Gasparone

Gasparone

Libretto

Friedrich Zell und Richard Genée

Uraufführung

26. Januar 1884, Wien (Theater an der Wien)

Besetzung

CARLOTTA, verwitwete Gräfin Santa Croce (Sopran)
ZENOBBIA, ihre Erzieherin (Mezzosopran)
BABOLINO NASONI, Podestà von Syrakus (Bariton)
SINDULFO, sein Sohn (Tenor)
CONTE ERMINIO (Tenor)
LUIGI, sein Freund (Sprechrolle)
BENOZZO Wirt (Tenor)
SORA, seine Frau (Sopran)
MASSACCIO, Benozzos Onkel (Bass)
MARIETTA, Zofe der Gräfin (Sprechrolle)

Gendarmen, Schmuggler, Matrosen, Zöllner,
sizilianiscch Stadt- und Landbevölkerung

Ort

Zeit

1820

Millöcker, Karl

Millöcker, Carl
29.4.1842 Wien - 31.12.1899 Baden, (Wien)


Bühnenwerke
mit Datum/Ort der Uraufführung:

Der tote Gast (21.12.1865 Graz)
Die lustigen Binder (21.12.1865 Graz)
Diana (2.1.1867 Wien)
Die Fraueninsel (1868 Budapest)
Drei Paar Schuhe (5.1.1871 Wien)
Wechselbrief und Briefwechsel, oder Ein nagender Wurm (10.8.1872 Wien)
Ein Abenteuer in Wien (20.1.1873 Wien)
Das verwunschene Schloss (30.3.1878 Wien)
Gräfin Dubarry (31.10.1879 Wien)
Apajune der Wassermann (18.12.1880 Wien)
Die Jungfrau von Belleville (29.10.1881 Wien)
Der Bettelstudent (6.12.1882 Wien)
Gasparone (26.1.1884 Wien)
Der Feldprediger (31.10.1884 Wien)
Der Vice-Admiral (9.10.1886 Wien)
Die sieben Schwaben (29.10.1887 Wien)
Der arme Jonathan (4.1.1890 Wien)
Das Sonntagskind (16.1.1892 Wien)
Der Probekuss (22.12.1894 Wien
Nordlicht, oder Der rote Graf (22.12.1896 Wien)

ERSTER AKT
In ganz Sizilien hat sich das Gerücht von dem gefährlichen Räuber Gasparone verbreitet. Dies benutzen die Schmuggler, um die Polizei von sich abzulenken. Deshalb können sie, geführt von Massaccio, auch heute ihr Schmuggelgut, Kaffee und Zucker. abladen und bei Benozzo verstauen.
Ein Fremder, Conte Erminio, und sein Freund Luigi betreten die Schenke Benozzos. Er hört von den Taten Gasparones, doch glaubt nicht daran. Immerhin beschliesst er, dessen Namen zu benutzen, um sich ungestört seiner heimlichen Liebe, der Gräfin Carlotta Santa Croce, nähern zu können. Dazu muss er ein Hindernis in Gestalt des Podestà Nasoni überwinden, der die schwerreiche Gräfin mit seinem Sohn Sindulfo verheiraten möchte. Erminio kann die Schmuggler dazu bewegen, mit ihm im Namen Gasparones die Gräfin zu überfallen. Dies gelingt leicht, und die schöne Dame ist froh, als sie in dem angeblich zu Studienzwecken in Sizilien weilenden Erminio einen Retter und Beschützer findet. Erminio warnt auch vor dem betrügerischen Nasoni und vor Sindulfo, doch vergeblich. Darum überfällt Erminio auch Sindulfo und verlangt zehntausend Zechinen Lösegeld. Die Gräfin, die glaubt, Nasoni wegen des ihr vom Gericht zugesprochenen Erbes dankbar sein zu müssen, bezahlt das Geld und verspricht ausserdem, Sindulfo zu heiraten.

ZWEITER AKT
Auf Schloss Santa Croce wird die Hochzeit Sindulfos mit Carlotta vorbereitet. Trotzdem denkt die Gräfin immer noch an ihren gräflichen Retter, der sie vor den Räubern beschützt hat. Als alle Versuche Erminios, Carlotta umzustimmen, nichts nutzen, dringt er in das Schloss ein. Er zwingt Carlotta, ihm die Schlüssel zu ihrem Geldschrank und die darin enthaltene Million Zechinen, ihr Erbe, herauszugeben. Die Gräfin ist nun sehr enttäuscht, dass ihr heimlich Geliebter an ihr nur das Geld schätzt, und versucht, ihn durch Nasonis Gendarmen festnehmen zu lassen. Trotzdem behauptet sie, Gasparone sei der Räuber gewesen und längst entkommen. Nasoni hat noch einmal Pech, da er die zehntausend Zechinen Lösegeld an Massaccio, den angeblichen Abgesandten Gasparones, aushändigt.

