Der Corregidor

Der Corregidor

Libretto

Rosa Mayreder-Obermeyer
nach Pedro de Alarcón y Ariza

Uraufführung

7. Juni 1896, Mannheim

Besetzung

DON EUGENIO DE ZUNIGA, Corregidor (Tenor)
DONNA MERCEDES, seine Gattin (Sopran)
REPELA, Diener des Corregidors (Bass)
JUAN LOPEZ, Alkalde (Bass)
PEDRO, Sekretär des Alkalden (Tenor)
TONUELO, Gerichtsbote (Bass)
TIO LUKAS, Müller (Bariton)
FRASQUITA, seine Frau (Mezzosopran)
MANUELA, Magd bei dem Alkalden (Mezzosopran)
DUENNA, im Dienste der Corregidora (Mezzosopran)
EIN NACHTWÄCHTER (Bass)
EIN NACHBAR (Tenor)

Ein Bischof mit Gefolge, Gesinde, Musikanten

Ort

Zeit

1804

Wolf, Hugo

Wolf, Hugo (Filipp Jakob)
13.3.1860 Slovenj Gradec [Windischgraz] - 22.2.1903 Wien


Bühnenwerke
mit Datum/Ort der Uraufführung:

Der Corregidor (7.6.1896 Mannheim)
Manuel Venegas (1897 inc; 1.3.1903 Mannheim*)
inc = Fragment / * = konzertant



ERSTER AKT
Der Müller Tio Lukas erwartet den Besuch des Bischofs. Während er dazu ein paar Trauben pflückt, hört er sich amüsiert die Komplimente und versteckten Anspielungen seines Nachbars auf seine schöne Frau Frasquita an, deren Treue er sich sicher weiss. Mit ihr macht er sich über den alten Corregidor (Landvogt) lustig, der verdächtig oft bei den Müllersleuten vorbeischaut und auch jetzt wieder daherkommt. Lukas versteckt sich und beobachtet mit Vergnügen, wie der dicke Don Eugenio Frasquita seine Avancen macht. Frasquita kokettiert mit ihm, weil sie eine Sekretärsstelle für ihren Neffen von ihm will. Sie reizt ihn so sehr, dass der Corregidor nicht mehr an sich halten kann. Beim Versuch, sie zu küssen, lässt sie ihn der Länge nach auf den Boden fallen, und im gleichen Moment kommt der Müller wie völlig ahnungslos zurück. Diese Demütigung wird Don Eugenio nicht vergessen, er wird sich zu rächen wissen. Unterdessen trifft der Bischof ein.

ZWEITER AKT
Vergnügt und verliebt sitzen Lukas und Frasquita beim Abendbrot, als Tenuelo erscheint; Lukas habe sich in einer wichtigen Angelegenheit sofort beim Alkalden einzufinden. In Wirklichkeit soll er nur vom Haus weggelockt werden, damit der Corregidor freie Bahn hat. Der erscheint auch mit lautem Hilfegeschrei tropfnass vor Frasquita. Auf dem Weg zu ihr ist er in den Mühlbach gefallen. Frasquita zeigt ihm die kalte Schulter. Weder mit der Ernennungsurkunde ihres Neffen noch mit der Pistole lässt sie sich zu einem Schäferstündchen zwingen. Sie flieht in die Stadt. Über die Launen der Weiber räsonnierend, legt sich der schlotternde Corregidor in Frasquitas Bett
Vom Alkalden und seinem Schreiber Pedro wird der Müller nicht etwa vor-, sondern zum Wein eingeladen. Lukas ist sofort klar, weshalb man ihn in der Nacht geholt hat; heimlich flieht er durchs Fenster, sobald die Zechgenossen betrunken genug sind.

DRITTER AKT
Repela, vom Corregidor geschickt, holt Frasquita auf ihrem Weg in die Stadt ein, kann sie aber nicht zur Umkehr bewegen.
Lukas entdeckt bei der Rückkehr in seine Mühle mit wachsendem Entsetzen die Kleider des Corregidors am Kamin, die Ernennungsurkunde für den Neffen auf dem Tisch und schliesslich den Alten selbst im Bett seiner Frau. Sein erster Griff gilt dem Gewehr, dann besinnt er sich, wie er seine Rache auf kaltem Wege üben könne. Er zieht die Kleider des Corregidors über und sucht dessen Frau auf. Dem Corregidor bleibt nach dem Erwachen nichts anderes übrig, als sich in der Kleidung des Müllers auf den Heimweg zu machen. Dabei stossen der Alkalde, sein Diener und Repela auf ihn und verpassen dem vermeintlichen Müller eine Tracht Prügel für seine Flucht, bis Frasquita hinzukommt und der Irrtum erkannt wird.


ATTO PRIMO
In una piccola città dell’Andalusia. Il gobbo corregidor Don Eugenio, benché sposato alla graziosissima Donna Mercedes, fa di tutto per conquistare la giovane Frasquita, che è però felicemente sposata con il geloso mugnaio Tio Lukas, anch’egli gobbo. Frasquita cerca di sfruttare la situazione in modo da dare una lezione al marito geloso. Quando il corregidor le dichiara di voler subordinare l’assunzione del nipote di Frasquita a segretario del tribunale alla concessione dei suoi favori, ella fa in modo che il marito, non visto, possa udire le sue parole. Lukas dapprima sviene, quindi giura vendetta.

ATTO SECONDO
L’alcade decide di dare una mano a Don Eugenio, convocando Lukas da lui per quella sera. Mentre Eugenio si reca da Frasquita, finalmente sola in casa, si getta di proposito in un fiumiciattolo pensando che, al vederlo fradicio, Frasquita non gli negherà l’accesso in casa sua. Così accade, anche se non appena egli le rinnova le profferte amorose, ella fugge ad avvisare il marito. Messi i propri abiti ad asciugare vicino al camino, il corregidor decide di riposarsi sul letto dei giovani coniugi. Nel frattempo Lukas, che ha capito dove mirassero le trame del corregidor e dell’alcade, fa ubriacare tutto il personale del tribunale, riesce a fuggire e torna a casa.

ATTO TERZO
Lo spettacolo che gli si presenta qui lo lascia esterrefatto, ma non fino al punto da impedirgli di escogitare di prendere gli abiti del corregidor per recarsi da Donna Mercedes. Al risveglio, Don Eugenio non può fare altrimenti che infilarsi gli abiti del mugnaio. Trovato dagli uomini dell’alcade, viene ricondotto in città. Invano tenta di spiegare la situazione agli uomini che lo scortano, tanto più che Donna Mercedes, da loro interprellata, dichiara che suo marito è rientrato da un’ora e si trova nel suo letto.

ATTO QUARTO
Ma i nodi vengono presto sciolti: è il mugnaio, che non ha abusato della favorevole situazione, a spiegare l’accaduto. L’indomani tutta la cittadina festeggia il lieto fine della storia: il solo Don Eugenio, un poco frastornato, continua a chiedersi cosa sia successo nella sua camera da letto quella notte.

Personen:
DON EUGENIO DE ZUNIGA, Corregidor (Tenor-Buffo)
DONNA MERCEDES, Corregidora (Sopran)
JUAN LOPEZ, Alkalde (Tiefer Bass)
PEDRO, dessen Sekretär (Tenor)
TONUELO, Gerichtsbote (Bass)
REPELA, Diener des Corregidors (Bass-Buffo)
TIO LUKAS, Müller (Bariton)
FRASQUITA, Gattin des Müllers (Mezzosopran)
DUENNA, im Dienste der Corregidora (Alt)
MANUELA, Magd bei Juan Lopez (Mezzosopran)
EIN NACHBAR (Tenor)
EIN NACHTWÄCHTER (Bass)

Bischof und geistliches Gefolge. Gesinde des Corregidors und Alkalden, Alguacils, Musikanten

Schauplatz: Gegend in Andalusien
Zeit: 1804



ERSTER AKT

Vorspiel

Ein gepflasterter Platz vor der Mühle. Seitlich eine geräumige Weinlaube


ERSTE SZENE
Ein Nachbar und Lukas. Lukas ist im Begriffe, mit einem Korb auf die Weinlaube zu steigen


NACHBAR
Euch gelingt's in allen Stücken,
Tio Lukas! Selbst die Trauben
reifen früher hier bei euch.
Pflückt ihr heute wirklich schon?

LUKAS
Der hochwürd'ge Bischof wird
heute wohl so gnädig sein,
in der Mühle einzukehren.

NACHBAR
etwas näselnd
Habt ihr schon einmal berechnet,
was euch diese Gastereien
wohl im Jahre kosten mögen?

LUKAS
lachend
Diese Arbeit überlass ich
arithmetisch mehr Geübten,
euch zum Beispiel, guter Freund.

NACHBAR
Aber glaubt ihr nicht, dass mancher
nicht allein der Trauben wegen
oder andrer Leckerbissen
seine Gegenwart euch schenkt?

Wäre ich an eurer Stelle,
dann bedächte ich genau,
dass Frasquita eine schöne,
eine wunderschöne Frau.

LUKAS
Nun, dann ist's ein Glück,
dass euch das Geschick
nicht an meinen Platz gesetzt.
Lieber Nachbar, guten Tag.

Er steigt hinauf. Nachbar ab


ZWEITE SZENE
Lukas auf der Weinlaube, Frasquita mit einem Tischtuch, das sie auf den Tisch vor dem Hause breitet; sie singt, wählend sie den Platz fegt und besprengt und die Stühle zurechtstellt

FRASQUITA
Kommt ein Knabe her des Weges:
"Lieber Knabe, bleibe stehn!
Magst den Trunk aus kühlem Brunnen
an der Mühle nicht verschmähn."

Oder kommt ein Caballero
angeritten über's Feld:
"Gastlich ist die Mühle offen,
Küch und Keller wohlbestellt."

Ist's der Bischof, sind's Prälaten,
Eminenzen mildgesinnt:
"Darf der Müller euch kredenzen,
was bei ihm vom Zapfen rinnt?"

LUKAS
Denkst du aber nicht, Frasquita,
lieber sei's den Eminenzen,
den Prälaten, Caballeros,
allen Knaben jung und alt,
wenn die Müllerin Frasquita
an des Müllers Statt kredenzt?

FRASQUITA
Du dort oben in der Laube,
böser Spotter, gib nur acht,
dass du nicht herabfällst! Sonst -

LUKAS
Und was denkst du, sucht der alte
stattliche Corregidor,
wenn er schwitzend nach der Mühle
seinen hochgewölbten Rücken
wöchentlich so oft herausträgt?

FRASQUITA
O der Tausend, Herr Don Lukas,
wären Sie wohl eifersüchtig?

LUKAS
Eifersüchtig auf den Alten?
Nein, ich freue mich von Herzen seiner Liebe.

FRASQUITA
Ei, das wäre?

LUKAS
In der Sünde liegt die Strafe!
Denn die Meine, denn Frasquita
wird von allen Erdenmännern
ewig nur den Einen lieben,
ewig ihm nur angehören.

