Der Kreidekreis

Der Kreidekreis

Oper in drei Akten (7 Bildern)

Libretto

Klabund (Pseudonym für Alfred Henschke)

Uraufführung

Besetzung

TSCHANG HAITANG (Sopran)
FRAU TSCHANG, ihre Mutter (Alt)
TSCHANG LING, ihr Bruder (Bariton)
TONG, ein Kuppler (Tenor)
PAO, ein Prinz (Tenor)
MA, ein Mandarin (Bariton)
YÜ-PEI, seine Gattin ersten Ranges (Sopran)
TSCHAO, Sekretär beim Gericht (Bariton)
TSCHU-TSCHU, Oberrichter (Sprechrolle)

Eine Hebamme / Zwei Kulis / Gerichtspersonen / Polizisten
Soldaten / Blumenmädchen / Ein Kind / Zeremonienmeister

Ort

China

Zeit

Irgendwann

Zemlinsky, Alexander von

Zemlinsky, Alexander (von)
14.10.1871 Wien - 15.3.1942 Larchmont, N.Y.


Bühnenwerke
mit Datum/Ort der Uraufführung:

Sarema (10.10.1897 München)
Es war einmal (22.1.1900 Wien)
Der Traumgörge (1906; 11.10.1980 Nürnberg)
Kleider machen Leute (2.10.1910 Wien)
Malwa (1913 inc)
Eine florentinische Tragödie (30.1.1917 Stuttgart)
Herrn Arnes Schatz (1917 inc)
Raphael (1918 inc)
Kleider machen Leute [rev] (1921)
Der Zwerg (28.5.1922 Köln)
Vitalis (1926 inc)
Der Kreiderkreis (14.10.1933 Zürich)
Der König Kandaules (c.1935 inc)
Circe (1941 inc)
rev = Bearbeitung / inc = Fragment

ERSTER AKT
Frau Tschang ist durch den Tod ihres Mannes in Not geraten und muss ihre hübsche junge Tochter trotz der Proteste ihres Bruders an den Teehausbesitzer Tong verkaufen. Dort lernt das junge Mädchen den Prinzen Pao kennen, der sich in sie verliebt. Der reiche rücksichtslose Mandarin und Steuerpächter Ma, der an dem Tod des Vaters von Haitang nicht schuldlos ist, kauft sie für 1000 Taels in Gold dem raffgierigen Tong ab und nimmt sie als Nebenfrau in sein Haus. Pao, der nur wenig bieten konnte, muss verzichten.

ZWEITER AKT
Haitang hat Herrn Ma einen Sohn geboren und dadurch den Zorn der kinderlosen ersten Frau, Yü-Pei, erregt. Diese ist mit dem Gerichtsschreiber Tschao befreundet, der ihr mitteilt, dass jetzt Haitang und nicht sie erbberechtigt sei, wenn Herr Ma sterbe. Als dieser beschliesst, sich von seiner ersten Frau zugunsten von Haitang scheiden zu lassen, vergiftet Yü-Pei ihren Mann und schiebt die Schuld auf das Teehausmädchen. Gleichzeitig gibt sie vor, dass das Kind ihr gehöre. Haitang wird verhaftet und eingesperrt. Als ihr Bruder dagegen protestiert, wird er unter Anklage der Majestätsbeleidigung festgenommen.

DRITTER AKT
Haitang wird durch den bestochenen Richter Tschu-Tschu und aufgrund der falschen Aussagen der Hebamme und zweier Kulis zum Tode verurteilt. Da kommt ein Kurier aus Peking: Der neue, junge Kaiser gewährt allen zum Tode Verurteilten Aufschub und befiehlt sie mit ihren Richtern zur Überpüfung der Urteile in die Residenz.
Haitang und ihr Bruder werden vor den Kaiser geführt, der Tschang-Ling begnadigt und den Kreidekreis entscheiden lässt, wem das Kind, auf das beide Frauen Anspruch erheben, gehört. Der Kaiser erkennt durch die Art, wie die echte Mutter den Knaben behandelt und nur vorsichtig aus dem Kreis ziehen will, die Wahrheit. Die Übeltäter beschuldigen sich gegenseitig, sie werden abgeführt. Haitang erinnert Pao, den Kaiser, an ihre erste Begegnung. Sie erzählt von einem Traum, den sie am ersten Tag in Mas Haus gehabt hat, wo sie - allein gelassen - verzweifelt war. Ein junger Mann sei bei ihr eingestiegen und habe sie im Traum umarmt. Pao gesteht, dass er ihr Geliebter war und das Kind sein Sohn ist. Er erhebt Haitang zu seiner Gemahlin.


Figuren:
TSCHANG HAITANG (Sopran)
FRAU TSCHANG, ihre Mutter (Alt)
TSCHANG LING, ihr Bruder (Bariton)
TONG, ein Kuppler (Tenor)
PAO, ein Prinz (Tenor)
MA, ein Mandarin (Bariton)
YÜ-PEI, seine Gattin ersten Ranges (Sopran)
TSCHAO, Sekretär beim Gericht (Bariton)
TSCHU-TSCHU, Oberrichter (Sprechrolle)

Eine Hebamme / Zwei Kulis / Gerichtspersonen / Polizisten
Soldaten / Blumenmädchen / Ein Kind / Zeremonienmeister



ERSTER AKT

Das Innere eines Teehauses. Im Hintergrund ein Vorhang, der drei goldene Käfige verdeckt. Tong, der Besitzer des Teehauses, ein fetter Eunuch, watschelt hinter dem Paravent hervor

ERSTES BILD

TONG
Ich bitte untertänigst, mich vorstellen zu dürfen. Mein Name ist Tong. Das klingt, wie wenn man leise ein verstimmtes Gong anschlägt. Ich bin der Besitzer dieses zwar bescheiden anmutenden, aber erstklassigen Etablissements.
Mit der Polizei bin ich im besten Einvernehmen. Der Herr Polizeipräsident lässt sich zuweilen herab, mich zu beehren. Übrigens gewähre ich nur Damen von bestem Leumund Unterkunft. -
Hören Sie die Musik? Meine drei Damen spielen die Serenade des Frühlings.

Er zieht die Vorhänge im Hintergrund zurück. In den drei Käfigen sitzen drei schöne Mädchen und spielen die Instrumente. Ein vierter Käfig ist leer. Die eine singt:

EIN MÄDCHEN
Allen Männern zu gefallen
Bin in Taumel ich und Tand.
Wenn sie ihre Wünsche lallen,
Sitz ich in mich abgewandt.
Geben Gold und geben Speise,
Keiner gab ein gutes Wort.
Und so wein' ich wild und leise
Meine süsse Sehnsucht fort.
Gestern trieb nun das Gelüste
Einen Jüngling zu mir her,
Der mich auf die Stirne küsste
Ach, ich sehe ihn nicht mehr.

TONG
Zieht die Vorhänge zu, nachdem er ein Gong angeschlagen hat
Wissen Sie, woran das Gong mich immer erinnert? An eine Hinrichtung. Ich war in meinem früheren Beruf, Sie werden es mir kaum glauben, ich war früher Henker. Damals habe ich den Männern den Kopf abgeschlagen, jetzt verdrehe ich ihnen nur den Kopf mit Hilfe meiner Blumenmädchen. Um nicht selber in Versuchung zu fallen und mein Geschäft durch unschickliche Handlungen zu stören und zu beeinträchtigen, beispielsweise etwa die Eifersucht meiner Herren Klienten zu erregen, habe ich freiwillig auf die Attribute der Männlichkeit verzichtet. Ich habe mich seinerzeit einer kleinen Operation unterzogen, so stehe ich zwischen Mann und Weib, keines von beiden, und also zur Mittlertätigkeit berufen und auserwählt.–
Meine Schwester naht, die Dämmerung, die gewiegte Kupplerin von altersher. Ich höre Schritte die Gasse herauf.
Hinter dem Paravent hervor treten Frau Tschang und Haitang, ihre Tochter; beide in Trauer

HAITANG
Mein Name ist Haitang. Ich bin die Tochter dieser ehrwürd'gen Dame, Frau Tschang geheissen. Ich bin sechzehn Jahre alt, sechzehn Jahre jung. Ich hab' viel erlitten, ich werde noch mehr erleiden. Viel Schmerz, ein wenig Glück. Rote Albendwolken nach einem düsteren Gewittertag. Es ist das Leben.

TONG
Darf ich, ohne vorlaut zu erscheinen, meine Verwunderung und mein tiefes Bedauern bezeugen, die Damen in Trauerkleidung dies Haus der Freude betreten zu sehen? Ist kürzlich ein Todesfall in Ihrer Verwandtschaft vorgefallen, so bitte ich, mein Beileid entgegennehmen zu wollen.

HAITANG
Es ist kaum eine Stunde her, dass wir den ehrwürdigen Herrn Tschang, Seidenraupenzüchter und Gemüsegärtner seines Zeichens, den Gatten dieser Dame und meinen Vater, in die Erde senkten. Ich hab' mit meinen eigenen Händen die Erde aufgerissen und über dem Sarge wieder zugeworfen. Denn wir hatten kein Geld, den Totengräber zu bezahlen.
Frau Tschang schluchzt
Ich habe ihn geliebt. Und liebe ihn nur um so inniger, da er nun bei den Ahnen weilt, und seinem teuren Gedächtnis ich morgens und abends Räucherkerzen entzünden werde.

TONG
Gestatten Sie mir die etwas dreiste Frage: wie ist der Tod Ihres geehrten Herrn Vaters so plötzlich eingetreten?

Haitang senkt das Haupt

FRAU TSCHANG
Das Rad des Unglücks ist über uns dahingerollt. Mein treuergeb'ner Gatte hat seinem armseligen Leben, das nur wie ein altes Kleid noch an ihm hing, selbstherrlich ein Ende gemacht.

Haitang verbirgt ihr Haupt in den Falten ihres Ärmels

TONG
Die Dämonen der Unterwelt mögen ihm gewogen sein, und der Herr der ewigen Nacht ihm ein mildes Urteil sprechen. - Darf man sich nach dem Grund seiner plötzlichen Abreise in die unteren Bezirke erkundigen?

HAITANG
Der Mandarin und Steuerpächter Ma hat uns um Geld und Gut gebracht. Vorgestern war die Steuer fällig, wir hatten an Wert nichts zu eigen als einen Sarg, der schon seit Jahren dem ersten Mitglied unserer Familie, das sterben werde, bestimmt war. Herr Ma schämte sich nicht, diesen Sarg durch den Gerichtsvollzieher beschlagnahmen zu lassen. Da ging mein Vater vor das Haus des Mandarinen und erhängte sich an einem Türpfosten.

