachforschungen - darin bin ich stark! Forte!

LORD
So hören Sie; Sie müssen mir einen jungen Mann entdecken helfen, der sich als Zimmergeselle hier aufhält.

VAN BETT
für sich
Schon wieder.
laut
Warten Sie mal, was für ein Landsmann?

LORD
Einen Russen.

VAN BETT
Der Peter heisst?

LORD
Sie wissen also?

VAN BETT
Ob! Dem laure ich schon lange auf, ich habe sogar vor wenigen Minuten noch Verhaltungsbefehle seinetwegen bekommen. Ich fixierte ihn - zwei Minuten - heraus war's.

LORD
vergnügt
Herr Bürgermeister, Ihr Glück ist in Ihren Händen.

VAN BETT
In meinen Händen? Ei, wieso?

LORD
geheimnisvoll
Suchen Sie auf eine geschickte Weise von diesem Peter herauszubringen, welches seine Pläne in bezug auf England sind.

VAN BETT
Auf England? Aha!

LORD
Doch ohne ihn merken zu lassen, dass er entdeckt ist; vor allem müssen Sie verhüten, dass der französische Gesandte uns zuvorkomme.

VAN BETT
Der französische Gesandte, mischt sich der auch hinein? Das Volk muss seine Nase doch in alles stecken.

LORD
Darum vorsichtig, denn auch er sucht unsern Peter und möchte gern - ebenso wie ich -

VAN BETT
Aha! Intelligo. Verlassen Sie sich auf mich, ich werde alles leiten. Erst f ange ich an - in bezug auf - versteht sich, ohne ihn merken zu lassen - und dann ergibt sich das übrige von selbst.

LORD
Gelingt es, so sind 2000 Pfund Ihr Lohn.

VAN BETT
2000 Pfund! Euer Herrlichkeit setzen mich in Verlegenheit.

LORD
Wieso?

VAN BETT
Hat gar nichts zu sagen; weiter, wenn's gefällig ist.

LORD
Eilen Sie, die Sache ist dringend und die Zeit kurz. Wo finde ich Sie wieder?

VAN BETT
In einer Stunde sind wir alle in der grossen Schenke versammelt, unser Mann ist auch dort, und Ehrwürden hätten dann die schönste Gelegenheit -

LORD
Gut, gut; um jedem Verdachte auszuweichen, werde ich verkleidet dort erscheinen. Sorgen Sie nur dafür, dass niemand mit ihm spricht. Vorsicht, die Sache ist zu wichtig. Auf Wiedersehen! 2000 Pfund!. Bedenken Sie!
Er geht ab

VAN BETT
Verlassen Sich Euer Eminenz auf mich.


ELFTER AUFTRITT
van Bett allein.

VAN BETT
Ich verstehe kein Wort von der ganzen Geschichte. Was Teufel haben sie alle mit dem armen Iwanow vor; es muss eine hohe Standesperson sein oder ein Staatsverbrecher. Übrigens ist es ein wahres Glück, dass die Sache an mich kam, denn wehe dem Staate, wo dergleichen politische Angelegenheiten in ungeschickte Hände fallen.


ZWÖLFTER AUFTRITT
Iwanow. van Bett.

IWANOW
Ach Gott! Da laufe ich ihm gerade ins Gesicht.

VAN BETT
für sich
Da ist er; jetzt krieg ich's heraus - aber nur immer fein.
freundlich
Nun, mein lieber Iwanow.

IWANOW
erstaunt, für sich
Sein lieber Iwanow?

VAN BETT
für sich
Der vertrauliche Ton scheint ihm zu missfallen.
laut
Nehmen Sie's nicht übel, Herr Iwanow, und seien Sie versichert, dass ich nichts weniger beabsichtige, als das Geheimnis zu erraten, das Sie hier in Saardam zurückhält.

IWANOW
für sich
's ist richtig, er weiss alles.
laut
Nun, weil es denn nicht anders sein kann, Sie haben von meinem Obersten Nachricht erhalten?

VAN BETT
Allerdings.
für sich
Sein Oberst? Der Engländer ist also ein Oberst, das hätte ich heraus.
laut
Ich weiss, welche Gefahr Sie laufen, wenn der französische Gesandte Sie entdeckt.

IWANOW
Der russische Gesandte wollen Sie sagen.

VAN BETT
Der französische! Ich werde doch den französischen Gesandten kennen. Aber fürchten Sie nichts.
wichtig
Der englische Oberst ist hier, adest!

IWANOW
für sich
Jetzt ist's wieder ein englischer Oberst.

VAN BETT
Kurz, es sind alle Massregeln getroffen - wir schliessen ab zur Zufriedenheit aller Teile.

IWANOW
Wie, Herr Bürgermeister, Sie sind also nicht gegen mich?

VAN BETT
Ich? Oh, Herr Iwanow, wie können Sie mich für so, mit Erlaubnis zu sagen, unpolitechnisch halten?

Nr. 6 - Duett

IWANOW
für sich
Darf ich wohl den Worten trauen,
Spielt er nicht etwa den Schlauen,
Was ihm sonst zwar schwer gelingt?
Darf ich es denn wirklich wagen,
Alles ihm heraus zu sagen,
Ob es mir nicht Schaden bringt?

VAN BETT
für sich
Er scheint mir nicht recht zu trauen,
Spielt am Ende gar den Schlauen,
Glaubt, dass mir es nicht gelingt.
Ganz behutsam werd ich fragen,
Dann wird er schon alles sagen,
Was uns grossen Nutzen bringt.

IWANOW
zu van Bett
Verzeihen Sie, wenn ich es noch nicht wage,
So mit der Sprache recht herauszugehn;
Man traut nicht jedem gleich in meiner Lage,
Sie werden mich recht gut verstehn.

VAN BETT
Ei, Freund, das kann ich keinem wohl verdenken,
Wenn nämlich er,wo Argwohn spürt,
Doch dürfen Sie mir Ihr Vertrauen schenken,
Da es zu Ihrem Lebensglücke führt.

IWANOW
ist überrascht und sagt
Mein Lebensglück!

VAN BETT
Das Ganze leitet mein Genie -

IWANOW
Das freut mich sehr, erfahren Sie -
Er stockt. Sie sehen sich eine Weile an, dann singt jeder für sich.

VAN BETT
beiseite
Er will nicht heraus mit der Sprache,
Und noch ganz dunkel, sehr dunkel ist mir diese Sache,
Drum ist es Zeit, hohe Zeit, dass den Anfang ich mache,
Denn bis jetzt bin ich immer, noch immer so klug wie vorher.

IWANOW
beiseite
Er will nicht heraus mit der Sprache,
Und noch sehr dunkel, ganz dunkel ist mir diese Sache,
Doch ist's gewagt, ja es ist sehr gewagt, wenn den Anfang ich mache,
Und ist es geschehen, dann kann ich zurück nimmer-mehr.

VAN BETT
der sich besonnen
Jetzt hab ich's, jetzt hab ich's,
Nun fang ich ihn gleich.
wichtig
Was ist Ihr Plan in bezug auf Frankreich?

IWANOW
verwundert
Mein Plan?

VAN BETT
Nun ja, der Plan, ich meine, der Plan.

IWANOW
für sich
Was ficht ihn denn schon wieder an?

VAN BETT
Mein Gott, Sie kennen doch Frankreich?

IWANOW
Nein.

VAN BETT
Nicht?

IWANOW
Doch soll's ein schönes Ländchen sein.

VAN BETT
für sich
Diese Wendung war sehr fein.
laut
Aber England kennen Sie ganz genau?

IWANOW
Das heisst -

VAN BETT
für sich
Aha!

IWANOW
Wieso?

VAN BETT
Ich frage, kennen Sie England genau?

IWANOW
achselzuckend
Je nun!

VAN BETT
für sich
Die Antwort war wieder schlau.
Da lässt sich für's erste nun weiter nichts tun, 's ist gewiss, dass er Aufträge hat.
Er zuckte die Achseln und sagte: je nun!
's ist ein feiner Diplomat.

IWANOW
für sich
Soll ich ihm gestehn, oder soll ich's nicht tun?
Teuer ist hier guter Rat.

VAN BETT
für sich
Er zuckte die Achseln und sagte: je nun!
's ist ein feiner Diplomat. -
Wie wär's, wenn, zum Geständnis ihn zu bringen,
Ich ihm nun Hoffnung zeigte auf Marien;
Er ist ihr sehr geneigt, legt leichter sich zum Ziele.

IWANOW
für sich
Nun sinnt er sicher wieder neue Fragen aus,
Die zu beantworten ich nicht imstande bin.

VAN BETT
laut
Sie lieben meine Nichte?

IWANOW
Was ist das?

VAN BETT
für sich
Er stutzt!
laut
Sie lieben sie, nicht wahr, hab ich recht?

IWANOW
für sich
Wie kommt in diesem Augenblick er auf Marie?

VAN BETT
für sich
Er stutzt schon wieder.
laut
Lieben Sie sie nicht?

IWANOW
für sich
Ich weiss nicht, soll ich's ihm gestehn?

VAN BETT
für sich
Er stutzt zum dritten Male!
laut
Nun, junger Stutzer, hören Sie mich an:
Gelingt des Obersten gehoffter Plan,
So könnte wohl es sich gestalten,
Dass Sie Mariens Hand erhalten.

IWANOW
freudig
Was hör ich?

VAN BETT
für sich
Das traf!

IWANOW
O welch ein Glück, welch süsses Glück!
Alles willig zu gestehen, sollen Sie bereit mich sehen.

VAN BETT
Alles willig zu gestehen, werde ich bereit ihn sehen.

IWANOW
Ist der Oberst nur zugegen, schenk ich reinen Wein ihm ein.

VAN BETT
Dazu konnte ihn bewegen meine Schlauheit nur allein.

IWANOW
Oh, wie konnt'ich jemals hoff en, zu erreichen
dieses Glück!

VAN BETT
Herrlich hab ich es getroffen, ha! Es war
ein Meisterstück!

IWANOW
beiseite
Endlich wird es mir gelingen,
Die Geliebte zu erringen
Und zu ernten süssen Lohn!
Nun darf ich ohne Furcht gestehen,
Was mich drückte lange schon.
Ja, vor Wonne möcht ich springen,
Endlich wird es mir gelingen,
Die Geliebte zu erringen
Und zu ernten süssen Lohn.

VAN BETT
beiseite
So nur kann es mir gelingen,
In die Sache Licht zu bringen
Und zu ernten reichen Lohn!
Dass ich gleich alles würd' erspähen,
Ei, das wusst' ich lange schon.
So nur kann es mir gelingen,
In die Sache Licht zu bringen,
Ruhm und Ehre zu erringen
Und zu ernten reichen Lohn.
Er geht ab


DREIZEHNTER AUFTRITT
Iwanow allein.

IWANOW
Meiner Seel, das begreif ich nicht - ich denke, der Mann ist bitterböse auf mich und im Gegenteil, er überhäuft mich nicht nur mit Höflichkeiten, sondern er will sogar mein Glück gründen. Da kommt Marie - alle Wetter - und der windige Franzose hinter ihr her; jetzt kriegt meine Freude gleich wieder eine Ohrfeige.


VIERZEHNTER AUFTRITT
Iwanow. Marie, ihr folgt Marquis von Chateauneuf.

MARQUIS
Diesmal, mein holdes Kind, entfliehen Sie mir nicht.

MARIE
Lassen Sie mich!

MARQUIS
Sie sind so spröde; gewiss fürchten Sie, dass Ihr Liebhaber -

IWANOW
tritt dazwischen
Da ist der Liebhaber.

MARQUIS
lacht
Ah, freut mich, dass ich die Ehre habe -

IWANOW
Mich nicht. Ist es bei Ihnen zulande Sitte, dass man sittsamen Mädchen am hellen, lichten Tage nachläuft?

MARQUIS
Und wenn ich ja sagte?

IWANOW
Hier wollen wir die Sitte nicht einführen, verstehen Sie mich?

MARQUIS
Sehr determiniert! - Mein schönes Kind, wie nennt sich der junge Brausekopf?

