Capriccio

Capriccio

Konversationsstück für Musik in einem Aufzug

Libretto

Clemens Krauss und Richard Strauss

Uraufführung

28. Oktober 1942, München (Staatsoper)

Besetzung

DIE GRÄFIN (Sopran)
DER GRAF, ihr Bruder (Bariton)
FLAMAND, ein Musiker (Tenor)
OLIVIER, ein Dichter (Bariton)
LA ROCHE, Theaterdirektor (Bass)
CLAIRON, Schauspielerin (Alt)
MONSIEUR TAUPE (Tenor)
Eine ITALIENISCHE SÄNGERIN (Sopranr)
Ein ITALIENISCHER SÄNGER (Tenor)
Eine junge TÄNZERIN (Solotänzerin)
HAUSHOFMEISTER (Bass)
Acht DIENER (4 Tenor, 4 Bass)
Drei MUSIKER

Ort

Ein Schloss in der Nähe von Paris

Zeit

Etwa um 1775, zur Zeit, als Gluck sein Reformwerk der Oper begann

Strauss, Richard

Strauss, Richard (Georg)
11.6.1864 München - 8.9.1949 Garmisch-Partenkirchen


Bühnenwerke
mit Datum/Ort der Uraufführung:

Guntram (10.5.1894 Weimar)
Feuersnot (21.11.1901 Dresden)
Salome (9.12.1905 Dresden)
Elektra (25.1.1909 Dresden)
Der Rosenkavalier (26.1.1911 Dresden)
Ariadne auf Naxos (25.10.1912 Stuttgart)
Ariadne auf Naxos [rev] (4.10.1916 Wien)
Die Frau ohne Schatten (10.10.1919 Wien)
Intermezzo (4.11.1924 Dresden)
Die ägyptische Helena (6.6.1928 Dresden)
Arabella (1.7.1933 Dresden)
Die ägyptische Helena [rev] (14.8.1933 Salzburg)
Die schweigsame Frau (24.6.1935 Dresden)
Friedenstag (24.7.1938 München)
Daphne (15.10.1938 Dresden)
Guntram [rev] (29.10.1940 Weimar)
Die Liebe der Danae (1940; 14.8.1952 Salzburg)
Capriccio (28.10.1942 München)
rev = Bearbeitung



EINZIGER AKT
Zur Feier ihres Geburtstages hat Gräfin Madeleine den Musiker Flamand und den Dichter Ollvier in ihr Schloss geladen. Durch ein Fenster im Salon beobachten die beiden ihre Gastgeberin, die mit geschlossenen Augenlidern einem Streichsextett, das Flamand komponiert hat, zuhört. Auch ein Theaterdirektor ist anwesend, weil ein Schauspiel von Ollvier vorbereitet werden soll. Musiker und Dichter lieben die Gräfin und ereifern sich über die Frage, ob Wort oder Musik den Vorrang hat: »Prima la musica, dopo le parole oder Prima le parole, dopo la musica«. Der Theaterdirektor mischt sich ein, hält aber nichts von solchen Auseinandersetzungen. Die Gräfin, begleitet von ihrem Bruder, tritt ein, auch sie weiss nicht, welcher Muse sie den Vorzug geben soll und ob sie sich für Flamand oder Olivier entscheiden könnte. Der Graf hat es leichter, er liebt Clairon, eine berühmte Schauspielerin, die an diesem Tag zur Probe erwartet wird. Clairon trifft ein und beginnt mit dem Grafen zu spielen. Auch dieser ist ein gewandter Schauspieler und rezitiert aus dem neuen Stück ein Sonett, an dem sich Flamands Phantasie entzündet. Der Musiker eilt ins Nebenzimmer, um zu komponieren; inzwischen macht Ollvier der Gräfin vergebens eine Liebeserklärung. Flamand kehrt zurück und singt Oliviers Gedicht als Lied. Die Gräfin ist von beiden Werken begeistert und will sie gern als Geschenk annehmen. Als Ollvier fortellt, um bei der Probe seines Stückes dabei zu sein, erklärt Flamand der Gräfin seine Liebe und wird zu einem Rendezvous auf den nächsten Tag um elf Uhr in die Bibliothek bestellt. Nachdem sich alle wieder im Salon versammelt haben, erfreuen eine Tänzerin und italienische Sänger mit ihrer Kunst. Die Diskussion um die Vorherrschaft der Künste flammt wieder auf, doch der Theaterdirektor meint, dass sich alle Künste unterzuordnen hätten und verlangt, Werke zu schreiben, die echte und wahre Menschen darstellen. Die Gräfin fordert Flamand und Ollvier auf, eine Oper zu verfassen, in der die heute besprochenen Probleme in Wort und Ton geschildert werden. Während der Graf von dieser Idee nicht überzeugt ist, sind die Künstler begeistert und reisen sofort nach Paris ab. Die Gräfin bleibt allein zurück. Als der Haushofmeister meldet, dass Olivier am folgenden Tag um elf in der Bibliothek auf sie warte, fällt ihr ein, Flamand um dieselbe Zeit dorthin bestellt zu haben; weil die beiden Künstler offenbar unzertrennlich sind, kann sich auch die Gräfin nicht entschliessen, sich für einen zu entscheiden, denn: "Wählt man einen, verliert man den anderen.«


L’opera, ambientata in un castello presso Parigi, «al tempo della riforma di Gluck» (avverte il libretto), si presenta, appunto, come una diffusa, ‘capricciosa’ discussione sui problemi del teatro: la contessa, padrona di casa, gli artisti Flamand e Olivier, il direttore del teatro, l’attrice Clairon discettano amabilmente di Gluck e del suo recitativo accompagnato, di Lully e Rameau, di Goldoni, di Diderot, di fine del bel canto italiano, di musica e danza, di messinscena, e soprattutto della superiorità o meno della musica rispetto alla poesia, materia, da sempre, motivo di riflessioni e polemiche tra compositori e librettisti. Ma parallelamente allo snodarsi della conversazione, vive un intreccio sentimentale che di quella contesa culturale è la concreta proiezione: il poeta e il compositore sono entrambi innamorati della contessa Madeleine. Olivier, in segno di affetto, le dedica un sonetto, che il rivale Flamand subito riveste di musica, e il brano diviene così l’emblema dell’indissolubilità delle due arti (Wort und Ton), ma anche il segno dell’incertezza, della non-volontà della donna a decidere fra i due spasimanti: sarà questo il tema del monologo della contessa che, musa ispiratrice di quel sonetto divenuto ormai cosa sua, alla fine dell’opera, rimanda la scelta tra il poeta e il musico al domani. E quando il dibattito, fra l’altro, si accende intorno al ridicolo di un’ennesima rappresentazione mitologica, ‘La nascita di Atena’, Strauss si fa portatore di una geniale, molto novecentesca controproposta (come già in Goldoni, come in Pirandello): soggetto di una nuova opera saranno le vicende di quella giornata vissute da tutti i presenti, cui il pubblico ha assistito. In questa trama raffinata e sottilmente intellettuale, sono anche inseriti numerosi episodi ‘di ripieno’, che offrono materiale alla discussione: il bellissimo sestetto per archi, che apre l’opera a mo’ di preludio e su cui gli ospiti iniziano a parlare; i ballerini che si esibiscono in varie danze; i due cantanti italiani che intonano un duetto amoroso del Metastasio e poi lo sviliscono sostituendone le parole.

Personen:
DIE GRÄFIN (Sopran)
DER GRAF, ihr Bruder (Bariton)
FLAMAND, ein Musiker (Tenor)
OLIVIER, ein Dichter (Bariton)
LA ROCHE, Theaterdirektor (Bass)
CLAIRON, Schauspielerin (Alt)
MONSIEUR TAUPE (Tenor)
Eine ITALIENISCHE SÄNGERIN (Sopranr)
Ein ITALIENISCHER SÄNGER (Tenor)
Eine junge TÄNZERIN (Solotänzerin)
HAUSHOFMEISTER (Bass)
Acht DIENER (4 Tenor, 4 Bass)
Drei MUSIKER


Die Werke von Richard Strauss geniessen bis auf weiteres den Schutz des Copyrights
© 1933 Richard Strauss
© 1994 Fürstner Musikverlag GmbH, Mainz

Die nachfolgende Wiedergabe des Librettos geschieht mit freundlicher Genehmigung
der Urheberrechtsgemeinschaft Dr. Richard Strauss
(für die Gebiete Deutschland, Danzig, Italien, Portugal und die Nachfolgestaaten der UdSSR ausser Estland, Lettland und Litauen)
for all other countries: Boosey & Hawkes Music Publishers Ltd.

EINZIGER AKT

ERSTE SZENE

GARTENSAAL EINES ROKOKOSCHLOSSES

Der vordere Teil des Saales weitet sich rechts und links zu halbrunden geräumigen Nischen, deren Wandarchitektur teilweise mit Spiegeln verkleidet ist. Einige zwanglos gestellte bequeme Sitzmöbel. Kerzenbeleuchtung an den Wänden. Zur Mitte, in den schmäleren Teil des Saales, führen zwei Stufen hinauf. In der linken Seitenwand ist die Tür zum Speisesaal. In der rechten Seitenwand führt eine Tapetentür auf die Bühne des Schlosstheaters. An derselben Wand weiter vorne stehen eine Harfe, ein Notenpult und, mehr zur Mitte des Raumes gerückt, ein Clavecin (Tafelklavier). Im Hintergrund hohe Fenstertüren, die auf eine Terrasse führen, mit Ausblick auf den Park. In den rückwärtigen Ecken wird der Saal durch Glastüren begrenzt. Dahinter erstrecken sich zu beiden Seiten galerieartige Räume mit Fenstern zur Terrasse. Links gelangt man zum Haupteingang des Schlosses, rechts in die Orangerie

Es ist früh am Nachmittag. Beim Aufgehen des Vorhangs und während des Anfangs der ersten Szene erklingt aus dem Salon links das Andante eines Streich-Sextetts. Es ist eine Komposition des Musikers Flamand, die soeben der Gräfin vorgespielt wird. Die Tür zum Salon ist geöffnet. Dichter und Musiker stehen nahe bei ihr. Sie hören aufmerksam zu und beobachten die Gräfin. Etwas mehr zur Mitte sitzt der Theaterdirektor in einem Armlehnstuhl. Er schlummert

FLAMAND
Bezaubernd ist sie heute wieder!

OLIVIER
Auch du?

FLAMAND
Mit geschlossenen Augen hört sie ergriffen -

OLIVIER
auf den schlafenden Direktor deutend
Auch dieser?

FLAMAND
Schweig, Spötter!

OLIVIER
Ihren strahlenden offnen - hört sie meine Verse geb ich entschieden den Vorzug.

FLAMAND
Auch du?

OLIVIER
Ich leugne es nicht.

FLAMAND
Da sind wir also -

OLIVIER
Verliebte Feinde -

FLAMAND
Freundliche Gegner

OLIVIER
Wort oder Ton?

FLAMAND
Sie wird es entscheiden!

OLIVIER
immer leise, aber bestimmt
Prima le parole - dopo la musica!

FLAMAND
heftig
Prima la musia- e - dopo le parole!

OLIVIER
Ton und Wort…

FLAMAND
... sind Bruder und Schwester.

OLIVIER
Ein gewagter Vergleich!

Das Sextett hinter der Szene schliesst. In diesem Augenblick erwacht der Theaterdirektor

DIREKTOR
Bei sanfter Musik schläft sich's am besten.

OLIVIER
auf den Direktor deutend
In solchen Händen liegt unser Schicksal!

DIREKTOR
Was wollt ihr? Ohne mich sind eure Werke - totes Papier!

FLAMAND
Mit dir sind ihre Autoren - gefesselte Sklaven!

DIREKTOR
Meine schönen Dekors?

FLAMAND
Öde Kulissen!

DIREKTOR
Mein Künstler malt für des Königs Oper!

FLAMAND
Da kann ich den Ritter Gluck nur bedauern.

DIREKTOR
Der unsere klassische »Iphigenie« mit seiner gelehrten Musik Überschüttet.

FLAMAND
Den prophetischen Nachfolger des grossen Corneille!

DIREKTOR
Keine Melodie behält man, kein Wort versteht man im Tumult des Orchesters!

