Knjas Igor

Knjas Igor

Libretto

Alexander Borodin
nach Wladimir Stassow

Uraufführung

23. Oktober 1890, St. Petersburg (Marinskji-Theater)

Besetzung

FÜRST IGOR SWJATLOSAWITSCH von Sewersk (Bariton)
JAROSLAWNA, seine Frau in zweiter Ehe (Sopran)
WLADIMIR IGOREWITSCH, Igors Sohn aus erster Ehe (Tenor)
WLADIMIR JAROSLAWITSCH, Fürst Galitzky, Bruder der Fürstin Jaroslawna (Bass)
KONTSCHAK und GZAK, Polowetzer Khane (Bass und stumme Rolle)
KONTSCHAKOWNA, Tochter des Khans (Sopran)
OWLUR, ein getaufter Polowetzer (Tenor)
SKULA, Gudokonspieler (Bass)
JEROSCHKA, Gudokonspieler (Tenor)
Jaroslawnas AMME (Sopran)
Ein POLOWETZER MÄDCHEN (Sopran)

Russische Fürsten und Bojaren mit ihren Frauen,
Krieger, Khane und Volk der Polowetzer,
Wachen, Sklaven und Sklavinnen

Ort

Zeit

1185

Borodin, Alexander

Borodin, Alexander Porfiryevich
31.10.1833 St. Petersburg - 17.2.1887 St. Petersburg


Bühnenwerke
mit Datum/Ort der Uraufführung:

Bogatïri (18.11.1867 Moskva) [+ E. N. Merten]
Mlada (1872; np?) [+ Rimsky-Korsakov, Cui, Musorgsky]
Knyaz' Igor' (4.11.1890 St. Peterburg) [+ Rimsky-Korsakov, Glazunov]
np = keine Aufführung



PROLOG
Fürst Igor und seine Truppen wollen gegen die Polowetzer, einen Mongolenstamm, der ihre Grenzen verwüstet, in den Krieg ziehen. Beim Aufbruch tritt plötzlich eine Sonnenfinsternis ein, die als schlechtes Vorzeichen gedeutet wird. Trotzdem sind Fürst Igor und Wladimir entschlossen, den Feldzug durchzuführen, und verabschieden sich von Jaroslawna und den besorgten Bojaren.

ERSTER AKT
Fürst Galitzky regiert während Igors Abwesenheit, gibt jedoch nur Zechgelage und Feste, wo er durchblicken lässt, dass er selbst gerne herrschen würde. Das betrunkene Volk jubelt ihm zu; nur Jaroslawna hat schlimme Vorahnungen und stellt ihn zur Rede. Da melden Bojaren, dass Igor die Schlacht verloren hat und mit seinem Sohn und vielen anderen gefangengenommen wurde. Schon nähern sich die Feinde der Hauptstadt Putiwl, deren Glocken geläutet werden, um die Bevölkerung zu warnen.

ZWEITER AKT
Im Lager der Polowetzer singen und tanzen Mädchen vor den Kriegern und gefangenen Russen. Kontschakowna, die Tochter des Khans, hat sich in Wladimir verliebt, der ihre Neigung erwidert. Igor aber hadert mit seinem Schicksal. Vergeblich bietet ihm Kontschak die Freiheit, wenn er verspricht, nicht mehr gegen ihn zu kämpfen. Auch Owlurs Rat, aus dem Lager zu fliehen, lehnt der Fürst entschieden ab.

DRITTER AKT
Khan Gzak hat inzwischen die Stadt Putiwl erobert und geplündert; neue Gefangene werden herbeigebracht. Als Igor sieht, dass auch Frauen und Kinder darunter sind, entschliesst er sich doch noch, mit seinem Sohn zu fliehen. Die eifersüchtige Kontschakowna aber alarmiert die Wachen. Wladimir wird wieder eingefangen; Igor kann entkommen. Abermals ist der Khan grosszügig und gibt seiner Tochter Kontschakowna die Erlaubnis, Wladimir zu heiraten.

VIERTER AKT
Währenddessen trauert Jaroslawna vor den Toren der Stadt um Gatten und Land. Plötzlich sieht sie zwei Reiter, die sich der Stadt nähern; einer davon ist Igor. Der Fürst will sofort wieder ein Heer aufstellen und gegen den Feind ziehen. Betrunkene Spielleute singen ein Spottlied auf Igor. Als sie den Fürsten aber sehen, läuten sie die Sturmglocken, um so die Situation zu retten. Überglücklich strömt das verelendete Volk zusammen und begrüsst seinen Fürsten, von dem es Rettung erhofft.

PROLOGO
Nonostante i presagi sfavorevoli e le preghiere della giovane moglie Jaroslavna, il principe Igor parte con il suo esercito da Putivl’ per una spedizione punitiva contro la tribù dei Polovcy che minacciano i commerci della città.

ATTO PRIMO
Scena prima.
Il principe Galickij, fratello di Jaroslavna, conduce vita dissoluta, beve, rapisce una fanciulla per il suo piacere, si circonda di perdigiorno (“Grešno tait’: ja skuki ne ljublju”, ‘Bisogna ammetterlo: io non amo la noia’) e si prende gioco di Jaroslavna che disapprova il suo comportamento. Un gruppo di ragazze protesta per il rapimento di una di loro (“Oj, lichon’ko! Oj, gorjuško!”, ‘O sfortuna! O sciagura!’) e viene cacciato. I cortigiani, prima intimoriti dalla riprovazione di Jaroslavna, cantano le lodi di Galicyn: vorrebbero averlo come principe al posto di Igor.
Scena seconda.
Jaroslavna, nella sua camera, è angosciata per Igor e turbata da sogni tormentosi (“Nemalo vremeni prošlo” ‘Non molto tempo è passato’). Giungono le fanciulle che denunciano il comportamento di Galicyn. Galicyn arriva e le aggredisce, deride la sorella che lo rimprovera, ma alla fine accetta di lasciar libera la ragazza che ha rapito e se ne va. Arriva un gruppo di boiari con una terribile notizia: Igor e il figlio Vladimir sono stati catturati dai Polovcy. La città è in allarme: l’esercito dei Polovcy sotto la guida di Khan Gzak sta per attaccare Putivl’.

ATTO SECONDO
Nell’accampamento dei Polovcy, un gruppo di ancelle intrattiene con un canto e una danza la figlia del Khan, Koncakovna (“Na bezvod’ie, dnëm na solnce vjanet cvetik”, ‘Senza acqua, di giorno il fiorellino appassisce al sole’). Koncakovna attende con impazienza l’incontro d’amore con il figlio di Igor, Vladimir (“Merknet svet dnevnoj”, ‘Si spegne la luce del giorno’); frattanto ordina alle ancelle di dar da bere ai prigionieri russi che tornano dal lavoro scortati da Ovlur. Vladimir, spiato da Ovlur, arriva alla tenda di Koncakovna, impaziente di abbracciarla (recitativo e cavatina “Gde ty gde”, ‘Dove sei, dove’): la fanciulla appare e insieme cantano il loro amore (“Ty li, Vladimir moj”, ‘Tu, mio Vladimir’). Si nascondono all’arrivo di Igor, che, logorato dalla prigionia, pensa all’amata Jaroslavna (“Ni sna, ni otdicha”, ‘Né sonno, né riposo’). Ovlur, sempre in agguato, gli si avvicina e gli propone la fuga. Igor prima rifiuta, poi è tentato, ma è distolto dai piani di Ovlur dall’arrivo del Khan Koncak, che gli dimostra grandi attenzioni, gli propone la libertà in cambio di un’alleanza. Igor rifiuta. Koncak ordina alle ancelle di intrattenere i prigionieri con canti e danze.

ATTO TERZO
L’esercito guidato dal Khan Gzak ritorna da Putivl’ con altri prigionieri russi, (marcia dei Polovcy) tra il tripudio dei Polovcy e del Khan Koncak (“Naš mec nam dal pobedu”, ‘La nostra spada ci ha dato la vittoria’). I prigionieri russi, umiliati dalla nuova sconfitta, esortano Igor ad accettare la proposta di fuga di Ovlur. I Polovcy bevono e danzano alla vittoria (“Podoben solncu Khan Koncak”, ‘È simile al sole il Khan Koncak’). Koncakovna, informata del piano di fuga di Igor, irrompe disperata, nella speranza di trattenere Vladimir e avvisa i suoi. Igor fugge, i Polovcy minacciano Vladimir ma Koncak lo difende e benedice l’unione di lui con la figlia.

ATTO QUARTO
Sugli spalti di Putivl’, Jaroslavna piange il destino di Igor (“Ach, placu ja gor’ko”, ‘Ah, piange amaramente’). Al suo lamento si aggiunge quello della gente di Putivl’ che piange sulla città distrutta. Jaroslavna è distratta da un improvviso scalpitare di cavalli: riconosce da lontano Igor e gli si butta tra le braccia (“On-moj sokol jasnyj”, ‘È lui, il mio bianco falco’). Le campane suonano a stormo per annunciare il ritorno del principe e il popolo si raduna in festa (“Znat’, Gospod mol’by uslišal, ‘Ecco che il Signore ha ascoltato le nostre preghiere’).