IWANOW
Peter Iwanow, Ihnen zu dienen oder nicht zu dienen, besser gesagt.

MARIE
So fange doch nur nicht etwa Streit an.

IWANOW
Es ist wahr, ich sollte mich eigentlich bei dem Herrn bedanken.
Sie streiten zusammen

MARQUIS
für sich
Peter Iwanow? Es wäre doch lustig, wenn ich durch die Neckerei mit einem Mädchen den Zaren entdeckt hätte, den ich seit zwei Tagen suche.

IWANOW
zu Marie
Ei Sapperment, alles muss doch seine Grenzen haben, auch die Courschneidenlasserei, und meine Meinung musste ich ihm wenigstens sagen.

MARQUIS
beiseite
Es wäre möglich - lass sehen!
laut
Ihr heisst Peter?

IWANOW
Ja, zum Henker, ich habe es schon einmal gesagt.

MARIE
leise
Wirst du dem Herrn gleich freundlich antworten, du grober Mensch!

IWANOW
Du wirst doch nicht verlangen -

MARIE
Ich tanze heut keinen Schritt mit dir.

IWANOW
Aber Marie -

MARIE
böse
Adieu, Herr Iwanow!

IWANOW
mit grimassierter Freundlichkeit zum Marquis
Ich heisse Peter Iwanow.
für sich
Dass dich ein Donnerwetter!


FÜNFZEHNTER AUFTRITT
Die Vorigen. Zar

Nr. 7 - Finale

ZAR
zu Marie und Iwanow
Das Fest beginnt, seid ihr bereit und fertig?
Schon ertönt lautes Jubelgeschrei;
Man ist des Brautpaars nur gewärtig,
Dann ziehn sie im Glanze hier vorbei.

MARIE
Eben recht, dass Ihr kommt, denn nur Ihr seid der Mann,
Der den Kopf diesem Herrn da zurechtsetzen kann.

ZAR
Was gibt es wieder?

MARIE
Händel zwischen den beiden;
Dass man mich hübsch findet, will er nicht leiden,
Und ich kann doch, weiss Gott, nichts dafür.

IWANOW
Deine Hübschigkeit geht den Franzosen nichts an.

MARQUIS
der den Zaren beobachtet
Das ist wahrlich ein anderer Mann.
Die edle Bildung, der feurige Blick!

IWANOW
für sich, auf den Marquis blickend
Wart nur, dir brech ich noch das Genick.

ZAR
für sich
Ein Franzose, wie kommt der hierher?

MARIE
zu Iwanow
Du wütest wieder gar zu sehr.

IWANOW
Oh, dass er doch bei allen Teufeln wärl

MARQUIS
Das ist fürwahr kein gewöhnlich Gesicht.
Lass sehn, vielleicht täusche ich mich nicht.
Er tritt zwischen Marie und Iwanow
Ich kam nicht, Zwietracht zu erregen
Hierher, das glaubt mir sicherlich.
Drum frag ich, lieber Freund, weswegen
Seid Ihr so bitterböse nur auf mich?
Lasst Euren Zorn entschwinden
Und reicht versöhnlich mir die Hand;
Ist, eine Schöne schön zu finden,
Denn ein Verbrechen hierzuland?
Ich kann kein reizend Wesen sehn,
Muss huld'gend nahn;
Ist hier vielleicht zuviel geschehn,
Erbitt ich gnäd'ge Strafe mir.

MARIE
Ich darf in Wahrheit eingestehen,
Er huldigte sehr artig mir:
Hat er zuviel mich angesehen,
Wird gnäd'ge Strafe ihm dafür.

IWANOW
Ich darf in Wahrheit eingestehen,
Er huldigte gehörig ihr;
Das soll ich alles so ansehen,
Und doch verargt den Zorn man mir.

ZAR
Ich darf in Wahrheit eingestehen,
Der Mann aus Frankreich scheinet mir
Nicht auf Erobrung auszugehen,
Ihn fesseln andre Zwecke hier.
zum Marquis
Wo sind Sie her, mein Herr, wenn mir erlaubt zu fragen?

MARQUIS
tritt dem Zaren zur Linken
Von Rijswijk, der Gesandtschaft dien ich dort;
Wir reisen ab in wenig Tagen.

ZAR
Warum verlassen Sie den Ort?

MARQUIS
den Zaren stets fixierend
Der Grund ist einfach, es kam uns zu Ohren -
Die Nachricht wurde als verbürgt genannt -
Der Zar sei rettungslos verloren,
Der Russen Niederlage ist nur zu bekannt.

ZAR
heftig
Unmöglich!

MARQUIS
für sich
Es ist der Zar, bei meiner Ehr -.

ZAR
Wer sagt das?

MARQUIS
's ist gewiss, der Russen tapfres Heer
Soll vom Grosswesir total geschlagen sein.
Indem wir reden, ziehen sie in Moskau ein.

ZAR
sich vergessend
Ha, schändlich ist's erlogen!
Die Türken weit und breit,
Sie zittern vor der Russen Tapferkeit;
Die Siege bei Procop verkünden ihre Taten.

MARQUIS
leise sprechend, zum Zaren
Sie sind der Zar, Sie haben sich verraten.

ZAR
für sich
Was tat ich?

MARIE und IWANOW
die sich zurückgezogen, vortretend
Was habt ihr?

ZAR
Es ist nichts, mein Freund, glaube mir.

IWANOW
triumphierend zum Zaren
Du nimmst dich meiner treulich an,
Das ist brav!

MARIE
spottend zu Iwanow
Was hat man dir zuleid getan,
Du armer, armer Mann?
Musik auf dem Theater
Ach die Musik, ei das ist gut.
Es geht zum Tanz.

IWANOW
Mir ist gar nicht tanzerig zumut.

Sie gehen nach dem Hintergrund

MARQUIS
zum Zaren
Sire, ich habe Sie erkannt.

ZAR
Wer sind Sie?

MARQUIS
Marquis von Chateauneuf,
Vom König von Frankreich hierhergesandt.
Wollen Sie die Gnad' gewähren,
Mich huldreich anzuhören?

ZAR
leise
Man kommt. Auf Ihr Inkognito bedacht!
Wir treffen uns, für jetzt so viel,
Dass mir Ihr Hiersein Freude macht,
Es führt vielleicht uns zum gehofften Ziel.


SECHZEHNTER AUFTRITT
Die Vorigen. Meisterin Browe. Braut und Bräutigam nebst Gefolge. Musikanten.

CHOR
Lustig zum Tanze, jubelt, springet
Lustig zum Schmause, Gläser klinget!
Schmücket mit Kränzedas bräutliche Haus!
Glück, Heil und Segen Auf allen Wegen
Dem lieblichen Paar! Doch übers Jahr
Bringen wir neue Wünsche dar.

MEISTERIN BROWE
Ist es gefällig, Jungfer Marie,
Euch unserm Zuge anzureihn?

MARIE
Ihr seid zu gütig, die Braut geleiten
Wird mir 'ne grosse Ehre sein.

MEISTERIN BROWE
Dann lasst uns gehen, dort in der Schenke
Ist zum Empfang schon alles bereit.

IWANOW
Weisst du, Marie, was ich jetzt denke?
Ich wollte, wir wär'n auch so weit.

MARIE
Sieh doch nicht so grämlich drein,
Versprich mir, recht hübsch fromm zu sein,
Und plage dich nicht mit Sorgen.
Ist es nicht heute, ist es doch morgen,
In kurzem sind wir auch so weit,
Dann singt man uns, so wie ihnen heut.
Lustig zum Tanze, jubelt, springet,
Lustig zum Schmause, Gläser klinget!

CHOR
Lustig zum Tanze, jubelt, springet,
Lustig zum Schmause, Gläser klinget!

MEISTERIN BROWE
erblickt Chateauneuf
Wer ist der Fremde, kennt ihr ihn nicht,
Mit welchem Peter so eifrig spricht?

CHOR
Wer ist der Fremde, kennt ihr ihn nicht?

IWANOW
Neugierig seid ihr ganz und gar nicht.
's ist ein Franzose, der dort steht
Und allen Mädchen den Kopf verdreht.

DIE MÄDCHEN
sich vordrängend
Allen Mädchen?

MARIE
Das ist nicht wahr!

IWANOW
Ja so, nur einer.

DIE MÄDCHEN
Ist das wahr, ist das wahr?

IWANOW
Jetzt ist mir's klar.

MEISTERIN BROWE
Scheint ein Bekannter von Peter zu sein,
Dann ist es schicklich, man ladet ihn ein.
Sie will sich dem Zaren nähern, welcher bis dahin mit dem Marquis eifrig gesprochen hat.

IWANOW
Das fehlte noch!

ZAR
mit steigendem Feuer
Denen ich Lieb um Lieb geweiht,
Glanz und Wohlstand gegeben,
Mir trachten die Falschen nach dem Leben!
Doch die Verräter sollen es büssen!
Sterben seh ich sie bald zu meinen Füssen!

ALLE
werden aufmerksam

MARQUIS
bemerkt es und flüstert dem Zaren zu
Vorsicht, Sire, man merkt auf uns.

ZAR
fasst sich schnell und wendet sich mit erkünstelter Heiterkeit zu den übrigen
Lustig zum Tanze, jubelt, springet.
für sich
Mein heisses Blut verrät mich.

MARQUIS
einfallend
Lustig zum Schmause, Gläser klinget!

CHOR
Lustig zum Tanze, jubelt, springet, Lustig zum Schmause, Gläser klinget!

ZAR
zum Marquis
Hier lauscht man jedem unsrer Worte,
Ich harre Ihrer am genannten Orte.
Dort, von der Gäste Schwarm umrauscht,
So leicht kein Späher uns belauscht.
heiter zum Chor
Die Zeit verrinnt, das Fest beginntl

CHOR
Die Zeit verrinnt, das Fest beginnt!
Der Tag sei nur der Lust geweiht,
Auf, auf zur Freud und Fröhlichkeit!

MARIE
All diese bangen Zweifel, wann werden sie wohl enden?
Schenkst du mir nicht Vertrauen, so wirst du nie mein Mann.
Ich glaube, wenn wir beide schon vorm Altare ständen,
So fingst du, mich zu quälen, von neuem wieder an.
Denn deinem Wort ist nicht zu glauben,
Und bin ich auch dein Weibchen, so hegst du dennoch Zweifel,
Denn seh ich mich nur um, so wandelt Eifersucht dich an.
Doch weg mit Grillen, weg mit Sorgen,
Tanzt und jubelt bis zum Morgen!
Ach, wie gerne möchte ich dir vertraun,
Leider kann ich nie auf deine Schwüre baun.

IWANOW
All diese bangen Zweifel, sie werden dann erst enden,
Wenn ich als teure Gattin ans Herz dich schliessen kann.
Oh, dass wir doch nur beide schon vorm Altare ständen.
Wie ruhig und zufrieden, wie glücklich wär ich dann.
ja, auf mein Wort, du darfst mir traun,
ja, auf mein Wort, du darfst mir glauben!
Bist du nur erst mein Weibchen, dann schwinden alle Zweifel
Und nimmer wandelt mehr ein Zug von Eifersucht mich an.
Doch weg mit Grillen, weg mit Sorgen,
Tanzt und jubelt bis zum Morgen!
ja, du kannst auf meine Schwüre baun.
Ich schwör es, du darfst mir kühn vertraun.

ZAR und MARQUIS
Mög' der Himmel gnädig wenden,
Was Verräterlist ersann,
Sonst muss/wird blutig ich/er vollenden,
Und bestrafen diesen Plan.
Wo Undank wohnt, nicht Frieden thront.
Mein/Sein Volk beglücken ist mein/war sein eifriges Bestreben,
Undank ist dafür mein/sein Lohn.

MEISTERIN BROWE und CHOR
Freude streut mit vollen Händen
Heute Gaben jedermann,
Wollet drum den Wortkram enden,
Dass das Fest beginnen kann.
Ja, dieser Tag sei nur geweiht
Der Fröhlichkeit, der Heiterkeit;
Drum weg mit Grillen, weg mit Sorgen,
Tanzt und jubelt bis zum Morgen!