FLAMAND
Seine Töne ergreifen -

OLIVIER
Dramatisch sein Atem -

DIREKTOR
Endlose Proben - monatelang. Und dann folgt der Durchfall des »Drame héroique«.

FLAMAND
Das Publikum teilt sich in feindliche Lager -

OLIVIER
Erregung der Geister -

DIREKTOR
spöttisch
Probleme - Reformen! Hört mir doch auf!

FLAMAND
Überfüllt das Theater -

OLIVIER
Durch Wochen nur ausverkaufte Häuser

DIREKTOR
Alles nur Mode! Die grosse Gesellschaft, sie sitzt in den Logen, gähnt gelangweilt und schwatzt. Sie beachtet allein die Pracht der Dekors und wartet voll Ungeduld auf die hohen Töne des beliebten Tenors. Es bleibt alles beim alten, wie bei den Opern Lullys und Rameaus. Nichts übertrifft die italienische Oper!

OLIVIER
spöttisch
Ihren schlechten Text?

DIREKTOR
Ihre gute Musik! Man lauscht voll Rührung dem Zauber der Arie, bewundert voll Staunen die Kunst der Sänger. Die Opera buffa ganz im besonderen, - Maestro Piccinni versteht seine Kunst - sie wird von arm und reich verstanden, sie unterhält und ergötzt auch den einfachen Mann.

FLAMAND
Höheres gilt es als Zeitvertreib!

OLIVIER
So wenig Verständnis -

FLAMAND
Ein Fachmann wie du!

DIREKTOR
Gestern traf ich den alten Goldoni. Er sass verstimmt im Café de Foi. »Eure Opern sind schrecklich«, rief er mir zu, »für die Augen ein Paradies, für die Ohren eine Hölle! Vergebens wartet man auf die Arien, sie klingen alle wie Rezitative! «

FLAMAND
Was soll uns das Urteil des Venezianers?

DIREKTOR
Er schreibt für sein Volk.

FLAMAND
ironisch
»Gondola - Gondola!«

OLIVIER
Er lässt Gewürzkrämer und Seifensieder auftreten.

DIREKTOR
Wie steht es bei uns? In fernste Druidenvergangenheit tauchen unsere Dichter, zu Türken und Persern, den Propheten der Bibel schweift ihre Phantasie. Wen soll das bewegen? Das Volk bleibt kalt und wendet sich ab. Es will auf der Bühne leibhaftige Menschen von Fleisch und Blut und nicht Phantome!

FLAMAND
geringschätzig
Du spielst für die Menge.

OLIVIER
Deine Truppe bevorzugt leichtfertige Schwänke.

DIREKTOR
Wir spielen nur Gutes! Ein geistreiches heiteres Vaudeville oder eine Opera buffa voll sprudelnder Laune. In der Komödie weibliche Grazie ...

OLIVIER
... zum Entzücken der älteren Kavaliere!

DIREKTOR
Eine schöne Heroine hast auch du nicht verschmäht!

FLAMAND
Schön ist Clairon, das weiss er am besten!

OLIVIER
Vorbei, vorbei ...

DIREKTOR
Eure zarte Beziehung scheint stark beschädigt.

OLIVIER
Doch noch immer bewundere ich ihr reiches Talent.

DIREKTOR
Bald wird der Graf nicht nur dieses bewundern. Zur heutigen Probe wird sie erwartet.

FLAMAND
Er wird mit ihr spielen?

DIREKTOR
Er will es versuchen,
zum Dichter ironisch
getragen von der Gewalt deiner Verse. Doch still! Die Gräfin erhebt sich,
zum Musiker
noch sichtlich bewegt von deiner Musik. War sie wirklich so schön? Schade, schade, ich habe sie verschlafen.

FLAMAND
in den Anblick der Gräfin versunken
Verträumt ihr Auge ...

OLIVIER
ebenso
Ein entzückendes Lächeln umspielt ihre Lippen-

DIREKTOR
leise
Eine bedeutende Frau -

OLIVIER
Voll Geist und Charme -

DIREKTOR
leise
und Witwe -
mit Betonung
Und Witwe! Sie kommen! Schnell dort in den Saal, die Bühne zu ordnen und alles zur Probe vorzubereiten. Jetzt beginnt meine Arbeit. Regie versteh' ich, das ist mein Metier. Regie die Lösung, Regie das Geheimnis! Sprechende Geste, mimischer Ausdruck - erstes Gesetz!

Alle drei ab in den Theatersaal


ZWEITE SZENE

Graf und Gräfin kommen aus dem Salon

GRÄFIN
Der Strom der Töne trug mich fort - fern in eine beglückende Weite!

GRAF
Das Spiel der Geigen umgaukelt das Ohr, mein Geist bleibt kalt.

GRÄFIN
Der gefürchtete Kritiker erhebt seine Stimme?

GRAF
Du liebst Musik. - Wie gefällt dir Flamand?

GRÄFIN
die Frage überhörend
Den heiteren Couperin lieb ich, du weisst es, doch zu flüchtig verrinnt mir sein leichtfertig Spiel. Rameau ist genial, - oft sing ich für mich: »Fra le pupille di vaghe belle ... « - doch unmanierlich und roh war sein Wesen. Wenn ich dran denke, missfällt er mir gründlich. Mein Genuss ist getrübt.

GRAF
Du musst den Menschen vom Werke trennen.

GRÄFIN
Wohl möchte ich -

GRAF
Doch du kannst nicht, ich sah es heute.

GRÄFIN
Mit geschlossnen Augen lauscht' ich den Tönen -

GRAF
Doch unter den Wimpern ein Blick auf den Autor?

GRÄFIN
Hier seh' ich vollkommne Harmonie. Gerne gesteh' ich -

GRAF
Wo Kunst und Natur in so hübschem Verein ...

GRÄFIN
Lass mir die Freude der schönen Erregung. Von mir nie Empfundnes entfloss den Tönen. Dunkle Gefühle dringen empor, bleiben sie stumm auch dem ahnenden Herzen!

GRAF
Was Musik nicht vermag, wird der Dichter dir sagen: Oliviers Stück ist vortrefflich.

GRÄFIN
Ein so eifriges Lob, mein skeptischer Bruder?
Die, schöne Mittlerin, die du erwartest, ihr gilt

GRAF
Wie oft hast du selbst Clairon bewundert. Vor ihr verstummt jede Kritik. Mit ihr zu spielen macht mich befangen, denn heute sind die Rollen vertauscht. Heut' ist's der Mäcen, der der Nachsicht bedarf.

GRÄFIN
Was dem Partner fehlt, wird der »Graf« wohl ersetzen, und des Dichters Wort trägt bequem dich ans Ziel!

GRAF
Spotte nicht, Schwester! Du wirst zwiefach umworben! Wort oder Ton - wem neigst du dich zu?

GRÄFIN
Nicht will ich denken, nur lauschend geniessen.

GRAF
Frau Gräfin, Frau Gräfin, wohin führt der Weg?

GRÄFIN
Der Eure, Herr Graf, führt zum Abenteuer!

GRAF
Heute ein gnädiger Blick für den einen - Morgen ein Lächeln der Huld für den andern.

GRÄFIN
Im Herzen ein Echo dem Lockruf des Geistes.

GRAF
Der Dichter wirbt stärker!

GRÄFIN
Sorg du für dich selbst.

GRAF
Nur Flücht'ges gefällt mir.

GRÄFIN
Wer kennt sein Schicksal?

GRAF
Neugierig bin ich, wie du entscheidest.

GRÄFIN
Wohl für keinen von beiden, denn hier zu wählen, hiesse verlieren.

GRAF
Leicht zu verlieren,
leicht zu gewinnen,
Schönheit des Lebens -
wahrer Gewinn!

GRÄFIN
Sorgend gewinnen,
liebend behalten,
Wahrheit des Lebens -
schönster Gewinn!

GRAF
Heiter entscheiden,
sorglos besitzen,
Glück des Augenblicks
Weisheit des Lebens!

GRÄFIN
Freudig erkennen,
innig gewähren,
seliger Augenblick -
Glück des Lebens!


DRITTE SZENE

Der Theaterdirektor, Flamand und Olivier treten wieder ein

DIREKTOR
Die Bühne ist fertig, wir können beginnen. Das Programm für die Geburtstagsfeier der gnädigen Gräfin ist entworfen. In edlem Wettstreit wollen wir uns überbieten: Da ist die berauschende Sinfonia unseres jungen Flamand.

GRAF
auf den Dichter deutend
Dann sein Drama, in dem ich die Rolle des Liebhabers spiele.

GRÄFIN
Als feuriger Schwärmer oder als Held?

DIREKTOR
Und schliesslich ein Opus aus meiner Werkstatt.

FLAMAND
Wahrscheinlich wieder ein dramatisiertes Proverbe mit eingelegten Arietten und Couplets!

DIREKTOR
Nein, nein, keineswegs! Eine grosse »azione teatrale« meiner gesamten Truppe. Ein Huldigungsfestspiel! Ich will nichts verraten überInhalt und Titel ...

OLIVIER
ironisch
Ein düstres Geheimnis!

DIREKTOR
Die erhabensten Bilder, das schönste Ballett! Auch Sänger der italienischen Oper werden Sie diesmal hören. Stimmen, Frau Gräfin, Sie werden staunen! Ihre perlenden Läufe, ihre hohen Triller! Des Tenors hohe Töne - ein strahlender Glanz!

FLAMAND
Musik nur als Vorwand!

DIREKTOR
So spricht nur der Neid. Der Erfolg entscheidet!

OLIVIER
Alberne Verse -

DIREKTOR
Wer hört auf die Worte, wo Töne siegen!
In diesem Augenblick fährt durch die Auffahrt des Parks ein Reisewagen vor, in dem die berühmte Schauspielerin Clairon ankommt

GRAF
durch die Glastüren in den Park blickend
Da ist sie! Ich eile, sie zu begrüssen.


VIERTE SZENE

OLIVIER
zum Direktor
Sie ist doch gekommen! Du hast es erreicht.

GRÄFIN
hinausblickend
Die berühmte Tragödin im Reise-Kostüm!

DIREKTOR
zu Olivier
Das Ergebnis meines impetuosen Drängens.

FLAMAND
Könnte sie auch singen, wäre sie unwiderstehlich!

OLIVIER Wie soll ich dir danken!
Der Graf ist mit Clairon eingetreten und stellt sie der Gräfin vor

GRAF
Melpomenens Priesterin, die göttliche Clairon!

GRÄFIN
artig
Wie oft habe ich Euch auf der Bühne bewundert.

DIREKTOR
mit Pathos
Andromache, Phädra, Medea, Roxane!

CLAIRON
zum Direktor
Du erschwerst meinen Auftritt, mein lieber La Roche.
zur Gräfin
Ich fürchte, Frau Gräfin, Sie werden nach dieser Einführung von meinem Dialog enttäuscht sein.

GRÄFIN
sehr höflich
Sie unterschätzen den Reiz, aus Ihrem Mund Worte zu hören, die nicht an ein Versmass gebunden sind. Ihr natürlicher Vortrag wird auch im wirklichen Leben triumphieren.

CLAIRON
Wenn wir in unsrer Welt des Scheins der Wirklichkeit zu nahe kommen, so ist die Kunst in Gefahr, sich die Flügel zu verbrennen.
zum Dichter
Haben Sie Ihr Gedicht vollendet, Olivier? Meine Rolle bricht an der interessantesten Stelle ab. - Ist es nun eine Sache der Galanterie oder des Herzens, dass Sie uns die Liebesszene so lange verschweigen?

OLIVIER
mit einem Blick auf die Gräfin
Durchaus eine Sache der Inspiration, verehrte Clairon. Der heutige Morgen liess mir noch ein schönes Sonett zufliegen.

GRAF
Sein Stück ist fertig, hier das Manuskript.

CLAIRON
So machen Sie uns doch mit der jüngsten Eingebung unseres Dichters bekannt, lieber Graf, und geben Sie uns dabei gleich eine Probe Ihres rhetorischen Talentes.

GRAF
Aus Begeisterung für den Autor will ich Sie über die Grenzen dieses Talentes nicht länger im unklaren lassen!