FRAU TSCHANG
Das Volk hat ihm mit Steinen das Fenster eingeworfen. Die Rache der Geister wird ihn treffen. Durch alle seine Träume wird der Erhängte wandeln, bleich, die blaue Zunge wird ihm aus dem Munde hängen. Ein Wolf wird sein Blut trinken, tausend Wespen werden seine Augen stechen, dass er erblindet.

TONG
Die Dämonen des Südens mögen mich vor den Anschlägen der Dämonen des Nordens bewahren.

Leise Musik ertönt wieder

HAITANG
Was ist die Ursache dieser schönen Musik? Meine Trauer beginnt in diesen Tönen zu schweben wie ein Schmetterling in der Luft.

TONG
Es sind die Bewohnerinnen dieses Hauses, die Töchter der Freude, die diese Melodien hervorlocken.

FRAU TSCHANG
Darum kam ich her, hochwohlgelborener Herr Tong, Sie zu bitten, meine Tochter Haitang als Tochter der Freude in Ihr achtbares und geachtetes Haus aufzunehmen. Herr Tong, wir sind völlig ruiniert. Wovon sollen wir leben? Wir müssten verhungern.
weinend
Ich bin gezwungen, meine Tochter zu verkaufen.

HAITANG
Ich spiele die Laute, die Flöte und das Instrument Kin. Ich vermag die zierlichsten Glückwunschkarten zum Neujahr und zum Geburtstag zu malen. Ich tanze und singe. Soll ich Ihnen vortanzen?

FRAU TSCHANG
Tanze, mein Kind, damit Herr Tong deine Talente schätzen lernt.
Haitang tanzt einige Takte

TONG
Vortrefflich, ausgezeichnet, ein fast dramatisches Talent.
Haitang bricht zusammen und bleibt am Boden liegen
Was ist der Preis, den Sie für das Fräulein fordern?

FRAU TSCHANG
Hundert Taels in Gold.

TONG
Hm, das ist eine immerhin bedeutende Summe, auch für ein so vvohlsituiertes Unternehmen wie das meine, verehrte Frau Tschang. Das Fräulein Tochter ist schön, daran ist kein Zweifel, aber wenn meine alten Augen mich nicht täuschen, so hat sie im Nacken einen kleinen, störenden Leberfleck.

FRAU TSCHANG
Neunzig Taels!

TONG
Sie ist zwar klug und wohlgebildet, versteht zu tanzen, aber ihr Tanz war mir zu melancholisch - es fehlt die leicht schwebende Lustigkeit, die die Männer fortreisst.

FRAU TSCHANG
Sie ist noch unberührt.

TONG
Noch unberührt? Nun, sagen wir achtzig Taels. Soll der Handel gelten?

FRAU TSCHANG
Er gilt.

TONG
abgehend
Ich werde mir gestatten, Ihnen sofort die Summe auszuzahlen.

TSCHANG LING
stürzt herein
Ich habe dich gesucht, Schwester, von Strasse zu Strasse. Abgefall'ne Blütenblätter haben den Weg mir gevviesen. Hier muss ich die Blüte völlig entblättert finden.

HAITANG
Die Blüte, die ich im Gürtel trage, hat noch kein Blütenblatt verloren.

TSCHANG LING
Eh' die Nacht um ist, wird sie welk sein.

HAITANG
Meine Pflicht als Tochter gebietet mir, für meine Mutter zu sorgen.

TSCHANG LING
Wie kann dein mütterliches Herz, damit einverstanden sein, dass deine Tochter den entwürdigenden Beruf eines Teehausmädchens ergreift?

FRAU TSCHANG
Warum sorgst du, ein Mann, so wenig für deine Mutter und deine Schwester? Verluderst du nicht die paar Kesch, die du dir durch Abschreiben verdienst? Bringst du sie nicht in niederen Teehäusern unter die Mädchen? Und du wagst, wenn deine Schwester den gleichen Beruf ergreift, Schmutz auf sie zu werfen?

HAITANG
Bruder, ich will versuchen, auch für dich zu sorgen. Das Haus des Herrn Tong ist ein angesehenes Haus. Es beherbergt wohlhabende und wohlmeinende Gäste.

TSCHANG LING
Verworfenes Geschöpf! Willst du mich zu deinem Mitschuldigen machen?
Er schlägt Haitang ins Gesicht

FRAU TSCHANG
Hättest du mich geschlagen! Da ich euch gebar, bin ich an allem Unheil schuld.
Hätte ich euch nie geboren, und wären doch meine Ahnen nie auf die Erde herniedergestiegen!

TSCHANG LING
fortstürzend
Ich hasse euch.

TONG
kommt mit dem Geld
Hier ist das Geld, gnädige Frau.
zu Haitang
Aber erlauben Sie mir, Ihnen den goldenen Käfig zu zeigen, in dem Sie singen und Ihr schönes Gefieder spreizen sollen. Bitte, hier.
Er zieht den Vorhang zu dem vierten, leeren Käfig zurück.Umarmung von Mutter und Tochter. Tong geleitet die Mutter hinaus

HAITANG
im Käfig
Am Ufer hinter Weiden steht das Haus,
Ein zartes Mädchen sieht zur Tür hinaus.
An der Volière steht der Mandarin,
Ein zarter Vogel singt und hüpft darin.
Verschliess den Käfig! Hüte gut das Haus!
Sonst fliegt der Vogel in den Wald hinaus!


Verwandlung

ZWEITES BILD
Ein anderes Gemach im selben Hause. Hintergrund Mitte schwarzer Papierparavent, hinter dem die handelnden Personen hervortreten. Pao, ein junger Prinz, betrift den Raum. Tong vor ihm her; in vielen rückwärtigen Bücklingen verschwindet in der Kulisse.

PAO
Ich bin ein Abenteurer,
Ein Trunkener der Welt,
Ein müder Tatbefeurer,
Ein träumerischer Held.
Ich schwinge tausend Schwerter,
Die ich dem Feinde bot,
Wie dennoch unbewehrter
Mein Herz der Liebe loht.
Ob ich den Kampf ersehne,
Die Schwerter senk ich schwer,
Bricht eine Kantilene
Singend über mich her.

Haitang tritt ein, bleibt in einer Ecke, von Pao ungesehen, stehen. Pao entdeckt Haitang

Ich hörte eine Nachtigall, folgte ihrem Ruf und finde statt eines Vogels eine Blume. Ihr Duft verwirrt mich, sie trägt das weisse Gewand der Trauer und hält den Kelch geschlossen. Darf ich versuchen, Sie ein wenig zu erheitern und die Blüte zu öffnen?

HAITANG
Diese bilderreichen Komplimente pflegen die jungen Herrn in den Anstandsstunden zu lernen. Sie kommen von den Lippen und berühren nur leise das Ohr.

PAO
Nun, machen Sie dieses wahr. Lassen Sie meine Lippen Ihr Ohr berühren. Ich will Ihnen etwas zuhauchen, was man mit Worten nicht sagen kann.

HAITANG
Aus einem Hauch wird leicht ein Wind, und aus einem Wind ein Sturm. Denken Sie einmal nach, ob Sie nicht aussprechen können, was Sie dachten.

PAO
Ich dachte nichts. Ich fühlte alles.
Schweigen

HAITANG
Wollen Sie eine Partie Schach spielen? Hier steht schon ein Schachbrett aufgebaut.
Sie setzen sich nieder und machen ein paar Züge
Weiss zieht an, Schwarz zieht nach.

PAO
Schach der Dame.

HAITANG
Ich bin keine Dame. - Schach dem König.
Machen noch einige Züge

PAO
Ich bin kein König. Zug, Gegenzug. Sie gehen scharf vor, wie ein Feldherr vieler Grade.
die Steine umwerfend
Ich gebe das Spiel auf, aber nur, um ein besseres Spiel zu beginnen.

HAITANG
Und welches Spiel?

PAO
Das Spiel der Liebe.

HAITANG
Das Spiel der Liebe? Ich wusste nicht, dass die Liebe ein Spiel sei. Als mein Vater sagte: Ich liebe dich, da war seine Stirn gefurcht, sein Auge glänzte. Da spielte er nicht mit mir. - Sie sind so nachdenklich! Soll ich Sie erheitern? Soll ich tanzen? Ich kann den Tanz der vier Jahreszeiten, den Tanz des Südwindes, den komischen Tanz des Herdgottes.
Pao sicht sie schweigend an
Soll ich singen? Das Lied vom weissen Haupt?
Wie der Schnee so weiss,
Wie der Mond so weiss
Werden unsre Häupter einmal sein.

Soll ich etwas malen oder zeichnen? Hier ist ein Stück Kreide. Ich werde hier auf die schwarze Tapete mit der weissen Kreide einen Kreis zeichnen.
Tut es

PAO
Der Kreis ist das Symbol des Himmelsgewölbes, der Kreis ist das Symbol des Ringes, der Gatten aneinander schmiedet, Herzring an Herzring reiht.

HAITANG
Was ausserhalb dieses Kreises ist, ist das Nichts. Was innerhalb dieses Kreises ist, ist das All. Wie verbinden sich Nichts und All? Im Kreise, der sich drehend fortbewegt, zeichnet Speichen in den Kreis im Rad, das rollt. Ich bin an das Rad geschmiedet, das Rad des Schicksalswagens, den die Sonnenrosse durch die Äonen mit sich reissen. Ein junger Gott steht mit feuriger Peitsche im Wagen und treibt die Rosse. Er achtet meines Jammers und meiner Tränen nicht.

PAO
Ich kniee vor dir, Kwanyin, Göttin der Reinheit.

HAITANG
Stehen Sie auf, was tun Sie?
wischt die Speichen aus dem Kreise
Sehen Sie den Kreis, er ist schon wieder leer. Jetzt umrundet er das Symbol des Spiegels, in dem ich mich eitel drehe und wende. Wie kleidet mich dies Gewand der Trauer? Gibt es der Lust nicht einen besonderen Reiz? Auf dem Gesicht zerreibe ich einige Puderkugeln, aus der Schminkbüchse betupfe ich die Lippen,
wirft das weisse Übergewand ab
bauschig sind meine Hosen aus grüner Seide, ihre Bänder golddurchwirkt. Meine Füsse sind vvie Lilien, die Schuhe aus rotem Atlas sind über und über mit Blumen bestreut. Auf den Schuhspitzen schweben gestickte Libellen. Wie finden Sie meine Frisur? Soll ich den Kamm ein wenig höher stecken? Was ist mit diesem grünen Gürtel?

PAO
Lösen Sie ihn, Schwester vom grünen Gürtel.

HAITANG
In dieser Hand, die noch keinen Mann liebkost hat, steht mein Schicksal geschrieben. Wie verläuft die Linie meines Lebens? Ich sehe es im Spiegel, verkehrt.

