Chowanschtschina

Chowanschtschina

Musikalisches Volksdrama in fünf Akten

Libretto

Modest Mussorgskij

Uraufführung

I) 21. Februar (5. März) 1886, , Leningrad, Privat-Theater Kononow (Fassung von Nikolaj Rimskij-Korsakow); II) 5. (17.) Juni 1915, Paris, Théâtre des Champs-Elysées (Fassung von Maurice Ravel und Igor Strawinsky) III) 25. November 1960, Leningrad, Kirow-Theater (Fassung von Dimitri Schostakowitsch)

Besetzung

FÜRST IWAN CHOWANSKIJ, Führer der Strelitzen (Bass)
FÜRST ANDREJ CHOWANSKIJ, sein Sohn (Tenor)
FÜRST WASSILIJ GOLITZYN (Tenor)
SCHAKLOWITIJ, ein Bojar (Bariton)
DOSSIFEJ, Haupt der Raskolniki (Bass)
MARFA (Alt)
SUSANNA (Sopran)
EIN SCHREIBER (Tenor)
EMMA (Sopran)
PASTOR (Bass)
WARSSONOWJEW, Vertrauter des Fürsten Golitzyn (Bass)
KUSKA, ein Strelitze (Tenor)
STRESCHNJEW, ein Bojar (Tenor)
ERSTER STRELITZE (Bass)
ZWEITER STRELITZE (Bass

CHOR
Moskauer Volk; Strelitzen; Raskolniki, Petrowzen

BALLETT
Persische Sklavinnen

Ort

Moskau und Umgebung

Zeit

zwischen 1682 und 1689

Mussorgski, Modest

Mussorgski [Musorgsky], Modest Petrovich
21.3.1839 Karevo c. Pskov - 28.3.1881 St. Peterburg


Bühnenwerke
mit Datum/Ort der Uraufführung:

Salammbô (1866 inc)
Zhenit'ba (1868 inc; 1.4.1909 St Peterburg)
Boris Godunov (1869; 16.2.1928 Leningrad)
Boris Godunov [rev] (8.2.1874 St. Peterburg)
Khovanshchina (1880 inc; 21.2.1886 St. Peterburg) [+ Rimsky-Korsakov]
Sorochinskaya yarmarka (1880 inc; 21.10.1913 Moskva) [et al.]
Zhenit'ba [comp] (14.9.1937 Essen) [+ Cherepnin]
rev = Bearbeitung / inc = Fragment / comp = Pasticcio



ERSTER AKT
Nach dem Orchestervorsplel ("Morgendämmerung über der Moskwa") hebt sich der Vorhang und der Rote Platz in Moskau wird sichtbar. Die Strelitzen, die Zar lwan IV. ("Der Schreckliche") um 1550 als stehendes Heer gegen die Macht des Adels - der Bojaren - eingesetzt hatte, sind unter dem schwachen Zaren Fjodor Alexejewitsch die grösste Kraft im russischen Reich.
Im Schatten der Basilius-Kathedrale hat ein Schreiber seinen Stand aufgeschlagen. Schaklowitij, einer der entmachteten Bojaren, diktiert ihm ein Denunziations-Schreiben an den Zaren: Fürst lwan Chowanskij, der Anführer der Strelitzen, plane eine Verschwörung gegen die Krone. Schaklowitij kann sich gerade noch verstecken, als Iwan Chowanskij erscheint und dem Volk seinen Schutz verspricht. Die Menge jubelt ihm als dem Befreier von der Bojaren-Knechtschaft zu.
Auch sein Sohn Andrej kommt hinzu: Er hat seine Geliebte Marfa (die zur Sekte der Raskolniki, der "Altgläubigen", gehört) fallenlassen und macht nun einem deutschen Mädchen, Emma, den Hof. Aber auch Iwan Chowanskij hat ein Auge auf das Mädchen geworfen und es kommt coram publico zum Streit zwischen Vater und Sohn. Eine Prozession der Raskolniki unter ihrem Führer Dossifej trifft gerade rechtzeitig auf dem Platz ein, um die verzweifelte Emma vor den Zudringlichkeiten der beiden Chowanskijs zu retten. Während die Strelitzen das Feld räumen, ermahnt Dossifej das Volk, nicht an Gott zu zweifeln, dessen Macht alles zum Guten wenden werde.

ZWEITER AKT
Ein Kabinett im Hause des Fürsten Golitzyn. Der Fürst hat sich auf die Seite der Strelitzen gestellt; so weigert er sich auch, Emma vor den Chowanskijs in Schutz zu nehmen, wie es der Pastor der deutschen Gemeinde von ihm erbittet. Warssonowjew, Golitzyns Vertrauter, hat inzwischen Marfa zum Fürsten gebracht, die beim Volk als Zauberin gilt. Sie weissagt dem abergläubischen Golitzyn, dass er beim Zaren in Ungnade fallen und in die Verbannung geschickt werde. Heimlich gibt der Fürst Warssonowjew den Auftrag, Marfa umbringen zu lassen.
Einige Augenblicke bleibt Golitzyn allein, als lwan Chowanskij das Kabinett betritt. Jeder wirft dem anderen vor, zu grosse Macht für sich zu beanspruchen. Sie sind im heftigsten Streit, als Dossifej mit einer Gruppe seiner Raskolniki erscheint, um Golitzyn zur Gottesfurcht zu errmahnen. Doch dieser und Iwan Chowanskij haben für den frommen Greis nur Spott übrig. Plötzlich stürzt Marfa herein, die der entsetzte Golitzyn im ersten Moment für ein Gespenst häIt. Sie berichtet, man habe ihr aufgelauert und nur mit Hilfe der Petrowzen (des "Spielregiments" des späteren Zaren Peter I.) sei sie dem sicheren Tod entgangen. Bevor noch Golitzyn etwas dazu sagen kann, bringt der Bojar Schaklowitij die Nachricht, Zar Fjodor habe von der Strelitzen-Verschwörung, erfahren und werde nun die "Chowanschtschina" vor Gericht bringen.
(Der Titel der Oper ist fast unübersetzbar: die dern Namensstamm "Chowan-" der Fürsten angehängte Endung "-tschina" ist äusserst pejorativ und meint soviel wie "die Chowanskijs und ihre Bande".)

DRITTER AKT
In der Strelitzen-Vorstadt Samoskwaretschje. Die Raskolniki halten eine Prozession ab; auch Marfa ist unter ihnen und beklagt ihre unglückliche Liebe zu Fürst Andreij. Susanna, eine alte Raskolnika, belauscht sie und erhebt vor Dossifej Anklage gegen Marfa wegen ihrer unzüchtigen Leidenschaft. Nur mit Mühe kann Dossifei das Mädchen davon abhalten, sich umzubringen.
Die Strelitzen kommen vom Wachdienst aus Moskau zurück und berichten, die Bevölkerung wende sich immer mehr gegen sie; man habe sie beim Zaren denunziert und die Stimmung in der Stadt sei aufs höchste gespannt. Da taucht plötzlich ein Schreiber auf - abgerissen und zerschlagen - und bringt schlimme Nachrichten: Die Petrowzen sind über die Strelitzen hergefallen, haben sie erschlagen und sind nun dabei, Samoskwaretschje zu umzingeln. Fürst lwan Chowanskij ermahnt zu Ruhe und Besonnenheit.

VIERTER AKT
1. Bild: Im Palast des Fürsten lwan Chowanskij. Der Fürst läßt sich mit Liedern und Tänzen (seiner persischen Sklavinnen) unterhalten, als man ihm den Besuch Warssonowjews meldet, der ihn im Namen Golitzyns warnt: Man trachte ihm nach dem Leben. Wütend läßt Chowanskij den Unglücksboten von seinen Leuten zu Tode prügeln. Wenig später kommt Schaklowiti) und lädt den Fürsten im Namen der Regentin Sofja ein, bei Hofe zu erscheinen. Nichtsahnend legt Chowanskij sein Festgewand an und geht zur Tür, wo Schaklowitijs Schergen schon auf ihn warten und ihn ermorden.
2. Bild: Moskau, der Platz vor der Basilius-Kathedrale. Der 17-jährige Peter hat seine Stiefschwester Sofja, die Regentin, in ein Kloster geschickt und als Zar Peter l. ("der Große") die Alleinherrschaft übernommen. Das Volk beobachtet mit einer Mischung aus sichtbarer Erleichterung und ehrlichem Mitleid den Abtransport des Fürsten Golitzyn, den der Zar - wie es Marfa geweissagt hatte - in die Verbannung schickt. Aber auch den Raskolniki droht ein bitteres Los: Der neue Herrscher hat Befehl gegeben, die Sektierer zusammenzutreiben und will sie ermorden lassen. Andrej Chovanskij erscheint. In seiner wilden, verzweifelten Liebe zu Emma ist er wie voll Sinnen und scheint nicht einmal den Tod seines Vaters und den Untergang der Strelitzen wahrgenommen zu haben. Marfa stellt sich ihm in den Weg und öffnet ihm die Augen: In einem langen Zug werden die Anhänger Chowanskijs zur Hinrichtung geführt. Im letzten Augenblick jedoch verkündet der junge Bojar Streschnjew als Herold die Begnadigung: Der Zar erlasse denVerrätern ihre Strafe und erlaube ihnen, sich ihm zu unterwerfen.

FÜNFTER AKT
Eine Einsiedelei in den Wäldern vor Moskau. Dossifej und die Raskolniki sind auf der Flucht von den Petrowzen eingeschlossen worden. Nun schichten sie einen gewaltigen Scheiterhaufen auf, um sich selbst zu verbrennen und nicht den Truppen des Zaren in die Hände zu fallen.
Auch Andrej Chowanskij ist bei ihnen, noch immer geistig verwirrt und auf der Suche nach Emma. Er, Marfa, Dossifej und die anderen Sektierer stehen bereits in hellen Flammen, als die ersten Petrowzen bei der Einsie delei eintreffen und entsetzt das Fanal erblicken.


ATTO PRIMO
Dopo l’introduzione orchestrale (‘L’alba sulla Moscova’), la scena si apre a Mosca sulla piazza del Cremlino. Presso una colonna è disteso lo strelez Kuzka che, mezzo appisolato, canticchia un motivo militaresco, raggiunto di lì a poco da un gruppo di compagni che si vantano delle violenze compiute la sera precedente. Nel frattempo lo scriba, musicalmente connotato da un motivo agitato e ironico, si sistema nel suo casotto, mentre gli strelzi si burlano di lui. Comincia la scena ricca di piani espressivi in cui il boiaro Švaklovitij detta al preoccupatissimo scriba una denuncia anonima, nella quale si dichiara che il principe Ivan Chovànskij fomenta gli strelzi perché impongano sul trono il figlio Andrej, con l’aiuto dei Vecchi Credenti. Il realismo musicale di Musorgskij riesce a dipingere il tono tronfio e supponente di Švaklovitij, in contrasto con la tremante insipidezza dello scriba, cui si aggiunge il canto dei popolani sullo sfondo (con il tema del pezzo pianistico giovanile di Musorgskij, Ricordo d’infanzia ) che si intreccia al ritmo teso e minaccioso della sfilata degli strelzi dietro la scena, nei confronti dei quali si levano gli acidi ma pavidi commenti dello scriba. Dopo l’uscita di Švaklovitij, e dopo che si è udita l’eco della canzone popolare, irrompono i moscoviti sulla piazza, che cercano di far confessare allo scriba ciò che ha appena scritto, e intonano un intenso coro a cappella lamentandosi della propria miseria. Al popolo si uniscono gli strelzi, mentre la folla aumenta e il coro si dilata, fino all’arrivo del principe Ivan Chovànskij, contrassegnato da un tema marziale e incisivo, che trasmette tracotanza e ironica ossessività nella continua interiezione «Ci salvi Iddio». Tuonando contro i disordini scatenati dai boiari, si dichiara difensore dei principi Pietro e Ivan e viene osannato dalla folla nel nome del ‘cigno bianco’, il simbolo dei Chovànskij, in un coro che, dopo essersi mirabilmente intensificato, si spegne in lontananza. Irrompe sulla scena Emma, una ragazza luterana del quartiere tedesco, insidiata dal figlio di Ivan Chovànskij, Andrej, che ha fatto esiliare il suo fidanzato. La voce ansimante di Emma si intreccia alle melliflue implorazioni di Andrej. Sopraggiunge, in suo aiuto, Marfa, una Vecchia Credente ex amante di Andrej, del quale è ancora follemente innamorata nonostante sia stata da lui crudelmente abbandonata. Marfa avvia un Adagio cantabile nel quale si distende una melodia intensa e ben caratterizzata. Andrej la disprezza e cerca perfino di ucciderla, ma ella, sfuggendogli e liberando Emma, gli predice che le loro anime defunte saliranno in un cielo radioso. Il terzetto, simmetricamente organizzato, poggia sull’intenso tema di Marfa. La sua profezia è interrotta dall’arrivo di Ivan Chovànskij, che, osannato dal popolo, la saluta rispettosamente e guarda con cupidigia Emma, ordinando ai soldati di catturarla. Mentre Andrej cerca di opporsi, dichiarando che preferirebbe ucciderla piuttosto che perderla, arriva il capo dei Vecchi Credenti, Dosifej, che affida Emma a Marfa rimproverando i Chovànskij per la loro violenza. L’atto si conclude sul coro mistico dei raskolniki, dalle arcaiche e suggestive inflessioni modali.

ATTO SECONDO
(Musorgskij definì quest’atto, in una lettera a Stasov del 16 agosto 1876, la «chiave di volta del dramma intero».) In casa del principe Golitzyn. È il crepuscolo, e il principe sta leggendo una lettera della zarina Sofia, della quale era stato amante. Dopo il dolce Andante cantabile iniziale, la melodia di Golitzyn disegna il percorso psicologico delle sue reazioni mentre ripercorre il passato con tenerezza e rimpianto, ma teme, per il presente, che Sofia voglia ingannarlo facendo leva sui suoi sentimenti. Varsonovev interrompe il soliloquio annunciando a Golitzyn l’arrivo di un pastore luterano, che prende le difese di Emma. A questo punto viene introdotta Marfa, che Golitzyn ha fatto chiamare perché, nonostante l’atteggiamento europeo e progressista, è superstizioso e vuole sapere da lei quale sarà il suo destino. La Vecchia Credente, leggendo in un bacile d’acqua, sentenzia: «Conoscerai miseria, squallore e immenso dolore. Nel pianto scoprirai la verità di questa terra». La profezia di Marfa segue uno straordinario e teatralissimo crescendo di tensione emotiva, passando da una sorta di recitativo alla più lirica e morbida espansione lirica. Golitzyn, furioso, la scaccia e ordina che venga annegata. Comincia qui il duetto tra Golitzyn e il sopraggiunto Ivan Chovànskij, nel quale assume forma musicale il profondo contrasto tra due punti di vista inconciliabili. Il diplomatico ipocrita e contraddittorio si scontra con il prepotente Chovànskij, fino all’intervento pacificatore di Dosifej. Sullo sfondo del terzetto risuona, come una cornice visionaria e arcaica, il coro dei raskolniki. I colpi di scena continuano: sopraggiunge Marfa, che accusa Golitzyn di avere cercato di ucciderla, cosa che gli sarebbe riuscita se non fossero intervenuti i petrovski, i componenti della guardia personale di Pietro. I tre esclamano insieme, esterrefatti, «Petrovskij!» Ma ecco che Varsonovev introduce Švaklovitij, che comunica ai principi la notizia della denuncia sporta contro i Chovànskij. Quando Dosifej chiede quale sia stata la reazione di Pietro, Švaklovitij riporta il commento sprezzante dello zar: ha detto «chovanšcina», cioè una bravata dei Chovànskij e ha ordinato di indagare.