Clairon und der Graf deklamieren aus dem Theaterstück des Dichters. Sie lesen aus ihren Rollen. Clairon beginnt

CLAIRON
Ihr geht.
Entliess Euch schon die Macht,
die Euch an meine Spur gebunden,
der Weg, der Euch herangebracht, ist er so leicht zurückgefunden?
Dies Auge, das auf mir geruht
in glückerfülltem, stillen Feuer,
sprüht Blitze schnell vor Übermut
nach unruhvollem Abenteuer!

GRAF
Ich geh.
Doch da ich gehen muss,
den Feind im Streite zu erreichen,
Entbiet' ich Euch zum Abschiedsgruss
der ungeteilten Treue Zeichen:
der Seele Glut zum sichern Pfand,
ein liebend Herz zum Angebinde, -
und wahre Kopf mir nur und Hand,
dass schnell und stark ich überwinde.

CLAIRON
Doch bunte Welt, bewegt und gross,
entrückt Euch abgelebten Zeiten ...

GRAF
0 Göttin, nur in Euren Schoss
wird Kampf und Sieg mich heimgeleiten.

CLAIRON
Wie rasch nach andrem Ihr verlangt!
Begier ist Nahrung dem Vergessen.
Vor dem, wonach Ihr sehnend bangt,
verblasst, was liebend Ihr besessen.

GRAF
Welch Bangen, Sehnen, welch Begehren
Verglimmte nicht im Flammenschein,
den Ihr entfacht!

CLAIRON
Das sollt Ihr schwören,
und lasst des Schwurs mich Zeuge sein!

GRAF
Kein Andres, das mir so im Herzen loht,
Nein, Schöne, nichts auf dieser ganzen Erde,
Kein andres, das ich so wie dich begehrte,
Und käm' von Venus mir ein Angebot.

Dein Auge beut mir himmlisch-süsse Not,
Und wenn ein Aufschlag alle Qual vermehrte,
Ein andrer Wonne mir und Lust gewährte, -
Zwei Schläge sind dann Leben oder Tod.

Und trüg' ich's fünfmalhunderttausend Jahre,
Erhielte ausser dir, du Wunderbare,
Kein andres Wesen über mich Gewalt.

CLAIRON
den Grafen, der sehr in Feuer geraten ist, unterbrechend

Bravo, Bravo! Sie sind wirklich kein Laie. Ich bin fest entschlossen, zu Ihrem theatralischen Talent in nähere Beziehung zu treten.

Sie nimmt das Manuskript und überreicht es in feierlich-zeremonieller Weise dem Direktor

Hier nimm das Drama
und setz es in Szene!
Bestimm unsren Auftritt,
Prüf unsre Geste!
Geleit uns zur Probe
und sei unser Mentor!

DIREKTOR
auf ihren Ton eingehend, bläht sich auf
Der Theatersaal ist hell erleuchtet.
Folgt mir, ihr Freunde!
zum Dichter, der folgen will, mit Grabesstimme
Du bleibst!
Mein Zartgefühl verbietet mir, dem Autor zu erlauben, bei der szenischen Einrichtung seines Stückes zugegen zu sein. Harre und vertraue!

CLAIRON
Schon küsst ihn die Muse!

DIREKTOR
Ungehemmt und ohne Fessel sei das Walten meiner Phantasie!

CLAIRON
Mein lieber La Roche, Du bist ein Genie!
Direktor ab in den Theatersaal, Clairon folgt ihm am Arme des Grafen

GRÄFIN
dem Grafen nachblickend
Ein Philosoph schreitet seiner Bekehrung entgegen.

FLAMAND
Er deklamierte eindringlich und recht natürlich.

GRÄFIN
zum Dichter
Der Liebhaber in Eurem Theaterstück drückt seine Gefühle für die Angebetete wahrhaft erschöpfend aus.

OLIVIER
Der Vortrag des Grafen war eine Improvisation an eine falsche Adresse. Gestattet, dass ich den Missbrauch wende!
Er wendet sich zur Gräfin und rezitiert sein Sonett
Kein andres, das mir so im Herzen loht,
Nein, Schöne, nichts auf dieser ganzen Erde,
Kein andres, das ich so wie dich begehrte,
Und käm' von Venus mir ein Angebot.

GRÄFIN
Eine schnöde Methode, die angeredete Person nach Belieben zu vertauschen!

OLIVIER
fährt fort, ohne sich im Ausdruck unterbrechen zu lassen
Dein Auge beut mir himmlisch-süsse Not,
Und wenn ein Aufschlag alle Qual vermehrte,
Ein andrer Wonne mir und Lust gewährte, -
Zwei Schläge sind dann Leben oder Tod.

Der Musiker geht hier an das Clavecin und beginnt auf diefolgenden Worte die Melodie eines Liedes zu improvisieren

Und trüg' ich's fünfmalhunderttausend Jahre,
Erhielte ausser dir, du Wunderbare,
Kein andres Wesen über mich Gewalt.
Durch neue Adern müsst' mein Blut ich giessen,
In meinen, voll von dir zum Überfliessen,
Fänd' neue Liebe weder Raum noch Halt.

GRÄFIN
Ein schönes Gedicht! Wie eine Feuergarbe schlägt es empor. Doch wie grausam geht Ihr mit ihm um! Ihr gebt es fremden Ohren preis und verlangt, dass ich Zutrauen zu ihm gewinne. Ach! Man sollte Liebesschwüre nicht öffentlich vortragen. Finden Sie nicht auch, Flamand?

FLAMAND
Seine Verse sind von vollendeter Schönheit.
Schon höre ich sie als Musik in mir.
Er eilt ab in den Salon links vorne

OLIVIER
dem Musiker nachrufend
Was tust du, was willst du?


FÜNFTE SZENE

GRÄFIN
Lassen Sie ihn gewähren. Wie Sie sehen, ist auch Musik eine Sache der Inspiration.

OLIVIER
will dem Musiker nacheilen
Mein Sonett, mein schönes Sonett!

GRÄFIN
Stören Sie ihn nicht! Was kann er Böses tun?

OLIVIER
Schrecklich, ich fürchte, er komponiert mich.

GRÄFIN
Ist das so schlimm? Wartet doch ab.

OLIVIER
Neue Entstellung! Er zerstört meine Verse.

GRÄFIN
Vielleicht schenkt er ihnen höheres Leben.

OLIVIER
Mein schönes Gedicht, mit Musik übergossen!

GRÄFIN
So voller Besorgnis um Eure Verse? Jetzt in dem Augenblick, wo wir allein? Habt Ihr mir nichts in Prosa zu sagen?

OLIVIER
Meine Prosa verstummt.
stürmisch auf sie eindringend
Ihr wisst, dass ich glühe -

GRÄFIN
Bedenklicher Zustand! Fasst mich nicht an! Ein wenig Geduld würd' ich herzlich begrüssen.

OLIVIER
Immer Geduld - niemals Erfüllung!

GRÄFIN
ruhig
Hoffnung ist süss, Gewährung vergänglich.

OLIVIER
So darf ich hoffen? Soll nicht fürchten?

GRÄFIN
Jegliches Feuer braucht stete Bewegung, soll es bestehen. Ein Brand ist die Liebe! Ohne Hoffen oder Fürchten erlischt ihr Leben.

OLIVIER
Ihr quält mich, Madeleine! Euer leuchtendes Auge macht mich zum Sklaven nur eines Gedankens: Mit all meinem Fühlen und all meinem Dichten Euer Herz zu erobern!

GRÄFIN
Auch er wirbt da drinnen - seht doch hin - am Schreibtisch … Die Feder fliegt!

OLIVIER
Der Töne Sprache wollt Ihr verstehen?

GRÄFIN
Dunkle Träume wecken sie - unaussprechlich - Ein Meer von Empfindung - beglückend schön!

OLIVIER
Wachen Geistes innre Klarheit - denkt Ihr wirklich davon gering?

GRÄFIN
Die Worte der Dichter schätze ich hoch -, doch sagen sie nicht alles, was tief verborgen.

OLIVIER
Ihr weicht mir aus, bekennt doch offen: eine schlanke Gestalt, ein glattes Gesicht wecken die Sinne und haben den Vorrang vor Geist und Witz!

GRÄFIN
Eine nüchterne Weisheit! Doch Ihr vergesst, dass hier männliche Anmut gepaart mit Talent.

OLIVIER
Ein entwaffnender Einwand. Habt doch Erbarmen!

GRÄFIN
Mit Euch? - Mit ihm? Mit zweien zugleich?

OLIVIER
So krönt den Sieger!

FLAMAND
(mit einem Notenblatt in der Hand hereinstürzend, hat die letzten Worte gehört)
Hier ist er!
setzt sich ans Clavecin

GRÄFIN
Wir hören ...


SECHSTE SZENE

Flamand singt und spielt das soeben von ihm komponierte Sonett

SONETT

FLAMAND
Kein andres, das mir so im Herzen loht,
Nein, Schöne, nichts auf dieser ganzen Erde,
Kein andres, das ich so wie dich begehrte,
Und käm' von Venus mir ein Angebot.

Dein Auge beut mir himmlisch-süsse Not,
Und wenn ein Aufschlag alle Qual vermehrte,
Ein andrer Wonne mir und Lust gewährte
Zwei Schläge sind dann Leben oder Tod.

Und trüg' ich's fünfmalhunderttausend Jahre,
Erhielte ausser dir, du Wunderbare,
Kein andres Wesen über mich Gewalt.

Durch neue Adern müsst' mein Blut ich giessen,
In meinen, voll von dir zum Überfliessen,
Fänd' neue Liebe weder Raum noch Halt.

TERZETT

GRÄFIN
gleichzeitig
Des Dichters Worte, wie leuchten sie klar!

OLIVIER
Ich wusste es ja, er zerstört meine Verse.

GRÄFIN
Doch was er selbst nicht geahnt, der andere vollbringt's. Wo liegt der Ursprung?

OLIVIER
Das schöne Ebenmass ist dahin.

GRÄFIN
Haben ihm die Worte die Melodie vorgesungen? War diese schon harrend bereit, die Worte liebend zu umfangen? Trägt die Sprache schon Gesang in sich, oder lebt der Ton erst getragen
von ihr? Eins ist im andern und will zum andern. Musik weckt Gefühle, die drängen zum Worte. Im Wort lebt ein Sehnen nach Klang und Musik.

OLIVIER
gleichzeitig
Vernichtet der Reim - die Sätze zerstückelt, willkürlich zerlegt in einzelne Silben, in kurz und lang ausgehaltene Töne! Sie nennen es »Phrase«, die Herren Musikanten! Wer achtet nun noch auf den Sinn des Gedichts? Die schmeichelnden Töne, sie triumphieren! Der Glückliche! Auf meiner Worte Stufen steigt er zu leichtem Sieg.

GRÄFIN
zum Dichter
Wie schön die Worte, kaum kenn' ich sie wieder! Wie innig ihr Ausdruck und stürmisch ihr Werben! Nun, Olivier, Sie schweigen - Sie denken?
ruhig
Sind Sie mit meiner Kritik nicht zufrieden?

OLIVIER
Ich überlege, ob das Sonett nun von ihm ist oder von mir. Ist es nun ihm eigen, oder noch mein?

GRÄFIN
Wenn Sie erlauben, gehört es jetzt mir! Als schönes Geschenk des heutigen Tages.

FLAMAND
enthusiastisch
Es ist für ewige Zeit nur für Sie!
Olivier erhebt sich unwillig
Deiner Verse Licht scheint mir heller zu strahlen!

OLIVIER
Du raubst meine Worte und schmeichelst dem Ohr!

GRÄFIN
In edler Melodie der schöne Gedanke - Ich denke, es gibt keinen besseren Bund!
zum Dichter
Wie immer Sie sich auch wehren, lieber Freund:
zu beiden
Unzertrennlich seid Ihr vereint in meinem Sonett!

DIREKTOR
tritt eilig ein
Verzeiht mir, Frau Gräfin, ich muss ihn entführen. Wir brauchen den Autor sogleich auf der Probe - sein Einverständnis zu einer Kürzung.
zum Dichter
Ein genialer Strich aus meiner Feder bringt deinem Stück verblüffende Wirkung!

OLIVIER
La Roche als Chirurg - nun wird's gefährlich!

DIREKTOR
im Abgehen
Das Kind deiner Muse ist wohlgebaut. Nur ein Arm ist zu lang.

