Doktor Faust

Doktor Faust

Dichtung für Musik
in zwei Vorspielen, einem Zwischenspiel und drei Hauptbildern


Libretto

Ferruccio Busoni
nach dem Drama von Carlo Graf Gozzi

Uraufführung

21. Mai 1925, Dresden (Opernhaus)

Besetzung

Der DICHTER (Sprechrolle)
DOKTOR FAUST (Bariton)
WAGNER, sein Famulus, dann RECTOR MAGNIFICUS (Bariton)
MEPHISTOPHELES, erst ein schwarzgekleideter Mann dann Mönch, Herold,
Hofkaplan, Kurier, Nachtwächter (Tenor)
Der HERZOG VON PARMA (Tenor)
Die HERZOGIN VON PARMA (Sopran)
Der ZEREMONIENMEISTER (Bass)
Des Mädchens BRUDER, Soldat (Hoher Bariton)
Ein LEUTNANT (Tenor)
Drei STUDENTEN aus Krakau (1 Tenor / 2 Bass)
THEOLOGE (Bass)
JURIST (Bass)
NATURGELEHRTER (Bariton)
Sechs STUDENTEN in Wittenberg (4 Tenor / 2 Bariton)
Der SCHÜCHTERNE (Bass)
GRAVIS (Bass)
LEVIS (Bass)
ASMODUS (Bariton)
BEELZEBUTH (Tenor)
MEGÄROS (Tenor)
GEISTERSTIMMEN (1 Sopran / 1 Mezzosopran / 1 Alt)

STUMME ROLLEN:
Erscheinungen
- ein Schwarm faunartiger Teufelchen
- Salomon und die Königin von Saba
- Samson und Dalila und eine schwarze Sklavin
- Johannes und Salome und ein Scharfrichter
- Helena, ein nackter Jüngling, ein Kind, 6 Soldaten, 2 Fackelträger

CHOR:
Kirchgänger, Soldaten, Hofleute, Jäger,
katholische und lutherische Studenten, Landleute

Ort

Wittenberg und Parma

Zeit

Ausgehendes Mittelalter

Busoni, Ferruccio

Busoni, Ferruccio (Dante Michelangelo Benvenuto)
1.4.1866 Empoli (Firenze) - 27.7.1924 Berlin


Bühnenwerke
mit Datum/Ort der Uraufführung:

Sigune, oder Das vergessene Dorf (1889)
Die Brautwahl (13.4.1912 Hamburg)
Arlecchino oder Die Fenster (11.5.1917 Zürich)
Turandot (11.5.1917 Zürich)
Doktor Faust (21.5.1925 Dresden) [+ Jarnach]

VORSPIEL I
Wagner meldet dem experimentierenden Faust drei Studenten aus Krakau, die ihm ein Zauberbuch mit dem Titel "Clavis Astartis Magica" überbringen. Durch das geheimnisvolle Verschwinden der drei Männer ahnt Faust, dass sie Boten einer höheren Macht waren.

VORSPIEL II
Um Mitternacht beschwört Faust mit Hilfe des Zauberbuches Luzifer. Es erscheinen fünf Boten der Hölle, doch Faust wünscht sich einen, der so schnell ist wie des Menschen Gedanken, worauf Mephistopheles erscheint, der Faust einen Pakt vorschlägt: Er werde ihm auf Erden alle Wünsche erfüllen, wenn Faust dafür im Jenseits sein Diener sei. Faust schreckt vor dieser Forderung zurück. Doch nachdem Mephistopheles auf Fausts Bitten dessen Gläubiger vor der Tür getötet hat, unterschreibt Faust den Vertrag mit seinem Blut. Draussen erklingen Ostergesänge.

ZWISCHENSPIEL
Im Münster von Wittenberg betet ein Soldat, der Bruder des von Faust verführten Gretchens. Er will Rache üben für seine geschändete Schwester, die aus Verzweiflung in den Tod ging. Faust wünscht den Tod des Mannes. Mephistopheles nähert sich dem Soldaten in der Verkleidung eines Mönchs und sagt ihm seinen Tod voraus. Soldaten dringen in die Kirche und bringen den Betenden als den vermeintlichen Mörder ihres Hauptmanns um.

ERSTES BILD
Im Park des herzoglichen Schlosses von Parma wird die Hochzeit des Herzogs gefeiert. Als Höhepunkt des Festes kündigt der Zeremonienmeister das Erscheinen des Zauberers Faust an. Faust macht den Tag zur Nacht und führt der Gesellschaft auf Wunsch der Herzogin berühmte Liebespaare der Geschichte vor: König Salomon und die Königin von Saba, Samson und Dalila, Johannes und Salome, die sein Werben um die Herzogin unterstützen sollen. Auch die Herzogin fühlt sich zu Faust hingezogen. Der Herzog bereitet dem Spiel ein abruptes Ende. Faust flieht. Magisch angezogen, folgt ihm die Herzogin. Dem Herzog rät Mephisto, in Gestalt eines Hofkaplans, die Schwester des Herzogs von Ferrara zu heiraten, um einen Krieg zwischen Parma und Ferrara zu verhindern.

ZWEITES BILD
In einem Wirtshaus in Wittenberg kommt es zu einem philosophischen und theologischen Streitgespräch zwischen Protestanten und Katholiken. Nachdem die Protestanten gegangen sind, wird Faust nach seinen Erfahrungen mit den Frauen gefragt und erinnert sich wehmütig der Herzogin. In diesem Moment überbringt Mephistopheles, verkleidet als Kurier, einen letzten Gruss der Herzogin: ein totes Kind. Doch das Kind stellt sich als Strohpuppe heraus, die Mephisto verbrennen lässt und aus deren Flammen er Helena hervorzaubert. Dieses Phantombild löst sich auf, als Faust es berühren möchte. Die drei Studenten aus Krakau erscheinen und fordern das Zauberbuch zurück. Sie verkünden ihm den Tod, der indessen für Faust jeglichen Schrecken verloren hat.

DRITTES BILD
Auf einer verschneiten Strasse in Wittenberg singt der Nachtwächter - Mephisto - sein Lied. Die Studenten geleiten den zum Rektor ernannten Wagner zu Fausts ehemaligem Haus. Faust nähert sich dem Haus, auf dessen Stufen eine Bettlerin kauert; er erkennt sie als Herzogin, die ihm ihr totes Kind entgegenhält. Faust sucht mit dem Kind Zuflucht in der Kirche, die ihm der ermordete Soldat verwehren will. Doch Faust schleppt sich bis zum Kruzifix, wo sich der Gekreuzigte unter dem Licht von Mephistos Zauber in Helena verwandelt: Die christliche Gnade bleibt Faust verwehrt. Er vermacht dem Kind sein Leben. Sein Wille und sein Wesen werden in dem Kind, das sich in einen Jüngling verwandelt, weiterleben. Der Nachtwächter-Mephisto leuchtet über den toten Faust: "Sollte dieser Mann etwa verunglückt sein?"

Personen:
Doktor Faust (Bariton)
Wagner, sein Famulus, dann Rektor (Bariton)
Ein schwarzgekleideter Mann,
Mönch,
Herold,
Hofkaplan,
Kurier,
Nachtwächter,
Mephistopheles (Tenor)
Der Herzog von Parma (Tenor)
Die Herzogin von Parma (Sopran)
Der Zeremonienmeister (Bass)
Des Mädchens Bruder, Soldat (Bariton)
Ein Leutnant (Tenor)
Drei Studenten aus Krakau (Tenor, Bass, Bass)
Theologe (Bass)
Jurist (Bass)
Naturgelehrter (Bariton)
Vier Studenten in Wittenberg (Tenöre)
Gravis (Bass)
Levis (Bass)
Asmodus {Bariton)
Beelzebuth (Tenor)
Megäros (Tenor)
Fünf Geisterstimmen

Chor von Kirchengängern, Soldaten, Hofleute, Jäger, katholische und lutherische Studenten, Landleute

Inhalt:
Symphonia (Ostervesper und Frühlingskeimen) – Der
Dichter an die Zuschauer – Vorspiel I – Vorspiel II –
Intermezzo (Kapelle im Münster) – Orchesterzwi-
schenspiel (Cortège) – Hauptspiel. 1. Bild: Der her-
zogliche Park zu Parma – Orchesterzwischenspiel
(Sarabande) – Zweites Bild: Schänke in Wittenberg –
Letztes Bild: Strasse in Wittenberg


Erscheinungen:
Salomon und die Königin von Saba; Samson und Da-
lila; Johannes und Salome; Scharfrichter; Helena




SYMPHONIA
Ostervesper und Frühlingskeimen. Vor dem Vorhang.