PAO
ballt die Faust
Ich werde den Spiegel zerschlagen.

HAITANG
Dann schlagen Sie auch das Bild im Spiegel - und schlagen mich. Wollen Sie mich schlagen? - Aber sehen Sie, ich will dem Spiegel einen anderen Charakter geben, ich schreibe ein paar Zauberzeichen in den Kreidekreis, macht mit der Kreide ein paar Striche und schon blickt aus dem Spiegel Ihr Gesicht.
lachend
Habe ich Sie gut getroffen?

PAO
Sie haben mich getroffen, Sie haben mich ins Herz getroffen.

HAITANG
zu dem Bild
Ich wollte, dieser wäre mein Freund. Immer, wenn ich morgens in den Spiegel sehe, werde ich an Sie denken.

PAO
Wie aber, wenn ein anderer mein Bild innerhalb des Kreises auswischt oder auslöscht und sich an seine Stelle setzt?

Ein dicker Kopf hat die Papierwand innerhalb des Kreidekreises durchstossen. Es ist der Kopf des Mandarinen Ma.
Haitang und Pao weichen seitwärts zurück


MA
Mein Name ist Ma. Ganz einfach Ma. Wenn ich den Namen Ma nenne, so sollte das eigentlich genügen, dass jedermann sich ehrfurchtsvoll vor mir verneige. Denn ich besitze Geld, sehr viel Geld, so dass ich mir alles kaufen kann, was ich will, und wonach ich Gelüst und Sehnsucht trage. Seh' ich ein schönes Pferd, besteig ich's. Sehe ich ein schönes Weib, entführ ich's. Wenn es mir passt, gehe ich durch die Wand wie im vorliegenden Falle. Ich bezahle alles. Ich habe einen Sitz im Gericht gekauft und spreche Recht, obwohl ich nicht einmal recht sprechen kann. Ich bin Steuerpächter und treibe die mir zustehenden Steuern rücksichtslos ein. Ich bin streng, aber gerecht. Zum Lohn für meine Nachsicht, dass ich ihm die geschuldete Steuer schon einmal stundete, erhängte sich vorgestern ein gewisser Gärtner Tschang vor meinem Hause, zu dem ausgesprochenen Zweck, mir Verlegenheiten zu bereiten, was dem Lumpen auch gelang. Der Pöbel hat mir die Fenster eingeworfen und mich Blutsauger und Volksverderber geschimpft. -
Um mich von den Aufregungen der letzten Tage zu erholen, betrat ich das mir wohlbekannte Haus des Herrn Tong. Denn ich liebe, um mich gebildet auszudrücken, die Blumen und Weiden. - Ich habe mir von meinem Privatzauberer das Horoskop stellen lassen für heute. Der heutige Tag ist meinem Liebesunternehmen zweifellos günstig.
Er sieht Haitang
Eine neue Blume im Garten des Herrn Tong! Sei'n Sie mir gegrüsst, zartes Fräulein! Sie sind so zart, dass ich Sie nicht anzugreifen wage! Ich könnt' Sie ja zerbrechen. - Und was hätte ich davon? Ich bliebe allein mit meinem Liebesschmerz, untröstlich auf dieser trostlosen Erde.
Er klatscht dreimal in die Hände. Herr Tong erscheint

TONG
Euer Hochgeboren wünschen?

MA
Tong, diese junge Dame gefällt mir ausgezeichnet. Ein junges Mädchen rührt mein Herz.

TONG
devot lächelnd
Es ist noch unberührt.

MA
Eine Jungfrau also?

TONG
Eine Jungfrau.

MA
Tong, Sie haben mir schon manche falsche Jungfrau angedreht. Widersprechen Sie mir nicht! Diese Jungfrau aber ist echt. Ich habe das im Gefühl. Ich kaufe Ihnen das Fräulein ab. Völlig, mit Leib und Seele. Keine Widerrede, Tong! Kein Widerspruch des Fräuleins! Sie gehören Herrn Tong, er kann mit Ihnen machen, was er will. - Ich biete hundert Taels in Gold.

TONG
Euer Wohlgelboren, sie hat mich selbst zweihundert gekostet.
Der Prinz tritt aus dem Hintergrund

PAO
Ich biete dreihundert.

MA
Vierhundert.

PAO
Fünfhundert.

MA
Sechshundert.
Tong reibt sich die Hände. Er hat Haitang, welche die Versteigerung entsetzt verfolgt, wie einen Gegenstand auf einen Tisch gehoben

PAO
Siebenhundert.

MA
Tausend.

PAO
erbleichend
Ich muss zurücktreten. Tausend Taels in Gold kann ich nicht überbieten.
Die Dame
er verneigt sich vor Haitang und Ma
gehört Ihnen.
Pao ab

HAITANG
Er hat meinen Vater in den Tod getrieben. Das Schicksal wirft mich in seine Hand. Ich bin nur ein Mensch. Was soll ich tun? Es wird, was nötig ist, was mir vergönnt ist, von den Göttern getan werden. – Herr Tong, schicken Sie zu meiner Mutter und lassen Sie ihr sagen, ich würde mich noch heute mit Herrn Ma vermählen.
verneigt sich und geht schnell ab

MA
Haitang, weisst du, was die Frau denn Manne schuldet?

HAITANG
Ich weiss, was im Buche Siao steht: Die Frau hat zu schweigen, wenn der Mann spricht; sie hat zu lächeln, wenn er tadelt; zu bitten, wenn er grollt; zu danken, wenn er züchtigt; zu lieben, wenn er verachtet und hasst.

MA
nimmt Haitang auf seine Arme und trägt sie hinaus
Komm, mein Haus wartet.

Vorhang

ZWEITER AKT

DRITTES BILD
Garten und Veranda vor dem Hause Mas. Im Hintergrund zieht die Strasse vorbei

FRAU MA
Mein Name ist Yü-pei, das bedeutet Kleinod. Ich bin die erste Gattin, die Gemahlin erster Klasse des Herrn Ma. Es ist jetzt ein Jahr her, dass Herr Ma eine zweite Gattin ins Haus genommen hat, eine unausstehliche Person namens Haitang, über deren sittliche Qualitäten ich mich nicht äussern will. Aber es sagt schon genug, dass Herr Ma sie von der Strasse aufgelesen, wo sie in einem Teehause die zweifelhafte Rolle einer Kurtisane - ich gebrauche dieses beschönigende Wort - spielte. Ich bin in tiefster Seele verletzt, dass Herr Ma mir, seiner Gattin ersten Ranges, eine solche Persönlichkeit vorzieht. Zu allem Überfluss hat sie ihm einen Knaben geboren, einen Erben, während mein Schoss unfruchtbar geblieben ist. Weh mir, was hab' ich zu erwarten, wenn ich nicht selbst mein Geschick entschlossen in diese kleinen Hände nehme? Zum Glück wird mir jemand beistehen, der mir ergeben ist auf Leben und Tod.

TSCHAO
auftretend
Und das ist niemand anderer als Ihr dienstwilliger Knecht Tschao, Gerichtsbeamter am hiesigen Amtsgericht.

FRAU MA
Ich freue mich, Sie zu sehen, Tschao. Wo kommen Sie zu dieser Stunde her?

TSCHAO
Herr Ma hatte die Freundlichkeit, mich in einer geschäftlichen Angelegenheit zu sich zu bitten.

FRAU MA
Was ist das für eine geschäftliche Angelegenheit?

TSCHAO
Ich bin leider noch nicht unterrichtet, gnädige Frau.

FRAU MA
Ich hatte diese Nacht einen Traum. Ich träumte, wir beide gingen eine steinige Strasse, viele, viele Stunden lang. Die Sonne brannte unerträglich. Kein Baum, kein Strauch - nicht der Schatten eines Schattens, Mich dürstete, dass ich zu sterben meinte, Da nahmen Sie ein Messer, Tschao, stiessen es sich ins Herz. Ihr Blut rann nieder, und Sie sprachen, schon vergehend: Yü-pei, trinken Sie mein Blut, das ich gern für Sie verströme.

TSCHAO
Und Sie?

FRAU MA
Ich trank und war gerettet. Und fast schien es mir im Traum, als liebte ich Sie, da Sie tot waren, noch inniger, als da Sie noch lebten.

TSCHAO
Wann werden wir einander völlig angehören dürfen, frei vor aller Welt, und nicht heimlich wie jetzt im Garten, wenn Herr Ma ausgegangen ist?

FRAU MA
Bald, vielleicht eher, als Sie meinen.

TSCHAO
Yü-pei, zuweilen bin ich ganz verzweifelt, und zuweilen vvill es mich würdiger dünken, ich machte diesem qualvollen Leben ein Ende, als dass ich noch weiter dahinsieche und meine Tage dahinschleppe wie ein Kahntrecker seinen elenden Kahn den Yang-tse-kiang hinauf. In den Falten meines Mantels trage ich ihn immer bei mir, den Tröster, der ewigen Trost brächte.
Holt ein kleines Büchschen hervor
Ich kaufte es einem Mönch ab im Tempel des Wu-wang.

FRAU MA
Gift! Gib mir das Gift, gib es mir, du darfst es nicht bei dir tragen in einem Zustand, da dein Gemüt verdunkelt ist.
Sie entwindet ihm das Büchschen
Ich hebe es auf! Wer weiss, ob nicht die Stunde kommt, da wir gemeinsam die Reise in die unteren Bezirke antreten.

TSCHAO
Mit Dir zu sterben, wäre Seligkeit.

FRAU MA
Jetzt sollst du noch mit mir leben, und diese Seligkeit wird süsser sein.
Zieht ihn hinter einen Baum. Umarmung
Ich bat dich bei unserer letzten Zusammenkunft, die Gesetzesbücher auf einen strittigen Punkt durchzusehen und mir Auskunft zu geben über die Frage: Wer ist Erbe von Geld und Gut, Haus und Hof, wenn der Mann stirbt?

TSCHAO
Erbe, und zwar Alleinerbe, ist die erste Frau, die Gattin erster Klasse.

FRAU MA
freudig
Tschao!

TSCHAO
Doch tritt in der Erbfolge eine Änderung ein, falls sie kinderlos bleiben sollte.
Fran Ma stampft mit dem Fuss auf

TSCHAO
Hat eine Nebenfrau einen Knaben geboren, dann tritt sie und das Kind in die Rechte der Alleinerben, und die Hauptfrau wird auf ein Pflichtteil gesetzt.

FRAU MA
Das ist also mein Schicksal, wenn Ma stirbt. Habe ich ihm nicht schon treu gedient, als diese Hure von Haitang noch gar nicht auf der Welt war? Jetzt soll ich mein Alter in Armut und Elend wie einen Leinensack tragen, während sie mit ihrem Bankert in goldener Sänfte an mir vorbeigetragen wird, und ich hocke am Strassenrand und bettle um ein paar Kesch.