OLIVIER
Ich kenn' deinen Vorschlag: Du schneidest ein Stück ab, und die Hand ist weg.
lachend ab mit dem Direktor


SIEBENTE SZENE

FLAMAND
allein mit der Gräfin
Verraten hab' ich meine Gefühle! Von Eurer Schönheit geblendet steh ich vor Euch und erwarte mein Urteil.

GRÄFIN
Ihr beide verwirrt mich, ich zweif le, ich schwanke...

FLAMAND
Entscheidet, entscheidet: Musik oder Dichtkunst? Flamand, Olivier - wem reicht Ihr den Preis?

GRÄFIN
Schon war ich im Bann Eurer holden Töne, sie siegten über das trockene Wort, da erwecket Ihr dieses zu klingendem Leben ... So innig verbunden Eure Künste!

FLAMAND
Ihr selbst seid die Ursache dieser Verstrickung -

GRÄFIN
Alles verwirrt sich -, Worte klingen, Töne sprechen -

FLAMAND
... dass ich Euch liebe! Diese Liebe, plötzlich geboren an jenem Nachmittag, als Ihr eintratet in Eure Bibliothek -Ihr saht mich nicht... Ein Buch nahmt Ihr in Eure schönen Hände. Ich sass versteckt in einem Winkel, lautlos - hielt den Atem an und wagte nicht, mich zu regen. Seite um Seite sah ich Euch lesen ... Dämm'rung brach herein - Verzaubert trank ich Euer Bild und schloss die Augen. - Musik rauschte in mir, unerlöst im Taumel meiner Empfindung. Als ich die Augen aufschlug, wart Ihr verschwunden. - Nur das Buch, in dem Ihr gelesen, lag noch an seinem Platz - aufgeschlagen, wie Ihr es verlassen. Ich nahm es auf und las im Zwielicht: »In der Liebe ist das Schweigen besser als reden. Es gibt eine Beredsamkeit des Schweigens, die durchdringender ist als Worte es sein können. « Pascal Lange blieb ich und spürte noch die Nähe Eurer Gedanken - da wurde es dunkel - ich war allein. - Seit jener Stunde bin ich ein anderer. Ich atme nur noch in Liebe zu Euch!

GRÄFIN
nach einer kleinen Pause
Und jenen Spruch, Ihr beherzigt ihn wenig. Warum nehmt Ihr zu Worten Eure Zuflucht? Ihr borgt von Eurem Freund, vertauscht die Rollen.

FLAMAND
Erklingen hörtet Ihr meine Lieben, doch die Töne, sie fanden den Weg nicht zu Eurem Herzen.

GRÄFIN
Sie erzählten beredsam von Eurem Empfinden.

FLAMAND
So tat ich recht, mein Geständnis zu wagen?

GRÄFIN
»Das Glück der Liebe, die man nicht zu gestehen wagt, hat Dornen, aber auch Süsse. « Pascal

FLAMAND
Ihr zitiert jenes Buch und weicht mir aus. Um Antwort bitt' ich, vernichtende oder beseligende Antwort! Gewährt mir ein Zeichen, ein Wort nur...

GRÄFIN
Nicht jetzt, Flamand, nicht hier!

FLAMAND
Wann?! Wo?!

GRÄFIN
Dort oben, wo Eure Liebe geboren -

FLAMAND
In der Bibliothek, noch heute!

GRÄFIN
Nein, nein, morgen -

FLAMAND
Morgen früh?

GRÄFIN
Morgen mittag um elf.

FLAMAND
Madeleine!
er drückt stürmisch einen Kuss auf ihren Arm und stürzt ab. Die Gräfin bleibt allein zurück, sie ist sichtlich bewegt. Sie blickt Flamand nach und setzt sich nachdenklich in einen Armlehnstuhl. Die Probe im Theatersaal nebenan geht weiter. Man hört Clairon deklamieren, den Grafen antworten, Zwischenrufe des Direktors. Der Souffleur wird angerufen. Er ist eingeschlafen. Heiterkeit. Alles mehr oder weniger undeutlich. - Durch das Gelächter im Theatersaal wird die Gräfin aus ihrer nachdenklichen Stimmung gerissen, sie erhebt sich und klingelt

GRÄFIN
zum eintretenden Haushofmeister
Wir werden die Schokolade hier im Salon einnehmen.
Haushofmeister ab


ACHTE SZENE

Der Graf tritt aus dem Theatersaal sehr lebhaft ein

GRAF
begeistert
Welch' köstliche Begegnung! Sie ist reizend -, bezaubernd!

GRÄFIN
ihn verspottend
»Nur Flücht'ges gefällt mir!«

GRAF
Sie lobte meinen Vortrag, fand für mein Spiel begeisterte Worte.

GRÄFIN
Du fühlst dich bewundert und gibst dich gefangen. Eine süsse Schalmei sind die Worte der Schmeichler. Zu lieben geneigt, die uns bewundern, glauben oft wir zu lieben, die wir bewundern.

GRAF
Ein klarer Geist erkennt und beurteilt den Kreis aller Dinge.

GRÄFIN
Bezahl nicht zu teuer, gescheiter Bruder!

GRAF
So traust du mir zu im Spiel der Gefühle den Kopf zu verlieren?

GRÄFIN
Wenn man verliebt ist, so urteilt das Herz!

GRAF
Torheit wär' es zu widerstehen, wo Geist und Schönheit so strahlend regieren.

GRÄFIN
So huldige der Schönheit, du kennst ihren Wert. Meine Lage ist ernster! Denk nur, schon haben die beiden mir ihre heftige Liebe erklärt.

GRAF
Das wird ja lustig! Was gab den Anlass?

GRÄFIN
Die Huldigung des Dichters.

GRAF
Das Sonett aus dem Drama?

GRÄFIN
Er trug es mir vor.

GRAF
Es bewegte dein Herz?

GRÄFIN
Nicht sehr -

GRAF
So liess es dich kalt?

GRÄFIN
Nicht mehr, hör doch nur, seit er -

GRAF
Wer? Flamand?

GRÄFIN
Seit er's komponiert!

GRAF
Wie? Er hat das Sonett komponiert!

GRÄFIN
Zum Entsetzen des Dichters.

GRAF
Und was sagt Olivier?

GRÄFIN
Er schien verdriesslich, dann wurde er nachdenklich. Er war sichtlich bewegt, verblüfft jedenfalls.

GRAF
in höfisch galantem Ton
Und die beiden vereint -

GRÄFIN
auf seinen Ton eingehend
bestürmen mein Herz!

GRAF
Was soll daraus werden?

GRÄFIN
Vielleicht gar - eine Oper!

GRAF
Eine Oper? Charmant! Meine Schwester als Muse!

GRÄFIN
Erspar dir dein Spotten! Triff du, lieber Bruder, da eine Wahl!

GRAF
Wort oder Ton - Ich bleibe beim Wort.

GRÄFIN
Viel Glück bei Clairon!

GRAF
mit einer galanten Verbeugung
Venus - Minerva in einer Person.


NEUNTE SZENE

Clairon, Direktor und Dichter treten fröhlich gelaunt aus dem Theatersaal auf. - Der Musiker bald darauf von der anderen Seite

DIREKTOR
Wir kehren zurück in die Welt des Salons -

OLIVIER
Die Probe ist aus.

DIREKTOR
Wir wechseln das Zeitalter -

CLAIRON
... verwandeln uns aus sagenhaften Gestalten in Menschen, die nach den Gesetzen des Salons ihre Rollen spielen.

GRAF
zu Clairon
Nicht immer dankbare Rollen!

CLAIRON
Hängt das nicht sehr von den Stichworten ab?

GRÄFIN
Waren Sie mit ihrem Partner zufrieden?

CLAIRON
Er zeigte Esprit und Theatertalent. Denken Sie: Der Souffleur war eingeschlafen -

DIREKTOR
Ein schlechtes Zeichen für dein Drama!

OLIVIER
Dein Souffleur schläft immer!

CLAIRON
... und der Graf deklamierte weiter, voll Bravour und ohne aus seiner Rolle zu fallen. Ein seltener Fall von Geistesgegenwart.

GRAF
zu Clairon
Dürfen wir hoffen, dass Sie den heutigen Abend mit uns verbringen?

CLAIRON
Leider muss ich zurück nach Paris. Morgen ist grosses Fest im Palais Luxemburg. Wir spielen den »Tancred« des Herrn Voltaire. Ich habe noch fleissig zu memorieren. Wie Sie gesehen haben, kann der Souffleur auch einschlafen.

Der Haushofmeister tritt auf mit einigen Dienern. Diese beginnen auf einen Wink der Gräfin
Schokolade zu reichen


GRÄFIN
zu Clairon
Bevor Sie fahren, noch eine kleine Erfrischung.

DIREKTOR
Fast wären wie in einem Ozean von Versen ertrunken! Eine Tasse Schokolade wird uns erquicken. - Und nun, verehrte Frau Gräfin, während wir nach den Anordnungen Ihrer Regie diese Schokolade schlürfen, eine kleine Abwechslung für Auge und Ohr: Eine Tänzerin und zwei italienische Sänger!

GRÄFIN
Wir sind geneigt, uns daran zu erfreuen.
Auf einen Wink des Direktors treten aus dem Theatersaal eine junge Tänzerin und drei Musiker auf. Das Clavecin wird in den Hintergrund gerückt. Die Musiker gruppieren sich mit den Pulten um dasselbe. - Die Gräfin hat sich gesetzt - links vorne. In ihrer Nähe steh der Musiker. Rechts im Vordergrund Clairon. Der Dichter setzt sich alsbald zu ihr. - Die Tänzerin beginnt einen graziösen Tanz, von den Musikern auf der Bühne begleitet. - Während des Tanzes werden von den Dienern unauffällig Erfrischungen gereicht


I. TANZ
Passepied

DIREKTOR
spricht begeistert auf den Grafen ein, der mit grossem Interesse die Tänzerin beobachtet
Was sagt Ihr! Die personifizierte Grazie! Meine neueste Entdeckung! Ein kleines Mädchen aus der Picardie. Ich fand sie beim Vicomte
Er flüstert dem Grafen diskret den Namen ins Ohr
Er hielt sie bei sich verborgen!
Der'Graf betrachtet die Tänzerin mit neuem Interesse eingehend durch seine Lorgnette
Im richtigen Moment gelang es mir mit List, sie zu entführen. Sie wird jetzt in meiner Ballettschule erzogen. Oh! eine bedeutende Begabung! Ich prophezeie ihr eine grosse Zukunft in der nächsten Nähe des Königs. Morgen tanzt sie beim Prinzen von Conti im »Salon des quatre Glaces«. Seht mir, welch eine Beherrschung des Körpers! Und diese Jugend! Ein Traum! -

II. TANZ
Gigue

Das folgende Gespräch wird so geführt, dass die anderen es nicht hören; sie folgen mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit demvorgeführten Tanz

OLIVIER
setzt sich zu Clairon
Wie soll ich dir danken, dass du gekommen bist? Du sprichst meine Verse hinreissend!

CLAIRON
Ich bin fest entschlossen, auf keinen Fall mehr dein Entzücken zu erregen. Behalt sie bei dir, deine Komplimente.

OLIVIER
Soll zwischen uns nun für alle Zeit feindseliges Schweigen herrschen?

CLAIRON
Ein erspriesslicher Dialog dürfte nicht mehr aufkommen.

OLIVIER
Um so wahrscheinlicher dürfte ein solcher sehr bald zwischen dem Grafen und dir beginnen.

CLAIRON
Ein Wundervogel - ein Philosoph. Er setzt seiner Jugend eine Maske auf. Gegen maskierte Männer bin ich von jeher misstrauisch.

OLIVIER
Der Zauber deines Wesens wird auch ihn bestricken.

CLAIRON
Wenn du so gut die Zukunft weissagen kannst, so wirst du auch wissen, dass es zwischen uns nur eine Vergangenheit gibt.

OLIVIER
Eine sehr schöne Vergangenheit.

CLAIRON
energisch
Die mit einem grossen Krach geschlossen hat.
Sie erhebt sich
Der Vorhang ist gefallen!
Sie lässt ihn stehen und setzt sich zur Gräfin

DIREKTOR
der bemerkt hat, dass die beiden sich in Unfrieden getrennt haben, wendet sich zum Dichter
Na, ich glaube nicht, dass du in ihren Memoiren eine ansehnliche Rolle spielen wirst!


