Oedipus Rex

Oedipus Rex

Opern-Oratorium in zwei Akten

Libretto

Jean Cocteau (nach Sophokles)

Uraufführung

konzertant: 30. Mai 1927, Paris (Théâtre Sarah Bernhardt)- szenisch: 23. Februar 1928, Wien (Staatsoper)

Besetzung

OEDIPUS, König von Theben (Tenor)
JOKASTE, Mutter und Frau des Oedipus (Mezzospran)
KREON, Schwager des Oedipus (Bassbariton)
TIRESIAS, Seher (Bass)
Der HIRTE (Tenor)
Der BOTE (Bassbariton)
Der SPRECHER

CHOR

Ort

Theben in Griechenland

Zeit

Mythische Zeit

Strawinsky, Igor

Stravinsky, Igor Fyodorovich
17.6.1882 Oranienbaum, (St. Peterburg) - 6.4.1971 New York


Bühnenwerke
mit Datum/Ort der Uraufführung:

Solovey [Le rossignol] (26.5.1914 Paris)
Bayka [Renard] (1916; 18.5.1922 Paris)
Pulcinella (15.5.1920 Paris)
Mavra (3.6.1922 Paris)
Svadebka [Les noces] (13.6.1923 Paris)
Oedipus rex (30.5.1927 Paris*; 23.2.1928 Wien)
Perséphone (30.4.1934 Paris)
Oedipus rex [rev] (1948; ?)
Perséphone [rev] (1949; ?)
The Rake's Progress (11.9.1951 Venezia)
Noah and the Flood [The Flood] (14.6.1962 CBS*; 30.4.1963 Hamburg)
rev = Bearbeitung / * = konzertant



ERSTER AKT
In Theben wütet die Pest, ein Orakelspruch verkündet, dass die Seuche nicht eher enden wird, bis man Laios' Mörder aus der Stadt vertrieben hat. Oedipus nimmt sich vor, den Gesuchten ausfindig zu machen und befragt den blinden Teiresias, der zunächst nichts sagen will, aber dann mitteilt, dass der Mörder ein König ist.

ZWEITER AKT
Jokaste glaubt dem Seher nicht, weil das Orakel auch behauptet hat, Laios, ihr früherer Gatte, werde von seinem eigenen Sohn erschlagen werden. Laios aber ist, wie man weiss, an einem Kreuzweg vor einigen Jahren von Wegelagerern getötet worden. Bei Jokastes Worten und dem Hinweis auf den Kreuzweg erschrickt der König und erinnert sich, dass er an einer solchen Stelle einen Greis im Streit erschlagen hat. Ein Bote kommt, der Oedipus mitteilt, dass der eben verstorbene König Polybos von Korinth nicht sein leiblicher Vater war und ihn als Kind, das ausgesetzt war und von einem Hirten gerettet wurde, an Sohnes Statt erzogen hat. Es stellt sich heraus, dass einst ein Orakel Laios und Jokaste prophezeit hat, ihr Sohn werde seinen Vater erschlagen. Laios liess daraufhin Oedipus aussetzen, der daher als Vatermörder und Blutschänder erkannt wird. Jokaste erhängt sich, Oedipus blendet sich und wird vom Volk schweren Herzens, weil er ein guter König war, aus der Stadt gewiesen.


ATTO PRIMO
Nella piazza di Tebe, la folla chiede con angoscia a Edipo (“Caedit nos pestis, Theba pestis moritur”) di salvare la città dalla peste, così come in precedenza l’aveva liberata dalla Sfinge. L’oracolo, dice Creonte (“Respondit deus”), sostiene che la città è colpevole di ospitare l’assassino del vecchio re Laio. Visto che ogni ricerca è vana, Edipo manda a chiamare il veggente cieco Tiresia. Il loro confronto (“Dicere non possum, dicere non licet”) si trasforma in aspro dissidio: Tiresia, provocato nell’amor proprio, dichiara che l’assassino del re è il re. Un coro esultante (“Gloria, gloria, gloria”) saluta l’ingresso di Giocasta.

