Friedenstag

Friedenstag

Oper in einem Aufzug

Libretto

Joseph Gregor

Uraufführung

24. Juli 1938, München (Staatsoper)

Besetzung

KOMMANDANT der belagerten Stadt (Bariton)
MARIA, sein Weib (Sopran)
WACHTMEISTER (Bass)
SCHÜTZE (Tenor)
KONSTABEL (Bariton)
MUSKETIER (Bass)
HORNIST (Bariton)
FRONTOFFIZIER (Bariton)
Ein PIEMONTESER (Tenor)
Der HOLSTEINER, Kommandant der Belagerungsarmee (Bass)
BÜRGERMEISTER (Tenor)
PRÄLAT (Bariton)
FRAU aus dem Volk (Sopran)

Soldaten des Kommandanten der belagerten Stadt und des Holsteiners
Stadtobere und Frauen aus der Deputation an den Kommandanten
Volk

Ort

In der Zitadelle einer belagerten Stadt

Zeit

24. Oktober 1648

Strauss, Richard

Strauss, Richard (Georg)
11.6.1864 München - 8.9.1949 Garmisch-Partenkirchen


Bühnenwerke
mit Datum/Ort der Uraufführung:

Guntram (10.5.1894 Weimar)
Feuersnot (21.11.1901 Dresden)
Salome (9.12.1905 Dresden)
Elektra (25.1.1909 Dresden)
Der Rosenkavalier (26.1.1911 Dresden)
Ariadne auf Naxos (25.10.1912 Stuttgart)
Ariadne auf Naxos [rev] (4.10.1916 Wien)
Die Frau ohne Schatten (10.10.1919 Wien)
Intermezzo (4.11.1924 Dresden)
Die ägyptische Helena (6.6.1928 Dresden)
Arabella (1.7.1933 Dresden)
Die ägyptische Helena [rev] (14.8.1933 Salzburg)
Die schweigsame Frau (24.6.1935 Dresden)
Friedenstag (24.7.1938 München)
Daphne (15.10.1938 Dresden)
Guntram [rev] (29.10.1940 Weimar)
Die Liebe der Danae (1940; 14.8.1952 Salzburg)
Capriccio (28.10.1942 München)
rev = Bearbeitung



EINZIGER AKT
Am Ende des Dreissigjährigen Krieges hält noch immer eine kaiserliche Festung der feindlichen Belagerung stand. Bei Anbrechen der Morgendämmerung berichtet der Schütze dem Wachtmeister vom Überfall des Feindes auf ein Gehöft in der Nähe. Ein junger Piemonteser, der mit einem Brief des Kaisers durch die feindliche Linie gekommen ist, schwärmt von seiner ital. Heimat. Doch die Soldaten, die nur das Kriegsleben kennen, sind taub für seine Beschwörung eines friedlichen Lebens. Aus der Ferne sind die Rufe der hungernden Bevölkerung zu hören. Eine Abordnung der Stadt nähert sich der Festung, doch der Kommandant zeigt sich gegenüber ihrer Forderung nach Übergabe der Zitadelle unnachgiebig. Auch das Anliegen des Bürgermeisters und der zur Demut mahnende Prälat können den nur an den Sieg denkenden Kommandanten nicht erweichen. Ein Offizier meldet, dass die Munition ausgegangen sei, eine Frau aus der Abordnung klagt den Kaiser als "Mörder meiner Kinder" an. Der Kommandant ist erschüttert und verspricht den Leuten, am Mittag ein Zeichen zu geben, wann die Tore der Stadt geöffnet werden sollen. Insgeheim plant er jedoch die Festung in die Luft zu sprengen, und erteilt Befehl, das Schiesspulver aus dem Keller aufzuschichten. Dem Wachtmeister, Konstabel und Schützen bietet er an, zu fliehen, doch die Männer bleiben bei ihm.
Als seine Frau in der Festung auftaucht, beschwört er sie zu fliehen, doch Maria schwört ihm Treue bis in den Tod. Alle sind bereit für den gemeinsamen Tod, als aus der Ferne ein Kanonenschuss ertönt, in dem sie das Signal für einen feindlichen Angriff vermuten. Nun beginnt ein Glockengeläute, in dem Maria als Erste das Zeichen für den ersehnten Frieden erkennt. Der Kommandant misstraut dem Frieden. Als der Offizier das Herannahen der Holsteiner mit weissen Fahnen meldet, sieht er darin eine Kriegslist. Inzwischen haben die Bürger die feindlichen Truppen in die Stadt gelassen und freudig begrüsst. Unter dem Jubel der Menge begegnet der Holsteiner dem Kommandanten und verkündet den Friedensschluss von Münster. Als ihr Mann den Kampf fortsetzen will, wirft sich Maria dazwischen und fleht ihn an, dem Frieden zu trauen. Endlich wirft der Kommandant seine Waffen weg und umarmt den Gegner. Die beiden gegnerischen Kommandanten preisen die Versöhnung, in die Maria und das Volk mit überwältigter Dankbarkeit einstimmen.


Una tantum Strauss sceglie di confrontarsi con la storia, e anzi ne ritaglia un episodio che lo stesso Gregor asseriva essere veridico; la vicenda si svolge sulle fortificazioni di una cittadella durante l’ultimo giorno della Guerra dei Trent’anni. È l’alba: i soldati si svegliano e discorrono. Molti sono nati mentre già infuriava la guerra e non sanno immaginare che cosa sia veramente la pace: provano a farselo spiegare da un piemontese, venuto a portare un messaggio al comandante, ma lo straniero non capisce che cosa gli venga detto e continua a cantare una melodia accorata. Si sente rumoreggiare in lontananza: sono i cittadini che, allo stremo delle forze, vengono a supplicare il comandante di arrendersi. Fedele al suo onore di soldato, il comandante finge di accettare, ma spiega poi ai soldati le sue vere intenzioni: non appena gli assedianti varcheranno la cinta muraria una carica di dinamite farà esplodere la cittadella, uccidendo vinti e vincitori. Sopraggiunge Maria, che ha intuito la tragedia imminente dal modo singolare con cui i soldati la evitano, loro che sono soliti gioire della sua presenza. In un lungo colloquio il comandante le rivela la verità e, pur affranto, non si mostra disposto a tradire il suo re neanche per gli affetti che gli sono più cari. Quando i due sposi sono ormai decisi a morire insieme, si avverte in lontananza uno scampanìo: è l’annuncio della pace e per sancirla già muovono verso la città gli ex assedianti, disarmati. Sulle prime il comandante respinge con durezza l’ufficiale dello Holstein che viene ad annunciargli la fine delle ostilità; Maria si interpone con la sua dolcezza e piega il comandante al perdono; l’opera si conclude con un commosso coro di ringraziamento e di tripudio.

