Penthesilea

Penthesilea

Libretto

Othmar Schoeck nach Heinrich von Kleist

Uraufführung

8. Januar 1927, Dresden (Staatsoper)

Besetzung

PENTHESILEA, die Königin der Amazonen(Mezzosopran)
PROTHOE, ihre Vertraute (Sopran)
MEROE, eine Amazonenfürstin (Sopran)
DIE OBERPRIESTERIN DER DIANA (Alt)
ACHILLES, ein griechischer Fürst (Bariton)
DIOMEDES (Tenor)
EIN HEROLD (Bass)

CHOR
Griechen, Amazonen, Priesterinnen

Ort

Zeit

Während des trojanischen Krieges

Schoeck, Othmar

Schoeck, Othmar
1.9.1886 Brunnen, Schwyz - 8.3.1957 Zürich


Bühnenwerke
mit Datum/Ort der Uraufführung:

Der Schatz am Silbersee (1901)
Don Ranudo de Colibrados (16.4.1919 Zürich)
Das Wandbild (2.1.1921 Halle)
Venus (10.5.1922 Zürich)
Penthesilea (8.1.1927 Dresden)
Vom Fischer und syner Fru (3.10.1930 Dresden)
Massimilla Doni (2.3.1937 Dresden)
Das Schloss Dürande (1.4.1943 Berlin)

EINZIGER AKT
Achilles, der die Amazonen unter Penthesilea hesiegt hat, beugt sich über die verwundete ohnmächtige Königin und wird von heisser Liebe erfasst. Als Prothoe mit ihr flieht, folgt Achilles waffenlos in das Zelt der Gegner. Prothoe überredet den siegreichen Griechen, der Ohnmächtigen nach ihrem Erwachen vorzutäuschen, dass sie gesiegt habe. Penthesilea entbrennt daraufhin in heftiger Liebe zu Achilles und verteidigt ihn gegen ihr Volk, da sie den Griechen in ihre Heimat mitnehmen möchte.
Die Oberpriesterin verflucht Penthesilea und spricht ihr die Königinnenwürde ab, weil sie ihrem Volk untreu geworden ist. Penthesilea erfährt, dass Achilles sie getäuscht hat, ihre Liebe schlägt in Zorn um. AIs der Grieche sie durch einen Herold erneut zum Kampf fordert, fühlt sie sich verhöhnt. Sie weiss nicht, dass Achilles waffenlos gekommen ist, um sich von ihr besiegen zu lassen. Sie tötet ihn mit einem Pfeil und lässt ihn von ihren Hunden zerfleischen. Zu spät erfährt Penthesilea von Prothoe und der Oberpriesterin, dass Achilles ihre Liebe gesucht hat. Verzweifelt stösst sie sich einen Dolch in die Brust und bricht tot über dem Leichnam des Geliebten zusammen.


Oper in einem Akt
Text nach dem Trauerspiel von Heinrich von Kleist


Personen:
PENTHESILEA (Mezzosopran)
PROTHOE (Sopran)
MEROE (Sopran)
OBERPRIESTERIN (Alt)
ACHILLES (Bariton)
DIOMEDES (Tenor)
HEROLD (Bariton)
ERSTE AMAZONE (Sopran)
ZWEITE AMAZONE (Alt)
ERSTE PRIESTERIN (Sopran)
ZWEITE PRIESTERIN (Alt)
HAUPTMANN (Tenor)

EINZIGER AKT

OBERPRIESTERIN
Was gilt's? Dort naht die Unheilkunde schon.

AMAZONEN
hinter der Szene
Penthesilea, Königin, weh! Sie stürzt!

Eine Schar von Amazonen kommt hereingestürzt und eilt fluchtartig ab. Ihnen folgt Meroe

MEROE
vom Hügel rufend
Flieht!
Das ganze Heer der Griechen stürzt heran!

OBERPRIESTERIN
Ihr Götter des Olymps!
Was ist geschehn?

PRIESTERIN
Wo ist die Königin?

MEROE
Im Kampf gefallen,
Das ganze Amazonenheer zerstreut.

OBERPRIESTERIN
Sag an: Wo? Wann?

MEROE
Lass kurz das Ungeheuerste dir melden!
eilt nach vorn
Achill und sie, mit vorgelegten Lanzen,
Begegnen beide sich, zween Donnerkeile,
Die aus Gewölken ineinander fahren;
Die Lanzen, schwächer als die Brüste, splittern:
Er, der Pelide, steht, Penthesilea,
Sie sinkt, die todumschattete, vom Pferd.
Da schwingt vom Ross er sich zu ihr herab,
Ruft: Welch ein Blick der Sterbenden traf mich?
Und während, von Entsetzen noch gefesselt,
Die Jungfrau'n stehn, des Wortes eingedenk
Der Königin, kein Schwert zu rühren wagen,
Dreist der Erblassten naht er sich,
In seinen Armen hebt er sie empor,
Und laut die Tat, die er vollbracht, verfluchend,
Lockt er in's Leben jammernd sie zurück!

OBERPRIESTERIN
Er - was? Er selbst?

MEROE
Da, mit des Pferdes Huftritt ihn verdrängend,
Reisst Prothoe die Königin ihm fort.
Indes erwacht die Unglückselige,
Man führt sie röchelnd, mit zerriss'ner Brust,
Den hintern Reihn zu, wo sie sich erholt;
Doch er, der unbegriffne Doloper -
Ein Gott hat in der erzgekeilten Brust
Das Herz in Liebe plötzlich ihm geschmelzt -
Er wirft das Schwert hinweg, den Schild hinweg,
Und folgt der Kön'gin unerschrockenen nach.

Eine Priesterin geht suchend einige Schritte nach rechts, wo ale stehen bleibt

PRIESTERIN
Seht, seht! Da wankt, geführt von Prothoe,
Sie selbst, das Bild des Jammers, schon heran!

Penthasllea tritt von rechts, auf Prothoe gestützt, langsam, sich gleichsam mühsam vorwärtsscheppend, auf

OBERPRIESTERIN
Ihr ew'gen Himmelsgötter!
Welch ein Anblick!

PENTHESILEA
stehen bleibend, verhalten, dumpf:
Hetzt alle Hund' auf ihn!
Die Elephanten peitschet auf ihn los!
Mit Sichelwagen schmettert auf ihn ein,
Und mähet seine üpp'gen Glieder ab!

PROTHOE
Geliebte! Wir beschwören dich -
Es folgt dir auf dem Fusse der Pelide!

PENTHESILEA
Mir diesen Busen zu zerschmettern, Prothoe!

MEROE
So willst du nicht entweichen?

PROTHOE
Willst nicht fliehen?

MEROE
Willst dich nicht retten?

PENTHESILEA
gesteigerter:
Ist's meine Schuld, dass ich im Feld der Schlacht
Um sein Gefühl mich, kämpfend, muss bewerben?
Ich will ihn ja, ihr ew'gen Götter! - nur
An diese Brust will ich ihn niederziehn!

Meroe ersteigt inzwischen den Hügel

PROTHOE
Sie rast!

OBERPRIESTERIN
Unglückliche!

PROTHOE
Der Sturz hat völlig um's
Bewusstsein sie gebracht.

MEROE
auf dem Hügel
Der Pelide, ihr Jungfrau'n, ich beschwör euch,
Im Schuss der Pfeile naht er schon heran!

PROTHOE
So fleh' ich dich auf Knien - rette dich!