ATTO SECONDO
Giocasta rimprovera al marito di urlare nel mezzo di una città malata (“Nonn’erubescite, reges”). Giocasta cerca di rassicurare il consorte, sostenendo che non c’è da fidarsi degli oracoli; anche di Laio, dice, predissero che sarebbe stato ucciso dal figlio, e invece morì a un trivio della strada per mano di un forestiero. Mentre il coro ripete ossessivamente la parola «trivium», Edipo comincia a dubitare, ricordando come egli stesso, prima di arrivare a Tebe, avesse ucciso a un trivio un vecchio. In un duetto agitato i due coniugi esprimono la loro ansia crescente. La tragedia precipita su Edipo: un messaggero porta da Corinto la notizia della morte del re Polibio (“Mortuus est Polybus”), rivelando allo stesso tempo a Edipo che in realtà egli era solo un figlio adottivo del re deceduto. Infine le parole del vecchio pastore (“Oportebat tacere, nunquam loqui”) non lasciano più dubbi a Edipo sull’atroce verità: senza saperlo, egli ha ucciso il padre e si è congiunto con la madre. Il messaggero dà notizia della tragica fine di Giocasta (“Divum Jocastae caput mortuum”), mentre il coro rende omaggio all’infelice destino dell’accecato Edipo.

König Oedipus


Personen:
OEDIPUS, König von Theben
JOKASTE, Mutter und Frau des Oedipus
KREON, Schwager des Oedipus
TIRESIAS, Seher
Der HIRTE
Der BOTE
Der SPRECHER

CHOR

PROLOG

SPRECHER
Verehrtes Publikum! Man wird euch eine lateinische Version des König 0edipus vorführen. Eure Aufmerksamkeit und euer Gedächtnis sollen jedoch nicht unnötig angestrengt werden. Auch gibt die oratorische Oper gewissermassen nur ein lebendes Monumentalbild der Geschehnisse. Deshalb will ich euch das Drama des Sophokles in die Erinnerung zurückrufen.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, kämpft Oedipus gegen die Mächte, die uns aus dem Jenseits bedrohen. Seit seiner Geburt haben sie ihn mit Schlingen umgarnt, die sich jetzt - vor euren Augen - vollends zusammenziehen werden.

Hier ist das Drama:

Theben ist demoralisiert. Auf die Sphinx folgte die Pest. Von Oedipus erfleht der Chor Errettung der Stadt. Oedipus, der die Sphinx besiegte, gelobt zu helfen.


ERSTER AUFZUG

CHOR
Es schlägt uns die Pest,
Theben stirbt an der Pest.
Von der Pest errette uns,
die Theben mordet.
Oedipus, die Pest ist da;
von der Pest befreie die Stadt,
rette die sterbend Stadt.

OEDIPUS
Euch Bürger will ich befreien von der Pest.
Ich, der ruhmreiche Oedipus, liebe euch,
ich, Oedipus, errette euch.

CHOR
Noch einmal errette uns,
Oedipus, rette die Stadt;
rette uns, erhabener Oedipus!
Was tun, o Oedipus,
uns zu erlösen?

OEDIPUS
Der Gattin Bruder wurde gesandt,
das Orakel zu erkunden,
zur Gottheit sandte man Kreon,
zu erkunden das Orakel,
zu erfahren, was zu tun.
Möge Kreon nicht mehr säumen,

CHOR
Gegrüsset seist du, Kreon! Wir hören.
Heil dir, Kreon! Eile, eile!
Es grüssen dich alle, die deiner Rede lauschen.

SPRECHER
Sehet dort Kreon, des Oedipus Schwager! Er war aus-gesandt worden, den Orakelspruch zu erkunden.
Das Orakel fordert Rache für die Ermordung des Laius. Der Mörder hält sich in Theben verborgen. Er muss um jeden Preis gefunden werden.
Oedipus rühmt sich seiner Kunst im Rätsellösen - er wird den Mörder finden und vertreiben.

KREON
So sprach die Gottheit:
»Rache für Laius nehm' ich,
ich räche den Mord;
man finde den Mörder.
Der Mörder versteckt sich in Theben.
In Theben ist er verborgen,
ihn muss man entdecken;
Theben retten,
Theben vom Untergang retten,
den Königsmord rächen,
den erschlagenen König Laius,
der Mörder versteckt sich in Theben.
Ihn muss man entdecken,
verstossen will ihn die Gottheit.
Die Pest schlägt Theben.«
So sprach der Gott Apoll.

OEDIPUS
Nein, nicht du wirst die alte Schuld aufdecken,
ich werde Theben durchforschen.
In Theben verbirgt sich der Mörder.

CHOR
So sprach der Gott, er sagte es dir.

OEDIPUS
…er sagte es dir.
Mir soll er sich ergeben,
ihr mögt ihn richten.
Ich werde Theben durchforschen,
aus Theben ihn verstossen.
Die alte Schuld wirst du nicht aufdecken.