Personen:
KOMMANDANT der belagerten Stadt (Bariton)
MARIA, sein Weib (Sopran)
WACHTMEISTER (Bass)
SCHÜTZE (Tenor)
KONSTABEL (Bariton)
MUSKETIER (Bass)
HORNIST (Bariton)
FRONTOFFIZIER (Bariton)
Ein PIEMONTESER (Tenor)
Der HOLSTEINER, Kommandant der Belagerungsarmee (Bass)
BÜRGERMEISTER (Tenor)
PRÄLAT (Bariton)
FRAU aus dem Volk (Sopran)

Soldaten des Kommandanten der belagerten Stadt und des Holsteiners
Stadtobere und Frauen aus der Deputation an den Kommandanten
Volk


Die Werke von Richard Strauss geniessen bis auf weiteres den Schutz des Copyrights
© 1933 Richard Strauss
© 1994 Fürstner Musikverlag GmbH, Mainz

Die nachfolgende Wiedergabe des Librettos geschieht mit freundlicher Genehmigung
der Urheberrechtsgemeinschaft Dr. Richard Strauss
(für die Gebiete Deutschland, Danzig, Italien, Portugal und die Nachfolgestaaten der UdSSR ausser Estland, Lettland und Litauen)
for all other countries: Boosey & Hawkes Music Publishers Ltd.

EINZIGER AKT

Kreisrunder Saal in der Zitadelle. Den Raum umschliesst in Manneshöhe ein Gang, in dem die Schiessscharten liegen. Eine Treppe führt zum höheren Stockwerk der Feste empor, eine zweite in die Tiefe. Überall Riesenmauern, mittelalterlich, neu bezogen zum Zwecke des neuen Krieges. Wo das Gemäuer klafft, ist es flüchtig mit Stein und Holz wiederhergestellt. Die Wache an einem grossen Eichentisch. Verwitterte, mar-tialische Gestalten in Lederkollern und Helm. Sie sind regungs-los, man weiss nicht, ob sie schlafen oder nur erstarrt sind vor Müdigkeit und Entbehrung. Auf dem Tisch Zinnkrüge, aber kein Becher. Das Feuer, ihnen im Rücken, beleuchtet sie mit schwachem Schein. Sie sind von ihren gewaltigen Waffen um-geben, Musketen, Schwertern, Bihändern, einige haben den Kürass abgelegt. Anbrechender Morgen. Erstes Blau aus den Schiessscharten, seltsam vermischt mit dem dunkelroten Schein des ersterbenden Feuers

WACHTMEISTER
alter, grauhaariger Soldat in voller Waffenrüstung, auf seiner Runde oben an den Scharten. Bei einem Schützen macht er halt, der tief in die Nische gedrückt ist und hinausspäht
Hast was gesehn?

SCHÜTZE
jüngerer Mann, ohne Gewehr
Morgen dämmert. Verblasst die rote Säule weit im Osten. Flamme zerstiebt in Rauch und Staub.

WACHTMEISTER
Bedeutet nichts. Nur Feuer ward gelegt an ein Gehöft.

SCHÜTZE
Bedeutet nichts ...

WACHTMEISTER
Nein, nein. Der Feind will sagen: bin noch da. Will zeigen: hab noch Macht, da draussen.

SCHÜTZE
Verbrannt ward ein Gehöft. Aus flammendem Tor, geblendet, stürzt das Vieh, der Bauer folgt, gebeugt am Stock, ohne Laut der Klage. Sie ziehen übers leere Feld und in die Nacht.

WACHTMEISTER
hört kopfschüttelnd und missbilligend zu. Mit Beziehung auf die unten Sitzenden
Das - soll Wache sein?

SCHÜTZE
Wache ohne Ablösung mehr. Ohne Ruh und Rasttag. Kein Trunk mehr in der Kann. Kein Futter mehr für Mann und Tier. Wie soll das enden?

WACHTMEISTER
Auf Seine Gnaden acht, den Herrn und Kommandanten! In voller Rüstung blieb er heut die ganze Nacht an seinem Tisch. Die Kerzen sind längst herabgebrannt, ich sahs auf meiner Runde. Und regungslos blickt er auf Karte und Papier. Tu deine Pflicht wie er - so endet das.
Wachtmeister setzt seinen Rundgang fort. Der Schütze wendet sich wieder den Scharten zu und sieht durch diese und jene ins Freie. Zunehmende Morgenbläue

PIEMONTESER
ganz junger Bursch, singt unten bei der Wache aus dem Schlaf
La rosa, che un bel fiore
come la gioventù,
nasce, fiorisce, more,
e non ritorna più.

KONSTABEL
bartlos, Mitte der Vierzig, fährt unten auf
Wer singt da?

SCHÜTZE
Der junge Bursch, der Italiener, der heute nacht sich einschlich mit des Kaisers Brief. - Hat seinen Weg gemacht durch fünfzigtausend Mann! Durch Sturmböck, Pulverkörb und schwere Stücke! Durch des Holsteiners ganze Belagerungsarmee.

PIEMONTESER
E non ritorna piü.

KONSTABEL
weich
Wächst, blüht und kehrt nicht wieder? Diese Nacht träumte mir, ich wär in einem Garten.

MUSKETIER
derber
Ich hab vom Wein geträumt.

SCHÜTZE
Der Piemonteser hat euch behext. Hat nie was vom Krieg gesehn.

PIEMONTESER
La piccola Pedretta
cantava dolce assai ...
Poi se n'andò solett
e non tornò più mai.

MUSKETIER
Was singst du, fremder Bursch?

PIEMONTESER
Così dolce fanciulla
cantando se non sta.

KONSTABEL
Vom Mädel in der Heimat. Kein Lied für uns. Wie lang ists her, dass wir nicht Frauen sahn?

MUSKETIER
lachend
So lang, als uns der Wein fehlt! - Länger!

KONSTABEL
Nichts als hohlwangig Volk da unten in der Stadt. Vetteln, verhungert wie der Tod.

MUSKETIER
rüttelt den Italiener
Du, reiz uns nicht mit deinem Liedel! Wir haben Durst!

PIEMONTESER
A sera poi più nulla
un bacio e se ne va…

KONSTABEL
Ein Kuss, o Gott!

SCHÜTZE
Hat nie was vom Krieg gesehn. In seiner Heimat ist Friede.

MUSKETIER
Was ist das: Friede?

HORNIST
Wer soll das wissen? In meinem zehnten Jahr lief ich den Soldaten nach.

SOLDATEN
verschiedene
Und ich! Und ich! Und ich!

SCHÜTZE
böse züm Italiener
He du, was ist das: Friede? Dreissig Jahr will man es wissen!

PIEMONTESER
O madre santissima, a casa, a casa!

KONSTABEL
Von seiner Mutter redt er - nicht vom Frieden.

MUSKETIER
roh
Wenn Friede Wein ist und Weiber in einer reichen, frisch eroberten Stadt, dann soll er mir gefallen!