FRASQUITA
Seht einmal den eitlen Mann!
Aber wie, wenn ich es lernte,
einen Zweiten noch zu lieben?

LUKAS
O, dann wärst du nicht Frasquita,
meine süsse, holdeste Frasquita,
die von allen Erdenmännern
ewig nur wird einen lieben.

FRASQUITA
ihn unterbrechend
Ewig ihm nur angehören?
Ja! Du eitler, guter, treuer
närrisch lieber Herzenslukas,
steige nur aus deiner Laube
endlich auf die Erde nieder,
dass du fühlst, wie Liebe tut.
Lukas steigt von der Laube herunter und eilt auf sie zu. Stürmische Umarmung

LUKAS
der sich inzwischen einmal umgesehen hat
Ho, Frasquita! Mit Repela
seh' in seinem roten Mantel
den Corregidor ich nah'n.

FRASQUITA
Schon so früh? Was mag er wollen?
Welche Absicht führt ihn her?

LUKAS
Dass wir es genau erfahren,
will ich hier im Laub versteckt,
lauschen eurem Zwiegespräch.

FRASQUITA
Köstlicher Gedanke, Lukas!
Trifft der Alte mich allein,
wird er mir sein runzlig altes,
garst'ges Herz beredsam öffnen,
mit affektierter Zärtlichkeit
wird er sehr gesprächig sein.

Lukas besteigt lachend die Laube. Repela, vorsichtig umherspähend, nähert sich Frasquita


DRITTE SZENE
Die Vorigen, Repela

REPELA
nimmt eine Prise Schnupftabak … es reizt ihn zu niesen, er niest

FRASQUITA
Nun, wo blieb dein Herr, Repela?

REPELA
mit komischem Pathos
Schreckliche Müllerin, schweige!
Schreckliche Müllerin, zeige mir dein Antlitz nicht.

FRASQUITA
Närrischer Repela, sprich!
Kommst du ohne deinen Herrn?

REPELA
(niest wieder
Dass ich ein Mann bin, o wehe!
Unheil der Männer du, gehe
mir aus dem Gesicht!

FRASQUITA
Möchtest du statt solcher Possen
endlich mir nicht Rede stehn?

REPELA
niest
Seh' ich dich, schönste der Frauen,
fühl' ich von Schauder und Grauen
bang mich übermannt.
Rosige Wangen und Lippen,
ach, wie gefährliche Klippen
sind sie dem Verstand!

FRASQUITA
Solche abgeschmackte Weisheit
hab' ich schon genug gehört.
Oder bringst du sie im Auftrag deines Herrn,
dann geh und sag ihm, dass er mir willkommen ist.

REPELA
Wirklich, Müllerin? Erwartest
du allein zu dieser Stunde,
übermütige Frasquita, wirklich den Corregidor?
Und der gute Lukas schläft wohl den Schlaf
vertrauenssel'ger Gatten
drinnen in der Kammer
auf dem weichen Kanapee?

FRASQUITA
Frecher Wicht! Und wenn er schliefe?

REPELA
Sput ich mich, es zu vermelden,
und mein Auftrag ist vollbracht.
ab

FRASQUITA
zu Lukas
Hörst du wohl? Dein Schlummerstündchen
will er sich zu Nutze machen.

LUKAS
Armer Schelm! Es ist zum Lachen!
Beide lachen, man hört Repela noch aus der Ferne niesen

FRASQUITA
nimmt die Castagnetten und tanzt lachend den Fandango
La la la la la la la


VIERTE SZENE
Die Vorigen, der Corregidor

CORREGIDOR
beim Eingang einige Zeit zusehend und dann in die Hände klatschend
Reizend! Himmlisch! Wunderbar!
näherkommend
Gott behüte dich, Frasquita!

FRASQUITA
O wie freundlich, o wie gütig,
Euer Gnaden sind schon hier!
Noch im Sonnenbrand begeben
euer Gnaden sich zu mir!
Niemand sonst ist noch erschienen,
leer der Tisch, leer das Gestühl.
Ihr allein - doch lasst euch nieder.
Hier im Schatten ist es kühl.

CORREGIDOR
Still, Frasquita, nicht so wortreich!
Weckest sonst den Lukas auf -
denn der Gute schläft wohl noch?

FRASQUITA
indem sie schalkhaft mit ihren Haaren spielt
In dem Schatten meiner Locken
schlief mir mein Geliebter ein.
Weck ich ihn nun auf? Ach, nein!

Sorglich strählt' ich meine krausen
Locken täglich in der Frühe;
doch umsonst ist meine Mühe,
weil die Winde sie zerzausen.

Lockenschatten, Windessausen
schläferten den Liebsten ein.
Weck ich ihn nun auf? Ach, nein!

Hören muss ich, wie ihn gräme,
dass er schmachtet schon so lange,
dass ihm Leben gäb und nähme
diese meine braune Wange.

Und er nennt mich seine Schlange,
und doch schlief er bei mir ein!
Weck ich ihn nun auf? Ach, nein!

CORREGIDOR
Lass ihn schlafen, lass ihn ruhen!
Komm und setz dich her zu mir.
Viele Dinge, grosse Dinge
möcht ich anvertrauen dir.

FRASQUITA
Nun, ich sitze, euer Gnaden!
Sprecht! Ich höre zu.
schlagt die Beine übereinander, stützt den Ellbogen auf das Knie und sieht ihn lächelnd an

CORREGIDOR
durch Frasquitas verführerische Haltung verwirrt, starrt sie eine Weile sprachlos an, dann - tief aufatmend und sich den Schweiss von der Stirn wischend - sucht er durch schmachtende Gebärden seinen überschwänglichen Empfindungen Ausdruck zu verleihen
Süsse Zauberin Frasquita,
was in deinen Feuerblicken
mag den männlich harten Sinn
doch so magisch mir bestricken?

Scheu machst du mich, kühn zugleich.
Drohen möcht' ich, möchte schmähen -
und doch wag in stillem Glüh'n
keinen Wunsch ich zu gestehen.

FRASQUITA
Und was wünschen euer Gnaden?

CORREGIDOR
feurig
Alles, was du willst, mein Herz!

FRASQUITA
Was ich will, ihr wisst es ja:
Die Ernennung meines Neffen
allsogleich zum Sekretär
beim Gerichte zu Estella!
Dieses will ich!

CORREGIDOR
Ha, Frasquita!
Ganz Unmögliches verlangst du!
Denn bedenke die Gefahr,
Wenn der hohe Stadtrat gar -

FRASQUITA
ihn unterbrechend
Ach, wie haben die Sitten
sich doch betrüblich verwandelt!
Einst auf weibliche Bitten
wie hätt' ein Spanier gehandelt!
O, Don Eugenio, einst sprachen
Ritter nicht von Gefahren,
kämpften mit Leuen und mit Drachen,
wenn sie im Wege waren.

Aber vielleicht von den Rittern,
werdet ihr sagen, träte
Keiner ohne zu zittern
vor die städtischen Räte?

CORREGIDOR
Nun, ich will es überlegen.
Würdest du um diesen Preis
schenken deine Liebe mir?

FRASQUITA
Ganz gewiss nicht, denn ich liebe
ja umsonst euch, gnäd'ger Herr!

CORREGIDOR
Also wirst du dann mich lieben?

FRASQUITA
Jetzt schon, sagt' ich doch soeben,
jetzt schon lieb ich euch gar sehr!

CORREGIDOR
Aber -

FRASQUITA
Ohne aber, ehrlich
ist und herzlich meine Liebe!

CORREGIDOR
Aber -

FRASQUITA
Dass ich euer Gnaden
treu ergeben, könnt ihr zweifeln?

CORREGIDOR
Aber -

FRASQUITA
Jeder Zweifel würde
kränken tief mein armes Herz.

CORREGIDOR
Aber, süsseste Frasquita!
Deine Liebe ist zu klein
für so grosser Schönheit Reiz.

FRASQUITA
So gefall' ich euch so sehr?

CORREGIDOR
Keine zweite Frau der Erde
ist so schön wie du!
Tag und Nacht raubt deiner Schönheit
Bild mir Glück und Ruh'.

FRASQUITA
Doch eure Frau Gemahlin! So hold und engelgleich,
der Ehefrauen Krone, an Güte überreich!

CORREGIDOR
Ach die Ehe! Gott mag's wissen,
ist ein böses Sakrament.
Auch die schönste Frau gewöhnt man,
wenn man sie die Seine nennt!

FRASQUITA
Von andern hört ich freilich,
dass strenge Zucht sie hält,
mit Argusaugen hütet
den Mann, der ihr vermählt.

CORREGIDOR
Ach, es haben diese andern
manches Wahre dir gesagt;
sehr von ihren schlimmen Launen
bin ich armer Mann geplagt.

Hart ist sie und abgewendet
aller Glut, versteh genau.
Dir will ich es anvertrauen:
Sie ist eine kalte Frau.

Aber wenn dein Blick, Frasquita,
feuersprühend auf mir ruht,
o, da ahn' ich wonnetrunken
eine tiefe Seelenglut.

Dürft ich einmal dich umfassen,
kosten dich, verbot'ne Frucht,
dürft ich diesen Mund berühren,
den mein Blick begehrlich sucht -

Er beugt sich stark über, um sie zu umarmen. Sie weicht unversehens zurück. Er fällt, das Gleichgewicht verlierend, mit dem Stuhl der Länge nach auf den Boden

FRASQUITA
lachend
Herr Corregidor, ich bitte -

LUKAS
aus der Weinlaube hervorkommend
Was ist los, was ist geschehen?

FRASQUITA
Dieser Scherz kam unerbeten!

LUKAS
Herr, ihr seid wohl fehlgetreten?

FRASQUITA
Oder wäre unter euch gar der Stuhl zerbrochen?
zu Lukas
Höre, fauler Müller!
Hohe Gäste, schlechte Stühle
taugen für einander nicht!

LUKAS
Euer Gnaden haben sich doch nicht verletzt?

CORREGIDOR
der indessen mühsam aufgestanden ist, mit verhaltenem Ingrimm
Nein, ich bin ganz heil geblieben.
zischend, aber leise zu Frasquita
Frau, das sollst du mir bezahlen!

LUKAS
unbefangen
Nun, dann bin ich euer Gnaden
hoch verpflichtet für dies Stückchen;
denn inmitten meiner Trauben
hat der Schlaf mich übermannt.

Hätte seiner Gnaden lauter
Fall mich nicht erweckt, gewiss
hätt ich auf den Fliesen später
mir gebrochen Arm und Bein.

CORREGIDOR
Also du? Nun, das freut mich,
Müller, freut mich wirklich sehr. -
leise zu Frasquita
Ja, das sollst du mir bezahlen!

FRASQUITA
den Corregidor abstäubend, bittend
O Herr, vergebt dem Armen,
er hat geschlafen wie ein Stock!
zu Lukas
Herbei, du Siebenschläfer,
und bürste seiner Gnaden Rock!