ATTO TERZO
Nel quartiere degli strelzi, presso Belgorod, sulla Moscova. Passano gli scismatici, che intonano lo stesso inno già ascoltato nell’atto precedente. Marfa, seduta davanti alla soglia di Andrej, canta una struggente canzone d’amore, costruita sulla ripetizione strofica di un tema popolare ( L’abbandonata , compresa nella raccolta del Villerbois). Sopraggiunge Susanna, una Vecchia Credente fanatica e moralista che accusa Marfa di lascivia. Dosifej interviene scacciandola. Dopo un Lento lamentoso di Švaklovitij, strutturato in forma di aria operistica vera e propria, il coro degli strelzi si scatena con violenza ritmica, scandito dagli interventi più lenti e cantilenanti di un volgare motivo popolare. Irrompono anche le mogli, che li rimproverano di tradimenti e di brutalità, accompagnando le ingiurie con spintoni e pugni. Kuzka e i compagni intonano una spensierata canzone burlandosi delle mogli, ma giunge improvvisamente lo scriba, che narra, in una ballata ansimante, della sconfitta subita dagli strelzi a opera delle truppe di Pietro. Gli strelzi invocano l’aiuto di Ivan Chovànskij, che però li tiene calmi e dice loro di pazientare. Gli strelzi e le loro mogli cantano una preghiera, che si stempera in un pianissimo a concludere l’atto.

ATTO QUARTO
Nella residenza del principe Ivan Chovànskij. Il principe sta cenando e ascolta le contadine intonare un malinconico canto, il cui tema viene nostalgicamente avviato dall’orchestra e ripreso dalle voci femminili. Ivan ordina loro di cantare un motivo più allegro, cosa che si apprestano a fare, subito interrotte dall’arrivo di Varsonovev, mandato da Golitzyn ad avvertire il principe che la sua vita è in pericolo. Chovànskij lo scaccia con supponenza e ordina alle schiave persiane di danzare per lui. Si tratta del famoso Intermezzo sinfonico orchestrato da Rimskij-Korsakov, vivente Musorgskij (Lamm, nella sua edizione, specifica tuttavia che la versione autografa per pianoforte è probabilmente successiva). A questo punto, Švaklovitij annuncia a Ivan Chovànskij che la zarina Sofia lo attende per un consiglio di stato. Inorgoglito dall’invito, si prepara a partire, ma sul motivo di gloria, cantato all’unisono dalle contadine “E verso il cigno avanza, Ladù” accompagnato da impressionanti accordi e tremoli dell’orchestra, un sicario lo pugnala. Švaklovitij riprende il canto delle contadine (un canto popolare nuziale che si trova nella raccolta folkloristica di Rimskij-Korsakov), con beffarda ironia. Il secondo quadro dell’atto è ambientato sulla piazza davanti alla chiesa di San Basilio. Nel corso di un interludio orchestrale, intercalato da brevi esclamazioni del popolo, sfilano Golitzyn e i suoi seguaci, condannati all’esilio; risuona il tema già ascoltato durante la profezia di Marfa del secondo atto. L’episodio si intensifica per poi sfumare, fino all’avanzare di Dosifej, che commenta i fatti tragici che insanguinano la Russia. Marfa gli comunica che il gran Consiglio ha sancito di uccidere i Vecchi Credenti; Dosifej ribatte che essi si immoleranno sul rogo piuttosto che cadere in mano dei nemici, e chiede a Marfa di preparare anche Andrej Chovànskij all’estremo sacrificio. La Vecchia Credente canta l’arrivo del destino finale, nella gloria di Dio. Arriva Andrej, agitatissimo, in cerca di Emma, ma Marfa gli comunica che la ragazza si è sposata felicemente. Andrej inveisce contro la donna e, ancora ignaro dell’assassinio del padre, chiama gli strelzi perché la uccidano, ma non ottiene risposta ai ripetuti richiami del suo corno. Giungono di lì a poco, in macabra sfilata, sul motivo del primo atto scandito dalla campana, gli strelzi, con i ceppi al collo, seguiti dalle mogli che li sberleffano con un vocalizzo all’unisono di impressionante efficacia teatrale; risuona un’allegra fanfara che crea un effetto di agghiacciante straniamento. Andrej implora Marfa di salvarlo; arrivano i petrovski che comunicano, su un ritmo spensierato e trionfale di marcia, al suono delle trombe, la decisione degli zar Ivan e Pietro di concedere la grazia agli strelzi.

ATTO QUINTO
Nell’eremo dove i Vecchi Credenti si preparano al gesto finale. L’atmosfera è segnata da una icastica melodia in re minore («Il preludio alla scena dell’eremo», dice Musorgskij in una lettera del 2 agosto ’73, «è fatto dallo stormire del bosco, che ora si rafforza e ora diminuisce, come un gioco di onde»). Si leva la voce di Dosifej che prega; i Vecchi Credenti intonano un coro (in modo frigio; in origine, come racconta Rimskij-Korsakov nella sua autobiografia, il brano era ancora più rude e arcaico nelle sue successioni di quarte e quinte ‘vuote’). Marfa invoca la pietà di Dio per l’anima di Andrej, che canta, desolato, il suo amore per Emma. Marfa, rievocando una melodia dell’atto precedente, intona un suggestivo ‘requiem d’amore’ («Giunta è l’ora della tua morte, amato mio: abbracciami per l’ultima volta; ti amerò sino alla tomba; con te morire è come dolcemente dormire. Alleluja!») e attira Andrej verso il rogo, insieme ai Vecchi Credenti, che si immolano.

Personen:
FÜRST IWAN CHOWANSKIJ, Führer der Strelitzen (Bass)
FÜRST ANDREJ CHOWANSKIJ, sein Sohn (Tenor)
FÜRST WASSILIJ GOLITZYN (Tenor)
SCHAKLOWITIJ, ein Bojar (Bariton)
DOSSIFEJ, Haupt der Raskolniki (Bass)
MARFA (Alt)
SUSANNA (Sopran)
EIN SCHREIBER (Tenor)
EMMA (Sopran)
PASTOR (Bass)
WARSSONOWJEW, Vertrauter des Fürsten Golitzyn (Bass)
KUSKA, ein Strelitze (Tenor)
STRESCHNJEW, ein Bojar (Tenor)
ERSTER STRELITZE (Bass)
ZWEITER STRELITZE (Bass

CHOR
Moskauer Volk; Strelitzen; Raskolniki, Petrowzen

BALLETT
Persische Sklavinnen



ERSTER AKT

Moskau. Der Rote Platz. An einer Steinsäule hängen Kupfertafeln mit Aufschriften. Rechts das Häuschen des Schreibers. Schräg über den Platz sind Absperrketten gespannt. Es dämmert. An einer Säule lehnt Kuska, ein wachhabender Strelitze. Die Szene liegt im morgendlichen Dämmerlicht. In der aufgehenden Sonne leuchten die Kirchenkuppeln, während es zum Frühgottesdienst läutet. Allmählich erstrahlt die ganze Szene in der aufgehenden Sonne.

In der Ferne ertönen Signaltrompeten der Strelitzen aus dem Kreml

KUSKA
im Halbschlaf
Ich ziehe ... nach Iwangorod ...
Ich schlage... die steinernen Mauern ... ein ...
Ich führe ... eine schöne Jungfrau ... heraus ...

Eine Strelitzenpatrouille kommt und nimmt die Ketten ab

ZWEITER STRELITZE
Sieh da, er pennt!

ERSTER STRELITZE
Ach, lass ihn, Bruder Antipytsch.
Gestern haben wir uns ganz schön abgeplagt.

ERSTER STRELITZE
Diesem Obersekretär Lariwon lwanow
wurde doch die Brust mit einem spitzen Stein
in zwei Teile geteilt.

ZWEITER STRELITZE
Und den Deutschen, Gaden, haben wir an der Erlöserkirche gefangen,
zum Platz haben wir ihn hergeschleppt
und ihn Glied für Glied auseinandergenommen.

Trompeten hinter der Szene

ERSTER STRELITZE
Da brüllen sie wieder!

KUSKA
im Halbschlaf
Ach, hindre mich nicht ... Wind,
ach, zieh mir nicht ... die Füsse ... weg ...

ZWEITER STRELITZE
Im Namen Gottes beschützen sie unablässig
Leben und Gesundheit der jungen Zaren ...

ERSTER STRELITZE
.. vor bösen Feinden, hochmütigen Bojaren,
vor Wucherern und Kronräubern.
Trompeten hinter der Szene

ZWEITER STRELITZE
Der grossfürstliche Hof ist erwacht.

KUSKA
springt auf
Wo sind die Räuber? Ich werd's ihnen geben!

BEIDE STRELITZEN
He, Kuska, ein schöner Wächter bist du! Das hat man gern!

KUSKA
Was wollt ihr, Teufel?

ERSTER STRELITZE
Ach, du Strelitze, das fängt ja schlecht an.

ZWEITER STRELITZE
Der Wojewode hat sich zu einem Ungeheuer aufgetürmt.

KUSKA
macht sie nach
»Ach, du Strelitze, das fängt ja schlecht an ... «

BEIDE STRELITZEN
Ha, ha, ha! ...

KUSKA
»Ha, ha, ha!«
Nun, welcher Teufel bringt euch zur Nachtzeit her?

BEIDE STRELITZEN
Was heisst hier zur Nachtzeit?
Wir waren bereits im Frühgottesdienst.
Der Schreiber tritt auf, er spitzt die Feder
Sieh dort: Der Bittbrief-Schreiberling.

ERSTER STRELITZE
Er wetzt die Feder.

KUSKA
Das Tintenfass, o Gott!

ZWEITER STRELITZE
Da fängt er an zu kritzeln.

Sie nähern sich dem Schreiber

BEIDE STRELITZEN
Euer Schreibwürden ...
Sie verbeugen sich

KUSKA
Lieber an dieser Säule, zu Diensten!
Ha, ha, ha ...

BEIDE STRELITZEN
Ha, ha, ha ...

Sie gehen ab zum Kreml. Der Schreiber setzt sich in sein Häuschen

SCHREIBER
Sodom und Gomorrha! Zeiten sind das! ...
Er reibt sich die Hände
Schwere Zeiten ...
Aber wir machen doch Gewinn ... Jawohl!
Schaklowity kommt

SCHAKLOWITY
He ... He du, Schreiberling!
Durch mich sandte Gott dir Gnade!

SCHREIBER
Wir danken, guter Mann.
Aber ich bin ein sündiger, unwürdiger Knecht Gottes,
nicht würdig zu schauen ...

SCHAKLOWITY
Nun gut ... Darum geht es nicht.
Versteh schon: Ich bringe dir einen wichtigen Auftrag.

SCHREIBER
Ach was! Schmieren wir! Es geht gleich los!
Der Reihe nach, wie es sich gehört, schmieren wir die Beschuldigung flink dahin.

SCHAKLOWITY
Wenn du die Folter ertragen kannst,
wenn Wippe und Folterkammer dich nicht schrecken,
wenn du dich von deiner Familie lossagen
und alles vergessen kannst, was dir teuer ist ... also, schmier los!

SCHREIBER
Mein Gott!

SCHAKLOWITY
Aber wenn du mich jemals verrätst,
dann bewahre dich der Herr, wenn du mich triffst!
Merk dir das!

SCHREIBER
Also weisst du: Geh weiter, guter Mensch,
du hast mir zu viel versprochen, mein lieber Freund.

SCHAKLOWITY
Schmier los, schnell!

SCHREIBER
Sieh mal einer an! Dass dich der Henker hole! Schiff ab!

SCHAKLOWITY
legt eine Geldbörse aufden Ladentisch
Schmier los!

SCHREIBER
greift nach der Börse und reibt sich die Hände
Aha! Nun rede. Bei uns, Bruder,
hackt keine Krähe der anderen ein Auge aus. Fang schon an!

SCHAKLOWITY
»Den Zaren, Herren und Grossfürsten,
den Herrschern von ganz Gross-, Weiss- und Kleinrussland ... «
Der Schreiber schreibt
Hast du's hingeschmiert?

SCHREIBER
Keine Bedenken, rede nur weiter.

SCHAKLOWITY »...
geben die Moskauer Strelitzen über die Chowanskys folgendes bekannt:
Der Schreiber hört
Der Bojar Fürst Iwan und sein Sohn Fürst Andrej
planen einen Aufstand im Reich.«

SCHREIBER
schreibend
Dann gesegnete Mahlzeit!
Der spinnt wohl!

SCHAKLOWITY
Lies mal vor!

MOSKOWITER
hinter der Bühne
Es lebte einmal eine Gevatterin;
die Gevatterin sah den Gevatter,
aber die Gevatterin erkannte den Gevatter nicht.
Nun sitzt die Gevatterin und wartet die Gevatterin.
Der Gevatterin verspricht der Gevatter Geld.
Der Gevatterin gibt der Gevatter einen Rubel.
Die Gevatterin steckt das Geld ins Mieder.

SCHREIBER
liest
»Den Zaren, Herren und Grossfürsten,
den Herrschern von ganz Gross-, Klein- und Weissrussland,
geben die Moskauer Strelitzen über die Chowanskys
folgendes bekannt: Der Bojar Fürst lwan und sein Sohn
Fürst Andrej planen einen Aufstand im Reich.«

SCHAKLOWITY
Stimmt! Schmier weiter!
»Sie haben ihre Brüder zur Hilfe gerufen; als ob sie ihnen
das Zarenreich überlassen wollten.
Deshalb heimlich in grosser Versammlung in die Stadt
zu kommen, das Volk aufzuwiegeln,
damit es viele Bojaren erschlage.«
Der Schreiber schreibt
»Und dort, im ganzen grossen Reich
in Dörfern, Siedlungen und Vorstädten,
wollen sie gegen die Wojewoden und gegen die Obrigkeit
die ehrlichen Fronbauern aufwiegeln.
Und es wird Aufruhr in Russland herrschen.
Dieses Mal sollen die künftigen Herrscher gewählt werden,
die die alten Bücher lieben,
und auf den Moskauer Zarenthron
soll Andrej Chowansky gesetzt werden.«

SCHREIBER
schreit auf
Ach! Das ist das Ende!

STRELITZEN
hinter der Bühne
Heissa, hurtig!

SCHREIBER
Keine Schonung wird es geben!
Der Fürst wird alles erfahren,
er wird mir nicht verzeihen!
Mein Gott!

STRELITZEN
He, Leute!

SCHREIBER
Mit grausamer Folter und Peitsche
wird er mich zu Tode quälen ...

STRELITZEN
He ihr, Kriegsvolk,
kühne Strelitzen ihr,
heda, seid lustig, macht euch ein fröhliches Leben.

SCHAKLOWITY
aufgeregt
Die Strelitzen! Hörst du? Die Strelitzen!
Er hüllt sich in seinen Mantel und geht zur Säule

SCHREIBER
horcht auf
Oh, Mütterchen, schlimm ist das!
versteckt hastig den Brief

STRELITZEN
Kein Gesetz
und kein Verbot gibt es!
He, seid lustig, macht euch ein fröhliches Leben.
He, erstickt
und vernichtet kühn den feindlichen Aufruhr.

SCHAKLOWITY
nähert sich dem Häuschen des Schreibers; hastig
Sie gehen weg ... Hörst du, Schreiberling!
Horch also auf.

SCHREIBER
noch ganz erschrocken
Schweig doch. Schweige!

Er horcht. Schaklowity überdenkt die Denunziation. Der Schreiber beruhigt sich, langt nach dem Brief und korrigiert etwas

Ruhm sei dir, o Herr ...
Die Verfluchten sind vorübergezogen.
Wie ich sie hasse,
kann ich gar nicht sagen.
Das sind keine Menschen: Bestien sind es, wilde Bestien!
Wo sie auch gehen, fliesst Blut,
wen sie greifen - Kopf ab.
Und in den Häusern Trauer und Wehklagen.
Und alles das soll für die Ordnung nötig sein?

SCHAKLOWITY
Höre,
schreib schnell weiter
»Wir leben jetzt noch im Verborgenen;
aber wenn Gott die Ruhe wiederherstellt
und alles wieder sicher ist,
dann werden wir uns zu erkennen geben.«

Der Schreiber schreibt

SCHREIBER
»Im Verborgenen...
werden wir uns zu erkennen geben.«
Fertig.

SCHAKLOWITY
»Zu Händen der Zarewna.«

SCHREIBER
schreibt
»Zu Händen der Zarewna.«

SCHAKLOWITY
nimmt den Brief
Der Herr bewahre dich.
Gib acht und vergiss nicht!