DER DICHTER
an die Zuschauer
Von Kind auf hat ein Stück mich hingerissen,
darin der Teufel was zu sagen hat,
des Kindes Ahnung wird, im Mann, zum Wissen,
doch hälfe Wissen nicht, würd' es nicht Tat;
würde nicht Regung in Bewusstsein fliessen,
und in Anschauung dies, aus einer Saat:
Es liegt im Kind, wie in des Keims Gewalten,
der volle Trieb zum späteren Gestalten.

Die Bühne zeigt vom Leben die Gebärde,
Unechtheit steht auf ihrer Stirn geprägt;
auf dass sie nicht zum Spiegel-Zerrbild werde,
als Zauberspiegel wirk' sie schön und echt;
gebt zu, dass sie das Wahre nur entwerte,
dem Unglaubhaften wird sie erst gerecht:
und wenn ihr sie, als Wirklichkeit, belachtet,
zwingt sie zum Ernst, als reines Spiel betrachtet.

In dieser Form allein ruft sie nach Tönen,
Musik steht dem Gemeinen abgewandt;
ihr Körper ist die Luft, ihr Klingen Sehnen,
sie schwebt ... Das Wunder ist ihr Heimatland.

Drum hielt ich Umschau unter allen jenen,
die mit dem Wunder wirkten, Hand in Hand:
Ob gut, ob böse, ob verdammt, ob selig,
sie ziehn mich an mit Macht unwiderstehlich.

Von dreien, die ich weiss, der Teufelsritter,
ward einer von dem Bösen selbst gezeugt;
die Jungfrau überfällt's wie ein Gewitter,
aus ihrem Schoss darauf Merlin entsteigt;
den dunklen Mächten späterhin entglitt er,
wenn er sich vor dem Höheren gebeugt:
Allwissenheit, vom Vater mitgegeben,
er nützt sie aus zu einem Segensleben.

Beim zweiten miss ich ganz die Widersprüche,
als Einheit steht er da, ein Mann und echt,
sein Wagmut steigt ins Ungeheuerliche
und tausend Künste weiht er – dem Geschlecht,
wo ist der Zwang, dem Don Giovanni wiche?
Ein solcher wär' als Held mir eben recht:
doch Meister Wolfgang ist's zu gut gelungen,
für immer hat er diesen Sang gesungen.

Der dritte meiner Reih' ist nicht geringer,
ein trotz'ger Geist, ein Einzelner, auch er:
ein Tiefbelesener, ein Höllenzwinger,
vieldeutiger zumal, und sonst auch mehr,
ein schwacher Mensch und doch ein starker Ringer.

Den Zweifel tragen hin und wieder her:
Herr des Gedankens, Diener dem Instinkt,
dem das Erschöpfen keine Lösung bringt.

Das End' ist Schrecken, doch sein Name steht,
die Chronik hält ihn, artet in Legende,
die Dichtung folgt, Unsterblichkeit umweht,
und des Nachbildens, Schmückens ist kein Ende;
als lebensähnlich die Gestalt ersteht,
täuschend bewegt durch unsichtbare Hände:
das Puppenspiel vom Faust zieht durch die Zeiten,
Ergriffenheit und Staunen zu bereiten.

Zu Frankfurt war's, am Tag, und vor den Toren,
unter dem Volk ein Zaubrer fand sich ein;
der griff entschlossen nach des Spiels Figuren,
da schwand die Schau, als wär' sie Dunst und Schein.
Gemächlich erst, und in den alten Spuren,
haucht er den Sinn des Lebens ihnen ein:
sie wachsen fort, ins Mystische gelenkt,
zu Höchst geschleudert und zu Tiefst versenkt.

Und mit dem letzten Spruch von hinnen reist er.
Der Rätselbau zeigt jegliche Gestalt;
von allen Seiten zieht er an die Geister,
er ist die Form für jeglichen Gehalt.
Doch was vermöcht', gen Zauberer, ein Meister!

Des Menschen Lied am Göttlichen verschallt:
also belehrt erkannt' ich meine Ziele
und wandte mich zurück – zum Puppenspiele.

Besah mir nah die schlicht geformten Bilder,
die waren schöner jetzt, durch höheres Alter;
ich firnisste, hantierte als Vergülder –
(es wirkt die Zeit nicht minder als Zerspalter)
ich schärfte Eines, Andres strich ich milder,
und aus der Larve flog herauf ein Falter:
ins Altgewebte flocht ich neue Maschen,
vergess'nes Muster wird euch überraschen.

So stellt mein Spiel sich wohl lebendig dar,
doch bleibt sein Puppenursprung offenbar.

VORSPIEL I

Wittenberg. Vormittags. Studierzimmer. Hoher gotischer Raum, halb Bibliothek und halb alchemistische Küche, der sich in undeutliche Tiefe verliert; etwas verwittert. Faust, am Herde, mit der Beobachtung eines werdenden chemischen Vorganges beschäftigt und völlig darin vertieft. Nach kurzer Stille tritt Wagner ein

WAGNER
Euerer Magnifizenz Verzeihung ...
Da Faust keine Antwort gibt, verbleibt Wagner in respektvoller Erwartung
Euerer Magnifizenz Verzeihung: allein, es melden sich drei Studenten.

FAUST
Ihr Wunsch?

WAGNER
Sie wollen ein Buch überreichen –.

FAUST
Wagner, wahrhaftig! Ich mag so nicht weiter. Das Leben rollt rascher und – nicht mehr aufwärts. Nicht darf ich so breite Zeit an andre wenden. Und dem hilft doch kein Rat, der sich nicht selber besinnt! – Macht mich bei ihnen entschuldigt.

WAGNER
Euerer Magnifizenz Verzeihung. Es ist keine Arbeit diesmal, die man von Ihnen heischt. Das Buch mag sein eine seltene Handschrift, denn es trägt einen sonderlichen Titel: Clavis Astartis Magica ...

FAUST
in höchster Überraschung
Clavis Astartis –? Irrt Ihr Euch nicht? Wollt Ihr mich
gar nasführen! Fangt Ihr Grillen? Seht Ihr Geister?

WAGNER
Nein, nein, ich kann Magnifizenz versichern.

FAUST
mit einfachem Entschluss
Also lasst die Studenten ein.
Wagner ab

FAUST
Faust, Faust, nun erfüllt sich dein Augenblick! Die Zaubermacht in meine Hand gegeben, die ungeheueren Zeichen mir erschlossen, heimliche Gewalten mir geknechtet, und ich kann – ja, ich kann – o, ihr Menschen, die ihr mich gepeinigt. Hütet euch vor Faust! In seine Hand die Macht gegeben, heimliche Gewalt ihm zu Gebot, er wird euch zwingen, euch bezwingen. Wehe, wehe über euch!
Er lässt den Kopf sinken. ...
Wenn Wagner dennoch irrte ... vielleicht zum Heile ...?
Faust seufzt tief

WAGNER
tritt ein
Euere Magnifizenz, die Studenten sind hier.

FAUST
gefasst
Sie sollen kommen.
Wagner gibt ein Zeichen nach der Tür hin. Es treten auf drei schwarzgekleidete Studenten

FAUST
Wer seid ihr?

DIE DREI
Studenten aus Krakau.

FAUST
O, mein altes, mein teures Krakau! Eure Gestalten rufen die Jugend mir zurück. Träume! Pläne! Wieviel hatt' ich gehofft! – Seid willkommen.
Die Studenten verneigen sich zu dritt
Und was führt euch zu mir?

DER ERSTE
Dieses Buch leg' ich in Eure Hand.

Faust unterdrückt eine Bewegung des Ungestüms

DER ZWEITE
Von mir erhaltet Ihr den Schlüssel.

DER DRITTE
Diese Briefschaft macht es zu Euerem Eigentum.

FAUST
Wie kommt ein solches Geschenk mir zu?

DIE DREI
Du bist der Meister!

FAUST
Also darf ich es eignen?

DIE DREI
Es ist deines.

FAUST
Und wie soll ich euch dieses vergelten?

DIE DREI
Später. Leb' wohl, Faust.

FAUST
Verweilet, bleibet meine Gäste!

DIE DREI
Leb' wohl, Faust.

FAUST
So saget, dass ich euch wiederseh.

DIE DREI
Vielleicht. Leb' wohl, Faust.
Sie gehen ab

FAUST
sieht ihnen kopfschüttelnd nach
Sonderlinge!

Wagner tritt wieder ein

FAUST
Habt Ihr den Studenten begegnet? Und wollt Ihr nicht sie geleiten?