Alles wendet sich zum Gehen

ZWEITER AKT

Das Innere einer grossen Schenke
Der offene Hintergrund gewährt die Aussicht in den Gar-ten mit Lauben und Bogengängen; Blumengewinde und bunte Lampen zieren das Ganze. Im Vordergrund wie im Garten befinden sich Stühle, Bänke und Tische mit Krügen, Flaschen, Gläsern, Pfeifen usw.


Nr. 8 a - Introduktion
(Allegro jubiloso)

ERSTER AUFTRITT
Zar, Iwanow sitzen vorn links zur Seite und rauchen. Zimmerleute, Frauen und Mädchen sitzen teils an Tischen und trinken, teils gehen sie umher, schäkern usw. Beim Aufziehen des Vorhangs muss das Ganze ein lebendiges Bild zeigen.

Nr. 8 b - Chor

CHOR
Hoch lebe die Freude, hoch!
Nur sie ist die Würze im Leben.
Was wünscht der Mensch wohl noch,
Ist Freude ihm gegeben?

EINZELNE STIMMEN
Mich freut ein Gläschen, mich freut ein Mädchen,
Mich ein schön Mieder, mich frohe Lieder.

ALLE
Gesundheit und ein heitrer, froher Sinn
Reichen schon zur Freude hin.
Drum freuet euch!
Worüber, das bleibt sich gleich.

MÄNNER
Frau Gevattrin, Ihr sollt leben!

FRAUEN
Ei, wir danken schön dafür.

MÄNNER
Und die Frau Nachbarin daneben!

FRAUEN
Uns zu bedanken nach Gebühr.

ALLE
Wenn auch das Glas in Stücken zerfällt,
Stosst an, es leb' die ganze Welt.
Juchhe! Schenket euch ein und trinket alle Gläser leer,
Wer doch sein Leben lang so froh und fröhlich wär'!
Stosst an! Juchhe!


ZWEITER AUFTRITT
Die Vorigen. Lefort.

IWANOW
steht gegen Ende des Chores auf
Nein, nun halt ich's nicht länger aus, ich muss sehen, wo sie steckt.
Er geht nach dem Hintergrunde

ZAR
Nun, Iwanow, wohin?
Er erblickt Lefort
Ha, Lefort!

LEFORT
tritt zu ihm, leise
Alles ist zur Abreise bereit.

ZAR
Noch einen Augenblick, Lefort. Ich erwarte jemand, dessen Anwesenheit meine Pläne ändern könnte.

LEFORT
Darf ich fragen, wen?

ZAR
Den französischen Gesandten.

LEFORT
Und seine Absicht?

ZAR
Ist, meine Anwesenheit in Saardam zu benutzen, mich zu gewinnen, und ich gestehe, dass die Allianz gerade in diesem Augenblick mir mehr als willkommen wäre.
Sie sprechen leise weiter

IWANOW
tritt wieder vor
Es ist von ihr nichts zu hören noch zu sehen, und ich hätte so viel mit ihr zu bereden. Oh, warum muss man sich doch, wenn man verliebt ist, ewig abquälen? Ich sehe gar nicht ein, warum, nicht einmal die Notwendigkeit.

MEHRERE GÄSTE
rufen
Bier her, Rum!


DRITTER AUFTRITT
Die Vorigen. Marquis von Chateauneuf.

MARQUIS
tritt als holländischer Offizier verkleidet auf, den Zaren suchend
Ich muss gestehen, die Gesellschaft ist nicht übel für gekrönte Häupter und ihre Gesandten.

ZAR
den Marquis erblickend, für sich
Ha, Chateauneuf.
laut
Kamerad, Kamerad!

IWANOW
Wieder ein neuer Gast.

ZAR
reicht dem Marquis die Hand und lädt ihn zum Sitzen ein

MARQUIS
setzt sich auf Iwanows Platz
Guten Tag, Kameraden.

IWANOW
für sich
Der macht nicht viel Umstände.
laut
Hört, guter Freund, das ist mein Platz.

MARQUIS
So? Das freut mich.

IWANOW
für sich
Gott steh mir bei. Das ist der Fran-zose von heute früh.

ZAR
zu Iwanow
Nun, was fehlt dir? Du scheinst ja ganz verwirrt.

IWANOW
O nichts
beiseite
Wetter! Ich errate, wes-halb er kommt. Er hat es auf Marie abgesehen. Nun wird mir's nachgerade zu bunt.

ZAR
lwanow - nimm deine Pfeife.

IWANOW
trocken
Ich habe schon geraucht.

ZAR
So nimm dein Glas -

IWANOW
Ich habe keinen Durst.

ZAR
Ich wollte auf Maries Gesundheit trinken.

MARQUIS
Wer ist das schöne Kind?

IWANOW
zum Marquis
Tun Sie mir den Gefallen, stellen Sie sich nicht so unschuldig.

ZAR
Du bist übel gelaunt.

IWANOW
I behüte. Ich kam hierher, mich lustig zu machen, und das tue ich auch. Juch! - Ich möchte verrückt werden!

ZAR, MARQUIS und LEFORT
lachen


VIERTER AUFTRITT
Die Vorigen. Marie

MARIE
sehr eilig,zu Iwanow
Aber, wo steckst du denn? Ich suche dich überall.

IWANOW
Siehe da, es freut mich, dass ich endlich das Vergnügen habe -

MARQUIS
sich umsehend
Die Kleine sieht bezaubernd aus.

LEFORT
Allerliebst.

ZAR
Bist du nun zufrieden, Iwan?
leise zum Marquis
Zur Sache, Herr Marquis!

IWANOW
Allerliebst, bezaubernd! Und das hörst du alles an?

MARIE
Mein Gott, ich kann den Leuten doch das Reden nicht verbieten. Geh, du bist wieder recht brummig! Ich habe mich so oft auf den heutigen Abend gefreut, aber immer musst du mir die Lust verbittern. - Komm mit, wir haben uns in der grossen Laube versammelt und wollen das Brautlied singen, das uns Peter Michaelow gelehrt hat, du tanzest dann mit mir die Runde.

IWANOW
Marie, sieh mir einmal ins Gesicht.

MARIE
tut es
Nun?

MARQUIS
zieht mehrere Papiere hervor, leise zum Zaren
Hier ist der Traktat, wenn Euer Majestät geruhen wollen -

IWANOW
Hast du mich wirklich aufgesucht?

MARIE
Wen soll ich denn suchen?

IWANOW
Es könnte ja auch wohl der gewisse jemand sein.

MARIE
lauter
Du meinst doch nicht den Franzosen?

MARQUIS
hört es und sieht sich um

IWANOW
Ja, sehen Sie sich nur um, die Rede ist von Ihnen.

MARIE
Pfui, lwan, das war wieder ein schlechter Witz.

MARQUIS
steht auf
Sie haben mich also wiedererkannt, mein schönes Kind?

IWANOW
Jetzt geht das Courschneiden wieder los.

MEHRERE GÄSTE
haben sich, während der Zar liest, hinter ihm gesammelt
Was haben denn die da zu verhandeln?

ANDERE
Wohl Staatsgeheimnisse?

MARIE
die sich mit dem Marquis unterhielt
Nein, mein Herr, wir haben keine Zeit, wir müssen zum Konzert.

MARQUIS
lacht
Zum Konzert?

MARIE
mit einem Knicks
Ich bin die Sängerin, mit Ihrer Erlaubnis, ich singe vor.

MARQUIS
Ach, dürfte ich Ihnen doch nachsingen.

MARIE
Das steht Ihnen frei. Können Sie denn auch singen?

MARQUIS
Ei wohl, aber nur zärtliche, schmachtende Romanzen.
Er geht zum Zaren zurück

IWANOW
läuft herum
Gott steh mir bei!
zu Marie
Komm, Marie, wenn der Kerl gar anfängt zu singen, trifft mich der Schlag.

MARQUIS
leise zum Zaren
Sie werden beobachtet.

IWANOW
Komm, Marie, mir fängt an schwül zu werden.

MARIE
Gleich! gleich!
zum Marquis
Bitte, lieber Herr, singen Sie etwas Schmachtendes.

IWANOW
Aber Marie -

ZAR
leise zum Marquis
Tun Sie es, damit ich ungestört bin.

MARQUIS
zu Marie
Was könnte ich Ihnen abschlagen? Sie wünschen also -

MARIE
Etwas recht Zärtliches; hier
auf Iwanow zeigend
dieser junge Mann hört es so gern.

IWANOW
seufzt

MARIE
Hören Sie, wie er seufzt. ja, solche Lieder sind seine Passion, so etwas zum Zerfliessen!
leise zu Iwanow
Das ist für deinen niedrigen Argwohn.

MARQUIS
Tretet näher, meine Freunde, und singt den Endreim mit.

ALLE
sammeln sich um den Marquis

ZAR
an seinem Tische, liest ungestört

Nr. 9 - Lied mit Chor

MARQUIS
Lebe wohl, mein fland'risch Mädchen,
Wider Willen muss ich fort;
Doch ich liebe dich von Herzen,
Darauf geb ich dir mein Wort.
Teurer weit als meine Seele
Bist du, o Geliebte, mir!
Und keiner andern soll's jemals gelingen,
Mir auch entfernt nur gefährlich zu sein;
Konnt' ich dein Herz, deine Liebe erringen,
Kann ich auch ewige Treue dir weihn!

MARIE, MARQUIS und CHOR
Ewige Treue will ich/er ihr weihn.
Ich/ Er will ewige Treue der Teuren weihn.

MARQUIS
Gib mir diese seidne Locke,
Auf dem Herzen ruhe sie,
Meiner holden Maid aus Flandern,
Die ich wider Willen flieh,
Ihrer werd ich mich erinnern,
Wenn mich Kampf und Schlacht umgibt.
Doch wirst du auch einstens meiner gedenken
Der dir gehöret mit Herz und mit Sinn,
Und eine Träne der Wehmut mir schenken,
Wenn ich nicht mehr unter Lebenden bin?
Wirst du auch meiner zärtlich gedenken,
Teures Mädchen, der dir stets gehöret mit Herz und Sinn?

MARQUIS, MARIE und CHOR
Der dir gehört mit Herz und Sinn;
Wirst du mein auch gedenken mit Herz und Sinn?


FÜNFTER AUFTRITT
Die Vorigen. Meisterin Browe kommt von hinten.

MEISTERIN BROWE
Bringt die Tische und Bänke beiseite, wir müssen hier tanzen; es wird zu feucht im Garten, und das ist für junge Eheleute nicht gut.

MARIE
Frau Meisterin, ist mein Oheim noch im Garten?

MEISTERIN BROWE
Ei freilich, er tut mehreren Zimmerleuten die Ehre an, mit ihnen zu trinken, und schreit dabei, dass einem Hören und Sehen vergeht.

MARIE
Desto besser, so denkt er nicht an mich.

IWANOW
Du fürchtest wohl, er möchte dich in deiner höchst angenehmen Unterhaltung stören, denn du bist über das Lied ja ordentlich verzückt!

MARIE
Höchst!

IWANOW
Ganz ausser dir.

MARIE
Höchst.

IWANOW
Du beträgst dich -

MARIE
Wie eine Verzückte.

MEISTERIN BROWE
Aber, was habt ihr denn miteinander?

MARIE
Herr Iwanow setzt mir soeben die Romanze auseinander, die der Herr sang.

MEISTERIN BROWE
Dummes Zeug! Stellt euch zum Tanz, gleich kommt die Musik.
Sie geht anordnend nach dem Hintergrunde

IWANOW
Nichts setz ich auseinander, aber die Romanze setzt uns auseinander, und ich danke Gott, dass mir endlich die Augen geöffnet wurden. Oh, ich merke alles, ich bin nicht so dumm. Der verkappte Franzose hat dich bestrickt, will dich zur Gräfin, zur Prinzessin, zur - Gott weiss was - machen, und mich denkst du so lange an der Nase herumzuführen - aber nein, so haben wir nicht gewettet. Gott ist mein Zeuge, ich habe dich so herzlich liebgehabt, ich hätte mein Leben für dich gegeben, ich wäre mit dir in den Kanal gesprungen. Aber nein, erst werfe ich den Romanzensänger hinein und dann - dann springe ich noch lange nicht hinterdrein.