FÜRST IGOR


Personen:
IGOR SWJATOSLAWITSCH, Fürst von Sewersk (Bariton)
JAROSLAWNA, seine Frau in zweiter Ehe (Sopran)
WLADIMIR IGOREWITSCH, sein Sohn aus erster Ehe (Tenor)
WLADIMIR JAROSLAWITSCH, Fürst Gàlitzky, Bruder der Fürstin Jaroslàwna (Bass)
KONTSCHAK, polowezkischer Chan (Bass)
GSAK, polowezkischer Chan (Bass)
KONTSCHAKNOWA, Tochter des Chans Kontschak (Alt)
OWLUR, ein getaufter Polowezer (Tenor)
SKULA, Gudokspieler (Bass)
EROSCHKA, Gudokspieler (Tenor)
DIE AMME der Fürstin Jaroslàwna (Sopran)
EIN POLOWEZKISCHES MÄDCHEN (Sopran)

Russische Fürsten und Fürstinnen, Bojaren und Bojarenfrauen, Greise, russische Krieger, junge Mädchen, Volk.
Polowezkische Chane, Gefährtinnen der Kontschakowna, Sklavinnen (Tschagen) des Chans Kontschak, russische Kriegsgefangene, polowezkische Wachen und Heer.

PROLOG

ERSTES BILD
Ein Platz in der Stadt Putivl. Links der Kreml. Rechts eine Kirche. Daneben ein Glockenturm. - Im Hintergrunde eine gangbare Wehrmauer. In ihr ein grosses Holztor, das offen steht.
Die Krieger sind zum Ausmarsch bereit. Das Volk begrüsst sie. Beim Aufgehen des Vorhangs tritt Fürst Igor, von Fürsten und Bojaren begleitet, feierlich aus der Kirche.


CHOR
Dir o Sonne sei Ehre, Ehre!
Hoch am Himmelsdom!
Dir, dem Fürsten sei Ehre,
Ruhm im heiligen Russland sei dir!
Ehre dem tapferen Fürsten Troubtschewsky,
Dem mutigen Wsewolod Heil!
Heil dir! dir o Fürst sei Ehre!
Heil sei dem Helden, dem jungen Wladimir,
Ehre Swjatoslaw, dem jungen Fürsten, Ehre, Ehre,
Igor sei gelobt im Russenland!

Hell tönt das Loblied, es klingt in den Steppen,
Tönt von dem breiten Don bis zu den Meeren.
Fürsten man ehrt euch in fernesten Landen.
Heil euch, ihr Mächtigen, heil euch!
Heil tapfre Krieger, heil unsrem tapfren Heer!
Heil den mächtigen Fürsten, heil euch!
Ehre sei unsern tapfern Kriegern, Heil und Ruhm!
Heil euch!

FÜRST IGOR
Voran, voran, den Feinden Tod!

CHOR
Gott helfe dir o Fürst und deinem Heere.

FÜRST IGOR
Zum Kampf ins Land der Polowetzer!

CHOR
Wir wollen uns're Schmach an ihnen rächen!

CHOR der BOJAREN
Ruhm dir o Fürst, dem Sieger von Oltava!
Ruhm dir o Fürst, dem Sieger vieler Schlachten
Und Tod dem Feind, wir werden ihn vernichten!
Das Heer der Feinde soll verderben,
Es muss ganz untergeh'n!

FÜRST IGOR
Wir ziehen in den Kampf, um zu streiten
Für Glauben, für Heimat und Volk,
Und wo mich die Ehre wird rufen,
Dort werde ich sein. In weiten, in weglosen Steppen
Dort einen ruhmvollen Tod finden
Oder heimkehren siegreich.

CHOR
Gott begleite euch! Gottes Segen auf euch!
So ziehe in den Kampf mit Gottes Schutz und wehe dem Feind!
Gott begleite euch, Gott führ' euch zum Siege!
Bald kehrst du heim, o Fürst und hast den Feind besiegt!
Heil dir! Heil dir!

FÜRST IGOR
Wohlan! Die Stunde ist da!
In diesem Augenblick beginnt eine Sonnenfinsternis

FÜRST WLADIMIR GALITZKY
Was für ein Wunder! Den hellen Tag verschlingt die Nacht!

CHOR
Himmelszeichen sind das, grosser Fürst!

WLADIMIR IGOREWITSCH
Wie eine Sichel, dem Neumond gleichend, verblasst die Sonne.

CHOR
Unheil verkündet dies Zeichen uns.
O seht, am Tage funkeln Sterne!
Die Erde hüllt sich in Dunkel ein! Die Nacht bricht an!
Fürst bleibe hier, ziehe nicht in den Krieg!

FÜRST IGOR
Und mag die Sonne sich verfinstern,
Was tut's, ihr folget mir zum Kampf!
Da niemand dem Geschick entgehen kann,
Nützt euch auch nichts die Furcht!
Wir streiten für gerechte Dinge:
Für Glauben, Heimat, für das Volk.
Es wäre schwächlich, kampflos hier zu bleiben,
Da uns der Feind bedroht!

EIN BOJAR
Du hast Recht, Fürst,
Doch wär' es besser, nicht zu zieh'n.

EIN ANDERER BOJAR
Du hast wohl Recht,
Doch bleibe hier!

FÜRST IGOR
Nein, nein, schwingt euch aufs Pferd nun
Und fliegt zum blauen Meer mit Falkeneile!
Ein Sonnenstrahl fällt auf den Fürsten. Das Volk erblickt darin ein gutes Zeichen
und jubelt zustimmend


CHOR
Heil dir! Heil euch!
Fürst Igor entfernt sich, um seine Truppen zu besichtigen. Alles drängt durch den Torbogen nach

SKULA
Zieht ihr getrost ins Feld, ich drück' mich und bleib' hier!

EROSCHKA
Danke schön, auch ich hab' Angst...

SKULA
Versuchen unser Glück wir anderswo.

EROSCHKA
Auf zu Galitzky, diesem lust'gen Herrn.
Prächtig lebt es sich dort!

SKULA
Richtig! Denn dort gibt es Bier und Wein im Überflusse.
Sie werfen ihre Waffen weg und schleichen fort


Quartett

Igor kommt mit seinen Angehörigen von der Truppenbesichtigung zurück. Soldaten halten das nachdrängende Volk fern

FÜRST IGOR
Nehmen wir nun Abschied, du mein lieber Sohn,
Von meiner guten Frau, um die allein mir bangt.

JAROSLAWNA
Igor umarmend
O bleibe, teurer Gatte,
O bleibe doch bei mir; o zieh' nicht fort.
Der Augenblick verheisst kein Glück,
o bleib' bei mir, o hör' mein Fleh'n!
Ein grosses Unglück seh' ich kommen,
Mein Geliebter, über dich und uns.

FÜRST IGOR
Sei stark, mein Weib, hör' auf zu weinen;
Stille deine heissen Tränen,
Meiner Pflicht muss ich gehorchen, glaube mir.

JAROSLAWNA
Ich glaube meinem Herzen nur,
Mir ist so weh, so furchtbar weh.

FÜRST IGOR
Ach, lass dein Klagen, lass dein Weinen.
Manchesmal schon nahmst du Abschied von dem Gatten.
Stark sei jetzt und ohne Furcht!
Die Ehre will's, die Pflicht gebeut zu streiten für das Vaterland.
Wir müssen zieh'n, o glaube mir, ja
Die Ehre will's, die Pflicht. Leb wohl, mein Weib!

JAROSLAWNA
Die Angst engt mir die Brust.
Ich weiss ja was du sagen musst,
Ah! - doch diese Angst, ja Angst.
Sieh, ich bewundre deine Kraft, -
Doch glaube mir: der Augenblick verheisst kein Glück,
Es nahet uns ein Leid. Leb wohl!

WLADIMIR IGOREWITSCH
Lass uns! Es muss so sein; die Heimat,
Die Ehre, die Pflicht zwingt uns.

WLADIMIR GALITZKY
Ganz recht! Ihr müsset zieh'n zum Kampf.
Ja, die Ehre zwingt uns.

FÜRST IGOR
Leb wohl, mein Weib!
Und Gott beschütze dich. Zum Höchsten flehe für uns.
zu Galitzky
Wladimir, dir vertraue ich mein Weib an.
Beschütze sie vor Unglück und vor Gram,
Erleichtre ihr die Last des bittren Loses.
Auf dich allein vertraue ich -
Wach über sie in Treu, Wladimir.

WLADIMIR GALITZKY
Gewiss, du kannst mir fest vertrauen,
Du hast mir manchen Dienst erwiesen.
Als mich mein Vater einst verbannt,
Und meine Brüder mich verliessen,
Hast du Hilfe mir geleistet, hast den Vater mir ersetzt,
Versöhntest dann den Heimatlosen mit dem Vater, der verzieh;
Durch dich gewann ich neu die Heimat,
Ja, das verdank' ich dir.

FÜRST IGOR
Ich tat es gerne. Und jetzt vertrau ich deiner Freundschaft.
's ist Zeit: nun auf zum Krieg!

Volk und Soldaten drängen durch das Tor auf den Platz

CHOR
Dir o Sonne sei Ehre, Ehre.
Heil sei unserem Fürsten, dem mächt'gen Igor sei Ruhm,
Dem heiligen Russland sei Heil!
Mächtige Fürsten, tapfere Helden! Seid nun alle gelobt, gerühmt, heil euch!
Ehre sei euch, unsren Fürsten Heil, euch sei Heil!
Heil dem kampflustigen, mutigen Wsewolod,
Unserm fürstlichen Falken Wladimir.
Euch, ihr Krieger, sei Ehre, heil euch!
Lasse Gott sie lange leben, unsere Fürsten, unsre Krieger, unser Heer!
Heil euch!