CHOR
mit Solisten
In deiner Heimat ist Friede, sag?
Wovon leben die Menschen, wenn nicht von Sold?
Was begehren die Menschen, wenn nicht das Gold?
Ziehn die Scharen nicht durchs Land?
Sind Feuer und Schwert dort unbekannt?
Ist der Bischof nicht Feind der freien Stadt?
Und neidet nicht jeder, was keiner hat?

PIEMONTESER
wimmernd
E non ritorna più.

MUSKETIER
Weiss nichts. Versteht uns nicht. Ein feiger Bursch.
Die Soldaten sind jetzt vollkommen munter, rühren sich, putzen sich, sehen nach Rüstung und Gewehr. Keiner beachtet mehr den Piemonteser

SCHÜTZE
Was weiss denn der? Was wissen wir? Kirchen gesprengt, Häuser verbrannt ...

CHOR
mit Solisten, Soldaten beginnen summend
Der Hinz schwört auf die Bibel,
der Kunz schwört aufs Gewehr,
die haben sich verloren
und finden sich nicht mehr.
Hat nur aufs Wort geschworen -
wir aber auf die Ehr!
So schlagen wir ihn nieder,
als wenns der Teufel wär.

CHOR
Volksmenge, aussen, sehr entfernt hinter der Szene
Hunger!

SCHÜTZE
Ich höre was.

KONSTABEL
Nur Widerhall von eurem dummen Singen !

CHOR
Brot!

WACHTMEISTER
erscheint oben wieder
Wache! Eure Pflicht!

CHOR
näher
Hunger!

WACHTMEISTER
Da singt ihr! Aber meine alten Augen müssen sehn ...

HORNIST
Ich sehe nichts.

MUSKETIER
Ich sehe ein paar graue Ratten wimmeln.

WACHTMEISTER
Zweitausend, dreitausend stürmen das Festungstor!
Her von der Stadt!

SCHÜTZE
Der Feind?

WACHTMEISTER
Ärger. Der Feind im Land. An die Gewehre!

MUSKETIER
Wer schiesst auf Ratten!

WACHTMEISTER
Ist aber verboten, dass ein andrer als des Soldaten Fuss die Bastion betritt.

KONSTABEL
Das Karlstor hält.

CHOR
aussen, sehr stark
Hunger! Brot!

WACHTMEISTER
Ist offne Rebellion! Laden!

HORNIST
lacht
Am Karlstor stehn die kaiserlichen Jäger und schlagen sich mit Ratten!

MUSKETIER
Einer tritt vor mit der Piken. Das ist der Veitenburger.

SCHÜTZE
Schäm dich, Veitenburger!

WACHTMEISTER
Nimm dich in acht, Schütz!

MUSKETIER
Bravo, hat schon geschlagen!
Von fern allgemeiner Aufschrei des Volkes. Unmässiges Gelächter der Soldaten
Das Karlstor biegt sich mächtig ...

WACHTMEISTER
Das wird doch nicht…
dumpfer Knall und unklares Stimmengewirre

SOLDATEN
Das Tor ist auf! Sie kommen! Sie kommen! Sie kommen!

WACHTMEISTER
Zielen!
alle Soldaten folgen

CHOR
immer deutlicher
Hunger! Hunger!

OFFIZIER
springt die Treppe herauf
Halt! Wer kommandiert?

WACHTMEISTER
meldet
Hauptwache, vierzehn Mann. Es ist verboten, dass ein andrer als des Soldaten Fuss ...

OFFIZIER
winkt ab
Der Bürgermeister dieser Stadt mit seinen Obern, der Prälat mit seiner Geistlichkeit erbitten sich Gehör mit allem Volk.

WACHTMEISTER
Erzwingen sich Gehör.. . das Haupttor aber hält.
zu den Soldaten
Wegtreten von den Scharten! An die Stufen!
Die Soldaten flankieren als Wache die aus der Höhe herabführende Treppe

Trauermarsch

Wie eine Gespensterschar heben sich die Mitglieder der Deputation aus der Tiefe. Der Bürgermeister, alt, rüstig, mit ver-wirrtern Haar. Der Prälat, sehr alt, gestützt. Die Stadtobern , armselige Gestalten, und ein paar Weiber. Sie sind verwirrt durch die Umgebung und sehen sich ängstlich um. Die Soldaten, auf ihrer Seite, blicken neugierig auf die traurige Gruppe. Plötzliches Aufstossen der Waffen auf den Boden. Offizier und Wachtmeister reissen die Hüte ab. Der Kommandant auf der Höhe der Treppe. Ein schöner Mann, etwa fünfzig, schwarzes Kleid, darüber schwarzes Koller und Kette. Seine Rechte hält ein Dokument fest an die Brust gepresst

CHOR
aussen, nah und stark
Hunger - Brot! Hunger - Brot!

KOMMANDANT
Hier ist des Kaisers Boden. Was verlangt ihr?

CHOR
aussen
Brot! Brot! Übergabe! Übergabe!

KOMMANDANT
Die Gnade meines Herrn und Kaisers
hat euch durch mich erlaubt, zu reden.
Ruft ihr euch aber alle die zu Hilfe,
wollt mit Gewalt ihr meinen Willen brechen,
Er ergreift mit der freien Linken die Muskete eines Soldaten, hebt sie hoch und schmettert sie der Deputation vor die Füsse
dann werd nicht ich die Antwort geben -
sondern das!

Absolute Stille

BÜRGERMEISTER
In aller pflichtgen Demut bitten wir,
die Stadt dem Feinde aufzutun.

KOMMANDANT
So kurz, Hans Stoss? In aller pflichtgen Demut
reiss ich das Herz dir aus, vergiesse dein Blut
und auf den Anger werf ich deine Ehre!

BÜRGERMEISTER
Vergebt mir, Herr, wenn ich es wage:
Bin nur ein Bauer, kaum des Lesens kundig -
allein - verzeiht - wen wollt Ihr denn besiegen? -
Ich hab den Feind gesehn,
sind Menschen so wie wir,
sie leiden Not, draussen in ihren Gräben,
genau wie wir -
Wenn sie getreten, ächzen sie wie wir -
und wenn sie beten, flehn auch sie zu Gott.

DIE DEPUTATION
Not kämpft wider Not.
Not siegt über Not.

BÜRGERMEISTER
O Herr, die Not ist nicht zu überstehn.

KOMMANDANT
Ist sie mir fremd? Hab ich euch nicht geschützt?
Ist euer Hunger anders als der meine?
zum Prälaten
Auch Ihr, ehrwürdger Herr, auch Ihr?
So schnell verlasst Ihr Euren Gott?
Schenkt den Altar dem andern Glauben?
So nah dem Richter - denkt an Eure Jahre!

PRÄLAT
Ich tu nach Eurem Wort:
in pflichtger Demut
reiss ich mir selbst das Herz auf
und gebe den Verschmachtenden zu trinken!
Nur wer sich demütigt - gewinnt den Sieg!