MARIE
nach einer kleinen Pause, ernst
Wäre dein Betragen einer Erwiderung wert, so würde ich dir antworten, so aber will ich es bis morgen versparen, wenn du ausgeschlafen hast. Das eine nur: halte mich nicht für herzlos und glaube gewiss, dass deine Rede mich erschüttert haben würde - ich schwöre es dir
tragisch
bei der Liebe, die ich stets für dich gehegt habe -, wenn du mir nicht die beruhigende Gewissheit gegeben hättest, dass du -
mit Humor
unter keiner Bedingung ins Wasser springst.
Sie lacht

IWANOW
Das hab ich nun davon, jetzt lacht sie mich noch aus. O Weiber, Weiber!


SECHSTER AUFTRITT
Die Vorigen. van Bett.

VAN BETT
noch hinter der Szene
Schon gut, schon gut! Stattet mir morgen Euern Bericht ab; jetzt hab ich keine Zeit.

MARIE
Mein Oheim, er darf mich hier nicht finden!
Sie versteckt sich unter der Menge

MEISTERIN BROWE
mit van Bett vortretend
Was gibt's, Herr Bürgermeister?

VAN BETT
Kleinigkeit. Soeben meldet mir mein Schreiber, dass verschiedene Gefangene meine Abwesenheit benutzt haben und entwichen sind.

MEISTERIN BROWE
Ei, das ist denn doch -

VAN BETT
Pah, das ist mir schon hundertmal passiert.
Er blickt spähend umher

MEISTERIN BROWE
Wen suchen denn der Herr Bürgermeister?

VAN BETT
Ich reflektiere bloss.
für sich
Der Mann von 2000 Pfund lässt lange auf sich warten.
er erblickt Iwanow
Ah, sieh da, Herr Iwanow! Ich freue mich, dass ich die Ehre habe.

MEISTERIN BROWE
Ei, Sie sind ja auf einmal gewaltig höflich gegen einen Zimmergesellen.

VAN BETT
leise
St! Erinnert Ihr Euch, Frau Browe, was ich heute früh zu Euch sprach?

MEISTERIN BROWE
ebenso
Wegen Iwanow?

VAN BETT
Ich sagte Euch: dieser vermeinte Zimmergeselle ist nicht, was er scheint; er ist entweder ein Prinz oder ein Spitzbube, ein Mittelding gibt's nicht.

MEISTERIN BROWE
Aber, gestrenger Herr Bürgermeister -

VAN BETT
Prinz oder Spitzbube, denkt an mich.
Er sieht sich um
Da kommt der Mylord.
zur Witwe Browe
Lasst Euch aber nichts merken.

MEISTERIN BROWE
sich zurückziehend
Der schwatzt wieder entsetzlich viel dummes Zeug.


SIEBENTER AUFTRITT
Die Vorigen. Lord Syndham, als holländischer Schiffer verkleidet, tritt vor.

VAN BETT
ihm entgegen
Ah - Euer Herrlichkeit.

LORD
leise
St! Hier bin ich nicht Lord.

VAN BETT
ebenso
Das konnt' ich mir gleich denken. Ich habe schon alles eingeleitet. Dort,
auf Iwanow deutend
dort ist unser Mann.

LORD
Sind Sie Ihrer Sache auch gewiss?

VAN BETT
Das sollen Sie gleich hören.
laut
Herr Iwanow!

IWANOW
Zu Befehl!
für sich
Aha, das ist der Oheim.

VAN BETT
leise zum Lord
Sehen Sie, alles ist richtig.

LORD
Was richtig?

VAN BETT
Alles. Hören Sie nicht, er sagte: zu Befehl.

LORD
Nun?

VAN BETT
Wenn einer "zu Befehl" sagt, ist alles richtig.

LORD
Ich werde mich überzeugen.

IWANOW
Holla! Rum! Gläser!

ZAR
Papier und Tinte.
Man bringt das Verlangte. Der Chor hat sich währenddessen zurückgezogen.

Nr. 10 - Sextett

VAN BETT, LORD, IWANOW, MARQUIS, ZAR, LEFORT
Zum Werk, das wir beginnen,
Braucht es der Klugheit Macht,
Um Grosses zu gewinnen
Durch Pläne, schlau erdacht.
Drum prüfe sich ein jeder,
Jetzt ist dazu noch Zeit,
Auf dass dann keiner später
Geschehenes bereut.
Ans Werk!

Alle setzen sich: der Lord, van Bett und Iwanow an den Tisch rechts, der Zar, der Marquis und Lefort links.

LORD
zu van Bett
Sind Sie gewiss, dass wir ganz ungestört?

VAN BETT
Sei'n Sie versichert, dass niemand hier uns hört.

LORD
nach rechts zeigend
Doch jene Leute an dem Tische dort?

VAN BETT
's sind lust'ge Vögel, hören nicht ein Wort.
Doch bäte ich, zum Ziele zu gelangen.
Dass jeder nun frei und offen seine Meinung sagt.

IWANOW
Das ist mir lieb.

VAN BETT
Heraus denn ohne Bangen,
Hier unter Freunden keiner etwas wagt.

MARQUIS
Sind Sie gewiss1 dass niemand hier uns hört?

ZAR
Seien Sie ganz ruhig, wir sind ganz ungestört.

MARQUIS
Doch jene Zecher an dem Tische dort?

ZAR
's sind lust'ge Vögel, sie schwatzen, sie trinken
Und hören nicht ein Wort.

LORD
zu Iwanow
Geruhen Majestät mich anzuhören.

VAN BETT
erstaunt
Majestät?!

IWANOW
Ei, wie komm ich so zu Ehren?

LORD
Verzeihung, ich vergass -

VAN BETT
für sich
'ne Majestät.
laut
Aha!

LORD
Nicht unvorsichtig, Herr van Bett!

IWANOW
zum Lord
Ganz frei heraus, lieber Herr, ich dächte,
Dass meine Sache man recht bald in Ordnung brächte,
Auf dass ich könnte ruhig sein.

LORD
Sire, das liegt an Ihnen nur allein.

VAN BETT
für sich
Es ist ein Sire, das leuchtet mir jetzt ein.

MARQUIS
zum Zaren
Gestatten Majestät mir eine Frage?

ZAR
Sehr gern.

MARQUIS
Was halten Sie von dem Vertrage?

ZAR
zum Marquis
Zur Antwort, dass ich gern, ich will nicht leugnen,
Bereit wär', den Traktat zu unterzeichnen,
Wenn ausgedehnte Vollmacht Ihnen ward.

MARQUIS
übergibt eine Schrift
Hier der Beleg, dass nichts daran gespart.

LORD
der währenddessen mit Iwanow gesprochen, freudig zu van Bett
Ich rücke näher schon dem Ziel.

VAN BETT
So schnell? Ei, das ist wirklich viel.

LORD
Sehr viel.

VAN BETT
Entsetzlich viel!
leise zum Lord
Doch sagen Sie mir nur mit einem Worte,
Sie nannten diesen Mann ja Majestät -

LORD
Nun freilich.

VAN BETT
Was ist's denn für `ne Sorte
Von Majestät?

LORD
St!

VAN BETT
St! Ich bin ganz Ohr.
beiseite
's ist nicht richtig, alle beide
Kommen mir verdächtig vor.

ALLE
Unsre Absicht zu erreichen,
Lasst uns schlau zu Werke gehn;
Denn auch nicht das kleinste Zeichen
Deute, dass wir uns verstehn.
Darum leise und mit Vorsicht
Werde jeder Schritt getan:
Nur auf solche Weise gelinget der Plan.

VAN BETT
Man möchte gleich des Teufels werden,
Wenn man nie etwas erfährt.

ZAR
zum Marquis
Den Entwurf nun aufzusetzen,
Sehn Sie ernstlich mich bereit.
Er schreibt

IWANOW
zum Lord
Nur über eines bin ich nicht im klaren,
Drohn mir denn künftig auch wirklich nicht mehr Gefahren?
Sie sagten vorhin, man forsche noch nach mir.

LORD
Darüber kann ich ganz genau berichten, Sire;
Die Herren Gesandten fremder Mächte, sie trachten
Sich Ihrer zu bemächt'gen
leise
in Person.
Sie sprechen weiter

VAN BETT
beiseite
Sich seiner zu bemächt'gen, alle Wetter!
Das ist ein Demagoge, so viel merk ich schon.
Dann kann er doch auch nicht von hoher Abkunft stammen,
Denn Prinz und Demagoge, das passt doch nicht zusammen.
Lauter Wirrwarr, keine Klarheit!
Lauter Lügen, keine Wahrheit!

IWANOW
zum Lord
Das eine nur, mein Herr, bemerk ich Ihnen:
Nicht hab ich Lust, ferner noch zu dienen.

LORD
Ha, ich versteh, Neutralität ist Ihnen lieber.

IWANOW
bejahend
Neutralität.

VAN BETT
Neutralität, da geht nichts drüber.

ZAR
Hier mein Entwurf, lesen Sie, Marquis.

LORD
leise zu van Bett
Ich bin am Ziel. Um eins noch bitt ich Sie,
Mir ferner beizustehn, wie es geschah bisher.

VAN BETT
Versteht sich, die seltne Ehr' -

LORD
Fortan sei Ihre erste Pflicht,
Streng zu verhüten, dass ihn jemand spricht,
Vorzüglich niemand Fremdes! Sie verstehn mich doch?

VAN BETT
Ist's Ihnen recht, so steck ich ihn sogleich ins Loch.

LORD
Herr, sind Sie toll? Was reden Sie für Zeug? -
Die tiefste Ehrfurcht -

VAN BETT
Das dacht-' ich mir gleich.

ZAR
Nun, Marquis, sind Sie zufrieden?

MARQUIS
der gelesen hat
Welch glücklich Los ward mir beschieden,
Dass zum Vermittler mich mein König auserkor.

ZAR
steht auf, die andern beiden mit ihm
Unsre Ansicht?
Marquis. Ist nur eine.
Sie reichen sich die Hände

IWANOW
steht auf, die andern mit ihm
Ihre Ansicht ist die meine.

VAN BETT
für sich
"Ihre Ansicht ist die meine."
Es ist nicht richtig, alle beide
Kommen mir verdächtig vor.

ALLE
Unsre Absicht zu erreichen,
Lasst uns schlau zu Werke gehn;
Denn auch nicht das kleinste Zeichen
Deute, dass wir uns verstehn.
Darum leise und mit Vorsicht
Werde jeder Schritt getan:
Nur auf solche Weise gelinget der Plan.

LEFORT
geht auf einen Wink des Zaren ab


ACHTER AUFTRITT
Die Vorigen. Meisterin Browe. Marie.

Vor Anfang des Sextetts hatte sich ein Teil der Anwesenden teils entfernt, teils ganz in den Hintergrund gezogen. Alles tritt nun wieder vor.

MEISTERIN BROWE
Hierher die Musik! Sind die Tische noch nicht beiseite? Angepackt, junge Burschen! Frisch, munter, der Tanz geht los.

MARQUIS
fröhlich
So ist's recht, lustig muss man sein. Das ist der schönste Tag meines Lebens.
Er stösst auf den Lord
Was seh ich?

LORD
Das ist Marquis von Chateauneuf.

MARQUIS
Sie sind's, Mylord? Wozu diese Verkleidung?

LORD
Wie kommen Sie in diesem Gewande in die Schenke?

MARQUIS
leise
St! Ein verliebtes Abenteuer, verraten Sie mich nicht.

LORD
Da geht's Ihnen wie mir, ich bin auch verliebt.

MARQUIS
für sich
Der sucht, was ich bereits gefunden.

LORD
für sich
Der gute Marquis kommt etwas zu spät.

EINIGE
rufen
Zum Tanz! Zum Tanz!

ANDERE
Das Brautlied! Das Brautlied!

VAN BETT
Ruhe! Nicht so gelärmt, wenn Personen von
hohem Range anwesend sind.