SCHREIBER
Warum jagst du mir so einen Schrecken ein,
bei Gott, was soll das!
Was für ein Vogel bist du bloss,
kommst mal eben daher und blähst dich auf!
Mit vollem Geldbeutel
ist es ein wahres Vergnügen, anderen Furcht einzujagen.

SCHAKLOWITY
Nicht doch! Versuche nicht zu erfahren,
mit wem du es zu tun hast.
Zwing mich nicht zu sagen,
wer ich bin.
Verflucht mein Leben lang,
bin ich des Teufels Sachwalter;
jetzt und in alle Ewigkeit,
lebe wohl!
Er geht fort

SCHREIBER
sieht dem fortgehenden Schaklowity nach
Gute Reise, leb wohl!
Wirklich ein sonderbarer Kerl!
Die Ehre eines Schreibers kommt ihm nicht in den Sinn.
Mächtig schien er,
berühmt und reich,
Und seine Nase trägt er, weiss Gott, hoch.
Doch wenn du genau hinsiehst,
mag er auch mächtig und berühmt sein,
so ist er dümmer als unser erbärmliches Kalb.
Ich aber, ein armer Hund zwar,
bin noch ein wenig schlauer:
ich habe die Handschrift des toten Ananjew nachgeahmt,
denn die Toten haben keine Schande zu fürchten.
Ha, ha!
nimmt die Geldbörse vom Ladentisch
Aber jetzt die Geldbörse,
Er öffnet sie
mal sehen, was drin ist.
Er zählt das Geld

MOSKOWITER
hinter der Bühne
Es war einmal eine Gevatterin,
von der ging der Ruf,
dass sie eine Zimperliese und ein bisschen hässlich sei.
Da erfuhr der Gevatter, da verstand der Gevatter,
wie er sich der Gevatterin nähern könnte,
wie er die Gevatterin ärgern könnte.
Das Volk tritt auf. Der Schreiber verbirgt die Geldbörse
Und der Gevatter kam und fand ...

Sie bemerken die Säule. Der Schreiber zählt heimlich sein Geld unter dem Ladentisch und sieht ängstlich auf die Ankömmlinge. Diese betrachten die Säule, gehen um sie herum, betasten sie verständnislos und schweigen

Was ist in Moskau nur passiert?
Seht doch, Brüder, eine Säule haben sie aufgerichtet!
Was für ein Pilz ist hier über Nacht gewachsen!
Bleibt stehen, Brüder,
seht, das ist ein Wunder, wirklich:
eine Säule mit einer Aufschrift.
Was meint ihr?
Was kann das sein?
Richtig, mit einer Aufschrift!
Brüder, bleibt stehen, eine Aufschrift!
Wie schön wär' es zu erfahren,
was hier geschrieben steht.
Wer könnte uns sagen, was hier geschrieben steht?
Wer, Leute, wer kann schreiben und lesen?
Wie ärgerlich, Burschen!
Wir können nicht schreiben und lesen.
Wer könnte uns vorlesen, was hier geschrieben steht?
Aber Schriftkundige gibt's hier nicht
Gibt's hier überhaupt nicht.
Sie denken nach und schauen um sich
Wir Dummköpfe, allesamt!
Der Schreiberling da, wozu dient er?
Haltet ein, ihr Teufel, er ist ein Staatsbeamter.
Er arbeitet für die Herrschenden, Leute!
Was denn, was soll das heissen?
Nun, das kann irgendwie gefährlich sein.
Was heisst hier gefährlich?
Wir machen es mit Hochachtung und Verehrung,
doch wie das Gesetz es verlangt.
Und nun mit Ehrerbietung und wohlgesittet
an ihn heran, Leute!
zum Schreiber
Guter Mensch,
sage uns, Bester,
was hier geschrieben steht!

SCHREIBER
Ich?

MOSKOWITER
Was steht denn hier geschrieben?

SCHREIBER
Ich bin nicht von hier,
ich weiss von nichts.

MOSKOWITER
Keine Angst,
wir sind nur einfache Leute.

SCHREIBER
Was? Wer arm wir eine Kirchenmaus ist,
braucht keinen Schreiber.

MOSKOWITER
Leute, er will ein Geschenk.
Doch bei uns ist nichts zu holen,
er wird nicht reich, der Teufel.
Immerhin aber, Leute, sollten wir wissen,
was die Aufschrift auf der Säule sagt.
Los, Brüder, wir heben ihn hoch!
Alle zusammen! Wen?
Den Schreiber mit seinem Häuschen heben wir hoch
zu der Säule, damit er uns die Aufschrift liest!
Sie heben das Häuschen mit dem darin sitzenden Schreiber hoch und tragen es zur Säule
Es war einmal ein Schreiber, der lebte siebzig Jahr'.

SCHREIBER
lehnt sich entsetzt aus dem Häuschen und fuchtelt mit den Armen
Ach! Ach! Rechtgläubige!
schreit
Sie erwürgen mich, sie reissen mich in Stücke! Hilfe!

MOSKOWITER
Der Schreiber hat zweihundert Sünden auf sich geladen.
Seine Hütte hat er am Rande des Dorfes hingesetzt.
Viel Böses bewahrt er in der Hütte auf.
Die Hütte wurde ihm weggetragen,
man verbeugte sich vor dem Schreiber bis zur Erde.
Sie stellen das Häuschen an der Säule nieder und verbeugen sich vor dem Schreiber
Mach uns das Vergnügen, hab Mitleid mit uns:
Lehre uns, mit Verlaub, was wir nicht wissen.
Abgelehnt hat der Schreiber. Ein Geschenk wollte er.
Da machten sich die Burschen an die Hütte,
und begannen an dem Bretterdach zu ziehen.
Sie machen sich daran, das Dach des Häuschens auseinanderzunehmen

SCHREIBER
Hört auf, ihr Verfluchten!
Was macht ihr da, ihr Räuber,
was habt ihr angerichtet? ...
Ich werde euch vorlesen ... hört ihr?

MOSKOWITER
Burschen, Schluss jetzt!
Was bist du halsstarrig, Bester?
Was plantest du uns zu zwingen?
Wir kamen mit Hochachtung zu dir,
aber du spieltest gleich
die Amtsperson heraus,
als ob wir den Brüdern
das Geld abpressen wollten.

SCHREIBER
Wenn ihr keine Steuern zu zahlen brauchtet,
dann wär das schön für euch, Vagabunden,
ohne Arbeit zu leben.

MOSKOWITER
Nun, schon gut.
Lies schon die Aufschrift.

SCHREIBER
für sich
O Herr,
schütze mich vor den argen Strelitzen!

MOSKOWITER
Was machst du? Was machst du?
Warum liest du denn nicht?

SCHREIBER
Was soll ich tun?

MOSKOWITER
Lies uns die Aufschrift!

SCHREIBER
Ist es denn wirklich so weise, was da geschrieben ist?
für sich
Hilf, o Herr, mein Tod ist nahe.

MOSKOWITER
He, Bruder, scherz nicht mit uns!
Mit irgendwelchen Tricks kriegst du uns nicht dran.
Du hast dich doch verstellt.
Nein, du bist närrisch,
nein, jetzt bist du reingefallen.
Lies uns die Aufschrift.

SCHREIBER
vor Schrecken zitterndRechtgläubige! Furchtbar sind die Strafen der Strelitzen,
unersättlich ist ihr grausames Wüten!

MOSKOWITER
Was soll uns das? Lies!

SCHREIBER
verzweifelt
Das ist mein Untergang!
Er liest die Aufschrift
»Entsprechend dem Geheiss Gottes an uns, die Grossfürsten,
haben die Strelitzen der Moskauer Regimenter,
die Kanoniere und Festungswachen
wegen der ihnen angetanen Ungerechtigkeiten
den Fürsten Telepnia niedergeschlagen ... «

MOSKOWITER
Die Strelitzen, sicherlich!
Die Strelitzen müssen es sein!

SCHREIBER
»Sie haben ihn mit der Knute geschlagen und verbannt;
Fürst Romodanowski haben sie getötet:
Er hat Tschigirin den Türken übergeben;
ebenso haben sie den Obersekretär Larionow getötet,
den Sohn Wassilijs:«

MOSKOWITER
Das sind aber Bestien!

SCHREIBER
»Er plante mit giftigen Schlangen
einen Anschlag auf den Herrscher ... «

MOSKOWITER
Nun, das ist ganz gerecht.

SCHREIBER
“Noch mehr Bojaren haben sie getötet ... «

MOSKOWITER
Welche Bojaren?

SCHREIBER
»Die aus Briansk ... «

MOSKOWITER
Wen noch?

SCHREIBER
»Alle aus Solnzewo.«

MOSKOWITER
Warum? Wessen werden sie beschuldigt?

SCHREIBER
»Sie ordneten Abgaben in Geld und Getreide an
und haben alles verprasst
und vergassen die Gottesfurcht «

MOSKOWITER
Ah, das ist es.

SCHREIBER
»Und wer mit übler Rede
die obengenannten Leute,
die Moskauer Regimenter beschimpft ... «

MOSKOWITER
unter sich
Hörst du? Hört, Brüder!

SCHREIBER
»... den trifft unser gnädiger Erlass
ohne jede Schonung.«

MOSKOWITER
Du lügst!

SCHREIBER
aufrichtig
Ich schwöre vor Gott, Brüder!
geht in sein Häuschen

MOSKOWITER
O Gott!
Was für Zeiten
O teures Russland!
Keine Ruhe findest du, niemandem nutzt du,
tapfer und mutig hast du uns beschützt,
du teures Land aber wirst unterdrückt.
Doch bedrückt dich nicht ...

In einiger Entfernung sind die Trompeten der Strelitzen zu hören, die Fürst Iwan Chowansky ankündigen

. . . ein böser, fremder,
ungebetener Feind,
sondern alle deine eigenen kühnen Kinder.
In Zwistigkeit und unter Lasten
lebtest und stöhntest du,
wer aber tröstet dich jetzt,
teures Russland, und beruhigt dich?

KNABEN
hinter der Bühne
Auf, lasst uns lustig sein!

FRAUEN
hinter der Bühne
O wie herrlich, Frauen!
Lasst uns ein Lied anstimmen!

KNABEN
Das gefällt uns.

MOSKOWITER
aufhorchend
Was könnte das sein? Was ist denn das, Brüder?

SCHREIBER
kommt aus seinem Häuschen; zum Volk
Die wilde Bestie kommt zu uns,
jeder soll sich auf und davon machen!
geht ab

MOSKOWITER
Hol dich der Teufel!

FRAUEN
Für den weissen Schwan bereitet den Weg!
Preis dem berühmten Bojaren!

STRELITZEN
in der Ferne
Der Mächtige kommt!

KNABEN
Geht aus dem Weg!
Ruhm, Preis dem Vater!

MOSKOWITER
Die Menge strömt herbei, alles Frauen!
Ist wohl ein Fest, aber welches?
Man macht Platz für die Strelitzen

KNABEN
stürmen herein
Den Weg frei, der Mächtige kommt;
den Weg frei, der Vater ist gekommen!

FRAUEN
treten herein
Ehre dem Schwan, Ruhm!
Ehre dem weissen Schwan!

KNABEN
Ehre, Ehre dem Vater, Ehre!

STRELITZEN
Der Mächtige kommt!

MOSKOWITER
Das ist lustig, ein Vergnügen, Brüder.
Was gibt es für ein Fest in Moskau?
Jeder Tag ist ein Festtag hier!

FRAUEN, KNABEN
Macht den Weg frei für ihn!

STRELITZEN
auftretend
Macht Platz, Volk!

MOSKOWITER
Die Strelitzen! Wie die Henker!

FRAUEN, KNABEN
Platz für ihn! Ehre sei ihm!

STRELITZEN
auf der Szene
Der Allermächtigste kommt!
Volk in allgemeiner Gruppe. Die Strelitzen zum Volk:
Ihr Rechtgläubigen, russisches Volk,
der Allermächtigste wird zu euch sprechen:
Hört gut zu!
Der Mächtige kommt!

Fürst Iwan Chowansky kommt, gleichmässig schreitend, in stolzer Haltung.
Hinter ihm Anführer der Strelitzen und Besucher Moskaus


FÜRST IWAN CHOWANSKY
zur Menge
Kinder, meine Kinder!
Moskau und Russland (Gott bewahre sie!)
sind in grosser Verwüstung,
die die diebischen und aufrührerischen Bojaren
in ihrer üblen, bösen Ungerechtigkeit angerichtet haben.
Stimmt das nicht, liebe Kinder?
Er nähert sich ein wenig der Menge

VOLK
a, so ist es, Mächtiger!
Es ist die Wahrheit! Schwer ist es für uns!

IWAN CHOWANSKY
Deshalb haben wir die grosse Last auf uns genommen
und zum Wohl der jungen Zaren
den Aufruhr niedergeschlagen.
Gott bewahre uns! Sind wir im Recht?
Er macht einen Rundgang um die Menge

VOLK
Ja, im Recht! Dem Mächtigen Ruhm!
Ruhm unserem Vater, Ruhm!

IWAN CHOWANSKY
Strelitzen! Sind die Musketen geladen?
Gott bewahre uns!

STRELITZEN
Alles bereit, Vater!

IWAN CHOWANSKY
Jetzt zum Rundgang durch unser geliebtes Moskau,
zum Ruhm der Herrscher!
zu allen
Singt Preislieder!

Iwan Chowansky und sein Gefolge ab

VOLK
Ruhm sei dem weissen Schwan,
Ruhm dem mächtigsten aller Bojaren!

Trompetenrufe der Strelitzen

Gebe Gott dem Schwan einen leichten Gang,
gebe er dir Gesundheit und Ruhm,
Ruhm unserem Vater!

STRELITZEN
Der Mächtige ist gekommen!
Ruhm unserem Vater.
Der Mächtige selbst zieht voran!

VOLK
Ruhm dem Mächtigsten!

STRELITZEN, VOLK
Der Mächtige kommt!
Der Vater selbst zieht voran! Ruhm!

Fürst Andrej Chowansky und Emma erscheinen. Chowansky versucht Emma zu umarmen

EMMA
Lasst mich!
Lasst ab von mir, lasst mich los!
Ihr macht mir Angst!

FÜRST ANDREJ CHOWANSKY
Nein, nein,
das Täubchen entkommt dem raubgierigen Falken nicht.

EMMA
Habt Erbarmen mit mir!
Ich flehe Euch an, habt Erbarmen!

ANDREJ CHOWANSKY
Ei, stolz war die Taube
sogar in den Fängen des Falken.

EMMA
reisst sich los
Hört!
Ich kenne Euch: Ihr seid Fürst Chowansky.
Ihr habt meinen Vater getötet;
Ihr habt meinen Bräutigam verbannt,
Ihr habt nicht einmal Erbarmen mit meiner armen
Mutter gehabt.
Was wollt Ihr jetzt? Nun, tötet mich!
Ich bin doch in Euren Händen.

ANDREJ CHOWANSKY
Wie hübsch du bist im Zorn, Vögelchen,
als ob es die kleinen Nestvögelchen beschützte.
Ach, liebe mich, meine Schöne,
ach, richte nicht deine klaren Augen auf die feuchte Erde.

EMMA
Lasst mich los!
Wenn es sein muss, dann tötet mich!
Tötet mich doch'

Marfa kommt unversehens hinzu und beobachtet Andrej Chowansky und Emma

ANDREJ CHOWANSKY
Gib dich mir hin! Reize mich nicht!
Ich werde dich zur Zarin machen, Emma.
Mit der Zarenkrone werde ich dich schmücken.

EMMA
Mein Gott! Was sagt er?
Was ist das, mein Gott!

ANDREJ CHOWANSKY
Mein Täubchen, nimm Kummer und Wehmut
vom Herzen des Falken;
ach, erschrick nicht, du bist doch meine Geliebte!

EMMA
O Gott, du meine Stärke und mein Schutz!

ANDREJ CHOWANSKY
Gib dich mir hin!