PENTHESILEA
Ach, meine Seel' ist matt bis in den Tod!

PROTHOE
Entsetzliche! Was tust du?

PENTHESILEA
Flieht, wenn ihr wollt.

PROTHOE
Du willst? -

MEROE
Du säumst? -

PENTHESILEA
Ich will hier bleiben.

PROTHOE
Wie? Rasende!

PENTHESILEA
Ihr hörts. Ich kann nicht stehen.
Soll das Gebein mir brechen? Lasst mich sein.

PROTHOE
Verlorenste der Frau'n! Und der Pelide,
Er naht, du hörst, im Pfeilschuss -

PENTHESILEA
ausbrechend
Lasst ihn kommen,
Lasst ihn den Fuss gestählt auf diesen Nacken setzen
Und diesen Leib hier, frischen Lebens voll,
Den Hunden mag er ihn zur Morgenspeise,
Dem scheusslichen Geschlecht der Vögel bieten:
Staub lieber, als ein Weib sein, das nicht reizt.

PROTHOE
O Königin!

PENTHESILEA
indem sie sich den Halsschmuck abreisst:
Weg, ihr verdammten Flittern!-
Die Hand verwünsch ich, die zur Schlacht mich
mit erhobener Stimme
Heut geschmückt.
Der Würfel der Entscheidung liegt, er liegt:
Begreifen muss ich's - und dass ich verlor!

MEROE
besteigt wieder den Hügel:
Diana, Königin! Du bist verloren,
Wenn du nicht weichst!

PROTHOE
vom Hügel herabeilend, sich an Penthesilea drängend:
Mein Schwesterherz! Mein Leben!
Du willst nicht fliehn? Nicht gehn?

PENTHESILEA
in höchster Verzweiflung sich an einen Baum lehnend, gleichsam in Tränen ausbrechend:
O Aphrodite!

PROTHOE
plötzlich gerührt, setzt sich neben Penthesilea
Nun, wie du willst.
Wenn du nicht kannst, nicht willst - sei's! Weine nicht,
Ich bleibe bei dir. Geht, ihr Jungfrau'n,
Geht! Kehrt in eure Heimatsflur zurück!
Die Königin und ich, wir bleiben hier.

OBERPRIESTERIN
Wie, du Unsel'ge?
Du bestärkst sie noch?
Da nichts, von aussen sie, kein Schicksal, hält,
Nichts als ihr töricht Herz -

PROTHOE
Das ist ihr Schicksal! -
Was fehlt dir? Warum weinst?

PENTHESILEA
Schmerzen, Schmerzen -

PROTHOE
Kann ich dir Lind'rung? -

PENTHESILEA
Nichts, nichts, nichts. -
Wenn ich zur Flucht mich noch -
Wenn ich rasch wäre -
Wo steht die Sonne?

PROTHOE
Dort, dir grad im Scheitel.

PENTHESILEA
sieht unverwandt in die Sonne - sehnsüchtig:
Dass ich mit Flügeln, weit gespreizt und rauschend,
Die Luft zerteilte! -
Sie sammelt sich und steht auf

MEROE
So willst du dich entschliessen?

PROTHOE
So hebst du dich empor?
So sei's auch wie ein Riese! Sinke nicht,
Und wenn der ganze Orkus auf dich drückte!
Steh, stehe fest, wie das Gewölbe steht,
Weil seiner Blöcke jeder stürzen will!
Beut deinen Scheitel, einem Schlussstein gleich,
Der Götter Blitzen dar und rufe:
Trefft!
Und lass dich bis zum Fuss herab zerspalten,
Nicht aber wanke in dir selber mehr. -
Komm. Gib mir deine Hand.

PENTHESILEA
hält den Blick unverwandt auf die Sonne gerichtet, wie entrückt:
Geht's hier, geht's dort?

PROTHOE
Du kannst den Felsen dort, der sicherer ist,
Du kannst auch das bequeme Tal hier wählen.

PENTHESILEA
leise, in Verzückung:
Den Felsen!
Da komm ich ihm um so viel näher. -
indem sie plötzlich, auf eine Brücke
gekommen, stehen bleibt

Doch höre:
Eins, eh' ich weiche, bleibt mir übrig noch.

MEROE
Und was?

PROTHOE
Unglückliche!

PENTHESILEA
wie im Wahnsinn:
Eins noch, ihr Freundinnen?
Den Ida will ich auf den Ossa wälzen,
Und auf die Spitze ruhig bloss mich stellen.

PROTHOE
Schützt, all ihr Götter, sie!

OBERPRIESTERIN
Verlorene!

MEROE
schüchtern
Dies Werk ist der Giganten, meine Königin!

PENTHESILEA
Nun ja, nun ja: worin denn weich ich ihnen?

PROTHOE
Himmel!

OBERPRIESTERIN
Und wenn du es vollbrächtest, was würdest du?

PENTHESILEA
heftig auffahrend
Blödsinnige!
Bei seinen goldnen Flammenhaaren zög' ich
Zu mir hernieder ihn -

PROTHOE
Wen?

PENTHESILEA
Hellos,
Wenn er am Scheitel mir vorüberfleucht!
Alle sehen sich sprachlos, entsetzt an

OBERPRIESTERIN
Reisst mit Gewalt sie fort!

PENTHESILEA
in den Fluss starrend
Ich Rasende! Da liegt er ja zu Füssen mir!
wild:
Nimm mich!

Sie will sich In den Fluss stürzen und bricht zusammen. Prothoe, mit Hilfe einiger Priesterinnen, bringt die Ohnmächtige nach dem Vordergrund der Bühne

PROTHOE
Die Unglückselige!

PRIESTERIN
auf dem Hügel
Achill erscheint, ihr Fürstinnen!

OBERPRIESTERIN
zu den Priesterinnen
Fort! Hinweg!
Nicht im Gewühl des Kampfes ist unser Platz.

Die Oberpriesterin mit den Priesterinnen ab. Amazonen stürzen herbei

AMAZONEN
Ihr Götter! Flieht!
Rette sich, wer retten kann!
ab

Die Amazonen reissen Meroe mit sich fort. Penthesilea und Prothoe allein.
Diomedes mit den Griechen tritt auf


DIOMEDES
Hier, meine wackeren Aeto!ier, Heran!

PROTHOE
O Artemis! Du Heilige! Rette!
Jetzt ist's um uns geschehn!

Diomedes und die Griechen dringen auf Penthesilea und Prothoe ein

DIOMEDES
Ergebt euch!

PROTHOE
den Griechen entgegentretend
Dem Sieger
Ergeb ich sie, nicht dir! Was willst du auch?
Der Pelid ist's, dem sie angehört!

DIOMEDES
So werft sie nieder!

In diesem Augenblick erscheint Achilles ohne Helm und Waffen

ACHILLES
stark und drohend
Der weicht, ein Schatten,
Vom Platz, der mir die Königin berührt! -
Mein ist sie! Fort! Was habt ihr hier zu suchen?

DIOMEDES
So! Dein!
Aus welchen Gründen auch? Mit welchem Rechte?

ACHILLES
Aus einem Grund, der rechts, und einem links. -
zu Prothoe
Gib!

PROTHOE
Hier. Von deiner Grossmut fürcht' ich nichts.

ACHILLES
nimmt Penthesilea in seine Arme
Nichts, nichts.

DIOMEDES
Doch nun, Doloperheld, wirst du gefällig
Zum Kampf um die Dardanerburg dich wenden?