III. TANZ
Gavotte

GRAF
zur Tänzerin
Eure Kunst entzückt und begeistert mich. So wie das Denken unseren Geist vom Körper loslöst und uns in eine höhere Welt versetzt, so überwindet der Tanz die Erdenschwere. Der Körper scheint zu schweben, begleitet von bewegenden Tönen.

Die Tänzerin mit einem Knix ab in den Theater-saal. Der Direktor begleitet sie und kommt sofort wieder zurück
Und hier, lieber Freund Flamand, müssen Sie gestehen, ist Ihre Kunst nicht die Herrscherin, sondern nur
mit einem Dankeswink an die drei abgehenden Musiker
eine - allerdings köstliche - Beigabe.

FLAMAND
Ein bezaubernder Irrtum! Ohne Musik würde es niemand sich einfallen lassen, auch nur ein Bein zu heben.

FUGE

OLIVIER
Tanz und Musik stehen im Bann des Rhythmus, ihm unterworfen seit ewiger Zeit.

FLAMAND
Deiner Verse Mass ist ein weit stärkerer Zwang.

OLIVIER
Frei schaltet in ihm des Dichters Gedanke! Wer zieht da die Grenze zwischen Form und Gehalt?

FLAMAND
In irdischer Form ein Unfassbar-Höheres: Musik! Sie erhebt sich in Sphären, in die der Gedanke nicht dringt.

OLIVIER
Nicht in unfassbaren Klängen, in klarer Sprache forme ich meine Gedanken. Dies ist der Musik für immer verwehrt.

FLAMAND
Mein Gedanke ist die Melodie. Sie kündet Tieferes, ein Unaussprechliches! In einem Akkord erlebst du eine Welt.

DIREKTOR
Sie streiten sich um eine Rangordnung ihrer Künste. Verlorene Mühe! Im Bereich meiner Bühne dienen sie alle.

GRAF
Schon sind wir inmitten der Diskussion über das Streit-Thema unserer Tage.

FLAMAND
Musik ist eine erhabene Kunst! Nur unwillig dient sie dem Trug des Theaters.

GRÄFIN
Nicht Trug! Die Bühne enthüllt uns das Geheimnis der Wirklichkeit. Wie in einem Zauberspiegel gewahren wir uns selbst. Das Theater ist das ergreifende Sinnbild des Lebens.

DIREKTOR
Seine oberste Göttin: Phantasie. Ihr untertan alle Künste: Poesie, Malerei, Skulptur und Musik. Und wo wär' eure Sprache, was sind eure Töne ohne Deklamation und Gesang? Ohne die Darstellung durch den Akteur, den Zauber seiner Persönlichkeit, ohne sein Kostüm? He? Ohne seine Maske?

CLAIRON
Jawohl, ganz recht!

DIREKTOR
Ihr überschätzt euren Schreibtisch!

OLIVIER
Der dichtende Geist ist der Spiegel der Welt. Poesie ist die Mutter aller Künste!

FLAMAND
Musik ist die Wurzel, der alles entquillt. Die Klänge der Natur singen das Wiegenlied allen Künsten!

OLIVIER
Die Sprache des Menschen allein ist der Boden, dem sie entspriessen.

FLAMAND
Der Schmerzensschrei ging der Sprache voraus!

OLIVIER
Doch das Leid zu deuten vermag sie allein. Der wirklichen Tiefe des Tragischen kann nur die Dichtkunst Ausdruck verleihen. Nie kann sie in Tönen sich offenbaren!

GRÄFIN
Das sagt Ihr jetzt, in dem Augenblick, wo ein Genie uns lehrt, dass es eine musikalische Tragödie gibt?

GRAF
Halt! Noch einen Schritt und wir stehen vor dem Abgrund! Schon stehen wir der »Oper« Aug in Aug gegenüber.

GRÄFIN
Ein schöner Anblick, ich wag' es zu sagen.

CLAIRON
Etwas absonderlich, dieses Geschöpf aus Tönen und Worten.

GRAF
dazwischen rufend
Und Rezitativen! Und Rezitativen!

OLIVIER
Komponist und Dichter, einer vom andern schrecklich behindert verschwenden unsägliche Mühen, um es zur Welt zu bringen.

GRAF
Eine Oper ist ein absurdes Ding. Befehle werden singend erteilt, über Politik im Duett verhandelt. Man tanzt um ein Grab, und Dolchstiche werden melodisch verabreicht.

CLAIRON
Ich könnte mich damit befreunden, dass man in der Oper mit einer Arie stirbt. Warum aber sind die Verse immer schlechter als die Musik? Dieser verdanken sie doch erst die Kraft ihres Ausdrucks.

GRÄFIN
Bei Gluck ist es anders. Er führt die Dichter, er kennt die Leidenschaft unserer Herzen und er erweckt in jenen verborgene Kräfte.

OLIVIER
Auch bei ihm ist das Wort mir ein Stiefkind des Taktstocks.

FLAMAND
Nur bei ihm ist die Musik nicht mehr Dienerin! - Dem Worte ebenbürtig, singt sie mit ihm.

GRAF
Wenn nur die Rezitative nicht wären! Wer widerstünde der bleiernen Langeweile, die sie verbreiten?

OLIVIER
Endlos schleppen sie sich dahin.

GRAF
Sie haben weder die Süsse der Melodie noch denReiz der kraftvollen Rede.

FLAMAND
Eure Kritik trifft die Oper des alten Stils. Das »Accompagnato« unseres Meisters hat die Kraft des antiken Monologes. Der Reichtum des Orchesters macht es zu Höhepunkten in seinen Tragödien.

CLAIRON
Und die Arie? Soll sie verschwinden?

DIREKTOR
Das unheilbare Gebrechen unserer Opern ist der betäubende Lärm des Orchesters. Sein Brüllen und Toben verschlingt die Stimmen. Die Sänger werden gezwungen, zu schreien.

GRAF
Ob der Text gut oder schlecht, ist ohne Bedeutung. Niemand kann ihn verstehen.

DIREKTOR
Wo bleibt der Gesang, diese Gabe der Götter? Die menschliche Stimme, das Ur-Instrument, es wird vergewaltigt züi Sklavendiensten! Dahin die Tradition des alten italienischen Gesanges! Der Bel Canto liegt im Sterben!

CLAIRON
Ein dramatischer Tod!

OLIVIER
Seine prophetischen Worte scheinen mir stark übertrieben.

GRÄFIN
ironisch
Bevor sein Leben erloschen, lieber La Roche, lassen Sie uns Ihre Sänger hören! Wir wollen uns immerhin von der Lebenskraft der italienischen Gesangskunst ein Bild machen.

Der Direktor gibt ein Zeichen, worauf die italienische Sängerin und der italienische Tenor eintreten

FLAMAND
ironisch
Gib uns eine Probe deiner »dienenden« Kunst!

DIREKTOR
Sie hören ein Duett einer italienischen Oper nach einem Text des Metastasio.

GRÄFIN
Es wird die Debatte wohltuend beschliessen.
Die Sänger beginnen ihr Duett. - Der Graf bringt Clairon galant eine neue Tasse Schokolade und setzt sich zu ihr


DUETT DER ITALIENISCHEN SÄNGER

TENOR
Addio, mia vita, addio,
Non piangere il mio fato;
Misero non son'io:
Sei fida, ed io lo so.
Se non ti moro allato,
Idolo del cor mio,
Col tuo bel nome amato
Fra' labbri, io morirò.

SOPRAN
Se a me t'invola il fato,
Idolo del cor mio,
Col tuo bel nome amato
Fra' labbri, io morirä.

TENOR
Addio mia vita,

SOPRAN
addio.
Luce degli occhi miei.

GRÄFIN
Ein sehr heiteres »Addio«! Finden Sie nicht auch, Flamand? Der Text scheint nicht sehr zur Musik zu passen.

GRAF
Bravo! Bravo! Bei einer schönen Kantilene werden einem die Worte völlig gleichgültig.

FLAMAND
Es bleibt immerhin eine Kunst, auf eine heitere Melodie so grossen Schmerz auszudrücken.

OLIVIER
Diese Kunst hat einen Vorzug: Wir fühlen uns trotz des grausamenVorgangs angenehm getröstet.

TENOR
Quando fedel mi sei,
Che più bramar dovrò?

SOPRAN
Quando il mio ben perdei,
Che più sperar potrö?

TENOR
Un tenero contento
Eguale a quel ch'io sento,
Numi, i mai provò!

SOPRAN
Un barbaro tormento
Eguale a quel ch'io sento,
Numi, chi mai, provò?

TENOR
Addio, mia vita, addio!

SOPRAN
Addio luce degli occhi miei!
Freundlicher Beifall von allen Seiten. Die Gräfin lädt die beiden ein, einige Erfrischungen zu nehmen. - Graf und Clairon sind im Vordergrund sitzengeblieben

GRAF
Darf ich Sie nach Paris zurückbringen und dort noch ein wenig in Ihrer Gesellschaft sein?

CLAIRON
Ich muss meine Rolle für morgen studieren. Wollen Sie mich abhören?

GRAF
Ich will in allem Ihr Diener sein!

CLAIRON
Das sollten Sie nicht sagen.

GRAF
Warum nicht wenigstens sagen?

CLAIRON
Weil ich überzeugt bin, dass Sie selten das sagen, was Sie wirklich denken.

GRAF
So erraten Sie meine Gedanken?

CLARION
Halten Sie das für schwierig?

GRAF
Ihre Stichworte sind nicht immer leicht zu beantworten.

CLAIRON
Wenn es Ihre Weltanschauung nicht ins Wanken bringt, dürfen Sie mich begleiten.

GRAF
Sie machen mich glücklich!

CLAIRON
Sie haben einen schönen Geist. Ich bin nicht im Zweifel, dass Sie auch noch andere Gemeinplätze artig zu sagen vermögen.

GRÄFIN
kommt mit dem Direktor wieder nach vorne
Werden Ihre Neapolitaner auch bei meiner Geburtstagsfeier mitwirken?

DIREKTOR
Gewiss, gewiss, sie sind aber nur ein winziger Teil meines grossangelegten Programms.

OLIVIER
Vergeblich warten wir seit Tagen auf die Enthüllung deiner geheimnisvollen Pläne.

FLAMAND
Wir lechzen danach, endlich etwas zu erfahren.

GRÄFIN
So verraten Sie uns doch endlich Ihr grosses Programm!

DIREKTOR
Das Huldigungsfestspiel, die grandiose »azione teatrale« meiner gesamten Truppe, hat zwei Teile. Da ist zuerst die Darstellung einer erhabenen Allegorie: »Die Geburt der Pallas Athene.« Aus dem Kopf des Zeus wird sie geboren!

GRAF
Wie das?

DIREKTOR
So erzählt's die Legende: Nachdem er mit Metis das Kind gezeugt, verschlang er die Mutter...

GRAF
Wie? Er hat sie verschluckt?

FLAMAND und OLIVIER
Verschluckt?

GRÄFIN und CLAIRON
Verschluckt?

OLIVIER
Er schlingt sie hinunter wie ein Hecht, die zarte Geliebte ...

CLAIRON
Aus Liebe?

GRAF
Aus Liebe? Wie zärtlich!

GRÄFIN
Aus Liebe?

GRAF
Aus Hunger!

FLAMAND
Aus Angst vor Juno!

DIREKTOR
fährt fort
In ihm wächst die Tochter.

OLIVIER
Die Geliebte versteckt vor der eifersüchtigen Gattin!

CLAIRON
Ein kurioses Mittel, seine Seitensprünge zu verbergen! Ha! Ha!

DIREKTOR
Und als Kind seines Geistes steigt sie jäh empor aus dem Haupt des Gottes!

OLIVIER
Und Zeus?

DIREKTOR
In voller Rüstung - von Chören begrüsst!

FLAMAND
Ha! Ha!

OLIVIER
Ihm ist wohl bei solcher Entbindung!

DIREKTOR
Die Erde erbebt...

FLAMAND
Ein quälender Kopfschmerz ...

DIREKTOR
Die Sonne stelit still!

CLAIRON
Und die Mutter?

FLAMAND
... scheint ausser Frage!

CLAIRON
Wo bleibt sie?

DIREKTOR
Pauken und Zymbeln...

FLAMAND
Sie bleibt spurlos verschwunden!