WAGNER
Euere Magnifizenz, ich begegnete keinem.

FAUST
Soeben gingen sie.

WAGNER
Ich sah niemanden.

FAUST
Ihr habt sie versäumt. Ach, nun weiss ich, wer sie gewesen.

Der Metallbrei auf dem Herd überkocht mit lautem
Geprassel. Wagner eilt geschäftig hinzu


VORSPIEL II

Der nämliche Raum um die Mitternacht

FAUST
Die Sanduhr zeigt die Mitternacht: ich darf beginnen. Rätselvolles Geschenk, nun sollst du dich bewähren. Faust entschliesst sich und schlägt das Buch des Astartis auf
So wäre dies die erste Handlung!
Er löst seinen Gürtel und bildet mit ihm einen Kreis auf dem Boden; tritt in den Kreis, den Schlüssel in der Hand
Luzifer! Luzifer! Gefallener Engel, du, der Stolzeste, herbei!
Er hebt den Schlüssel, der erstrahlt
Luzifer! Hierher zu mir!
Fahlgrünes Leuchten durchtanzt den Raum. Der Schlüssel erstrahlt mehr und mehr. Eine sichtliche Erregung überfällt Faust

UNSICHTBARER CHOR
Dein Begehr?

FAUST
Entsende mir deine Diener.

CHOR
Du willst?

FAUST
Ich will.

CHOR
Du beharrst?

FAUST
Ja, ich will!

CHOR
Sie kommen! Sie kommen!

Die Studierlampe und der Schlüssel erlöschen.
Sechs Zungenflammen schweben im Raum


FAUST
Was tat ich!
Drückende Stille
Wie konnt' es alsobald gelingen? Darf ich mich weiter wagen?
Gedrückt
Ich sollte sie befragen, doch es ekelt mich davor, schon ihre Stimmen könnten mich töten.

CHOR
Frage, immerhin.

FAUST
Wohlan. So sprich, du Erster, du Tiefster: gib deinen Namen.

ERSTE STIMME
Gravis.

FAUST
Sag' an, wie sehr du geschwind bist.

ERSTE STIMME
Wie der Sand in dem Uhrglas.

FAUST
höhnisch
Wie der Sand in dem Uhrglas?
Heftig
Hinweg, kriechendes Wesen. Verlösche.
Die erste Flamme erlischt, für sich
Sie gehorchen.
Laut
Der Zweite! Welcher bist du?

ZWEITE STIMME
Levis. Ich bin geschwind wie das fallende Laub.

FAUST
Der Mensch fällt hurtiger als du: verschwinde.

Die zweite Flamme erlischt

FAUST
bereits sicherer
Gib Rede, Dritter, gleich.den andren.

DRITTE STIMME
Ich bin Asmodus. Ich eile wie der Bach, der sich vom Felsen stürzt: über Bergeskämme, durch die Felder sprudelnd, hin bis zum Ozean!

FAUST
Ein Prahler bist du. Dich zieht es nur abwärts: fort mit dir! Fort!
Die dritte Flamme erlischt. Für sich
Mein Hoffen sinkt, ob auch mein Mut sich hebt. Offenbare dich, Vierter.

VIERTE STIMME
Ich bin Fürst Beelzebuth.

CHOR
Beelzebuth.

VIERTE STIMME
Ich schnelle wie die Kugel aus dem Rohre; genügt's dir?

CHOR
Genügt's dir?

FAUST
Nein. Ein Spottfürst! Ist die Flinte nicht etwa Menschenwerk? Ist des Menschen Wunsch, ist denn nicht sein Traum höherzielend, weitertragend? Wie könntest du mir, Faust, genügen? Entweiche.

Die vierte Flamme erlischt

FAUST
– und du, und du, Zweitletzter, nenn' dich, bezeichne dich, Fünfter!

FÜNFTE STIMME
Schaue hier, Megäros –.

CHOR
Schaue hier, Megäros.

FÜNFTE STIMME
- wie der Sturm behende.

FAUST
Das klingt nach Etwas, doch es erschöpft nicht. Ich blase, Sturm, dich aus: verwehe.

Die fünfte Flamme erlischt

CHOR
höhnend
Üh!

FAUST
gebietend
Schweiget!

FAUST
tritt aus dem Kreise
Ein einzelner blieb. Ich zög're, die letzte Hoffnung zu zerstören: mir bangt vor der eklen Leere, die folgen muss. So wäre dies der ganze Höllenprunk! Wie steht doch eines Menschen Geist darüber. In ihm ist des Gottes Hauch. Wie ich euch verachte, die ihr hier gedämmert, und nun dunkelt, ihr Dünkelhaften! Ich kehre mich ab von euch. – Welchem Wahn gab ich mich hin! Arbeit, heilende Welle, in dir bade ich mich rein.

SECHSTE STIMME
Faust!

FAUST
erregt
Wie hell flackert das Licht. Ist es von ihm aus, dass die Stimme ruft? Wie hoch züngelt es auf! Wirst auch nicht mehr vermögen, als die andren, o du lichtere Flamme. Ich mag nichts erfahren von dir.

SECHSTE STIMME
Faust!

FAUST
Noch einmal? Und dringender? So magst du reden.

SECHSTE STIMME
Faust, ich bin geschwind als wie des Menschen Gedanke.
FAUST
betroffen
Als wie des Menschen Gedanke!? Was will ich mehr? Konnt' ich so viel erhoffen? Was will ich mehr denn! Als dass Erfüllung schreite mit dem Wunsche; als dass die Tat zugleich ins Leben trete mit der Absicht! Dein Name?

SECHSTE STIMME
Mephistopheles.

|FAUST
»Mephistopheles?« So zeige dich in greifbarer Gestalt.
Mephistopheles tritt unbemerkt ein und verbleibt in
serviler Haltung. Er trägt ein anliegendes schwarzes
Gewand. – Faust, der noch die Flamme anstarrte,
erblickt ihn unerwartet und unterdrückt eine Regung
des Widerwillens


FAUST
Willst du mir dienen?

MEPHISTOPHELES
Fragt sich, in welcher Weise?

FAUST
nach Sammlung ringend
Beschaffe mir für meines Lebens Rest
die unbedingte Erfüllung jeden Wunsches,
lass mich die Welt umfassen, – den Osten und den Süden, die mich rufen – lass mich des Menschen Tun vollauf begreifen und ungeahnt erweitern; Gib mir Genie, und gib mir auch sein Leiden, auf dass ich glücklich werde wie kein andrer.

MEPHISTOPHELES
Weiter, nur weiter, falls Ihr etwa nicht zu Ende wär't.

FAUST
O, lass mich die Welt umfassen, der Menschen Tun begreifen, es ungeahnt erweitern; gib mir Genie, gib
mir auch sein Leiden.

MEPHISTOPHELES
Was noch mehr?

FAUST
Mache mich frei!
So dientest du mir recht, bis an die Erschöpfung,
hernach – Jetzt fordre du.

MEPHISTOPHELES
Hernach dienest du mir, fortab.

FAUST
Ich dir dienen? Dir? In aller Zeiten Ewigkeit?! Ich – kann nicht. Ich kann – und will nicht. Mache dich fort.

MEPHISTOPHELES
kalt
Höre, Faust. Draussen stehn die Gläubiger zuhauf; die du hast betrogen. Über dein Mädchen hast du Unglück gebracht: der Bruder trachtet dir nach dem Leben. Die Pfaffen, sie sind hinter dir her: sie wittern, und nicht mit
Unrecht: der Scheiterhaufen wartet deiner!

FAUST
Genug, genug! Ich weiss!

MEPHISTOPHELES
Hehe! So seid ihr Menschen, die ihr unablässig einander aufreizt und jagt!

FAUST
Lass den Gemeinplatz, spar deine Weisheit.

MEPHISTOPHELES
Kommt es einmal zum Letzten,
dann sind meinesgleichen,
dann bin ich geringerer Teufel,
als Retter gefällig zur Stelle.
Höre Faust: Ich gebe dir Reichtum und Macht,
Freuden der Liebe, weitesten Ruhmesglanz, weltli-
chen Ruhm. Offen sind dir die Herrlichkeiten dieser
Erde.

FAUST
Ende!

MEPHISTOPHELES
Und draussen drängen die Gläubiger, lauert der Bruder, wittern die Pfaffen, sie fordern, sie morden, sie brennen!
Lacht lautlos

FAUST
Ich weiss, ich weiss! Ende!

MEPHISTOPHELES
So stehn die Dinge. Wähle!
Verbeugt sich ironisch

FAUST
ruhig
Schlau wusstest du die Schlingen zu legen.