ACHILLES
wie abwesend, gedehnt
Er spricht von der Dardanerburg.

DIOMEDES
So hast du denn, gleich einem Morgentraum,
Unsern Helenenstreich schon ganz vergessen?

ACHILLES
tritt näher und legt ihm die Hand auf die Schulter
Wenn die Dardanerburg, Tydide,
Versänke, du verstehst, so dass ein See,
Ein bläulicher, an ihre Stelle träte,
verächtlich
So wär's für mich gerad soviel, als jetzt.
Du gehst und folgst und schlägst die Frauen.
Diomedea macht eine entsprechende Gebärde
Fort! Mir zu liebt Erwidre nichts.

Achilles legt Penthesilea an der Wurzel einer Eiche nieder

DIOMEDES
verlegen
Gut, wie du willst. -
zu den Griechen
Folgt mir, eh' sich die Weiber wieder sammeln.

Diomedes und die Griechen ab

ACHILLES
öffnet Penthesilea die Rüstung
Sie lebt nicht mehr.

PROTHOE
O möcht ihr Auge sich
Für immer diesem öden Licht verschliessen!
Ich fürchte nur zu sehr, dass sie erwacht.

ACHILLES
Wo traf ich sie?

PROTHOE
Sie raffte von dem Stoss sich,
Der ihr die Brust zerriss, gewaltsam auf;
Doch sei's der Glieder, der verwundeten,
Sei's der verletzten Seele Schmerz; sie konnte,
Dass sie im Kampf gesunken dir, nicht tragen;
Der Fuss versagte brechend ihr den Dienst.

ACHILLES
Sie zuckte - sahst du es?

PROTHOE
Ihr Himmlischenl
So hat sie noch den Kelch nicht ausgeleert?
Seht, o die Jammervolle, seht -

ACHILLES
Sie atmet.

PROTHOE
Pelide! Wenn du das Erbarmen kennst,
Wenn ein Gefühl den Busen dir bewegt,
So gönne eine Bitte mir.

ACHILLES
Sprich rasch.

PROTHOE
Entferne dich!
Tritt aus dem Antlitz ihr, wenn sie erwacht.
Und lass ihr niemand nah'n,
Der sie begrüsste mit dem Todeswort:
Du bist die Kriegsgefangene Achill's.

ACHILLES
So hasst sie mich?

PROTHOE
O frage nicht, Grossherz'ger -!
Wie manches regt sich in der Brust der Frauen,
Das für das Licht des Tages nicht gemacht.
Muss sie zuletzt, wie ihr Verhängnis will,
Als die Gefangene schmerzlich dich begrüssen,
So fordr' es früher nicht, beschwör ich dich,
Als bis ihr Geist dazu gerüstet steht.

ACHILLES
herrisch
Mein Will' ist, ihr zu tun, muss ich dir sagen,
Wie ich dem stolzen Sohn des Priam tat.

PROTHOE
Wie, du Entsetzlicher!

ACHILLES
Fürchtet sie dies?

PROTHOE
Du willst das Namenlos' an ihr vollstrecken?
Hier diesen jungen Leib, geschmückt mit Reizen,
Du willst ihn schändlich, einer Leiche gleich -

ACHILLES
Sag ihr, dass ich sie liebe.

PROTHOE
Wie -?

ACHILLES
Beim Himmel, wie! Wie Männer Weiber lieben;
Keusch und das Herz voll Sehnsucht, doch in Unschuld,
Und mit der Lust doch, sie darum zu bringen.
Ich will zu meiner Königin sie machen.

PROTHOE
Ihr ew'gen Götter, sag das noch einmal.
Du willst?

ACHILLES
Kann ich nun bleiben?

PROTHOE
O so lass
Mich deine Füsse küssen, Göttlicher!
Penthesilea regt sich
Doch sieh: sie schlägt die Augen auf -

ACHILLES
Sie regt sich -

PROTHOE
zu Achilles, der sich daraufhin hinter die Eiche stellt
Jetzt gilt's!
Rasch hinter dieser Eiche berge dich! -
Noch tiefer! -
Und eher nicht, beschwör' ich dich, erscheine,
Als bis mein Wort dich ruft. Versprichst du mir's?
Es lässt sich ihre Seele nicht berechnen.

ACHILLES
Es soll gescheh'n.

PROTHOE
Nun denn, so merk jetzt auf!
leise, zärtlich
Penthesilea! O du Träumerin!
In welchen fernen Glanzgefilden schweift
Dein Geist umher, mit unruhvollem Flattern?
Komm, hebe dich an meine Brust.

PENTHESILEA
völlig erwachend
Wo bin ich?

PROTHOE
Kennst du die Stimme deiner Schwester nicht?
Führt jener Fels dich, dieser Brückenpfad,
Die ganze blüh'nde Landschaft nicht zurück?
Du seufzest. Was beängstigt dich?

PENTHESILEA
Ach Prothoe!
heftiger
Welch einen Traum entsetzensvoll träumt ich -
Wie süss ist es - ich möchte Tränen weinen -
Dies mattgequälte Herz, da ich erwache.
An deinem Schwesterherzen schlagen fühlen -
sehr erregt
Mir war, als ob im heftigen Getümmel
Mich des Peliden Lanze traf: Umrasselt
Von meiner erznen Rüstung schmett'r ich nieder,
Und jeder Griff nach diesem Dolch versagt mir.
Gefangen bin ich und mit Hohngelächter
Zu seinen Zelten werd' ich abgeführt.

PROTHOE
Nicht, meine hohe Königin!
Der Hohn ist seiner grossmutvollen Seele fremd.
Wär' es, was dir im Traum erschien: glaub mir,
Ein sel'ger Augenblick wär' dir beschieden.

PENTHESILEA
Fluch mir, empfing ich jemals einen Mann,
Den mir das Schwert nicht würdig zugeführt!

PROTHOE
Sei ruhig, meine Königin.

PENTHESILEA
Wie! Ruhig? -
Ich war so ruhig, Prothoe, wie das Meer,
Das in der Bucht der Felsen liegt; nicht ein
Gefühl, das sich in Wellen mir erhob.
Dies Wort: sei ruhig! jagt mich plötzlich jetzt,
Wie Wind die offnen Weltgewässer, auf.
Du stehst so seltsam da, bist so verstört
Du hörst's, es war ja nur ein Traum,
Wie! Oder ist es? Rede-!
Wo ist denn Meroe? Megaris?
sie sieht sich um und erblickt Achilles, schreiend
Ah!! Entsetzlich!
gedämpft
Da steht der Fürchterliche hinter mir.
Jetzt meine freie Hand -
sie zieht den Dolch

PROTHOE
Unglückliche!
sie sucht Penthesiles den Dolch zu entreissen

PENTHESILEA
O die Nichtswürdige, sie wehret mir -!

PROTHOE
Achilles, rette sie.

PENTHESILEA
Hinweg, sag ich! -

PROTHOE
So sieh ihn doch nur an, Verlorene! -
Steht er nicht ohne Waffen hinter dir?

PENTHESILEA
gedehnt, In höchstem Erstaunen
Wie? Was?

PROTHOE
Nun ja! Bereit, wenn du's verlangst,
Selbst deinem Fesselkranz sich darzubieten.

PENTHESILEA
etwas rascher
Nein, sprich.

PROTHOE
Achill! Sie glaubt mir nicht. Sprich du!