CORREGIDOR
während Frasquita ihm ihre Schürze um die Ohren schlägt
Du Schelm, Du böser Trotzkopf!

FRASQUITA
schmeichelnd
Und euer Gnaden hegen doch länger keinen Groll?

CORREGIDOR
Mein Schatz, es hängt von dir ab,
ob ich verzeihen soll.

Lukas ist indessen mit dem Korb voll Weintrauben herabgestiegen. Frasquita, ihm hinter dem Rücken des Corregidors Kusshände zuwerfend, nimmt zwei Trauben aus dem Korb und stellt sich die Hände mit den Trauben hoch erhoben, lächelnd vor den Corregidor

FRASQUITA
Unsres Weinstocks erste Gaben
seien, Herr, euch zugedacht;
denn die Erstlingsfrüchte haben
eine wundertät'ge Macht.

Nehmet sie gleich einem Pfande,
wie's ein Freund von Freunden nimmt,
das der Freundschaft zarte Bande
zu besiegeln ist bestimmt.

Der Corregidor zögert, die Trauben anzunehmen


FÜNFTE SZENE
Die Vorigen, Repela

REPELA
der schon vorher nähergekommen ist
Müllerin, deine Trauben
mute dem Gaste nicht zu,
denn es stehet zu glauben:
sauer sind sie so wie du.

FRASQUITA
Grober Schlingel! Weisst du denn,
Ob ich sauer bin, ob süss?

REPELA
Wachsen die Trauben auf Mauern
unerreichbar hinan,
wird sie unter die sauern
rechnen der weise Mann.
Aber deinen Freundschaftstrauben
kommt ein Schätzer schon des Wegs.
Müller, Müllerin vor's Tor,
hohe Gäste zu empfah'n.

FRASQUITA
Nein, im Ernste! Kommt der Bischof?
Lukas, komm! Geschwind vor's Tor,
ihn gebührend zu empfah'n.

LUKAS
(gleichzeitig)
Nein, im Ernste! Kommt der Bischof?
Schnell, Frasquita! Komm vor's Tor,
ihn gebührend zu empfah'n.
Frasquita mit Lukas ab

REPELA
Herr, sofern ihr noch gesonnen,
ungesehn euch aus der Mühle
zu entfernen, nehmet den Weg hier
links hinaus, doch ohne Säumen.

CORREGIDOR
Nein, ich bleibe! Und bezahlen
soll sie mir den Spott, soll teuer
meine Leiden mir bezahlen!
schreibt einige Worte in seine Brieftafel und reisst das Blatt heraus
Höre und versteh, Repela!
Dies hier bringst du dem Alkalden
Juan Lopez und gebiete
Eile ihm bei meinem Zorn.
Dann nach Hause zur Señora
geh und melde, dass ich heute
dringender Geschäfte wegen
auf dem Rathaus übernachte.
Dorten um die neunte Stunde
Harre deines Herrn!

REPELA
Schwachen Kopf und schwache Beine
überbürdet ihr da schwer.
Möchtet ihr nicht lieber Trauben,
die auf dem Spalier der Tugend
hoch und unersteiglich hangen,
gleich dem weisen Tier der Fabel,
unversucht für sauer halten?

CORREGIDOR
Nicht, eh' sie das Spiel bezahlten!

Er weist Repela mit einer gebieterischen Gebärde fort. Repela geht links ab. Im Hintergrunde, wo sich indessen herumziehende Musikanten aufgestellt haben, sieht man den Bischof mit Gefolge, von Lukas und Frasquita begleitet, auftreten. In dem Augenblick, als der Bischof in den Vordergrund tritt und der Corregidor ihm eine tiefe Verbeugung macht, fällt der Vorhang.

ZWEITER AKT
Küche in der Mühle

Im Hintergrund befindet sich die Eingangstür des Hauses; seitlich, einige Stufen höher, die Tür des Schlafzimmers. Im Kamin glimmen noch die Kohlen


ERSTE SZENE

Frasquita und Lukas beim Abendbrot

FRASQUITA
Aber sage mir, mein Lukas:
Dass er mich in allem Ernste
zu gewinnen hoffen sollte -
Nein, ich kann es gar nicht fassen!
Mich, Frasquita, deine Gattin!
deine, deine!

LUKAS
Und warum nicht?
Ist er doch für seine Jahre
noch ganz leidlich wohlerhalten;
und nach ungefährer Schätzung
wölbt sein Rücken sich nicht höher
als der meine.

FRASQUITA
Fehlgeschossen!
Denn bei dir, als einz'ger Makel,
eine Brücke zu uns andern
unvollkomm'nen Wesen bildet
dieser Rücken sanft gewölbt.
Doch bei ihm als letzter Tropfen,
macht er überfliessen schon
schlechter Eigenschaften Mass.

LUKAS
ihr über den Tisch die Hand reichend
Du Gute!

FRASQUITA
aufstehend und ihn umarmend
Du Lieber!

LUKAS und FRASQUITA
gleichzeitig
In solchen Abendfeierstunden,
wie fühl ich innig unser Glück!
Frasquita (mein Lukas), dich hab ich gefunden,
Welch seliges Geschick!

Der erste Blick an jedem Morgen,
er sagt mir gleich: sie (er) ist bei mir.
Der letzte nach des Tages Sorgen,
Er sagt: ich bin bei ihr (dir).

So fliesst die Zeit an allen Tagen
von Lieb zu Liebe selig hin.
Frasquita, Liebste, (Mein Lukas, Liebster,) lass dir sagen,
wie ich so glücklich, so selig bin.
es pocht an der Eingangstür

LUKAS
Horch, was war das?

FRASQUITA
Jetzt zu dieser Zeit?
aufstehend
Soll ich öffnen?

LUKAS
sie zurückhaltend
Bleib!
geht zur Tür
Wer ist da?

STIMME
draussen
Die Obrigkeit.

LUKAS
Welche Obrigkeit?

STIMME
Des Ortes.
Öffnet ohne Widerstand!

LUKAS
durch ein verstecktes Guckloch spähend
Dass ich nicht dem Trunkenbold
Tonuelo öffnen sollt'!
öffnet


ZWEITE SZENE
Die Vorigen. Tonuelo, betrunken aber nicht heiter

TONUELO
Ein geschriebener Befehl -
Guten Abend, Tio Lukas.
Mit Verlaub setzt sich
Ich und der Herr Bürgermeister Schlucken
Der Herr Bürgermeister - Schlucken

LUKAS
Lieber Alter, gib nur her;
denn ich sehe, einer deiner
schwermutsvollen, schweren Räusche
hat dich wieder. Trink noch eins!

TONUELO
Bruderseele, Ehrenmann!
Jetzt ist keine Zeit dazu!
Musst mir folgen und sogleich!

LUKAS
Ich dir folgen? Wie? Und dir?
Ich -? Frasquita, leuchte mir!
ergreift das Schriftstück
Frasquita, die sich indessen seitwärts mit einem Gegenstande beschäftigt hat, wirft denselben aus der Hand und ergreift das Licht. Lukas erkennt in dem Gegenstande seine Donnerbüchse und nimmt Frasquita zärtlich beim Kinn
Du goldner Herzensschatz!

FRASQUITA
Lass das Blatt mit dir mich lesen!
Frasquita und Lukas lesen zusammen in dem Schriftstück

TONUELO
Lieber Müller, sei gescheit,
brauchst vor uns nicht zu erschrecken,
denn es pflegt die Obrigkeit
nur die Schuld'gen einzustecken.

Ja, vertraue auf mein Wort,
ohne Sorge darfst du kommen.
Wirst als bravster Mann im Ort,
wirst als Zeuge nur vernommen.

LUKAS
Gut, so sage dem Alkalden,
dass ich morgen kommen will.

TONUELO
O Beileibe - morgen! Heute,
jetzt sofort, gleich auf der Stelle,
hat der Herr mir eingeschärft!

FRASQUITA
Nun, dein Herr ist wohl von Sinnen?
Bist du selber bei Vernunft?

TONUELO
Was Vernunft! Gehört Vernunft sich
denn auch für die Obrigkeit?
Nur befehlen und gehorchen
gibt es, darum keinen Streit.
vertraulicher
Macht euch nicht so viel daraus!
Folgt mir jetzt, wenn ich befehle,
denn es geht um Brot und Stelle,
komm ich ohne euch nach Haus!

LUKAS
Was ist da zu tun? Verdammt!

FRASQUITA
Schlimme Dinge ahn' ich da.

LUKAS
Pah, ich geh in Gottes Namen!

FRASQUITA
Gehst du fort, so geh ich mit!

TONUELO
Weibervolk, das fehlte noch!
Dieser geht mit mir, ihr verbleibet hier,
also steht's geschrieben da auf dem Papier.

FRASQUITA
zu Lukas ungestüm
Aber ich? Was soll ich tun?

LUKAS
Sieh mich an, Frasquita -
fasst sie bei den Händen und sieht ihr in die Augen
Bleib!

FRASQUITA
senkt unmutig den Kopf, dann fällt sie ihm um den Hals
Ach, mein Lukas, geh! Doch halt!
zieht ihm den Mantel über die Schultern
Hüll dich ein, die Nacht ist kalt.
Lukas und Tonuelo ab


DRITTE SZENE

FRASQUITA
allein
Wache will ich halten, bis der Morgen graut.
geht zum Kamin und macht Feuer an
Flackerschein, ich blase
aus der Asche dich heraus.
Sprühe, sprühe, liebe Flamme!
Leuchte traulich durch das Haus.
nimmt den Kessel und hängt ihn über das Feuer
Brodeltopf, du alter,
sollst mir auch Gefährte sein.
Summe, summe, lieber Alter,
singe meine Sorgen ein.
setzt sich mit dem Spinnrocken neben den Kamin; dann hält sie inne und lässt den Kopf sinken
Hätt ich ihn doch überredet,
hier bis morgen zu behalten
diesen alten Trunkenbold!
beginnt wieder zu spinnen
Schleichen die bösen Gedanken
drohend dir um das Haus,
schliesse Fenster und Türen,
blicke nicht spähend hinaus.
Pocht die Bettlerin Hoffnung
aber schüchtern ans Tor,
O, da bereite dich gastlich,
öffne dein Herz und dein Ohr.
starrt vor sich hin und seufzt einige Male auf

Wenn sie schnellen Schrittes gehn,
haben sie des Weges Hälfte
jetzt beinahe hinter sich.
beginnt wieder zu spinnen seufzt tief auf. Dann steht sie auf und wirft unmutig den Spinnrocken fort

Auf Zamora geht der Feldzug,
auf die feste Stadt Zamora!
Zahllos ist das Heer der Krieger,
wohlbedacht des Feldherrn Plan.

Unterm Himmel jagen Wolken,
Wolken hingepeitscht vom Sturm,
und im sternenlosen Dunkel
dumpf und schweigend ruht die Stadt.