ERSTER AKT

ZWEITES BILD

Im Hofe des Hauses Wladimir Galitzkys. Wüstes Gelage

CHOR
Ho, Ho, Heida!
Unserm Fürst Wladimir sei Ruhm!
Ruhm dem Fürsten Galitzky, Heil dir, Ho!

SKULA
Im Hintergrund wird ein Mädchen angeschleppt, Skula nimmt Bezug darauf
Ich spiel! - Braust der Strom daher mit wilder Macht,
Auf die Flut, du Wächter, hab' wohl acht!
Kommt ein mächt'ger Herr gegangen,
Lass dich nicht fangen, Schätzelein!

CHOR
Hei, das sind ja tolle Kerle, die des Nachts ein Mädchen rauben.
Ho! Ho! Schönes Mädchen! Feines Mädchen!
Lieben sollst du unsern Fürsten Tag und Nacht.
Hoch lebe unser Fürst Wladimir! Ho!

EROSCHKA
ironisch
Wirf dich, Mägdlein, wirf dich zu des Fürsten Füssen,
Bitte ihn: ach
Lass mich frei. Sperr mich doch nicht ein!
Will heim zum Väterchen, will heim zum Mütterchen!
Ach! Lass mich gehen, ach schone mein!
Er wirft das Mädchen Galitzky in den Schoss

CHOR
Ho! Ho! Schönes Mädchen! Feines Mädchen!
Lieben sollst du unsern Fürsten Tag und Nacht.
Hoch lebe der Fürst Wladimir Galitzky!
Galitzky beendet mit einem brutalen Wink das Spiel. Einige schleppen das Mädchen in das Haus des Fürsten
Wir pfeifen auf die Welt!
Heil dir, unserm Fürsten von Galitzky, dir Heil'


Rezitativ und Lied

WLADIMIR GALITZKY
Hei ja, so ist's: ich hass' die Langeweil.
Verhüt' es Gott, dass ich ein Leben führ' wie Igor.
Mein Herz sehnt sich nach Lust, nach echten Mannesfreuden!
Mich ekeln Gram und Kummer an.
Wie wär's, wenn ich jetzt würde euer Herrscher!
Glaubt, herrlich müsste das sein! Ei!
Wenn an Igors Stell' ich wäre und genösse Fürstenehre,
Fürst der Freude dann wär' ich, euer Mann.
Tags bei frohem Schmaus gemütlich hielte ich Gericht wohl gütlich,
Unter heitrer Lust, meiner Kraft bewusst.
Fällt' den Spruch als eigner Richter, braucht' dazu kein Ratsgelichter,
Rasch wär der Entschluss, niemand warten muss!
He! Hei! Hei! Nun Wein herbei!
Nachts der schmucken Mädchen Menge,
Hübsch, rotwangig, rund und weiss,
Stimmten an im Chor Gesänge, tanzten lustig all' im Kreis!
Die Schönste schätzt' ich hoch im Preise, ständ' das doch in meiner Macht!
Ehrte sie auf meine Weise: schwelgt' mit ihr die ganze Nacht! Ei was!
Solches Los wär' zu beneiden, kein Vergnügen würd' ich meiden.
Ich wüsst' freudevoll, was ich machen soll.
Wär' das Geld auch bald zu Ende, weil ich Hab und Gut verschwende
Froh bei Tag und Nacht. Hätt' ich doch die Macht!
So im glücklich heitern Kreise lebte ich in froher Weise
Bis zu meinem Tod ohne Müh und Not!
Hei! Hei! Hei! Nun, Wein herbei!

CHOR
Heil Wladimir, heil dem Fürsten! - Doch die Schwester?

WLADIMIR GALITZKY
Die Schwester? Viel zu fromm und sanft ist sie,
Mag ins Kloster gehn, ja, dort kann sie zum Höchsten flchn
Für meine sünd'ge Seel', dass mir's an Gnad' nicht fehl'!
Ach was, wir wollen trinken und meinen Met jetzt kosten.
He! Ihr Leute! Rollt dem Volke ein Fass Wein heraus!

CHOR
Heil Wladimir! Heil dem Fürsten!
Eine Mädchenschar lauft herein

CHOR der MÄDCHEN
Ach! Wehe uns! Ach! Grosse Not!
Fürst, deine Leute sind grausam und unverschämt.
Haben ein Mädchen uns listig entführet.
Hab Mitleid! Ach! Hab Mitleid! Ach! Lass sie frei!

WLADIMIR GALITZKY
He, ihr Weiber hört auf zu heulen,
Sitzt doch das Mädchen im Hause des Fürsten,
Fehlt ihr etwas zum Wohlbehagen?
Trocknet die Tränen ab, froh könnt ihr sein,
Dass ich sie mache zum glücklichsten Weib!
Ganz frei von Sorgen, vom lieben Morgen
Isst sie sich und trinkt sich satt.
Nun geht fort, hört mein Wort:
Ihr kriegt euer Mädchen nicht!

CHOR der MÄDCHEN
Ach! Wehe uns! Ach! Grosser Gott!
Fürst hab' Erbarmen doch, hab' Mitleid, schone sie,
Gib sie zurück ihren Eltern, guter Fürst!
Ach! Gib sie frei! Ach! Hab Mitleid!
Ach! Lass sie frei!

WLADIMIR GALITZKY
Was bleibt ihr stehen, sie darf nicht gehen.
Fort nun und heult ihr noch weiter,
So hol' der Teufel euch alle, so treff' euch mein Zorn!
Hört auf zu wehklagen, ich hab' es satt jetzt, hinaus!

Die Mädchen entfliehen, Wladimir ab ins Haus

EROSCHKA und SKULA
plärren voller Galgenhumor
Will heim zum Väterchen, will heim zum Mütterchen! Gute Nacht!
So ist die Welt. - Bleib mir gesund, Mädel, bei dem Schmaus!

EROSCHKA, SKULA und CHOR
He, ihr Kerls, hört zu mal!
Wenn nun die Fürstin Wind davon bekommt, was wird dann aus uns?
Was dann?

CHOR
Schwach ist die Fürstin!
Ihr fehlt's an Leuten.
Wir sind die Mächt'gen; sie ist zu schwach,
Ihr fehlen Leut', das Kriegsvolk zog zu Felde.
Wohlan! Nichts schreckt uns ab! Heio!

SKULA
Ganz recht! Zu geizig ist sie,
Wir wollen sie nicht haben, wir dienen ihr nicht mehr.

EROSCHKA
Ganz recht so, ganz recht so!
Ja recht so, viel besser ist Wladimir da!

SKULA
Der schont, der liebt uns, wie unser Vater; schaut hin:
Wein, ein ganzes Fass!
Die Diener des Fürsten rollen ein Fass Wein heraus,
grob und mit komischem Ernst

Wer will haben einen guten Herrn,
Komm' zu Fürst Wladimir, unserem Fürsten Galitzky,
Er singt und versammelt seine Leute,
Sauft mit ihnen immerzu.
Wir schwingen die Becher, unsre Lust ist Wein!

CHOR
Niemand sauft so viel, wie wir bei Galitzky!

EROSCHKA und SKULA
Schmerzlich stöhnen des Fürsten Leute:
Wir haben alles versoffen: Geld und Gut;
Tranken viel auf dein Wohlsein, Fürst,
Dabei vertranken wir alles nur zu deiner Ehre.
O du gnädiger Fürst!

CHOR
Steh uns bei, hab Erbarmen mit uns, o Herr!

EROSCHKA und SKULA
Lass trinken uns, o Herr, starkes Hirsebier.
Vom schäumenden Met schenk den Humpen voll!
Vom köstlichen Wein schenk uns reichlich ein!
Ein Fass starken Weins rolle uns heraus!
Dafür aber guter, gnäd'ger Fürst,
Woll'n wir dir recht dankbar sein, guter Fürst,
Dir knechtisch gehorchen stets, gnäd'ger Herr,
Wir werden deine Sklaven sein, gnäd'ger Fürst-.

CHOR
Ja für dich opfern wir unser Leben auf.

SKULA
Also gibt darauf zur Antwort der gnäd'ge Herr,
Unser guter Fiirst Jaroslawitsch:
He, ihr Säufer da! Treue Diener mein,
Ei, wie hätte ich nicht Mitleid mit Euch!
Voll sind noch manche Tonnen,
Bergen neue grosse Wonnen
Für mein Volk, trinket denn!

CHOR
Ja für uns sind die Tonnen voller Wonnen!

EROSCHKA
Ihr arbeitet ja ohne Rast und Ruh,
Vom Morgen bis Abend ohn' Rast und Ruh,
Vom Mittag bis zur Nacht ohne Rast und Ruh,
Von Vesper bis Frühmess ohn' Rast und Ruh.
Viel schlimmer als das Vieh müsst ihr schaffen hier!
In Wäldern und am Fluss müsst ihr schaffen hier!
Doch ich als ein grosser Herr, will geben euch guten Rat:
Trinkt und singt und schwelgt so viel ein jeder mag, Heia! Hei!
Also spricht zu uns der gute, gnädige Fürst!