PENTHESILEA
sehr gedehnt
Er wär gefangen mir?

PROTHOE
zu Achill
Wie sonst? Ist's nicht?

ACHILLES
In jenem schönern Sinn, erhabne Königin!
freimütig und innig
Gewillt, mein ganzes Leben fürderhin,
In deiner Blicke Fesseln zu zerflattern.

Penthesilea drückt sich die Hände vors Gesicht

PROTHOE
In plötzlichem Eifer
Nun denn, da hörtest du's aus seinem Mund.
Er sank, wie du, als ihr euch traft, in Staub;
Und während du entseelt am Boden lagst,
Ward er entwaffnet -
zu AchIli, mit Beziehung
Nicht-?

ACHILLES
Ich ward entwaffnet;
Man führte mich zu deinen Füssen her.
Er beugt ein Knie vor ihr.

In Penthesileas Gebaren bricht sichtlich die namenlose Freude über das eben Vernommene durch.

PENTHESILEA
mit sieghafter Grösse
Nun denn, so sei mir, frischer Lebensreiz,
Du junger, rosenwang'ger Gott, gegrüsst!
mit wachsendem Jubel
Hinweg jetzt, o mein Herz, mit diesem Blute,
Das aufgehäuft, wie seiner Ankunft harrend,
In beiden Kammern dieser Brüste liegt.
sie erhebt sich, Immer gesteigerter
Ihr Boten, ihr geflügelteN, der Lust,
Ihr Säfte meiner Jugend, macht euch auf,
Durch meine Adern flieht, ihr jauchzenden,
Und lasst es, einer roten Fahne gleich,
Von allen Reichen dieser Wangen wehn:
Der junge Neridensohn ist mein!

PROTHOE
O meine teure Kön'gin, mäss'ge dich.

PENTHESILEA
Indem sie vorschreitet
Heran, ihr sieggekrönten Jungfraun, jetzt,
Vom Staub der Schlacht noch überdeckt, heran.
An euer Amt, ihr Priesterinnen Dianens:
Dass eures Tempels Pforten rasselnd auf
Mir, wie des Paradieses Tore, fliegen!
Und all ihr flatternden Gewänder, schürzt euch,
Ihr goldenen Pokale füllt euch an!
Ihr Tuben schmettert, donnert ihr Posaunen.

PROTHOE
Freud' ist und Schmerz dir gleich verderblich,
Und gleich zum Wahnsinn reisst dich beides hin.

PENTHESILEA
mit innigstem Ausdruck
O lass mich, Prothoe! O lass dies Herz
Zwei Augenblick' in diesem Strom der Lust,
Wie ein besudelt Kind, sich untertauchen;
hingebend
Mit jedem Schlag in seine üpp'gen Wellen
Wäscht sich ein Makel mir vom Busen weg,
Die Eumeniden fliehn, die schrecklichen,
Es weht wie Nah'n der Götter um mich her; -
Zum Tode war ich nie so reif als jetzt.

PROTHOE
O meine Herrscherin!

PENTHESILEA
Das Unglück, sagt man, läutert die Gemüter.
Ich, du Geliebte, ich empfand es nicht;
Erbittert hat es Göttern mich und Menschen,
In unbegriffner Leidenschaft empört.
Wie möcht ich alles jetzt, was mich umringt,
Zufrieden gern und glücklich sehn! Ach Freundin!
Der Mensch kann gross, ein Held, im Leiden sein,
Doch göttlich ist er, wenn er selig ist!

PROTHOE
für sich
Die Unglückselige! -

PENTHESILEA
Schaff Rosen mir herbei! -
Komm jetzt, du süsser Neridensohn,
Komm, lege dich zu Füssen mir - ganz her!
Du fürchtest mich doch nicht?
Verhasst nicht, weil ich siegte, bin ich dir?
Sprich! Fürchtest du, die dich in Staub gelegt?

ACHILLES
zu ihren Füssen
Wie Blumen Sonnenschein.

PENTHESILEA
Gut, gut gesagt!
So sieh mich auch wie deine Sonne an. -
Diana, meine Herrscherin, er ist verletzt!

ACHILLES
Geritzt am Arm, du siehst, nichts weiter.

PENTHESILEA
Ich bitte dich, Pelide, glaube nicht,
Dass ich jemals nach deinem Leben zielte.
Zwar gern mit diesem Arm hier traf ich dich;
Doch als du niedersankst, beneidete
Hier diese Brust den Staub, der dich empfing.

ACHILLES
Wenn du mich liebst, so sprichst du nicht davon.
Du siehst, es heilt schon.

PENTHESILEA
So verzeihst du mir?

ACHILLES
Von ganzem Herzen. -

PENTHESILEA
sehr leise, etwas lauernd
Jetzt - kannst du mir sagen,
Wie es die Liebe macht, der Flügelknabe,
Wenn sie den störr'gen Leun in Fesseln schlägt?

ACHILLES
Sie streichelt, denk ich, seine rauhen Wangen,
So hält er still.

PENTHESILEA
flüsternd
Nun denn, so wirst du dich
Nicht mehr als eine junge Taube regen,
Um deren Hals ein Mädchen Schlingen legt.
Denn die Gefühle dieser Brust, o Jüngling,
Wie Hände sind sie, und sie streicheln dich.

Prothoe bringt Penthesilea Rosenranken.

ACHILLES
schwärmerisch
Wer bist du, wunderbares Weib?

PENTHESILEA
Gib her; du wirst es schon erfahren -
sie umschllngt Achill mit einigen Rosenranken
Was atmest du?

ACHILLES
Duft deiner süssen Lippen.

PENTHESILEA
indem sie sich zurückbeugt
Es sind die Rosen, die Gerüche streun.
Nichts, nichts!

ACHILLES
Ich wollte sie am Stock versuchen.

PENTHESILEA
Sobald sie reif sind, Liebster, pflückst du sie.
Sie setzt Ihm noch eine Ranke auf und lässt ihn gehen. Zu Prothoe
O sieh, Wie sein gewitterdunkles Antlitz schimmert!
Der junge Tag, wahrhaftig, liebste Freundin,
Er sieht so weich und mild nicht drein, als er.
Sprich, wer den grössten der Priamiden
Vor Trojas Mauern fällte, warst das du?

ACHILLES
Ich bin's.

PENTHESILEA
siegesbewusst
Nun denn, so grüss ich dich mit diesem Kusse,
sie küsst ihn
Unbändigster der Menschen, mein! Ich bin's,
Du junger Kriegsgott, der du angehörst.

ACHILLES
O du,
Die eine Glanzerscheinung mir herabsteigt,
Als hätte sich das Ätherreich eröffnet,
Geöffnet steh'n die Pforten des Elysiums!
Wie hat der Gott der Liebe mich ereilt!

PENTHESILEA
O Freund!
Du Tagstern unter bleichen Nachtgestirnen!
Geöffnet stehn die Pforten des Elysiums!
O wie errat ich jetzt,
Von wo mir dies Gefühl zum Busen rauschte.
Wie hat der Gott der Liebe mich ereilt!
Zwei Dinge nur:
Dich zu besitzen oder umzukommen!

BEIDE
Und jetzt ist uns das Süsseste erreicht!

ACHILLES
Unbegreifliche, wer bist du?
Wie nenn' ich dich, wenn meine eigne Seele
Sich, die entzückte, fragt, wem sie gehört?