TSCHAO
Das wird nie geschehen, solange ich lebe.

FRAU MA
Grosses Kind - bist du nicht arm wie eine Kirchenmaus? Muss ich dir nicht immer von mir aus noch einige Taels zustecken und dir Reis und Kuchen schicken? Du wärst wohl längst verhungert ohne mich.

TSCHAO
So siehst du keinen Weg aus dem Elend?

FRAU MA
langsam
Ich sehe - einen. Wirst du mir versprechen, mir auf diesem Weg zu folgen, auch wenn dieser Weg ein krummer Weg sein sollte? Wirst du die Augen schliessen und dich ganz meiner Führung anvertrauen? Mir zuliebe?

TSCHAO
Ich will es versprechen, weil ich keinen Weg sehe.

FRAU MA
Die Stunde des Gerichts hat eben zu schlagen begonnen. Ich werde gehen, dich Herrn Ma zu melden.
Ab

TSCHAO
Tschao-hai nennt man mich auf dem Gericht: Tschao, den sich durch Tugenden Auszeichnenden. Werde ich diesen Ehrentitel noch lange tragen dürfen? Ich werde heute abend Räucherwerk entzünden, um die bösen Geister, die sich in meinem Hause und meinem Herzen schon festgenistet haben, zu vertreiben.

Ma erscheint auf der Veranda, hinter ihm Frau Ma, Haitang, die sich alle drei verneigen. Tschao ebenfalls

MA
Wie tief im Tal der schwarze Fluss, daran
die Stadt gelagert wie ein Haufen,
von den Söldnern nach der Schlacht!
Es warf ein jeder
sich in das Feld, grad wo er stand, so sehr
ermüdeten ihn Blutrausch, Mord und Tod.
Also die Häuser, da und dort verstreut,
gehalten nur
von einem Turm, der herrisch in der Mitte
den Strahlenhelm nach allen Seiten dreht
Der Yang-tse-kiang, so sagt man, berge Perlen
in seinen schwarzen Wassern. Wer um Mitternacht,
mit reinem Sinn und Zauberspruch begabt,
sich an das Perlenfischen macht, dem ist
zuweilen wohl ein seltner Fund gegönnt.
Ich ging die Nacht an seinen dunklen Ufern
und fand ganz ohne Zauber - auch das Herz
war nicht so rein, wie die Beschwörung fordert -
ich fand ein Perlchen doch und hob es auf.
Und strahlender als des Mikado Perlen
hat's mir die Nacht erleuchtet, süsser mich
als alle Perlen Indiens beglückt.

Frau Ma und Haitang bringen je eine Strohmatte, die sie ausbreiten

MA
Ich bitte Platz zu nehmen.
Ma und Tschao setzen sich auf die Strohmatten. Zu den Frauen
Lasst uns allein,
Haitang und Frau Ma ab

TSCHAO
Ein herrlicher Frühlingstag!

MA
Lau und milde wie ein Sommertag. Er tut meinen alternden Gliedern wohl. So ist Haitang.
Tschao schweigt

MA
Man nennt Sie auf dem Gericht Tschao-hai: der sich durch Tugend, Gerechtigkeit und Unbestechlichkeit auf das höchste auszeichnet.

TSCHAO
Meine Verdienste sind unbeträchtlich, man übertreibt.

MA
Ich möchte Sie daher ersuchen, meine Interessen in einer juristischen Angelegenheit zu vertreten, die mir schon lange im Kopfe herumgeht.

TSCHAO
Und worum handelt es sich, wenn ich mir die Frage gestatten darf?

MA
Ich habe beschlossen, mich von meiner Gattin ersten Ranges, Yü-pei, scheiden zu lassen und Haitang in ihren Rang zu erheben. Ich liebe Haitang, sie hat mir einen Erben geboren, ich beauftrage Sie mit der Erledigung der juristischen Formalitäten.
Tschao ist aufgesprungen

MA
Warum bleiben Sie nicht sitzen?

TSCHAO
Ich leide in letzter Zeit an Rheumatismus. Ich bitte um Entschuldigung.
Setzt sich wieder

MA
Nun? Wollen Sie meine Angelegenheit führen?

TSCHAO
Ich bin selbstverständlich entzückt, Ihnen behilflich sein zu können.

MA
Es würde die Lösung erleichtern, wenn man Frau Ma eine Untreue nachweisen könnte, irgend ein Verhältnis mit einem Mann, das die Sittenlehre nicht billigt.

TSCHAO
Man konstruiert einen Ehebruch.

MA
Ich sehe, wir verstehen uns.
Klatscht dreimal in die Hände, Frau Ma und Haitang erscheinen
Yü-pei, geleite den Herrn bis an das Tor. Haitang, du hast mir heute den Knaben noch nicht gezeigt? Komm, zeige ihn mir!
Beide ab ins Haus

FRAU MA
Was wollte er?

TSCHAO
Er will sich scheiden lassen.

FRAU MA
Von – mir?

TSCHAO
Von Dir. Er beauftragt mich, die Scheidung einzuleiten.

FRAU MA
Wir müssen handeln, jeder Aufschub wäre Torheit und Verrat am eigenen Geschick.

TSCHAO
Was willst du tun?

FRAU MA
Schliesse die Augen! Der Gott des Dunkels sei mit dir!
Frau Ma ab ins Haus

Am Gartenzaun erscheint, völlig zerlumpt, Tschang-ling

TSCHANG-LING
Nun bin ich gegangen
Von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt,
Blieb niemand an mir hangen.
Es rollt des Schicksals Rad,
Und Stunde rollt und Tag und Jahr,
Stein ward mein Herz, staubweiss mein Haar;
Wie doch die Landstrass' staubig war.
Trugglanz ist alles, und nichts ist wahr.
Ich hab’ keine Heimat, wenn nicht das Feld.
Ich habe kein Haus, wenn nicht die Welt.
Kein Geld, kein liebes Lächeln, das mich hält.
Ihr Herren und Damen, in aller Heiligen Namen,
Wollet mir etwas schenken!
Und wenn ich's versaufe, wer kann mir's verdenken?
Ich laufe durch die Welt, wie elend,
wie schwelend mein Herz! Flamme unter der Asche! Rauch und Russ überall. Tags sass ich in hohlen Baumstämmen und schlief. Nachts machte ich mich auf den Weg und lief da - und dorthin. In Fetzen hängen mir einige Lumpen am Leibe. Mein Magen ist eine gedörrte Pflaume. Vor den Tempeltüren kniee ich und flüstere heiser: eine Kesch, schöne Dame, eine Kesch, hoher Herr. - Ich trat der Gesellschaft bei, die das Los der armen Menschen bessern vvill. Weh uns, dass Männer ihre Seele, Mütter ihre Töchter verkaufen müssen, um des nackten, dürftigen Lebens willen. Die Menschheit muss endlich einmal von ihrem Jammer erlöst werden. Der edle Same des Menschentums darf nicht unter dem Unkraut der Unmenschlichkeit erstickt werden. Ein solch verruchtes Unkraut ist Herr Ma, der Besitzer dieses Hauses. Er hat meinen Vater in den Tod, mich in das Elend getrieben und meine Schwester gezwungen, sich ihm zu verkaufen. Sein Name ist in der Liste der Brüderschaft längst mit einem Kreidekreis umgeben. Das bedeutet seine Trennung von dieser Welt. Sein Urteil ist gesprochen. Und ich bin erkoren, es zu vollstrecken.
Haitang erscheint

HAITANG
Was will der fremde Mann am Zaun?

TSCHANG LING
Er bittet demütigst um eine Schale Reis. Ihn hungert.

HAITANG
geht und kommt im Augenblick mit einer Schale Reis wieder, die sie ihm bietet
Wer bist du, fremder Mann?

TSCHANG LING
Der Sohn eines Vaters, der sich erhängte, der Sohn einer Mutter, die in Kummer starb. Der Bruder einer Schwester, die sich verkaufte.

HAITANG
Bruder! Lass mich vor dir niederknieen und den Staub von deinen Füssen küssen.

TSCHANG LING
Kannst du mir verzeihen, dass ich dich einst schlug wie man ein Maultier schlägt? Wie darf Mensch den Menschen schlagen, Bruder die Schwester?

HAITANG
Unsere Mutter starb, als du in der Fremde warst. Herr Ma hat mich als seine Gattin ehren und achten gelernt. Er hat mir ein Kind geschenkt.

TSCHANG LING
Wie, du hast dich dazu hergegeben und erniedrigt, diese verfluchte Rasse der Ma fortzupflanzen?

HAITANG
Es ist auch mein Kind, und auch ich werde in ihm auf Erden wandeln, wenn mein Leib längst im Sarge fault. Ich flehe dich an, Ma nicht zu hassen.

TSCHANG LING
Ich bin Mitglied der Bruderschaft vom weissen Lotos. Sie hat sein Todesurteil gesprochen.

HAITANG
Lass mich das Orakel des Kreidekreises befragen.
Sie zieht einen Kreis
Gib mir das Messer. Ich werfe mit dem Messer nach dem Kreis. Der Kreis umschliesst sein Leben. Trifft das Messer den Raum innerhalb des Kreises, so haben die Götter gerichtet, so muss er sterben.
Sie schleudert das Messer; es trifft genau die Kreislinie
Das Messer hat nicht innen, nicht aussen, es hat genau die Linie des Kreidekreises getroffen. Bruder, nimm das Messer, und berichte der Bruderschaft von dem wunderlichen Orakel. Lass es die Weisesten der Bruderschaft deuten. Dies eine versprich mir, das Urteil nicht eher zu vollziehen, als bis der Sinn des Orakels geklärt.

TSCHANG LING
Ich werde es den Brüdern berichten. Ich werde wiederkommen.

HAITANG
Bruder, lieber Bruder, wie siehst du so armselig drein. Komm, nimm dieses Pelzgewand
sie zieht es aus
über deine Lumpen, und nun geh! Foh sei mit dir!

TSCHANG LING
Kwanyin segne dich!
Ab. Haitang sieht ihm am Gartenzaun nach. Frau Ma erscheint

FRAU MA
Sie sprachen am Gartenzaun mit einem fremden Mann. Wer war es?
Haitang schweigt

FRAU MA
Ich kann mir wohl denken, wer es war. Schämen Sie sich nicht, an der Strasse mit Männern anzubändeln? Sie haben wohl Ihre Teehausmanieren noch nicht verlernt? Haben Sie vergessen, dass Sie, wenn auch die zweite Gemahlin eines hochgeachteten Mannes geworden sind? Sie treten die Ehre des Herrn Ma, meines hohen Gebieters und Herrn, mit Füssen. - Und was sehe ich soeben? Wo ist der kleine Mantel geblieben, den Sie heut früh noch über dem Kleid trugen?