Doch am Ufer des Duero
waffenklirrend -

STIMME
von aussen, schreiend
Hilfe, Hilfe!
Ich ertrinke! O, Frasquita!

FRASQUITA
entsetzt
Das ist Lukas! Ja, ich komme!
stürzt zur Tür und öffnet


VIERTE SZENE
FRASQUITA, der CORREGIDOR, von Wasser triefend, hustend und atemlos

CORREGIDOR
Gott verzeihe mir! Ich glaubte
schon mein letztes Stündchen nah!

FRASQUITA
zurückweichend, mit Entrüstung
Ihr? Ihr? Was soll des sein?
Um diese Zeit? Was wollt ihr hier?

CORREGIDOR
Stillel Alles sollst du wissen.
Ach, beinah wär ich ertrunken!
In den Bach bin ich gefallen.

FRASQUITA
mit äusserster Heftigkeit
Nichts braucht ihr mir zu erklären,
ich versteh euch nur zu gut!
Kümmert's mich, wenn ihr ertrinkt?
O, welch eine Schändlichkeit!
mit gerungenen Händen herumirrend
Deshalb also, Lukas, deshalb!
O Lukas, mein Gatte!
So hab ich mit Prahlen
geschaffen dir töricht
den schlimmsten Rivalen.
Ich lachte und scherzte -
und du musst das Spiel bezahlen.

CORREGIDOR
der indessen seinen roten Mantel abgelegt, seine Rockschösse ausgewunden und seine Haare geordnet hat
Hör mein Kind!

FRASQUITA
ungestüm
Ich höre nichts!
Will von euch auch gar nichts hören!
Fort von hier und sogleich!
Sonst mit eignen Händen wieder
werfe in den Bach ich euch!

CORREGIDOR
schmeichelnd
Nur um deinen braven Mann,
den der Bürgermeister fälschlich
eingezogen, zu befrei'n,
kam ich her.

FRASQUITA
sieh die Ohren zuhaltend
Ich will nichts hören!
Geht und lasst mich hier allein!

CORREGIDOR
Hören willst du nicht, Frasquita?
O, das kann dein Ernst nicht sein;
denn - war's heut nicht in der Laube,
dass du dort mich angelacht,
bis ein süsser Liebesglaube
mir im Herzen ward entfacht;
bis mich alten Mann gebunden
du an dich mit See!' und Leib,
bis geschlagen tiefe Wunden
du! - Und nur Zeitvertreib
war dir's? Spass, den du gemacht?

FRASQUITA
betreten
Unrecht war's und unbedacht!

CORREGIDOR
Darum sei gescheit, Frasquita,
setz ans Feuer dich zu mir,
denn mich friert bis in das Mark.
Frasquita in ihrer abweisenden Stellung verharrend
Willst nicht? O, ich weiss ein Mittel
dich zu locken, - sieh nur her!
Die Ernennung deines Neffen -
nun, was sagst du?

FRASQUITA
aufspringend und ihm das Blatt entreissend
Heil'ger Gott!
Die Ernennung meines Neffen
hat er wirklich mitgebracht!
O, was hat dies Ungeheuer,
dieser Tropf von mir gedacht!

CORREGIDOR
würdevoll
Du vergisst dich, gute Frau.
Ich bin der Corregidor!

FRASQUITA
Und wenn ihr der König wärt!
Schlechter Heuchler, Frevler, hört:
In die Stadt find ich hinein,
dort zum Bischof will ich - nein,
will zu eurer Gattin gehn!

CORREGIDOR
heftig
Nichts von alldem wird geschehnl
Denn ich werde dich erschiessen,
wenn du länger widerstehst.
Ja, bei Gott! Das werd ich tun.
zieht eine Taschenpistole

FRASQUITA
hat indessen rasch die Donnerbüchse hervorgeholt
Herr Corregidor, nicht übel!
Das Pistol in einer Hand,
In der andern die Ernennung -
Ei, das nenn ich doch galant.
die Büchse anlegend
Nun, wie denken euer Gnaden:
Ein Duell, wenn's euch gefällt?

CORREGIDOR
erschrocken hinter den Tisch flüchtend
Halt! Ich hab ja nicht geladen!
Halt! Um alles in der Welt!
Was könntest du im Zorn
für Unheil nicht verschulden!
Mein Drohn war ja nur Scherz,
und die Ernennung schenk ich
dir ganz umsonst, mein Herz.

FRASQUITA
Tragt sie nur wieder hübsch nach Haus;
für solche Gaben dank ich sehr.
Doch Zeit ist's, dass ihr euch entfernt,
denn länger duld ich euch nicht mehr.

CORREGIDOR
wankt und sinkt mit geschlossenen Augen zu Boden
Ach, die Nässe! Ach, der Schrecken!
Gott, ich sterbe! O, Frasquita!
Ruf Repela, rufe, rufe!

FRASQUITA
ihn an der Schulter rüttelnd
Solchen Flausen glaub ich nicht.
Herr im Himmel, das ist Wahrheit!
Welchen Satan hat der Alte denn Im Leibe!
läuft zur Tür und ruft hinaus
Höre mich, Repela hör'!
wieder zurückkommend
Und ich habe hirnverblendet
ihm selbst aufgemacht!
Wenn er nun hier sterben sollte,
wie stünd' ich dann vor den Leuten,
wie vor Lukas schimpflich da!
sprengt dem Corregidor Wasser ins Gesicht


FÜNFTE SZENE
Die Vorigen, Repela


FRASQUITA
auf den Corregidor zeigend
Da Repela, Spiessgeselle,
Helfershelfer solcher Strolche,
trage deinen Anteil hier.

REPELA
Stieg die Liebe ihm zu Kopfe?
Ist's ein Herzschlag, der ihn traf?

FRASQUITA
Schon mit einem Fuss im Grabe,
musst' er noch auf Liebe sinnen!
Hilf ihm! In die Stadt zum Arzte
will indess' ich eilends gehn.
geht beiseite und bindet ein Tuch über die Schultern

CORREGIDOR
zu sich kommend
Ach, Repe!a! Ach, ich sterbe!

REPELA
Ei, ihr werdet ja lebendig.

FRASQUITA
Ich entfliehe diesem Hause.

CORREGIDOR
In ein Bette bring mich schnell!

REPELA
in das Bette der Frasquita
kommt ihr also - ist's euch recht?
gibt doch Gott am liebsten Kuchen
dem, der nichts mehr essen kann!

CORREGIDOR
Trockne Wäsche, warme Tücher
mache mir sogleich zurecht.
Soll ich jemals noch genesen,
tüchtig schwitzen muss ich dann.

FRASQUITA
Zuflucht suche ich bei Lukas,
suche dort mein gutes Recht.
Sein Gefängnis teil ich gerne,
wenn ich glücklich hier entrann.
ab


SECHSTE SZENE
Die Vorigen, ohne Frasquita

CORREGIDOR
(sich seines Oberrocks und seiner Weste entledigend
Vor dem Feue breit' indessen
meine Kleider aus.

REPELA
Herr, verzeiht, setzt euch die Liebe
denn so sehr in Schweiss?

CORREGIDOR
Lass die Spässe sein!
tu, wie ich dich heiss'!
!n den Bach bin Ich geial!en,
ausgeglitten auf dem Steg.
Hörtest nicht mein Hilferufen?

REPELA
dem Corregidor die Schuhe ausziehend
Eine Kriegslist, dacht ich, wärs,
Kriegslist für die Müllerin.

CORREGIDOR
sich nach Frasquita umsehend
Wo versteckte sich Frasquita?

REPELA
Einen Arzt zu holen,
ging sie, glaub' ich, in die Stadt.

CORREGIDOR
aufspringend
Höll' und Teufel! Woher weisst du's?

REPELA
Herr, aus ihrem eignen Mund.

CORREGIDOR
Eile, lauf, Repela, fliege!
Nicht zum Arzt - zu meiner Frau
ist sie in die Stadt gegangen.
Gott, mein Gott, ich bin verloren'
Meine Ehre, meine Würde!
Eile, lauf, Repela, fliege!
Ho! sie ein, komm ihr zuvor!

REPELA
mit einem prüfenden Blick auf seine Waden
Herr! Ihr seid ein Kenner. Haben
diese Wadenmuskeln Aussicht,
jene der Frasquita siegreich
auf der Rennbahn zu bestehn?
ab

CORREGIDOR
während er sich noch beim Feuer wärmt
"Herz, verzage nicht geschwind,
weil die Weiber Weiber sind!
Argwohn lehre dich sie kennen,
die sich lichte Sterne nennen
und wie Feuerfunken brennen.
Drum verzage nicht geschwind,
weil die Weiber Weiber sind.

Lass dir nicht den Sinn verwirren,
wenn sie süsse Weisen girren,
möchten dich mit Listen kirren,
machen dich mit Ränken blind,
weil die Weiber Weiber sind.

Sind einander stets im Bunde,
fechten tapfer mit dem Munde,
Wünschen, was versagt die Stunde,
bauen Schlösser in den Wind -
weil die Weiber Weiber sind.

Und so ist ihr Sinn verschroben,
dass sie, lobst du, was zu loben,
mit dem Mund dagegen toben,
ob ihr Herz auch Gleiches sinnt,
weil die Weiber Weiber sind."

nimmt das Licht vom Tisch und geht in das Schlafzimmer


Verwandlung - Zwischenspiel

Ein Zimmer im Hause des Alkalden Juan Lopez

SIEBENTE SZENE
Der ALKALDE Juan Lopez, PEDRO, sein Schreiber, die Magd MANUELA

ALKALDE
Manuela, Manuela, zum Henker!
Es ruft der gnädige Herr!
Manuela kommt
Was stehst und gaffst du an der Tür?
Siehst nicht? Die Gläser sind leer!

Du wirst im Dienst des Alkalden
ja täglich dümmer als dumm!
Schenk ein! Sonst mach ich dir Beine!
Ich schlage dich bucklig und krumm.

PEDRO
Schenk ein, du Blume von Castilien!
Schenk ein und sei gemütlich!
Schätzbar allein sind nicht nur Lilien,
auch braun ist appetitlich.

MANUELA
sich erwehrend
Ja, schenk ein! Du alter Weinschlauch!
Nicht ein Tropfen blieb im Krug,
und den Kellerschlüssel nahm
die Señora mit ins Bett.

ALKALDE
Zum Henker! Mit ins Bett?
Dann geh und hol ihn nur,
sonst - hol ich ihn mir selbst.
macht eine gebieterische Gebärde; Manuela geht verschüchtert ab

PEDRO
Ich und mein holdselig's Weibchen
trallalalira, trallala la,
Wir leben wie zärtliche Täubchen,
trallalalira, trallala la,
verbunden in seliger Harmonie,
wir küssen uns nur, wir prügeln uns nie,
trallalalira, trallala la!

ALKALDE
Hast schon ermittelt, welcher Bär
dem Müller aufzubinden wär?

PEDRO
Auf einen solchen breiten Rücken
ist leicht ein Bär hinaufzuschicken.