CHOR
Der könnte wohl das Fürstentum regieren!
Wohlan! So Sei's! Wir machen ihn zum Fürsten!
Sammelt euch zu Scharen auf dem Platze,
Die Glocke zieht zur Vesper ohne Säumen,
Wir setzen Igor ab!
Wladimir soll nun Fürst sein, ihm dienen wir in Treu!
Flotte Kerle schwelgen, lachen,
Ihren Herrn zum Fürsten machen.
Hei! Hei! Wie wir schwelgen! Hei! Hei! Wie wir singen!
Rühmen unsern guten Fürsten Galitzky!
Ruhm sei Wladimir Galitzky!
Chor ab

EROSCHKA und SKULA
Will heim zum Väterchen, will heim zum Mütterchen!
Ach, lass mich geh'n, ach, hör' mein Fleh'n!

Sie bleiben, aufeinander gestützt, betrunken am Boden liegen

Der Vorhang fällt


DRITTES BILD
Ein Zimmer im Haus Jaroslawnas. Jaroslawna allein

Arie

JAROSLAWNA
Wie lange Zeit Igor,
Geliebter Mann, bist du mir fern, Igor.
Deiner sehnsuchtsvoll ich denke,
Bist im blut'gen Schlachtgewühl,
Ach wie trübe ist die Ahnung,
Die mein Herz quält!
Wo seid ihr, heitre Tage,
Wo Igor stets bei mir war und mich umsorgte?
Die schönen Tage sind vorbei!
Allein bin ich mit meinem Schmerz,
Allein mit meinen bitt'ren Tränen.
Mit Sehnsucht im Herzen harr' ich dein, Igor!
O fühle doch die Not Igor, gib Nachricht mir!
Ach niemand kommt, ach niemand kommt und ich muss warten, warten.
Von Träumen werde ich geplagt in schlimmen Nächten.
Ich träume oft von dir, Igor,
Als ob du wieder bei mir wärst.
Es ist als ob du winkst, ich soll dir folgen.
Ach, doch wenn ich mich dir nahen will,
Weichst du mir aus, o weh!
In Frost erstarret dann das Herz mir.....
Und wach ich auf: vor Schmerz die bitt 'ren Tränen fliessen,
So wach' ich lange, Nacht für Nacht.
Voller Sehnsucht ruft dich meine Seele!
Während sie sinnt, tritt die Amme ein

AMME
Es wollen junge Mädchen sich dir nahen.
Sie bitten dich um Hilfe.
Sag', sollen sie herein?
Willst du sie hier empfangen?

JAROSLAWNA
Gewiss! Ich bitt' dich, lass sie ein!

Die Amme ab, dann kommt sie mit den Mädchen zurück

DIE JUNGEN MÄDCHEN
sich vor Jaroslawna verbeugend
Schweren Herzens kommen wir zu dir, o Fürstin!
Bitten, flehen dich um deine Gunst.
Nimm in deinen Schutz uns! Dir, wie einer Mutter,
Klagen wir die Not. O hilf!
Gestern abend kamen Männer zu uns Mädchen,
Man entführte eine von uns, sperrt sie ein, lässt sie nicht frei!
Ach, umsonst wir baten, ach, umsonst wir flehten,
Dass man nicht entehre unsere arme Schwester.
Man verschmähte unser Bitten.
Höhnisch lachend, drohend schimpfend schickt man uns mit Schlägen fort,
O welche Schmach!
Sei gerecht und gnädig, bitten wir dich, Fürstin!
Nimm in deinen Schutz uns gütig!
Lass uns nicht beschimpfen, strafe den Verführer.
Gib das Mädchen uns zurück!
Lass das Mädchen nicht entehren, sonst erkühnt er sich noch mehr.
Nein, büssen soll er das, was er uns getan!

JAROSLAWNA
So nennt ihn mir, den Verführer! Wer hat entehrt die Magd?
Wer ist es denn?

DIE JUNGEN MÄDCHEN
zögernd
So sagt es doch geschwind! Um Gotteswillen sprecht!
Was schweigt ihr denn? So sprecht!

JAROSLAWNA
Wer ist's? Wer ist es denn?

DIE JUNGEN MÄDCHEN
Wir wagen's nicht. Wir fürchten uns!
Gestehen wollen wir, gesteh'n alles sogleich.
Sei uns gnädig, sei ohne Groll auf uns, Fürstin,
Schaue her! Der Beleidiger ist dein Bruder,
Der Fürst Wladimir, ja, Fürst Wladimir Galitzky,
Er ist es; ach so lange schon
Quälte er mir so vielen Leiden uns in der Stadt Putvil
Dieser furchtbare Herr Wladimir, ach schon so lang!
Seit Igor ins Feld zog mit unserm Heer
Sind wir elend und unser Los ist hart,
Denn Wladimir quält uns ja alle tot.
Über Stadt und Land, wie der Sturm losbricht,
Mit der Kriegerschar jagt er querfeldein,
Wild bei Tag und Nacht, unser furchtbarer Herr Wladimir,
Mit seiner Kriegerschar Tag und Nacht!
Und die Rasenden, die Besoffenen,
Toben kreuz und quer und beschimpfen uns.
Ohne Rast und Ruh Unfug treiben sie.
Selbst die Polowezer sind uns gnädiger,
Denn Wladimir quält uns ja alle tot.
Freie Hand hat er loszuschlagen jetzt gegen wehrlose Mädchen,
Seit der tapfre Fürst Igor uns verliess,
Ist Putivl hilflos und verwaist!
Den Bruder bring' zur Ruhe, Fürstin, wir bitten dich darum.
Wladimir Galiteky tritt ein, die Mädchen schreien vor Angst auf
Ach, Ach! Er ist es! Wehe uns! Gott sei uns nun gnädig!

WLADIMIR GALITZKY
die Mädchen bedrohend
Fort, fort, hinaus, hinaus mit euch!

Die Mädchen entfliehen. Die Amme entfernt sich auf einen Wink Jaroslawnas


Duett

JAROSLAWNA
Mein Bruder!
Du schicktest eine Rotte in das Haus der Mädchen,
Liest eines frech entführen bei Nacht,
Hältst es bei dir fest, nachdem du es entehrt;
Behältst es wider seinen Willen.
Ist es wahr? So sag' mir: wer ist sie? Sprich, gib mir Antwort jetzt!

WLADIMIR GALITZKY
Was geht es dich doch an? Was nützet dir ihr Name?
Ich halte, was ich hab'. Ich nehm', was mir gefällt;
Das Mädchen kenn' ich gar nicht und frag' nicht, wer sie ist.
Die Welt ist voll von Mädchen; wie kennt man sieh da aus?
Nun, freut dich mein Besuch, mein Herzchen?
Bist du denn nicht hochbeglückt?
Eile freundlich mir entgegen, wenn ich käm' auch ungelegen.
Voll den Becher schenk' mir ein,
Der Ehrenplatz sei mein!
Doch mir scheint, ich störe sehr, du hieltest Rat
Mit dem Gesindel, pfui, mit dem elenden.
Ich störe dich, fürwahr.

JAROSLAWNA
Wie wagst du hier zu sprechen?

WLADIMIR GALITZKY
O zürne nicht, vergib, es war ein kleiner Scherz!
Ich wollte sehen nur, wie dir der Zorn im Auge blitzt.
O, wenn du wüsstest, Schwester, wie schön der Zorn dich macht!
Dieser Feuerblick, der Wangen Glut und Purpurröte, das Blut,
Das ins Gesicht steigt, brennt darauf!....
Du bist so schön, du bist so jung,
Dein Mann ist fern von dir. Die Einsamkeit ist traurig.
So ungemütlich streng, wie mit dem Bruderherz,
Bist du wohl nicht mit Jedem?
Gewiss beglückst du schon mit deiner Liebe Jemand.
Bist wirklich deinem Mann du treu?
Nein, nein, ich kann's nicht glauben!
Unmöglich ist's!

JAROSLAWNA
Vergiss es nicht, die Fürstin bin ich,
Des Fürsten Macht besitz' auch ich.
Ha, warte nur, ich werd' verschicken dich
Nach Galitsch zu deinem Vater!
Zu dem Strengen!
Der wird dich lehren, was sich ziemt.
Befrei' das Mädchen augenblicklich
Und nun fort, geh fort, hinaus mit dir!

WLADIMIR GALITZKY
Hm, hm! Ganz wie du willst! So sei's!
Das Mädchen geb' ich dir frei, und nehme mir
Sogleich ein andres. Ei, was!
Er geht ab

JAROSLAWNA
O, wie ich zittre. Ich kann mich kaum noch fassen!
Ach würde doch mein Mann bald wiederkehren!
Dann ruhte meine Seele aus von Leiden.
Schon müd' bin ich und für den Kampf zu schwach.

Die zum Stadtrat gehörigen Bojaren treten ein


Finale

JAROSLAWNA
Willkommen seid ihr mir, Bojaren; ich brauche euern Rat.
Seid mir von Herzen gegrüsst! Ihr seid des Fürsten treue Diener,
In Not die besten Freunde, auf die ich mich verlassen kann.
Gott euch zum Gruss!
Doch saget mir, was führt euch zu mir zu dieser Zeit?
Ich hab' euch nicht erwartet.
Ach, eine böse Ahnung füllt mein Herz mir Bangen.
Was ist geseheh'n, o sagt es mir!