HAITANG
Ich habe ihn verschenkt.

FRAU MA
Ein Geschenk des Herrn Ma haben Sie verschenkt?

HAITANG
Ich habe ihn jenem armen Mann am Zaun geschenkt. Er ist so arm, und wir sind so reich. Es war ein Bettler.

FRAU MA
Sind Sie schon soweit heruntergekommen, dass Sie sich unter Bettlern einen Liebhaber suchen?

HAITANG
Das Gesetz gebietet, den Armen wohlzutun,

FRAU MA
Das, was Sie «Wohltun» nennen, wird das Sittengesetz nicht gemeint haben.

HAITANG
Wie viel Elend ist in der Welt, wollen wir nicht versuchen, es zu lindern?
Frau Ma schnell ab. Haitang folgt ihr sehr langsam


Verwandlung

VIERTES BILD
Zimmer im Hause des Herrn Ma. Tisch und Stühle. Durch eine breite Öffnung in der Rückwand blickt man auf Garten und Strasse. Herr Ma sitzt am Tisch, den Tee erwartend. Frau Ma deckt den Tisch

FRAU MA
Darf ich eine Frage an meinen Herrn richten?

MA
Ich bitte.

FRAU MA
Haitang scheint Ihrem Herzen seit einiger Zeit besonders nahe zu stehen?

MA
Sie schenkte mir einen Erben.

FRAU MA
Sie haben mir seit Monaten nicht mehr die Ehre eines nächtlichen Besuches erwiesen.

MA
Ich bin Ihnen Rechenschaft nicht schuldig.

FRAU MA
Haitang betrügt Sie! Ich sah sie mit einem fremden Menschen am Gartenzaun stehen. Vielleicht hat sie gar dunkle Pläne, wer weiss? Sie hat dem Fremden ihren mit Pelz besetzten Überwurf geschenkt, den Sie ihr zum Geburtstag verehrten. Haitang kommt mit einer Tasse Tee.

MA
Haitang, man hat mir eben schlimme Dinge berichtet. Du hast mit einem fremden Mann hier am Gartenzaun geredet?

HAITANG
Ich habe mit einem Bettler gesprochen.

MA
Du schenktest ihm den kleinen Mantel, ein Geschenk von mir? Achtest du so die Geschenke deines Mannes, der dich liebt?

HAITANG
Ich diene in Demut meinem Herrn und weiss seine Güte zu schätzen, aber der Bettler hatte nur Lumpen auf seinem Leib, er fror, er dauerte mich.

MA
Sahst du den Bettler heut zum ersten Male?

HAITANG
Nein.

FRAU MA
Erkennen Sie nun ihre Treulosigkeit?

MA
Wer war der Bettler?

HAITANG
Mein Bruder.

FRAU MA
Glauben Sie der lügnerischen Person?

MA
Ich glaube, denn ich liebe. Seit ich Dich kenne, Haitang, hast Du mein Herz verwandelt. Du hast nichts dazu getan, mich zu überzeugen. Dein einfaches Dasein wirkte. Hättest Du mir den Tod gewünscht, es wäre nur allzu natürlich gewesen. Ich habe Dich aus dem Teehaus geraubt, wie ein wilder Affe im Urwald ein Menschenweib raubt. Du warst immer gleich, immer Du, sanft wie eine Göttin. Durch Dich habe ich erst an das höchste Wesen zu glauben gelernt. Haitang, fühlst Du, dass ich zu lieben vermag, und dass ich Dich liebe?

HAITANG
Tränen der Freude steigen mir ins Auge. Am Himmel, die Sonne lächelt vvieder. Es wird alles wieder gut werden, da Du, Ma, wieder gut wurdest.

FRAU MA
Sie wollten Tee trinken, gnädiger Herr.

HAITANG
Ich vergass den Zucker. Wie nachlässig ich bin.

FRAU MA
Geben Sie die Tasse, ich werde den Zucker hineintun.
Sie nimmt die Tasse, geht zur Rückwand, zieht die Büchse heraus, die ihr Tschao gegeben; leise:
Ich werde den Zucker hineintun, den mir Tschao gegeben.
Schüttet das Gift in den Tee

HAITANG
Die Liebe zu Dir hat heute sich wie eine Lotosblume in mir entfaltet.

MA
Ich danke Dir für deine Liebe.

HAITANG
Warum sprach ich soeben von einer Lotosblüte? Erinnere mich, wenn Du den Tee getrunken, dass ich Dir von einer Lotosblüte erzählen muss.

FRAU MA
gibt Haitang die Tasse mit Tee
Kredenzen Sie ihm den Tee. Aus Ihren Händen mundet er ihm doppelt gut.
Haitang nimmt die Tasse und reicht sie Ma.

MA
Erzähle mir, während ich trinke, das Märchen von der Lotosblüte.
Er trinkt, lässt die Tasse fallen, die in Scherben klirrt. Fasst Haitang am Handgelenk
Haitang - ich - sterbe -
Fällt tot zusammen

HAITANG
Mein lieber Mann - mein lieber Mann - hörst du mich nicht? Siehst du mich nicht? Bist du nicht mehr bei mir?
Sie kniet hin vor Ma, legt seinen Kopf in ihren Schoss

FRAU MA
Hilfe! Hier ist jemand ermordet. Herr Ma ist vergiftet.

Hin und Herlaufen von Dienern und Dienerinnen. An der Strasse tauchen Tschao und Tschang Ling auf. Eine Polizeipatrouille erscheint

FRAU MA
Ieise, zu Tschao
Ma ist tot. Wir sind frei!

TSCHAO
zurückweichend
Wer hat ihn getötet?

Polizei

EIN POLIZIST
Was gibt es?

FRAU MA
Diese Person da, Herrn Mas zweite Gattin, ehemals ein Teehausmädchen niederen Ranges, hat meinen erlauchten Gatten, Herrn Ma, vergiftet.

POLIZIST
Bindet sie!

HAITANG
in der ersten Stunde, da ich dich kennen lernte, muss ich dich verlieren, Ma. - Gebt mir mein Kind! Reisst mich nicht von meinem Kinde!

FRAU MA
Von i h r e m Kinde? Ihr Geist ist verwirrt oder voll böser Anschläge. Sie hat kein Kind. Das Kind im Hause ist mein Kind, das ich von Herrn Ma empfangen, und das sie nur gewartet hat.

POLIZIST
Führt die Verbrecherin ab!

TSCHANG LING
Ein Gott hat gerichtet!

HAITANG
vor Mas Leiche
Er wird abwischen alle Tränen von meinen Augen.

Vorhang

DRITTER AKT

FÜNFTES BILD
Im Hintergrund, Mitte, Sessel des Hauptrichters mit Tisch. Links und rechts Sessel für Beisitzer. In der Mitte über dem Sessel Gobelin mit dem Bildnis des fünfklauigen Drachen. Rechts und links daneben schmale Fahnen mit chinesischem Schriftzeichen. Vor dem Sessel des Richters ist ein Kreidekreis gezogen, in den die Angeklagte zu knien hat. Links und rechts im Vordergrund der Raum für Zeugen und Publikum, vom Mittelraum durch Barrieren getrennt. Tschu-tschu, der Richter, sitzt auf dem Richterstuhl und frühstückt

TSCHU-TSCHU
Mein Name ist Tschu-tschu. Ich bin der von Seiner Kaiserlichen Himmlischen Majestät
erhebt sich, setzt sich wieder
eingesetzte oberste Richter von Tscheu-kong. Das Publikum erwarte deshalb nicht, von mir mit der üblichen Devotion begrüsst zu werden. Ich neige weder meine Knie noch meine Stirn vor einer derartigen Gesellschaft miserabler Kreaturen, wie ich sie hier zu meinem Abscheu versammelt sehe. Um neun Uhr sollen die Gerichtsverhandlungen beginnen, jetzt will ich erst einmal in Ruhe frühstücken.
Er knabbert an Früchten, beisst in ein Brot.
Das Frühstück gehört zu den angenehmsten Dingen des Lebens. Mit vollem Magen kann man einen Angeklagten, einen Dieb etwa, der aus Hunger gestohlen, nochmal so leicht und mit doppelt gutem Gewissen zum Galgen verurteilen. - Heute bin ich leider ein wenig verkatert. Ich habe Kopfweh. Ich habe die Nacht im Hause des Herrn Tong verbracht in Gemeinschaft mit drei reizenden Mädchen Yü, Yei, Yau. Sie haben mich mit Gong, Flöte und Geige in den Schlaf musiziert, nachdem wir Reiswein in erheblichen Portionen zu uns genommen und die reizende Yau mir mit Seele und Leib, besonders Leib, hihi, angehört hatte. Ich habe hier eine kleine, farbige Tuschzeichnung, welche die drei Mädchen völlig unbekleidet in allerlei verfänglichen Stellungen zeigt. Die will ich mir jetzt in Musse betrachten, indem ich mich würdig auf den heutigen Abend vorbereite. Der Nacken von Yü, alle Achtung! Aber die Schenkel von Yau, auch nicht zu verachten! Aber erst die kleinen Brüste von Yei, ihnen muss ich doch den Preis zuerkennen!

Tschao tritt ein

TSCHAO
Ich bitte um Vergebung, wenn ich Sie in Ihrer Meditation störe, Exzellenz. Frau Ma, die Klägerin in dem ersten der heute angesagten Prozesse, beauftragt mich, Ihnen als Zeichen ihrer devotesten Unterwürfigkeit unter Eurer Exzellenz richterliche Einsicht diesen kleinen Beutel übersenden zu dürfen.
Überreicht ihm einen Beutel mit Gold und zieht sich zurück

TSCHU-TSCHU
lässt das Gold über den Tisch rollen
Gold - Gold - keine schönere Musik, als wenn Gold über den harten Tisch rollt. Es klingt wie Pagodenglocken. Beim Geläut des Goldes werde ich förmlich fromm. Frau Ma ist eine überaus freigebige Dame. Sie dürfte ihr Recht finden. Jetzt will ich mich aber noch ein wenig in das Strafgesetzbuch vertiefen
packt das Gold und sein Frühstückszeug zusammen
und mich in das Beratungszimmer zurückziehen. Die Paragraphen über Beamtenbestechung werden mir keine Kopfschmerzen machen. Ich entferne sie einfach, ritsch, ratsch,
reisst Blätter beraus
aus meinem Buch. Da ich jedesmal dieses Buch, Gesetze und Verordnungen des Herrscherhauses der Mantschu, beschwöre, danach Recht zu sprechen, so werde ich keinen Meineid leisten, und mein Herz ist rein wie die Wolle eines jungen Lämmchens.
Ab durch eine Tapetentür im Hintergrunde

Der Raum hinter der Barriere füllt sich ganz allmählich. Frau Ma erscheint. Sie winkt einer dicken Frau, der Hebamme; zieht sie in die Mitte des Raumes

FRAU MA
Vorsicht, treten Sie nicht in den Kreidekreis, sonst werden Sie selbst angeklagt, oder der Zauberkreis bannt Sie.