ACHTE SZENE
Die Vorigen, Lukas und Tonuelo

ALKALDE
sich hinter den Ohren kratzend
Guten Abend, wackrer Müller!
Wie geht's euch, und wie Frasquita?
Ist sie immer noch so schön?
Setzt euch nieder, ruht euch aus,
denn wir haben keine Eile.

LUKAS
Ja verflucht, wenn ich sie hätte!
es sich bequem machend
Dennoch möcht ich wissen gern,
was ihr wünscht, Senor Alkalde,
da ihr mich um diese Zeit
habt von Hause holen lassen.

TONUELO
gleichzeitig
Ja, er möchte wissen gern,
was ihr wünscht, Señor Alkalde.
Und mir scheint, um diese Zeit
ist nicht gut mit ihm zu spassen.

Manuela kommt mit dem Weinkrug

ALKALDE
Pedro, Sekretär, was war es?
Herr, wir haben euch benötigt
in Erfüllung unsrer Pflicht!
Trinkt ein Gläschen, Tio Lukas!
Da ihr hier seid, eilt es nicht.

PEDRO
gleichzeitig
Eifer habt ihr brav bestätigt
in Erfüllung eurer Pflicht!
Trinkt ein Gläschen, Tio Lukas!
Alles andere eilet nicht!

LUKAS
beiseite, gleichzeitig
Meine Ahnung ist bestätigt.
O, ich kenne eure Pflicht!
Doch ihr habt den Tio Lukas,
werte Herrn, noch lange nicht!
Gut denn, gebet mir ein Glas!
Herr Alkalde, euer Wohl!
nippt an dem Glas und reicht es dem Alkalden

ALKALDE
Auf das eure, werter Freund!
leert das Glas
Sage deiner Frau Manuela,
dass ein Bett für unsern Gast
in der Kammer -

LUKAS
ihn unterbrechend
Gott bewahre!
Sorget meinetwegen nicht.
Ich schlaf auch hier
wie ein Murmeltier.

ALKALDE
Nun, wie's euch beliebt.

LUKAS
Soll ich vorher ein Lied euch lehren,
wie man's in meiner Heimat singt?
Da aber heisst es trinken, trinken,
wie nur ein Navarrese trinkt.

ALKALDE
Lehr uns, wackrer Müller, lehre!

PEDRO
Heraus mit eurem Lied!

LUKAS
Manuela, flink, schenk ein!
Manuela macht ihm Zeichen, die er nicht beachtet
Und befolgt genau die Regel:
Bei dem Worte "spanischer Wein"
muss stets ausgetrunken sein!

ALKALDE, PEDRO und TONUELO
wiederholen
Bei dem Worte "spanischer Wein"
muss stets ausgetrunken sein!

LUKAS
Ich hab dich zum Beistand erwählt,
o, du guter, edler spanischer Wein!

In jeder Drangsal, die mich gequält,
o, du guter, edler spanischer. Wein!

Ist die Gesellschaft auch noch so schlecht,
o, du guter, du edler spanischer Wein!

Du tröstest mich, du bist ja echt,
o, du guter, du edler spanischer Wein!

Bist echt und stark, und deine Macht,
o, du guter, du edler, du süsser spanischer Wein!

Hat oft schon Narren zu Fall gebracht,
o, du guter, edler, süsser -

TONUELO
ihn unterbrechend
Schwerenotl Wieviele Zeilen,
Tio Lukas, hat das Lied?

LUKAS
Schwache bringen's nur auf dreizehn,
stärkere auf fünfundzwanzig!

ALKALDE
Tonuelo, Schwachkopf, schweige!
Unter fünfundzwanzig, Müller,
tuen wir's um keinen Preis.

LUKAS
Dann geb ich mich überwunden!
fürchterlich gähnend
Darf ich jetzt mich niederlegen?

ALKALDE
Zugestanden! Legt euch nieder,
überwundner Navarrese!

Canon

PEDRO, ALKALDE, MANUELA, TONUELO
Don Rodrigo, Don Rodrigo
geht um sieben Uhr zur Ruh.
Don Rodrigo, Don Rodrigo
deckt bis über's Ohr sich zu.
Don Rodrigo, Don Rodrigo
streckt sich aus und schnarcht im Nu.
Don Rodrigo, Don Rodrigo -
Gute Nacht, Schlafmütze Du!

Manuela hat wieder dem Lukas Zeichen gemacht, die dieser verächtlich nicht bemerken will. Alle ab


NEUNTE SZENE

LUKAS
allein
Sind sie gegangen? Sind sie nun fort?
Ha, die Schurken! Der verdammte,
angetrunkne alte Schuft!
Nächtlich her mich zu bescheiden,
um mit Wein mich zu bewirten.
0, es kann nichts klarer sein!
Indes ich ferne bin,
schleicht sich der Alte ein.
Frasquita - aber nein!
Dennoch, dennoch!
Gott mag wissen,
welche List die Liebestollheit
dem Corregidor verlieh!
Er lauscht
Alles ruhig!
schleicht vorsichtig zum Fenster, öffnet es behutsam und sieht hinaus
Bis zum Boden sieben Schuh,
Herr Alkalde, gute Ruh!
springt hinab; die Bühne bleibt einige Augenblicke leer


ZEHNTE SZENE

MANUELA
sich in der Dunkelheit vorwärtstastend
Tio Lukas, auf ein Wort!
Wenn ihr mir versprechen wollt,
mich in euren Dienst zu nehmen,
könnt' ich wicht'gen Wink euch geben.
In diesem Haus, o begreift,
wie bin ich Ärmste gefoltert!
Die Herrin schmälet und keift,
der Herr, er prügelt und poltert.
hat sich indessen der Bank genähert
Tio Lukas, hört ihr mich?
Tio Lukas!
tastet auf die Bank
Heil'ger Gott! Tio Lukas!
Er ist fort!
läuft zur Tür und ruft hinaus
Pedro, Tonuelo, Pedro!
Tio Lukas ist entsprungen.
zurückkommend
Mögen sie's dem Herrn berichten.
Backenstreiche, Rippenstösse
setzt es wieder ab!


ELFTE SZENE
Die Vorige, Pedro und Tonuelo

PEDRO
noch aus der Ferne, weinselig
Wenn dich einer küssen will,
liebes Schätzchen, bleibe still.
Schreie nicht durch's ganze Haus
dein Geheimnis eilig aus.
erscheint auf der Szene
Liebes Schätzchen, schweige still,
wenn dich einer küssen will.
Schreie nicht -

MANUELA
ihn unterbrechend
Du verliebter Esel, höre:
Tio Lukas, er ist fort!

PEDRO und TONUELO
einander erstaunt ansehend
Er ist fort?

PEDRO
Dieser Casus ist verdriesslich!

TONUELO
Hol ihn dieser oder jener,
diesen Casus Tio Lukas!

MANUELA
Also auf, ihr beiden Helden!
Setzt dem Flüchtling schleunig nach!
Doch es erst dem Herrn zu melden,
geht hinauf ins Schlafgemach.

PEDRO
Diese Nachricht soll ich melden?
Gott bewahr mich armen Mann!
Das ist eine Tat für Helden,
Tonuelo, geh voran!

TONUELO
gleichzeitig
Diese Nachricht soil ich melden?
Gott bewahr mich armen Mann!
Das ist eine Tat für Helden,
tapfrer Pedro, geh voran!

MANUELA
gleichzeitig
Also auf, ihr beiden Helden!.
Tonuelo, sei ein Mann!
Diese Nachricht sollt ihr melden!
Tapfrer Pedro, geh voran!

PEDRO und TONUELO
Diese Nachricht soll ich melden?
Gott bewahr mich armen Mann!
Das ist eine Tat für Helden,
Manuela, geh voran!

MANUELA
gleichzeitig
Auf, ihr Helden! Auf, zu melden!
Geht voran! Ich folge dann!

GESINDE
des A!kalden, das sich inzwischen eingefunden hat
Auf, ihr Helden! Auf, zu melden!
Geht voran! Wir folgen dann!
während sie sich gegenseitig vorzuschieben suchen, fällt der Vorhang

DRITTER AKT

Hügelland. Ein Weg im Hintergrund oben und ein Weg im Vordergrund unten, durch einen Pfad verbunden. Nacht; bewölkter Himmel mit manchmal durchbrechendem Mondschein.


ERSTE SZENE

FRASQUITA
kommt den oberen Weg und läuft den Pfad herunter; sieht sich lauschend um

Sonderbare Nachtgeräusche
folgen mir von Ort zu Ort.
Wie ich mich beständig täusche!
Schritte hör ich fort und fort.

Lukas lauft auf dem oberen Wege vorüber

Oder ist's mein eignes Blut,
das mir in den Ohren saust?

Der Mond kommt hervor

Neugier'ger Mond,
du hast uns belauscht,
als wir der Liebe
Geständnis getauscht.
Erster Bezeigung
Glühender Neigung
warst du ein lieber Vertrauter.

Repela kommt auf dem untern Weg und bleibt in einiger Entfernung stehen

So hilf mir nun treu,
verrate mich nicht.
Birg heute in Wolken
dein strahlendes Licht!
Nächtlich sich Schleichenden,
heimlich Hinstreichenden
bist du kein lieber Vertrauter.



ZWEITE SZENE
Die Vorigen, Repela näherkommend

FRASQUITA
erschrickt, fasst sich aber gleich
Wer ist's? Was wollt ihr?

REPELA
Kein Wolf, ein zahmes Tier!

FRASQUITA
Ach du! Was suchst du hier?

REPELA
nimmt eine Priese, niest
Wenn sich schöne Frauen rüsten,
nächtlich über Lend zu gehn,
sollten sie doch die Begleitung
eines Ritters nicht verschmähn!

FRASQUITA
Hat dein Herr nach mir geschickt?
Will er zurück mich holen lassen,
der Schändliche, der Bösewicht?

REPELA
Deiner Tugend opferfreud'gen Herold,
warum schmähst du ihn?

FRASQUITA
Opferfreudig? Ha, ha! Er ist meiner
Tugend sittenloser Feind.

REPELA
Unerprobt, wär sie denn Tugend?
Der die Prüfung dir bereitet,
dich zu mut'ger Tat verleitet,
höher als der Freunde besten
schätze einen solchen Feind.

FRASQUITA
Willst du spottend mich verhöhnen?
Oder suchst mich auszusöhnen
mit den Lastern und Gebrechen,
die dein Herr in sich vereint?
Aber die Künste der Überredung,
lieber Repela, lassen mich kalt.
Mich zurück zu bringen
wird dir nicht gelingen,
weder mit Güte, noch mit Gewalt!
will davoneilen

REPELA
geheimnisvoll
Schlecht geraten! Andre Pläne
führ ich gegen dich im Schild.

FRASQUITA
umkehrend
Sag sie mir, ich bitte dich!

REPELA
Wenn du schmeichelst, fürcht ich mich.
Sei doch wieder stolz und wild.