PENTHESILEA
Wenn sie dich fragt, so nenne diese Züge,
Das sei der Nam', in welchem du mich denkst. -
Wenn dir der Nam' entschwänd',
Fändst du mein Bild in dir wohl wieder aus?
Kannst du's wohl mit geschloss'nen Augen denken?

ACHILLES
Es steht so fest, wie Züg' in Diamanten.

PENTHESILEA
Ich bin die Königin der Amazonen,
Otrere war die grosse Mutter mir,
Und mich begrüsst das Volk: PENTHESILEA.

ACHILLES
Penthesilea -

PENTHESILEA
Ja, so sagt ich dir.

ACHILLES
Mein Schwan singt noch im Tod: Penthesilea.

PENTHESILEA
leise
Die Freiheit schenk ich dir,
Du kannst den Fuss ins Heer der Jungfrau'n setzen
Wo du willst, denn eine andre Kette denk ich noch,
Wie Blumen leicht und fester doch als Erz,
Die dich mir fest verknüpft, ums Herz zu schlagen.
gesprächig, etwas nüchtern
Wir treten jetzt
Die Reise gleich nach Themiscyra an:
In Themiscyra erst, Nereidensohn,
Kann ich mich ganz, aus voller Brust, dir weihn.
Doch nun, mich rufen mancherlei Geschäfte,
So lass mich gehen.

ACHILLES
gedehnt
Wie?

PENTHESILEA
Lass mich aufstehn, Freund.

ACHILLES
Du fliehst? Du weichst? Du lässest mich zurück?
Noch eh' du meiner sehnsuchtsvollen Brust
So vieler Wunder Aufschluss gabst, Geliebte?

PENTHESILEA
In Themiscyra, Freund.

ACHILLES
Hier, meine Königin!

PENTHESILEA
In Themiscyra, Freund, in Themiscyra. -
Lass mich!

PROTHOE
Wie? Meine Königin! Wo willst du hin?

PENTHESILEA
Die Scharen will ich mustern - sonderbar!
Mit Meroe will ich sprechen, mit Megaris.
Hab' ich, beim Styx, jetzt nichts zu tun, als plaudern?

PROTHOE
Das Heer verfolgt die flücht'gen Griechen,
Lass Meroe die Sorge, du brauchst der Ruhe noch.

Achilles sucht Penthesilea mit Ton und Handbewegung wieder zu fesseln.

ACHILLES
Was ist's, du wunderbares Weib, dass du
In unsern Streit vor Troja plötzlich fällst?
Was treibt, von Kopf zu Fuss in Erz gerüstet,
Dich gegen das Geschlecht der Griechen an?
Du, die sich bloss in ihrer Schöne ruhig
Zu zeigen brauchte, Liebliche, das ganze
Geschlecht der Männer dir im Staub zu sehen?

PENTHESILEA
Ach, Nereidensohn! -Sie ist mir nicht,
Die Kunst, vergönnt, die sanftere, der Frauen!
Nicht bei dem Fest, wie deines Landes Töchter,
Darf ich mir den Geliebten ausersehn;
Nicht in dem nachtigall-durchschmetterten
Granatwald, wenn der Morgen glüht, ihm sagen,
An seine Brust gesunken, dass er's sei.
Im blut'gen Feld der Schlacht muss ich ihn suchen,
Den Jüngling, den mein Herz sich auserkor,
Und ihn mit ehrnen Armen mir ergreifen,
Den diese weiche Brust empfangen soll.

ACHILLES
Traun! Seltsam. -

PENTHESILEA
Mich dünkt, du lächelst, Lieber.

ACHILLES
Deiner Schöne.
Ich war zerstreut - vergib - ich dachte eben,
Ob du mir aus dem Monde niederstiegst? -
er versinkt in Nachdenken

PENTHESILEA
O Pelide!
Mein ewiger Gedanke, wenn ich wachte,
Mein ew'ger Traum warst du!
Man hört Waffengeräusch in der Ferne

PENTHESILEA
aufstehend
Argiver nah'n! Erhebet euch!

ACHILLES
Ruhig! Es sind Gefang'ne, meine Königin.

PENTHESILEA
gedehnt
Gefangene? - Sagt! Was gibt's?

ACHILLES
mit Wärme, aber bestimmt
Du sollst den Gott der Erde mir gebären!
Doch nicht nach Themiscyra folg ich dir,
Vielmehr du, nach der blühenden Phtia, mir;
Denn dort führ ich dich jauchzend hin
Und setze dich, ich Seliger, auf meiner Väter Thron.

PENTHESILEA
Wie? Was? Kein Wort begreif ich -

PROTHOE
mit bittender Gebärde zu Achilles
Nereidensohn! Willst du! -

PENTHESILEA
in höchster Erregung
Was ist's, was gibt's denn?

ACHILLES
Nichts, nichts, erschrick nicht, meine Königin,
Du siehst, es drängt die Zeit, wenn du nun hörst,
Was über dich der Götter Schar verhängt.
Zwar durch die Macht der Liebe bin ich dein,
Und ewig diese Banden trag ich fort;
Doch durch der Waffen Glück gehörst du mir;
Bist mir zu Füssen, Treffliche, gesunken,
Als wir im Kampf uns trafen, nicht ich dir.

PENTHESILEA
Entsetzlicher!

ACHILLES
Ich bitte dich, Geliebte!
Beherrsche dich und höre, wie ein Felsen,
Den Boten an, der dort, wenn ich nicht irre,
Mit irgend einem Unheliswort mir naht.
Denn dir, begreifst du wohl, dir bringt er nichts,
Dein Schicksal ist auf ewig abgeschlossen;
Gefangen bist du mir, ein Höllenhund
Bewacht dich minder grimmig, als ich dich!

PENTHESILEA
Ich, die Gefang'ne dir?

PROTHOE
So ist es, Königin!

PENTHESILEA
die Hände aufhebend, jäh ausbrechend
Ihr ew'gen Himmelsmächt'! Euch ruf ich auf!

Ein Hauptmann tritt mit einer Schar Krieger von links auf.

ACHILLES
Was bringst du mir?

HAUPTMANN
Entferne dich, Pelide!
Das Schlachtglück lockt, das wetterwendische,
Die Amazonen siegreich vor;
Auf diesen Platz hier stürzen sie heran,
Und ihre Losung ist: Penthesilea!

ACHILLES
Mit euern Wagen rädert sie!

PENTHESILEA
mit zitternder Lippe
Nein, sieh den Schrecklichen! Ist das derselbe?

ACHILLES
Sind sie noch weit von hier?

HAUPTMANN
Hier in dem Tal
Erblickt man ihren goldnen Halbmond schon.
Er wendet sich zum Hügel und späht aus

ACHILLES
tritt vor Penthesilea
So folg' mir denn ins Griechenlager, Königin!

PROTHOE
O meine Herrscherin!

PENTHESILEA
ausser sich
Mir keinen Blitz, Zeus, sendest du herab!

HAUPTMANN
kommt wieder nach vorn
Vom Platz hier fort,
Doloperheld! Vom Platze! Die Amazonen nahn!

ACHILLES
aufrufend
Penthesilea!

PENTHESILEA
Du willst mir nicht nach Themiscyra folgen?
Du willst mir nicht zu jenem Tempel folgen,
Der aus den fernen Eichenwipfeln ragt?
Komm her, ich sagte dir noch alles nicht -

ACHILLES
Nach Phtia, Königin!