HEBAMME
O je, o je, wie hab ich's nur verdient, aufs Gericht zu kommen. Die Schande, die Schande! O je, o je, mein Herz schlägt, als sollt' es mir die Brust zerschlagen. Ich habe solche Angst, Frau Ma. Was wird mit mir geschehen? Wird man mich foltern?

FRAU MA
Reden Sie keinen Unsinn. Sie sind hier nur als Zeugin geladen. Sie sollen Zeugnis ablegen, dass der Knabe Li m e i n Kind ist, und nicht das der Haitang.

HEBAMME
Aber wie soll ich Zeugnis ablegen, da es doch nicht wahr ist?

FRAU MA
Pst!

HEBAMME
War ich es doch selbst, die die Nabelschnur zwischen dem Kinde und der Frau Haitang trennte.

FRAU MA
Frau Lien, Sie irren sich! Hier haben Sie zwanzig Goldtaels, um Ihrem Gedächtnis auf die richtige Spur zu helfen.

Die Hebamme sieht das Geld lange an

HEBAMME
Frau Ma sind zu gnädig zu einer armen, alten Frau. Ja, ja, ja, ja, jetzt dämmert es mir, mir ist da in der Dämmerung eine Verwechslung unterlaufen - ich habe Sie und Haitang verwechselt! Diese Haitang ist eine stolze und hochmütige Person, und obwohl sie aus dem gleichen niedrigen Stande wie ich, hat sie nie ein freundliches Wort für mich gehabt. Immer von oben herab!

FRAU MA
Da ist es ja wohl kein Wunder, dass sie Herrn Ma,
schluchzend
meinen geliebten Mann, vergiftet hat.

HEBAMME
Vergiftet? Was Sie nicht sagen! Ja, es gibt böse Menschen auf der Welt. Da kann ja auch wohl das Kind nicht von ihr sein.

FRAU MA
Kommen Sie nach dem Prozess zu mir nach Haus, ich habe abgelegte Kleider, glänzend erhalten, es wird sich gewiss noch ein Staatskleid für Sie darunter finden.

HEBAMME
Meinen innigsten Dank, Frau Ma.
Küsst Frau Ma die Hand, ab. Frau Ma zieht zwei Kulis, verkommene Individuen, nach vorn

FRAU MA
Ihr seid doch Männer, die wissen, was sich schickt?

ZWEI KULIS
Das wollen wir meinen!
Spucken in den Saal und sprechen immer gleichzeitig

FRAU MA
Die der Gerechtigkeit zum Siege verhelfen wollen?

ZWEI KULIS
Gerechtigkeit, was ist das?

FRAU MA
Gerechtigkeit ist, wenn ich Euch hier ein paar Taels gebe und ein Päckchen Kautabak, und Ihr sagt hier als Zeugen vor Gericht das aus, was ich Euch vorsagen werde.

ZWEI KULIS
Wir haben in der Schule immer gut auswendig gelernt. Also schiessen Sie nur los.

FRAU MA
Ihr werdet also bezeugen, dass Ihr Nachbarn von Herrn Ma seid, der, als ich seinerzeit den Knaben Li gebar, ein Fest für das ganze Stadtviertel gab. Ihr müsst beschwören, dass der Knabe mein Kind, und nicht das Kind Haitangs ist.

ZWEI KULIS
Heben grinsend die Finger zum Schwur
Der Eid wird geschworen, darauf können Sie das Gift nehmen, das, wie wir hören, Haitang Herrn Ma in den Tee gerührt hat.

FRAU MA
Sie ist eine Mörderin, vergesst das nicht!
Kulis zurück in den Haufen

Die Gerichtsglocke ertönt. Die Tapetentür öffnet sich, und es erscheinen in gemessenem Zug: Tschu-tschu, Tschao und drei Richter. Sie nehmen ihre Plätze ein, bleiben stehen. Zwei Gerichtsdiener halten Zeugen und Publikum, darunter Tschang-Ling, in Schach

TSCHU-TSCHU
Im Namen Seiner Kaiserlichen Himmlischen Majestät
brabbelt unverständliches Zeug
eröffne ich die heutige Sitzung.
Die Richter setzen sich
Gerichtsdiener, führen Sie die Angeklagte herein.

Gerichtsdiener führt aus einer zweiten Tür im Hintergrund Haitang herein

TSCHU-TSCHU
Angeklagte, nehmen Sie Ihren Platz dort innerhalb des Kreidekreises.
Haitang macht einen dreimaligen Kotau und steht dann wieder aufrecht da

TSCHU-TSCHU
Herr Tschao, Sie protokollieren?

TSCHAO
Sehr wohl, Exzellenz.

TSCHU-TSCHU
Angeklagte, Sie heissen?

HAITANG
Tschang Haitang, Tochter des Tschang, Frau des hochgeborenen Herrn Ma.

FRAU MA
unterbrechend
N e b e n f r a u des hochgeborenen Herrn Ma, seine blosse Beischläferin, Konkubine sozusagen, aus einem Freudenhause aufgelesen, die Gattin ersten Ranges bin ich.

HAITANG
Ich war Herrn Ma rechtlich angetraut. Da ich ihm einen Knaben geboren hatte, der Schoss seiner ersten Gattin unfruchtbar geblieben war, gedachte er, mich in den Rang der Hauptfrau zu erheben und sich von Frau Ma zu scheiden.

FRAU MA
Sie lügt wie eine Elster. Sie hat ihm ein Kind geboren? Ei, wann denn?

SCHU-TSCHU
Beruhigen Sie sich, Frau Ma. Im Laufe der Verhandlung wird sich alles der Wahrheit gemäss herausstellen. Wer erhebt die Anklage?

FRAU MA
Ich, Yü-pei, rechtmässige Hauptgattin des verewigten Herrn Ma, klage Haitang des versuchten Kindesraubes und des vollendeten Giftmordes an Herrn Ma an.
Bewegung im Zuschauerraum

TSCHU-TSCHU
Angeklagte, was haben Sie zu dieser ausserordentlich präzisen Anklage zu bemerken?

HAITANG
leise
Ich bedaure, diese Frau Lügen strafen zu müssen. Aber es geht um mein Leben, Herr Richter, es geht um mein Kind. Herr Richter, man hat mir im Gefängnis mein Kind verweigert! Man hat mich ohne Nachricht von ihm gelassen! Li, mein Knabe, erkennst du mich?

FRAU MA
Sie heuchelt. Wie kann sie Muttergefühle vortäuschen, da ihr Schoss verdorrt ist wie ein Baum in der Wüste Gobi ohne Wasser?

HAITANG
Mein Schoss verdorrt? Ich unbegnadet? Das heiligste Recht des Weibes mir nicht verliehen? Trug ich doch unter diesem meinem Herzen meinen Knaben Li, die Erfüllung meiner Sehnsucht, die Hoffnung meines Alters. Ich blühte nur, damit ich eine Frucht trüge, die Blüte fiel ab. Die Frucht reifte in Sonne und Sturmgewitter, in Wollust und Schmerzen, Ich, die ich keine Wollust empfunden, da ich ihn empfing, ich verging vor Wollust, da ich ihn gebar. Fo hat mich begnadet, gesegnet,

TSCHU-TSCHU
Wir wollen zu diesem Punkt die Hebamme vernehmen, die der Mutter bei der Geburt des Knaben Li in ihren Wehen behilflich war. Treten Sie vor, Frau Lien!

HEBAMME
O je, o je, womit habe ich das verdient, vor dem hohen Gerichtshof erscheinen zu müssen.

TSCHAO
Fürchten Sie sich nicht. Also wie war der Hergang?

HEBAMME
Der Hergang war damals ein grosser Hin- und Hergang, als der Knabe Li geboren ward.

TSCHU-TSCHU
Frau Lien, erkennen Sie die Angeklagte?

HEBAMME
Ich kenne die Angeklagte schon. Es ist Haitang, die Nebenfrau des verstorbenen hochgeborenen Herrn Ma, Fo hab ihn selig!

TSCHU-TSCHU
Und ist sie die Mutter des Knaben Li?

HEBAMME
Sie hat den Knaben wohl oft auf den Armen getragen, gewartet und in den Schlaf gewiegt, wie es die Pflicht der Nebenfrauen ist; aber die Mutter dieses Knaben ist jene dort!
Zeigt auf Frau Ma
Obwohl das Zimmer der Wöchnerin wie üblich verhängt war, und man in der Dunkelheit die Mutter vom Kinde kaum unterscheiden konnte, so ist doch kein Zweifel, dass Frau Ma den Knaben geboren hat.

HAITANG
Frau Lien, die Wahrheit, die Wahrheit, dies Kind ist mein!

FRAU MA
Das listige Weib macht sich der Beeinflussung der Zeugin schuldig.

TSCHU-TSCHU
Man schlage die Angeklagte wegen ungebührlichen Benehmens vor Gericht. Im Wiederholungsfalle werden ihr Heisswasserschlangen angedroht. Sie wird auf Glassplittern knien, und man wird ihr die Knöchel zerquetschen.
Zwei Soldaten schlagen sie mit Ruten

HAITANG
Wie Feuer brennt mein Rücken,
Wie Sturm weht mein Atem.
Verfloge doch meines Lebens Hauch
Der Nachtschmetterling.
Das Kind beginnt zu weinen

TSCHU-TSCHU
Still! Ich rufe das Kind zur Ordnung!
zu Frau Lien
Können Sie Ihre Aussagen beschwören?

HEBAMME
Das will ich meinen!

TSCHU-TSCHU
Die Zeugin wird vereidigt. Sprechen Sie die Worte nach:
Ich schwöre bei den Gebeinen meiner Ahnen -

HEBAMME
Beinen meiner Ahnen -

TSCHU-TSCHU
Dass ich die reine Wahrheit gesagt -

HEBAMME
Keine Wahrheit gesagt -

TSCHU-TSCHU
So wahr mir Fo helfe!

HEBAMME
So wahr mir Fo helfe!

TSCHAO
Die Zeugen Gebrüder Sang!