EINIGE
unter sich
Was sagt er? Wie ist das?

LORD
leise
Aber Herr Bürgermeister -

VAN BETT
Verstehe!
laut
Ich wollte sagen, wenn ich anwesend bin.

DIE GÄSTE
unter sich
Ach so, wenn's weiter nichts ist.

VAN BETT
Frau Browe, ich glaube, das Volk räsoniert.

MEISTERIN BROWE
Ei behüte, sie meinen nur, aus Ihnen machten sie sich nichts.

VAN BETT
Das kann ich den Leuten nicht verdenken, besonders wenn ihrer so viele beieinander sind. - Näher, liebe Leute, geniert euch meinetwegen gar nicht. Tanzt und singt! Wo ist denn meine -
erblickt Marie, die sich unter der Menge versteckt hält -
Ah, sieh da, unsere teure Nichte.

MARIE
Mein Gott, ich suche Sie überall -

VAN BETT
Freut mich, dass du da bist.
beiseite
Jetzt kann ich ihr allenfalls erlauben, hierzubleiben, denn ist er ein Prinz, so kann man nicht wissen -

MARIE
Sie erlauben mir also, hierzubleiben?

VAN BETT
Ei, was werde ich nicht. Es sind ja
auf Iwanow deutend
Personen gegenwärtig, denen deine Gegenwart vielleicht nicht ganz unangenehm ist.
für sich
Aha, die Majestät schmunzelt. Oh, es ist doch etwas Einziges um ein majestätisches Schmunzeln.

ALLE
Das Lied! Das Lied!

VAN BETT
Singe, mein Kind, befriedige die zarten Gemüter.

Marie steht in der Mitte; auf der einen Seite der Zar und der Marquis, auf der andern der Lord und van Bett, welche sich bemühen, lwanow ins Gespräch zu ziehen, dieser ist aber nur mit Marie beschäftigt.

Nr. 11 - Brautlied mit Chor
(Während des Ritornells wird getanzt.)

MARIE
Lieblich röten sich die Wangen
Einer Jungfrau hold und schön;
Ihre Brust schwellt süsses Bangen,
Sieht ihr Aug' den Jüngling stehn.
Naht er ihr mit Liebesscherz,
Weiss sich's Mädchen nicht zu fassen;
Möcht ihn lieben, möcht ihn hassen.
Was bedeutet das, mein Herz?
Jungfrau, solche zarten Triebe
Künden die erwachte Liebe!
Darum hütet eure Herzen,
Mit der Liebe gilt kein Scherzen.

CHOR
Darum hütet eure Herzen,
Mit der Liebe gilt kein Scherzen.

MARIE
Doch dein Herz ist schon getroffen:
Beim Geliebten ist dein Glück,
Und dein Sehnen und dein Hoffen
Strahlt sein Auge dir zurück.
Mägdlein ruft: wer rettet mich?
Mädchen, bald sollst befreiet du dich sehen.
Wirst du zum Altare gehen,
Legt dein Harm sich sicherlich.
Jungfrau war nicht mehr zu retten,
Seufzt nun in der Ehe Ketten.
Alle Mägdlein, trotz der Klagen,
Müssen solche Fesseln tragen.

CHOR
Alle Mägdlein, trotz der Klagen,
Müssen solche Fesseln tragen.

Nach dem Lied Lärm von aussen.


NEUNTER AUFTRITT
Die Vorigen. Lefort. Später kommt Meisterin Browe von hinten.

LEFORT
eilig zum Zaren
Der Kurier von Moskau ist da. Die Empörung ist allgemein.

ZAR
heftig
Tod und Hölle. Es ist die höchste Zeit. Fort nach Moskau!

MEISTERIN BROWE
bestürzt
Mein Gott, was soll das bedeuten! Das ganze Haus ist von Soldaten umringt.

ALLE
Soldaten?

VAN BETT
Wer untersteht sich -

MEISTERIN BROWE
Da kommen sie schon.
Sie tritt zurück.

ZAR
Verdammt, wie nun entkommen?


ZEHNTER AUFTRITT
Die Vorigen. Ein Offizier mit Wachen.

VAN BETT
ihm entgegen
Herr, wie können Sie sich unterfangen, ohne mein Vorwissen -

OFFIZIER
Ich habe meine Verhaltungsbefehle, denen ich folgen muss.

VAN BETT
beruhigt
Das ist etwas anderes. Wenn Sie Verhaltungsbefehle haben -

OFFIZIER
Sie sind der Bürgermeister von Saardam?

VAN BETT
Der bin ich.
zu den andern
Ja, wenn er Verhaltungsbefehle hat -

OFFIZIER
Dem Rate von Amsterdam wurde angezeigt, dass seit einigen Monaten auf den Schiffswerften von Holland sich Fremde einfinden und eine grosse Anzahl von Arbeitern weglocken; sie haben beschlossen, dieser Falschwerberei Einhalt zu tun.

LEFORT
leise
Das geht auf uns.

ZAR
ebenso
Still!

VAN BETT.
Sag ich's doch! Die Bürgermeister von Holland verstehen alle nichts. Ich stehe dafür, dass zu Saardam -

OFFIZIER
Eben zu Saardam haben die meisten Abwerbungen stattgefunden.

VAN BETT
Hab ich's nicht gedacht? Und kein Mensch macht mir eine Anzeige davon.

OFFIZIER
Nach dem Beschlusse der Herren soll jeder Fremde, der sich nicht hinlänglich legitimieren kann, verhaftet werden.

VAN BETT
Verhaftet und eingesperrt. Meine Maxime!

IWANOW
Ich bin verloren.

ZAR
Das Abenteuer wird lustig.

VAN BETT
Halt, ich hab's! Seit heute morgen hab ich schon Verdacht.
Er sieht sich um
Wir sind von Staatsverrätern umgeben.

ALLE
erschrocken
Staatsverräter?

ZAR
Verwünscht!

IWANOW
O weh!

VAN BETT
Gleich sollt ihr euch überzeugen.

Nr. 12 - Finale

VAN BETT
Schon seit geraumer Zeit bemerk ich hier Gesichter,
Die mir ganz unbekannt;
Und die gehören sicherlich zu dem Gelichter,
Das man soeben mir genannt.
Mir wird es sicherlich gelingen,
Zum Geständnis sie zu bringen.
Sondieren werde ich ganz leise.
Dass ohn' Erlaubnis keiner spricht!
O ich bin klug und weise,
Und mich betrügt man nicht.

ALLE
Was will er tun, wen will er zwingen? Wen will er zum Geständnis bringen? Schlauheit ist sonst seine Sache nicht.

VAN BETT
Hier von diesen beiden Laffen
Hab ich einen ausersehn.
zum Marquis
He, was hast du hier zu schaffen?
Wirst du gleich es mir gestehn?

MARQUIS
Gesandter des Königs von Frankreich und Navarra,
Marquis von Chateauneuf nennt man mich.

VAN BETT
O weh! Was hab ich da getan!
Da kam ich gleich beim ersten übel an.

CHOR
verwundert
Ein Gesandter! Ein Gesandter von Frankreich?

VAN BETT
ärgerlich zum Chor
Von Frankreich, von England,
von Spanien, von Schottland,
Das bleibt sich gleich.
Habt Respekt, das rat ich euch.
zum Marquis
Vergebung Euer Gnaden, denn ich irrte mich;
Den an Ihrer Seite, den meinte ich.
zu Lefort
Antworte mir, wer bist du? Sprich!

LEFORT
Gesandter des Kaisers aller Reussen,
Admiral Lefort nennt man mich.

VAN BETT
O Donnerwetter! Was soll das sein?
Das begreife ein andrer als ich.

CHOR
Zwei Gesandte! Was soll das heissen?
Zwei Gesandte in der Schenke, wie wunderlich!

VAN BETT
zu Lefort
Verzeihung, erhabner Admiral!
Wie kann der Mensch sich irren,
's ist wahrhaftig ein Skandal!

SOLI und CHOR
Der Spass fängt an uns zu belust'gen.
Lass doch sehn, wie weit er's treibt,
Ob er beim Examinieren bleibt.

VAN BETT
erblickt den Lord, beiseite
Halt! jetzt hab ich's, der muss es sein,
Der mir die Pfunde zugedacht
Und noch kein Lot mir hat gebracht;
Der mich so frech belogen,
Unterhandlungen gepflogen
Hier bei trautem Rendezvous.
Heraus mit der Sprache! Wer bist du?
Bei Eurem Kopf, die Wahrheit gesteht!

LORD
Gesandter der brit'schen Majestät,
Lord Syndham werde ich genannt.

VAN BETT
Das ist zu toll, ich verliere den Verstand;
Wohin ich mich auch wende hier in dem Kreise,
Erblicke ich ein hochgebor'n Gesicht!

SOLI und CHOR
O er ist klug und weise,
Und ihn betrügt man nicht.

VAN BETT
Stille, nicht Allotria getrieben!
Wird mein Ansehn so geehrt?
Wo bin ich doch gleich stehngeblieben?
ja so, nun weiss ich's. Ihr Leute, hört!
Von denen hier sich nichts ermitteln lässt,
Drum hört mich an, was ich ersann!
auf den Zaren und Iwanow deutend
Gleich packt mir die zwei Burschen fest.

ZAR und IWANOW
Wen, mich?
Was fällt Euch ein?

MARIE und MEISTERIN BROWE
Nun geht's von vorne wieder an!

CHOR
Was haben die ihm denn getan?
Sie wollen auf beide los.

VAN BETT
Wollt ihr nicht auch Gesandte sein?

MEISTERIN BROWE
Herr Bürgermeister -

VAN BETT
Lasst mich gewähren!

MARIE
Liebster Oheim -

VAN BETT
Ich will nichts hören!

ZAR
Ihr wollt es wagen?

VAN BETT
Packt ihn, ihr Leute!

IWANOW
Lasst Euch doch sagen -

VAN BETT
Sie alle beide!

MARIE
Aber so hört mich doch nur an,
Was hat Euch Iwanow getan?

VAN BETT
Geh mir, Mädchen, schnell aus dem Gesicht,
Misch dich in Staatsgeschäfte nicht.

CHOR
Er ist fürwahr im Kopfe toll!
Er weiss nicht, wen von allen er einsperren soll.
Und widerstrebt man ihm, braucht er Gewalt.

DIE ÜBRIGEN
Fürwahr, er ist im Kopfe toll!
Er weiss nicht, wen er fangen soll,
Und widerstrebt man ihm, braucht er Gewalt.

VAN BETT
Ich werde wahrlich noch im Kopfe toll!
Und einer ist es, den ich fangen soll,
Und braucht man Widerstand, brauch ich Gewalt.
Ihr alle räumt nun diesen Ort!
Ihr schleppt mir diese beiden fort!

Man will lwanow fassen.

LORD
schnell und leise zu van Bett
Herr, wissen Sie auch, was Sie wagen?
Das ist der Zar.

VAN BETT
Nicht möglich!
auf den Zaren zeigend
Dann packt mir diesen.

MARQUIS
schnell und leise
Herr Bürgermeister, wissen Sie, was Sie wagen?
Das ist der Zar.

VAN BETT
Ach, was Sie sagen!
Sehr klug, sehr pfiffig, sehr schlau, sehr fein!
Nun wollen alle wieder Zare sein.
Abgetan, man will mich hier vexieren,
Ich lasse alles arretieren,
Gesandte - Zare - Wirte - Gäste,
Alles sperrt ein, so ist's das beste.

ZAR
wütend
Ha, wag es, mir zu nahn, wer noch Lust am Leben hat!
Mein Langmut ist zu Ende, und es wendet sich das Blatt.
In dem Staub zu meinen Füssen
Und zu spät wirst du erfahren,
Was, Verwegner, du gewagt.
Sollst du dein Vergehen büssen.

VAN BETT
Was, du willst dich widersetzen? Diese Kühnheit geht zu weit!
Deine Frevel zu bestrafen, bin als Richter ich bereit.
Soviel darf getrost ich sagen,
Ich gebiete hier allein;
Solche Keckheit zu ertragen,
Müsst' ich mehr als Schwachkopf sein.