FRASQUITA
schmeichlerisch
Herzens-Repela, was hast du im Sinn?

REPELA
Unwiderstehliche Schmeichlerin!

FRASQUITA
ihn bei der Hand fassend
Repela, du bist ein Schelm.
Nicht dart man im Ernste dich fassen.
So kannst du dir ja im Scherz
ein Wörtchen entschlüpfen lassen.
ihn streichelnd
Was führest du heimlich im Schild?
Was ist dein Plan, dein Geheimnis?

REPELA
Ich fühl es, ich werde schwach
plauder' ich aus mein Geheimnis?

Es ist -

FRASQUITA
O, sprich!

REPELA
Es ist -

FRASQUIZA
O, sprich!

REPELA
Es ist -

Frasquita
dringend
O, sprich nur!

REPELA
Zeitversäumnis!

FRASQUITA
sich ärgerlich zum Gehen wendend
So versäume denn deine Zeit allein!

REPELA
Also gehst du doch zum Arzt?

FRASQUITA
Kümmert's dich, wohin ich geh?

REPELA
Nein, so wenig wie den Schatten,
der dir folgt, wohin es sei.

FRASQUITA
Nun, dann höre: Zum Alkalden
geh ich suchen meinen Mann!

REPELA
Lass das lieber sein und laufe
nicht vom Regen in die Traufe!
Weisst du auch, dass der Alka!de
schönen Frauen seine Dienste
nicht umsonst zu Füssen legt?

FRASQUITA
Ha, der sollte mir nur kommen!
Ihr und euer Herr im Bunde
wolltet alle mich verderben!
Und nun liegt zur bösen Stunde
der Corregidor im Sterben.
Ah, die üppigen Gedanken
werden ihm da wohl vergeh'n!

REPELA
Sage nicht nein,
schicke dich drein! Dort oder hier
immer bei dir bleibe ich gern
nach dem Befehl des Herrn.

Schlüpf in den Busch,
eilig, husch, husch, über das Feld,
wie's dir gefällt, ich hinterdrein,
lasse dich nicht allein!

Sähe uns wer von ungefähr,
hielt er wohl gar uns für ein Paar,
das auf der Flucht
Freuden der Liebe sucht.

Doch diese Frau nimmt es genau!
Ehliche Treu' knüpft sie auf's Neu,
ehe Gefahr noch im Verzuge war....

FRASQUITA
gleichzeitig
Muss es denn sein, schick ich mich drelnl
Dort oder hier immer mit mir
nehm ich dich gern
Auf den Befehl des Herrn.

Komm durch den Busch,
eilig, husch, husch, über das Feld,
schnurriger Held! Geh hinterdrein,
lasse mich nicht allein!

Sähe uns wer von ungefähr,
hielt er wohl gar uns für ein Paar,
das auf der Flucht
Rettung vor Feinden sucht.

Doch deiner Frau, Lukas, vertrau!
Standhaft und treu steht sie dir bei!
Dein immerdar, so im Glück wie in Gefahr!
Beide ab


Verwandlung
Ein Instrumentalsatz leitet zur nächsten Szene über.

Küche in der Mühle wie zu Anfang des zweiten Aktes. Die Kleider des Corregidors hängen noch vor dem Feuer, welches beinahe niedergebrannt ist.
Die Tür steht offen



DRITTE SZENE

LUKAS
tritt herein
Nicht geschlossen? Nicht geschlossen!
besieht die Tür
Nur Frasquita konnte öffnen.
Aber wie? Warum? Wozu?
Auf Befehl? Aus freier Wahl?
lehnt sich fassungslos an den Türpfosten
Welches Todesschweigen!
Ist sie wohl mit ihm gefloh'n?
Oder hat er sie geraubt?
Oder werd ich - werde beide
finden hinter jener Tür?
Jeder Schritt ein Schritt zum Tode!
Lieber möcht ich an der Schwelle
sterben, eh' Gewissheit, - ha!

erblickt die Kleider des Corregidors, stürzt auf sie hin und untersucht sie

Grässliche Gewissheit, ja!
Aber nein, es ist nicht wahr!
Meine Augen sind Betrüger.
Lügner meine Hände!
Welcher Teufel hat dem Schurken
Macht gegeben, dieses Weib,
freventlich mir zu entreissen!
Das Dokument auf dein Tisch bemerkend
Die Ernennung ihres Neffen!
sardonisch
Ich verstehe! -------
Hab ich immer doch geargwohnt,
dass sie ihre Anverwandten
mehr als ihren Gatten liebt!
Aber Antwort, meine Antwort
will ich ihr nicht schuldig bleiben!
ergreift die Donnerbüchse und ladet
Niemand kann mich sehen - Gott nur,
Gott - und der hat dies gewollt!
schleicht zur Tür des Schlafzimmers, auf der ersten Stufe hält er inne
Wenn es dennoch Täuschung wäre?
Muss es denn nicht Täuschung sein?
Viele Möglichkeiten gibt es,
tausend Möglichkeiten gäb es!
schleicht die Stufen hinauf
Wenn es Gott gefallen hätte,
mich durch schlimmen Schein zu prüfen?
schaut durch das Schlüsselloch und prallt zurück
Sein Gesicht!
Auf dem Kissen sein Gesicht!
Nein, ich habe mich getäuscht!
Eifersüchtiger Gedanken
böse Hirngespinste sind's!
sieht noch einmal hin, Mit einer verzweiflungsvollen Gebärde gibt er zu erkennen, dass sein Verdacht sich bewahrheitet. Dann geht er stumm die Stufen herab und verbirgt sein Gesicht in den Händen. Pause
Da sieh ich betrogen,
da sieh ich entehrt,
und doch ist mir Ärmsten
die Rache verwehrt.

Ich könnte sie töten.
Doch wären sie tot,
so hätten die Leute
mit mir ihren Spott.

Verlachten, verhöhnten
den buckligen Mann,
der sich vor der Hochzeit
nicht besser besann.

Lachen würden sie, ja lachen,
weil ich bucklig war und wagte,
eine schöne Frau zu haben.
Lachen aber will ich selbst,
wenn ich meine Rache fand.

Aber welche Rache, welche?
Wenn ich -? Nein, so geht es nicht!
Aber seine Frau? Auch sie
ist ja eine schöne Frau!

Und auch ich hab einen Buckel!
lacht auf
Ha, ha!
Ja, das ist sublim! Entzückend!
Das soll meine Rache sein!
Ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha!

beginnt, von Anfallen sarkastischen Gelächters unterbrochen, die Kleider des Corregidors anzuziehen

Schöne Frau Corregidora!
Hätten Sie das wohl gedacht?
Schöne Frau Corregidora!
Guter Rat kommt über Nacht!

besieht sich mit Hohnlachen, ergreift Stock und Handschuhe, stülpt den Dreispitz tief in die Stirn. Mit einer drohenden Gebärde wendet er sich noch einmal der Tür des Schlafzimmers zu und geht langsam ab


FÜNFTE SZENE

CORREGIDOR
im Nachtkleid, eine Zipfelmütze auf dem Kopfe, vorsichtig die Türe öffnend
Welcher Spuk tobt hier im Haus?
Sässe nicht bei dem Alkalden
Tio Lukas fest, ich schwüre,
dass desselben rauhe Stimme
und sein Lachen hier erscholl.
Sind die Kleider erst getrocknet,
so verlass ich dieses Haus,
eh' der Morgen graut.
sucht seine Kleider
Was, zum Henker? Fremdes Zeug?
Oh verdammt! Ward ich bestohlen?
Liess ein Vagabund die Kleider
hier zurück? Nun, um so besser!
Unerkannt komm ich zur Stadt.
Während er sich ankleidet
Einst haben in toller Verwandlung
auch Götter um Liebe gebuhlt,
doch hol' mich der Teufel, es lohnte
sich ihnen zuletzt die Geduld.

Drum hüte dich, Müllerin! Länger
nicht bin ich dein williger Tor!
Es wandelt zum Herrn und Gebieter
zurück sich der Corregidor.

Er hat des Müllers Kleider angezogen und die Felbelmütze aufgesetzt. Das Feuer im Kamin ist erloschen


SECHSTE SZENE
Der Vorige. Frasquita, Repela, der Alkalde, Tonuelo


ALKALDE
an der Tür, nach rückwärts gewendet
Ich als Amtsperson der Erste,
Tonuelo, du der Zweite!
Ihr, Frasquita, wartet draussen!
den Corregidor erblickend
Ha, da ist er ja! Im Namen
Seiner Majestät! Ergebt Euch,
Tio Lukas!
Der Corregidor will in das Schlafzimmer zurückflüchten

TONUELO
Halt, Verräter!
Fahren sollst du nun zur Hölle!
Er versetzt dem Corregidor einen Stoss ins Rückgrat und wirft ihn auf die Erde

FRASQUITA
gleichzeitig, sich auf Tonuelo stürzend und ihn ohrfeigend
Hund, lass meinen Lukas los!
Lass ihn los, und auf der Stelle!

ALKALDE
gleichzeitig, seinen Fuss dem Corregidor in den Magen pflanzend
Dein Entkommen dieses Mal
hindre ich auf alle Fälle!

REPELA
der sich mit ausgebreiteten Armen vor der Schlafzimmertür aufgestellt hat, gleichzeitig
Eines sag' ich: Es betritt
lebend keiner diese Schwelle!

CORREGIDOR
Hilfe! Hilf, Alkalde, Schaf!
Siehst du nicht, dass ich es bin?

ALLE
entsetzt
Der Corregidor!

CORREGIDOR
wütend
Ins Gefängnis, an den Galgen!

ALKALDE
niederkniend
Ach, hoher Herr, verzeiht!
Wer hätte euer Gnaden
erkannt in diesem Kleid?

CORREGIDOR
Weisst du nicht, dass eine Bande
Räuber unter Tio Lukas
meine Kleider mir geraubt?

FRASQUITA
mit äusserster Heftigkeit auf den Corregidor zutretend
Lüge und Verrat!

REPELA
während der Corregidor weiter mit dem Alkalden spricht
Liebe Müllerin, nun trachte
deine Sache beizulegen,
ehe des Gebieters Gunst
sich von dir und Lukas wendet.
Denn auf seiner Stirne seh ich
schlimme Wetterzeichen stehn.

FRASQUITA
Hätte Lukas etwa Grund,
diesen Mann um Gunst zu bitten?
Weiss der Himmel, wo der Ärmste
jetzt herumirrt, frech vertrieben
aus dem eignen Haus!

REPELA
Tio Lukas geht zur Stunde,
als Corregidor verkleidet,
in der Stadt umher.

FRASQUITA
Was mag er verkleidet wollen?

REPELA
zuckt die Achseln
Sicher ist nur, dass er hier
offen fand die Eingangstür.
Fand die Kleider meines Herrn -

FRASQUITA
Jesus! Also hält der Ärmste
seine Gattin für entehrt?
zum Corregidor
Don Eugenio de Zurtiga!
Fort ging mein unselger Mann,
glaubend an die Schmach der Gattin,
ging er fort von hier!