KOMMANDANT
Sieg! Welch ein Fanal entfährt
dem schwachen Munde!
Sieg! Welch eine Fackel
pflanzt ihr vor mir auf!
Das Wort, das mich
zum höchsten Sternenfluge stachelt!
Sieg! Unfasslich, herrlicher
himmelgeborner Gedanke: Sieg!
Wie leuchtest du vor mir
und willst nicht, dass ich dein vergesse!
Sieg, ich folge dir
in meiner trübsten Stunde,
Sieg, mein herrlich unnahbarer Gott!

CHOR
aussen, ganz nahe
Brot! Brot!
Hunger, Hunger!

SOLDATEN
begeistert
In die Schlacht! In die Schlacht!

CHOR
aussen
Jammer, Jammer, Brot!
Weh, weh, weh, Hunger.

DEPUTATION
Not kämpft wider Not.
Not siegt über Not!

CHOR
aussen
Jammert Weh' Hunger! Krieg!

Signal. Alles einen Augenblick still. Offizier eilt zur Treppe. Ihm entgegen ein anderer, über und über mit Schmutz bedeckt, zerfetzt, den Kopf zum Teil verbunden

FRONTOFFIZIER
Mein Kommandant!

KOMMANDANT
Rede!

FRONTOFFIZIER
Reine Kugel im Rohr,
das Pulver durchnässt!
Rostig die Waffen!
Noch hält der Feind zurück,
doch greift er an - hilft nichts mehr!
Wir sind verloren wie die Stadt ...

CHOR
aussen
Brot! Brot!

DEPUTATION
Sie siegen nicht,
sie schützen uns nicht,
sie quälen uns zu Tod.

FRONTOFFIZIER
Unter dieser Zitadelle,
wir wissen es, liegt alle Munition ...
Gib sie uns! Hilf uns!

KOMMANDANT
Mein ist zu helfen! Mein ist zu gebieten:
Sie bleibt am Platz.

FRONTOFFIZIER
Weh! Das ist der Untergang,
zerfressen von Krankheit -
dem Tod entgegen
und wehrlos!
sinkt in die Knie

KOMMANDANT
reisst ihn auf
Schweige! Hier in meiner Hand, sieh,
der Brief des Kaisers:
Er ist mein Herr,
wie deiner, wie aller!
Sein herrlicher Wille
fand den Weg zu mir.
Er entfaltet das Schreiben, alles tritt näher, allgemeine Spannung
"Behalten muss ich die Stadt,
was immer geschehe!
Für mein gesalbtes Haupt,
für den höchsten Wert
falle sie in die Schale!
Mit Eurer Ehre bürgt Ihr mir:
Fällt die Stadt - sei sie ausgelöscht."
Eine Frau aus der Deputation, vollkommen bleich, kommt langsam aus der Gruppe der andern bis zum Kommandanten

DIE FRAU
Der Kaiser hat recht:
Soldat, du stirb!
Nicht recht hat der Kaiser:
Bauer, verdirb!
Dreissig Jahre lang:
gepflanzt kein Acker,
dreissig Jahre lang:
Raub und Mord!

DEPUTATION
Wir wissen nicht mehr,
was Friede heisst!

CHOR
aussen
Mord und Hass! Hass und Mord!

FRAU
Sagt ihm, was Krieg ist,
dem Mörder meiner Kinder!

EIN EINZELNER
wirft sich zu Boden
Meine Söhne sind tot,
meine Enkel wimmern um Brot!

ZWEITER
ebenso
Um zerschossene Häuser, um Kasematten
geht Jagd nach Ratten!

DRITTER
ebenso
Mehr als des Hungers Qual
brennt des Hasses, des Argwohns Mal!

ERSTER
fanatisch
Töte erst mich und die und die,
bevor noch ein Schuss fällt!

DEPUTATION
Töte uns alle! Töte uns!

CHOR
aussen
Mörder - alle!

DIE FRAU
zum Kommandanten
Jetzt schrei nach Sieg, Mann!

Die Sonne ist aufgegangen und leuchtet rot aus den Scharten. Kommandant verändert, erschüttert. Sieht nach seinen Sodaten. Auch dort knien einige. Er wendet sich rasch ab. Lange Pause

KOMMANDANT
Es sei! Doch hört:
Die Sonn, im Frührot prunkend,
noch nicht erblicke sie Verrat!
Geht all an euer Werk,
und ihr an das Gewehr!
Und du, Hans Stoss -
sag deinen Leuten: ich bedinge Zeit,
bis dass die Sonn im Mittag steht.
Ein Zeichen wird euch werden bis dahin,
ein Zeichen, ein deutlich sichres Zeichen,
nicht einem wird es unklar sein - ein grosses Zeichen!
Dann tut die Tore auf! Geht! Geht!

CHOR
Deputation, langsam abgehend
Segen über Euch, geliebter Herr!
Ihr gabt uns Leben, Hoffnung, Leben!

CHOR
aussen, antwortend
Brot! Hoffnung! Leben!

KOMMANDANT
Ein einzges Wort der Feigheit
weckt Siegesjubel?
Sprach ich von Unterwerfung,
dass ihr mich segnet?
Erkauf ich euren Frieden
mit meiner Schande?

CHOR
aussen
Leben, Hoffnung, Mut!

KOMMANDANT
Nur sich erretten?
Nur sich erhalten?
Niedriges Leben!Winselndes Leben!
Alles ist abgegangen, bis auf die Wache; zu den Soldaten
Ihr Alten habt in mancher Schlacht
mir treu gedient,
ihr Jungen glaubt an mich.
Ihr andern auch, die meinem Drängen
nur kalte Mienen zeigten in dem Krieg:
Ich liebe euch nicht minder!
Hört ihr den Jubel? Dachtet ihr,
ich hätte meinen Herrn verraten? Nein!
Und ich befehle euch:
Hinab, ihr alle, in der Zitadelle Keller! -
Gutes Pulver, Pech
und griechsches Feuer schichtet auf
grad unter meinen Füssen! Ich spart es auf
zu bessrem Zwecke und zum Sieg!,
Vorwärts, Männer!
Der ist des Todes, der nicht gehorcht,
des Todes, wer gehorcht! -
Schlechte Fackel meines Siegs,
raucht ohne Flamme, russt ohne Schein…
Gebt mir die Lunte!

CHOR DER SOLDATEN
verstehend
Herrgott im Himmel!

KOMMANDANT
zum Wachtmeister, wie ein Reiterlied
Zu Magdeburg in der Reiterschlacht,
da glomm es von Schwertern und Helmen,
da hat der Tod ins Aug gelacht
o Herren wie armen Schelmen.

Zu Magdeburg in der Reiterschlacht,
da gab es viel Stöhnen und Klagen!
Da hat es ein alter Dragoner vollbracht,
den Herrn auf dem Rücken zu tragen!

Nun schreitet heute der Tag heran,
die alte Schuld zu begleichen:
und hast du drunten das Werk getan,
dann magst du schnell entweichen ...