ZWEI KULIS
die immer gleichzeitig sprechen, treten vor und leiern sofort herunter
Hoher Gerichtshof, Herr Ma war ein vermöglicher, womöglicher und vielvermögender Mann. Wir konnten uns natürlich nicht schmeicheln, zu seinem näheren Umgang zu gehören. Aber als seine erste hochgeborene Gattin einen Knaben gebar, gab er seinem Stadtviertel, in dem auch wir die Ehre haben zu wohnen, ein Fest, eine Festivität, wo es so lustig herging, dass wir beide noch heute betrunken sind, wenn wir daran denken.

HAITANG
Ihr lügt, bestochen von Frau Ma.

TSCHU-TSCHU
Können die Zeugen die Wahrheit ihrer Aussagen beschwören?

ZWEI KULIS
Und ob!

TSCHU-TSCHU
So sprechen Sie den Schwur nach.
Zeremonie wie oben
Die Zeugenvernehmung über den geplanten Kindesraub wird geschlossen. Es bleibt die Frage des Giftmordes. Wer hat gesehen, dass die Angeklagte ihrem verewigten Gatten statt Zucker Gift in den Tee schüttete, um sich unrechtmässig Knabe und Erbteil anzueignen?

FRAU MA
Ich!

HAITANG
Himmlisches Licht, du hast dich ganz vermummt.
Wo leuchtest du?
Himmlische Glocke, du bist verstummt.
Wann läutest du?
Kommt es nie an den Tag, bleibt es in Nacht,
Wer Herrn Ma zu Tod gebracht?
Ich bin wehrlos, ehrlos ganz,
Trag auf meinem armen Kopf einen Brennesselkranz.

TSCHU-TSCHU
zu Frau Ma
Können Sie Ihre Wahrnehmung beschwören?

FRAU MA
Ich beschwöre bei den Gebeinen meiner Ahnen, dass die, die nicht die Mutter des Kindes ist, ihren Gatten mit Gift aus dem Weg geräumt hat, um sich unrechtmässig Knabe und Erbteil anzueignen.

HAITANG
schreit entsetzt auf
Sie schwört die Wahrheit!

TSCHU-TSCHU
Die Inkulpatin hat gestanden! Die Zeugenaussagen werden geschlossen. Das Gericht wird nunmehr das Urteil beraten.
Tschu, Tschao usw. besprechen sich leise

TSCHU-TSCHU
erhebt sich
Im Namen Seiner Himmlischen Majestät
brabbelt
erkennt der hohe Gerichtshof als zu Recht folgendes Urteil: Die Angeklagte Tschang Haitang wird wegen versuchten Kindesraubes und vollzogenen Giftmordes an ihrem Gatten Ma zum Tod durch des Henkers Schwert verurteilt. Gerichtsdiener, legt ihr den neunpfündigen Block um den Hals.
Diener legt Haitang den Block um

HAITANG
Mein Recht! Mein Kind!

TSCHU-TSCHU
Unverschämtes Geschöpf! Ich sollte dich mit dem Pantoffel ins Gesicht schlagen. Merke Dir eines! Wenn ich ein Urteil spreche, so ist es gerecht, die Verhandlung führe ich streng unparteiisch, und alles geht objektiv und absolut gesetzmässig her.

Ein Kurier tritt auf. Haitang wird abgeführt

KURIER
Stafette aus Peking.

TSCHU-TSCHU
erbricht sie und liest
Ich bin erschüttert. Ich ersuche alle Anwesenden, mit der Stirn die Erde zu berühren. Seine Himmlische Majestät ist im hohen Alter von fünfundsiebzig Jahren an Altersschwäche verschieden. Zum Nachfolger wurde durch das Los Prinz Pao erkürt, der den kaiserlichen Thron bestiegen hat. Alle Todesurteile werden suspendiert und kraft seiner Machtvollkommenheit Richter und Gerichtete nach Peking berufen. Denn seine erste AmtshandIung soll im Zeichen der Gerechtigkeit stehen.
Wischt sich den Angstschweiss von der Stirn
Grosser Fo, im Zeichen der Gerechtigkeit!

TSCHANG-LING
im Zuschauerraum des Gerichtes
Was fürchtest du alter Narr? Der neue Kaiser wird nicht besser sein als der alte. Wir Armen werden auch unter seinem Drachenbanner rechtlos am Strassenrand verrecken. Haitang ist schuldlos. Sie soll nicht sterben. Mit meinen Fäusten will ich dem Henker das Beil aus der Hand reissen.

TSCHU-TSCHU
Wer ist der Kerl, der die Majestät lästert? Auch mit ihm in den Block. Seine Majestät wird sich mir erkenntlich zeigen. Auf nach Peking!

Vorhang

ZWISCHENSPIEL
SECHSTES BILD
Schneesturmlandschaft. Man hört einen Soldaten hinter der Szene singen

EIN SOLDAT
Soldat, du bist mein Kamerad,
Marschierest mir zur Seite.
Der Kaiser, der befehligt uns,
Kein Mädchen mehr beseligt uns,
Soldat, du bist mein Kamerad,
Marschierest mir zur Seite.
Soldat, du bist mein Kamerad,
Wenn du das Schwert verloren,
So deck' ich dich mit meinem Schild
Und bin als Bruder Dir gewillt.
Soldat, du bist mein Kamerad,
Wenn du das Schwert verloren.

Haitang, gefesselt und im Holzblock, von zwei Soldaten eskortiert, die sie prügeln

ERSTER SOLDAT
He, vorwärts, Tochter einer Schildkröte! Ich werde deine Mutter schänden, wenn du deine Beine nicht flinker bewegst. Meinst du, es ist ein Vergnügen, dich durch den Schneesturm zu eskortieren?

HAITANG
Erbarmen, lieber Herr, ich sterbe.

ERSTER SOLDAT
Ein guter Tod ist das halbe Leben. Vorwärts!

HAITANG
Die Knie brechen mir.

ERSTER SOLDAT
Wer ein Verbrechen begangen hat, muss es auch büssen. Warum hast du deinen dicken Mann umgebracht und der ersten Frau das Kind rauben wollen?

HAITANG
Ich habe keinen rechtschaffenen Richter gefunden. Der Herr der hundert Zeichen mag es bezeugen. Er wird gnädiger sein als die Menschen. Mein Kind - wo ist mein Kind?

ERSTER SOLDAT
Bei seiner Mutter, verstocktes Weib, das selbst der Holzblock nicht zur Busse und Einkehr zwingt.

HAITANG
Da kein Mensch mehr hört, will ich meine Klage in den Schneesturm schreien. Höre mich, Sturm! Ich klage es dir, Schnee! Ihr Sterne hinter den Wolken, lauscht! Ich rufe euch, ihr Toten, zum Gericht über mich. In euch, die ihr allen Flitter der Welt abgeworfen, selbst euer Fleisch, ist kein Falsch. Ihr toten Mörder, kommt und sagt, ob ich gemordet! Ihr toten Lügner, kommt und sagt, ob ich log! Ihr toten Mütter, alle Mütter der Welt, schreit, ob ich mein Kind nicht mit Recht von den Räubern fordere! Seht doch, die Erde selbst trauert, sie hat ein weisses Gewand angelegt mir zu Ehren. - Es schneit - es schneit - weiss - immer weisser, der Schnee fällt, Flocke um Flocke. Meine Tränen fallen wie die Flocken. Wo meine Tränen in den Schnee fallen, färbt sich der Schnee rot. Ich weine Blut. Ich bitte Euch, liebe Herren, nehmt Eure Schwerter und schlagt ein Loch in das Eis, und lasst mich in die nassen, kalten Fluten sinken, versinken!

ERSTER SOLDAT
Zu lang schon haben wir dein Quäken mitangehört, Wasserfrosch. Vorwärts jetzt! Vorwärts!
Wie ein Echo von der andern Seite: Vorwärts mit dir, du Lump!
Hörtest du nicht Stimmen im Dunkel?

ZWEITER SOLDAT
Mir war so, als riefe uns jemand zu.
Von rechts kommt Tschang-Ling, ebenfalls von zwei Soldaten eskortiert, die hölzerne Krause um den Hals

DRITTER SOLDAT
Vorwärts, du Schwerverbrecher, du Revolutionär, dir wird man es eintränken.

VIERTER SOLDAT
Begehrt gegen die Staatsgewalt auf, die sich in uns verkörpert.

HAITANG
aufschreiend
Bruder!

TSCHANG-LING
Schwesterseele!

ERSTER SOLDAT
Kamerad, wenn es dir recht ist, so wollen wir, da unsere Transporte ja doch den gleichen Weg nach Peking haben, die Verbrecher zusammenbinden. Nun werden sie leichter vorwärts zu treiben sein.

DRITTER SOLDAT
Vorwärts nun, zum Kaiser!

ERSTER SOLDAT
im Abgehen
Soldat, du bist mein Kamerad,
Wenn unsre Knochen bleichen,
Mond fällt auf uns wie gelber Rauch,
Der Affe schreit im Bambusstrauch.
Soldat, du bist mein Kamerad,
Wenn unsre Knochen bleichen.

Vorhang


SIEBENTES BILD
Die Bühne stellt den Thronsaal vor, im Hintergrund der Thronsessel des Kaisers. Das versammelte Volk, die Würdenträger fallen im Kotau nieder, während der Kaiser langsam zum Thron schreitet, auf den er sich niederlässt

KAISER
Hier auf den Stufen meines Tribunales steht Ti-sching gemalt: Rede leise, handle leise, denke leise!
Ein jeder gehe mit sich selbst zu Rat,
Der hier das Wort ergreift.
zu Tschang-Ling
Du da an jenes Weib gebunden - sage mir,
Warum bist Du im Block, und was ist Dein Verbrechen?
Was bleibst Du stehn und fällst nicht in die Knie?

TSCHANG-LING
Gäb es Gerechtigkeit in diesem Land,
Ich stünde nicht im Block vor dir!
Wer so viel litt, wie ich, der kniet
vor keinem Menschen mehr.

KAISER
Der Richter.
Tschu tritt vor. Kotau
Was verbrach der Mann?

TSCHU-TSCHU
Er lästerte des Himmels Sohn, die geheiligte Majestät. Keine Strafe ist zu hoch für ihn.

KAISER
Er lästerte die Majestät, mit welchen Worten?

TSCHU-TSCHU
Untertänigst zu vermelden: - die Zähne weigern sich, sie freizulassen - der neue Kaiser wird auch nicht besser sein als der alte.

KAISER
Dies sagte er?

TSCHAN-LING
Und dieses noch dazu:
Wir Armen werden unter seinem Banner
Rechtlos am Strassenrand verrecken wie bisher.
Er weint

KAISER
Du weinst, weinst Du um Dein Geschick?

TSCHAN-LING
Ich wein um mein Vaterland.