CHOR
In Theben verbirgt sich der Missetäter

OEDIPUS
Der Gott hat gesprochen...
Ich überwand die Sphinx,
ihr Rätsel erriet ich,
ich werde auch dieses erraten,
ich, hochberühmter Oedipus,
auch jetzt werd' ich Theben erretten.
Ich, Oedipus, will das Rätsel erraten.

CHOR
Rate! Rate! Rate!

OEDIPUS
Ich gelobe, das Rätsel zu lösen.

CHOR
Rate, Oedipus, rate!

OEDIPUS
Ich, der hochberühmte Oedipus,
gelobe, das Rätsel zu lösen.

SPRECHER
Oedipus befragt den Quell der Wahrheit: Teiresias, den Seher. Teiresias verweigert die Antwort. Er hat erkannt, dass die grausamen Götter Oedipus überlistet haben.
Sein Schweigen empört Oedipus. Er beschuldigt Kreon, die Herrschaft mit Hilfe des Teiresias an sich reissen zu wollen. Ergrimmt ob solcher Verleumdung, beschliesst Teiresias, nicht länger zu schweigen. Der Quell spricht, und die Prophezeihung lautet: Dem König gab ein König den Tod.

CHOR
Des Seherspruches harren wir.
Athena, Tochter des Zeus,
Artemis, du Thronende,
und du,
pfeilschleudernder Apoll,
stehet uns bei!
Schwer lastet des Unheils Hand auf uns,
auf Sterben häuft sich Sterben
und Tod auf Tod.
Verscheuchet übers Meer
den Grausen einflössenden Mars,
der uns wehklagende Toren
wehrlos mordet.
Und du, Bacchus, stürme
mit deiner Fackel herbei,
verbrenne den schrecklichsten der Götter.
Sei gegrüsset, Teiresias,
du ruhmreicher Prophet!
Künde uns, was die Gottheit fordert,
sprich schnell, erhabener Seher, rede!

TEIRESIAS
Ich will nichts künden,
ich darf nichts künden,
nicht mag ich Unheil künden;
Oedipus, ich kann nicht.
Zu reden erlass mir,
hüte dich,
ruhmreicher Oedipus,
lass mich schweigen.

OEDIPUS
Dein Schweigen klagt dich an:
du bist der Mörder.

TEIRESIAS
Unglückseliger! Reden will ich,
weil du mich beschuldigst, werde ich reden.
Künden, was die Gottheit sprach,
nichts verschweigen, alles sagen;
in eurer Mitte ist der Mörder,
unter euch ist er zu finden,
er lebt bei euch, der Mörder!
Der Königsmörder ist ein König.
Ein König brachte Laius um,
den König erschlug ein König,
den König klagt die Gottheit an;
der Mörder ein König!
Ihn, den König, muss Theben vertreiben,
die Stadt einweiht er, der ruchlose König,
des Königs Mörder ist ein König.

OEDIPUS
Glück ist dem Neid verhasst.
Zum König wähltet ihr mich!
Von der Sphinx erlöste ich euch,
zum König ernanntet ihr mich.
Die Rätsel, wer löste die Rätsel,
wer riet sie?
Tat'st du es, weiser Seher?
Nein: ich löste sie,
und zum König wähltet ihr mich.
Glück ist dem Neid verhasst.
Jetzt trachtet jemand nach meinernThron,
Kreon möchtc Herrscher sein.
Mir bist du untertan, Teiresias!
Durchkreuzen werd' ich eure Pläne!
Kreon will jetzt Herrscher werden.
Wer errettete euch von der Sphinx?
Freunde! Ich tat's, der hochberühmte Oedipus.
Glück ist dem Neid verhasst.
Den König will man stürzen,
vernichten euren König,
den ruhmreichen Oedipus, euren König.

CHOR
Lob, Preis und Ehre
dir, Königin Jokaste!
Im pestverseuchten Theben
rühmen wir unsere Königin!
Wir rühmen dich, Gattin des Oedipus.
Dir sei Lob, Preis und Ehre.


ZWEITER AUFZUG

SPRECHER
Der Streit der Fürsten ruft Jokaste herbei. Ihr werdet hören, wie sie sie zu beschwichtigen trachtet, wie sie sie ermahnt, nicht so lästerliche Reden zu führen in der heimgesuchten Stadt. Sie glaubt nicht an Prophezeiungen, sie beweist, dass Prophezeiungen lügen. Hatte man nicht geweissagt, Laius wurde durch die Hand ihres Sohnes fallen? Und doch erschlugen Räuber den Laius, an jenem Kreuzweg, wo die drei Strassen von Daulia und Delphi zusammentreffen.
Trivium! Kreuzweg! Merkt euch wohl dies Wort, das Oedipus furchtsam erschauern Lässt. Er erinnert sich: An eben jenem Kreuzweg, damals, als er aus Korinth kam - kurz bevor er die Sphinx erblickte -, ermordete er einen Greis. Was nun, wenn es Laius war? Nach Korinth kann er nicht zurückkehren, weil ihn dort die Prophezeiung bedroht: er werde seinen Vater umbringen und seine Mutter zum Weibe nehmen. Ihn erfasst Angst.