WACHTMEISTER
Zu Magdeburg in der Reiterschlacht
trug ich Euch, Herr, auf den Händen:
hab ichs begonnen und recht gemacht,
so lasst michs mit Euch auch beenden!
Kommandant sieht ihm wortlos ins Auge und küsst ihn

KOMMANDANT
zum Konstabel
Die Jäger standen im böhmschen Land,
hart und verwegen!
Da schlug dem einen der Schwed aus der Hand
den Degen!

Bin ich nun tot, bin ich entehrt ?
Bleibt nicht mehr Wahl!
Da reicht dem Mann sein eignes Schwert
der General!

Viel Zeit ging seit dem Tage hin -
gib es zurück!
Ich weiss, es träumt des Jägers Sinn
von Friedensglück!

KONSTABEL
im gleichen Ton
Weg mit dem Traum! Ich halte fest
an Treu und Ehr!
Mein General - der Jäger lässt
Euch niemals mehr ...
Der Kommandant sieht ihn lange wortlos an, drückt ihm die Hand, wendet sich weiter zum Schützen

SCHÜTZE
Nie war ich Kämpfer, nie ein Held,
fremd blieb mir Tat und Sieg!
Die Zeit nur hat mich hingestellt:
ich hasse Schlacht und Krieg!

Nach Orten, die es fernwo gibt,
treibt es mich sehnsuchtvoll,
wo mich ein Herz unsagbar liebt,
dass ich es finden soll.

Doch blickt Ihr fragend stumm auf mich,
die Trän ins Aug mir bricht -
o Herr, so gross und ritterlich,
o Herr - von Euch scheid ich mich nicht!

KOMMANDANT
Mein bester Krieger - auch ohne Heldentat! - Und ihr, Haudegen und Söldner: Bleibt ihr bei mir? Geht ihr ?

MUSKETIER
Hab richtig Sold bekommen, zu schlagen und zu stechen! Aber für das, was Ihr verlangt, Herr ... keinen Pfennig Sold.

HORNIST
Lauf brav dem Kriege nach, wo die Trompete schallt, aber nicht des Todes Fiedel! Ich geh!

CHOR DER SOLDATEN
in verschiedenen Einzelstimmen, auch mehrere gleichzeitig
Ich geh, ich bleib!
Ich bleib, ich geh!
Das ist Soldatenlos!

KOMMANDANT
Geht, geht alle!
Du kühner Junge,
dir danke ich dies letzte Wunder -
den Brief, von dem die Kraft
mir durchs Blut strömt,
wo jeder Buchstab Feuerzeichen
mir ward für meinen Tod.
Antwort wird diesem Brief -
gewaltige Antwort, Herr und Kaiser!

Er reisst sich los und geht, den Brief in der hocherhobenen Rechten, die Treppe hinauf. Die Soldaten noch immer starr. Kommandant wendet sich an der Treppe noch einmal und ruft in einfachem Kommandoton

Befehl! Ans Werk! Die Pulverfässer!
Und: Feuer!
Die Soldaten erwachen aus ihrer Faszination und poltern durcheinander die Treppe hinab. Kommandant nach oben ab. Die Bühne bleibt leer. Die Sonne scheint mächtig durch die Scharten. Des Kommandanten Weib kommt scheu, verstört die Treppe herauf. Bedeutend jünger als er, halb kriegerisch gekleidet. Sie ist erstaunt, den Raum leer zu finden, und sieht sich befremdet, aber nicht erschrocken um

MARIA
Wie? Niemand hier? Herabgebrannt das Feuer,
verwirrt die Waffen, nutzlos, unbedient,
wie fortgeschleudert von erschrockner Hand?
Von unten welches Dröhnen? Wühlen sie
sich dort geheime Gänge, um die Burg
zu stürzen? Reissen Stein für Stein
aus ihrem Körper, der uns alle schützt?
Wie leer und schaurig! Wie umfängt es mich
mit kalten Armen, wie Totengruft!
Du Totenuhr da unten, kündest du
in düstrem Schlagen uns die letzte Stunde?

Hohl wie der Tod der Männer Schreckensblicke.
Sie meiden mich. Trotz schweren Grams und Not
erhellten sie sich einst, wenn sie mich sahn.
Sie lächelten, die Rauhen, ihres Leidens,
mein Aug schien ihnen Hoffnung, Himmelslicht.

Heut aber sah ich ein geheimes Leuchten stehn
in jedes Unbekannten Auge auf den Strassen!
Es war, als winkten sie verheissungsvoll
mir zu, als dankten sie für etwas mir,
was ich nicht gab, was wie ein grosses Lächeln
von allen Seiten mir entgegenkam
voll Frieden und Geheimnis.
sie versinkt in tiefes Sinnen

Nur einer hier in diesem wilden Turm
hat nie gelächelt. Nur dem Befehl, der Pflicht
dient seine Lippe manches harte Jahr. -
Und dennoch warb um diesen Einzgen
mein Auge stets mit seiner tiefsten Liebe,
mehr als um all die Leidenden des Krieges,
die ich getröstet. Warum, geliebter Mann,
eröffnete sich mir das Herz des armen Volkes
mit seinem Leuchten - du aber, du
hältst so tief dich verborgen?
Wohl durft ich dir den Harnisch lösen,
kamst du aus wilder Schlacht, allein das Erz,
das unsichtbar die Brust umspannt,
durchdrang ich nie!
Nicht dir ward ich, mein Gatte, nur dem Krieg vermählt. -
Das Donnern der Geschütze
sang einst mein Brautlied. Und da bat ich dich
auf meinen Knien um die Gnade,
bei dir zu bleiben, wenn es auch der Krieg verwehrt.
Du lächeltest. Es war das einzge Lächeln,
und es erstarb an diesem Hochzeitstag!
Niemals sah ich dieses Lächeln wieder,
denn es hiesse Friede.

Der Himmel teilte dieser Zeiten Sturm
mit wochenlangem Stürmen. Finsternis
und Nebel schlossen mich in meine Einsamkeit.
Das düstre Bild fiel ab, und hoch,
hoch übers wilde Feld, vom Krieg zerwühlt,
hoch über diese Stadt der Qual, des Hungers,
hebt strahlend sich die Sonne! Sie gibt mir
noch einmal Kraft! Rührt meine Hoffnung auf
und führt mich her zu dir!
Ich kann nicht warten mehr - und seis der Leid Ende!
Soll ich nie mehr dich lächeln sehn? Nie mehr,
du teurer Mann? Geliebter, sieh: des Herbstes Sonne mahnt!
O komm in letzter Stunde Seligkeit!
sie sinkt ergriffen in sich, der Kommandant erscheint oben; heftig erschreckend
Nein - leere Hoffnung alles!
Ernst und starr das Aug!

KOMMANDANT
Maria, du? Verbieten musste ich
um diese Stunde dir die Zitadelle.
Hart ist der Krieg, Ablösung kommt,
die grosse Wachablösung!