KAISER
Nehmt ihm den Halsblock ab! Er sei befreit!
Wer solche Tränen weint, ist kein Verbrecher.
Sie netzen
Die Blumen seines Herzens,
Wie Tau.
Dass er mich lästerte, verzeih ich ihm.
Er lästerte aus einem edlen Willen,
Die schlechte Welt zu bessern.
Uns eint das gleiche hohe Ziel. Komm, sei mein Freund.
Ich lese hier einen
in den Akten blätternd
mir vom Richter zu Tscheu-kong
Tschu Kotau
eingereichten Bericht. Es handelt sich darin um eine Frau zweiten Grades namens Tschang Haitang.
Haitang hebt den Blick, den sie bisher gesenkt gehalten. Kaiser und Haitang erkennen sich
Diese Dame soll ihren Mann ermordet und sich aus Erbschaftsgründen des Kindes der ersten Frau haben bemächtigen wollen?

TSCHU-TSCHU
So ist es.
Haitang in die Knie sinkend

KAISER
Tschang Haitang, ist es wahr, dass Du Deinen Mann vergiftet und der ersten Frau das ihr gehörige Kind geraubt hast?
Haitang schweigt

TSCHAO
schnell
Eure Majestät ist ein Spiegel, der sie blendet...

TSCHU-TSCHU
Eure Majestät ist die Sonne, die uns alle blendet.

KAISER
Tschang Haitang, welchem Beruf gingst Du nach, ehe Du Herrn Ma heiratetest?

HAITANG
Am Ufer hinter Weiden steht ein Haus!
Ein kleines Mädchen sieht zur Tür hinaus.
An der Volière steht der Mandarin,
Ein kleiner Vogel singt und hüpft darin.
Verschliess den Käfig, hüte gut das Haus,
Sonst fliegt der Vogel in den Wald hinaus.

KAISER
Du warst Blumenmädchen?
Haitang nickt
Wer waren die Besucher des Hauses hinter den Weiden?

HAITANG
Herr Ma holte mich aus dem Haus.

KAISER
Hat niemand sonst Dich dort besucht?

HAITANG
Ein junger Herr besuchte mich.

KAISER
Wer war der junge Herr?

HAITANG
Ich nenne seinen Namen nicht. Ich fordere Gerechtigkeit, sonst nichts.
Schweigen. Der Kaiser blättert in den Akten weiter

KAISER
Die beschworenen Zeugenaussagen hier in den Akten besagen, dass das Kind, das Du für dich in Anspruch nimmst, nicht Dein Kind ist.
Haitang schweigt

TSCHAN-LING
Die Zeugen sagten falsch aus. Sie sind bestochen von der ersten Frau.

FRAU MA
Er lügt.

KAISER
Der Richter ist dazu bestellt, wahres und falsches Zeugnis zu scheiden.

TSCHANG-LING
Der Richter war bestochen wie die Zeugen -

TSCHU-TSCHU
Er lügt.

KAISER
Die erste Frau des Mandarinen ist im Saal,
wo ist sie?
Frau Ma tritt vor. Kotau
Weib, sprich, wer ist die Mutter des Kindes,
das Du auf dem Arme trägst?

FRAU MA
Ich bin es, Majestät. -

KAISER
Gut. - Zeremonienmeister!
Zeremonienmeister tritt vor
Nehmt ein Stück Kreide, zieht einen Kreis hier auf dem Boden vor meinem Thron, legt den Knaben in den Kreis,
Zeremonienmeister tut es
Und nun, Ihr beiden Frauen
Versucht, den Knaben aus dem Kreis zu ziehen
Zu gleicher Zeit. Die eine packe ihn am linken,
Die andere am rechten Arm. Es ist gewiss,
Die rechte Mutter wird die rechte Kraft besitzen,
Den Knaben aus dem Kreis zu ziehen.
Die Frauen tun wie geheissen. Haitang fasst den Knaben nur sanft an, Frau Ma zieht ihn brutal zu sich hinüber
Es ist augenscheinlich, dass diese
zu Haitang
nicht die Mutter sein kann. Sonst wäre es ihr wohl gelungen, den Knaben aus dem Kreis zu ziehen. Die Frauen sollen den Versuch wiederholen.
Wieder zieht Frau Ma den Knaben zu sich
Haitang, ich sehe, dass Du nicht die mindeste Anstrengung machst, das Kind aus dem Kreis zu Dir herüberzuziehen. Was bedeutet das?

HAITANG
Ich hab das Kind unter meinem Herzen getragen. Neun Monate hab ich mit ihm gelebt. Ich habe alles Süsse mit ihm genossen, alles Bittere mit ihm gelitten. Wenn er fror, wärmte ich seine Gliederchen, sie sind so zart und zerbrechlich, ich würde sie ihm ausdrehen, wenn ich daran zerren wollte wie jene Frau. Wenn ich mein Kind nur dadurch bekommen kann, dass ich ihm die Arme ausreisse, so soll nur jene, die nie die Schmerzen einer Mutter um ihr Kind gespürt hat, es aus dem Kreis ziehen.

KAISER
erhebt sich
Erkennt die ungeheure Macht, die in dem Kreidekreis beschlossen liegt! Jene Frau
auf Frau Ma zeigend
trachtete sich des gesamten Vermögens des Herrn Ma zu bemächtigen und raubte darum das Kind. Da nun die wahre Mutter erkannt ist, wird auch die wahre Mörderin zu finden sein. Ich lese in den Akten den Wortlaut des Schwures, den Frau Ma gesprochen. Frau Ma, wiederholen Sie den Schwur!

FRAU MA
Ich - schwöre - bei - den Gebeinen -
gebrochen
meiner - Ahnen, dass die, die nicht die Mutter des Kindes ist - Herrn Ma vergiftet hat.

KAISER
Ihr schwurt den entsetzlichen Schwur, dass Ihr selbst die Mörderin des Herrn Ma seid -

FRAU MA
So - ist - es -

KAISER
Werft ihr die hölzerne Krause über.
Dies geschieht, während ein Soldat ihr das Kind aus den Armen nimmt

FRAU MA
Doch hat mich jener angestiftet, der mich liebt.

TSCHAO
Ich dich lieben? Ich dich angestiftet? Wer hat die falschen Zeugen bestochen -
die Hebamme, die zwei Kulis? Wie hätte ich das Geld aufgebracht, den Nimmersatt Exzellenz Tschu, Oberrichter von Tscheu-kong, mit hundert Taels zu bestechen?

TSCHU-TSCHU
Ich hätte mich bestechen lassen, ich, der unbestechlichste Richter weit und breit?

TSCHAO
Drückt ich selbst Euer Exzellenz dem goldgreifenden Tiger nicht den Beutel mit Gold in die Hand, den jene mir für Euch eingehändigt?

KAISER
Genug des unwürdigen Gekeifes und Gezänkes! Fort mit den Dreien! Sie werden gerichtet!
Frau Ma, Tschao und Tschu-Tschu werden von den Soldaten abgeführt, Tschan-Ling später auf einen freundlichen Wink des Kaisers nach einer anderen Seite ab. Alle übrigen Anwesenden ab. Es bleiben Haitang und der Kaiser zurück. Der Kaiser nimmt das Kind einem Soldaten ab und reicht es Haitang

HAITANG
Mein Kind! Mein Kind! Mein Pantherköpfchen, mein Luchsäuglein, mein Alprikosenwänglein! Wie süss du duftest, wenn man dich küsst! Du hast auch einen schönen Namen bekommen! Li heisst du; das bedeutet Licht, Licht meines Lebens! Leuchte der Nacht! Du wirst einst im hellen Glanz erstrahlen, die Sonne wird sich beschämt verkriechen, und der Mond sich mit seinem goldenen Krummschnabel den Bauch aufschlitzen. Doch du wirst leuchtend auf dem Turm der azurnen Wolken stehn. Ich bin so froh und beglückt um dich. Ich danke dem höchsten Wesen, dass es mich erschaffen, den Eltern, dass sie mich erzogen, der Erde, dass sie mich ernährt hat.
Sie will gehen.

KAISER
Haitang -

HAITANG
Mein kaiserlicher Freund?

KAISER
Noch auf ein Wort, bevor ich Dich entlasse.

HAITANG
Entlasst Ihr mich? Verlasst Ihr mich so bald?

KAISER
In jener Nacht, da Ma im Hause Tongs Dich kaufte, Du erinnerst dich?

HAITANG
Wie könnt' ich jene Nacht vergessen, da ich zum erstenmal Euch sah.

KAISER
Sag, was geschah in jener Nacht im Hause Mas?

HAITANG
Man brachte mich in ein Zimmer zu ebener Erde, dessen Türen nach dem Garten hinausgingen. Ich weinte, bat um Ruhe. Herr Ma liess mich allein. Es war so drückend heiss, dass ich die Türe zum Garten offen liess. Als ich mich niederlegte, da hatte ich einen wunderlichen Traum.

KAISER
Was träumtest du?

HAITANG
Ich träumte, es käme ein junger Herr durch den Park geschlichen, leise, wie der Panther schleicht. Er trat in mein Zimmer, setzte sich auf das Kang, auf dem ich lag, legte sich zu mir, liebte mich, umarmte mich wie ein Ehemann sein Eheweib umarmt.

KAISER
Wie kommt es, dass Du diesen Traum so treu bewahrt hast im Gedächtnis?

HAITANG
Ei, lieber Herr, ich träumte von Euch, dass Ihr zu mir gekommen.

KAISER
Dies alles träumtest Du?

HAITANG
Ich träumt' es nur.

KAISER
Haitang, was Du geträumt, es hat in Wahrheit sich begeben. Ich folgte Dir in jener Nacht, stieg übern Bambuszaun, schlich in Dein Schlafgemach, und derart schön erschienst Du mir, dass ich entzündet wurde und meiner Sehnsucht und Begier nicht widerstand. Ich liebte Dich, die Schlafende, die einmal nur im Schlafe leise seufzte. Kannst du verzeih'n, was ich aus allzu grosser Liebe gewagt?

HAITANG
Verzeihen will ich Dir, wenn Du dies Kind
Als Deines erkennst, denn also muss es sein.
Gezeugt hat es der Sturm, geboren der Wind,
sein Pate war der gelbe Mondenschein.

KAISER
Noch heute verkünd' ich Dich dem Volk als meine Gattin!

HAITANG, KAISER
Mein Mondkind! Mein Sonnenkind!
Mein Schmerzenskind! Mein Herzenskind!
Ich hab alles Leid auf mich genommen,
Das je Dich könnte überkommen.
Dir werden alle Glocken Freude läuten!
Dir werden alle Tage Glück bedeuten.
G e r e c h t i g k e i t, sie sei Dein höchstes Ziel,
Denn also lehrt's des Kreidekreises Spiel.

Vorhang