CORREGIDOR
kalt
Wünscht, dass ihm nichts Schlimm'res droht!

FRASQUITA
Eurer Gattin zu berichten,
was sich hier ereignet hat,
ging er zürnend in die Stadt.

CORREGIDOR
bestürzt
Eingebildete Geschichten!
Dennoch wollen wir ihm nach,
dass er mit erfundner Schmach
meine Gattin nicht belüge.

REPELA
Ja, und gebe Gott, dass Lukas
mit Erzählen sich begnüge!
Die Verkleidung gibt zu denken.

CORREGIDOR
aufbrausend
Glaubst du, dass er fähig wäre -?

FRASQUITA
O, zu allem ist er fähig!
Geht es doch um seine Ehre!

REPELA
zum Corregidor
Was mich auch so sehr erschreckt,
dass in eures Rockes Schössen
eures Hauses Schlüssel steckt!
Glaubt ihr nicht, der Unbedachte
strebt nach der Gebieterin -?

CORREGIDOR
auffahrend
Meiner Frau? Wo denkst du hin?
Ist sie nicht Corregidora?

FRASQUITA
Seht ihr's - euer Beispiel machte
aus der Mühle ein Gomorrha.

CORREGIDOR
Juan Lopez, Tonuelo,
Auf den Flüchtling geht zu fahnden!
Bringt ihr ihn mir nicht zur Stelle,
fürchterlich werd' ich es ahnden.

ALKALDE und TONUELO
Euer Gnaden, untertänigst
bitten wir, uns zu vertraun.
Unbegrenzt ist unser Eifer,
Häuser dürft ihr auf uns baun!

Treulich sorgend, dass das Auge
des Gesetzes immer wacht,
gönnen wir in unserm Amte
Ruh uns weder Tag noch Nacht.

Und wir schwören's! Den Verräter
holen wir in Eile ein.
Doch vor allem, euer Gnaden,
müssen wir zur Stadt hinein.

FRASQUITA
gleichzeitig
Solche Pläne, armer Lukas,
mochte Rachsucht in dir braun!
Deine Wege, deine Pläne,
sie erfüllen mich mit Graun.

Gegen deines Weibes Treue,
Lukas, schöpftest du Verdacht,
und Vergeltung willst du üben
in des Nebenbuhlers Tracht?

Aber noch in meinem Herzen
sag ich "nein", es kann nicht sein!
Doch vor allem ohne Säumen
müssen wir zur Stadt hinein.

CORREGIDOR
gleichzeitig
Uber dir soll nun der Himmel
meiner Gunst nicht länger blaun;
fühlen grimmiglich, Frasquita,
wirst du bald des Löwen Klaun.

Die du mich verspotten wolltest,
Ubermütige, gib acht!
Wenn ich grolle, wenn ich zürne,
hab ich zu verderben Macht.

Steckt nur Lukas erst im Kerker,
dann, Frasquita, bist du mein!
Doch vor allem, ich befehl es,
müssen wir zur Stadt hinein.

REPELA
gleichzeitig
Tugend hab ich nie bezweifelt,
schmähe nicht das Herz der Fraun,
doch verwechselt ist im Dunkeln
leicht der Braune mit dem Graun.

Und es kann gar wohl geschehen,
da das Kleid die Leute macht,
dass sich dieser Schwerenöter
schliesslich noch ins Fäustchen lacht!

Deshalb möchte ich zur Stunde
nicht Corregidora sein.
Doch vor allem, das ist sicher,
müssen wir zur Stadt hinein.

CORREGIDOR
mit gebieterischer Gebärde
Doch vor allem, ich befehl' es,
Gehn wir nun zur Stadt hinein!

Alle rüsten sich zum Aufbruch, Ein Knecht führt vor dem offenen Tor zwei Mülleresel herbei, die von Frasquita und dem Corregidor bestiegen werden

VIERTER AKT

Strasse vor dem Hause des Corregidors. Nacht; später Morgengrauen mit allmählich stärkerer Beleuchtung bis zum hellsten Sonnenlicht

ERSTE SZENE

NACHTWÄCHTER
vorübergehend, zuerst hinter der Szene
Ave Maria purissima!
Halb fünf ist die Stunde,
der Tag ist nah.
Ihr Knechte und Mägde,
der Hahn hat gekräht.
erscheint auf der Bühne
Bald läutet die Glocke
zum Morgengebet.
Halb fünf ist die Stunde,
der Tag ist nah,
geht ab
Ave Maria purissima!


ZWEITE SZENE
Der Corregidor. Frasquita. Repela, Alkalde, Tonuelo

Der Corregidor und Frasquita kommen auf Müllereseln geritten; nachdem sie abgestiegen sind, führt Tonuelo die Tiere fort

CORREGIDOR
zu Repela
Poche!

REPELA
an der Tür rüttelnd
Alles fest geschlossen!
Schlimm das!

CORREGIDOR
Klopfe noch einmal!

REPELA
nachdem er geklopft hat, eine Guitarre nachahmend
Blimblam, blimblam!
Mach auf, mach auf!
Denn soll ich Liebe dir schwören,
muss ich im Schlummer dich stören.
Wachsam spähende,
Mädge schmähende
Duenna, mach auf!
Blimblam, blimbiam!

CORREGIDOR
ärgerlich
Lass die Possen, klopfe stärker!

REPELA
Herr, ich suche sie zu täuschen.
Wittern sie den Ständchenbringer,
kommen ja die Frauenzimmer
alt' und junge, gleich gelaufen.
wieder klopfend
Bumbum, bumbum!
Mach auf, mach auf!
Es wartet der Ständchensänger
geduldig im Freien nicht länger.
Immer grimmige,
unkenstimmige
Duenna, mach auf!
Bumbum, bumbum!
klopft wieder

DUENNA
bei einem Fenster
Wer ist unten?

CORREGIDOR
Ich! Macht auf!

DUENNA
Und wer seid ihr, ihr da unten?

CORREGIDOR
Mohrenelement! Ich bin's,
der Corregidor, der Herr!

DUENNA
Geht mit Gott! Denn vor einer
Stunde kam der Herr nach Haus,
ging auch schon zu Bett.
schlägt das Fenster zu

CORREGIDOR
Amme, Amme, öffne, sag ich!
Öffne, ich befehl es dir!

DUENNA
wieder das Fenster öffnend
Wollt ihr euch nicht packen?
Ihr mit eurem Rausch!
Gleich geht eurer Wege,
oder es setzt Schläge!
schlägt das Fenster zu

FRASQUITA
Gott, mein Gott, so ist es Wahrheit!
Lukas hat an mir gezweifelt!

CORREGIDOR
gleichzeitig
Ist das Bosheit? Ist das Narrheit?
Was es sei, es ist verteufelt!

REPELA
gleichzeitig
Das ist eine schöne Klarheit,
die uns da wird eingeträufelt!


DRITTE SZENE
Die Vorigen, eine Anzahl Alguacils
mit Stöcken bewaffnet aus dem Tor stürzend

ALGUACILS
Wo ist er, der Trunkenbold,
der Corregidor sich nennt? Wo ist er?
Schlechter Tölpel, frecher Wicht!
Prügelei

CORREGIDOR und ALKALDE
sich flüchtend un sich verteidigend, gleichzeitig
Haltet ein, halt ein! Ihr sollt
hängen, Himmelsakrament!
Schafskopf, kennst du mich denn nicht?

Repela
ohne sich einzumischen, gleichzeitig
Sagt mir, ob ihr hängen wollt,
dass ihr euren Herrn nicht kennt?
Seht ihm doch nur ins Gesicht!

FRASQUITA
abseits, weinend, gleichzeitig
Lukas, dass du dies gewollt
Hast für immer uns getrennt,
wenn dies Weib die Wahrheit spricht.


VIERTE SZENE
Die Vorigen, Donna Mercedes

MERCEDES
Was soll dieser Lärm bedeuten?

ALGUACILS
Die Señora!

CORREGIDOR
Meine Frau!

MERCEDES
zum Corregidor
Tio Lukas! Ist ein Unglück
in der Mühle denn gescheh'n,
dass ihr nächtlich hier erscheint?

CORREGIDOR
Ha, Señora, nicht zu scherzen
bin ich jetzo aufgelegt.
Wissen muss vor allem ich,
was aus meiner Ehre ward.

MERCEDES
Eure Ehre, guter Müller?
Gabt ihr sie in meine Hut?

CORREGIDOR
Ja, der Ehre ihrer Gatten
Hüterinnen sind die Frau'n.

MERCEDES
mit leisem Hohn
Fragt denn eure Frau - dort steht sie.

CORREGIDOR
Lass, Mercedes, deine Scherze.
Sage, wo ist jener Mann?

MERCEDES
Wer? Mein Gatte? Nun, wo jeder
Ehrenmann zu dieser Stunde
hingehört - in seinem Bett.

CORREGIDOR
heftig
Sag das nicht ein zweites Mal!

MERCEDES
den Corregidor spöttisch und herausfordernd messend
Mein Gatte, der Corregidor,
die Händel der Bürger zu schlichten,
war über Tags aus dem Haus,
erfüllend erhabene Pflichten.

Doch kam er zu schicklicher Zeit
zurück, sich niederzulegen.
Er kam mit Mantel und Hut,
Er trug an der Seite den Degen.

Die Diener geleiteten ihn,
die lang ihn erwartet hatten.
Und ich - wie Gott es befiehlt,
empfing als Gattin den Gatten.

CORREGIDOR
ausbrechend
Unverschämte Dirne!

MERCEDES
den Ton ändernd
Aber, setzen wir den Fall, ihr wäret
Don Eugenio de Zuniga -

CORREGIDOR
Weib, ich bin es!

MERCEDES
Welche Rechte
hättet ihr, euch zu beklagen?
Wart ihr etwa in der Beichte?
Wart ihr etwa in der Predigt?
Wo seid ihr bis jetzt gewesen?
Wo in dieser Tracht?
Wo die ganze Nacht?

FRASQUITA
hervortretend
Mit Verlaub -

Die beiden Frauen sehen einander schweigend einen Augenblick in die Augen

MERCEDES
Ach, Frasquita!
Nicht verteidigt euch vor mir!
Alles, was euch widerfahren,
fühle ich so tief wie ihr.

FRASQUITA
Ach, Señora!

MERCEDES
Treubruch schändlich
schafft uns beiden gleiches Leid.
Aber tröstet euch, Frasquita,
Trost ist schon für euch bereit.

FRASQUITA
gleichzeitig
Trostlos bin ich, ach, ich werde
trostlos bleiben alle Zeit!
Dass ich liebte, dass ich lachte,
ist nur mehr Vergangenheit.

CORREGIDOR
gleichzeitig
Dich und mich und sie und jenen
hast dem Unglück du geweiht.
Du, Frasquita, hast's verschuldet,
du allein aus Sprödigkeit.