MARQUIS, LEFORT und LORD
Ha, er will sich widersetzen, es kommt noch zu blut'gem Streit!
Seine Kühnheit zu bestrafen, sehen wir ihn schon bereit.
Wenn wir ihn gewähren liessen,
Würde er bald Blut vergiessen;
Doch davor ihn zu bewahren,
Werde alles gern gewagt.

CHOR
Ha, er will sich widersetzen, es setzt sicherlich noch Streit,
Und gefangen ihn zu sehen, wäre doch uns allen leid.
Seinem Zorne nach zu schliessen,
Kommt es noch zu Blutvergiessen.
Könnten wir doch nur erfahren,
Weshalb er so vieles wagt.

MARIE und IWANOW
Seinem Zorn sich/ mich widersetzen,
Sei du nimmermehr / Siehst du nimmer mich bereit,
Denn was könntest du / könnte ich gewinnen,
Führte es zu blut'gem Streit?
Nein, du darfst dich nicht / Nimmer werd ich mich entschliessen,
Ohne Not Blut zu vergiessen.
Davor soll dich / Gott bewahren,
Denn es hiesse viel gewagt.

VAN BETT
Wagt ihr hier noch ein Wort,
Sperr ich euch alle ein!

LORD, LEFORT und CHOR
Wagt man hier noch ein Wort,
Sperrt er uns alle ein!

ZAR
Mein Geheimnis werd ich wahren,
Doch die Kühnheit nicht verzeihn.

MARQUIS
Sein Geheimnis wird er wahren,
Den Gefahren nun sich weihn.

MARIE, MEISTERIN BROWE und IWANOW
Keine Silbe mehr zu wagen,
Wird das beste nun wohl sein!

MARIE, IWANOW, LEFORT, LORD und CHOR
Eilig uns fort von hier jetzt zu tragen,
Wird wohl das beste sein.

ZAR
Wagst du nur noch ein Wort jetzt zu sagen,
Büsst du dein Leben ein.

MARQUIS
Seinen Zorn zu ertragen,
Wird wohl das beste sein.

VAN BETT
Solchen Hohn zu ertragen,
Müsst' ich ein Schwachkopf sein.

Gegen Ende geht der Bürgermeister auf den Zaren los, dieser schleudert ihn zurück, worauf sich van Bett unter einem Tische verkriecht; der Zar'ergreifl einen Stuhl und schlägt auf den Tisch, die Platte sPringt herunter und van Bett läufl mit dem Tisch als Halskragen durch die Menge, die ebenfalls handgemein wurde. Die Männer ergreifen Stühle und Bänke; die Weiber rennen du-rcheinander, die Soldaten verteidigen sich mit den Kolben, und unter allgemeiner Bewegung fällt der Vorhang.

DRITTER AKT

Grosse Halle im Stadthause zu Saardam
Den Hintergrund bildet ein durch einen Vorhang geschlossener grosser Bogen.


ERSTER AUFTRITT
van Bett gravitätisch auftretend und sinnend rund um die Halle schreitend; ihm dicht auf der Ferse folgt ein Ratsdiener, welcher eine Menge Notenblätter trägt; dann treten junge Mädchen und Burschen, ihn begrüssend, ein.

Nr. 13 a - Ensemble

VAN BETT
zum Chor
Den hohen Herrscher würdig zu empfangen,
Beschied ich, meine Freunde, euch allesamt hierher.
Es sollen Worte ihm zum Ohr gelangen,
Wie er auf dieser Welt vernimmt sie nimmermehr.
Worte voll Salbung, voll Demut und Moral,
Und Schmeicheleien ohne Zahl.

CHOR
Lasst doch hören, lasst doch hören!
Alle sind wir gern bereit,
Einen Kaiser hoch zu ehren,
Der uns seine Liebe weiht.
Doch wir möchten gerne wissen,
Wer der grosse Herrscher ist,
Wenn wir ihn empfangen müssen,
Sprecht, wie heisst er?

VAN BETT
Nun so wisst: 's ist der Kaiser aller Reussen.

CHOR
Aller Reussen?

VAN BETT
Oder Russen, wie ihr wollt.
Peter lwanow hat er geheissen,
Dem man jetzt so hohe Ehre zollt.

CHOR
Iwanow, der Zimmermann?

VAN BETT
Das war sein Privatvergnügen
Höhern Pflichten zu genügen,
Er den schlauen Plan ersann.
Lasset ohne Zeitverlieren
Die Kantate uns probieren,
Die zu anderm Zwecke zwar verfasst,
Sich jedoch hierher grad' passt.

CHOR
Her die Noten!

VAN BETT
Nur Geduld!
Die Worte sind von mir verfasst,
In einer schönen Stunde;
Doch bin ich nur Poet, nicht Musiker, aus diesem Grunde
Erfand mein Freund, der Kantor, mir, auf dass es wirksam sei,
Zu diesen schönen Worten eine zarte Melodei.
Den Solosang wird' ich mit Kraft und Grazie vollführen.
Ihr sollt den Chor mit Präzision riskieren!
Da in der Kirche ihr perfekt von Noten singt,
So ist es ganz natürlich, dass es hier euch auch gelingt.

CHOR
Her die Noten, Ihr sollt sehen,
Dass wir uns darauf verstehen.

RATSDIENER
verteilt die Noten und stellt alle in einem Halbkreis auf

VAN BETT
Nehmt die Noten!

CHOR
Mir her!
Sie greifen danach

VAN BETT
Und Ruhe dann.

CHOR
Mir her!

VAN BETT
Jetzt fang ich mein Solo an:
Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen."
Dideldum. - Das ist das Zwischenspiel. -
"Es ist schon lange her,
Wir alle können uns nicht mehr darauf besinnen",
Dideldum!
"Das freut uns um so mehr.
Aus vollem Herzen rufen wir: Heil uns, der Zar ist da!
Du bist ein grosser Held! Vivat! Halleluja!"
O wie schön die Worte fliessen.
Wie ein Bächlein über Wiesen;
Gar nicht schwülstig, ganz natürlich,
Und der Stilus so ausführlich.
Jeder Redesatz korrekt,
Das macht sicherlich Effekt.

CHOR
Ja, wenn wir alle erst es wissen,
Macht es sicherlich Effekt.

VAN BETT
Aufgepasst! Schärfet alle Aug und Ohr,
Denn noch einmal trage ich die Stelle vor.

CHOR
Aufgepasst! Schärfet alle Aug und Ohr,
Denn noch einmal trägt er jetzt die Stelle vor

VAN BETT
Ruhe, schwatzt mir nicht so viel
Und habt acht aufs Zwischenspiel

CHOR
"Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen,
Dideldum -

VAN BETT
ihnen nachäffend
Dideldum! - Dideldum ist kein Gesang;
Es ist, ich sagte es euch schon,
Nur Instrumentenreflexion.

CHOR
Aha! Es ist nur Reflexion.

VAN BETT
Hört mich an, es ist nicht schwer,
Und dann schreit mir nicht so sehr.
Reisst.die Mäuler nicht so weit,
Sonst wird-s nichts in Ewigkeit.
"Heil sei dem Tag, an welchem du

CHOR
"Heil sei dem Tag-"

VAN BETT
Das ist zu hoch! Halt!

CHOR
"Heil sei dem Tag -"

VAN BETT
Das ist zu tief - schweigt still! Ruhe!

CHOR
"An welchem du bei uns erschienen."

VAN BETT
Hört mich doch an1

DIE MÄDCHEN
unter sich zankend
Du hast gefehlt, ich war ganz recht.

VAN BETT
Halt't eure Mäuler!

DIE MÄDCHEN
Ich singe gut, du triffst so schlecht.

VAN BETT
Wollt ihr schweigen!

CHOR
Ihr sollt jetzt entscheiden, wer von uns gefehlt.

ALLE
umringen van Bett und schreien ihm in die Ohren
"Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen!"

VAN BETT
Euer Singsang ist ein Graus.
Reisst der Zar sich vor Entsetzen
Lieber alle Haare aus.

DIE MÄDCHEN
Besser wird es uns gelingen,
Wenn wir ganz alleine singen,
Denn wenn Ihr dazwischen schreit,
Wird es nichts in Ewigkeit.

VAN BETT
Darin bin ich eurer Meinung,
Jeder singe, wie er kann;
Fanget ohne meine Leitung
Noch einmal von vorne an.

CHOR
der sich wieder im Halbkreis aufgestellt hat
"Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen."

VAN BETT
Jetzt tacet für den Chor

CHOR
"Es ist schon lange her."

VAN BETT
Bravo!

CHOR
"Wir alle können uns nicht mehr darauf besinnen."

VAN BETT
St!

CHOR
Das freut uns um so mehr.
Aus vollem Herzen rufen wir:"

VAN BETT
soufflierend
Heil uns, der Zar -

CHOR
"Heil uns, der Zar ist da."

VAN BETT
Schön, schön!

CHOR
"Du bist ein grosser Held! Vivat! Halleluja."

VAN BETT
O wie schön die Worte fliessen.
Wie ein Bächlein über Wiesen.

CHOR
Nun sprecht, wie haben wir gesungen,
Wie ist es uns gelungen,
Legen wir wohl Ehre ein?

VAN BETT
Köstlich habt ihr nun gesungen,
Endlich ist es euch gelungen.

CHOR
So werdet Ihr zufrieden sein?

VAN BETT
So werde ich zufrieden sein!

CHOR
So legen wir auch Ehre ein?

VAN BETT
So legt ihr grosse Ehre ein!

CHOR
Wir legen Ehre ein, das wird 'ne Freude sein!
Endlich ist es uns gelungen, und wir legen damit Ehre ein

VAN BETT
Wie so schön die Worte fliessen, wie ein Bächlein hin;
Gar nicht schwülstig, ganz natürlich,
Und der Stilus so ausführlich. ja, wir legen Ehre ein.

ALLE
"Du bist ein grosser Held, vivat hoch!«
Das wird 'ne grosse Freude sein,
Wir legen Ehre ein.

Alle wenden sich zum Gehen


ZWEITER AUFTRITT
Die Vorigen. Zar.

ZAR
Was geht denn hier vor?

VAN BETT
Was Euch nichts angeht, Ihr kecker Gesell. Binnen kurzem wird aber zwischen uns beiden etwas vorgehen, was Euch gar sehr angeht.

ZAR
Und das wäre?

VAN BETT
Sieh doch an, die liebe Unschuld, wie sie tut, als ware nichts vorgefallen. Ihr wisst doch, dassIhr mir einen Stoss versetzt habt?

ZAR
Ich, Herr Bürgermeister?

VAN BETT
Habt Ihr mir einen Stoss versetzt oder nicht?

ZAR
Ja, Herr Bürgermeister.

VAN BETT
Nun, das ist mir lieb -

ZAR
's ist gern geschehen.

VAN BETT
Ausreden lassen! Es ist mir lieb, dass Ihr es eingesteht. Hätte der fremde Gesandte nicht für Euch Kaution gestellt, so sässet Ihr in Ketten und Banden.Verstanden? Jetzt habe ich die Feierlichkeit im Kopf, aber in einer Stunde werdet Ihr Euch einfinden, dann geht das Verhör los.

ZAR
Aber ich wüsste nicht -

VAN BETT
Ich sage Euch, das Verhör geht los, und wisst Ihr, was ein Verhör zu bedeuten hat?

ZAR
So halb und halb.

VAN BETT
Das ist mir lieb. Quousque tandem abutere, Catilina, patientia nostra? Wisst Ihr, was das heisst?

ZAR
Nein.

VAN BETT
Das heisst: Das Verhör geht los. Kommt, meine Freunde!

Nr. 13 b - Refrain

ALLE
indem sie abgehen
"Du bist ein grosser Held, vivat hoch!"
Das wird 'ne Freude sein, wir legen Ehre ein.


DRITTER AUFTRITT
Zar allein

ZAR
Dummkopf! In einer Stunde kannst du dein Verhör auf offener See halten.


VIERTER AUFTRITT
Zar. Marie.

MARIE
Gut, dass ich Euch finde. Ihr spracht meinen Oheim; hat er Euch gesagt, wie es mit Iwanow steht?