DIREKTOR
... schildern die Erregung des Weltalls!

OLIVIER
Sie liegt ihm im Magen!

GRAF
Ein possierlicher Einfall!

OKTETT
I. Teil


Lach-Ensemble

GRÄFIN
Sie lachen ihn aus und er meint es so ernst. Seine Würde ist köstlich! Ha! Ha! Im Grunde ist er rührend, der alte Herr in seinem jugendlichen Feuer! Seine Phantasie treibt wundersame Blüten! Seine Naivität ist wirklich entzückend!

CLAIRON
Er ist wie immer originell in seinen Einfällen. Ein kühner Neuerer! Ha! Ha! Eine poetische Idee - in natura dargestellt! Hai Hai Er bringt Zeus in eine fatale Situation! Ha! Ha! Vaterfreuden besonderer Art! Ha! Ha! Bizarrer Gedanke! Ha! Ha!

GRAF
Ha! Ha! Er meint es ganz ernst! Diese Theaterleute sind ganze Narren! Ha! Ha! Sie leben im Mondlicht ihrer fixen Ideen! Ha! Ha! - Wie lächerlich! Sie fährt ihm in voller Rüstung aus dem Kopf. Hai Hai Ein possierlicher Einfall! - Als Geburtstagsüberraschung für meine Schwester! Ha! Ha!

DER ITALIENISCHE TENOR
Sie lachen ihn aus - er wird schlechter Laune. Was ist da zu tun?

DIE SÄNGERIN
Die Torte ist grossartig! Nimm, Gaetano!

DER TENOR
Ich glaube, wir kommen heute nicht mehr züi unserem Vorschuss.

DIE SÄNGERIN
Ich habe dir geraten, heute früh ihn zu fordern, vor unserer Fahrt hierher auf das Schloss.

DER ITALIENISCHE TENOR
Er war nie allein, wie sollt' ich es machen!!

DIE SÄNGERIN
Die Torte ist grossartig! Sie zerfliesst auf der Zunge! Nimm, Gaetano - - -

DER TENOR
Sie isst und isst und trinkt und isst!

DIE SÄNGERIN
Brüll nicht auf mich, Gatano' Die Torte ist grossartig! Nimm, teurer Freund. - *Und hier die Orangen! Sizilianische Früchte - ganz ohne Kerne. - Ein reines Vergnügen!

DER TENOR
brüllt sie an
Trink' nicht so viel vom spanischen Wein!

FLAMAND
Vor unseren Augen entschlüpft sie dem mäch-tigen Haupte Gottes! Ha! Ha! In vollerRüstung - mit Schild und Speer!! »Jäh steigt sie empor« - - mit Zymbeln und Pauken! Tschin! Tschin! - Bum! Bum! Tschin! Tschin! - Bum! Bum! »Die Sonne steht still!«

OLIVIER
Ha! Ha! Schon seh' ich die Wunder seiner Regie: Hephaistos tritt auf, der mächtige Schmied! Ha! Ha! Er schwingt den Hammer! Ha! Ha! Mit wuchtigen Schlägen ... Ha! Ha! Er spaltet ihn auf, den Schädel des Zeus, damit es empor kann, das göttliche Kind. . . Ha! Ha! ans Licht der Welt! - Die Frucht seiner Liebe! Ha! Ha! Es brummt ihm der Schädel - Er wird erlöst! Ha! Ha! und Chöre besingen die göttliche Entbindung! Ha! Ha!

DIREKTOR
Ich glaube, die beiden lachen mich aus! Auch der Graf ist recht heiter! Oberflächliche Weltleute! Sie machen sich lustig über die Mythologie! Die heutige Jugend - sie hat keine Ehrfurcht! Nichts ist ihr heilig. Atheistengesindel! Wahrhaftig - sie lachen! Kein Verständnis für meine Inspiration! Atheistengesindel! Einer trostlosen Zukunft gehen sie entgegen! Lachend - in ihrem Unverstand!

GRÄFIN
Ohol Ich sehe, er fühlt sieh beleidigt durch unser Lachen. Er scheint zu grollen, ich muss ihn versöhnen. (Sie wendet sich an den Direktor) Sie sehen uns überrascht von Ihrer Phantasie. Wir zweifeln, ob ihr kühner Entwurf sich wird darstellen lassen auf dem Theater. Nehmen Sie unseren Pessimismus nicht gar zu ernst. Haben Sie Nachsicht -, wir sind ja Laien. Die Kunst Ihrer Regie wird uns eines Besseren belehren! - Und wovon handelt der zweite Teil Ihres Festspiels?

DIREKTOR
Er ist heroisch und hochdramatisch: » Der Untergang Karthagos.« Kulissen, Prospekte, herrlich gemalt; Maschinen und Massen in regster Bewegung! Die Stadt in Brand - ein Feuermeer - atembeklemmend! Die Dekoration transparent - geschliffene Stäbe aus böhmischem Glas, von rückwärts beleuchtet, in flammendem Rot! Feuerspiegel! -Glasprismen! Viertausend Kerzen - Hundert Flambeaus! Pechringe - Fackeln in allen Grössen! Eine schaukelnde Galeere, von mir konstruiert. - Blitz und Einschlag auf offener Szene - - - Die Segel in Flammen - ein brennendes Wrack! Springflut im Hafen! Der Palast stürzt ein - - -

FLAMAND
Hör auf, hör auf! Wir kennen das Ende!

OLIVIER
Zum Schluss auf den Trümmern grosses Ballett!


OKTETT
II. Teil


Streit-Ensemble

DIREKTOR
Aber so hört doch! Es kommt ja ganz anders.

FLAMAND
Veralteter Plunder -

OLIVIER
Maschinenzauber!

FLAMAND
Einzugsmärsche -

OLIVIER
Wassermusik!

FLAMAND
Sinnlose Aufzüge -

OLIVIER
Öder Pomp!

FLAMAND
Überschwemmung und Apotheose! Statisten und Fackeln!

OLIVIER
Altes Gerümpel!

GRÄFIN
Oh weh! Jetzt fallen sie über ihn her. Mein
Rettungsversuch ist gründlich missglückt. Die
Situation für ihn ist nicht beneidenswert!
Wer wird es sein? Ihre Argumente sind
niederschmetternd! Sie glauben? Er tut mir leid!
Die beiden gehen wirklich zu weit. Olivier!
Flamand! Sie werden brutal! Der Streit
entbrennt immer heftiger! Er scheint verloren!
Warum sie ihn nur so vehement bedrohen? Was
haben sie vor?
Ich fürchte, der Streit wird recht peinlich enden.

GRAF
Jetzt wird es ernst! ... Ein heiterer Zank! ... Sie zerstampfen ihn ... wie in einem Mörser... bald wird nichts mehr .. von ihm übrig sein!
Ha! Ha! Ha! Die edlen Künste liegen sich in den Haaren, ihre Apostel streiten - untereinander - sie fletschen die Zähne und beginnen zu raufen! Wie lächerlich wichtig sie alles nehmen! Ha! Ha! Sie zerreissen ihn in der Luft, weil er uns mit einem Ausstattungsballett unterhalten wollte! Wie ungerecht! La Roche in der Klemme! - Ein köstlicher Anblick! Ha! Ha! Ha! Er ist äusserst bestürzt und kommt nicht zu Wort. Wo bleibt seine oft gepriesene Schlagfertigkeit? Wie wird er sich retten? -

FLAMAND
Ein Spektakel, bei dem die Dekorationen die Hauptrolle spielen!

OLIVIER
Ein Schaustück ohne Darsteller!

FLAMAND
Wie ein Gespenst aus einem vergangenen Jahrhundert blickt dein Stück in unsere Zeit!

OLIVIER
Er erspart sich den Dichter - Wozu auch Verse?

FLAMAND
Von Musik war überhaupt nicht die Rede!

BEIDE
Wort oder Ton? Ha! Welch eine Frage? »Flugmaschinen oder Versenkungen« muss es heissen! Nicht weiter! Sei still! Inhaltloses, schales Theater aus einer längst verklungenen Zeit! Unsinnig-schädlich und lächerlich!

OLIVIER
Transparente Kulissen? Warum nicht ein ehrliches Feuerwerk?

FLAMAND
Wozu ein Orchester? Die Donnermaschine tut bessere Dienste!

OLIVIER
Wo bleibt der Gesang?

FLAMAND
Oho, du irrst: Zu all' dem wird italienisch ge-sungen. Triller-Rouladen! Kadenzen! Kadenzen!

BEIDE
»Veto!« »Veto!« Wir sagen uns los von deinen Künsten! Deine Zeit ist vorüber! Vorbei! Vorbei!

CLAIRON
Haben Sie keine Sorge! Ein Streit zwischen Männern endet immer mit einem Sieger! Wenn sie sich ausgetobt haben, wird er ihnen antworten. Seien Sie beruhigt, er ist nicht schüchtern. Ich kenn' ihn! Seine Widerstandskraft ist nicht leicht zu brechen! Seine »Suada« hat schon manchen niedergestreckt. Er braucht Ihren Schutz nicht, er hilft sich schon selbst! Lassen Sie sich nicht täuschen! Er wird sich furchtbar rächen! Er sammelt Kräfte, dann schlägt er los. Sehen Sie, sehen Sie, jetzt holt er aus. Sein Konzept ist fertig! O, er wird Blitze schleudern! Sehen Sie, sehen Sie, jetzt schlägt er los!

DIREKTOR
So lasst mich doch nur zu Worte kommen!
Vorschnell beurteilt ihr! Ich bin noch nicht fertig!
Aber ...
Wozu diese Vorwürfe? Ihr irrt euch!
Was soll euer Schimpfen?
Alberne Streitsucht! So lasst euch erklären!
Hört doch zu Ende, bevor ihr beurteilt!
Ich bitt' euch ... Aber - aber ...

DER ITALIENISCHE TENOR
Nun streiten sie ernstlich ... Aus ist's für heute mit unsrem Vorschuss!

DIE SÄNGERIN
beginnt weinselig die Melodie des Duetts zu singen
Addio mio dolce acconto, Non piangere il nostro fato!

DER TENOR
stimmt parodierend ein
A morire io son pronto, io povero disgraziato!

BEIDE
Quando il nostro acconto perdiamo, che più sperare potrò? Quando senza danari noi siamo, Che cosa mai far io dovrò?
Un triste malcontento, eguale a quel ch'io sento, Numi, chi mai provò?
Addio mio acconto amato, invano abbiamo sperato!