MARFA
beiseite
Gib dich ihm hin!

EMMA
Fürst ...

ANDREJ CHOWANSKY
Liebe mich!

MARFA
beiseite
Liebe ihn!

EMMA
Fürst, lasst mich!

ANDREJ CHOWANSKY
Emma!

EMMA
Lasst mich, lasst ab!
Ich habe Euch gesagt: Tötet mich!
Tötet mich!

ANDREJ CHOWANSKY
Dann zwingt der wütende Falke
die Taube eben mit Gewalt.

EMMA
Rettet mich, oh, helft mir!

ANDREJ CHOWANSKY
Es gibt kein Entkommen für das Täubchen,
wenn es in den Fängen des Falken ist.

EMMA
Helft, rettet mich!

ANDREJ CHOWANSKY
Keine Rettung gibt es!
dreist
Es gibt niemanden!

MARFA
trennt Chowansky und Emma
Ich bin hier!

ANDREJ CHOWANSKY
verblüfft
Marfa?

MARFA
So also, Fürst,
bist du mir treu geblieben?
Schnell, wie's scheint,
mein Teurer, bin ich dir gleichgültig geworden.
Du schworst, beteuertest, mein Fürst,
dass du mich nicht betrügen würdest.
Doch zur unrechten Zeit
war dieser Schwur, mein Lieber.
legt ihre Hand auf Emmas Schulter
Nun liebst du eine andere!
Werde mit ihr glücklich!

EMMA
zu Marfa
Ich bin unschuldig.
Verschont mich!

MARFA
zu Emma
Beruhige dich, ich schütze dich, mein Kind!

ANDREJ CHOWANSKY
beiseite
Der Teufel selbst
hat diese verruchte Hexe hierher gebracht!

EMMA
Ihr seid gut,
Ihr beschützt mich.
Er ist grausam, ich habe Angst vor ihm.
Er verfolgt mich erbarmungslos.

MARFA
Ich weiss alles;
zu meiner Schande sah ich alles.
Als aufmerksame Wächterin stehe ich dir bei;
ich mache die Krallen des bösen Falken stumpf.

ANDREJ CHOWANSKY
Wie eine Schlange zischt sie!
Ich beschwichtige dich, du bösartiges Weib!
Dir Alten mache ich noch Freude.

MARFA
zärtlich zu Emma
Du bist makellos,
rein und unschuldig.

ANDREJ CHOWANSKY
stösst Marfa frech zurück
Wer gibt dir das Recht, hier zu sein, du Schöne?
Ist es nicht Zeit, zu deinen Alten zu gehen?

MARFA
Ist jetzt nicht der rechte Augenblick zur Reue
für einen Burschen, anstatt das Herz einer Jungfrau zu betrügen?
Oder ist dein Bojarenstolz wichtiger
als die Leiden einer verstossenen Jungfrau?

ANDREJ CHOWANSKY
Schweig, du Hexe!

MARFA
Vergassest du den Schwur, Fürst:
»dem lutherischen Glauben nicht anzuhängen ...

ANDREJ CHOWANSKY
O Herr!
Sie treibt es weit, die Schlimme ...

EMMA
für sich
Er ist verwirrt, er fürchtet sich?

MARFA
...der Verlockung des Antichristen zu widersagen,
in Furcht vor der ewigen Qual!«

ANDREJ CHOWANSKY
... zur Beschimpfung, zum Gericht
der Väter führet sie.

EMMA
Furchtbar war er zu mir!

ANDREJ CHOWANSKY
beiseite
Nein, ich unterwerfe mich nicht;
nein, ich mache sofort ein Ende mit ihr.
dreist zu Marfa
Kennst du die Geschichte, meine Schönheit,
wie ein Jüngling,
der, seiner Geliebten überdrüssig,
sie losgeworden ist,
der kühne Held?

Marfa beobachtet Chowansky aufmerksam

Ohne Umschweife
zog er ein scharfes Messer ...
Chowansky wirft sich mit einem Messer auf Marfa

EMMA
schreit auf
Ah!

MARFA
zieht ein Messer unter ihrem Rock hervor und pariert den Schlag
Ich habe es gehört, Fürst, und umgekehrt…
Nicht dieses Ende
wollte ich dir bereiten,
und nicht durch meine Hand
sollst du mit dem Leben abrechnen.
feierlich
Mein schmerzerfülltes Herz fühlt des Schicksals Verheissung,
mir erscheint droben eine wunderbar leuchtende Wohnung!

EMMA
Er ist furchtbar, er ist ein Übeltäter.
O Herr, rette sie!
In deinem heiligen Schutz bewahre sie!
Sie hat mich gerettet;
und ich bin nicht fähig, sie zu retten.

ANDREJ CHOWANSKY
Der Teufel selbst hat die böse Hexe hergeschickt,
um mich zu ärgern.
Sie ist wie besessen,
und ein scharfes Messer fängt sie ab.
Furchtlos und zornig
kennt sie keine Grenzen mehr.

MARFA
Und in wunderbarem Strahl ...

Trompeten der Strelitzen in der Ferne

VOLK
in der Ferne|
Ruhm dem Schwan!

STRELITZEN
in der Ferne
Unser Vater kommt!

MARFA
...schweben der Entschlafenen Seelen!

VOLK
Dem Mächtigen Ruhm!

ANDREJ CHOWANSKY
horcht auf
Mein Vater kommt!

EMMA
auf die Bewegung in der Ferne horchend, zu Marfa
Was ist dort?

MARFA
horcht auf
Der Mächtige kommt!

VOLK
hereinkommend
Ruhm dem weissen Schwan...
Ruhm dem allermächtigsten der Bojaren!
Mach dem Schwan den Weg frei!

EMMA
fällt entsetzt aufdie Knie
Gott, du meine Stärke.

STRELITZEN
hereinkommend
Unser Vater kommt. Gott bewahre unseren Vater!

Fürst Iwan Chowansky erscheint

IWAN CHOWANSKY
erstaunt
Was geht hier vor?

Marfa verbeugt sich vor Iwan Chowansky

Fürst Andrej?
zu Marfa im Vorübergehen
Sei gegrüsst, Marfa!
betrachtet Emma
Du bist nicht allein,
bist mit einer Schönen, die ein helles Antlitz
und ein angenehmes Äusseres hat ...
Strelitzen, verhaftet sie!

Die Strelitzen stürzen sich auf Emma, aber sie bleiben vor Andrej Chowansky stehen

ANDREJ CHOWANSKY
stellt sich schützend vor Emma
Zurück!
Nein, nein, ich übergebe sie euch nicht zur Folter,
euch Übeltätern, zum Vergnügen;
nein, nicht euch Bauerntölpeln kommt es zu,
mit meinem unbeugsamen Willen zu streiten.

IWAN CHOWANSKY
erstaunt
Was bedeutet das? Gott bewahre! ...
Wie ist das möglich? ...
Strelitzen, nehmt sie gefangen!

ANDREJ CHOWANSKY
stösst die Strelitzen zurück
Zurück, habe ich gesagt!

STRELITZEN
Unmöglich, Vater!
Fürst Andrej hindert uns.

ANDREJ CHOWANSKY
Fürst, Vater!

IWAN CHOWANSKY
nachdenklich
Als ob wir tatsächlich
schon nicht mehr herrschten;
als ob man uns befehligt
und wir keine Macht mehr hätten über den Sohn!

ANDREJ CHOWANSKY
Fürst, Vater!

IWAN CHOWANSKY
Was ist?
Wer wagt es, sich uns zu widersetzen?
Wer kann uns befehlen?
zu den Strelitzen
Im Namen der Grossfürsten,
der hochberühmten und allmächtigen ...

ANDREJ CHOWANSKY
Vater!

IWAN CHOWANSKY
... befehlen wir euch, Strelitzen,
unverzüglich ...
auf Emma zeigend
die Lutheranerin dort
gefangenzunehmen und uns hierher auszuliefern!

Die Strelitzen stürzen sich aufAndrej Chowansky, der sein Messer gegen Emma hält

ANDREJ CHOWANSKY
Tot mögt ihr sie haben!

Dossifej kommt; hinter ihm einige Mönche

DOSSIFEJ
hält die Hand Andrej Chowanskys fest
Halt!
Ihr seid des Teufels! Was macht Euch so rasend?

IWAN CHOWANSKY
zornig
Aber herrschen wir hier nicht?

EMMA
fällt vor Dossifej auf die Knie
O, wer Ihr auch seid ...
rettet mich,
duldet es nicht, dass man mich umbringt ...
Habt Erbarmen!

DOSSIFEJ
zu Marfa, ruhig
Marfa, führe doch die Lutheranerin nach Hause,

Marfa richtet Emma auf

und sei ihr auf dem Weg ein treuer Schutz,
mein Kind.

MARFA
verbeugt sich tief
Vater, gib mir deinen Segen.
führt Emma sanf fort

DOSSIFEJ
Friede sei mit dir!
zu Iwan und Andrej Chowansky
Und Ihr, Besessene,
nochmals frage ich Euch:
Warum seid Ihr so rasend?
Die Zeit der Finsternis
und des Untergangs der Seele ist gekommen:
Es herrscht der Antichrist!

Und aus der Tiefe
und aus der Hölle
ging der Abfall
von der wahren russischen Kirche aus.

Brüder, Freunde,
es ist Zeit, für den wahren Glauben einzustehen:
Wir schreiten zum Kampf,
zum grossen Kampf.
Und die Brust schmerzt, und das Herz friert ...
Können wir wohl den heiligen Glauben verteidigen?
verneigt sich demütig
Helft mir, Rechtgläubige!

IWAN CHOWANSKY
Strelitzen! Rasch zum Kreml!
Besetzt alle Wachen und seid aufmerksam;
bewacht alle Eingänge und Ausgänge ständig.
Gott bewahre Moskau!

STRELITZE
Unser Blut geben wir für den Glauben.

IWAN CHOWANSKY
zu den Trompetern
Trompeten zum Abmarsch!

Das Volk zieht sich unentschlossen zurück

Fürst Andrej,
übernimm die Führung!

Iwan Chowansky zieht sich mit den Strelitzen zurück. Andrej Chowanskyfolgt mit gesenktem Kopf

DOSSIFEJ
in mystischer Stimmung
O Herr!Verleihe nicht den Sieg der Macht des Feindes;
Vater! Beschütze deine Offenbarung
vor den Feinden, zum Wohle deiner Kinder! ...
Er verneigt sich bis zur Erde in Richtung des Kremls. Die Glocke der Kathedrale Iwan Weliky läutet. Dossifej richtet sich schnell auf)
Brüder, mir ist schwer!
Vollbringen wir die Rettung?
Singt, Brüder, ein Lied
der Absage von dieser Welt!
Schreiten wir zum Kampf.

ALTGLÄUBIGE
O Gott, Allmächtiger,
vertreibe die Worte
der Bosheit von uns.
Sie gehen zum Kreml
Wehre den Kräften der Verführung
durch den Antichrist!

DOSSIFEJ
die Hände emporhebend
Vater!
Ich öffne mein Herz vor dir!
folgt ihnen

ALTGLÄUBIGE
Gütiger Gott! Herr! Gebenedeiter!
Stehe uns bei!

ZWEITER AKT

Beim Fürsten Wassily Golizyn. Die Ausstattung im gemischten Stil: Moskowitischeuropäisch. Fürst Golizyn liest Briefe. Sommerliches Schreibkabinett. Spät am Abend. Auf dem Schreibtisch des Fürsten angezündete Kandelaber. Ausblick auf einen kleinen Garten und ein schönes schmiedeeisernes Gitter mit Steinpfeilern. Abenddämmerung

GOLIZYN
liest
»Mein Licht, Bruderherz Wassenka,
sei gegrüsst, mein Lieber!
Ich kann es nicht glauben, meine Freude,
Licht meiner Augen, dass wir uns wiedersehen werden.
Gross wäre der Tag,
an dem ich dich, mein Licht,
in meinen Armen sähe!
betrachtet den Brief aufmerksam
Ich wanderte zu Fuss von Wosdwischensk
mit den Briefen von den Bojaren und von dir.
Ich erinnere mich nicht, wie ich hinaufstieg:
Ich las beim Gehen.«
zerknittert den Brief in seiner Hand
Die Zarewna gibt sich trotz ihrer grossen Sorgen
und das Wohl der jungen Herrscher
ihrer brennenden Leidenschaft hin,
unaufhörlich verliert sie sich
an den Traum vergangener Wonne
steht auf
Kann man dem Schwur
einer ehrgeizigen und mächtigen Frau glauben?
ruhig
Ewiger Zweifel,
an allem; immerdar!
verliert sich in Gedanken; dann entschlossen
Nein, ich unterwerfe mich nicht dem Trug
eines leeren Traumes,
betäubender Minuten des Vergnügens.
mit Spott
Euch glaube ich natürlich gerne,
aber bei Euch ist Vorsicht am Platz,
andernfalls fällt man sofort in Ungnade ...
und dann ... Kopf ab!
Vorsicht, Hetman und Fürst.
nimmt einen Brief von seinem Schreibtisch
Nanu!
Ein Brief von der Mutter Fürstin!
Die Gesandten sputen sich mit dem fürstlichen Geld
zum Ruhme des Nachkommen
grosser und berühmter Vorfahren.

öffnet den Brief
Für grosse Taten ist viel Geld nötig.
liest
»Du, mein Licht, du weisst selbst,
wie ich deiner bedarf,
kostbarer bist du
als meine sündige Seele.
Bewahre dir die Reinheit der Seele und des Körpers.
Du weisst selbst, wie das Gott gefällt.«
Was ist das?
Etwa ein Vorzeichen?
Womit droht der Beschluss meines Schicksals?
Schwarze Gedanken versuchen die Seele,
wir sind ohnmächtig, das Geheimnis zu begreifen,
eitel ist die Macht, eitel der Verstand
»Bewahre dir die Reinheit der Seele und des Körpers
das gefällt Gott. . .«
Er versinkt wieder in Gedanken. Warssonowjew, ein Vertrauter des Fürsten Golizyn, tritt ein
Wer ist da?

WARSSONOWJEW
Durchlauchtigster Fürst!

GOLIZYN
Nun!

WARSSONOWJEW
Der Luther-Priester liess nicht locker
er will euch unbedingt sehen.

GOLIZYN
So soll er eintreten.

Warssonowjew ab,- der Pastor tritt ein

PASTOR
Ich kenne Eure hochheilige Sitte, Fürst,
niemals die Bitten der Söhne des von Euch geliebten
Europas zurückzuweisen.
Verzeiht, ich wagte es, Euch in Euren
tiefen Gedanken zu stören.

GOLIZYN
Ich bitte Euch, Pastor, mir zu erzählen,
wodurch Ihr so verwirrt seid;
tut Euch keinen Zwang an, ich bitte Euch,
sagt mir doch,
was Euch beunruhigt.

PASTOR
Bosheit und Hass,
Verachtung und Rachsucht,
die ganze Welt der teuflischen Widersprüch
quält mein Herz.

GOLIZYN
Was ist mit Euch?

PASTOR
Der junge Fürst Chowansky ...

GOLIZYN
Nun!

PASTOR
... heute auf dem Platz. . .

GOLIZYN
Was geschah denn dort? ...

PASTOR
. . hat er das junge Mädchen beleidigt

GOLIZYN
Wie das?

PASTOR
.. die unglückliche Waise...

GOLIZYN
Emma?

PASTOR
Ja, mein Fürst!

GOLIZYN
für sich
So, das ist die Sache!
zum Priester
Sehen Sie, Herr Pastor,
o, ich bitte Sie, beruhigen Sie sich,
ich kann mich nicht
in die persönliche Angelegenheit
der Chowanskys mischen.

PASTOR
für sich
Mein Gott!

GOLIZYN
Aber, wenn es Ihnen,
in den Grenzen der mir geschenkten Macht,
beliebt zu bitten,
um Verbesserungen und mögliche
Erleichterungen, für Euch, für Eure Herde ...

PASTOR
Eine günstige Gelegenheit!

GOLIZYN
... werde ich mit Anteilnahme Eure Bitte annehmen,
meine Lage ist Euch bereits bekannt.
Sprecht, Pastor.