ZAR
Soviel ich weiss, gut. Er ist auf freiem Fusse, wie ich.

MARIE
Das wusste ich wohl; der eine Herr Gesandte hat sich für euch beide verbürgt, aber wie steht es denn weiter mit ihm?

ZAR
Weiter? Soviel ich weiss, gut.

MARIE
Seid nicht so wortkarg; sagt mir, ist er denn wirklich -?

ZAR
Was?

MARIE
Der Kaiser von Moskau?

ZAR
Die Leute sagen es, und Ihr Oheim überhäuft ihn mit Ehrenbezeigungen, also muss es doch wohl wahr sein.

MARIE
verzweifelt
Also doch! Und so auf einmal! Ach, du lieber Himmel, was soll denn da aus mir werden? Als Kaiser kann er mich doch nicht heiraten.

ZAR
Möchten Sie nicht Kaiserin sein?

MARIE
Je nun, es mag wohl so übel nicht sein, wenn man sich gegenseitig recht lieb hat; ich habe aber immer gehört, bei den hohen Herren dauerte das nicht lange. Und was hätte ich denn von einem Manne, der den ganzen Tag regierte und sich gar nicht um mich bekümmerte.

ZAR
Was wäre denn da zu tun?

MARIE
Reden Sie ihm zu, dass er abdankt. Was hat er denn davon? Viele Menschen, die ihm den Kopf warm machen, viele Sorgen, Krieg das ganze Jahr, und am Ende kommt doch nichts dabei heraus.

ZAR
Wenn es aber das Wohl von vielen Tausenden gälte?

MARIE
nach einer Pause
Das ist etwas anderes. Mich freut es, wenn ich nur einen einzigen glücklich machen kann, und auf ihn warten Tausende - ja dann muss er folgen, aber, es wird mir das Herz brechen.
mit Tränen
Ach, nun fühl ich erst, wie lieb ich ihn habe. Aber wozu diese Mummerei? Warum kam er als Zimmergeselle, um sich meine Liebe zu erwerben, warum nicht gleich als Kaiser? Da wusste ich doch, woran ich war.

ZAR
Verhältnisse wahrscheinlich. jetzt ein ernstes Wort, liebe Marie. - Ihr Glück liegt mir am Herzen, und gelingt mein Plan, so führe ich Sie heute noch in Iwanows Arme.

MARIE
erfreut
In des Kaisers lwanow Arme?

ZAR
Gleichviel ob Kaiser oder nicht, genug, ich bewirke es, Sie werden seine Gattin.

MARIE
freudig
Wär's möglich - Sie könnten -
plötzlich ernst
Ach gehen Sie; Sie sind mir auch so ein Heimlicher, man weiss nie, was man aus Ihnen machen soll.

ZAR
Mögen Sie mich halten, wofür Sie wollen - mein Wort darauf, lwanow wird Ihr Mann.

MARIE
ausser sich vor Freude
Wenn das wahr würde, liebster Herr Michaelow, ich wollte Sie für den besten Menschen auf der Welt, für einen Engel wollte ich Sie halten. Aber täuschen Sie mich auch nicht? - Nein, Sie haben sich uns stets so treulich genähert ' Ahr biederer Sinn, Ihr gutes Herz hat uns so oft bewiesen, wie gut Sie es mit uns meinen - nein, Sie täuschen uns gewiss nicht, Sie haben zwei so ehrliche Augen. Ach, wäre Iwanow nur da, dass ich ihm unser Glück verkünden könnte! Meinen Oheim kriegen wir herum, das ist Nebensache; und wenn ich erst gewiss wüsste, dass Iwanow kein Kaiser ist, ich wollte vor Freude jauchzen, dass man es bis übers Meer hörte.

ZAR
Nur jetzt noch nicht.

MARIE
Ich werde ganz leise jauchzen. - Noch eins: weiss Iwan schon?

ZAR
Kein Wort. Er darf vor einer Stunde auch keine Silbe davon erfahren.

MARIE
Vor einer Stunde? Aber wie hängt denn das eigentlich zusammen?

ZAR
Das soll Ihnen nach Verlauf einer Stunde alles klarwerden. Für jetzt müssen Sie ihn als Kaiser behandeln, öffentlich wie unter vier Augen, das bedinge ich.

MARIE
Oh, ich werde nichts verraten. Wenn ich ihm begegne, werde ich sprechen: Haben Euer Majestät gut geschlafen, oder haben Euer Majestät heute viel zu regieren, kann ich helfen? Und wenn er mich dann staunend ansieht, dann werfe ich ihm einen Blick zu, so einen gewissen, den versteht er recht gut, und versteht er ihn nicht, so sage ich ihm -

ZAR
St! Kein Wort!

MARIE
Kein Wort, ich tue nur, als ob ich etwas sagte; aber wenn alles vorbei, wenn unser Glück entschieden ist, dann wird ihm gehörig der Text gelesen, weil er mich so geängstigt hat. Lebt wohl, lieber, lieber Michaelow, mögt Ihr nun sein, wer Ihr wollt, ich betrachte Euch als unsern Schutzgott!
herzlich
Für jetzt kann ich Euch nichts weiter bieten, als den Dank eines armen Mädchens, dessen Lebensglück Ihr gründen wollt,
heiter
für die Zukunft sollt Ihr ein Glied unserer Familie sein. Bei der Verlobung, bei der Trauung, bei der Hochzeit, bei -bei allem, was vorf ällt, sollt Ihr der erste sein.
Rasch ab


FÜNFTER AUFTRITT
Zar allein.

ZAR
Glückliche, beneidenswerte Menschen! Euch lächelt froh die Zukunft, wie in der Kindheit goldnen Tagen, wo noch kein Kummer die Seele drückt.

Nr. 14 - Lied

ZAR
Sonst spielt' ich mit Zepter, mit Krone und Stern;
Das Schwert schon als Kind, ach, ich schwang es so gern!
Gespielen und Diener bedrohte mein Blick;
Froh kehrt-' ich zum Schosse des Vaters zurück.
Und liebkosend sprach er: Lieb Knabe, bist mein!
O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!

Nun schmückt mich die Krone, nun trag ich den Stern,
Das Volk, meine Russen, beglückt` ich so gern.
Ich führ sie zur Grösse, ich führ sie zum Licht,
Mein väterlich Streben erkennen sie nicht.
Umhüllet von Purpur nun steh ich allein -
O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!

Und endet dies Streben und endet die Pein,
So setzt man dem Kaiser ein Denkmal von Stein.
Ein Denkmal im Herzen erwirbt er sich kaum,
Denn irdische Grösse erlischt wie im Traum.
Doch rufst du, Allgüt'ger: In Frieden geh ein!"
So werd ich beseligt dein Kind wieder sein.

Er geht ab.


SECHSTER AUFTRITT
Iwanow allein.

IWANOW
ihm nachrufend
Michaelow! - Er hört nicht! Rätselhafter Mensch, bald fange auch ich an, mich vor ihm zu scheuen. Zwar wenn ich's recht bedenke, was wollen denn die Menschen aus mir machen? Der Bürgermeister nennt mich Majestät, man huldigt mir, gibt mir Ehrenwachen, und wenn ich frage, was das bedeutet, so hüllen sich alle in ein geheimnisvolles Schweigen. je nun, mir ist alles recht , und nebenbei habe ich von dem närrischen Zeuge wenigstens den Nutzen, dass ich nicht an meinen Obersten ausgeliefert werde.


SIEBENTER AUFTRITT
Iwanow. Marie.

MARIE
Noch eine Frage, Herr Michaelow - wie - du bist es?
sich fassend
Euer Majestät sind es?

IWANOW
Sieh da, Marie, was willst du denn hier?

Nr. 15 - Duett

MARIE
Darf eine niedre Magd es wagen,
Sich Eurer Majestät zu nahn?
Ich wollte untertänigst fragen,
Ob Sie Herrn Michaelow sahn?

IWANOW
Hör auf, Marie, lass die Possen,
Ich bin ja keine Majestät.
Es hat mich lange schon verdrossen,
Dass man mich mit Gewalt erhöht!

MARIE
O Majestät sind zu bescheiden,
Ich weiss es besser, wer Sie sind.

IWANOW
Dann bist du zu beneiden! Wer bin ich? Sag es mir geschwind!

MARIE
sich vergessend
Du bist ein Spitzbub!

IWANOW
Ich, Marie?

MARIE
Was tu ich!

IWANOW
Meinst du dein Herz, ja allerdings,
Dein Herz, das stahl ich dir.

MARIE
für sich
Herrgott, es ist ja viel zu frühe,
Michaelow verbot es mir.

IWANOW
Du hast mich zum besten, gleich gib mir Kunde,
Wer konnte wohl unser Fürsprecher sein?

MARIE
Ich bleibe stumm und vor einer Stunde
Lass ich mich in keine Erklärung ein.

IWANOW
Das ist mir zu bunt.

MARIE
Er will mich fangen.

IWANOW
Sie hat mich zum besten.

MARIE
Er ärgert sich, er ärgert sich fürchterlich. -
Wenn Euer Majestät verlangen,
So bin ich so frei und empfehle mich.

IWANOW
So geh nur.

MARIE
Das tu ich.

IWANOW
In Gottes Namen.

MARIE
Empfehl mich.

IWANOW
Diener!

MARIE
Das klingt sehr galant.
Majestät gehen wohl sehr viel um mit Damen?

IWANOW
trotzig
Sehr viel; das tu ich, hab ich stets getan.

MARIE
sich vergessend, will auf ihn los
Du!

IWANOW
Was gibt's?

MARIE
fasst sich, beiseite
Da seht doch, da seht doch den Duckmäuser an!

BEIDE
Wart nur! Später werd ich's dir gedenken,
Was ich jetzt leide; die Spielerei
Werd ich dir niemals schenken.
Wart nur! Ist nur die Stunde erst vorbei;
Teuer sollst du mir bezahlen,
Darauf setze ich mein Leben ein;
Und sollte auch das Ende unsrer vielen Qualen
Der Anfang des Glückes sein.

IWANOW
für sich
Ich soll durchaus den Herrscher spielen,
Ich mag nun wollen oder nicht,
Wohlan, nun soll sie einmal fühlen,
Wie's tut, wenn man mit einem spricht.
laut
Jungfrau Marie!

MARIE
Sie befehlen?

IWANOW
Man geht hinaus!

MARIE
Sieh einmal an.

IWANOW
Jungfrau Marie!

MARIE
Sie befehlen?

IWANOW
Man bleibt!

MARIE
beiseite
Der Grobian!

IWANOW
Jungfrau Marie!

MARIE
ungeduldig
Ja, so heiss ich,
Was steht denn eigentlich noch zu Gebot?

IWANOW
mit komischer Gravität
Wir sind der Kaiser.

MARIE
Ei ja, das weiss ich.

IWANOW
Und was für einer, sapperlot!
Drum wollt' Euch unserm Willen fügen,
Wir bieten gnäd'gen Kuss Euch an.

MARIE
ihn foppend
Der Herr Franzos' küsst mich mit vielem Vergnügen, 's ist überhaupt ein feiner Mann.

IWANOW
seine Würde vergessend, will auf sie zu
Du!

MARIE
Majestät?

IWANOW
fasst sich, für sich
Da seht doch, da seht doch die Duckmäusrin an.

BEIDE
Wart nur! Später werd ich's dir gedenken, Was ich jetzt leide; die Spielerei Werd ich dir niemals schenken. Wart nur! Ist nur die Stunde erst vorbei; Teuer sollst du mir bezahlen, Darauf setze ich mein Leben ein; Und sollte auch das Ende unsrer vielen Qualen Der Anfang des Glückes sein.

MARIE
geht ab

IWANOW
will sich nach der andern Seite entfernen

ZAR
tritt ihm entgegen.


ACHTER AUFTRITT
Zar. Iwanow.

ZAR
lebhaft
Das ist zum Rasendwerden! Der Hafen ist gesperrt. Selbst der Kapitän, der mich führen sollte -

IWANOW
Ei, Michaelow, du kommst mir wie gerufen.