MEPHISTOPHELES
Schlag' ein.

FAUST
Niemals!

Klopfen an der Tür

MEPHISTOPHELES
Deine Schergen stehn dahinter. Ein Wort von dir, und sie sind nicht mehr!
Stärkeres Klopfen

FAUST
dumpf
Töte sie.

MEPHISTOPHELES
kalt
Es ist geschehn.
Faust sinkt in einen Stuhl
Möchtet Ihr das Übrige abwarten?

FAUST
bezwungen
Kaum! – Ich geb mich dir. Aber jetzt – verlass mich.

MEPHISTOPHELES
lauernd
Nur noch ein Geringes.

FAUST
heftig
Fort, fort, fort! Ich kann dich nicht ertragen!

MEPHISTOPHELES
kreuzt die Arme, abwartend
Du musst es lernen.

CHOR
Credo in unum Deum. Patrem omnipotentem, creatorem coeli et terrae visibilium, omnium et invisibilium.

FAUST
in schmerzhafter Anspannung
Was verlangst du noch?

MEPHISTOPHELES
Ein kurzes Schreiben, mit deinem Blut gezeichnet, rot auf weiss.

FAUST
So gib her.

MEPHISTOPHELES
Brav.

FAUST
Wo ist mein Wille, wo mein Stolz geblieben! Unseliger Faust, das Höllenwerk begann.
Tritt an das Fenster
Wie wird mir
Es wird Tag. Osterchor. Glocken

CHOR
Et resurrexit tertia die – secundum scripturam et ascendit in coelum, – sedet ad dextera Patris.

FAUST
Ostertag! Da ziehen die Guten zum Münster. Oh, Tag meiner Kindheit!

MEPHISTOPHELES
Kehr' dich nicht an das Gesäusel.

MÄNNER
Et iterum venturus est – cum gloria judicare vivos, – vivos et mortuos.

FAUST
Du, Faust, bist nun ein Toter. Ich werde gerichtet! Wer hilft mir?
Ein Rabe fliegt herbei, Feder im Schnabel, die
Mephistopheles ihm abnimmt


MEPHISTOPHELES
Ein Mann, Faust, du hast dein Wort zu halten: Vollziehe!

FAUST
abwehrend
Noch hat es Zeit. Fauch mich nicht an.
Verzweifelt
Es gibt kein Erbarmen. Es gibt keine Seligkeit, keine Vergeltung, den Himmel nicht und nicht die Höllen-schrecken: dem Jenseits trotz' ich!

MEPHISTOPHELES
Tüchtig, tüchtig! Das nenn' ich fortgeschritten: nun seid Ihr eben auf der rechten Fährte!

FAUST
zitternd, indem er Mephistopheles das unterschriebene Blatt entgegenstreckt
Hier – nach Schwinden meiner Frist – es wird sich zeigen – vielleicht unterliegst noch du – bin ich – nicht dein Herr –
Er fällt ohnmächtig nieder

CHOR
Gloria in excelsis Deo et in terra pax.

Mephistopheles weidet sich eine Zeitlang an dem
Anblick seines Opfers – und entreisst ihm das Blatt


MEPHISTOPHELES
Gefangen!

Die Bühne wird stetig heller. Von dem Fenster her,
und wie durch alle Ritzen, fluten Morgensonnenstrahlen in das Gewölbe herein.


CHOR DER MÄNNER UND FRAUEN
Allelujah!

Vorhang.

ZWISCHENSPIEL

Uralte romanische Kapelle im Münster. Kahle graue
Wände, Holzbänke, ein Kruzifix. Orgelspiel vom
Hauptschiffe her vernehmbar. Gretchens Bruder,
durchaus in Eisen gekleidet, ist (fast von hinten
anzusehen), knieend im Gebet


DER SOLDAT
Du, der du nicht allein der Gott der Milde und der Gnade bist; zu Zeiten auch des Zornes, und der Rache, und der Schlachten, als der du mir bist vertrauter: erhöre mein Gebet! Ich hatte nichts auf der Welt, als mein Geschwister, nicht Eltern, noch Weib und nichts, das mir's ersetze. Man hat es mir genommen, hat es verdorben: Lass du den Mann mich finden und lass ihm Recht geschehn. Herr, der du nicht allein der Gott der Milde und der Gnade, erhöre mein Gebet!
Er versinkt im Gebet

Faust und Mephistopheles am Eingang

MEPHISTOPHELES
Der Mann sinnt auf deinen Tod.

FAUST
Räum ihn aus dem Wege.

MEPHISTOPHELES
Auf deine Rechnung.

FAUST
Nein, ich will meine Hände rein wahren! Such ein andres.

MEPHISTOPHELES
Wenn er dich jetzt erkennt, kein andrer Ausweg, als dass du selbst ihn tötest.

FAUST
Find einen andren.

Der Soldat macht eine Bewegung

MEPHISTOPHELES
Aufgepasst!

FAUST
gequält
Nicht ich, nicht ich –

MEPHISTOPHELES
Er oder du.

FAUST
Er schleppt sein Leben in eitler Qual, ich bin ein Mann der Tat. –

MEPHISTOPHELES
Einverstanden.

Faust und Mephistopheles ziehen sich eilig zurück

DER SOLDAT
stöhnend
Den Mann, den Mann, den ich suche! Erbarmen! Versinkt im Gebet

Mephistopheles als grauer Mönch tritt langsam auf
und kniet Seite an Seite des Soldaten nieder


MEPHISTOPHELES
Möchtest du mir nicht beichten?

DER SOLDAT
Ich habe nicht an Bösem was getan.

MEPHISTOPHELES
Aber du hast welches vor.

DER SOLDAT
Ich habe vor, was Rechtens ist. Weisst du's, brauch ich zu beichten um so weniger.

MEPHISTOPHELES
Vielleicht wär's doch an der rechten Zeit!

DER SOLDAT
Gott ist bei mir. Du bist mir lästig.

MEPHISTOPHELES
Wer weiss, deine Stunde ist nicht weit.

DER SOLDAT
Teufelsmönch, zeig deine Fratze! Ich bin ein offener Mann.

MEPHISTOPHELES
Du wirst sie bald sehen.

DER SOLDAT
Hervor damit!

MEPHISTOPHELES
Geduld, sieh lieber nach der Tür! Hurtig. Wehr dich! Springt auf, Entfernte Trommeln und Trompeten

MEPHISTOPHELES
riumphierend
Man rückt heran. Es sind ihrer sechs gegen Einen. Sticht dich nicht deine Rauflust? Meine Fratze? Da!
Er streckt ihm die Zunge. Mephistopheles schleicht
in einen Beichtstuhl. Der Soldat zieht entsetzt seinen
Degen und stellt sich mit dem Rücken gegen die
Wand. Es dämmert tief. An der Tür zeigt sich der
Leutnant, der eine Patrouille anführt


LEUTNANT
Dort! Seht ihn! Verkrochen in der Kirche, der unsern Hauptmann niederschlug von hinten: Gleiches mit Gleichem, haut den Mann zu Boden! Der Oberst wird's uns danken!
Sie kämpfen. Kurz darauf fällt der Soldat erschlagen

MEPHISTOPHELES
aus dem Beichtstuhl, mit gereckten Armen
Hier? Am heiligen Ort? Ihr seid des Teufels! Mürbe für die Hölle! Im übrigen: gut gemacht, und meinen Segen.

LEUTNANT
Der Mönch ist toll. Lasst ihn laufen.
Die Soldaten ziehen ab

MEPHISTOPHELES
Möcht euch wohl nicht anders raten. Ziehn wir die Rechnung: vorerst, Kirchenschändung; Bruder Soldat, mit einem Mordplan, ab; der weise Faust ladet's auf sein Gewissen: drei Ratten in einer Falle.
Ein Strahl des Mondes senkt sich auf den am Boden
hingestreckten Toten. Langsam fällt der Vorhang



HAUPTSPIEL

ERSTES BILD

Der herzogliche Park zu Parma. Herren und Damen
des Hofes. Festlich gekleidete Landleute, voran Sack-pfeifer. – Jäger mit Hörnern, Falken, Hunde-Meute. – Fechtspielende Pagen. Kränzeschlingende Edelfräulein. Der Zeremonienmeister, von einem Fähnlein Leib-wachen und Trommlern gefolgt, tritt geschäftig auf; ordnet die Gruppen, macht sich wichtig und bemerkbar.
Die Landleute werden zurückgedrängt. Pagen und
Edelfräulein aufgestellt, allen – dem Range nach,
die Plätze angewiesen. Abwechselnd verschwindend
und wiederauftauchend, aufgeregt und autoritativ
zugleich, empfängt den Herzog und die Herzogin


CHOR
Sie nahn! Der Fürst, die Fürstin! O schauet! O Pracht. Hoch das Paar! Heil dem Fürsten!
Das Herzogspaar tritt zu Pferde auf

ZEREMONIENMEISTER
meldet sich, mit Verbeugung, zur Ansprache
Nach dieser Feste rauschend bunter Reihe, wagt ich noch kaum auf Grösseres zu hoffen, der Abend kündet sich besonders an.