MARIA
Was für ein Klang
in deiner Stimme?
Warum die Öde hier?
Welch Poltern in der Tiefe?
Und Fieberschauer
in allen Gassen?
Es ängstigt mich.
sie will zu ihm

KOMMANDANT
Verlass mich jetzt, Maria!
Der Brief des Kaisers
heischt Entschluss.

MARIA
Ist es nur das? Dann Wahrheit!
Geliebter, gib mir Wahrheit! -
Verzeih mir, ich war dir Last
im Krieg, doch härtere
ertrug mein Herz.
Schweigen, bittres Schweigen
ward dir auferlegt,
doch auch meine Zunge
vereist der Krieg.
Aber ein Tag muss kommen,
da ist des Wartens Ende,
da drängt es sich ans Licht
mit dieser Sonne:
Geliebter, ich will Wahrheit
und dich!

KOMMANDANT
Maria! Wahrheit,
bittre, kalte Wahrheit
in einer Stunde
verschwindet diese Stad
in den Wogen des Feindes!
In einer Stunde
zu Ende meine Macht,
zu Ende das Werk,
das mein Herr mir befahl.

MARIA
Es kann nicht sein!
So spricht mein Gatte nicht!

KOMMANDANT
Mehre nicht, Geliebte,
die Schmach des Gefangenen,
wenn sie dich finden!
Flieh vor den Fremden!

MARIA
Mich stärkte die Sonne,
gab mir die Hoffnung,
gibt mir auch Kraft,
alles zu tragen!
Herrliche Sonne, Stern der Wahrheit,
hilf ihm mich halten bis in den Tod!

KOMMANDANT
Maria, Geliebte, sahst du die Sonne?
Zum letztenmal erhellt sie die Nacht!
Der Turm versinkt in Nichts. Hinab zur Stadt!
Der Arm, der dich hält, umfasst dich im Grab! '

MARIA
Dank dir, Sonne: sein Auge leuchtet,
Dank dir, Morgen, du trogst mich nicht.
Sieh, du erschienest mir,
gütige Spendrin,
höchstes Sinnbild der Liebe!
Jetzt erleuchte das Herz des Geliebten,
Kraft verleihe dem mächtigen Arm
mich zu fassen, vereint zur Liebe,
mich zu halten bis in den Tod.
Sonne, Sonne, seliges Ende,
nie mehr getrennt - willkommener Tod!

KOMMANDANT
zugleich mit ihr
Bei deiner Jugend schweigendem Opfer
ohne Bedenken nahm es der Krieger -
bei deiner Liebe schmerzvollem Entsagen
strenge Pflicht weiss nur schweigenden Dank.
Nie mehr leuchtet die Sonne dem Müden
nie mehr spendet Trost diese Stimme,
was allen Erquickung - des Auges Schimmer,
für ihn, den du liebtest, verlischt es bald
Genug der Opfer - genug der Leiden -
Ewiggeliebte, rette dich!

MARIA
Neue Trennung? Ewiger Schmerz!
Um unserer Liebe:
entrinne mit mir!

KOMMANDANT
Der Kaiser stand im Saal.
Der Kaiser hielt das Kreuz.
Umarmte mich wie du -
da schwor ich auf das Kreuz.
Und wieder diese Nacht
gemahnt er an den Schwur:
"Haltet mir diese Stadt - Ihr wisst nicht, was ich weiss!
Haltet mir meine Stadt - kostbar ist jede Stunde.
Und haltet Ihr sie nicht - so lösch ich Eure Ehre!"

MARIA
Furchtbar ist der Ehre Gebot.
Gar nichts gilt der Liebe Gebot!
Furchtbar ist das Gebot, das du geschworen -
keiner hört das Flehn des tiefsten Herzens!

KOMMANDANT
zugleich
Herrlich ist der Ehre Gebot.
Nichts Höheres
auf dieser Erde!
Herrlich ist das Gebot,
das ich geschworen,
mächtig erhebt es sich zu göttlichen Höhn!

MARIA
ganz gross und hymnisch beschwörend
Krieg, furchtbarer Würger Krieg,
sind alle Opfer dir nicht genug?
Borgst du auch noch den Schein der Ehre,
um ihn zu töten, der mir alles ist?
Hör es, Krieg: auch ich war Soldat!
Dich selbst hab ich bekriegt
um meiner Liebe willen!
Verflucht seist du, Krieg!
Hör es, Krieg!
Mein ist der letzte, ewige Sieg!
Sonne, sie rief mich mit ihrem Licht!
Geliebter, ich folge des Lichtes Werben,
Geliebter, ich komme, mit dir zu sterben.

KOMMANDANT
zugleich mit ihr, ebenso
Krieg, herrlicher Gedanke, Krieg,
wo immer sich dein mächtig Haupt erhebt,
da beugt Gehorsam jede niedere Regung,
und Leben selbst ward Preis der Mannesehre!
Hör es, Krieg:
Ich war nur Soldat!
Nur Treue kenne ich, weisend übers Leben,
Treue ihm, der mein Herr war!
Gesegnet, Krieg!
Treue, sie rief mich mit ihrem Licht!
Geliebte, wir folgen dem ewigen Werben,
Geliebte, ich komme, mit dir zu sterben.

Der Kommandant hebt sie in tiefster Ergriffenheit zu sich. Lange Umarmung. Das Licht hat sich während der Beschwörung des Krieges verändert: Trübe. Langsam, einer nach dem andern, steigen die Soldaten aus der Tiefe. Als letzter der Wachtmeister mit der brennenden Lunte. Der Kommandant reisst sich für einen Augenblick aus der Umarmung und weist ihn mit grosser Gebärde in die Tiefen des Turms. Wachtmeister mit der Lunte schrittweis die Stufen hinab. Die Soldaten knien nieder, einige verhüllen das Gesicht. Kommandant und Maria wieder ganz in der Umarmung versunken.Tiefe Stille. - Kanonenschuss von ferne

KOMMANDANT
fährt auf
Erwünschtes Zeichen!

Zweiter Schuss. Die Soldaten erwachen aus ihrer Lethargie und stürzen an die Scharten. Wachtmeister zurück. Steht fragend mit der Lunte. Kommandant reisst ihm die Lunte aus der Hand und zertritt sie. Wachtmeister eilt hinauf zu den Scharten
Auf eure Posten! Angriff!
Dritter Schuss
Kampf und Untergang - endlich - mein Gott!
Tiefe Stille

WACHTMEISTER
an einer der Scharten
Ich sehe nichts ...

KOMMANDANT
Der Angriff, der Angriff - woher?

WACHTMEISTER
Nirgends Angriff - leer das Feld.

SOLDATEN
Grau bleicht der Tag. Stille alles. Nebelmeer ...
Glocke von ferne

MARIA
sich erhebend, ganz leise
Nein, nicht Todesnebel -
Ein heller Strahl der ewgen Sonne
dringt her zu mir !
O tönende Hoffnung!

WACHTMEISTER
Die Glocke! So klingt nicht eine in dieser Stadt!