PASTOR
zu Golizyn
Ich bin verwirrt ...
Ich fürchte mich ...

GOLIZYN
Sprecht!

PASTOR
für sich
Emma hat er verstossen, vielleicht
wird er den Pastor nicht verstossen.

GOLIZYN
Was ist denn mit Ihnen?

PASTOR
zu Golizyn
Um in den Herzen
meiner geliebten Herde
die Fundamente des lebendigen Glaubens zu bewahren,
möchte ich bitten, Fürst:
gebt die Erlaubnis, bei uns in der
deutschen Vorstadt eine Kirche zu bauen,
noch eine, nur eine,
Sie waren uns doch so gewogen.

GOLIZYN
Ich würde Euch vorschlagen, Pastor,
ein wenig bescheidener zu träumen.

PASTOR
Ich bitte Euch, hört! ...

GOLIZYN
Sind Sie etwa verrückt geworden…
oder wie weit wollen Sie gehen…
Russland wollen Sie mit Kirchen bebauen! …
Aber das trifft sich gut:
Heute erwarte ich bei mir den alten Chowansky
zur Beratung,
und was wichtig ist auch Dossifej:
ein Treffen mit ihnen wird wohl für Euch
günstig sein, sagt?

PASTOR
Fürst, ich habe verstanden.

GOLIZYN
Ist es wahr? Leben Sie wohl, Herr Pastor,
auf Wiedersehen, nicht wahr?
Der Priester geht ab
Auf Wiedersehen!
Frechling, Abgefeimter ...
Wolf im Schafpelz!
Warssonowjew tritt ein
Abermals?

WARSSONOWJEW
Durchlauchtigster Fürst!

GOLIZYN
Nun, wer ist dort noch?

WARSSONOWJEW
Die Wahrsagerin,
die Ihr neulich geruhtet zu rufen,
ist gekommen.

GOLIZYN
Hast du deinen eigenen Kopf auf den Schultern
oder einen fremden?

WARSSONOWJEW
Verzeiht, Fürst, ich habe mich versprochen.
Die Frau, die häufig zu Euch kommt
und Euch um Rat fragt.

GOLIZYN
Nun denn, ruf sie herein!

Warssonowjew geht ab, Marfa tritt still ein - der Sitte entsprechend

MARFA
Zu Euch, Fürst,
kommt man wie in einen Hinterhalt,
überall lauern die Vertrauten.

GOLIZYN
Wir leben in einer Zeit der Heimlichkeiten
einer Zeit des Verrats und der Gewinnsucht.
abergläubisch
Unsere Zukunft liegt im Nebel verborgen;
man zittert um jeden Augenblick
des unnützen Lebens.

MARFA
Soll ich dir dein Schicksal voraussagen,
Fürst?
Soll ich nach den Befehlen der geheimen Kräfte
der Herrscher der Erde fragen?

GOLIZYN
Wie?

MARFA
Befiehl, Wasser zu bringen.

Golizyn klingelt. Warssonowjew tritt ein

GOLIZYN
Wasser, zum Trinken!
Warssonowjew giesst an einem Tischchen Wasser in einen silbernen Krug und gibt ihn dem Fürsten
Stell nieder!

Warssonowjew gehtfort. Marfa verhüllt sich mit einem grossen schwarzen Tuch und bereitet sich zum Wahrsagen vor

MARFA
Verborgene Mächte,
grosse Mächte,
Seelen, entschwunden
in eine unbekannte Welt,
zu euch rufe ich!
Ertrunkene Seelen,
umhergegangene Seelen,
die ihr die Geheimnisse
der Welt unter dem Wasser kennt,
seid ihr hier?
Werdet ihr dem von Furcht gequälten
Bojaren und Fürsten
sein geheimes,
in Dunkelheit gehülltes Schicksal
wohl entdecken?
starrt ins Wasser
Still und rein ist es in den Lüften.
Vom Licht des Zaubers ist alles erleuchtet.
Geheime Mächte, ihr habt meinen Ruf gehört.
Fürst, deines Schicksals Geheimnis wird enthüllt.
Heimtückisch lächelnd
umgeben dich böse Menschen;
Fürst, fest haben sie sich zusammengeschlossen:
Dir bekannte Menschen
weisen den Weg ins Weite.
Ich sehe, es ist hell, die Wahrheit hat sich verkündet!

GOLIZYN
beunruhigt
Was wurde verkündet?
MARFA
Fürst! Dir droht Acht und Verbannung
in ein fernes Land;
Macht, Reichtum und Ansehen
werden dir auf immer genommen.
Nicht einstiger Ruhm, nicht Mut,
nicht Wissen, nichts wird dich retten:
Das Schicksal hat es so entschieden!
Du wirst das grosse Leid und die Trauer
und den Verlust kennenlernen, mein Fürst;
und in diesem Leid, in brennenden Tränen
erfährst du die ganze Wahrheit der Erde ...

GOLIZYN
Verschwinde!
Golizyn klingelt, Warssonowjew tritt ein. Marfa zieht sich langsam zurück
Sie ist unverzüglich im Sumpf zu ertränken,
dass mir kein Gerede entsteht!

Marfa hört die letzten Worte Golizyns und eilt hinaus. Warssonowjew läuft hinter ihr her. Golizyn in einem Anfall von Verzweiflung

GOLIZYN
Das ist also der Beschluss meines Schicksals,
deshalb krampft sich so das Herz zusammen:
Mir droht schmachvolle Acht,
Ruhmlosigkeit und Untergang.
Bis vor kurzem noch,
mit festem Glauben an das Glück,
dachte ich, das Werk des heiligen Vaterlandes zu erneuern:
Mit den Ämtern der Bojaren rechnete ich ab…
die Verhältnisse mit Europa festigte ich,
einen hoffnungsvollen Frieden stiftete ich demVaterland
und auf mich blickten die Europäer,
als ich an der Spitze
der kampferprobten Regimenter
den Hochmut
der anmassenden Polen brach,
oder bei Andrusow
unsere angestammten Länder
aus dem Schlund der gierigen Könige riss, und diese Länder,
mit dem Blut unserer Vorväter purpurrot gefärbt,
als Gabe meinem heiligen Vaterland brachte
Alles ist zu Staub zerfallen,
alles vergessen
O heiliges Russland,
so schnell reinigst du dich nicht vom Rost,
den du in der Tartarenzeit angesetzt hast!

Iwan Chowansky tritt ein

IWAN CHOWANSKY
Wir kommen ohne Anmeldung, Fürst, mal eben so.

GOLIZYN
Ich bitte, Platz zu nehmen.

IWAN CHOWANSKY
Platz nehmen? Gott bewahre!
Das ist so eine Sache.
Wir haben jetzt alle Plätze verloren.
Du selbst aber hast sie uns genommen, Fürst.
Mit den Bauern hast du uns gleich gemacht.
Wo also befiehlst du, Platz zu nehmen?

GOLIZYN
Was soll das, Fürst?

IWAN CHOWANSKY
Hier, dort oder wo?
Hinten auf der Schwelle,
beim Hausgesinde,
bei den Sklaven?

GOLIZYN
Ist das nicht sonderbar?
Du, so reich an Ruhm und Macht,
du, Herrscher über die unbesiegbaren Strelitzen,
du grämst dich über die Launen der Bojaren.

IWAN CHOWANSKY
Höre zu, spotte nicht, Golizyn!
Du blähst dich mit deinen Erfolgen auf;
uns, unsere Ehre und Würde
übergabst du den Schreibern zum Hohn.

GOLIZYN
Den Schreibern?

IWAN CHOWANSKY
Nun, schon gut, Fürst,
du hast genug Freude gehabt.

GOLIZYN
Worüber denn?

IWAN CHOWANSKY
Auch bei den Tataren sind alle gleich:
beim kleinsten Muckser -
Kopf ab.
Nehmt Ihr Euch schon die Tataren als Beispiel?

GOLIZYN
Was? Was ist mit dir,
du hast den Verstand verloren ...
Komm zur Besinnung, Chowansky!

IWAN CHOWANSKY
Aha, das hat gewirkt!

GOLIZYN
Du wagtest es, den verdammten Stamm
Golizyn zu unterstellen ...
Doch übrigens, Fürst, Ihr wisst,
hitzig bin ich, masslos heftig. . .
so habt Ihr doch in unserer
Bojarenduma entschieden.

IWAN CHOWANSKY
Der Herr sei mit dir!
Ich entschied nicht,
ohne mich haben sie entschieden.
Aber meinen Platz, den Bojarenplatz,
finde ich und werde ihn vor dir bewahren.

GOLIZYN
Verzeiht meinen unerwarteten Ausfall,
Fürst Chowansky.
Ich bin der Eurige,
so lange es Euch genehm sein wird.

IWAN CHOWANSKY
Aber erlaubt daran zu zweifeln, Fürst.

GOLIZYN
Ich möchte um die Erlaubnis bitten,
meine Rede zu beenden.

IWAN CHOWANSKY
Nun, das sei genehmigt,
mit welchem Ziel auch immer!

GOLIZYN
Vielleicht habe ich die Bojaren sehr beleidigt,
aber es musste sein.
Nur seltsam ist, dass ich
Euch dabei ganz vergessen habe,
Fürst Chowansky,
obgleich ich wusste, dass Ihr
neidisch auf jenen Bojaren wart,
der - Ihr erinnert Euch - beim Zaren Alexej
wegen seines Platzes bei Tisch so sehr gekränkt war,
dass er sich bei der Mahlzeit unter den Tisch verkroch,
heisse Tränen vergoss
und wie ein bestraftes Kind heulte.

IWAN CHOWANSKY
Nun, was lügst du da!

GOLIZYN
Dorthin, unter den Tisch,
befahl der Allergnädigste Zar
dem Bojaren
Wein und Speisen zu schieben ...
Und du, Fürst Chowansky,
du allmächtiger Herrscher,
vor dem ganz Moskau
im Staube lag,
blutübergossen,
du findest nirgendwo einen Platz!

IWAN CHOWANSKY
Nun reicht es, Fürst!
Ich habe dich in Ruhe angehört
und dich an deinem Lästern nicht gehindert.
Höre aber auch du mich an,
und unterbrich mich nicht.

Golizyn macht eine ironisch gemeinte, höfliche Verbeugung. Dossifej tritt ein und bleibt stehen, ohne Chowansky aus den Augen zu lassen
Weisst du, wessen Blut in mir fliesst?
Gedimins* Blut fliesst in mir,
jawohl, Fürst,
und deshalb dulde ich
deinen Hochmut nicht!
Womit blähst du dich auf?
Nein, mit Verlaub, sag es mir:
Worauf bist du so stolz?
Etwa auf den berühmten Feldzug,
als du eine Unzahl Truppen
nicht durch Kampf, sondern durch Hunger ausrottetest?

* Grossfürst von Litauen, 1316-1341

GOLIZYN
jährzornig
Was?
Dir kommt es nicht zu, meine Taten zu beurteilen!

IWAN CHOWANSKY
So sind sie aber nun mal, stimmt es nicht?

GOLIZYN
Nein,
dein Verstand reicht dafür nicht,
hörst du!

IWAN CHOWANSKY
zornig
Was heisst das?

DOSSIFEJ
bleibt zwischen den Fürsten stehen
Fürsten, mässigt Euren Zorn,
besänftigt Euren bösen Stolz.
Die Fürsten stehen unbeweglich und wenden sich voneinander ab
Nicht in Eurem Zwist liegt die Rettung Russlands.
Wahrhaftig, es ist schön, auf Euch, Fürsten,
zu blicken!
Versammelt habt ihr Euch zum Rat:
So sollte man sich um Russland sorgen,
aber da sind sie mal eben zusammengekommen
und sind wie die Streithähne: Zap, zap!

GOLIZYN
Dossifej,
ich bitte die Grenzen zu wahren.
Du hast vergessen,
dass die Fürsten ihre eigene Art haben,
es ist nicht die deinige, mein Lieber.

DOSSIFEJ
Ich habe nicht vergessen,
ich könnte mich wohl an meine vergessene
und auf ewig begrabene
Vergangenheit erinnern.

GOLIZYN
Was hast du vergessen?
Was hast du begraben?

DOSSIFEJ
Die von mir selbst verworfene,
meine fürstliche Macht, Fürst.

GOLIZYN
für sich
Fürst Mysetzky?

IWAN CHOWANSKY
Mysetzky?

GOLIZYN
Wahrhaftig ...
es liefen Gerüchte um. . .
ich konnte es nicht glauben,
dass die russischen Fürsten jetzt die Vorväter fliehen
und sich in Mönchskutten kleideten.

IWAN CHOWANSKY
Richtig!
Wenn du als Fürst geboren bist, musst du Fürst bleiben.
Das Gewand des Mönchs ist für uns Fürsten
nicht nach Mass gewebt.

DOSSIFEJ
Fürsten, lasst von diesen leeren Träumen ab.
Hinweg mit ihnen.
Wir haben uns hier zum Rat versammelt.
Lasst uns beginnen, die Zeit duldet
keinen Aufschub.
setzt sich

GOLIZYN
Ich bitte, Platz zu nehmen.

IWAN CHOWANSKY
Wenn schon Mysetzky, der ehemalige Fürst, sich setzt,
so befiehlt mir, Chowansky,
sogar Gott selbst,
mich zu setzen.

DOSSIFEJ
Mysetzky ist von nun an fern.
Beruhigt euch.
Ich bin nicht Mysetzky, ich bin Dossifej,
der demütige Knecht Gottes.

GOLIZYN
Gott sei Dank!

IWAN CHOWANSKY
In Wahrheit, Gott sei Dank!

DOSSIFEJ
Fürsten!
Der allmächtige Gott sandte Euch
Rat und Weisheit.

GOLIZYN
Vor allem würde ich gerne
direkt zum Ziel unseres Gespräches kommen.

DOSSIFEJ
Habt Ihr, Fürsten, nicht erkannt,
worin für das heilige Russland der Untergang liegt
und worin seine Rettung?
Warum schweigt ihr denn?

GOLIZYN
Man muss die Kräfte kennen.
Wo sind diese Kräfte?

DOSSIFEJ
Unsere Kräfte?
In Gottes Herz
und im heiligen Glauben.

GOLIZYN
Ja, das versteht sich.
Nein, ich meine andere Kräfte.

DOSSIFEJ
Was heisst hier andere Kräfte,
wenn die Bauern die Häuser verlassen
und umherziehen?

GOLIZYN
Nun, das bedeutet, das Gespräch ist beendet.

DOSSIFEJ
Nun, und was meinst du, Fürst Chowansky?

IWAN CHOWANSKY
Ich?
Lasst mir nur meine Strelitzen,
und - weiss Gott -
ich habe Moskau bewahrt,
und ich werde
mit ganz Russland fertig.

GOLIZYN
So. Und was für eine Herrschaft wird es geben?

IWAN CHOWANSKY
Wie - was für eine?
Meine, hoffe ich.

GOLIZYN
zu Dossifej
Und was meinst du dazu?

DOSSIFEJ
zu Golizyn
Über die Herrschaft?
Nach friedlicher, alter Art,
nach den alten Büchern,
und alles weitere wird das Volk schon sagen.

GOLIZYN
Nicht doch, am Alten hänge ich nicht allzu sehr,
wie ich bekennen muss.

IWAN CHOWANSKY
zu Dossifej
Siehst du, er ist direkt, was?

DOSSIFEJ
zu Golizyn
Nicht umsonst hast du in Deutschland
die Schule besucht.
Führe nur den Teutonen gegen uns,
mit seinem Teufelsheer;
meinetwegen führe Lustbarkeiten und Tänze bei uns ein,
dem Teufel zu Gefallen.

GOLIZYN
Dossifej!
Wirf mir nicht Verrat vor;
ich habe mich von mir nicht losgesagt, wie du.
Meine Liebe zum Vaterland ist vielleicht tiefer
als dein Trachten nach der friedlichen, alten Zeit.

DOSSIFEJ
In mir und meinem Zorn musst du
den Zorn und das Klagen des Volkes vernehmen, Fürst.
Das Volk flieht vor Euren bösen Neuerungen
in die Wälder und in die Wildnis.