HERZOG
Was ist denn Seltenes eingetroffen?

ZEREMONIENMEISTER
Ein höchst gewandter Mann. Kein andrer als der Doktor Faust.

CHOR
Doktor Faust! ich fürchte fast, dass ich mir viel getrau.
Wenn Ihr befehlt, will ich ihn präsentieren, introduzieren, doch jede Verantwortung refüsieren.

HERZOGIN
leichtfertig
Wir wollen's wagen. –
Der Zeremonienmeister mit Verbeugung ab

MEPHISTOPHELES
plötzlich als Herold auftauchend
Wagen – und dabei gewinnen.
Schönheit gefällt sich im Gefahrenspiel.
Drum, schönste Frau, Ihr waget nicht zuviel,
erlaubt Ihr meinem Herrn sich einzufinden.
Hier ist er selbst, Euch zu dienen.
Faust, von oben, und von weitem, langsam heran-kommend, müsste ein phantastisches Gefolge
(schleppentragende Mohrenknaben, oder Affen)
haben; und es sollte sein Erscheinen auffällig, wenn
auch nicht marktschreierisch wirken. Der Zeremonienmeister, halb führend, halb einladend,
tänzelt der Gruppe voran


CHOR
Er naht mit ihm das Wunderbare.
Wir werden staunen und erschauern.
Ringsum verborgene Geister lauern,
umranken trügerisch das Wahre.
Das lässt uns ahnen, wie das Nächtliche zutage tritt,
so dass wir stumm geworden sind und zittern.
Er sieht gebieterisch und schön,
das Ungewohnte ist an ihm natürlich.
Säh er nicht stolz, wir hielten ihn für zierlich,
er schüchtert uns, doch müssen wir ihn ansehn.

HERZOGIN
für sich
Er ist ein Fürst in Wesen und Geberde,
noch niemals hat ein Mann mich so bestrickt.

HERZOG
für sich
Mich dünkt, die Hölle hat ihn hergeschickt.

MEPHISTOPHELES
für sich
Der Wachthund bellt. Es blökt die Herde.

CHOR
Seltener Mann,
seltsamer Gast!
Was wird sich zeigen?

FAUST
für sich
Du stolzeste der Frauen, sollst mir der Preis sein!

HERZOG
kurz angebunden
Herr Doktor, seid an unserem Hof begrüsst,
und Dank, dass Eure Kunst Ihr uns erschliesst.
Wir hoffen, dass Ihr die Fürstin nicht enttäuscht.
Mögt Ihr beginnen?

HERZOGIN
leise für sich
Was wird sich zeigen?

FAUST
halb für sich
Seid unbesorgt! Es sei!
Er erhebt die Hände. Kurze Beschwörungsgeste oder Handlung Fausts. Ein Schwarm faunartiger Teufelchen dringt von allerwärts herein und verteilt sich behende in die Büsche

FRAUEN
aufschreiend
Ah!

MÄNNER
lachend
Ha ha ha ha ha!

FAUST
Verzeiht, wenn ich zu eigen handle,
Tag ist dem Wunder abgewandt, Licht, sei verbannt,
in Nacht dich wandle, Sterne herauf,
am Himmels Rand!
Es wird sternenhelle Nacht. Die Umstehenden schreien gedämpft auf

FAUST
Was wünscht die schöne Herrin zu erschauen?

HERZOGIN
Hab ich zu wählen?
Sie überlegt

HERZOG
zur Herzogin
So wählet!
Heimlicher
Fordert, verlangt Unmögliches!

HERZOGIN
mit Beziehung
Ob jene Fürsten frühester Zeiten
besseren Anstand trugen als jetzt?
Dieses zu schauen möchte mir frommen,
lasset den König Salomo kommen.
Es erscheint der König Salomo auf dem Thron

HERZOG
Ein würdiges Bild.

ZEREMONIENMEISTER
Gewiss, ganz scharmant.

HERZOGIN
Doch gar zu streng. War er nicht auch galant?

FAUST
So ihr es wünscht – zeigt er sich Euch als Pfleger schönen Umgangs.

Eine Harfe steigt auf vor Salomo. König Salomo
greift in die Saiten. Ein zweiter Thron steigt auf. Die
Königin von Saba tritt auf


HERZOGIN
Wer ist die Schöne?

HERZOG
stirnrunzelnd
Sie gleicht Euch sehr!

ZEREMONIENMEISTER
Ist es Helene?

HERZOGIN
für sich
Wohl gleicht sie mir und Faust dem mit der Krone.

Salomo steigt vom Thron und kniet vor ihr nieder

HERZOG
Das ist recht dreist, es wird beinah zum Hohne!

FAUST
Balkis war sie und Sabas Königin.
Den weisen Mann bezwang ihr weiserer Sinn.

Salomo und die Königin von Saba besteigen beide
den Thron


CHOR
Seht hier und dort,
ein gleiches Paar.
Was hier gemeint
wird offenbar.
Das kecke Spiel
beschwört Gefahr.

HERZOGIN
Ein andres jetzt. Könnt Ihr den Wunsch erraten?

FAUST
Wendet den schönen Blick zu diesen Schatten.

HERZOG
misstrauisch
Was ist's, das Ihr Euch wünschet?

HERZOGIN
Ihr werdet's sehn.
Es erscheinen Samson und Dalila
Samson, Dalila, stehn in Lieb umschlungen.

ZEREMONIENMEISTER
Von dieser Frau Verrat wird vieles erzählt und gesungen.

HERZOGIN
Dass Liebe so mit Tücke sich verbände –!

FAUST
Was man erzählt, gehört in die Legende.

Hinter dem Paar erscheint eine schwarze Sklavin,
die Dalila die Schere reicht


CHOR
Sie hebt die Schere –
das ist bekannt –
die listige Mähre –
Ha, wird er entmannt?

HERZOGIN
nervös
Genug davon! Ein neues Bild.
Die Erscheinung erlischt
Und gebet jetzt, wozu Ihr selbst gewillt.
Johannes und Salome erscheinen; daneben der
Scharfrichter mit erhobenem Schwert. Letzterer
trägt die Züge des Herzogs


CHOR
Johannes und Salome!

FAUST
Auf einen Wink Salomes fällt das Haupt.

HERZOGIN
sich verratend
Er darf nicht sterben!

FAUST
Also liebt Ihr mich.

Bewegung, Gemurmel

HERZOGIN
Ich – bin des Herzogs Gattin.

FAUST
Dennoch liebt Ihr mich – –.

HERZOGIN
Schweigt!
Gepresst
Ich bin nicht ehrlos, bin nicht frei!

FAUST
sie in seinen Bann zwingend
Komm, o komm! Folge mir nach. – Ich führe dich in die Unermesslichkeit der Welten. Die Erde sei dein Reich, du ihre Königin, die Pracht des Orients. Komm! Die Kunst des Westens, was späte Zeiten einst zu Tage fördern: jetzt sind sie dein. Du kommst – du kommst –

HERZOGIN
für sich, beklommen
Ach, er berückt mich, betört mich, ergreift mich! Lasst mich, o lasst mich! Bin ich Euch feil?! O still,
o schweiget!

HERZOG
Endet das Spiel!

MEPHISTOPHELES
plötzlich zwischen das Paar tretend und gleichsam verkündend
Das Spiel – es ist so gut als wie beendet.
Er räumt vor dem hinzutretenden Herzog den Platz

HERZOG
grimmig zu Faust
Ergötzlich war die Schau.
Habt unsern Dank.
Ihr seid mein Gast am herzoglichen Tische.

Kurze betroffene Stille, darauf eiliges ungeordnetes
Abziehen der Gruppen. Er wendet Faust den Rücken
und bietet der Herzogin den Arm


CHOR
Fort, zieht Euch zurück. Unheil schwebt. Fort! fort! fort!

MEPHISTOPHELES
Folgt ihnen nicht!

FAUST
Du sagst?

MEPHISTOPHELES
Entflieht. Verlasst den Hof!
Den Herzog habt Ihr aufgereizt. Die Speisen sind
vergiftet. Ich wag mich nicht hinein. Der hohe Klerus sitzt, im Ornat, beim Mahle. Nützet den Augenblick.