DIREKTOR
Holà, ihr Streiter in Apoll! Ihr verhöhnt und beschimpft mein festliches Theater?! Was gibt euch ein Recht, so überlieblich zu sprechen und mich zu schmähn, den wissenden Fachmann?! Euch, die ihr noch nichts für das Theater geleistet?! (zu Olivier) Deine Verse in Ehren, - wenn Clairon sie spricht! Aber die magere Handlung deiner Dramen - ihr dramatischer Aufbau? - Sehr bedürftig meiner szenischen Hilfe! (zu Flamand) Deine kleinen Ensembles für Streichinstrumente: - graziöse Kammermusik! Sie entzückt den Salon. Die heutige habe ich leider verschlafen. Elegische Romanzen kannst du wohl singen, aber Musik der Leidenschaften, wie die Bühne sie fordert, sie ist dir bisher noch nicht gelungen! - Nein, nein, euer Veto macht mich nicht erzittern! Was wisst ihr Knaben von meinen Sorgen? Seht hin auf die niederen Possen, an denen unsere Hauptstadt sich ergötzt. Die Grimasse ist ihr Wahrzeichen - die Parodie ihr Element - ihr Inhalt sittenlose Frechheit! Tölpisch und rüde sind ihre Spässe! Die Masken zwar sind gefallen, doch Fratzen seht ihr statt Menschenantlitze! Ihr verachtet dies Treiben, und doch, ihr duldet es! Ihr macht euch schuldig durch euer Schweigen. Nicht gegen mich richtet eure Phalanx! Ich diene den ewigen Gesetzen des Theaters. Ich bewahre das Gute, das wir besitzen, die Kunst unsrer Väter halte ich hoch. Voll Pietät hüte ich das Alte, harre geduldig des fruchtbaren Neuen, erwarte die genialischen Werke unserer Zeit! Wo sind die Werke, die zum Herzen des Volkes sprechen, die seine Seele widerspiegeln? Wo sind Sie? - Ich kann sie nichtfinden, so sehr ich auch suche. Nur blasse Ästheten blicken mich an: sie verspotten das Alte und schaffen nichts Neues! In ihren Dramen stolzieren papierne Helden, zücken die Schwerter und schwingen Tiraden, die wir längst schon kennen. In der Oper das gleiche: Greise Priester und griechische Könige aus grauer Vorzeit, Druiden, Propheten schreiten gleich Scheinen aus den Kulissen. - Ich will meine Bühne mit Menschen bevölkern! Mit Menschen, die uns gleichen, die unsere Sprache sprechen! Ihre Leiden sollen uns rühren und ihre Freuden uns tief bewegen! Auf! Erhebt euch und schafft die Werke, die ich suche! Kraftvoll führ auf meiner Bühne ich sie zum stolzen Erfolg. Schärft euren Witz, gebt dem Theater neue Gesetze -neuen Inhalt!! Wo nicht - so lasst mich in Frieden mit eurer Kritik. Heute im Zenith meiner ruhmreichen Lauf bahn darf ich es wagen, von mir zu sprechen, - von mir, dem Entdecker grosser Talente - dem weisen Erzieher, dem Inspirator! Ohne meinesgleichen, wo wäre das Theater? Ohne meinen kühnen Wagemut und schliesslich - ohne meine hilfreiche Hand? Ein Vorschuss im richtigen Augenblick kann aus tiefster Depression erheben und die entschwundene Tatkraft wieder erwecken. Ein Beispiel für viele: der berühmte Lekain, einst ein lebensmüder Statist, heute ein Führer des »Palais Royal«, ist mein Werk, ging durch mich seinen Weg. Gebt euch geschlagen, ihr Schwärmer, ihr Träumer! Achtet die Würde meiner Bühne! Meine Ziele sind lauter, unauslöschlich meine Verdienstel Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte! »Sicitur ad astra!« Auf meinem Grabstein werdet Ihr die Inschrift lesen: »Hier ruht La Roche, der unvergessliche, der unsterbliche Theaterdirektor. Der Freund der heitren Muse, der Förderer der ernsten Kunst. Der Bühne ein Vater, den Künstlern ein Schutzgeist. Die Götter haben ihn geliebt, die Menschen haben ihn bewundert! « - Amen.
Stürmischer Applaus

CLAIRON
läuft auf den Direktor zu und drückt ihm begeistert einen Kuss auf die Wange
La Roche, du bist gross, du bist monumental!

OLIVIER und FLAMAND

A - men, A - men!

DIE ITALIENISCHE SÄNGERIN
leicht angeheitert vom vielen Portweintrinken, schluchzt laut auf
Hu! Hu!

DER TENOR
Che cosa c'è? Non è mica morto!
ärgerlich
Mach doch hier keine Szene!
Er führt die laut weinende Sängerin in den Theatersaal ab

GRAF
Bravissimo! Bravissimo!

GRÄFIN
tritt in die Mitte
Ihr hörtet die mahnende Stimme unseres Freundes! Sie soll nicht verklingen, beherzigt sein Wort. Stellt ihm die Aufgabe, die er verlangt, damit seine Kunst der euren dient. Schafft gemeinsam ein Werk für unser Fest!

GRAF
zu Clairon
Schauder erfasst mich, sie bestellt eine Oper!

GRÄFIN
fortfahrend
In scharfem Disput habt ihr ei-ich bekämpft, vergeblich versucht, euch zu widerlegen. Verlasst die Irrwege des Denkens! Fühlt es mit mir, dass allen Künsten nur eine Heimat eigen ist: Unser nach Schönheit dürstendes Herz! Ein zarter Keim ist heute entsprossen - ich sehe ihn wachsen zum starken Baum, sein Blütenmeer Über uns ergiessend!

CLAIRON
fährt Dichter und Musikerfeierlich vor die Gräfin. Mit theatralischem Pathos
Die Göttin Harmonie steigt züi uns hernieder. Einigt euch, ihr Kunste, sie wUrdig zu empfangen!

GRÄFIN
zum Musiker
Der süssen Regung, die Apoll in Euch getragen, auf Olivier deutend schenke der Dichter den edlen Gedanken! zum Dichter) Was herrlich begonnen der dichtende Geist, (auf Flamand deutend) die Macht der Töne soll es verklären! auf den Direktor deutend Auf seiner Bühne gewinn' es Gestalt, in Anmut und Würde die Herzen zu rühren. (zu allen dreien) Der schöne Bund vereint alle Künste, sie neigen sich liebend zueinander, bereiten sich freudig züi festlichem Spiel!

OLIVIER
Welch reine Melodien bezaubern unser Ohr.

FLAMAND
Was hebt sich göttergleich aus hohen Wolkengründen?

FLAMAND und OLIVIER
Die Göttin Harmonie, sie stieg zu uns hernieder! Wir wollen huldigend ihr entgegentreten und rauschend grüssen ihre Erdenfahrt.

CLAIRON
Welch ungeahntes Glück lenkt hierher ihren Schritt? Die hohe Göttin selbst bemüht sich, euren Streit zu schlichten!

DIREKTOR
Wer könnte ihrem Walten sich entziehen?

FLAMAND und OLIVIER
Zu Ende sei der unfruchtbare Kampf!

DIREKTOR
Sie schreite uns voran auf unsrem Weg.

CLAIRON
Sie soll euch begleiten auf euren Wegen und nimmer scheiden aus eurem Kreis!

FLAMAND, OLIVIER, DIREKTOR
Wir wollen vergessen, was uns entzweite, versöhnt beginnen das befohl'ne Werk.

GRAF
Das ist mehr als eine Versöhnung, das ist eine Verschwörung! Und ich bin das Opfer - meine Ahnung erfüllt sich.

GRÄFIN
Eine neue Oper wird uns geschenkt, du kannst es nicht hindern. Ertrag' dein Geschick als Philosoph!

GRAF
Was bleibt mir übrig, als mich zu fügen!
Das Unvermeidliche nimmt seinen Lanf, eine
Oper bricht liber mich herein!

CLAIRON
zum Grafen Ihre Stossseufzer verhallen ohne jede merkliche Wirkung.

GRÄFIN
zur Clairon
Mein Bruder ist nicht sehr musikalisch. Er hat eine Vorliebe für Einzugsmärsche und betrachtet in der Oper die Komponisten als »Wortmörder«.

CLAIRON
Vielleicht hat er recht.

DIREKTOR
Nun gleich an die Arbeit, wir wollen keine Zeit verlieren. (zum Musiker) Der Arie ihr Recht! Auf die Sänger nimm Rücksicht -nicht züi laut das Orchester! Im grossen Ballett, da tobe dich aus.

OLIVIER
ironisch
Schon öffnet er wieder den Schrein seiner reichen Erfahrung.

DIREKTOR
zum Dichter Die Szene der Primadonna nicht zu Anfang des Stückes. Verständliche Verse, (zum Musiker) und oft wiederholt, dann hast du die Chance, dass man sie versteht.

FLAMAND
Lass deine ehrwürd'gen Regeln beiseite. Neue Wege wollen wir suchen!

DIREKTOR
Macht euch nicht wichtig! In meiner Hand ruht schliesslich euer Erfolg. Gleichviel - wir wollen die Arbeit redlich teilen.zum Dichter Bei dir liegt der Anfang, liberlege den Stoff!

OLIVIER
zur Gräfin Wie würde Euch »Ariadne auf Naxos« gefallen?

FLAMAND
Schon zu oft komponiert.

DIREKTOR
Die bekannte Gelegenheit züi sehr vielen, langen Trauerarien.

FLAMAND
Mich würde »Daphne« weit mehr interessieren.

OLIVIER
Eine verlockende Fabel, doch äusserst schwierig darzustellen: Daphnes Verwandlung zum ewigen Baum des Gottes Apollo -

FLAMAND
Das Wunder der Töne kann sie gestalten!

GRÄFIN
Ein schöner Stoff, ich lieb' ihn ganz besonders.

DIREKTOR
Schon wieder Nymphen und Schäfer, Götter und Griechen! Ihr wart doch selbst gegen die Mythologie.

GRAF
Alltägliche Dinge - - - Es fehlte nur noch der
Trojanische Krieg!

DIREKTOR
Auch Ägypter und Juden, Perser und Römer haben wir genug in unseren Opern. Wählt doch einen Vorwurf, der Konflikte schildert, die auch uns bewegen.

GRAF
Ich wüsste ein äusserst fesselndes Thema! Schreibt eine Oper, wie er sie sich wünscht. Schildert Konflikte, die uns bewegen. Schildert euch selbst! Die Ereignisse des heutigen Tages - was wir alle erlebt - dichtet und komponiert es als Oper!

DIREKTOR
sprachlos
Ha!

OLIVIER
sehr Überrascht
Ein verblüffender Einfall -

FLAMAND
- das ist nicht zu leugnen.

GRAF
Das wäre ein Thema, das auch uns interessierte!

GRÄFIN
Ein entzückender Vorschlag!

CLAIRON
Wir fallen aus einer überraschenden Situation in die andere.

DIREKTOR
Ein wahres Problem, so etwas aufzuführen.

OLIVIER
Überlegend
Wenig Handlung...

GRAF
Zeigt uns, dass ihr etwas Apartes schaffen könnt.

FLAMAND
Für Musik ist gesorgt.

GRAF
Wir sind die Personen eurer Oper. Wir alle spielen mit in eurem Stück.

GRÄFIN
Wird das nun eine heitere Oper?

DIREKTOR
einwerfend
Ich sehe mich schon als Bassbuffo umherirren!

GRAF
der Gräfin antwortend
Jedenfalls eine Oper ohne »Helden«!

DIREKTOR
Wer ist der Liebhaber?

CLAIRON
Ich glaube, es gibt nur wenige Personen, die es nicht sind.

OLIVIER
zum Musiker
Und wen wählst du von uns zum Tenor?

GRAF
Verratet nicht zu früh die Geheimnisse eurer Werkstatt.

CLAIRON
Sehr fein pariert! Ich gratuliere, Herr Graf. Sie stellen den dreien eine schwierige Aufgabe!

GRÄFIN
Ein wenig boshaft ist dein Vorschlag.

OLIVIER
Der Einfall ist köstlich, was sagst du, La Roche?
Da hat wieder einmal ein blindes Huhn - -

DIREKTOR
ein Ei gelegt!

OLIVIER
Wieso?

DIREKTOR
Warum nicht!

GRÄFIN
Sie scheinen mir ganz bestürzt, La Roche!

DIREKTOR
Diesen Vorschlag hätte ich allerdings nicht erwartet!

GRÄFIN
Finden Sie ihn schlecht?

DIREKTOR
Nein, nein, aber bedenken Sie, Frau Gräfin - - Ich fürchte, das Ganze wird eine einzige grosse Indiskretion!

GRÄFIN
Es wird von eurem Geschmack abhängen, sie graziös auf die Bühne zu bringen.

LAIRON
Nur indiskrete Theaterstücke haben Erfolg!

OLIVIER
Ich finde den Einfall ganz ausgezeichnet und werde sogleich das Szenarium entwerfen.

CLAIRON
Es ist spät geworden, ich muss nach Paris.

DIREKTOR
Auch wir müssen aufbrechen
zum Dichter und Musiker
Ihr fahrt doch mit mir?

GRÄFIN
zu Clairon
Wir haben Sie hier allzu lange festgehalten.

CLAIRON
Oh - in Ihrem Salon vergehen die Stunden, ohne dass die Zeit älter wird. Frau Gräfin!

GRÄFIN
Mademoiselle Clairon! Adieu La Roche! Schreiben Sie mir eine gute Rolle, Olivier! Auf Wiedersehen, Flamand!

FLAMAND
Auf Wiedersehen!
Die Gräfin geht ab. Dichter und Musikerfolgen ihr bis zur Tür und blicken ihr nach


ZEHNTE SZENE

DIREKTOR
hat die beiden italienischen Sänger aus dem Theatersaal geholt und bringt sie zum Ausgang durch die Galerie im Hintergrunde links
Gut in eure Mäntel gehüllt, damit ihr euch auf der Fahrt nicht erkältet.
Der Sänger will ihm etwas sagen
Ja, ja, euer Vorschuss - er ist morgen bereit.