CHOR
Lob, Preis und Ehre
dir, Königin Jokaste!
Im pestverseuchten Theben
rühmen wir unsere Königin!
Wir rühmen dich, Gattin des Oedipus.
Dir sei Lob, Preis und Ehre.

JOKASTE
O Fürsten, errötet ihr nicht vor Scham?
In der verseuchten Stadt also zuschreien,
so lärmend zu streiten?
Errötet ihr nicht vor Scham in der sterbenden Stadt
so lärmend zu streiten?
So öffentlich zu streiten,
so lärmend euch zu zanken,
zu schreien in der heimgesuchten Stadt,
o Fürsten, schämt ihr euch nicht
Wie soll sich das Orakel erfüllen,
das immer log?
Stets trog das Orakel.
Wer sollte den König morden?
Mein Sohn.
Nun wohl: der König wurde erschlagen.
Laius endete am Kreuzweg.
Nie soll das Orakel sich erfüllen,
das immer lügt.
Hüte dich vor dem Orakel!

CHOR
Kreuzweg, Kreuzweg…

OEDIPUS
Welch' Schrecken ergreift mich plötzlich, Jokaste?
Höchste Angst erfasst mich. Höre, Jokaste:
sprachst du vom Kreuzweg?
Einen Greis erschlug ich,
als Korinth ich verlassen hatte,
erschlug ich am Kreuzweg;
einen Greis, Jokaste, hab' ich gemordet.

JOKASTE
Die Orakel lügen,
sie lügen immer, die Orakel.
Oedipus, hüte dich vor den Orakeln,
die immer lügen.
Ins Haus lass schnell uns eilen,
frage nicht, forsche nicht weiter.

OEDIPUS
Angst, höchste Angst erfasst mich,
ich zittre, Jokaste;
tiefes Grauen, Jokaste,
beschleicht mein Herz.
Angst fasst mich, Gattin Jokaste,
denn am Kreuzweg mordete ich einen Greis.
Forschen will ich,
wissen muss ich, Jokaste,
den Hirten will ich sprechen,
den Zeugen jener Freveltat.
Gewissheit, Jokaste, will ich,
forschen muss ich.
Erfahren werd' ich's.

SPRECHER
Der einzige Zeuge der Mordtat tritt aus seiner Verborgenheit hervor. Ein Bote meldet Oedipus den Tod des Polybos und offenbart ihm, dass jener nur sein Pflegevater war.
Jetzt begreift Jokaste alles.
Sie versucht, Oedipus mit sich zu ziehen, sie eilt fort.
Oedipus glaubt, sie schäme sich, das Weib eines Einporkömmlings zu sein.
Dieser Oedipus, der so stolz daraufwar, jedes Rätsel erforschen zu können: Er ist in der Falle, und nur er allein inerkt es nicht! Die Wahrheit zerschmettert ihn.
Er stürzt - er stürzt hinab in die Tiefe.

CHOR
Hier kommt der Hirte, der alles weiss.
Der Hirte, der alles weiss und Furchtbares kündet.

BOTE
Polybos ist tot.
Tot ist der Greis Polybos.

CHOR
Polybos ist tot.
Tot ist der Greis Polybos.

BOTE
Nicht Polybos war der Vater des Oedipus;
von mir nahm Polybos ihn in Empfang,
ich brachte ihn dem König.

CHOR
Nicht er war des Oedipus Erzeuger.

BOTE
Sein Vater ward er nur durch mich!

CHOR
Sein Vater ward er nur durch dich!

BOTE
Den Knaben fand
ich im Gebirge,
den kleinen,
ausgesetzten Oedipus.
Die Füsse waren ihm durchbohrt,
verwundet des
kleinen Oedipus Füsse.
Im Gebirge fand ich ihn,
den Knaben Oedipus
gab ich dem Hirten.

CHOR
Schreckliche Kunde wird uns,
Furchtbares werden wir hören.
Ein hoher Gott hat Oedipus gezeugt,
ein Gott mit einer Nymphe des Gebirgs,
wo man ihn fand.