DRITTER AKT
In Syrakus wird nun allmählich die Angst vor dem Räuber Gasparone so gross, dass Nasoni das Standrecht verkündet jeder Verdächtige wird verhaftet. Der Podestà lässt ausserdem einen Prozess anberaumen, durch den der Verbleib der geraubten Million geklärt werden soll. Er hat inzwischen erfahren müssen, dass der Conte Erminio nicht Gasparone sein kann, denn dieser hat sich ihm gegenüber als Conte Saluzzi ausweisen können. Auch Carlotta identifiziert Erminio nicht, der daraus schliesst, dass sie ihn immer noch liebt.
Trotzdem will die Gräfin nicht von Sindulfo lassen und ihr Versprechen nicht brechen. Doch inzwischen treten Nasoni und Sindulfo von der Heirat zurück, weil sie glauben, dass Carlotta nichts mehr besitzt.
Gräfin Carlotta und Erminio, der sich inzwischen auch der Gräfin zu erkennen gegeben hat, fallen sich glücklich in die Arme. Luigi bringt die geraubte Million zurück, Nasoni hat das Nachsehen. Immerhin aber beruhigt ihn ein Brief Gasparones, der ihm mitteilt, dass der grosse Räuber sein Handwerk aufgegeben hat.


Personen:
CARLOTTA, verwitwete Gräfin Santa Croce - Sopran
BABOLENO NASONI, Podestà (Bürgermeister) von Syrakus - Bariton (Bass)
SINDULFO, sein Sohn - Tenor
CONTE ERMINIO - Tenor (Bariton)
LUIGI, dessen Freund - Bariton
BENOZZO, Wirt - Tenor
SORA, dessen Frau - Sopran
ZENOBIA, Gouvernante Carlottas - Alt
MARIETTA, Kammerzofe Carlottas - Sopran (Mezzosopran)
MASSACCIO, Benozzos Onkel, Schmuggler - Bariton
Ein OBERST - Sprechrolle
Ein LEUTNANT - Sprechrolle

Schmuggler, Zollwächter, Volk (Frauen, Mädchen, Männer), Gendarmen,
Ballgäste (Damen und Herren von Syrakus, Offiziere), zwei Diener,
ein Fahnenträger, zwei Trompeter, eine Abteilung Carabinieri,
ein Gerichtsdiener, ein Hauptmann, ein Sergeant.

Ort: In und bei Syrakus auf Sizilien
Zeit: 1821



Introduktion

ERSTER AKT

Freier Platz eines am Meeresufer gelegenen Ortes nächst Syrakus. Links auf dem Prospekt eine Bucht des zerklüfteten, hier und da von einem Flecken unterbrochenen Meeresufers. In blauer Ferne der leicht rauchende Ätna. Das Meeresufer rückwärts praktikabel. Vorn rechts Benozzos Kneipe mit Balkon, welcher, unten eine Laube bildend, das Erdgeschoss überragt. Vor der Kneipe einige einfache Tische und Stühle. Ganz vorn links der praktikable Eingang zum Keller. Wenn der Vorhang aufgeht, ist es vorn möglichst dunkel. Der Ätna glänzt im lichten Morgenrot. Das Ufer ist von demselben leicht gefärbt.


ERSTE SZENE
Eine Stimme (hinter der Szene), Massaccio, Chor der Schmuggler, dann Benozzo

Nr. 1 - Szene

Die Bühne ist leer.

EINE STIMME
rechts hinter der Szene in weiter Entfernung
Wihu! Wihu!

MASSACCIO
eilt von links auf die Bühne, gefolgt von einigen Schmugglern, ruft ins Meer hinaus
Wihu! Wihu!

EINE STIMME
hinter der Szene, aber schon näher
Wihu! Wihu!

MASSACCIO
Hört nur, hört!
Den wohlbekannten Ton!

CHOR DER SCHMUGGLER
Die Freunde sind's!
Sie nahen schon!

MASSACCIO
Zu bergen gilt's
ihre Ladung reich!

CHOR DER SCHMUGGLER
Doch wo ist Benozzo?

MASSACCIO
Den weck' ich gleich!
eilt zum Fenster des Wirtshauses
Benozzo, ohne Säumen!
Genug hast du geruht!
Jetzt ist nicht Zeit zu träumen!

BENOZZO
aus dem Hause, gähnend
Ah! Ah! Schon gut!

MASSACCIO, CHOR DER SCHMUGGLER
Sie sind schon da!
Sie kommen schon heran!
Dem Ufer ganz nah,
dort legen sie an!