PENTHESILEA
O!- Nach Themiscyra, Freund!
Nach Themiscyra, sag ich dir!
Und wenn der Sel'gen Sitz in Phtia wäre!
Doch, doch, o Freund! Nach Themiscyra noch.

ACHILLES
Ich bau' dir einen Tempel bei mir auf.

PENTHESILEA
Du folgst mir nicht? - Folgst nicht?

Diomedes stürzt mit Kriegern heran, letztere panikartig ab; Diomedes drängt sich nahe an Achilles heran.

DIOMEDES
Fort! Achilles!
Der einz'ge Weg, der dir noch offen bleibt,
Den schneiden dir die Frauen eben ab. Fort!

Er sucht vergebens Achilles mit sich fortzureissen und eilt nach rechts ab. Meroe tritt auf, ihr folgen auf dem Fusse die Amazonen. Achilles wendet sich einige Schritte nach rechts, Penthesilea immer fest im Auge behaltend, alles mit ruhiger Sicherheit.

MEROE
Schlagt ihn zu Boden!

AMAZONEN
Fasst ihn, greift ihn!
Alle dringen auf Achilles ein

PENTHESILEA
mit drohender Gebärde gegen die Amazonen und Meroe
Dem ist ein Pfeil geschärft des Todes,
Der mir sein Haupt berührt!

Die Anstürmenden stutzen und senken ihre Bogen. Achilles geht noch einige Schritte nach rechts, alle fest im Auge und bleibt nochmals stehen.

ACHILLES
siegesbewusst
Nach Phtia, Königin!
rasch ab

Gleichzeitig stürzt die zweite Hälfte der Amazonen auf die Szene. Oberpriesterin und Priesterinnen folgen. Alle umdrängen freudig Penthesllea und Prothoe

AMAZONEN
Triumph! Triumph! Sie ist gerettet!

PENTHESILEA
Verflucht sei dieser schändliche Triumph mir!
Verflucht jedwede Zunge, die ihn feiert,
Die Luft verflucht mir, die ihn weiter bringt!
War ich, nach jeder würd'gen Rittersitte,
Nicht durch das Glück der Schlacht ihm zugefallen!
Nereidensohnl --

MEROE$
Ihr Götter, hört ich recht?

AMAZONEN
Weh! Verrat!

MERONE
Ehrwürd'ge Priesterin der Artemis,
Tritt näher vor, ich bitte dich! -

OBERPRIESTERIN
tritt aus der Reihe der Amazonen hervor
Nun denn, du setzest würdig, Königin,
Den Taten dieses Tags die Krone auf.
Nicht bloss, dass du die Sitte wenig achtend,
Den Gegner dir im Feld der Schlacht gesucht,
Nicht bloss, dass du, statt ihn in Staub zu werfen,
Ihm selbst im Kampf erliegst, nicht bloss, dass du
Zum Lohn dafür ihn noch mit Rosen kränzest:
Du zürnst auch deinem treuen Volke noch,
Das deine Ketten bricht, du wendest dich,
Und rufst den Überwinder dir zurück. -
Wohlan denn, grosse Tochter Tanais:
Frei in des Volkes Namen sprech ich dich!
Du kannst den Fuss jetzt wenden, wie du willst,
Kannst ihn mit flatterndem Gewand ereilen,
Der dich in Fesseln schlug! -
Verflucht das Herz, das sich nicht mäss'gen kann!

MEROE und die AMAZONEN
dumpf
Verflucht!

Alle, ausser Prothoe, wenden sich von Penthesilea ab.

PENTHESILEA
wankend
Prothoe!

PROTHOE
Schwesterherz!

PENTHESILEA
O! Bleib bei mir!

PROTHOE
Im Tod, du weisst. - Was bebst du, Königin?

PENTHESILEA
Nichts, es ist nichts, ich werde gleich mich sammeln.

Ein Herold tritt auf.

MEROE
Ein Herold naht dir, Königin!

PROTHOE
Was bringst du?

HEROLD
völlig ohne Ausdruck, kalt und rasch
Mich sendet dir Achilleus, Königin,
Und lässt durch meinen Mund dir kündigen:
Weil dich Gelüst treibt, als Gefangnen ihn
Nach deinen Heimatfluren abzuführen,
Ihn aber auch hinwiederum Gelüst,
Nach seinen Heimatfluren dich:
So fordert er zum Kampf, auf Tod und Leben,
Noch einmal dich ins Feld hinaus. -
Hast du's auf solchen Strauss zu wagen Lust?

PENTHESILEA
Lass dir vom Wetterstrahl die Zunge lösen,
Verwünschter Redner, eh' du wieder sprichst! -
zu Prothoe
Du musst es Wort für Wort mir wiederholen!

PROTHOE
Der Sohn des Peleus, glaub ich, schickt ihn her,
Und fordert dich aufs Feld hinaus;
Verweig're kurz dich ihm und sage nein!

PENTHESILEA
fassungslos, gedehnt
Der Sohn des Peleus fordert mich ins Feld?! -

PROTHOE
Zum Kampf, ja, meine Herrscherin.

PENTHESILEA
ausbrechend
Der mich zu schwach weiss, sich mit ihm zu messen,
Der ruft zum Kampf mich, Prothoe, ins Feld?
Hier diese treue Brust, sie rührt ihn erst,
Wenn sie sein scharfer Speer zerschmetterte?

PROTHOE
Vergiss den Unempfindlichen.

PENTHESILEA
Nun denn,
So ward die Kraft mir jetzo, ihm zu stehen:
So soll er in den Staub hinab, und wenn
Jupiter und Giganten ihn beschützen!

AMAZONEN
Weh! Weh!

HEROLD
Du willst im Kampf dich? -

PENTHESILEA
Stellen will ich mich:
Er soll im Angesicht der Götter mich,
Die Furien auch ruf' ich herab, mich treffen!

Herold ab. Der Donner rollt.

AMAZONEN
Weh! sie rast! weh ihr!

PROTHOE
Geliebte Königin! -

OBERPRIESTERIN
Hörst du ihn, der dir zürnt?

PENTHESILEA
Ihn ruf ich
Mit allen seinen Donnern mir herab!

OBERPRIESTERIN
Ihr Fürstinnen! -

AMAZONEN
Ah -

PENTHESILEA
Herbei, Ananke, Führerin der Hunde!

MEROE
Unmöglich ist's!

PROTHOE
Königin!

PENTHESILEA
Ihr Sichelwagen, kommt, ihr blinkenden,
Ihr Reiterscharen, stellt euch um mich her!
Du ganzer Schreckenspomp des Kriegs, dich ruf ich,
Vernichtender, entsetzlicher, herbei!

Sie ergreift den Bogen aus der Hand einer Amazone.

AMAZONEN
Die Rasende!

Der Donner rollt heftig.

PROTHOE
O! Sie ist ausser sich!

MEROE
Sie ist wahnsinnig!

ALLE
ausser Penthesiiea
Ah!

PENTHESILEA
kniet nieder mit allen Zeichen des Wahnsinns
Dich Ares, ruf ich jetzt, dich Schrecklichen.

ALLE ÜBRIGEN
Weh uns!

PENTHESILEA
Dich, meines Hauses hohen Gründer, an!
O! - Deinen erznen Wagen mir herab:
Wo du der Städte Mauern auch und Tore
Zermalmst, Vertilgergott, gekeilt in Strassen,
Der Menschen Reihen jetzt auch niedertrittst.

AMAZONEN
Lästerin, weh uns!