DIE BOJAREN
Sei mutig, o Fürstin, wir kommen um dir eine traurige Mär zu künden.
Ein furchtbares Unglück ist über dich und uns alle gekommen.
Sei mutig!

JAROSLAWNA
Welches Unglück? Sprecht doch weiter!

DIE BOJAREN
Zugrunde gegangen ist ach, unser Heer,
Von zahllosen Feinden bedrängt und besiegt,
Der Fürst ist verwundet, er selbst und sein Sohn
In Feindes Hände geraten, Not und Pein.

JAROSLAWNA
Verwundet ist der Fürst? O, Not und Pein!
Doch nein! Ich glaub's nicht! Unmöglich! Nein! Nein!
Sie bricht ohnmächtig zusammen, doch erholt sie sich rasch
So ist er wirklich gefangen, ach, und verwundet.
Des Chanes Scharen ziehn heran?
Wie ist uns zu helfen in dieser Not jetzt?
Es fehlt uns an Waffen, an Kriegern fehlt's!
Wer wird die Stadt beschützen? Wer? Wer?

Hinter der Bühne ertönen die Sturmglocken

DIE BOJAREN
Horcht! O horcht! Ja horcht! Die Glocken! Zum Sturm!
Bojaren! Die Unglücksklänge verheissen Not.
Welch' Unglücksbotschaft künden sie?

JAROSLAWNA
Ist's möglich? O Gott und Herr! Verloren sind wir,
Ach verloren, der Feind ist da!
Aus den Fenstern wird die Feuersglut sichtbar. Hinter der Szene hört man die Weiber wehklagen
Hilf Himmel! Was soll aus uns werden?
Du, heil'ge Mutter Gottes, steh uns bei!
Ach, Gottes Strafe, Gottes Zorn ist's, Gottes Zorn!
O du mein Gott! Ach, Gottes Zorn ist's!
Gottes Strafe trifft uns, Gottes Zorn trifft uns.

DIE BOJAREN
Der Feind ist nah! Es brennt!
Die Stadt steht schon in Flammen, die Festung brennt!
Auf den Feldern jagen Feinde!
Bojaren, ihr müsst auf eure Plätze,
Die letzte Mauer zu verteid'gen!
Doch halte sieh ein Teil von uns bereit, die Fürstin zu beschützen.
Einige Bojaren gehen ab, die übrigen ziehen ihre Schwerter
Ach! Gottes Zorn ist's! Gottes Strafe trifft uns!
Erbarmen mit uns, grosser Gott! Grosser Gott! Gottes Zorn trifft uns!

ZWEITER AKT

VIERTES BILD

Vor dem Lager der Polowezer. Im Hintergrunde ein hölzerner Wachturm. Rechts das Lager mit dem Zelt Kontschakownas

Chor der polowezkischen Mädchen

KONTSCHAKOWNA
Sonnenglut verdörrt dich, Blümchen,
Dich erfrischt kein Tropfen Wasser... Ah!
Und du neigest tief zur Erde wehmutsvoll die welken Blättchen. Ah!
Doch wenn Nacht dir Kühlung zuweht,
Wenn der Tau sicONTSCHAKOWNAh niederlässt,
Hebst du froh empor dein Köpfchen,
Wird ganz frisch dein Blütenkleid.
Und, vom Tau benetzt, belebt sich deiner Farben bunter Schmuck.
Freudlos schmacht' ich nach der Liebe,
Nach Zärtlichkeit die Seele. Ah!

KONTSCHAKOWNA und CHOR
Doch die Nacht kommt, die ersehnte, mein Geliebter, mit dir!
Alles, was das Herz bekümmert, scheucht sie fort im Augenblick.
Gleich der taubenetzten Blume blüht das Herz dem Liebsten zu.

Tanz der polowezknischen Mädchen

KONTSCHAKOWNA
Seht, die Sonne sinkt. Endet den Gesang, lasst den Tanz!
Dunkle Nacht breitet aus ihren Schleier.
Nacht, o Nacht steig' herab, hüll' mich in dein Sternenkleid.
Blaue Nacht, o steig herab, dich begleiten süsse Träume.
O, komm, mein holder Freund,
Fühlst du nicht das Sehnen meines Herzens?
Wo bist du? Wo bist du?
Sage mir, Liebster, wo bist du?
Sag' es mir! Dein harre ich, dein, Liebster mein!
Die Stunde naht, ach die Stunde naht, wo wir uns seh'n.
Sie ist nah! Sie ist nah!

CHOR DER MÄDCHEN
Komm herab, holde Nacht! Sel'ge Stunde des Glücks, sie ist nah!

Russische Kriegsgefangene kommen von der Arbeit zurück

KONTSCHAKOWNA
Seht, liebe Freundinnen, dort die Gefangenen,
Labt sie mit Wasser, gebt ihnen Speise auch,
Ihr Los zu lindern.

Die polowezkischen Mädchen begrüssen die Gefangenen und bieten ihnen Trank und Speise

DIE RUSSISCHEN KRIEGSGEFANGENEN
Herrgott schenke euch Gesundheit,
Schmucke Mädchen, für die herzlich gute Tat.
Reiche Speise bietet ihr uns
Und mit kühlem Wasser stillt ihr unsern Durst.
Den gefangncn Kriegern waret ihr stets gnädig;
Gütig wart ihr, habt uns nie beleidigt.
Herrgott schenke euch Gesundheit,
Schmucke Mädchen, für die herzlich gute Tat.
Und des Chanes holde Tochter Kontschakowna, sie soll leben!

Die Kriegsgefangenen gehen in ihr Lager, die Mädchen entfernen sich nach der anderen Seite. Aus der Steppe kommt Wladimir Igorewitsch.

WLADIMIR IGOREWITSCH
Sonne in leuchtender Pracht, Sonne versank hinterm Berge.
Abendrots Strahlen verglühen. Sterne am Himmel erblühen;
Heimliche Schatten hüllen die Ferne, dich hab' ich gerne
Trunkene südliche Nacht!
Du webst uns zu heisse Träume; und die Seele bebt voller Lust
Und ruft nach Liebe. Bebt nach dir, du, meine Geliebte.
Fühlst du wie mein Herz dir entgegenschlägt?
Ach komm, o komm! Lass mich nicht so lang allein!
Ach mein Herz, mein armes Herz vergeht vor Pein!
Komm, o komm! Ach lass mich nicht im Schmerz zurück.
Die wundersame Sommernacht bringt wieder uns der Liebe Glück!
Am Himmel leuchtet voller Pracht für unsre liebe Stern an Stern -
Der Wächter Ruf verklang schon fern -
Niemand wacht. O komm!

Kontschakowna hat Wladimir von ihrem Zelt aus belauscht


Duett

KONTSCHAKOWNA
Liebster, ich bin beglückt, von dem Gesang entzückt,
Seit ich dem Lied gelauscht, bin ich aufs neu berauscht.
Liebster, nun hin ich bei dir!

WLADIMIR IGOREWITSCH
Liebst du mich?

KONTSCHAKOWNA
Ich liebe dich!

WLADIMIR IGOREWITSCH
Ist es denn wahr?

KONTSCHAKOWNA
Dich einzig allein. Ich lieb nur dich allein,
Du mein Geliebter.

VLADIMIR IGOREWITSCH
Sag's noch einmal!

KONTSCHAKOWNA
Ja, ich liebe nur dich, von ganzem Herzen,
Heiss glüht meine flammcndc Seel' für dich,
O Teurer, dir allein soil mein Herz gehören.
Du bist mir Alles auf der Welt.

WLADIMIR IGOREWITSCH
Sage mir, wann wirst du mein Weib?
Wann wirst du mein?

KONTSCHAKOWNA
Wann werde ich die Deine sein?

WLADIMIR IGOREWITSCH
Wann wirst du, Liebste, ganz die Meine sein?
Wann nenn' ich dich mein süsses Weib?
Ach, wann schlägt die Stunde des Glücks?
o holdes Lieb, o süsses Lieb!
Wann wirst du mein?

KONTSCHAKOWNA
Was sagt dein Vater? Ach, wird er unsern Bund, Geliebter, segnen?

WLADIMIR IGOREWITSCH
Nein, nie! Mein Vater wird's nicht tun,
Bis unsre Gefangenschaft beendet.

KONTSCHAKOWNA
Wehe dem Starrsinn deines Vaters!
Der Meine würde sogleich sein Jawort gehen.

WLADIMIR IGOREWITSCH
Ich höre Schritte! Belauscht man uns?

KONTSCHAKOWNA
Bleibe, sprich leise nur.

WLADIMIR IGOREWITSCH
Nein, wir werden belauscht - es ist mein Vater!

KONTSCHAKOWNA
Ach, bleib doch, verlass mich nicht!

WLADIMIR IGOREWITSCH
Leb' wohl!

KONTSCHAKOWNA
So willst du wirklich fort?

WLADIMIR IGOREWITSCH
Leb' wohl!

Sie gehen nach verschiedenen Seiten auseinander,
Fürst Igor kommt schwermütig sinnend.