FAUST
Ich ziehe nicht allein.

MEPHISTOPHELES
Ich weiss. Das macht sich ganz wie von selbst. Es liegt in meinem Plan: also geschieht's. Nun kommt.

Sie ziehen zugleich mit den letzten Gästen schnell
ab. Leere Bühne. Eine fahle Dämmerung beleuchtet
die Szene


HERZOGIN
tritt auf die Bühne, wie im Traume schreitend, die Arme vorgestreckt
Er ruft mich wie mit tausend Stimmen,
er zieht mich wie mit tausend Armen;
ich fühl, in einem, tausend Augenblicke
und jeder einzelne verkündet ihn, ihn allein.
Wer ich gewesen, und was ich vorstellte,
ist mir entschwunden – seh nur den einen Weg,
den Weg zum teuren Manne.
Ja, ja, ich komme,
schreite mit dir
durch unbegrenzte Räume;
die Erde wird mein Reich,
Ich ihre Königin!
Was späte Zeiten einst zu Tage fördern,
bald ist dies alles mein – mein!
Ich schreite dann an seiner Hand
in unbegrenzte Bezirke.
Bei dir, bei dir
die Unermesslichkeit.
Faust, du, mein Faust! – ich komme! –
Faust, du mein Faust, ich folge dir!

Sie schreitet langsam hinaus. Plötzlicher Tag.
Der Herzog und Mephistopheles, der als Hofkaplan
erscheint


DER HERZOG
heimlich und aufgeregt
Was Wichtges sagt Ihr? Was ist's, mein Vater?

MEPHISTOPHELES
Ergebt Euch, Fürst, die Herzogin entkam!

HERZOG
Mit – ihm?
Mephistopheles nickt
Man setze ihnen nach!

MEPHISTOPHELES
Wonach? Ins Blaue?
Mit diesen beiden Augen sah ich sie
auf Flügelrossen durch die Lüfte treiben.
Er nickt wieder
Am besten wär's, man hielte reinen Mund.
Der Herzog bekreuzigt sich und kniet nieder; süsslich
Die Macht des ... Bösen ist nicht unterschätzbar. Ich rate, Sohn, schaut Euch nach Neuem um.

HERZOG
Was sagt Ihr?

MEPHISTOPHELES
Hört nur. Ferraras Herzog droht Euch mit Krieg.
Um dessen Schwester werbet. So läuft's in Güte ab.

HERZOG
aufstehend, fromm
Der Himmel spricht aus Euch.

MEPHISTOPHELES
für sich
Der Staat Venedig schluckt sie bald selbander,
beim Rat der Drei weiss ich mich wohl gelitten,
und hoffe diese Kleinigkeit schicklich zu fördern.
Zum Herzog, laut, heuchlerisch
Mein Sohn, fasse Ver-trauen!
Der Herzog küsst Mephistopheles die Hand.
Mephistopheles erhebt die Rechte wie zu segnender
Geberde, aber die Hand spreizt sich zur Kralle. –
Vorhang



ZWEITES BILD

Schenke in Wittenberg. Faust und Studenten

CHOR
noch hinter dem Vorhang
So lang man Jugend hat, lebt man als Nimmersatt.
Bah!
Juvenes dum sumus!
Gaudeamus igitur. –
Prosit, prosit, prosit!

Studenten an verschiedenen Tischen in geteilten
Gruppen. Die Disputierenden enger um Faust
sitzend; die Unbeteiligten mehr abseits


ERSTER STUDENT
Dass ihr mir die Platonische Lehre recht begreifet.

EIN STUDENT
andere Gruppe, angeheitert
So lang du trinken kannst,
füll dir den schlappen Wanst.

CHOR
Still! Denn es wird hier diskutiert.

ERSTER STUDENT
Dass ihr mir Platos Lehre ja recht begreifet:
den Teller hier, den runden, ganzen Teller,
mach ich zu Scherben.
Er zerbricht einen Teller

CHOR
Klatsch!

ERSTER STUDENT
Doch der Begriff des Tellers bleibt bestehn.

CHOR
parodierend
Doch der Begriff des Tellers bleibt bestehn!

ZWEITER STUDENT
spöttisch klagend
Doch der ist hin, dein Witz kann ihn nicht kitten.

ERSTER STUDENT
zurückgebend
Dank Gott, wenn deiner noch zusammenhält.

THEOLOGE
Dagegen eifern die Kirchenväter;
was Gott geschaffen, gilt als unzerstörbar,
doch jedes Menschen Bau zerfällt in Nichts.

EINIGE
parodierend
Zerfällt in Nichts! – Nichts!

VIERTER STUDENT
Beim nächsten Gang prügl ich dich windelweich, schonungslos, um festzustellen, ob Gott dich geschaffen.

CHOR
Hahaha! Um festzustellen, ob Gott ihn erschaffen.

VIERTER STUDENT
Und ob du unzerstörbar bist.

CHOR
So lang man Jugend hat,
lebt man als Nimmersatt.
Gaudeamus igitur
Juvenes dum sumus.

JURIST
belehrend
Nach dem Gesetz ist Eigentum geschützt
vor Raub und vor Zerstörung.
Zum ersten gewandt
Mit dem zerbrochenen Teller machst du dich strafbar.

ERSTER STUDENT
War es doch eine reine platonische Handlung.

NATURGELEHRTER
Alles zerfällt, doch bildet es sich neu, verwandelt sich unendlich, geht über in verschiedne Formen und Gattungen.

EIN ANDERER
Als wie dein lustiger abendlicher Affe zum melancholschen Kater des Morgens wird.

ERSTER STUDENT
Doch die platonische Lehre –

THEOLOGE
schneidet ihm das Wort ab
Was Gott geschaffen, das gilt.

JURIST
ebenso
Nach dem Gesetz bleibt Eigentum geschützt.

NATURGELEHRTER
ebenso
Alles zerfällt, verwandelt sich ewig.

CHOR
Prosit, Prosit! So werden wir nicht fertig bis zum Morgen, mit Kater nicht, noch ohne Kater.
Gaudeamus
Juvenes sumus.

ERSTER STUDENT
Der Meister spreche.

MEHRERE
Ja, der Meister spreche.

FAUST
Nichts ist bewiesen und nichts ist beweisbar.
Bei jeder Lehre hab ich neu geirrt.
Gewiss ist nur, dass wir kommen um zu gehen:
Was zwischen liegt, ist das, was uns betrifft.
Drum weis' ich auf des grossen Protestanten
lebendigen Spruch –

ERSTER STUDENT
Den Spruch eines Abtrünnigen –

Hier gruppieren sich die beiden Studenten-Chöre in
Katholiken und Protestanten


ZWEITER STUDENT
Eines Helden und Heiligen –

DRITTER STUDENT
Eines Prahlers –

VIERTER STUDENT
Eines Ketzers.

EIN STUDENT
Ich seh' ihn ganz als einen neuen Heiland, einen aufrechten deutschen Mann –

ERSTER STUDENT
Bah! der rechte Heiland war doch gar kein Deutscher! –

CHOR
Protestanten
Ihr Päpstlichen bleibt doch die ärgsten Ketzer –

CHOR
Katholiken
Säss't ihr in Spanien, wär't ihr längst verbrannt –

CHOR
Protestanten
Und ihr seid ausgebrannt, ein Häufchen Asche –

KATHOLIKEN
Zum Teufel ihr –

PROTESTANTEN
Und ihr zur tiefsten Hölle –, zum Teufel selber – –
ist ein Held und ein Heiliger,
ist ein aufrechter deutscher Mann,
der neugeborne Heiland.

FAUST
belustigt, gütig beschwichtigend
Ihr Freunde, seid mir doch über Teufel und Hölle einer Meinung. Der Spruch, auf den ich wies, wird euch ver-
söhnen. Er sagt, dass Wein, dass Frauen, Kunst und
Liebe zu den vernünftigen tröstlichen Dingen des
Lebens zu rechnen sind, und schliesset mir mit ein
die zarten, heiteren, jubelnden Weisen der heiligen
Tonkunst.

PROTESTANTEN
Hoch die Frauen!

KATHOLIKEN
Heil dem Gesange.

PROTESTANTEN
Doktor Martin, er lebe! Vivat!

KATHOLIKEN
Samt Teufel und Hölle.
Te, Deum, laudamus,
qui fecisti vinum,
Te, Dominum, glorificamus,
qui feminam creavisti.
Dum puellas adoramus,
te eiscum exultamus.
Circulate pocula
in saeculorum saecula.