GRAF
zu einem Diener
Ist angespannt?

DIENER
Zu dienen. Vier Pferde.

CLAIRON
den Arm des Grafen nehmend
Ich hätte wenigstens sechs erwartet.
Beide gehen lebhaft ab

FLAMAND
zum Dichter
Prima le parole, dopo la musica. Dem Worte der Vorrang!

OLIVIER
Nein, der Musik, - doch geboren aus dem Wort.

FLAMAND
halb für sich
Prima la musica -
zum Dichter, mit Beziehung auf die Gräfin
Sie hat entschieden!
Geht ab. Der Theaterdirektor tritt auf

DIREKTOR
Kommt, kommt, lasst mich nicht warten.

OLIVIER
Ja - für das Wort! Prima le parole.

DIREKTOR
Trennt euch doch endlich vom heutigen Tag! Auf der Fahrt können wir noch manches für unsere Oper besprechen.
zum Dichter
Vergiss nicht meine Hauptszene in deinem Szenarium: wie ich im Theatersaal die Probe leite. Ein Marschall der Bühne! Sie kann zum Höhepunkt deines Stückes werden. Und vor allem: Sorge für gute Abgänge in meiner Rolle! Du weisst, der wirkungsvolle Abgang - ein entscheidendes Moment!


ELFTE SZENE

Acht Diener treten auf. Sie beginnen den Salon aufzuräumen

DIE DIENER
Das war ein schöner Lärm - und alle durcheinander!

1.DIENER
Die Italienerin hat einen gesunden Appetit, von der Torte ist nichts mehr übrig.

2. DIENER
Was wollte der Direktor mit seiner langen Rede?

3.DIENER
Er sprach sogar griechisch!

4. DIENER
Ich habe nichts verstanden.

5. DIENER
Es handelt sich um Reformen bei den Schaustücken, die er noch vor seinem Tod einführen will.

6. DIENER
Ich vermute, sie wollen jetzt auch Domestiken in den Opern auftreten lassen.

ALLE
Die ganze Welt ist närrisch, alles spielt Theater. Uns machen sie nichts vor, wir sehen hinter die Kulissen. Dort sieht die Sache ganz anders aus. Der Graf sucht ein zärtliches Abenteuer, die Gräfin ist verliebt und weiss nicht in wen.

1. DIENER
Vielleicht in alle beide ...

2. DIENER
Um sich darüber klar zu werden, lässt sie sich eine Oper schreiben.

4. DIENER
Wie kann man aus einer Oper klug werden?

5.DIENER
Verworrenes Zeug!

1.DIENER
Man singt, damit man den Text nicht versteht.

4. DIENER
Das ist auch sehr notwendig, sonst zerbricht man sich über den verworrenen Inhalt den Kopf.

5. DIENER
Lass dein vorlautes Geschwätz!

3. DIENER
Ich lob' mir die Seiltänzer und ihre Spektakels. Ihre Truppe ist vom König privilegiert. Ich habe sie in Versailles gesehen.

4. DIENER
Ich auch! Grossartig, sage ich euch. Und nachher das grausige Stück: Coriolan, der die eigene Tochter ersticht!

.2. DIENER
Mir sind die Marionetten lieber.

3. DIENER
Der Arlecchino ist noch lustiger!

1.DIENER
Wollen wir am Geburtstag unserer Gräfin nicht auch etwas Lustiges spielen? So eine Geschichte mit Masken? Ich kenne den Brighella von der italienischen Truppe, der hilft uns sicher.

5.DIENER
Seid still, der Maître kommt.

HAUSHOFMEISTER
tritt ein
Macht schnell hier fertig, dann richtet alles zum Souper! Nachher seid ihr frei.

ALLE DIENER
Welch Vergnügen, ein Abend ohne Gäste! Nun in die Küche, zu sehen, was es gibt. Das Souper steht bevor und nachher sind wir frei! Gloria! Gloria! Welch Vergnügen, ein Abend ohne Gäste! Der Graf sucht ein zärtliches Abenteuer, die Gräfin ist verliebt und weiss nicht in wen ...

Die Diener sind in heiterer Stimmung abgegan-gen. Es ist dunkel geworden. Der Haushofmeister beschäftigt sich damit, einen Armleuchter anzuzünden. Als auch er abgehen will, hört man aus dem Theatersaal lebhaftes Gepolter u nd eine ängstliche Stimme » Herr Direktor! Herr Direktor!« rufen


ZWÖLFTE SZENE

MONSIEUR TAUPE
rufend
Herr Direktor ...

HAUSHOFMEISTER
Wo kommen Sie her? Wer sind Sie?

MONSIEUR TAUPE
Erschrecken Sie nicht! Woher sollten Sie mich auch kennen? Ich bewege mich selten auf der Erdoberfläche.

HAUSHOFMEISTER
Was wollen Sie damit sagen?

MONSIEUR TAUPE
Ich verbringe -mein Leben unter der Erde. Unsichtbar -

HAUSHOFMEISTER
Für mich sind Sie aber sehr sichtbar.

MONSIEUR TAUPE
Ich bin der unsichtbare Herrscher einer magischen Welt.

HAUSHOFMEISTER
Wieso kommen Sie dort aus dem finsteren Saal ?

MONSIEUR TAUPE
Ich war eingeschlafen. Sie haben mich da drin vergessen.

HAUSHOFMEISTER
Wollen Sie mir nicht endlich sagen, wer Sie sind?

MONSIEUR TAUPE
Ich bin der Souffleur - man nennt mich Monsieur Taupe.

HAUSHOFMEISTER
Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Monsieur Taupe, und Sie in unserer wirklichen Welt begrüssen zu dürfen.

MONSIEUR TAUPE
müde
Nur ein Besuch, Herr, - ein kurzer Besuch. Machen Sie kein Aufhebens davon.

HAUSHOFMEISTER
Sie sind ein merkwürdiger Mann - und wie mir scheint, von einiger Wichtigkeit.

MONSIEUR TAUPE
Schon gut, schon gut. - Sie haben recht. Erst wenn ich in meinem Kasten sitze, beginnt das Weltenrad der Bühne sich zu drehen!

HAUSHOFMEISTER
Sie setzen also sozusagen - es in Bewegung?

MONSIEUR TAUPE
Die tiefen Gedanken unserer Dichter, ich flüstere sie leise vor mich hin - und alles beginnt zu leben. Unheimlich-schattenhaft spiegelt sich vor mir die Wirklichkeit. - Mein eigenes Flüstern schläfert mich ein.
bedeutungsvoll
Wenn ich schlafe, werde ich zum Ereignis! Die Schauspieler sprechen nicht weiter - das Publikum erwacht!

HAUSHOFMEISTER
Ha! Ha! Gut gesagt, gut gesagt!

MONSIEUR TAUPE
Nur mein Schlaf rettet mich vor Vergessenheit.

HAUSHOFMEISTER
Diesmal hat man sie aber doch vergessen.

MONSIEUR TAUPE
Wie schlecht man mich behandelt!

HAUSHOFMEISTER
Dies Los teilen Sie mit allen Herrschern!

MONSIEUR TAUPE
Sie liessen mich im Stich und sind davon gefahren. Wie soll ich jetzt nach Paris zurückkommen?

HAUSHOFMEISTER
Zu Fuss ist es zu weit. Kommen Sie mit in die Anrichte, stärken Sie sich ein wenig. Ich werde inzwischen einen Wagen anspannen lassen.

MONSIEUR TAUPE
Sie sind sehr gütig!

HAUSHOFIMEISTER
Folgen Sie mir!

MONSIEUR TAUPE
Ist das nun alles ein Traum! - Oder bin ich schon wach? ...
Er schüttelt den Kopf, gähnt und folgt dem Haus-hofmeister nach


LETZTE SZENE

Die Bühne bleibt eine Zeit lang leer. Der Salon liegt im Dunkeln. Mondlicht au f der Terrasse. Die Gräfin tritt auf, in grosser Abendtoilette und tritt hinaus auf die Terrasse. Orchester-Zwischenspiel. Nach einiger Zeit tritt der Haushofmeister auf und entzündet die Lichter im Salon. Der Salon ist alsbald hell erleuchtet

GRÄFIN
Wo ist mein Bruder?

HAUSHOFMEISTER
Der Herr Graf hat Madeirnoiselle Clairon nach Paris begleitet. Er lässt sich für heute abend entschuldigen.

GRÄFIN
So werde ich allein soupieren. - Ein beneidenswertes Naturell! Das Flüchtige lockt ihn. Wie sagte er heute? »Heiter entscheiden - sorglos besitzen. Glück des Augenblicks - Weisheit des Lebens!« Ach! Wie einfach!
zum Haushofmeister
Was noch?

HAUSHOFMEISTER
Herr Olivier wird morgen nach dem Frühstück seine Aufwartung machen, um von Fran Gräfin den Schluss der Oper zu erfahren.

GRÄFIN
Den Schluss der Oper? Wann will er kommen?

HAUSHOFMEISTER
Er wird in der Bibliothek warten.

GRÄFIN
In der Bibliothek? Wann?

HAUSHOFMEISTER
Morgen mittag um elf.
geht mit einer Verbeugung ab

GRÄFIN
Morgen mittag um elf! Es ist ein Verhängnis. Seit dem Sonett sind sie unzertrennlich. Flamand wird ein wenig enttäuscht sein, statt meiner Ilerrn Olivier in der Bibliothek zu finden. Und ich? Den Schluss der Oper soll ich bestimmen, soll -wählen - entscheiden? Sind es die Worte, die mein Herz bewegen, oder sind es die Töne, die stärker sprechen -
Sie nimmt das Sonett zur Hand, setzt sich an die Harfe und beginnt, sich selbst begleitend, das Sonett zu singen

Kein andres, das mir so im Herzen loht,
Nein Schöne, nichts auf dieser ganzen Erde,
Kein andres, das ich so wie dich begehrte,
Und käm' von Venus mir ein Angebot.

Dein Auge beut mir himmlisch-süsse Not,
Und wenn ein Aufschlag alle Qual vermehrte,
Ein andrer Wonne mir und Lust gewährte,
Zwei Schläge sind dann Leben oder Tod.
sich unterbrechend

Vergebliches Müh'n, die beiden zu trennen. In eins verschmolzen sind Worte und Töne - zu einem Neuen verbunden. Geheimnis der Stunde. Eine Kunst durch die andere erlöst!

Und trüg' ich's fünfmalhunderttausend Jahre,
Erhielte ausser dir ' du Wunderbare,
Kein andres Wesen über mich Gewalt.

Durch neue Adern müsst' mein Blut ich giessen,
In meinen, voll von dir zum Überfliessen,
Fänd' neue Liebe weder Raum noch Halt.

Sie erhebt sich und geht leidenschaftlich bewegt auf die andere Seite der Bühne

Ihre Liebe schlägt mir entgegen, zart gewoben aus Versen und Klängen. Soll ich dieses Gewebe zerreissen? Bin ich nicht selbst in ihm schon verschlungen? Entscheiden für einen? Für Flamand, die grosse Seele mit den schönen Augen - Für Olivier, den starken Geist, den leidenschaftlichen Mann? -
Sie sieht sich plötzlich im Spiegel
Nun, liebe Madeleine, was sagt deinHerz? Du wirst geliebt und kannst dich nicht schenken. Du fandest es süss, schwach zu sein, - Du wolltest mit der Liebe paktieren, nun stehst du selbst in Flammen und kannst dich nicht retten! Wählst du den einen - verlierst du den andern! Verliert man nicht immer, wenn man gewinnt?
zu ihrem Spiegelbild
Ein wenig ironisch blickst du zurück? Ich will eine Antwort und nicht deinen prüfenden Blick! Du schweigst? - O, Madeleinel Madeleine! Willst du zwischen zwei Feuern verbrennen? Du Spiegelbild der verliebten Madeleine, kannst du mir raten, kannst du mir helfen den Schluss zu finden für ihre Oper? Gibt es einen, der nicht trivial ist? -

HAUSHOFMEISTER
Frau Gräfin, das Souper ist serviert.

Die Gräfin blickt lächelnd ihr Spiegelbild an und verabschiedet sich von diesem graziös mit einem tiefen Knix. - Dann geht sie in heiterster Laune, die Melodie des Sonetts summend, an dem Haushofmeister vorbei langsam in den Speisesaal