MASSACCIO
der indes wieder ans Ufer geeilt war, ungeduldig wieder zu Benozzos Fenster zurückkehrend
Schon wird es hell und heller,
drum heisst es: auf der Hut!
Benozzo, öffne uns den Keller!

BENOZZO
auf dem Balkon; er trägt nichts als ein Leinenbeinkleid, grobe Schuhe über den blossen Füssen, ein offenes gestreiftes Hemd, einen schlichten Wollgürtel und eine Zipfelmütze, weiss und rot gestreift; er hat krauses Haar, Ohrringe, ein Amulett um den blossen Hals, einen spärlichen Vollbart, stark bronzierten Teint; gähnend
Ah! Ah! Schon gut!

MASSACCIO
Mit Kisten schwer beladen
kommt von Afrikas Strand
Unser Schiff ohne Schaden
mit unsern Freunden ans Land.
Vorsicht nun! Auf der Hut!

BENOZZO
Ja, ja! Schon gut!
verschwindet und kommt nach einer kleinen Pause mit dem Schlüssel zum Keller, den er öffnet. Indes ist rückwärts die "Tartane" gelandet, der eine Anzahl Schmuggler entsteigen, die sich mit den auf der Bühne befindlichen vereinigen.

MASSACCIO, CHOR DER SCHMUGGLER
Hier, wo die Schergen
uns bewachen,
gilt's zu bergen
schnell die Sachen.
Sind wir am Land, Verrat uns droht,
drum ist hier Vorsicht stets Gebot.
Freiheit wohnt nur auf dem Meer!
Wenn Feinde dort hinter uns her,
ha, bald vorbei war
die Gefahr!
Wir flohn mit der Beute
ins Weite.
Doch hier, wo Schergen
uns bewachen,
gilt's zu bergen
schnell die Sachen.
Weil am Land Verrat uns droht,
ist Vorsicht hier Gebot!

BENOZZO
hat den Keller aufgesperrt, tritt nun zu den Schmugglern, die ihn begrüssen
Fort! Nicht länger gesäumt,
weg damit! Aufgeräumt!
Dass kein Aug' es erspäht,
dass uns niemand verrät!
Ah! Nun behend
rührt die Händ'!
Angepackt! Aufgesackt!
Abgefahrn!
Mit den War'n
fort, nur fort!
Alles dort
ins Versteck,
dass entdeck'
kein Verräter das Gut,
wo es sicher dann ruht!
Vorwärts. Freunde, nur Mut!
Hurtig schnell
auf der Stell,
immer flink
auf den Wink!
Schafft es hin!
Viel Gewinn
es euch bringt,
wenn's gelingt!
Habet acht!
Aufs Signal seid bedacht!
Droht Gefahr,
macht euch rasch unsichtbar!

CHOR DER SCHMUGGLER
Hurtig schnell
gleich zur Stell!
Droht Gefahr,
macht euch rasch unsichtbar!

MASSACCIO, CHOR DER SCHMUGGLER
Doch wenn wir auf dem Meer,
nicht Gefahren mehr drohen;
wenn Feinde hinterher,
sind in Eil' wir entflohen!
Ja, sind wir dort an Bord,
segeln wir eilig fort!

BENOZZO
Mässigt euch,
solang ihr noch am Strand,
denn Verrat droht am Land!
Hurtig schnell
auf der Stell'
immer flink
auf den Wink!
Schafft es hin!
Viel Gewinn
es euch bringt,
wenn's gelingt!
Habet acht!
Aufs Signal seid bedacht!
Allzumal droht Gefahr,
so macht euch rasch unsichtbar!

CHOR DER SCHMUGGLER
Hurtig schnell,
immer flink,
schafft es fort
auf den Wink
und habt acht!
Allzumal droht Gefahr,
so macht euch rasch unsichtbar!

Die Waren sind fortgeschafft.

BENOZZO
Hurra! Gelungen ist's,
das Werk, es ist geglückt!
Nun vorwärts, schnell!
Zurück zur Stell!
Hurtig! Vorwärts!
Schneller! Flink!

Die zweite Hälfte der Schmuggler besteigt schnell das Boot, welches sich entfernt, während die übrigen Schmuggler, am Strande stehend, ihnen Lebewohl winken und dann rückwärts verschwinden. Massaccio und Benozzo schliessen währenddessen den Keller.

MASSACCIO, CHOR DER SCHMUGGLER
teilweise im Boot:
Vor den Schergen
muss man's bergen,
habt acht!
Weil am Land Verrat uns droht,
ist hier Vorsicht Gebot!


ZWEITE SZENE
Massaccio. Benozzo, dann Erminio, Luigi

Dialog

Es wird heller.

MASSACCIO
Wenn die Zollwächter uns erwischten, träf die Schuld dich, verdammter Langschläfer!