MARIA
Und kennt sie keiner, die Stimme des Lichts,
und nennt sie keiner - ich preise sie!

KONSTABEL
Jetzt läuten sie
vom Marienturm:
verboten wars
an Festtagen selbst!

SCHÜTZE
Und drüben läutet
die Magdalen!
Wir hörten nur
von ihrer Stimme,
sie selber nie.

WACHTMEISTER
Der Stadtturrn jetzt!
Wie sie sich eilen!
An harten Strängen
reissen und hängen!

SCHÜTZE
Der Dom setzt ein!
Gewaltges Dröhnen!
Und unser Turm schwingt mit im Jubel -
schwingt mit im Sturm!

MARIA
Die mich beglückte -
tönt nun die Sonne ?
Glocken, sie singen,
machen uns frei!
Seliges Schwingen,
leuchtendes Klingen -
gesegnet sei!

KOMMANDANT
hart hinein
Der Feind, der Feind!
Wo steht sein Angriff?

WACHTMEISTER
Bewegung beim Feinde!

KOMMANDANT
Endlich! Schütze, was siehst du?

SCHÜTZE
hinausblickend
In langen Reihen:
die Reiter zuerst,
die Fusstruppen folgen,
doch nicht zur Schlacht.
Genommen die Gräben,
bald sind sie nah, sie schliessen uns ein!

KOMMANDANT
wiederholt dazwischen
Die Reiter zuerst -
die Fusstruppen folgen -
genommen die Gräben -
sie schliessen uns ein ...

MARIA
auf den Knien
Licht, das mich geleitet,
Licht, das uns errettet,
lass es nicht wahr sein!

SCHÜTZE
Sie ordnen sich, stehen,
sie folgen Befehlen
der Hauptleute drüben
wie zur Parade.

KOMMANDANT
Wahnsinn! Du bist blind!
Offizier stürmt die Treppe herauf
Macht fertig zum Feuer!
Waffen! Waffen - hieher!

OFFIZIER
Wachtposten meldet:
Anmarsch des Feindes
mit geschmückten Standarten,
mit bekränzten Geschützen,
mit weissen Fahnen!

KOMMANDANT
Kriegslist!
Die Stadttore schliessen!

OFFIZIER
Zu spät! Die Unsern
umarmen die Feinde!
Auf allen Bastionen!
In allen Gräben!

KOMMANDANT
Ich hab geschworen:
kein feindlicher Fuss
betritt diese Stadt!
Und müsst ich selber
dem Feinde stehn,
ein einziger Mann!
Niemals Frieden!
Die Glocken beginnen wieder zu läuten. Bürgermeister kehrt mit der Deputation zurück, vollkommen verändert, erfrischt, beglückt

BÜRGERMEISTER
Das Zeichen, das Zeichen,
das Ihr uns verhiesset -
beglückerides Zeichen ,
von Turm zu Turm!

PRÄLAT
Die Glocken der Kirchen,
die Diener Gottes,
verkünden die grosse,
die göttliche Botschaft!

DEPUTATION UND SOLDATEN
O Tag des Friedens!
Der erste wart Ihr,
der ihn verkündet,
geliebter Herr!
Euch sei der höchste,
der ewige Dank!
Das Läuten hört auf

KOMMANDANT
Nichts weiss ich von Frieden!
Verschliesse mein Ohr
dem wüsten Dröhnen!
Der Wille des Kaisers
gebot mir Ausharren,
gebot mir Sieg!

BÜRGERMEISTER
Der Glocken Stimme
fand keinen Gegner,
auf springen die Tore,
sie ziehen ein.
Geschmückt die Stadt
mit Laub und Kranz
und Fahnenglanz !
Es hat ein Wunder sich vollbracht,
nicht auf Befehl, nicht auf Geheiss,
die Mannschaft trägt frischgrünes Reis,
bekränzt strömt sie zum Tor herein,
von Ruf umwogt, von Willkommschrein, -
als hätte eine Himmelsmacht
das schwere Bild der Zeit getauscht.

Die Glocken beginnen wieder zu läuten, sich steigernd bis zum Eintritt des Holsteiners

Und Jubel rauscht
und Jauchzen geht
und winkt und weht
von Mund zu Mund,
von Hand zu Hand,
durch Gassen hin,
von Ort zu Ort,
durch alles Land!
O selges Wort!
O schönster Sinn!
Glanzvoller Tag, der das gebracht -
o ewgen Wunders Macht!

Herannahen und allmählicher Eintritt der Truppen des Holsteiners

HOLSTEINER
noch ausserhalb
Wo ist der Mann,
des Krieges bester Held?
Wo ist der Kämpfer,
der löwengleich sich hiel
gegen zehnfache Übermacht?

Eintritt des Holsteiners, des feindlichen Kommandanten, mit seiner Suite. Viel jüngerer Mann als der Kommandant der Festung, seine Leute viel besser gepflegt und bewaffnet

KOMMANDANT
Wo ist der Mann,
der tollkühne Feind,
der sich vermass,
hier einzudringen
gegen meines Kaisers Willen
und gegen den meinen?

Holsteiner schreitet näher, nimmt feierlich den Hut ab

HOLSTEINER
Hör, Kommandant,
gewaltiger Held:
Zu Münster sie sassen,
Gesandte des Kaisers,
Gesandte der Fürsten,
der Bischöfe, Städte
und allen Landes.
Gediehn das Werk:
Kriegerisch Wüten
von dreissig Jahren ...
zu Ende ists
mit dem heutigen Tag!

CHOR
aussen
Friede! Friede! Friede!

MARIA
Unendliche Botschaft!
Du ewige Sonne,
so brachtest du Wahrheit,
mit heilendem Lichte
erfüllest die Welt!

KOMMANDANT
reisst sie an sich
Trau nicht den bösen
den tückischen Worten, Weib!
Geliebte, zu mir!

HOLSTEINER
Harter Willkomm
dem offenen Herzen!
Schon rollen die Wagen,
Euch Hilfe zu bringen:
Friede und Freundschaft,
Zehrung und Brot!

Tritt näher und versucht, ihm die Hand zu reichen

KOMMANDANT
stark hinein
Verflucht Versprechen!
Verfluchter Bote,
der das Land verheerte,
die Kirchen zertrümmert,
verbrannt die Gehöfte ...

HOLSTEINER
Lass, was gewesen!
Feinde von gestern,
Brüder von heute.

KOMMANDANT
Feinde von gestern!
ehrliche Feinde,
Verräter heute,
Lüge und Trug!

HOLSTEINER
weicht zurück
Wer fiel noch gestern
drachengleich aus
und traf die Bekenner
des neuen Glaubens
mit Feuer und Schwert?

KOMMANDANT
Wer drang von Norden
verheerend ins Land,
ein giftges Feuer?

HOLSTEINER
Wer mähte die Jugend
und stiess sie in Nacht?

KOMMANDANT
Ketzer zertrat ich!