MERCEDES
Ha, Señor, in unsre Klagen
einzustimmen, ziemt euch schlecht.
Jener nur, der dort sich nähert,
hält' allein dazu ein Recht.


FÜNFTE SZENE
Die Vorigen, Lukas
noch in den Kleidern des Corregidors, den Gang und die Manieren desselben nachahmend

LUKAS
Wünsche allen guten Morgen!
küsst der Corregidora die Hand

CORREGIDOR
Wagst du es vor meinen Augen?

FRASQUITA
den Corregidor zurückdringend
Aus dem Weg mir, Don Eugenio,
Rede stehen soll er mir!

LUKAS
noch immer den Corregidor nachahmend
Gott behüte dich, Frasquita!
Sage, hast du die Ernennung
deinem Neffen schon geschickt?

FRASQUITA
Lukas! Ich verachte dich!

LUKAS
mit unverstellter Stimme
Welche Miene, welche Töne!
O, so wärst du noch die Meine?

FRASQUITA
wild
Nein, nicht mehr bin ich die Deine!
Frage deine Heldentaten
dieser Nacht, und dann erkenne,
was du aus dem Herzen machtest,
das dich, ach, so sehr geliebt.

LUKAS
gleichfalls ergrimmt
Wie? Du klagst mich an? Du mich?
Frage deine Heldentaten
dieser Nacht, und dann erkenne,
was du aus dem Herzen machtest,
das du, ach, so sehr betrübt.

MERCEDES
Tio Lukas, trotz der Dinge,
die ihr mir als wahr erzähltet,
sag ich, eure Frau ist schuldlos!
Glaube fest, dass sie es ist.

LUKAS
Herrin, gut, so mag sie sprechen.

FRASQUITA
Nein, ich spreche nicht zuerst!
Denn die Wahrheit ist, dass du -

LUKAS
Nun, und du?

CORREGIDOR
Um diese Dame
handelt sich's zuerst. Mercedes,
nie hätt ich geglaubt, dass du -

MERCEDES
Nun, und du -?

FRASQUITA
zu Lukas
Und du?

LUKAS
zu Frasquita
Und du?

CORREGIDOR
Nun, und du? Hast nicht auch du -?

MERCEDES
zum Corregidor
Aber du -?

FRASQUITA
zu Lukas
Nein, du!

LUKAS
zu Frasquita
Nein, du'

CORREGIDOR
Sage mir, wie konntest du -

MERCEDES
Hör einmal, jetzt schweige du'
Frieden müssen wir dem Herzen
des gekränkten Tio Lukas
ohne Säumen wiedergeben.
Nun, Señor Alkalde, sprecht!
Ich erteile euch das Wort.

ALKALDE
drückt durch wiederholte tiefe Bücklinge seine Ergebenheit aus
Herrin! Glücklich bin ich zu schätzen,
dass ihr geruhet, Vertrauen zu setzen
in euren ganz ergebenen Knecht!
Wenn ihr es fordert, will ich's beschwören!
Was auch geschehen, in allen Ehren
nur geschah 's, in Gesittung und Recht!

LUKAS
Nicht begehr ich eure Schwüre, Herr Alkalde!
Was ich fordre, Herr Alkalde, sind Beweise!

REPELA
hervortretend
Lieber Müller, ich fürchte,
du wandelst im falschen Geleis.
Selig nur macht der Glaube,
Selig nicht macht der Beweis.

LUKAS
Nein, fürwahr, den meine Augen
mir gegeben, der Beweis
hat mich selig nicht gemacht.
Oder war es kein Beweis,
Als ich deinen Herrn im Bette
meines Weibes liegen sah?

REPELA
Lieber Müller, dort lag er,
aber er lag dort allein!
Sie indessen, geflüchtet,
lief nach dir querfeldein.

FRASQUITA
Böser Lukas, dort lag er,
aber er lag dort allein!
Ich indessen, geflüchtet,
lief nach dir querfeldein.

CORREGIDOR
Dummer Müller, dort lag ich,
aber ich lag dort allein!
Sie indessen, geflüchtet,
lief nach dir querfeldein.

FRASQUITA
Ja, und fühle nur die Kleider,
die du trägst, wie feucht sie sind.
In den Mühlbach, hilfeschreiend,
fiel der Herr Corregidor.
Seine Stimme nicht erkennend
hab im ersten Schrecken ich -

LUKAS
Sage mir nichts mehr, du Süsse!

FRASQUITA
Als ich dann die Flucht ergriff,
sandte er mir nach Repela.

REPELA
Und von diesem begleitet,
kam sie bis an das Haus
des Alkalden; der stürzte
eben zum Tore hinaus.

ALKALDE
Ja, der Schlaf des Gerechten
ward mir erheblich gestört,
als ich durch meine Getreuen
von dem Ereignis gehört.

REPELA
Wir erfuhren mit Bangen,
dass uns der Müller entfloh'n.
Und so stürmten wir eilends
alle zusammen davon.

FRASQUITA
Denn ich stellte mit Schaudern
mir die Möglichkeit vor,
dass du in unserm Hause
fandest den Corregidor!

LUKAS
Also bist du unschuldig?
Also bist du noch mein?
O, so lass uns denn selig
alles Geschehne verzeihnl

REPELA
Bist du noch eifersüchtig,
Lukas, so sei es auf mich.
Denn von Frasquita am meisten
diese Nacht genoss ich!

FRASQUITA
sich der Umarmung des Lukas entziehend
Geh mir! Eh ich dich umarme,
will ich wissen, was geschah.

MERCEDES
Das sollst du durch mich erfahren.

CORREGIDOR
eilig
Ja, Senora, denn ich warte
darauf schon seit einer Stunde.
Wirst du endlich dich erklären?

MERCEDES
Eher nicht, bist du die Kleider
wieder hast mit ihm getauscht.

Corregidor und Lukas gehen ins Haus. Repela folgt ihnen

MERCEDES
sich an das anwesende Gesinde und die Alguacils wendend
Kinder, nun erzählt, was
Schlechtes ihr von eurer Herrin wisst.

CHOR
Gesinde und Alguacils
Mit dem Schlüssel des Gebieters
Tio Lukas trat ins Haus.
Tio Lukas, finster blickend,
sah wie der Gebieter aus.
Und wie dieser pflegt zu schreiten,
schritt er in das Schlafgemach,
weil die Herrin schon zu Bette,
folgte ihm kein Diener nach.

FRASQUITA
Ich verstehe keine Silbe,
alle schreien sie zugleich.

MERCEDES
Einer mag das Wort ergreifen.
Amme, ich erteil es euch!

DUENNA
Abzuwarten den Gebieter,
Rosenkranz hatt' ich gebetet
mit der Herrin im Verein,
als wir drinnen Schritte hörten.

MERCEDES
Behutsam schleichende Schritte,
gedämpft und heimlich, als glitte
leise ein Räuber herein.
Wir lauschten mit Beben, wir Armen!
O, heilige Jungfrau von Carmen!
Wer mag im Alkoven sein?

DUENNA
Und als wir das Licht ergriffen,
sahen wir den Tio Lukas,
angetan wie unser Herr.

CHOR
Plötzlich in dem Schlafgemache
tönte lautes Hilfgeschrei.
"Räuber", hörten wir es schallen,
,,Bartolo, herbei!"
An der Wand des Schlafgemaches
stand der Herr Corregidor,
zitternd, blass wie eine Leiche,
brachte gar kein Wort hervor.

DUENNA
'Ins Gefängnis!", schrien wir,
weidlich auf den Lukas hauend;
denn wir glaubten den Gebieter
tot und ausgeraubt, bis
Lukas zu der Herrin also sprach:
"Herrin! Räuber bin ich nicht!
Doch ein Räuber meiner Ehre
ist mir in das Haus gedrungen,
liegt mit meiner Frau zu Bett."

CHOR
Ja, wir hieben, bis die Herrin
einzuhalten uns befahl;
denn sie ehrte, wollt' es scheinen,
in den Kleidern den Gemahl.
Aber hätte sich die Herrin
so wie wir in ihm geirrt,
bei dem Heiligen von Comportella!
Sagt, sagt, was wäre da passiert!

DUENNA
Schweigt, ihr unanständigen Schwätzer!
Ja, Frasquita, er bekannte,
welcher Zweck ihn hergeführt.
Denkt euch, hätte sich die Herrin
in der Dunkelheit geirrt, und vielleicht -

MERCEDES
Auf diesem Wege spart euch weitere Belege.
Was geht ein "vielleicht" uns an?
Und als sich mein Arger gekühlet,
hab ich Erbarmen gofühlet
mit dem betrogenen Mann,
und habe befohlen, wenn später
erschiene der Missetäter,
gekleidet als Müller allhier,
so wird er Betrüger gescholten
und Gleiches mit Gleichem vergolten,
zur Strafe, glaub er's, von mir.

CHOR
Und wir haben, ihr gehorchend,
durchgebläut den eignen Herrn!
Sie verbürgte sich für unsre Köpfe,
und so bläuten und so bläuten,
und so bläuten wir ihn gern!

FRASQUITA
Lukas, armer, süsser Lukas,
neu gewonnen hab ich dich!

LUKAS
Süsse, teure Frasquita,
bist du wieder gut mit mir?

CORREGIDOR
den Stock auf den Boden stossend
Nun, Señora, ich erwarte
eure Erklärungen!

MERCEDES
Lebtest du auch tausend Jahre,
dennoch wirst du nie erfahren,
was in meinem Schlafgemache
vorgegangen heute nacht!
Wärest du darin gewesen,
brauchtest jetzt zu fragen nicht!

CORREGIDOR
gereizt
Angehört will ich sie also
alle richten, kraft des Amtes!

MERCEDES
gebieterisch
Und ich rate euch, Caballero,
breitet über das Gescheh'ne
lieber einen Schleier dicht!
Denn ihr kämet in die Enge,
wenn zum Bischof der Bericht
eures Abenteuers dränge.
Guten Morgen, liebe Leute!
Sie verneigt sich mit Grandezza, schreitet die Stufen vor dem Haustor hinauf und verneigt sich unter der Tür nochmals

Inzwischen ist es allmählich Tag geworden

CORREGIDOR
ihr mit saurer Miene nachblickend und sich hinter den Ohren kratzend
Guten Morgen, edle Donna!
Da wir uns soweit verständigt,
hoff ich, dass dies Abenteuer
ohne Bischof für mich endigt!

LUKAS und FRASQUITA
die indessen lebhaft miteinander gesprochen und gelacht haben
Guten Morgen, edle Donna!
Da wir beide uns verständigt,
scheint es, dass dies Abenteuer
glücklich hat für uns geendigt!

ALKALDE
Guten Morgen, edle Donna!
Alle haben sich verständigt,
und so hat dies Abenteuer
auch für mich noch gut geendigt!

CHOR
Guten Morgen, edle Donna!
Alle haben sich verständigt,
und so hat dies Abenteuer
noch für alle gut geendigt!

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Klavierauszug

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