Arie

FÜRST IGOR
Umsonst nach Ruhe sucht mein gramerfülltes Herz.
Die müden Augen finden keinen Schlummer.
Vergangenes steigt auf in der Erinn'rung,
Der Freiheit fernes Glück!
Noch steht vor mir das Himmelszeichen.
Klar sehe ich den Trug des Ruhmes,
Zu wahr gesprochen hat der Himmel.
In heisser Schlacht verlor ich meine Ehr'.
Ich bin besiegt, ich bin gefangen.
Nun seh ich oft in dunkler Nacht Leichen.
Sie klagen an: Du hast uns geopfert!
Geschändet ist mein Ruhm und meine Ehre;
Die ferne Heimat verfluchet mich - Weh!
Nur Schimpf und Schmach,
Welch ein grausames Geschick!
Weit besser wär für mich der Tod!
Dich allein, du Heissgeliebte,
Dich möcht' ich noch einmal sehen -
Ach, ich fühl' es, wie du um mein hartes Schicksal weinst.
Machtlos muss ich hier verweilen,
Während du treu meiner Rückkehr harrest.
Schuld trag' ich auch gegen dich, ach,
Wirst du mir verzeihn?
In Not und Zweifeln quält mein Herz sich ruhelos.
Die Nacht bringt keinen Schlummer, keine Lind'rung.
Vergangenes steigt auf in der Erinn'rung,
Und rufet mich zur Tat!
Wie rette ich mein Land?
Ach, wehe, wehe mir, nirgends ein Ausweg,
Mir bleibet nur der Tod!

Kontschak kommt aus dem Lager

Arie

KONTSCHAK
Wie geht es, Fürst? Bann' endlich deine Trauer!
Sei mit mir endlich heiter, Fürst!
Sag', hast du Lust zur Jagd?
Sind deine Falken faul? Erjagen sie dir nicht die Beute?
Nimm meine denn!

FÜRST UGOR
Ich danke dir. Der freie Falke fliegt gern.
Doch quält sich der gefangene Falk zu Tode.

KONTSCHAK
In meinem Lande bist du kein Gefangner.
Du bist mein teurer Gast.
Ich ehr' dich - mehr, ich lieb' dich!
Am Fluss Kajala schwer verwundet,
So hat man dich gebracht!
Die Schlacht ging dir verloren
Und mit ihr deine Macht.
Doch ich tat alles, dich zu pflegen.
Frei kannst du dich hier bewegen.
Ja, ich liess dir deine Krieger.
Und dein Sohn ist bei dir.
Du lebst hier wie daheim.
Gefangne leben nirgends so, wie du hier!
Stimmt das?
Mächtig bin ich, mächtig und gewaltig,
Alles zittert vor mir rings umher.
Ich bin tapfer, unerschrocken, furchtlos,
Zwinge jeden ins Joch, der zu trotzen mir wagt.
Doch du hast nie dich gebeugt, nein,
Im Unglück bliebest du stolz, Fürst!
Ach, wie gern möchte ich immer dein Bundesgenosse,
Dein liebender Bruder und Freund,
Nicht dein Feind sein.
Mein innigster Wunsch ist das, glaub mir!
Ich habe, Fürst, für dich schöne Sklavinnen.
Mädchen vom Kaukasus und vom Kaspimeer.
Kann's dich locken, so sag nur ein Wort zu mir
Und ich führ sie dir her.
So berückende Frauen sahst du noch nicht,
Nachtschwarze Locken umwallen ihr Angesicht,
Ihre Augen erglühen in Leidenschaft,
Wähl' dir die Schönste, sie macht dich vergessen dein Leid!
Nun, was schweigst du?
Wähl' die Schönste, ich bitt' dich, vergiss deinen Schmerz!

FÜRST IGOR
Ich danke dir, für deine Güte,
Du hast mich stets mit Grossmut überhäuft.
Ich möcht' so gerne glücklich sein mit dir.
Er drückt ihm die Hand
Doch ach, das Leben wird zum Tod.
Gefangen bin ich fern der Heimat.

KONTSCHAK
Wohlan, Fürst! Sei frei denn, nach deinem Wunsch
Und kehr zurück ins ferne Heimatland. -
Gib nur dein Ehrenwort, dass du fortan
Nicht gegen mich wirst kämpfen,
In Treue Frieden halten wirst.

FÜRST IGOR
Nein, nie gäb' ich dir ein Wort, das ich nicht hielte,
Frei ist meine Seele und meine Ehre halt ich rein. -
Denn wär' ich frei, ich würde kämpfen
Mit dir auf Leben und auf Tod.
Ich würde streiten um den Ruhm,
Den ich im Kampf mit dir verlor.
Im Don seh' ich die Grenze meines Reiches!

KONTSCHAK
Mein Fürst, wie klar sagst du die reine Wahrheit.
Auch ich spräch so! Glaub mir!
Komm setz dich her zu mir, mein Freund!
Auf seinen Wink kommen die Insassen des Lagers


Die Polowezer Tänze mit Chor

CHOR
Auf den Flügeln linden Zephyrs,
Du, trautes Lied, flieg fort zum fernen Lande,
Wo süss und lind der Heimat Töne klangen
Dem Ohr der freien Mädchen, die dich sangen.
Wo die Luft voll Wonne weht uns sanft entgegen,
Wo in Wolken schlummern Bergeshöh'n, vom Meer gewiegt,
Wo der Heimat grüne Berge
Sich breiten leuchtend hell im Strahl der Sonne,
In üpp'ger Pracht die Rose blüht und duftet.
Im Laub der Wälder, wo die Vögel singen,
Im grünen Laub. Schwing' dich, Lied, zu jenem Lande.
Tanz der Männer. Wild. Allgemeiner Tanz
Rühmet, preiset unsern grossen Ghan!
Lobet, preiset seine Taten! Lobt!
Heil dem Ghan! Heil ihm!
Heller Sonne gleicht ja seine Macht!
Nichts auf Erden kommt ihm gleich an Pracht!
Tanz der Sklavinnen
Ah! Wir Mädchen loben, preisen unsern Herren.
Loben unsern mächt'gen Herrn.

KONTSCHAK
zu Igor
Siehst du die Sklavinnen? Diese Schönheiten!
Drunten vom Kaspimeer hab' ich sie hergebracht.
Sag' mir, welche gefällt dir am besten,
Gleich schenk' ich dir das Mädchen, das du gewählt.

Allgemeiner Tanz

CHOR
Rühmet, preiset unsern Herren! Lobt!
Lobet, rühmet seine Taten. Heil!
Wo der Chan naht, flieht der Feind;
Heil ihm! Heller Sonne gleichet seine Macht!
Nichts auf Erden kommt ihm gleich an Pracht!

Tanz der Knaben
Tanz der Männer

Gleich den Ahnen bist du ruhmvoll, grossmächt'ger Chan!
Gleich den Ahnen bist du gross, mächtig, stark, grosser Chan!

Tanz der Knaben
Tanz der Männer

CHOR
Heil dem Chan, Ruhm und Preis!
Heil dem Chan, Ruhm und Preis! Ruhm und Preis!

Fliessender Tanz der Mädchen

Auf den Flügeln linden Zephyrs... usw.

Tanz der Knaben
Tanz der Männer
Allgemeiner Tanz

Unsern Fürsten zu erheitern,
Tanzet Mädchen, singet, spielet.
Zu der Lust des Chanes, Mädchen,
Tanzet, singet alle, singet.
Tanzet, schmucke Mädchen, tanzt zur Lust des grossen Herrn.
Heil unserm Chan! Heil! Ruhm und Preis!

DRITTER AKT

FÜNFTES BILD

Im Lager der Polowezker. Links hinter Verhauen Fürst Igor, Wladimir und die gefangenen Russen. - Der Chan Gsak führt einen Beutezug neu gefangener Russen heran. - Sie sind zum Teil vor Wagen gespannt, auf denen die gefangenen Frauen und die Beute geladen sind. Das ganze Lager befindet sich in höchster Erregung

CHOR
Ho, der Kriegszug naht, siegreich im Triumphe.
Heil dem tapfren Heere! Feiern wir die Sieger!
Heil dem tapfren Feldherrn!
Heil dir, mächt'ger Chan!
Heil dir, grosser Chan!
Immer bist du siegreich!
Die Steppe zittert unter deinem Schritt voll Grau'n
Und rötet sich vom Russenblut,
Wenn du im Kampf den Feind zerreisst,
Der Tod folgt deinem Schritt
Und wilde Schreie gell'n dir nach!
Heil dir mächt'ger Feldherr!

Arie

KONTSCHAK
Den Sieg habt ihr errungen
In blutigem Gefechte.
Die Russen sind bezwungen
Und dienen uns als nied're Knechte.
Nach der Schlacht an der Kajala
Ist mein Schwert berühmt geworden:
Die Stadt Rimy ward zur Leichenfackel
Für die Russenhorden.
Und die Steppen und die Länder
Dampfen von dem Morden.
Die Welt ist unser Eigentum
Und niemand kommt uns gleich an Ruhm.

CHOR
Heil dem Sieger! Heil dir Kontschak!

KONTSCHAK
Im weiten grossen Russenland herrscht der Tod.
Wo einst man Glück und Reichtum fand, ächzt die Not.
Die Steppe ist ein endlos Grab
Und kreisende Geier suchen Aas. -
Verloren in dem Trümmerfeld
Mütter stöhnen,
Sie suchen in der öden Welt
Nach ihren Söhnen,
Doch die sind erschlagen und längst der Wölfe Frass!
Den Sieg hab' ich errungen... usw.