IWAN CHOWANSKY
Das ist die Wahrheit! Das ist auch meine Meinung;
ich habe nämlich auch den Kern der Sache erkannt.
Dem stolzen Fürsten habe ich es doch wiederholt gesagt,
so nämlich habe ich immer wieder gesprochen:
»Fürst, zerstöre nicht das Alte!«
Aber er hat, wie man sieht,
den Bojaren die Plätze gemindert.

DOSSIFEJ
Ihr solltet besser auf die Strelitzen achten.

IWAN CHOWANSKY
Ach, was ist mit den Strelitzen?

DOSSIFEJ
Dem Mammon dienen sie.
Belial verehren sie,
sie haben ihre Frauen und Häuser aufgegeben,
sie brüllen und treiben sich umher wie die Tiere.

IWAN CHOWANSKY
Sieh da!
Bin ich etwa schuld,
dass sie sich am grünen Wein berauschten?
Ohne Wein
hätten sie ordentlich gedient.

DOSSIFEJ
Aber was schautest du ihnen zu?
Ach, Schwätzer, du bist ein Schwätzer.

GOLIZYN
auffahrend
Was denn? ... Was soll das? ...
Ich bitte darum, in meinem Hause
die Sitte zu bewahren.

IWAN CHOWANSKY
Ich lasse mich nicht fälschlich beschuldigen!

GOLIZYN
Ich möchte darum bitten, meine Gäste zu achten, Verehrter!

Golizyn am Tisch wendet sich von ihnen ab. Dossifej und Golizyn hören aufden Gesang in der Ferne

MÖNCHE
Wir haben gesiegt,
wir haben die Gottlosen beschämt und widerlegt.

IWAN CHOWANSKY
Oder bin ich vielleicht
jetzt zum Gespött geworden,
weil ich Euch Hilfe gab mit Truppen,
Rat, und meiner nicht kleinen Kasse?

DOSSIFEJ
feierlich
Schweigt
und vernehmt die Mutigen,
die auf dem Weg des Herrn wandeln.

GOLIZYN
(beunruhigt
Was bedeutet das?

DOSSIFEJ
Ihr, Bojaren, seid nur in Worten gross,
auf die Prozession zeigend
aber diese hier handeln.
AItgläubige Mönche, von einer Menge begleitet, kommen feierlich heran; sie halten die heiligen Bücher senkrecht über ihren Köpfen
Seht, seht, da kommen sie!

MÖNCHE
Wir haben sie besiegt, beschämt, widerlegt,
und wir haben die Häresie der Gottlosigkeit bekämpft
und die feindlichen Abgründe des Bösen.
Wir haben die Nikonianer widerlegt und überwunden.

IWAN CHOWANSKY
erfreut
Helden, Kinder, tapfer seid ihr!

GOLIZYN
beunruhigt
Wer sind die Helden?

DOSSIFEJ
feierlich
Widerlegt und überwunden haben wir
der Nikonianer Lügenlehre,
wir haben den Weinberg des Herrn gepflanzt.
Wir haben den wahren Glauben bewahrt,
zum Ruhm des Schöpfers der Erde.

MÖNCHE
entfernt
Wir haben sie widerlegt!
Wir haben die gottlosen Nikonianer überwunden.

GOLIZYN
zornig
Das ist die Spaltung!

IWAN CHOWANSKY
kühn
Das liebe ich!
Durch uns und das Alte
wird sich Russland wieder erfreuen können.

MARFA
stürzt herein; ausser Atem zum Fürsten Golizyn
Fürst, Fürst!
Befiehl, mich nicht zu strafen,
befiehl Erbarmen!

GOLIZYN
in abergläubischer Angst
Werwölfin!

IWAN CHOWANSKY
sich auf Golizyn stürzend
Gott sei mit dir!
Was hast du, Fürst?
Das ist Marfa.

DOSSIFEJ
zu Marfa
Was ist mit dir, geliebtes Kind?

MARFA
erkennt Dossifej
Vater! Du bist hier?
Ich kam abends vom Fürsten;
und als ich in den Hinterhof gelange, ist da plötzlich ein, Diener.
Ich begriff sofort: Er folgte mir, ganz offenkundig,
bis hinter Bjelgorod, in die Nähe des Sumpfes.
Hier beim Sumpf fing er an, mich zu würgen,
zu Golizyn
er sagt, du hättest es befohlen, Fürst.
Ich glaubte es nicht, ich wehrte mich;
aber der Übeltäter plante, die böse Tat auszuführen.
Lange kämpften wir,
mir drohte das Verderben
Da, ich kann mich schon nicht mehr erinnern, wie,
ergab sich die Gelegenheit, kaum mehr bei Kräften,
dass ich mich losriss Dank sei dir, o Gott
Die Petrowzen kamen rechtzeitig
und hielten auf dem Hinterhof.

GOLIZYN, IWAN CHOWANSKY, DOSSIFEJ
Die Petrowzen?

MARFA
Ja, Peters Regiment kam.

WARSSONOWJEW
stürzt hastig herein
Schaklowity!
flieht durch die Aussentür

SCHAKLOWITY
tritt durch die Seitentür ein
Ihr Fürsten!
Die Zarin befahl, Euch mitzuteilen,
dass in Ismajlowo folgende Nachricht angeheftet wurde:
Die Chowanskys haben einen Anschlag
auf die Zarenkrone versucht.

IWAN CHOWANSKY
Die Chowanskys!

DOSSIFEJ
zu Chowansky
Gib deine Träume auf!
zu Schaklowity
Und was sagte Zar Peter?

SCHAKLOWITY
Er schalt das »Chowanschtschina«
und befahl eine Untersuchung.

Trompeten der Petrowzen hinter der Szene

DRITTER AKT

Samoskwaretschje, Vorstadt der Strelitzen, gegenüber von Bjelgorod, jenseits der Kremlseite der Moskwa. Hinter dem Fluss ist ein Teil von Bjelgorod sichtbar. In der Ferne eine starke Holzwand aus kräftigen Bohlen. Mittagszeit

ALTGLÄUBIGE
gehen in Begleitung einer Menge durch die Vorstadt; hinter der Szene
Wir haben sie bezwungen und widerlegt,
wir haben die häretische Gottlosigkeit
und die feindlichen Abgründe des Bösen überwunden!
treten auf die Bühne
Wir haben die Nikonianer widerlegt
und sie überwunden!
Wir haben gesiegt,
wir haben sie bezwungen!

Marfa sondert sich unbemerkt von der Menge ab

Wir haben die häretische Gottlosigkeit,
die feindlichen Abgründe des Bösen überwunden!
Sie verschwinden langsam hinter der Wand
Wir haben gesiegt ...
über die Gottlosigkeit ...
geächtet und überwunden!

Die Bühne wird allmählich leer

MARFA
sitzt auf dem Wall vor Chowanskys Haus
Ein junges Mädchen ging hinaus,
durch alle Wiesen und Sümpfe,
durch alle Wiesen und Sümpfe
und durch alle Heuschläge.

Susanna schleicht sich heran und horcht.
Das junge Mädchen trat hinaus
und zerstach sich die Füsschen,
immer den Liebsten suchend,
aber konnte ihn doch nicht finden.

Schon hat es sich herangestohlen,
das junge Mädchen, zu dem Schloss,
schon hat es an das Fensterchen geklopft,
schon hat es an das klingende Ringlein geschlagen:

Erinnere dich, gedenke mein, Liebster,
ach, vergiss nicht, wie du schworst,
viele Nächte hindurch habe ich mich gequält,
immer mich tröstend an deinem Schwur.

Wie Kerzen Gottes
werden wir leuchten:
Ringsum die Brüder in Flammen,
in Rauch und Feuer entschwinden die Seelen.

Aber du hast aufgehört, das junge Mädchen zu lieben
es war deine Freiheit, und sie wird dir zum Verderben.
In der bösen Sklaverei wirst du
die überdrüssig gewordene, üble Altgläubige zu spüren bekommen.

SUSANNA
böse
O Sünde! Schwere, unverzeihliche Sünde.
Hölle! Ich sehe die brennende Hölle,
das Freudengeschrei der Teufel,
der Höllenschlund lodert,
es kocht das flammende Pech.

MARFA
Mutter, Erbarmen, erzähle mir von deiner Furcht.
Unerträglich ist unser Leben geworde
in diesem Tal des Klagens und der Trauer ...
beiseite
Augenscheinlich will sie meine Bücherweisheit nicht hören!

SUSANNA
horcht auf
Ach, sieh da!
Du Listige, spielst die Beleidigte
und singst für dich sündhafte Lieder.

MARFA
Du hast meinem Lied gelauscht,
wie ein Dieb hast du dich zu mir geschlichen,
nach Diebesart
hast du meinem Herzen die Trauer geraubt
Barmherzige Mutter!
Ich habe vor den Menschen meine Liebe nicht verheimlicht,
und vor dir werde ich nicht die Wahrheit verbergen.
nähert sich Susanna

SUSANNA
O Herr!

MARFA
Es war furchtbar, wie er zu mir flüsterte,
und seine heissen Lippen brannten wie eine Flamme.

SUSANNA
Halt ... verschöne mich!
Versuchst du mich mit bösem Wort,
mit teuflischer Rede?

MARFA
Nein, Mutter, nein, so höre doch!
Wenn du doch irgendwann die Liebesglut
des gequälten Herzens verstehen könntest;
wenn du die Neigung verspürtest,
dich der Liebe zum Geliebten in der ganzen Seele hinzugeben,
viele, viele Sünden würden dir vergeben,
barmherzige Mutter, vielen würdest du selbst verzeihen,
wenn du im Herzen die Trauer der Liebe verstündest.

SUSANNA
Was ist mit mir?
Mein Gott, was ist mit mir?
Vermag ich nicht mehr zu erkennen?
Flüstert ein listiger Teufel mir Böses ein?

MARFA
Erinnere dich, gedenke mein, Liebster,
ach, vergiss nicht, wie du mir schworst,
viele Nächte hindurch habe ich mich gequält,
immer mich tröstend an deinem Schwur.

SUSANNA
Gott, mein Gott!
Entferne von mir den rasenden Dämon.
Unstillbare Rachsucht
hält mein Herz gefangen.
zu Marfa
Du, du führtest mich in Versuchung,
du hast mich verblendet,
den Geist der höllischen Bosheit
hast du mir geschickt.
Zum Gericht, zum Gericht der Brüder,
zum grausamen Gericht der Kirche!

Dossifej kommt aus dem Haus Chowanskys

Über deinen bösen Zauber
werde ich bei Gericht aussagen;

Marfa steht auf, als sie Dossifej erblickt und verneigt sich vor ihm

ich werde dir dort
den flammenden Scheiterhaufen errichten!

DOSSIFEJ
Susanna Einhalt gebietend
Warum ereiferst du dich?

MARFA
nähert sich Dossifei
Gütiger Vater!
Mutter Susanna entbrannte in Zorn
über meine Rede, ohne Falsch und Trug...

DOSSIFEJ
Warum denn das, Mutter?
Erinnerst du dich, oder hast du es vergessen,
dass Marfa dich vor grossem Unglück bewahrte?
In der Folterkammer haben sie dich mit
der Wippe peinlich befragt, wegen deiner Bosheit,
wegen deines Zornes, wegen deiner Torheit.

SUSANNA
Was geht mich das an?
Ich verzeihe nicht!

Sie hat mich versucht, sie hat mich geblendet,
sie hat mir den höllischen Geist
der Bosheit gebracht.
Zum Gericht mit ihr, zum Gericht der Brüder,
zum strengen Gericht der Kirche!

DOSSIFEJ
Halt ein, Rasende!
Halt ein!
In stolzer Bosheit machtest du einen Anschlag
liebevoll auf Marfa zeigend
auf das kranke Herz
deiner gequälten Schwester.

SUSANNA
Nein, ich unterwerfe mich nicht.

DOSSIFEJ
Du? ... Du, Susanna?
Dienerin Belials und der Hölle,
durch deine Raserei wurde die Hölle geschaffen!
Und hinter dir eilen und jagen,
hüpfen und tanzen
Legionen von Teufeln!

Susanna bedeckt sich mit ihrer Kapuze und entfernt sich in beherrschter Haltung. Dossifej folgt ihr
Tochter Belials, weiche von hinnen!
Ausgeburt der Hölle, weiche von hinnen!
Er folgt Susanna, bis sie nicht mehr zu sehen ist; dann kehrt er zurück
Nun, mag Sie! Sie scheint fort zu sein.
zu Marfa
Ach du, meine Liebe,
hab ein wenig Geduld, und diene unerschütterlich
unserem alten, heiligen Russland,
das wir doch suchen.

MARFA
Wehe, mir schmerzt das Herz, Vater,
man sieht, es leidet schlimme Qual!
Verachtet, vergessen und verstossen bin ich.

DOSSIFEJ
Von Fürst Andrej?

MARFA
Ja.

DOSSIFEJ
Hat er dich beleidigt?

MARFA
Er wollte sein Messer ziehen.

DOSSIFEJ
Und was hast du mit ihm gemacht?

MARFA
in mystischer Stimmung
Wie die göttlichen Kerzen
werden wir uns schnell aneinander wärmen.
Inmitten der Brüder stürzen wir uns
in die Flamme, in den Rauch, in das Feuer!

DOSSIFEJ
Verbrennen! Furchtbare Tat!
Noch ist die Zeit nicht gekommen, mein Täubchen…

MARFA
Ach, Vater!
Meine Liebe ist eine furchtbare Prüfung,
Tag und Nacht hat die Seele keine Ruhe.
Ich meine, ich achtete nicht des Herrn Gebot,
und sündig und frevlerisch ist meine Liebe.
kniend
Vater, wenn meine Liebe Frevel ist,
dann strafe mich schnell, strafe mich:
ach, schone mich nicht, mag mein Fleisch sterben,
damit meine Seele dadurch gerettet wird.

DOSSIFEJ
Marfa, mein unglückliches Kind!
Verzeih mir, ich bin der erster aller Sünder!
Im Willen des Herrn ist unsere Pflicht.
Gehen wir fort von hier.
führt Marfa fort und tröstet sie
Hab Geduld, mein Täubchen;
liebe, wie du geliebt hast;
alles, was geschehen ist, geht vorüber.

Von der entgegengesetzten Seite tritt Schaklowity auf

SCHAKLOWITY
Das Nest der Strelitzen schläft.
Schlafe, russisches Volk:
Der Feind schlummert nicht.
Ach du, heimatliches Russland
mit deinem unglücklichen Schicksal!
Wer denn, wer rettet dich,
trauriges Land, vor bösem Unglück?
Wird ein böser Feind mit seiner Hand
dein Schicksal besiegeln?
Oder erwartet der schadenfrohe Deutsche
von deinem Schicksal Gewinn?
Ach, teure Heimat!
0 nein, niemals sollst du ihnen,
deinen üblen Feinden, untertan sein!
Sei eingedenk und erinnere dich deiner Kinder,
die doch an dir hängen und unglücklich sind.
nachdenklich
Du stöhntest unter dem Joch der Tataren,
du gingst und schlepptest dich nach den Launen der Bojaren.
Mit den Steuern für die Tataren
beruhigtest du die Feindschaft unter den Bojaren,
du zwangst sie auf ihren »Platz«.
Verschwunden ist das Tatarenjoch,
die Bojarenmacht hat aufgehört -
aber du, trauerndes Land,
leidest und duldest immer noch.
Mein Gott!
Du, der du aus unendlichen Höhen
unsere sündige Welt lenkst,
du, der du alle Geheimnisse
der betrübten und ohnmächtigen Herzen kennst,
sende auf Russland
das gnadenreiche Licht deines Geistes herab.
Schenke ihm einen Auserwählten,
der das unglückliche Russland rette und emporführe,
dieses leidende Land! O, mein Gott,
nimm hinweg die Sünden der Welt, erhöre mich:
Lass Russland nicht untergehen
durch seine bösen Söldner!