HOLSTEINER
Wer sperrte den Weg mir
und dem Glauben im ganzen Reich?

KOMMANDANT
Des Kaisers Stadt und meine Feste für ewig, Ketzer!

HOLSTEINER
Den Ruf kenn ich!

KOMMANDANT
Und ich den Arm!

HOLSTEINER
Du böser Schirmer
uralter Macht,
mit leeren Befehlen,
mit knöchernen Worten,
hohl und gespenstisch
und schattengleich
hältst du den Geist,
das göttliche Wort,
die Kraft der Jugend
nieder im Land!

KOMMANDANT
Irrglauben hass ich,
Irrglauben tötet
dies mein Schwert!
Er zieht das Schwert, der Holsteiner greift nach dem seinen, aber ohne es zu entblössen. Maria wirft sich zwischen die Männer

MARIA
Geliebter, nicht das Schwert!
Nicht mehr das Wort
von Unfrieden, Feindschaft!
Was ist ein Wort ?
Was ist ein Bote?
Sieh hinter ihm
die glanzvolle Strasse,
sieh hinter ihm
den grossen Herrn,
den leuchtenden Herrscher,
der ihn beschattet,
der ihn gesendet,
mehr als der Kaiser,
mehr als wir alle!
Mann, es ist Friede!
Sieh mich doch an,
sieh mir ins Auge,
verhärte dich nich
und glaube auch ihm!

Der Kommandant sieht sie lange an, dann gleitet sein Blick auf den Holsteiner. Sie stehen einander wortlos gegenüber. Plötzlich wirft der Kommandant sein Schwert weit von sich - sie sinken einander ergriffen in die Arme. - Während dieser Szene hat sich der Raum allmählich mit Volk und Soldaten beider Parteien gefüllt

CHOR
aussen
Sei uns gegrüsst,
du neuer Herrscher,
du junger König,
glückselger Friede,
wir neigen uns dir!
Nicht Fremde mehr,
nicht Feinde mehr!
Glückselger Friede,
bist du nun Wahrheit?

MARIA
Glocken! Glocken,
leuchtende Wunder!
Menschlichen Herzen
Todesboten des Kriegs -
Lebensglocken der Wiedergeburt.
Was die Sonne begann,
weisend die klaren,
unsichtbar
luftgen Pfade,
selige Glocken,
da vollendet in Gnade!
Leuchtende Wunder,
Lebensglocken der Wiedergeburt,
hört zu tönen nicht auf!
Niemals! Niemals!

DEPUTATION, SOLDATEN UND SOLISTEN
Hört ihr die Stimmen?
Sind es die Unsern?
Sind es die Fremden?
Fremdartig klingt es
wie Geistergetön.
Was umklammern uns
uralte Mauern?
Dort, selig wandeln
sie dort im Licht,
dort draussen sind Grenzen gefallen!
Seht, sie umarmen sich schon!
Sei uns gegrüsst, glückseliger Friede!

CHOR
aussen, gleichzeitig
Uralte Last
von uns genommen,
leicht hebt sich die Brust!
Selig zittert das Herz!
Geblendet das Auge,
du mächtger König,
du junger Herrscher,
hebst uns empor
in bessere Welten!
Selig zittert das Herz!

FRAUENCHOR
aussen, näher
Ihr Kinder, wagt es,
waget den Schritt!
Dunkel waren
die früheren Jahre,
doch jetzt umfängt uns
seliges Licht.
Ihr Kinder, wagt es,
glaubet dem Glanz -
was Schreiten erst war,
schon ist es Tanz!

ALTE MÄNNER
Unser Schritt ist zagend,
unser Aug ist bang:
Wir sehen den Frieden -
aber nicht lang.
Wir wandeln zu anderen Orten -
aber wir wandeln
durch leuchtende Pforten!

BÜRGERMEISTER
Wie uns das aufruft,
viel tausend Münder,
wie uns das mahnt,
viel tausend Stimmen!
Ist dies noch die Festung,
die uns umklammert
mit schattiger, lastender,
schwarzer Faust ?
Oder hebt uns schon
eine lichte Wolke
dorthin, Brüder, zu euch?

PRÄLAT
Ich aber preise
Erfüllung des Wortes,
Geschenk deiner Gnade
Du Gott des Friedens!

BEIDE
Sei uns gegrüsst
leuchtender Friede!

CHOR
aussen
Noch dies Umarmen,
noch diesen Kuss!
Dann aber hebet
die feiernden Hände
zu besserem Werke,
zum Werke des Friedens!

MÄNNERCHOR
auf der Bühne
Dann aber fort
mit den engenden Wänden!
Nicht Fremde mehr,
nicht Feinde mehr!
Glückselger Friede,
sei uns gegrüsst!

FRAUENCHOR
auftretend
Wir kommen, wir kommen!
Fort mit den drängenden,
lastenden Mauern!

ALLE
Glückseliger Friede,
bist du nun Wahrheit?
Gewaltiger Lärmder Menschenmasse von aussen. Glocken und Kanonendonner

KOMMANDANT UND HOLSTEINER ,
alles übertönend, als wollten sie die Masse noch zurückhalten
Warum kämpften wir
Jahre um Jahre?
War es des Kaisers
uralte Macht?
Des neuen Glaubens
kräftiger Wille ?
War es nur Hass,
der uns geschieden?
Glocken, Glocken,
leuchtende Stimmen -
aber mehr noc
der jubelnden Menschen
glückselige Stimmen!
Nur um dieser Stunde
Glück des Umarmens,
nur um der Treue
Sieg oder Untergang,
nur um der Freundschaft
strahlende Wiedergeburt,
das nur, das unser Sieg!

MARIA
zugleich
Sonne, Sonne, ewige Sonne!
Was du begannst,
vollende das Wunder!
Öffne die Arme,
verbrenne die Mauern,
schliesse uns ein!
Dass wir uns finden,
untrennbar, unendlich,
nimm uns zu dir!
Die Mauern öffnen sich, der Turm versinkt. Sonnige Helle dringt ein, es ist alles ein einziges wogendes Menschenmeer

CHOR
Sei uns gegrüsst,
leuchtender König,
herrlicher Herrscher,
ewiger Friede, sei uns gegrüsst!

ZWEITER CHOR
Seid uns gegrüsst,
ihr neuen Brüder,
nichts trenne uns mehr -
ewiger Friede - gegrüsst!

ALLE
Wagt es zu denken,
wagt zu vertrauen,
wagt in das göttliche
Leuchten zu schauen!
Die uns erschüttern,
die uns noch blenden,
Zeichen sind es,
die niemals enden!
Brücken, die wir
zu beschreiten nicht wagen,
leicht werden sie
die Zukunft ertragen.
Wagt es zu denken,
wagt zu vertraun,
schwelgt in gewaltgem
Liebesumfassen!
Ströme des Herzens,
endloser Jubel!
Flamme der Liebe,
aufwärts, aufwärts -
Herrscher Geist, zu dir!