ZAR
Nun?

IWANOW
Weisst du wohl, dass deine Freiheit bedroht ist? Die Leute wollen nämlich mit aller Gewalt in uns beiden einen Ausreisser und einen Zaren finden. Da sie mich nun alle für den Zaren nehmen, so musst du der Ausreisser sein.

ZAR
Die Leute sind alle toll. Doch sei es, wie es sei, noch in dieser Stunde muss ich fort.

IWANOW
Also ist die Sache so ernsthaft?

ZAR
Meine Ehre, mein Leben steht auf dem Spiel.

IWANOW
Wenn's so ist, muss sich meine Majestät ins Mittel schlagen. - Da -
er zieht ein Papier hervor
lies, ich ernenne dich zu meinem Geheimsekretär und nehme dich mit auf meiner Jacht.

ZAR
Was seh ich? Wie kamst du zu diesen Papieren?

IWANOW
Lieber Gott, wie eine Majestät zu so etwas kommen kann. Ich begegnete vorhin dem englischen Lord; er versichert mir, meine Feinde wären darauf bedacht, mich hier in Saardam festzuhalten, gibt mir diesen Pass, bietet mir eine Jacht, Matrosen, Geld - ich begreife nichts von allem, das tut aber nichts, er hat es zu verantworten.

ZAR
nachdem er gelesen
Herrlich! Wir sind gerettet!

IWANOW.
Ganz gewiss!

ZAR
Ich nehme dich mit, wenn du willst.

IWANOW
Wie kommst du mir denn vor? Ich nehme dich mit, wenn du es erlaubst.

ZAR
Einerlei - wir reisen noch in dieser Stunde.

IWANOW
Nicht einerlei. Was soll denn aus Marie werden?

ZAR
Für euch ist gesorgt. Nimm dies versiegelte Papier und gelobe mir, es vor einer Stunde nicht zu öffnen.

IWANOW
Kommst du mir auch mit der Stunde? Da mach ich kurzen Prozess.
Er will das Papier öffnen.

ZAR
reisst es ihm aus der Hand
Halt! Nicht eher, als bis ich auf off ner See bin.

IWANOW
Ich denke, wir reisen zusammen -

ZAR
Oder bis wir uns getrennt - diese Schrift enthält dein Glück.

IWANOW
Du begründest mein Glück? Ich werde immer konfuser.

ZAR
Du willst nicht -?
Er will gehen.

IWANOW
schnell
Versteht sich. Her mit dem Glück!

ZAR
Du gelobst mir auch, dies Papier nicht eher zu erbrechen -

IWANOW
Als bis eine Stunde vorüber, das ist eine alte Geschichte. jetzt gib mir aber auch den Pass.
Er nimmt die Schrift

ZAR
Den empfängst du später.

IWANOW
Aber Michaelow!

ZAR
zornig
Gehorche!

IWANOW
Was Teufel!


NEUNTER AUFTRITT
Marquis. Lefort. Zar. Iwanow.

Nr. 16 - Finale

Quartett


ZAR
Marquis und Lefort beiseite ziehend
Freunde, hört, das Mittel ist gefunden,
Das alsbald uns nun von dannen bringt. ,
Seht diesen Pass, wir sind in wenig Stunden ,
Schon weit von hier.

MARQUIS und LEFORT
Wohl Euch, wenn es gelingt;
Doch dem Zar zu huld'gen naht die Menge
In hoher.Feier diesem Ort.

ZAR
Zustatten kommt uns dies Gedränge,
Leise schleichen wir uns fort.

IWANOW
beiseite
Was soll ich von dem allen glauben,
Warum verstehen sie sich gleich?
Will man mir nieine Freiheit rauben?
Das wäre ein verwünschter Streich.

MARQUIS und LEFORT
zu Iwanow
Wenn Euer Majestät befehlen,
So gehen wir.

IWANOW
Was heisst denn das?

MARQUIS und LEFORT
Wir werden andre Zeit erwählen.

IWANOW
Was? Andre Zeit? Gib mir den Pass!

ZAR
Den Pass erhältst du ohne Zweifel,
Sobald es Zeit und Stunde ist.

IWANOW
zornig
Hol alle Stunden doch der Teufel,
Ich bin ein Opfer seiner List.

ZAR, MARQUIS und LEFORT
Armer Schelm, er weiss es nicht zu deuten,
Was uns allen Heil und Nutzen bringt.
Diese List wird uns ans Ziel geleiten,
Gib, o Himmel, dass sie uns gelingt!
Während friedlich unterm Sternenbogen


Der
NEUNTE AUFTRITT
wird gewöhnlich fortgelassen, und das


Finale
beginnt mit dem Auftritt des

CHORS
Alles schlummert schon in süsser Ruh,
Eilen wir auf raschen Wogen
Einem teuren Lande zu.

IWANOW
Nein, bei Gott, ich weiss es nicht zu deuten,
Dass man mich um meine Freiheit bringt.
Dies der Zweck von seinen Heimlichkeiten,
Gib, o Himmel, dass es nicht gelingt.
Während unterm Sternenbogen
Alles schlummert schon in süsser Ruh,
Eile ich auf raschen Wogen
Mit Marie einem fernen, teuren Lande zu.

ZAR, MARQUIS und LEFORT
gehen ab


ZEHNTER AUFTRITT
Ein Fahnenträger eröffnet den Zug; ihm folgen sechs kleine Mädchen in Nationaltracht, dann zwei Männer, die einen mit Blumen gezierten, thronartig gestalteten Sitz tragen, welchen sie im Vordergrunde auf einigen sich dort befindlichen Stufen niedersetzen. van Bett mit den Ratsherren paarweise, vor jedem Paar wieder ein Fahnen träger; dann Marie und Meisterin Browe mit dem Chor der Mädchen und Frauen, ihnen folgen die Männer paarweise. Der Zug geht um die ganze Bühne und stellt sich dann zu beiden Seiten im Hintergrunde auf. Wenn derZug steht, will sich Iwanow, der sich staunend im Vordergrund aufhielt, entfernen; auf einen Wink des Bürgermeisters umringen ihn die kleinen Mädchen und ziehen den sich Sträubenden zum Sitz.

CHOR
Schmücket mit Kränzen und Blumen die Halle,
Singt, ihn zu ehren, ein heiteres Lied,
Dass es dem grossen Monarchen gefalle
Und dass er unsre Freude sieht.
Mög' er länger noch bei uns verweilen
Und wie sonst unsre Freuden teilen!
Jauchzet hoch auf, es lebe der Mann,
Der unbekannt aller Herzen gewann!

VAN BETT
Möcht' es, grosser Held, dir gefallen,
Fröhlichen Tänzen dein Auge zu leihn,
Würd' es uns Hochbeglückten allen
Ein ganz besondres Vergnügen sein.

IWANOW
nickt

VAN BETT
gibt ein Zeichen

Ballett
Nationaltanz mit Holzschuhen

VAN BETT
nachdem der Tanz zu Ende
Erhabner Held, die Römer und Griechen
Opferten Tiere bei jeglichem Fest!
Wir konnten keinen Ochsen kriegen,
Der sich so etwas gefallen lässt.
Auch ist bekannt, dass solch ein Ergötzen
Sich für die heutige Zeit nicht mehr passt;
Diesen Mangel nun zu ersetzen,
Gab ich mich her und habe zierliche Reime verfasst.

Er stellt die Personen zum Gesang auf.

MARIE
steht Iwanow zur Seite und flüstert ihm zu
Zage nicht, nah sind wir dem Ziel,
Und eine frohe Zukunft lacht.

IWANOW
's wäre Zeit, dass dem närr'schen Spiel
Ein bald'ges Ende würd' gemacht.

MARIE
Ja, unsre Wünsche krönt ein gütiges Geschick.

IWANOW
Sieh dies Papier, es enthält unser Glück.

VAN BETT
Dass ihr mir die Verse nicht zerstückelt,
Im Flusse muss das Ganze gehn.

MARIE
zu Iwanow
Unser Glück ist in Papier gewickelt?
Ei, ei, wie soll ich das verstehn?

IWANOW
Mein Kind, das sollst du nun bald sehn.

VAN BETT
ist mit dem Ordnen fertig
"Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen.
Es ist schon lange her."

CHOR
,Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen.
Es ist schon lange her.
Aus vollem Herzen rufen wir:
Heil uns, der Zar ist da!"

EIN RATSDIENER
kommt eilig und flüstert dem Bürgermeister etwas ins Ohr.

VAN BETT
Ei was, jetzt kann mich niemand sprechen,
Meinen Vortrag unterbrechen
Kann ich nun und nimmermehr.

RATSDIENER
geht ab

CHOR und VAN BETT
"Du bist ein grosser Held, vivat!
Kanonenschüsse und Lärm von aussen
Welch Geräusch! Was gibt's?
Wer stört des Tages Feier?

RATSDIENER
stürzt herein und spricht
Der Hafen ist geöffnet. Peter Michaelow an der Spitze einer grossen Mannschaft will soeben auslaufen.

VAN BETT
Ha, Verrat!

CHOR
Ha, Verrat!

VAN BETT
Welch höllisches Komplott!

CHOR
Ein Komplott?

VAN BETT
Rebellion!

CHOR
Was soll das wohl bedeuten?

VAN BETT und CHOR
Greifet alle zu den Waff en,
Diesen Frevel zu bestrafen
Sei nun meine / Eure erste Pflicht.
van Bett erteilt im Hintergrunde Befehle. Mehrere eilen hinaus, allgemeine Bewegung.

MARIE und IWANOW
im Vordergrunde
So hat er uns betrogen
Und Freundschaft nur gelogen,
Unsre Hoffnung ist dahin.

MARIE
Doch die Schrift, die du empfangen,
Wohl zu seinen Gunsten spricht.

IWANOW
Gern erfüll ich dein Verlangen,
Ihn verteid'gen wird sie nicht.

VAN BETT
öffnet dieses Saales Türen,
Die zunächst zum Hafen führen.

IWANOW
hat die Schrift gelesen und spricht
Heiliger Nikolaus, was sehen meine Augen?

ALLE
Was geschieht? Was ergreift die Majestät?

IWANOW
spricht
Peter Michaelow, er ist der Zar!
Da steht es.
Er liest
"Hiermit gebe ich meine Einwilligung zur Verheiratung des Kaiserlichen Oberaufsehers Peter Iwanow mit der Nichte des schwachköpfigen –"

VAN BETT
spricht
An diesen huldreichen Gesinnungen erkenn ich den Zaren.


ELFTER AUFTRITT
In diesem Augenblick wurden die hintern Vorhänge geöffnet; man erblickt den Hafen. In der Mitte auf einer Jacht steht der Zar (als Zar gekleidet), umgeben von Lefort, Marquis und Offizieren.

VAN BETT
sieht sich um und ruft
Da steht er! - Der muss es sein.

Die Musik fällt rauschend ein.

ALLE
rufen
Es lebe der Zar!

ZAR
auf dem Schiffe
So scheid ich denn von euch im Hochgefühle,
Dass eure Liebe meinen Namen nennt.
Mich ruft die ernste Pflicht zum höhern Ziele!
Doch wenn auch fernes Land und Meer uns trennt:
Ihr denkt freundlich dann an den Zimmermann!
Lebt wohl!
Kühn mög' euer Fleiss mit kräft'gem Arm manchen Bau noch vollenden
Stolze Schiffe sollen meiner Huld gnäd'ge Grüsse euch senden.

ALLE
Kann uns auch dein Lied nicht mehr erfreun,
Soll dein Name doch uns Leitstern sein!
Über Land und Meer tön' es hinaus:
Heil dem Zar und seinem Haus!

Gegen das Ende eilen Iwanow und Marie zum Schiff und knien nieder.
Van Bett sammelt einige der im Vordergrund Stehenden, um seine Kantate zu beginnen.
Trommeln wirbeln, Matrosen erklettern die Mastbäume, Glocken läuten, Kanonen werden gelöst.

Bitte lesen und beachten Sie die Copyright-Bestimmungen, bevor Sie eine Datei herunterladen!

Klavierauszug

download