STRELITZEN
hinter der Szene
Auf, auf, ihr Burschen!
Oder fällt euch der Aufbruch zu schwer?
Auf, auf, ihr Burschen!
Sammelt euch, Strelitzen-!
Oder schmerzt das Köpfchen,
oder drückt das Herz?

SCHAKLOWITY
horcht auf
Die Herde ist erwacht!
spöttisch
Die friedliche Herde
der allweisen Chowanskys.
Nicht lange ist die Frist:
Das Lied wird bald gesungen sein!
verbirgt sich in der Strasse

STRELITZEN
Sich zu besaufen, wäre schön,
um den Rausch zu vertreiben!
auf die Bühne kommend
Her damit!
Ach, nichts, kein Kummer würde geschehen,
gäbe es nicht den bösen, berauschenden Branntwein.
Ach! Nicht der Wein ist schuld,
sondern die Schuld hat der Suff.
Oh, oh, o weh!
Er ist umgefallen, ach, der Strelitze hat sich schlafengelegt;
weckt ihn nicht, Christenvolk.
Lasst den Strelitzen in Ruhe.

TENÖRE
He, heissa, wach auf
he, heissa, steh auf!
Von deinem Lager,
Nutzloser,
du Strelitze!

Los, vernichte, zerstöre,
schlage, zerschlage willentlich und mit Heldenmut
allen Schaden, alle Verleumdung
und Dieberei, alles, was von den Feinden
so angerichtet worden ist!

BÄSSE
Heissa, er hat sich erhoben,
he, der Strelitze ist aufgewacht.
Mit dem linken Fuss aufstehen,
bringt Sünde.

Auf, spute dich, Strelitze,
vorwärts, mein Lieber,
in ganz Moskau wüte
die Zerstörung!
He, Strelitze, du Held,
fürchte dich nicht, sei ganz ruhig;
halte Wache für ganz Russland,
heissa, Strelitze, heissa, du Held.
He, ho!

STRELITZENFRAUEN
laufen herbei und stürzen sich auf ihre Männer
Oh, ihr verdammten Trunkenbolde,
ihr unverbesserlichen Herumlungerer!
Nichts kümmert euch,
nichts hindert euch!
Frauen und Familien habt ihr vergessen.
Eure kleinen Kinder habt ihr elendiglich im Stich gelassen,
dem Tod geweiht.
Oh, ihr verdammten Trunkenbolde,
ihr unverbesserlichen Herumlungerer,
nichts kümmert euch,
nichts hindert euch,
euch stört nichts, verdammte Trunkenbolde,
Trunkenbolde!

STRELITZEN
Die Weiber sind wohl aufgebracht,
sie machen sich stark, sie stören uns,
mit Gewalt wollen sie uns stören.
Streitsüchtig sind sie und rufen zum Kampf!
entfernen sich von den Frauen
Weiber, hört! Nun reicht es!

O wie schrecklich,
diese Strelitzenweiber,
da haben sie sich gerüstet,
um mit ihren Männern zu kämpfen.

STRELITZENFRAUE
zänkisch
Wo sind denn hier unsere Männer?
Das war einmal, sie sind nicht mehr.

STRELITZEN
Ach, es ist schwierig
ür die Weiber,
gegen Manneskraft
und Manneswille anzukommen.

STRELITZENFRAUEN
Wo kann denn die Manneskraft sein?
Der Wille ist im Suff draufgegangen!

STRELITZEN
O weh!
Wir kannten keinen Kummer,
da kamen die Weiber angeflogen
und mit ihnen der Kummer.

STRELITZENFRAUEN
Bitteren Kummer
haben wir schon allemal!

STRELITZEN
Kuska!

KUSKA
Nun was denn?

STRELITZEN
Kuska!

KUSKA
Nun!

STRELITZEN
Mit Verlaub,
hilf uns, Freund!
Hörst du? Tröste die gehässigen Weiber da!

KUSKA
Was denn, Freunde?

STRELITZEN
Wir wollen doch mal sehen.

KUSKA
zu den Strelitzenfrauen
Ach, ich kann nicht mehr, o weh,
seht, ich bin ganz ermüdet.
Streng und zornig
sind die Frauen der Strelitzen.
Sie sind so zornig,
dass sie nichts erlauben,
nur verbieten können diese Weiber
und befehlen, ganz und gar zu schweigen.
Ihr, Frauen, Herrinnen,
erlaubt, gestattet.

STRELITZENFRAUEN
Oho!

STRELITZEN
Tüchtig, Kuska!

KUSKA
zur Balalaika
In einer engen Gasse,
dort in einem dunklen Winkel,
lebte ein böses Weib,
allein und gross.
Sie begann zu denken und zu rätseln,
wie sie die Menschen stören könnte,
ihre Liebe verleumden könnte,
Frauen und Männer entzweien könnte.

STRELITZEN
Wie heisst die Alte?
Wurde die Alte gerufen,
hörte sie auf den Namen »Böse Verleumdung«,
viel Unheil richtete sie an,
lockte zum Bösen.
Verdammt sein müsste
die böse, böse Alte,
die sich selbst
»Böse Verleumdung« nannte.

STRELITZENFRAUEN
Die »Verleumdung« stahl sich auch
in einem Augenblick in die Familien.
Die »Verleumdung« zerstörte die Familien
und machte die Kinder unglücklich.
Fürchtet, ihr braven Leute,
das böse, böse Weib »Verleumdung«,
mit Unglück droht sie
und straft das ganze Menschengeschlecht.

STRELITZEN
Die »Verleumdung« schlenderte durch die Folterkammern.
Die »Verleumdung« befreundete sich mit dem Henker,
alle Denunzianten verlockte sie
und beschenkte sie mit Gold und Silber.
Sie verachtete auch nicht die Schreiber,
die mit der Feder kritzeln
und, schau nur,
das Leben der Menschen verkaufen.

KUSKA
Die »Verleumdung« hat so viele absonderliche Dinge getan,
dass sich der Verstand der Menschen verwirrte,
dass sie schwätzen und lügen
und sich überhaupt nicht an die Wahrheit halten.
Verehre nur die »Verleumdung«,
und du verzichtest auf den Verstand;
die »Verleumdung« verkehrt alles von unten nach oben,
und den Berühmten nimmt sie den Ruhm.

STRELITZENFRAUEN
weh, hört, hört, hört, o weh!
Eine böse Alte ist die »Verleumdung«.
Wie können wir sie aus der Welt schaffen?

STRELITZEN
Wie könnte man die »Verleurndung« nur abschaffen,
damit man diese Alte nicht mehr sieht?
Wie könnte man die Leute von ihr abbringen,
damit die »Verleurndung« von ihnen verachtet wird?
Entscheidet euch, Burschen,
haltet Rat, Strelitzen:
Wie können wir sie aus der Welt schaffen?

KUSKA
zieht sein Beil und schwingt es
Verleumderinnen und Verleumder
zum Gericht!

STRELITZENFRAUEN, STRELITZEN
Zum Gericht!

Schreckensschreie des Schreibers hinter der Szene, als ob er um Hilfe ruft

SCHREIBER
schleppt sich ausser Atem herein
Unglück, Unglück ... ach, schlimmes Unglück!
Ich kann nicht mehr!
O weh, das ist der Tod!

STRELITZEN
Was schreist du so, Dummkopf?
Augenscheinlich hat man ihn munter gezaust!
Was faselst du, Teufel?
So hat er Angst bekommen!
Das geschieht dir recht, verdammter Kerl!

STRELITZENFRAUEN
Seht, wie er zittert und kaum atmet!
Als ob er Fieber hat!

SCHREIBER
Was für ein Unglück!
Nein, man hat mich nicht geschlagen,
man hat mich nicht gezaust,
und weder meine Ohren
noch meine Lippen hat man beleidigt!

STRELITZEN
Welche starke, wilde Kraft
hat dich denn so zufällig
zu uns hergetrieben?

SCHREIBER
Todesangst hat mich erschreckt!

STRELITZEN
Entweder hat er unsere Strelitzensitten vergessen oder nicht gekannt:
Jeder, der ungerufen zu uns kommt,
wird als Dieb behandelt
und geht nicht lebendig von hier fort.

SCHREIBER
Väter und Brüder!
Mir ist jetzt alles gleich,
ich sehe, der Tod ist nahe,
deshalb werdet ihr die Wahrheit hören.
Die Reiter sind in der Nähe; sie eilen zu euch
und werden alles zerstören!

STRELITZEN
Die Reiter! Die Reiter?

SCHREIBER
Hört!
In Kitajgorod war ich bei der Arbeit,
pflichtgetreu
und fromm;
ich schrieb einen Brief,
mit ganzer Seele
im Gottesfrieden
und bei den Rechtgläubigen.
Plötzlich höre ich
fernen Hufschlag
und das Wiehern der Pferde, Waffengeklirr,
Harnische und wildes Geschrei ...

STRELITZEN
Klar, die haben dich gesucht!
Ganz klar, dich wollten sie fangen!
Angst hast du ihnen eingejagt,
höre, erschreckt hast du sie!
Im Sturmangriff
wollten sie dich nehmen!
So ist das!

SCHREIBER
Sie waren schon in der Nähe von Bjelgorod,
gerade bei der Strelitzenvorstadt,
da flogen die bösen Räuber
auf eure Frauen und Kinder
und umzingelten sie.

STRELITZEN
Du lügst, du Schurke! Das ist nicht wahr!

STRELITZENFRAUEN
O Herr, unser Gott!

SCHREIBER
Plötzlich kamen den Reitern,
wer weiss woher
die Petrowzen zur Hilfe,
und das Gemetzel ging los!
O weh, die Strelitzen unterlagen! ...

STRELITZENFRAUEN, STRELITZEN
Weh uns! Wehe!

SCHREIBER
für sich
Jetzt nichts wie weg
auf Gedeih und Verderb! Fort! Pffft!
verschwindet heimlich

KUSKA
Strelitzen, fragen wir doch den Vater,
ob es wahr ist oder nicht,
was dieser Teufel von Schreiber
uns vorgesetzt hat
über Reiter und Petrowzen.
Ob es so ist?

STRELITZENFRAUEN
Lasst uns ihn fragen!

STRELITZEN
Lasst uns ihn fragen!

STRELITZENFRAUEN, STRELITZEN
Vater, Vater, komm zu uns!
Deine Kinder bitten dich.
Sie rufen dich.
Vater, Vater, komm zu uns!

Iwan Chowansky zeigt sich unter dem Vordach des Schlosses

IWAN CHOWANSKY
Seid gegrüsst, Kinder!
Willkommen!

STRELITZENFRAUEN, STRELITZEN
Lebe in Freude und Ruhm
und sei gegrüsst, Vater!

IWAN CHOWANSKY
Warum habt ihr mich gerufen?
Hat euch irgendein Unglück getroffen?

STRELITZENFRAUEN, STRELITZEN
Die Reiter und Petrowzen
bringen uns den Tod!

STRELITZEN
Führe uns in den Kampf!

IWAN CHOWANSKY
In den Kampf?
Erinnert ihr euch, Kinder,
wie wir, bis an die Knöchel im Blut,
Moskau gegen seine bösen Feinde
verteidigten und bewahrten?
Jetzt ist es anders:
Furchtbar ist Zar Peter!
Geht in eure Häuser,
erwartet ruhig den Beschluss des Schicksals!…
Lebt wohl!
Er zieht sich zurück

STRELITZENFRAUEN, STRELITZEN
O Herr und Gott,
schütze uns vor dem Gespött der Feinde
und bewahre uns und unsere Häuser
in deiner Barmherzigkeit.

VIERTER AKT

ERSTES BILD

Reich ausgestatteter Speisesaal im Haus des Fürsten Iwan Chowansky. Fürst Chowansky am Speisetisch. Bäuerinnen bei der Handarbeit

BÄUERINNEN
Neben dem Bächlein auf der Wiese
schlief ich junger Bursche,
und ich hörte eines Mädchens Stimme,
vom Bette stand ich auf,
vom Bette stand ich auf,
begann, mich rein zu waschen,
stand auf, dachte nach und brach auf,
zu dem Mädchen ging ich hinauf,
zu dem Mädchen ging ich hinauf.

IWAN CHOWANSKY
Was singt ihr denn da,
Gott bewahre!
Als ob man einen Toten
zur ewigen Ruhe brächte.
Es ist schon traurig genug im grossen Russland,
keine Freude mehr zu leben;
und hier muss man das Weibergeheul hören: wie schön!
Heulen und Zähneknirschen, wunderbar!
Gott bewahre!
Ein fröhliches Lied will ich,
und voll Übermut! Hört ihr?

BÄUERINNEN
verneigen sich vor Iwan Chowansky
Wie Ihr befehlt, Fürst und Bojar.

IWAN CHOWANSKY
Was soll ich befehlen?

BÄUERINNEN
verneigen sich tiefer
Was Ihr hören wollt, Bojar und Fürst.

IWAN CHOWANSKY
Was soll ich denn wollen?

BÄUERINNEN
unter sich
Singen wir Haidutschok?

IWAN CHOWANSKY
Was flüstert ihr da? Ihr sollt singen!

BÄUERINNEN
tanzend
Spät am Abend sass ich,
und die Kerze brannte,
Haiduk, Haidutschok,
und die Kerze brannte.

Fürst Chowansky klatscht nach dem Rhythmus des Liedes in die Hände

Und die Kerze brannte,
brannte bis zu Ende.

IWAN CHOWANSKY
Schneller. So, ja!

BÄUERINNEN
Haiduk, Haidutschok,
und sie brannte bis zu Ende.
Alle Kerzen brannten aus,
und ich wartete auf den lieben Freund.
Haiduk, Haidutschok,
wartete auf den lieben Freund.

Der Vertraute des Fürsten Golizyn tritt ein

IWAN CHOWANSKY
Du wagst es,
hier einzutreten?

VERTRAUTER
Fürst Golizyn befahl, dir zu sagen:
»Sei auf der Hut, Fürst!«

IWAN CHOWANSKY
Ich soll auf der Hut sein?

VERTRAUTER
Dir droht unausweichliches Unheil.

IWAN CHOWANSKY
Unheil? Bist du von Sinnen? ...
für sich
Hier in meinem Haus, auf meinem Gut,
droht mir Unheil ... unausweichlich?
Das ist zum Lachen, einfach lächerlich! ...
Ihm beliebt es, einen Fürsten zu erschrecken!
Polen ist aufgewacht!
Steh auf, Chowansky!
Erwache auch du.
zu den Dienern
He, schickt ihn zu den Reitknechten!
Sie sollen ihm geziemend Ehre erweisen!
Er wird abgeführt
Für mich Wein!
zu den Bäuerinnen
Ihr da, ihr Frauen,
ruft mir die Persermädchen!

Die Perserinnen treten ein und tanzen. Schaklowity kommt

IWAN CHOWANSKY
Was willst du?

SCHAKLOWITY
Zu dir, Fürst.

IWAN CHOWANSKY
Ich weiss, dass du zu mir willst.
Warum?

SCHAKLOWITY
Und ohne Anmeldung.

IWAN CHOWANSKY
Und du wagst es?

SCHAKLOWITY
Fürst!

IWAN CHOWANSKY
Nun?

SCHAKLOWITY
Die Zarewna ist in grosser Trauer
um Russland und das Volk von Moskau,
sie ruft dich zu sich,
und heute wird noch grosser Rat abgehalten.

IWAN CHOWANSKY
Sieh mal an! Und was geht uns das an?
Mag sie rufen.

SCHAKLOWITY
Fürst!

IWAN CHOWANSKY
Wir sind, wie es scheint, der Zarewna
mit Rat und Tat und auf jede Weise
gefällig gewesen,
jetzt dienen ihr wahrscheinlich
andere Ratgeber.

SCHAKLOWITY
Fürst, sie bat,
dich als ersten zu rufen,
da ohne deine Hilfe
der Rat nicht auskommen könne.

IWAN CHOWANSKY
Wohlan denn.
Jetzt werden wir uns gern zu ihr begeben
und aufs Neue dem grossen Russland
mit unserem Wissen einen Dienst erweisen, mit Gottes Hilfe.
erhebt sich
Hilf mir, Gott!
zu den Dienern
Los, bringt mir meine besten Gewänder
und meinen Fürstenstab!
zu den Bäuerinnen
Und ihr stimmt ein Preislied an!