HIRTE
Zu schweigen hätte sich geziemt: und nicht zu reden
Freilich wurde der kleine Oedipus gefunden,
im Gebirge hatten ihn
Vater und Mutter ausgesetzt,
mit durchbohrten, gefesselten Füssen.
Hättest du doch verschwiegen,
was ewig geheim bleiben sollte:
dass der Knabe
im Gebirge ausgesetzt,
ausgesetzt im Gebirge,
wurde der kleine Oedipus.
Zu schweigen hätte sich geziemt und nicht zu reden.

OEDIPUS
Nichts Schreckliches kündest du, wenn du sagst,
wer Oedipus ist. Wessen Sohn Oedipus, werde ich erfahren
Jokaste schämt sich, entflieht,
Oedipus', des Heimatlosen, schämt sie sich,
schämt sich des Oedipus Herkunft.
Wissen werd' ich, wer Oedipus'Eltern,
meine Herkunft erfahren.
Nichts Schreckliches kündest du,
ich werde des Oedipus Herkunft erfahren,
wissen, wer mich verstiess.
Ich Heimatloser freue mich.

HIRTE und BOTE
Man fand ihn im Gebirge,
ausgesetzt von der Mutter,
von der Mutter verstossen,
fand man ihn im Gebirge.
Der Sohn Jokastens und des Laius!
Seines Erzeugers Laius Mörder!
Jokastens, seiner Mutter Gatte!

CHOR
Der Sohn Jokastens und des Laius!
Jokastens, seiner Mutter Gatte!

HIRTE und BOTE
Warum hast du nicht geschwiegen?
Zu schweigen hätte sich geziemt,
doch nicht dies zu künden:

HIRTE, BOTE und CHOR
Ihn, den wir im Gebirge fanden,
hatte Jokaste ausgesetzt.

OEDIPUS
Unheilbringend ist mein Dasein,
sündhaft mein Bett,
fluchwürdig der Mord, den ich beging,
nun weiss ich alles!

SPRECHER
Jetzt werdet ihr den berühmten Monolog hören »Tot ist Jokastens göttliches Haupt«, den Monolog, worin der Bote Jokastens Ende schildert.
Kaum vermag er die Lippen zu bewegen.
Der Chor übernimmt seine Rolle und erzählt an seiner Statt, wie sich Jokaste erhängte, wie Oedipus sich mit ihrer goldenen Spange die Augen ausstach.
Nun folgt der Epilog.
Der König ist vernichtet. Er will, dass ihn alle sehen, ihn, den fluchbeladenen Frevler, den Blutschänder, den Vatermörder, den Wahnwitzigen.
Schweren Herzens vertreibt man ihn.
Leb wohl, Oedipus, wie sehr hat man dich geliebt!

BOTE
Tot ist Jokastens göttliches Haupt.

CHOR
Ihr Haar zerrauft
das Weib sich im Gemach.
Sie schliesst und verriegelt die Türen,
verschliesst sie und jammert.
Unaufhörlich schlägt Oedipus gegen die Türen,
er schlägt, schlägt,
Oedipus schlägt und schreit.

BOTE
Tot ist Jokastens göttliches Haupt!

CHOR
Die Tür springt auf,
und alle sehen's:
Erhängt hat sich Jokaste.
Zu ihr stürzt Oedipus,
befreit sie von der Schlinge, legt sie hin,
befreit sie, legt sie hin.
Die goldne Spange, die gebog'ne,
sticht er tief sich in die Augen;
zur Erde tropfet dunkles Blut.

BOTE
Tot ist Jokastens göttliches Haupt.

CHOR
Blut, dunkles Blut tropfer herab,
dunkles Blut tränkt den Boden;
Oedipus schreit und
verflucht sich.
Preisgeben will er sich allen Blicken.
Zeigen will er allen das Ungeheuer.
Sehet die Tore, wie sie sich öffnen,
sehet das Schauspiel,
das jammerweckende Schauspiel.

BOTE
Tot ist Jokastens göttliches Haupt.

CHOR
Sehet dort! König Oedipus
erscheint als grauseneinflössendes Monster,
als grauseneinflössendes Ungeheuer.
Ihn, den geblendeten König!
Den königlichen Vatermörder, unglücksel'ger Oedipus,
den armen König Oedipus, den Rätselrater.
Dort steht er! Seht König Oedipus!
Leb wohl, Oedipus,
dich liebten wir, beklagen dich.
Armer Oedipus, dein Augenlicht beweinen wir.
Leb wohl, Oedipus,
unser unglücklicher Oedipus,
dich liebten wir, Oedipus.
Leb wohl, Oedipus,
leb wohl.