PENTHESILEA
O - Deinen erznen Wagen mir herab:
Dass ich den Fuss in seine Muschel setze,
Die Zügel greife, durch die Felder rolle,
Und wie ein Donnerkeil aus Wetterwolken,
Auf dieses Griechen Scheitel niederfalle!
steht auf

AMAZONEN
gleichzeitig
Penthesilea! Weh dir!

MEROE
Auf! Wehrt der Rasenden!

PROTHOE
Penthesiiea entgegentretend
Geliebte meiner Seele! Höre mich!

Penthesiiea stösst Prothoe von sich, den gespannten Bogen auf sie anlegend.

PROTHOE
Penthesiiea in den Bogen fallend, aufschreiend
Penthesilea! Schwesterseele!

AMAZONEN, MEROE, OBERPRIESTERIN
Rasende!

PENTHESILEA
Wohlan! Wir kämpfen, siegen MITEINANDER!

Heftige Gewitterschläge.

ALLE
ausser Penthesiiea
Weh uns! Weh!

Penthesiiea, Prothoe, Meroe und Amazonen tumultarisch ab. Oberpriesterin und Priesterinnen bilden eine Gruppe im Vordergrund.

OBERPRIESTERIN
Fort, eilt ihr nach!
Schleunig auf den Kreuzweg hin, legt Schlingen ihr.

PRIESTERIN
Meinst du die Königin?

OBERPRIESTERIN
Die Hündin mein ich!
Und reisst, wenn sich ihr Fuss darin verfängt,
Sie nieder, bindet sie!

PRIESTERINNEN
Es ist entsetzlich!

OBERPRIESTERIN
Was säumt ihr noch. Fliegt, rast und seht
Ob alles noch zu retten sei.

Priesterinnen rasch ab.

OBERPRIESTERIN
die Hände zum Himmel hebend
Ihr Ew'gen! Was beschlosst ihr über uns!
Ab

ACHILLES
hinter ihm Diomedes mit einigen Griechen
Ha! Stellt sie sich?
Was sagt er, stellt sie sich?

DIOMEDES
Sie nahet schon,
Jedoch mit Hunden auch und Elephanten
Und einem ganzen wilden Reitertross.
Was die beim Zweikampf sollen, weiss ich nicht.
Die Waffen ihm herbei, die Pferde vor!

ACHILLES
weist die Waffen zurück
Sie tut mir nichts, sag ich.
Dies wunderbare Weib - halb Furie, halb Grazie -
Sie liebt mich!
Und beim Styx, beim Hades - ich sie auch!

DIOMEDES
Du hast sie in die Schranken nur gefordert,
Bloss um ihr -

ACHILLES
Auf ein, zwei Monde will ich ihr
In dem, was sie begehrt, zu Willen sein.
Dann bin ich wieder frei, und folgt sie mir,
Beim Jupiter, ich wär' ein Sel'ger,
Könnt' ich auf meiner Väter Thron sie setzen.

Achilles geht mit einer freudigen Gebärde ab. Diomedes und die Griechen sehen ihm verwundert nach, raffen kopfschüttelnd seine Waffen zusammen und eilen damit ab.

ACHILLES
hinter der Szene, um Hilfe rufend
Diomed!!
Er erscheint mit allen Anzeichen des Entsetzens auf der Höhe, in höchster Erregung rufend
Tydide!!
Er geht einige Schritte nach vom, gegen die Mitte der Bühne; wie suchend bleibt er stehen und wendet sich zurück. In diesem Augenblick erscheint Penthesilea, den aufgelegten Pfeil auf dem noch gesenkten Bogen und bleibt lauernd, in bedrohlicher Haltung stehen.

ACHILLES
mit abwehrend erhobenen Händen gegen Penthesilea, laut und eindringlich, mit bebender Stimme
Penthesilea, meine Braut' Was tust du?!
Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?!

Er weicht Schritt um Schritt, langsam vor der ihn wie ein Jäger das Wild verfolgenden Penthesilea und flieht hinter die Szene. Penthesilea bleibt einen Augenblick stehen und späht, wie ihn suchend, hinter die Szene

PENTHESILEA
reckt sich plötzlich wild auf, triumphierend, aufschreiend
Ha! Sein Geweih verrät den Hirsch!
Sie hebt den Bogen, spannt ihn aufs äusserste, zielt in der Richtung, wo Achilles verschwand und schiesst nach rückwärts rufend, mit sieghafter Gebärde
Triumph!!

Der Bogen entgleitet ihrer Hand, sie lacht grässlich auf und stürzt Achilles nach. Die Amazonen stürzen herein über die Bühne und Penthesilea hinter die Szene nach.

AMAZONEN
Triumph!! Triumph!! Achilleus fällt!

Hinter ihnen folgen die Oberpriesterin und die Priesterinnen. Eine Priesterin bleibt, hinter die Szene blickend, plötzlich wie angewurzelt stehen.

EINE PRIESTERIN
entsetzt aufschreiend
Ah! Euch, ihr der Hölle grauenvolle Götter,
Zu Zeugen ruf ich auf - was erblick ich?!

OBERPRIESTERIN
Nun denn - als ob sie die Medus erblickte!
Was siehst du? Rede! Sprich!

DIE PRIESTERIN
Penthesilea,
Sie liegt, den grimm'gen Hunden beigesellt
Und reisst die Glieder-
Die Glieder des Achill reisst sie in Stücken!

OBERPRIESTERIN
Entsetzen! O Entsetzen!

ALLE
Fürchterlich!

MEROE
stürzt atemlos herein
O ihr, Dianens heil'ge Priesterinnen! -

OBERPRIESTERIN
Sprich, Grässliche, was ist geschehn?!

MEROE
Ihr habt
Das rohe Siegsgeschrei des Volkes vernommen!
Achilles stürzt,
Den Pfeil, den weitvorragenden, im Nacken,
Hebt er sich röchelnd auf und überschlägt sich,
Und hebt sich wiederum und will entfliehn;
Doch hetz! schon ruft sie: Tigris! hetz! Leäne!
Und stürzt - stürzt mit der ganzen Meut, o Diana!
Sich über ihn und reisst - reisst ihn beim Helmbusch
Gleich einer Hündin, Hunden beigesellt, ihn nieder!
Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe zerrend,
Der Zahn schlägt sie in seine weisse Brust
Sie und die Hunde, die wetteifernden.
Als ich erschien,
Troff Blut von Mund und Händen ihr herab. -
Jetzt steht sie lautlos da, die Grauenvolle,
Bei seiner Leich', umschnüffelt von der Meute,
Und blicket starr,
In das Unendliche hinaus - und schweigt.

ALLE
nach einer Pause, dumpf
Weh uns! Wehe!

OBERPRIESTERIN
O die gebar Otrere nicht! Die Gorgo
Hat im Palast der Hauptstadt sie gezeugt!

Lange Pause

Die Nacht ist hereingebrochen. Die mit einem wallenden Purpur bedeckte Leiche des Achilles wird, von den Amazonen umgeben und gefolgt, langsam hereingetragen. Eine Amazone wendet sich jäh um und flieht entsetzt zurück.

EINE AMAZONE
Seht, seht ihr Frau'n! Da schreitet sie heran
Im Aufruhr ihres Wahns, die Grässliche!
Den blutigen Triumph auf fahlen Wangen,
Als wär's der Todfeind, den sie überwunden!