PROTESTANTEN
springen glaubensbesessen auf
»Ein' feste Burg ist unser Gott,
ein' starke Wehr und Waffen,
er hilft uns frei aus aller Not,
die uns jetzt hat betroffen.«

Tumult. Man steigt auf Bänke und Tische, entkorkt
Flaschen, umarmt einander. – Die Protestanten
gehen, im Gänsemarsch, entrüstet ab, mit
hochgehobener Hand. – Die Studenten leeren
sämtlich die vollen Gläser und setzen sie, mit einem
Schlage, auf den Tisch nieder


EIN STUDENT
Ihr, Doktor, weit gereist, erfahren, müsset den Frauen viel begegnet sein.
Zögernd
Möchtet Ihr nicht ein Weniges verraten?

Faust wird nachdenklich

EINIGE
Wie die Erinn'rung ihn sichtbar ergreift.

ANDERE
Er sieht nicht glücklich aus.

FAUST
der die letzten Worte aufgegriffen, still
Nur der blickt heiter, der nach vorwärts schaut.
Er versinkt in Erinnerung – zur Mitteilung sich ent-schliessend
Von allen Frauen, die mich geliebt, die Schönste, war eine Herzogin aus welschem Lande –.

EINIGE
Hört, eine Fürstin –

ANDERE
Gar eine Fränzin.

FAUST
An ihrem Hochzeitstag gab sie sich mir zu eigen.

EINER
Ihr habt sie wohl verzaubert und behext?

FAUST
Wenn Wohlgestalt und Geist und Mannheit zaubern,
so hab ich sie behext in aller Form.

EINER
Ist's lange seither?

FAUST
Wohl kaum ein Jahr ist's her, doch ferne
liegt's hinter mir. Die Spur hab ich verloren.
Ob sie noch meiner denkt –?

MEPHISTOPHELES
als bestaubter Kurier, zeigt sich am Eingang. Unruhe, Bewegung unter den Studenten
Lasst euch nicht stören. Zu melden hab ich:
Die Herzogin von Parma ward begraben; dies schickt sie Euch als ein letztes Gedenken!
Er wirft Fausten ein totes neugeborenes Kind vor die Füsse

ALLE
Wer ist der Mann? Entsetzlich!
Verdächtiger Geselle! –
Sicher ein gedungner Helfer,
ein Mörder, ein Verbrecher,
ein verdächtiger Schurke! Bekennet!

MEPHISTOPHELES
Gemach, ihr Herren, den Boten trifft keine Schuld.
Ich selber leide, dass ich mit nichts Gefälligerem kann aufwarten; denn so verhält sich die Begebenheit,
sie spielt in Parma. Dort war ein dummer Herzog, der freit' eine geile Frau, der Bräutigam ihr schwer wog,
denn er war so fromm und so flau.
Da kam daher ein Doktor, trat auf mit grosser Pracht,
Der nahm sie ohne weit'res an ihrer Hochzeitsnacht.

CHOR
Gut gemacht!

MEPHISTOPHELES
Auf Höllenflügelrossen entführt er sie durch die Luft,
sie schwoll mit einem Sprossen,
und er sich erwies ein Schuft.
Die Frau mit ihrem Kinde, er liess sie, wo sie stand,
dass ich ihn hier wiederfinde, erscheint mir ungalant.

CHOR
betreten
Sollt' er es sein?!

MEPHISTOPHELES
Auf ihrem Sterbebette hat sie ihm den Balg vermacht,
es fehlt nicht viel, ich hätte lebendig ihn hergebracht.
Doch unterwegs krepiert er, ich hielt ein Aas im Arm.
Ich hoffe, diese Geschichte klingt gänzlich ohne Harm.
Ich berichte diese Geschichte noch eben brühewarm.

CHOR
Hört, o hört, o schändlich, o grausig.
Was meint der Mann? Erklärt Euch!
Genug, genug! Wehe dem Bösen.

Sich zusammendrängend

MEPHISTOPHELES
Nehmt's nicht zu tragisch. Seht genauer hin.
Ein Püppchen ist's aus Stroh.
Er holt von der Stelle, wo das Kind lag, ein Strohbündel hervor
Schaut! und nicht einmal recht täuschend nachgeahmt. Er zeigt das Strohbündel im Kreise umher

CHOR
Ein Strohwisch!

MEPHISTOPHELES
Und zur Ergötzung wollen wir es verbrennen,
auf dass der böse Schreck sei ausgetilgt.
Er zündet das Bündel an und schürt es durch Beschwörungsgesten
Also verbrenn' ich das, was gewesen ist,
zu Asche wandl' ich, was nicht mehr lebt,
ein Schöneres soll dir zum Trost erstehn.

FAUST
Was gaukelst du mir vor?

MEPHISTOPHELES
Hab' erst Geduld!
Geheimnistuerisch
Sie schreitet aus entlegenen Zeiten und schleppet nach sich das Schicksal zweier Völker, masslos an Schönheit, unerschöpft an Liebe, an Jugend unvergänglich, Helena.
Die Flamme steigt höher

FAUST
ungläubig, doch erregt
Helena, sie sollt' ich schauen?

MEPHISTOPHELES
Und sie fassen.

FAUST
Ein Trugbild.

MEPHISTOPHELES
Nein, sie selbst.

FAUST
Er spricht nicht wahr.

MEPHISTOPHELES
wendet sich wieder zum Feuer
Ducke dich, Flamme. Rauchsäule steige,
Nimm an Gestalt.

FAUST
Mich durchschauert
Vollkommenheitsgewalt!
Werd' ich's ertragen?

CHOR
Ist's Scherz, ist es Betrug?
Sakrileg?

Die Studenten schleichen sich fort

MEPHISTOPHELES
Sieh, wie die Laffen sich seitwärts schlagen.
He he he he he he!

Der Akt vollzieht sich.
Die Luft ist rein.
Ein Dritter müsste stören,
Ich lass euch drum allein,
hoffe noch davon zu hören.
Er geht ab

FAUST
allein
Traum der Jugend,
Ziel des Weisen!
Reinster Schönheit
Bildvollendung:
Dich zu üben,
Dich zu preisen,
Dich zu lehren
War mir Sendung
Unerkannte,
Unerreichte,
Unerfüllte,
tritt hervor!

Durch Rauch und Flamme treten die Umrisse der
Figur stetig deutlicher hervor


Was ich sehnte
was ich wähnte:
höchsten Wunsches
Rätselformen.

Ein vollkommen schönes, junges Weib, in durchsichtigem Schleier, im übrigen nackt, steht unbeweglich.
Zugleich hat der neue Hintergrund das Bild der Schenkstube völlig verdrängt


FAUST
Ich schaue dich ...
Und nun werd ich dich halten!
Nur Faust, berührte je das Ideal!
Faust nähert sich der Gestalt; diese weicht zurück
Du weichst, entfliehst, ...
kannst du dich vielgestalten?
Helena, endlich zu mir!
Als er sie endlich zu halten wähnt, zerfliesst die
Erscheinung in Nichts

Ach, abermals betrogen!
Verschwunden nun für immer!
Der Mensch ist dem Vollkommenen
nicht gewachsen.
Resigniert
Er strebe denn
nach seinem eigenen Mass
und streue Gutes aus,
wie es ihm gegeben
Ich weiser Narr,
ich Säumer, ich Verschwender!
Nichts ist getan,
alles zu beginnen;
der Kindheit fühl' ich
wieder mich genähert.
Seherisch
Weithin schaut auf mein junges Gelände,
dort unbebaute Hügel, schwellendes Erdreich,
führen zu neuem Aufstieg.
Wie verheissend lächelt das Leben
im erwachenden sonnelichten Tag!
Als er sich umblickt, gewahrt er, schemenhaft umrissen, drei Gestalten

FAUST
Naht das Verhängnis?
Laut
Nennt euch mit Namen!

DIE DREI
Studenten aus Krakau.

FAUST
Ihr seid's. Und welcher Art sind heute eure Wünsche? Sprecht!

ERSTER
Das Buch abzufordern.

ZWEITER
Den Schlüssel.

DRITTER
Mir die Briefschaft.

FAUST
Zu spät, sie hab' ich vernichtet.

DIE DREI
starr
Faust, deine Frist ist um. Zu dieser
Mitternacht bist du vergangen.

FAUST
Was wollt ihr wissen?
Ihr seid entlassen, entfernt euch.
Mit weltmännisch-gebietender Gebärde weist er die drei hinaus, die in Dunst aufgehen

DIE DREI
Fahr' hin, Faust.