CHOR
Heil dem Sieger! Heil dir Kontschak!

KONTSCHAK
Trompeten, schmettert!
Hei-oh! Nun wollen feiern wir ein Freudenfest.
Die Beute wird geteilt. Hei-oh!
Wir wollen Rinder schlachten, Schweine spiessen,
Trinken sollt ihr tüchtig und feiern unsern Sieg!
Die schönsten Weiber aus der Beute verteilet unter euch.
Morgen früh beraten wir, welch' neue Schlacht wir könnten führen.
Ihr sorgt dafür, dass keiner der Gefangnen flieht,
Sonst wehe euch! Nun kommt!
Alles ab. Die Wagen bleiben in wüstem Durcheinander stehen

CHOR DER CHANE
Heil dir Kontschak, du grosser Held!
Du führest uns zu neuem Ruhm,
Zur Beute wird die ganze Welt
Und alles unser Eigentum.
Alle ab

Owlur schleicht, vorsichtig spähend, zum Zelte Igors. Kontschakowna schleicht sich gleichfalls zwischen den Wagen heran und belauscht das Gespräch

OWLUR
Grosser Fürst, verzeihe mir,
Wenn ich zu reden wage.
Ich bin, wie du ein Christ.
Du musst von hier entfliehen.
Ich selbst hab' alles schon
Für deine Flucht bereitet.
flüsternd
Um Mitternacht geb' ich ein Zeichen,
Mit deinem Sohn kommst du zum Fluss hinab!
Dort erwart' ich mit schnellen Rossen euch.
Du musst jetzt fliehen, grosser Fürst -
Denn du allein kannst Russland retten noch.
Dein Volk, die Ehre, unsern heil'gen Glauben.
Ich flehe dich an, o fliehe!

FÜRST IGOR
im Zelte
Es sei, ich flieh' mit dir zu meinem Volk!
Owlur rasch ab

Igor beobachtet das Treiben im Lager, um einen günstigen Augenblick zur Flucht zu erspähen, dabei langsam ab

KONTSCHAKOWNA
stürzt an das Zelt Wladimirs
Wiadimir! Willst wirklich du entfliehen?
Verlass mich nicht! Kannst du mich leiden sehn?
Belauscht hab' ich euch eben -
Verlassen wollt' ihr uns.
Zur Heimat wollt ihr flieh'n,
Wie kannst du mich vergessen,
Die dich so innig liebt,
Die dein auf ewig ist?
Ich kann's nicht glauben,
Dass du so grausam bist. Es kann nicht sein!

WLADIMIR IGOREWITSCH
Leb' wohl! Wir müssen scheiden!
Leb' wohl, mein süsses Lieb!
Die Ehre will's, die Pflicht.
Leb' wohl, leb' wohl, mein holdes Lieb!
Mein Herz bleibt dir allein, leb' wohl, leb' wohl,
Mein holdes Lieb! Die Ehre ruft zur Heimat mich!
Leb' wohl! Leb' wohl!

KONTSCHAKOWNA
O lass mich nicht allein hier,
Allein in meinem Schmerz.
Lass mich, Geliebter, zieh'n mit dir ins ferne Land.
Mit meiner Liebe nimm auch meine Freiheit hin,
Verschliess dein Herz mir nicht, Wladimir,
Nimm als Sklavin mich mit dir ins ferne Land.
Nimm mich mit!

FÜRST IGOR
kommt zurück und überrascht die Beiden
Wladimir, willst du uns verraten?
Was will die Fürstin hier?
Denk an dein Land, eh du zum Sklaven dieser Heiden wirst!
Willst du Verräter sein?

WLADIMIR IGOREWITSCH
Leb' wohl, mein Lieb!

KONTSCHAKOWNA
Erhöre mich! Kannst du mich leiden seh'n?
Ich opfre meinen Stolz dir, die frei und glücklich war.
Die Liebe halt gefangen mich in ihren Banden,
Zu deinen Füssen, Geliebter, fleh' ich hier!
o nimm mich mit an deiner Seite!

WLADIMIR IGOREWITSCH
Wer kann ihr widersteh'n? Heiss glüht mein Herz!
Es schlägt so wild! Es bebt die Seele!
Oh wehe mir! Wer kann ihr widersteh'n?

FÜRST IGOR
Lass ab von ihr!
Komm, fliehen wir! Fort, fort!
Mein Sohn, wir müssen flieh'n!
Man hört Pfeifen hinter der Bühne
Die Ehre will's, die Pflicht!
Die ferne Heimat hofft auf uns.
Sonst geht zu Grund' das Land!

KONTSCHAKOWNA
Mein Herz hab' ich dir hingegeben.

WLADIMIR IGOREWITSCH
Zerreissen muss ich dieses Band.
Aufs neue Pfeifen

FÜRST IGOR
Da höre! Es ist das Zeichen.
Uns ruft Owlur. Fort, fort!
's ist Zeit. Lass, Fürstin, ab von ihm!
Fort, fort, sonst wacht das Lager auf.

WLADIMIR IGOREWITSCH
Oh, welche Pein! Wehe mir!
Ich muss dir widersteh'n!

KONTSCHAKOWNA
Hab Erbarmen! Bleib bei mir!
Oder nimm mich mit!

FÜRST IGOR
Verloren sind wir dann. Uns droht der Tod!
Mein Sohn, du träumst! Wach auf, wach auf!
Fürst Igor will ihn fortziehen

WLADIMIR IGOREWITSCH
Lass, Vater, sie umarmen mich, nur einmal noch,
Zum letztenmal. Oh wehe mir! Oh welche Qual!

FÜRST IGOR
Lass ab von ihr! 's ist Zeit zu flieh'n!
Igor eilt ab

KONTSCHAKOWNA
Kannst du vergessen so, dass du mir Treue schwurst,
Vergessen, dass ich dir, Geliebter, alles gab?
Kalt bleibt dein Herz bei meinem Schmerz;
Taub ist dein Ohr. -
Du willst's, ich schrecke auf das Lager!

WLADIMIR IGOREWITSCH
entfliehend
Leb' wohl!
Kontschakowna schlägt Alarm


Finale

KONTSCHAKOWNA
zu den Polowzern, die von allen Seiten herbeieilen
Entflohen ist Igor, mit ihm entkam Wladimir,
Ach bringt ihn zu mir zurück!

KONTSCHAK
Was ist geschehen hier? Du mein Kind in Tränen,
Sprich!

CHOR DER POLOWEZER
Fürst Igor ist entfloh'n.
Warf sich aufs flinke Ross.
Ein Christensklave war's, der ihm zur Flucht verhalf.

KONTSCHAK
Dacht' ich mir's doch!
Wahrlich er ist meiner Liebe wert.
Denn wäre ich Igor,
So, wie er, hätt' ich's gemacht!
Ach gerne wär' ich sein bester Freund.
Wachen bringen Wiadimir zurück
Denn verbündet wär'n wir Herr'n der Welt.
Holla! Die Wachen führt zum Tod!
Wladimir aber lebe! Folgt rasch dem Befehl!

CHOR DER CHANE
Kontschak, vertrau' nicht auf dein Herz,
Du hörtest oft auf unsern Rat,
Verschmähe ihn auch heute nicht
Und räche schnell die freche Tat.
Lass das gefangne Russenvolk
Enthaupten für Igors Verrat.

KONTSCHAK
Nein! Besser ist's, der Sohn Igors bleibt als Pfand.
Die Liebe eines schönen Mädchens wird fesseln ihn an uns.
Zu Wladimir
Hier ist deine Braut, Wladimir!
Mein Sohn bist du, mein teurer Eidam.
Doch morgen waffnet euch zum Kampfe!
Nach Russland auf! Zu neuem Krieg, zu neuem Sieg!

CHOR DER POLOWEZER
Auf, auf, zum Kampf, zum Streit!
Bald werden wir Igor aufs neu besiegen.
Zum Kampf! Heil dir, Chan Kontschak!
Heil dir, grosser Chan!
Heil dir, grosser Chan!

VIERTER AKT

SECHSTES BILD

Platz in der Stadt Putivl wie im 1. Bild. Ein Teil der hölzernen Wehrmauer ist verbrannt. Jaroslawna steht auf dem Wehrgang und blickt sehnsüchtig in die Ferne

Arie

JAROSLAWNA
Ach bittrer Schmerz quält mein armes Herz!
Du mein Gemahl! Ach, mein Klagen fand nie zu dir,
Der fern vom Heimatland.
Du gewalt'ger Dnjeper grollst du?
Durch die wilden Berge rollst du
Deine grosse Flut weit fort zum grimmen Feind.
Hast ins Feindesland getragen unser Heer,
Wo es geschlagen.
Ach seitdem hab' ich die Augen wund geweint.
Du grosser Dnjeper,
Bring zurück mir meinen Gatten,
Schon zuviel hab' ich geweint.
Tränen, die ihn nie erreichten,
Ihn, der fern vom Heimatland.
o du leuchtend schöne Sonne,
Liebe spendest du und Leben,
überreiche Himmelswonne,
Dir sind wir ergeben, alle dir ergeben!
Ach, warum hast du deine Strahlen
Tödlich glühend ausgesendet,
Dass der wunden Krieger Qualen
Fürchterlich geendet? Ach!