BÄUERINNEN
Es schwimmt ein Schwanenweibchen,
ladu, ladu.
Es schwimmt dem Schwan entgegen,
ladu, ladu.
Er begegnet dem Schwanenweibchen,
ladu, ladu.
Der weisse Schwan begegnet ihm,
ladu, ladu.
Sie verneigen sich vor Chowansky
Er kam zu dem Schwanenweibchen,
ladu, ladu.
Mit der lieben Freundin verlobte er sich,
ladu, ladu.
Sie führen Chowansky an den Händen
Und sie priesen den Schwan,
ladu, ladu,
Und sie priesen den weissen Schwan,
ladu, la

Fürst Chowansky wird plötzlich an der Tür erstochen, er fällt mit einem schrecklichen Schrei nieder.
Die Bäuerinnen laufen schreiend auseinander


SCHAKLOWITY
nähert sich dem Leichnam Chowanskys
Preis dem weissen Schwan,
ladu, ladu.
Er lacht.


ZWEITES BILD
Moskau. Platz vor der Basilius-Kathedrale. Das Moskauer Volk drängt herzu und betrachtet die Kirche. Eine Abteilung von Reitern tritt auf. Mit Schwertern und Lanzen bewaffnet, bilden sie ein Spalier und stellen sich mit dem Rücken zur Kirche auf. Das Volk gruppiert sich hastig auf der den Reitern gegenüberliegenden Seite. Es zeigen sich Reiter zu Pferde; hinter ihnen eine Kutsche die Golizyn ins Exil bringt, ebenfalls von Reitern begleitet

MOSKOWITER
Seht! Sie bringen ihn!
Ja, sie bringen ihn!
Mit Neugierde blicken sie auf den Zug, der sich langsam fortbewegt. Die Reiter bilden zunächst ein Spalier und schliessen sich dann an
Gott verzeihe dir!
Gott helfe dir in deiner Gefangenschaft.
Das Volk folgt langsam mit entblösstem Haupt dem sich entfernenden Zug. Dossifej tritt auf

DOSSIFEJ
dem sich entfernenden Zug hinterherblickend
Das unerbittliche, dräuende Schicksal
hat entschieden,
der allerfurchtbarste Richter!
Fürst Golizyn, Mächtigster der Mächtigen,
Fürst Golizyn, Russlands ganzer Stolz,
ist geächtet und verbannt.
Keine Spur bleibt hier
von seinem traurigen Zug.
Und offensichtlich wurde das Strelitzenamt
weise ausgeführt!
Seines Hochmuts wegen
hat er sich und andere ins Unglück gebracht.

Marfa tritt auf

Und auch für den Fürstensohn
wird es wohl kein Entkommen geben:
Zum Zaren hatten sie ihn
in Moskau vorgesehen ...

MARFA
Vater!

DOSSIFEJ
Ja?
Hast du, mein Täubchen, erfahren,
was der grosse Rat gegen uns entschieden hat,
im Widerspruch zum alten Russland,
das wir suchen?

MARFA
Ich verberge nichts, Vater,
Unheil droht uns!
Den Reitern ist befohlen,
uns in dem heiligen Kloster
einzukreisen
und uns erbarmungslos zu vernichten.

DOSSIFEJ
Das also ist es!

MARFA
Ja!

DOSSIFEJ
Ist es also soweit?
Die Stunde ist gekommen, wo wir im Feuertod
die Krone ewigen Ruhms vom Herrn empfangen.
Marfa! Nimm du Fürst Andrej,
dass er nicht schwach
und wankelmütig werde.

MARFA
Ich nehme ihn.

DOSSIFEJ
Habe Geduld, mein Täubchen,
liebe, wie du geliebt hast,
und mit Ruhm wird dein Name gekrönt sein.
Lebe wohl!
Er geht fort

MARFA
feierlich
Die Stunde ist gekommen,
wo wir im Feuerto
die Krone ewigen Ruhms vom Herrn empfangen.

ANDREJ CHOWANSKY
tritt eilig auf, in starker Erregung
Ah, du Ubeltäterin bist hier!
drückt Marfa zornig die Hand zusammen
Hier bist du, Schlange!
Wo ist meine Emma,
wo hast du sie verborgen?
Gib mir Emma wieder,
gib mir mein Täubchen wieder!
Wo ist sie?
Gib sie mir wieder!

MARFA
Die Reiter haben Emma weit fortgebracht;
mit Gottes Hilfe
wird sie ihren Bräutigam,
den du aus Moskau verjagt hast,
in ihrer Heimat bald in ihre Arme schliessen.

ANDREJ CHOWANSKY
Ihren Bräutigam?
Du lügst, lügst, du Schlange!
Ich schenke dir keinen Glaubent
Ich werde meine Strelitzen sammeln,
ich werde das Volk von Moskau zusammenrufen -
und dich Verräterin werden sie bestrafen.

MARFA
Mich bestrafen? .. .
Fürst, offenkundig fühlst du nicht,
was dein Schicksal dir sagt,
was es befiehlt und verkündet,
ohne Berechnung, ohne Lüge,
ohne Schmeichelei, Fürst,
und ohne Trug ...

ANDREJ CHOWANSKY
Gib mir meine Emma wieder!

MARFA
Dein stolzer Vater ist erschlagen,
hingerichtet durch Verrat,
und sein sündiger Leichnam
liegt noch unbegraben;
nur der freie Wind
weht über ihm,
und flinkes Getier
umkreist ihn.
Und nach dir suchen sie
ganz Moskau ab.

ANDREJ CHOWANSKY
Ich glaube dir nicht, ich verfluche dich!
Marfa lacht
Mit der Kraft der Geister der Finsternis
und mit deinen furchtbaren Zaubereien
hast du mich gefesselt;
mein Herz und mein Leben
hast du zerstört!
Ich werde dich der Hexerei beschuldigen,
und die Strelitzen
werden dich der schwarzen Magie anklagen.
Auf dem Scheiterhaufen sollst du verbrennen
vor allem Volk.

MARFA
So ruf doch die Strelitzen!

ANDREJ CHOWANSKY
Soll ich?

MARFA
Ja, ruf sie doch!

Andrej bläst in sein Horn; die grosse Glocke beginnt zu läuten

ANDREJ CHOWANSKY
Was ist das?

MARFA
Blas noch einmal!

Er bläst noch einmal in sein Horn. Unter den lang anhaltenden Schlägen der grossen Glocke der Kathedrale ziehen Strelitzen mit Richtblöcken und Äxten ein; ihnen folgen die Strelitzenfrauen

ANDREJ CHOWANSKY
Mein Herr und mein Gott!
Das ist das Ende.
Marfa, ich flehe dich an!

MARFA
Warum rufst du nicht die Strelitzen?

ANDREJ CHOWANSKY
Rette mich!

MARFA
Nur ruhig, Fürst,
ich verstecke dich
an einem sicheren Ort,
lass uns gehen.
Sieführt Chowansky eiligfor)
Beruhige dich, sei tapfer!

Die Strelitzen stellen die Richtblöcke auf und legen die Äxte mit der scharfen Seite nach aussen darauf.
STRELITZENFRAUEN
Keine Schonung,
Bestrafung für die verdammten Gotteslästerer
und bösen Feinde.

Die Strelitzen fallen vor den Richtblöcken auf die Knie

STRELITZEN
Herr, unser Gott,
verschone uns,
bestrafe uns nicht nach unseren Sünden.

Die Strelitzenfrauen postieren sich hinter den Strelitzen. Die Trompeten der Leibgarde des Zaren ertönen

STRELITZENFRAUEN
Keine Schonung,
Bestrafung für die verdammten Gotteslästerer,
Väterchen Zar!

hinter der Szene Chor der Leibgarde

STRELITZEN
Allmächtiger Vater,
erbarme dich unserer sündigen Seelen,
erbarme dich, Väterchen Zar!

STRELITZENFRAUEN
Strafe sie, die Verdammten,
Väterchen Zar,
ohne Schonung!

Trompeten hinter der Szene; dann erscheinen die Trompeter; ihnen folgt derjunge Streschnjew als Herold. Die Preobraschensker Truppen der Leibgarde treten auf. Die Strelitzen neigen ihre Köpfe über die Richtblöcke

DER JUNGE STRESCHNJEW
zu den Strelitzen
Strelitzen!
Die Zaren Iwan und Peter
erweisen euch Gnade!
Geht in eure Häuser
und betet zum Herrn
für das Heil der Herrscher.
zu den Trompetern
Spielt, Trompeter!
Die Trompeter kommen. Die Strelitzen stehen schweigend auf
Zar Peter geruht, zu Fuss
einen Gang in den Moskauer Kreml zu machen.

Die Preobraschensker ziehen zum Kreml

FÜNFTER AKT

Fichtenwald. Einsiedelei. Mondnacht

DOSSIFEJ
tritt nachdenklich ein
Hier an dieser heiligen Stätte werde ich der Welt den Weg der Rettung verkünden.
lässt sich langsam auf einen Stein nieder
Wieviel Trauer, wieviel Pein
gab mir der Geist des Zweifels ein;
Furcht um die Brüder,
um das Geschick der sündigen Seelen
quälte mich Tag und Nacht,
und mein Herz kannte keine Sorge,
dass sich der Wille des himmlischen Vaters erfülle.
Die Stunde ist gekommen,
und mein Kummer segnet euch, ihr Lieben,
mit dem Siegerkranz;
irdisches Leben und vergängliche Freude
habt ihr verachtet
um des unsterblichen, ewigen Ruhmes willen.
Seid tapfer, Brüder!
Im andächtigen Gebet findet ihr Kraft,
vor Gottes Allmacht zu bestehen.
Gott, du Gerechter,
festige unseren Bund,
damit wir ihn nicht zu Gericht und Urteil,
sondern zum Weg der heiligen Erneuerung erfüllen.
erhebt sich
Gütiger Vater!
wendet sich in Gebetshaltung zur Einsiedelei
Brüder!
Vernehmt die Stimme der Offenbarung
im allerheiligsten Namen des Schöpfers
und Herrn der Mächte!

ALTGLÄUBIGE MÄNNER
hinter der Bühne
Herrscher, Vater, Erhalter der Welt
dem Herrn sind auf ewig
unsere Herzen offen.

DOSSIFEJ
Amen!
Schwestern! Bewahrt ihr den grossen Bund
im allerheiligsten Namen des Schöpfers
und Herrn der Mächte!

ALTGLÄUBIGE FRAUEN
hinter der Bühne
Wir haben keine Furcht, Vater,
unser Bund ist vor dem Herrn heilig und unzerstörbar.

DOSSIFEJ
Amen!
Legt eure weissen Gewänder an,
entzündet die Kerzen Gottes,
gehet zum Opfergang.
Wir leiden zum Ruhme des Herrn.

Die Altgläubigen verlassen die Einsiedelei und gehen in den Wald

ALTGLÄUBIGE MÄNNER
Der Feind der Menschen,
der Fürst dieser Welt hat sich erhoben.

ALTGLÄUBIGE FRAUEN
Furchtbar sind die Greuel des Antichristen.

ALTGLÄUBIGE MÄNNER
Masslos ist seine Bosheit.

ALTGLÄUBIGE FRAUEN
aus dem Wald
Der Tod ist nahe. Rettet euch!

ALTGLÄUBIGE MÄNNER
aus dem Wald
Nahe ist der Feind. Seid tapfer.

Sie kommen aus dem Wald und gehen zur Einsiedelei

ALTGLÄUBIGE
Durch Flamme und heiliges Feuer
werden wir gereinigt,
zum ewigen Ruhme des Herrn,
des ewigen und unsterblichen Schöpfers!
Preis dir, o Gott! Preis dir!
Gib deinen sündigen Knechten Kraft!
Gütiger Vater!

MARFA
Sie sind vorwärts gerückt.
O Herr,
ich verberge nicht meinen Kummer:bis heute quält meine Seele sein Verrat.
O Gott, meine Liebe ist meine Sünde!
Erhöre mich!
Ich dürste danach,
sein Gewissen seinem Schwur gemäss zu retten,
mich schreckt nicht die Trennung.
O Herr, verzeih mir
kraft deiner Liebe!

ANDREJ CHOWANSKY
hinter der Szene
Wo bist du, mein Schätzchen?
Wo bist du, mein Liebchen?
Bist du bei dem lieben Väterchen?
Bist du bei dem lieben Mütterchen?
Wohin, wohin mein Schätzchen,
wohin, wohin mein Liebchen,
wohin bist du entschwunden,
wohin muss ich mich wenden?
tritt auf die Bühne
Emma!

MARFA
Mein Geliebter!
Erinnere dich und gedenke des seligen Augenblicks der Liebe.
Viele wunderbare Träume habe ich
seit der Zeit gehabt:
Als ob ich den Verrat deiner Liebe
nur geträumt hätte,
und die dunklen Gedanken scheinen verflogen zu sein.

ANDREJ CHOWANSKY
Marfa!

MARFA
Beruhige dich, Fürst!
Ich verlasse dich nicht,
gemeinsam gehe ich mit dir ins Feuer und liebe dich.
Doch höre, höre mich an:
Es brannte die Glut, als du zur Nachtzeit mir
deine Liebe, mein Glück flüstertest;
mit einer dunklen Wolke wurde meine Liebe bedeckt,
in Kälte und Eis fesselte sie meinen Schwur.
Deine Todesstunde ist gekommen, mein Geliebter,
ich umarme dich zum letzten Mal.
Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja!

Dossifej kommt zurück, in einem weissen Hemd. Die Bläser von Zar Peters Leibgarde erklingen näher. Die Altgläubigen versammeln sich. Sie sind alle weiss gekleidet, und jeder trägt eine Kerze. Sie errichten einen Scheiterhaufen

DOSSIFEJ
Die Posaunen des Allewigen!
Die Stunde ist gekommen,
im Feuertod die Krone ewigen Ruhms
zu empfangen!

MARFA
Hast du gehört,
dass in der Ferne, jenseits des Waldes,
die Trompeten die Nähe der Truppen Peters verkünden?
Wir sind ihnen ausgeliefert, wir sind umzingelt ...
Nirgendwo können wir uns verbergen,
keine Rettung gibt es für uns.
Das Schicksal selbst hat uns aneinandergefesselt
und hat uns das tödliche Ende prophezeit,
weder Tränen noch Flehen, noch Vorwürfe,
noch Klagen - nichts schenkt Rettung:
Das Schicksal hat so entschieden.

ANDREJ CHOWANSKY
Marfa, ich flehe dich an, unerträglich schwer ist mir das.

MARFA
Lass uns gehen, Fürst,
die Brüder haben sich schon versammelt,
und das heilige Feuer
erwartet seine Opfer.
Gedenke des seligen Augenblicks
unserer Liebe,
als du mir mein Glück versprachst.
In Feuer und Flamme
erfüllt sich dein Schwur.

Man hört wieder die Bläser

ALTGLÄUBIGE
Lob sei dir, Gott,
wir gehen ein in deine Herrlichkeit.

DOSSIFEJ
Brüder,
wir vollenden den Lauf!
Im Herrn der Wahrheit und der Liebe
schauen wir das Licht.

DOSSIFEJ, ALTGLÄUBIGE
Vor dem lichten Antlitz der Wahrheit und der Liebe
entschwindet die teuflische Verblendung des Fleisches.

Marfa zündet mit einer Kerze den Scheiterhaufen an

MARFA, ALTGLÄUBIGE
Mein Herr und mein Gott, mein Schutz und mein Hort,
der Scheiterhaufen steht in Flammen
er wird mich erretten.

DOSSIFEJ, ALTGLÄUBIGE
Zum Herrn der Wahrheit bekennen wir uns,
nicht wird uns mangeln.

MARFA
Erinnere dich, gedenke des seligen Augenblicks.

ANDREJ CHOWANSKY
O Emma, Emma!

DOSSIFEJ, ALTGLÄUBIGE
Amen!

Alle gehen in den Flammen zugrunde

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Klavierauszug

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