Penthesilea, entblösst von allen Waffen, mit den Zeichen des Wahnsinns behaftet, schreitet langsam, nachtwandlerisch herein und bleibt, ins Leere starrend, in weiter Entfernung von den übrigen, die mit Grauen auf sie blicken, stehen.

ERSTE PRIESTERIN
schaudernd
O diese Händ'! -

ZWEITE PRIESTERIN
O wendet euch, ihr Frauen!

PROTHOE
O meine Mutter!

OBERPRIESTERIN
Diana ruf' ich an:
Ich bin an dieser Greueltat nicht schuldig!

ERSTE AMAZONE
Was steht sie so erstarrt? -

ZWEITE AMAZONE
Was sucht das Auge in der grausen Leere? -

OBERPRIESTERIN
Es blickt die Ruhe meines Lebens tot. -
Geh, Prothoe, ich bitte dich, geh, geh,
Ich kann sie nicht mehr sehn, entferne sie.

PROTHOE
Weh mir!
sie zögert

OBERPRIESTERIN
streng
Entschliesse dich!

PROTHOE
nähert sich zaghaft Penthesilea
Willst du dich niederlassen, meine Königin?
Willst du an meiner treuen Brust nicht ruhn?
Viel kämpftest du an diesem Schreckenstag,
Viel auch, viel littest du - von so viel Leiden
Willst du an meiner treuen Brust nicht ruhn?

PENTHESILEA
nach einer Pause, wie ein Hauch
Ach, Prothoe!

AMAZONEN
Sie spricht - sie redet - horchet!

PROTHOE
tritt ermutigt einen Schritt näher, zärtlich, scheu
Mein Schwesterherz, Mein süsses! O mein Leben!
Vernimm mich!

PENTHESILEA
leise
Bin ich im Elysium?
Bist du der ewig jungen Nymphen eine,
Die unsre hehre Königin bedienen,
Wenn sie, von Eichenwipfeln still umrauscht,
in die kristallne Grotte niedersteigt?

PROTHOE
inniger
Erkläre dich, Geliebte! Wir versteh'n nicht -

PENTHESILEA
in Verzückung
Ich bin so selig, Schwester! Überselig!
Ganz reif zum Tod, Diana, fühl ich mich!
Zwar weiss ich nicht, was hier mit mir geschehn'
Doch gleich des festen Glaubens könnt ich sterben,
Dass ich mir den Peliden überwand.
Sie steht hoch aufgerichtet und sieht ins Weite

PROTHOE
hastig, gedämpft, zu den Frauen hinüber
Rasch jetzt die Leich' hinweg!

PENTHESILEA
mit plötzlich verändertem Ton, gefährlich verhalten
O Prothoe!
Mit wem sprichst du?
Sie macht einen Schritt gegen die Bahre

PROTHOE
tritt Ihr entgegen
Fort, Rasende!

PENTHESILEA
ausbrechend
O Diana! So ist es wahr?!
sie verhüllt sich das Haupt

PROTHOE
O bei den furchtbaren Mächten des Olymps,
Frag' nicht! -

PENTHESILEA
rasend
Hinweg! Und wenn mir seine Wunde,
Ein Höllenrachen gleich, entgegengähnte!
Ich will ihn sehn'
Sie läuft auf die Bahre zu, schreckt vor dem bleichen Antlitz des Toten entsetzt weit zurück
Wer von euch tat das, ihr Entsetzlichen?!!

OBERPRIESTERIN
schneidend
Das fragst du noch?!

AMAZONEN
empört
Die Ungeheuerste!
Das fragt sie UNS!!

Penthesilea hat, unbeweglich vor Entsetzen, auf den Toten gestarrt und die Augen geschlossen. Durchs Gewölk fällt ein Mondstrahl auf die Leiche Achills, welcher die Blicke Penthesileas wieder zu dem Toten hinüberzieht.

PENTHESILEA
Ach, diese blut'gen Rosen!
Ach, dieser Kranz von Wunden um sein Haupt!
Ach, wie die Knospen, frischen Grabduft streuend,
Zum Fest für die Gewürme niedergeh'n!
Wie kam es denn, dass er sich nicht gewehrt?

OBERPRIESTERIN
Er liebte dich,
Unseligste! Gefangen
Wollt' er sich dir ergeben, darum naht' er!
Darum zum Kampfe fordert' er dich auf!
Die Brust voll süssen Friedens kam er her,
Um dir zum Tempel Artemis' zu folgen.
Doch du -

PENTHESILEA
mit unheimlicher Gelassenheit einfallend
So, - so -

OBERPRIESTERIN
Du trafst ihn!

PENTHESILEA
wie vorher
Ich zerriss ihn?

PROTHOE
O meine Königin!

PENTHESILEA
Oder war es anders?

ERSTE AMAZONE
gedämpft
Die Grässliche!

PENTHESILEA
Küsst' ich ihn tot?

ERSTE PRIESTERIN
gedämpft
O Himmel!

PENTHESILEA
Nicht? Küsst ich nicht?
Zerrissen wirklich?
So war es ein Versehen. Küsse, Bisse,
Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt,
Kann schon das eine für das andere greifen.
Sie schreitet zur Bahre und lässt sich vor der Leiche auf die Knie nieder.
Jetzt sag ich deutlich dir, wie ich es meinte:
Dies, du Geliebter, war's und weiter nichts.

Sie beugt sich über den Toten und küsst ihn, dann erhebt sie sich feierlich und reckt sich, die Hände ballend und die Lippen pressend, in stolzer Grösse auf.

ERSTE AMAZONE
Was brütet sie, die Schreckliche, wohl jetzt?

ERSTE PRIESTERIN
Was zeugte ihr der grause Kuss?

MEROE
Was strafft,
Welch fürchterlich Entschliessen, ihre Brust?

OBERPRIESTERIN
Will sie - folgt sie dem Jüngling in den Tod?

PROTHOE
sich Penthesilea angstvoll nähernd
Geliebteste, gib mir ein einzig Wort.
Hörst du mich nicht? Siehst du nicht unsre Angst?

Penthesilea hat, ganz in sich gekehrt, ihre Haltung bewahrt. Nun beugt sie, indem sie zu singen anhebt, gespannt, gekrampft, in einem übermächtigen Willen, die Augen schliessend, ihr Haupt in den Nacken, dehnt die Arme und drückt die gespreizten Hände, als ob sie Dolche hielten, langsam in weitem Bogen schliessend, auf ihre Brüste; so verharrt sie in schmerzvoller Erstarrung.

PENTHESILEA
Denn jetzt steig ich in meinen Busen nieder,
Gleich einem Schacht, und grabe, kalt wie Erz,
Mir ein vernichtendes Gefühl hervor.
Dies Erz, dies läutr' ich in der Glut des Jammers
Hart mir zu Stahl; tränk es mit Gift sodann,
Heiss ätzendem, der Reue, durch und durch;
Trag es der Hoffnung ew'gem Amboss zu,
Und schärf und spitz es mir zu einem Dolch;
Und diesem Dolch jetzt reich ich meine Brust:
Sie senkt ihr Haupt auf die Brust
So! - So! - So! - Und wieder!

PROTHOE
schreit auf
Sie stirbt!
Helft, Schwestern! Helft mir!
Prothoe springt zu und fängt die Stürzende in ihren Armen auf.

PENTHESILEA
Nun ist's gut.
Sie stirbt und gleitet aus den Armen Prothoes auf die Leiche Achills.
Alle Umstehenden bleiben unbeweglich.