Eine Schar Landleute zieht, ein Lied singend, im Hintergrund vorbei

CHOR DER LANDLEUTE
Nicht der Sturmwind ist's, der tobt und heult
Und mit Unheil droht, uns bedroht.
's ist der Chan, der stürmt auf uns.
Sie entfernen sich
Nicht der graue Wolf ist's, der uns bedroht, der uns bedroht.
's ist der Chan, der das Land zerstört.

JAROSLAWNA
blickt in die Ferne
In der Ferne seh' ich da zwei Reiter nah'n.
Der eine trägt die Kleidung unsrer Feinde.
Will der Chan aufs neue unser Land bedroh'n?
Doch nein, der andere gehört zu unserm Heer.
So aufrecht sitzt kein Feind zu Pferde.
Voll Haltung, kühn sprengt er daher
Und stolz, wie ein geborner Herrscher.
Vielleicht ist es ein Freund, der kommt, zu helfen.
Oh Gott, wer mag es sein? -
Grosser Gott, o Ahnung, o Hoffnung,
Ich kann nicht denken mehr, nichts mehr fassen.
Ach! Es kann nicht sein!
Ist es Traum, ein Trug des Bösen? Nein...
Das sind die Züge meines Igor!
Ja, es ist mein heissersehnter Gatte!
Er ist frei! Igor kehrt zurück mir!

Fürst Igor erscheint verstaubt und erregt. Owlur folgt ihm

FÜRST IGOR
Sei gegrüsst, Geliebte! Sei gegrüsst mein Alles!
Gott vereint uns aufs neu! Du Geliebte,
Du mein teures Weib!

JAROSLAWNA
Ach, mein stolzer Falke! Ach mein Trost, mein Alles!
Teurer Gatte! Mein Geliebter, Mein!
Du geliebter Gatte!
Ist's Wahrheit, ist es nur ein Traum?
Ich traue meinen Augen kaum,
Aus bösen Träumen aufgewacht,
Mir wieder neu das Leben lacht.
Verzeih mir, wenn verwirrt ich bin
Und kaum mich fassen kann.
Zu off erschienst im Geist du mir,
Wie jetzt, und weinen musst' ich dann!

FÜRST IGOR
Nein, nein, dein Auge täuscht dich nicht,
Es ist kein Trug, ich bin dir nah.
Ich küss' dein liebes Angesicht,
Vergiss nun alles, was geschah.
Es kehrt dein Gatte dir zurück;
Mit ihm das langersehnte Glück,
Die Welt ist schön, vorbei das Leid,
vorbei ist unser Leid!

JAROSLAWNA
Es kehrt mein Gatte mir zurück,
Mit ihm das langersehnte Glück,
Die Welt ist schön, vorbei ist unser Leid!
Deine Hände mich beglücken,
Deine Augen mich entzücken,
Friede kehrt in meine Seele endlich, endlich wieder ein.
Ach, was habe ich gelitten,
Ganz vergebens schien mein Bitten
Gott zu dir, doch gibst du uns - ach - neuen Sonnenschein!

FÜRST IGOR
Ja vorbei ist nun alles Leid,
Ich bin endlich wieder dein!
Ich rufe auf das ganze Volk
Zum Kampf für unser teures Land.
Ja, frei sei dann das Vaterland!
Frei sei das Land!

Glücklich vereint betreten sie die Burg

Lied der Gudokspieler

Eroschka und Skula treten ein, beide etwas berauscht; sie spielen und singen

EROSCHKA und SKULA
Summ Gudok, ja summe,
Brumm Gudok, ja brumme,
Sing dein Loblied gern,
Galitzky, dem Herrn; -
Fürst Igor ist weit,
Man macht sich hier breit.
Freut sich jeden Tag,
Sauft ohn' Müh' und Plag'.
Und Igorens Geld,
Fliegt in alle Welt.
Das geschieht ihm recht -
Fürst Igor war schlecht.
Übermut jagt ihn,
Ehrgeiz auch plagt ihn.
Wollt die Welt erwerben,
Alles ging in Scherben.
In den sand'gen Steppen
Konnte sich nicht retten
Unser braves Heer
Vor der Feinde Wehr.
Übern Fluss wollt er,
Lieber heim sollt er;
Nützten keine Brücken
Vor der Feinde Tücken.
An der Kajala
Unglück traf ihn da.
Hin war unser Heer,
Trauern darum sehr.
Deshalb heutzutage
Gilt Igor als Plage.
In dem Russenreiche
Denken all das gleiche,
Klagen überall
Über Russlands Fall.
Fürst Igors Schuld ist gross.
Hass und Tod auf ihn, Tod sei sein Los!
Die Stadt Kiew verbannt ihn,
Jedermann verdammt ihn
An dem Don und überall.
So summ und brumm, Gudok,
Ei, summ mit Saus und Braus, Gudok!
Ei, summ und brumm, Gudok,
Ei, summ mit Saus und Braus,
Ei, sing ein Loblied fein dem Fürsten Galitzky!

Igor und Jaroslawna gehen von der Burg in die Kirche

SKULA
Fürst Igor, Heil Dir! Fürst Igor, Heil Dir!
Ist's Traum? Ist's Spuk? Ei, sieh mal!

EROSCHKA
Er! Er!

SKULA
Ist es möglich? Unglaublich ist's!

EROSCHKA
Gott, steh uns bei! Gott, schütze uns!
Wehe, wehe uns! Nichts kann retten uns.
Wir werden hangen bald am Baum, weh!
Ich geb' für uns keinen Heller mehr!
Zum Teufel, wir sind beide verloren!

SKULA
Halt's Maul ... Stör mich nicht..
Ha, ich hab's, ich hab's!
Auf den Glockenturm hindeutend
Schau mal dorthin!

EROSCHKA
im Bedenken
Ja, der Glockenturm?

SKULA
winkt ihm mit der Hand, er soll läuten
Läute! Läute!

EROSCHKA
Wozu soll ich jetzt läuten, Freund?

SKULA
Um zu retten unser Leben,
Nicht vor Hunger zu krepieren,
Pass mal auf, wir dreh'n um den Spiess!
Nur fest geläutet jetzt!
Beide greifen nach den Stricken der Glocke und fangen an Sturm zu läuten

EROSCHKA
Hei - ho, hei - ho! Zu uns!
Eilt rasch herbei, herbei zu uns!
Eilt alle her zu uns!
Eilt alle her zu uns!
Wir künden grosses Glück!
Das Volk läuft von allen Seiten herbei

CHOR
Welch' ein Geläut! Welch' Lärmen hier?
Was soll das heissen? Ha! Was ist das?

EROSCHKA und SKULA
mit Ernst
Rechtgläub'ge höret!
Gott schickt Freude euch!

CHOR:
Was freut euch, Säufer, denn so?
Was? Schon berauscht?

SKULA
Berauscht? Gott bewahre!
Nein, nein! Vor Freude sind wir ganz ausser uns;
Sie berauscht uns gar.
Unser Fürst kommt!

CHOR
Der Bösewicht von Galitzky?
Er sei verdammt auf ewig!

EROSCHKA
Es handelt sich um den doch nicht, hört!
Wisst ihr, wer nun kommt?!

SKULA
Igor Swjatoslawitsch!

EROSCHKA
So ist's!

CHOR
Was? Igor kehrt heim?
He, zieht die Glocke!
Sie läuten von neuem
Hei rufet das Volk gleich zusammen!
Ihr Leute, fragt den Polowezer,
Ob wirklich der gnäd'ge Fürst zurückgekommen sei.

EROSCHKA und SKULA
Horcht, Rechtgläubige!

Die Volksschar vergrössert sich nach und nach. Einige nähern sich Owlur und bestürmen ihn mit Fragen

CHOR
Ist er wirklich heimgekehrt?
Ist er's wirklich?
Ihn schickt Gott uns!
Sie läuten aufs neue
Ihn schickt Gott uns!
Bojaren kommen dazu
Plötzlich ist er heimgekehret für das Wohl des ganzen Volkes!

SKULA und EROSCHKA
Gott schickt uns ein grosses Glück!

VOLK
Wer hat zuerst verbreitet das Gerücht?

SKULA und EROSCHKA
Wir waren es, wir waren es!

VOLK
Wie? Ihr wart es?

EROSCHKA und SKULA
Des guten Fürsten treue, ehrliche Diener, wir.

VOLK
Nun, heute soll sich alles freu'n;
Des Fürsten Rückkehr feiern!
Euch sei vergeben!

SKULA und EROSCHKA
Gudokspieler spielen
Heida! Trinkt auf die Gesundheit
Unser's Fürsten, unser's Vaters!
Summ und brumm, Gudok!
Ei, sing ein Loblied fein dem Fürsten!

VOLK
Wollen wir entgegeneilen
Unserm Fürsten, unserm Vater.
Glücklich ist zurückgekommen
Unser Fürst aus fremdem Land.
Wollen wir entgegeneilen
Unserm Fürsten, jauchzend, jubelnd.
Werden gastlich ihn empfangen, nach der Sitte.
Nicht umsonst ist er gekommen,
Und wir sind jetzt nicht mehr hilflos.

Fürst Igor kommt mit der Fürstin aus der Kirche. Fürst Igor begrüsst das Volk und wird jubelnd empfangen

Heil! Heil dem tapfren, guten Fürsten. Heil!
Heil und Preis! dem tapfren Fürsten Preis!
Heil ihm und Preis!

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Klavierauszug

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