FAUST
befreit
Vorbei, endlich vorbei!
Frei liegt der Weg, willkommen
du meines Abends letzter Gang, –
willkommen bist du.
Schickt sich an zu gehen
Vorhang.

LETZTES BILD

Verschneite Strasse in Wittenberg. Links einer der
Eingänge zum Münster. Um die Ecke, an der nämlichen Mauer, ein lebensgrosses Kruzifix mit
Kniestufe davor. Es ist Nacht


DES NACHTWÄCHTERS STIMME (Mephistopheles)
Ihr Männer und Frauen, lasst euch sagen,
die Glocke hat Zehn geschlagen.
Zehn geschlagen.
Bewahrt das Feuer, bewahrt das Licht,
dass kein Schaden der Stadt geschieht,
Zehn ist die Glock'.

Es treten, nacheinander, einzelne Gruppen von
Studenten auf, die vor dem Eingange des Hauses,
das rechts dargestellt erscheint, sich aufstellen und
versammeln. Zuletzt Wagner, ehemaliger Famulus,
jetzt Rector Magnificus, umgeben von seinen
Vertrauten


ERSTER STUDENT
Die Antrittsrede Euerer Magnifizenz war unvergleichlich. –

EINIGE
Musterhaft. –

ANDERE
Meisterlich. –

ANDERE
Cum perfectione! –

ALLE
akklamierend
Meinen Glückwunsch! Gratulor, – Doctor Christophorus Wagnerus, – Rector Magnificus.

WAGNER
Qualis orator, talis oratio. – Ich war wahrlich darauf nicht gefasst.

MEHRERE
Sie hätten nicht glänzender Ihr hohes Amt antreten können.

EINER
Endlich der eines Fausten würdige Erbfolger!

ALLE
Gratulor, gratulor, gratulor!

WAGNER
Je nun, der Faust war mehr von einem
Phantasten; als Gelehrter nicht eigentlich vollwichtig, und, gnad' uns Gott, sein Wandel war anstössig.
Genug: ich bin das Feiern nicht gewohnt – die
späte Stunde – die gewaltige Arbeit – kurzum, ihr
Herren, gute Nacht.
Er zieht sich in das Haus zurück

STUDENTEN
Euerer Magnifizenz wohl zu ruhen.
Stimmet an! lala, lalala Silentium!
Klatschen dreimal in die Hände, mit den Akkorden zugleich. Sie stimmen an:
Wenn das Wissen mit der Tugend
Würde sich dem Manne paart,
dann ergreifet unsre Jugend
Ehrfurcht vor dem langen Bart.
Hut ab vor dem alten Haus,
ihm gebühret summa laus.
Euerer Magnifizenz
alleruntertänigste Reverenz.

STIMME DES NACHTWÄCHTERS
Ihr Männer und Frauen, lasst euch sagen,
die Glocke hat Elf geschlagen.
Bewahrt das Haus, bewahrt die Ehr',
dass der Nachbar nicht sich beschwer'.
Elf ist die Glock'.
Die Studenten, befangen geworden, brechen das
Ritornell ab


STUDENTEN
nehmen das unterbrochene Ritornell wieder auf
Wenn die Schöne mit der Tugend
Anmut sich den Mädchen eint,
dann ergreifet unsre Jugend – –
Der Nachtwächter schreitet im Hintergrunde über
die Bühne. Die Studenten flüchten wie Knaben um die nächste Ecke


EINIGE
– – die Flucht.

ANDERE
Fugam.

ALLE
Fugam, die Flucht.
Man hört die Studenten draussen zu Ende singen
Dann ergreifet unsre Jugend
etwas, das am hellsten scheint.
Würde schreitet hölzern-alt,
Weisheit fühlt sich an so kalt.
Vor des Weibs Magnifizenz
allertiefste Reverenz.

Faust tritt auf. Auf den Eingangsstufen des Hauses
eine Bettlerin, einen Säugling im Arm


FAUST
Das Haus ist mir bekannt, es war das meine.
Weiss auch, wessen das Licht einst, das dahinter
glimmt. Da sitzest du, Pedant, auf meinem Stuhl,
und wähnst dich sitzend höher als ich sass. O Nacht
der Nächte, Stunde du der Stunden. Wie fass' ich
euch, dass ihr mein krankes Herz mit mir versöhnet!

CHOR
vom Innern der Kirche her
Der Tag des Gerichts ruft uns herauf,
Alle Seelen folgen dem tönenden Licht.
Auferstehet!
Verhüllten Auges harren sie bang des erlösenden
Richterwortes, doch die Böses vollbrachten,
ind auf ewig verbannt.

FAUST
Quälendes Herz! Du kennst keine Vernunft!
Die Mutter lehrte mich, ein gutes Werk bringt
Heilung dem, der's tut – –.
Welches Werk denn –?

Er erblickt, auf den Eingangsstufen des Hauses
gekauert, eine Bettlerin, ein Kind im Arme

Du ärmstes Weib, nicht elender als ich,
mein letztes Gut sei dein; ah!
Er erkennt die Herzogin
– die Toten leben fort!

HERZOGIN
streckt Faust das Kind entgegen
Nimm, nimm das Kind,
zum dritten Male
schenk' ich es dir.
noch ist es Zeit –
noch ist es Zeit, vollende,
vollende du vor Mitternacht das Werk.

Faust empfängt das Kind, die Bettlerin verschwindet

FAUST
Meine bösen Geister sie treiben ihr Spiel.
Ein Höherer soll euch bannen. Nun stehe,
Gott, mir bei!

Er will in die Kirche dringen, die plötzlich von innen hell erleuchtet erscheint. Aus der Kirchentür tritt der geharnischte Bruder und wehrt den Eingang

CHOR
Gott, der nicht immerdar
der Herr der Milde
und der Gnade ist,
zu Zeiten auch der Rache,
der Vergeltung und der Strafe,
als den du sollst ihn erkennen,
er hört nicht dein Gebet, nein, nein.

FAUST
Auch du! Lass mich, lass mich!

Der Geharnischte streckt ihm das Schwert entgegen

FAUST
Hinweg, ich hab' zu beten!
Zergehe, du Höllenspuk, noch bin ich Herr!

Die Erscheinung schwindet. Faust schleppt sich, das
Kind im Arm, zu den Stufen des Kruzifixes


FAUST
O, beten, beten! Wo die Worte finden?
Sie tanzen durchs Gehirn wie Zauberformeln. – –
Ich will wie ehmals aufschauen zu dir.

Er richtet den Kopf auf. Der Nachtwächter, von hinten herangeschlichen, hebt seine Laterne. In ihrer Beleuchtung verwandelt sich der Gekreuzigte in Helena

FAUST
Verdammnis! Gibt es keine Gnade? Bist du
unversöhnbar?

Der Nachtwächter entfernt sich. Faust reckt sich neu gekräftigt auf

FAUST
So sei das Werk vollendet.
Hilf, Sehnsucht,
Urzeugerin,
zwingende,
erfüllende Kraft,
dich ruf' ich an zu höchstem Tun.

Faust legt das tote Kind auf den Boden, deckt es mit
seinem Mantel, löst den Gürtel, ... tritt in den Kreis


FAUST
beschwörend, verzückt
Blut meines Blutes
Glied meines Gliedes,
Ungeweckter,
Geistig-reiner,
noch ausserhalb aller Kreise
und mir in diesem
innigst verwandt,
dir vermach' ich mein Leben:
es schreite
von der erdeingebissenen Wurzel
meiner scheidenden Zeit
in die luftig knospende Blüte
deines werdenden Seins.
So wirk' ich weiter in dir,
und du zeuge fort
und grabe tiefer und tiefer
die Spur meines Wesens
bis an das Ende des Triebes.
Was ich verbaute,
richte du grade,
was ich versäumte,
schöpfe du nach,
so stell' ich mich
über die Regel,
umfass in Einem
die Epochen
und vermenge mich
den letzten Geschlechtern:
ich, Faust,
ein ewiger Wille!

Er stirbt

STIMME DES NACHTWÄCHTERS
Ihr Männer und Frauen, lasst euch sagen,
das Wetter hat umgeschlagen,
der Frost kündigt sich an,
die Glocke schlägt die Mitternacht.

An der Stelle, wo das tote Kind lag, ist ein nackter, halbwüchsiger Jüngling aufgestiegen, einen blühenden Zweig in der Rechten. Mit erhobenen Armen schreitet er über den Schnee in die Nacht und in die Stadt hinein. Der Nachtwächter (Mephistopheles) erscheint und leuchtet mit der Laterne über den dahingestreckten Faust.

MEPHISTOPHELES
Sollte dieser Mann verunglückt sein?

Vorhang