BENOZZO
Die Zollwächter sind für heute nacht unschädlich gemacht!
heiter
Ich habe sie samt dem Herrn Podestà wieder auf die Spur Gasparones gehetzt!

Erminio erscheint, von Luigi gefolgt. Sie schleichen sich unter Benozzos Balkon und horchen. Beide sind in grosse Mäntel gehüllt und tragen weiche grosse Hüte.

MASSACCIO
Bist doch ein Teufelskerl! Sprengt der Spitzbube
schlägt Benozzo auf die Schulter
nicht das Gerücht aus, dass Gasparone. der furchtbare Bandit der Romagna, sich hierher nach Sizilien geflüchtet habe!

BENOZZO
heiter
Nur, um uns freies Feld zu schaffen …,fürs Schmuggeln! Hahaha!

MASSACCIO
Nie ging unser Geschäft besser, als seit du den Leuten weismachtest, Gasparone hause in den Schluchten des Ätna!

ERMINIO
ruhig, in seinen Mantel gehüllt, an einer Seite des Balkons lehnend, Luigi neben ihm
....während er doch drüben die Abruzzen unsicher macht!

BENOZZO, MASSACCIO
anfangs bestürzt, greifen nach den Dolchmessern und wollen sich auf die beiden stürzen
Spione!

Erminio hält ihnen eine Pistole vor, gleiches tut Luigi. Beide avancieren. Benozzo und Massaccio erschrecken, weichen zurück. Erminio nimmt Massaccio aufs Korn, während Luigi nach Benozzo zielt.

ERMINIO
Werft die Messer fort!

Benozzo und Massaccio wollen noch einen Versuch machen, sich der lästigen Lauscher zu entledigen.

ERMINIO
Gehorcht, Schufte, oder
Massaccio und Benozzo gehorchen. Luigi und Erminio nehmen sie in die Mitte.
Also, ihr Halunken missbraucht Gasparones Namen zu euren Operationen?

BENOZZO
Als Schmuggler, Exzellenza!

MASSACCIO
Als ehrliche Schmuggler ... von etwas Zucker und Kaffee!

BENOZZO
Nur, um die Behörden von unserem Treiben abzulenken

ERMINIO
Ihr wisst, was euch bevorsteht, wenn ich euch anzeige?

LUIGI
Die Galeere!

BENOZZO, MASSACCIO
knien nieder
Gnade, Exzellenza, Gnade!

ERMINIO
So hört! Ich kann entschlossene Männer, wie ihr seid, brauchen. Wollt ihr mir blindlings gehorchen?

BENOZZO, MASSACCIO
demütig
Ja!

ERMINIO
Steht auf! Ich verspreche euch dagegen tiefstes Schweigen, werde euch für eure Dienste gut belohnen! Die Fabel von Gasparones Aufenthalt hier passt mir!

BENOZZO
Sollten Exzellenza in freien Stunden etwa selbst ...
macht die Gebärde des Stehlens und Zustechens

ERMINIO
heiter
Nein, mein Junge. Was ich stehlen will, ist ein Frauenherz!

BENOZZO
Das ist zollfrei!

ERMINIO
Und was ihr für mich rauben sollt, ist ein Drache!

BENOZZO, MASSACCIO
Ein Drache?

ERMINIO
Ja, eine alte, prüde Duenna, welche die Dame meines Herzens argwöhnisch bewacht, so dass es mir bis jetzt unmöglich war, mich ihr zu nähern.

BENOZZO
Capisco! Exzellenza wollen, dass wir auf Rechnung Gasparones die Alte unschädlich machen sollen?

ERMINIO
Auf kurze Zeit nur!
Glockengeläute

MASSACCIO
Die Morgenglocke!

LUIGI
Gehen wir!

ERMINIO
Gut!
zu Massaccio
Du, Alter, folgst mir, ich will dich instruieren
will ab
Halt! Sooft ich euer bedarf, diene euch als Erkennungszeichen die Losung ... die Losung

BENOZZO
Sagen wir... Zucker und Kaffee!

ERMINIO
Gut! Zucker und Kaffee!

BENOZZO, MASSACCIO
Einverstanden!

ERMINIO
Also: blind gehorchen!

MASSACCIO
Tiefstes Schweigen!

BENOZZO
Gut bezahlen!

ERMINIO
Losung?

BENOZZO, MASSACCIO, ERMINJO, LUIGI
Zucker und Kaffee!
Erminio, Luigi, Massaccio verschwinden.

BENOZZO
Eine seltsame Begegnung! Gleichviel, der Mann gefällt mir!
Man hört Geräusche von links.

Nr. 2 - Melodram, Chor und Auftrittslied

BENOZZO
geht nach hinten; gesprochen
Ah, die Zollwächter und Gendarmen, die der Podestà auf der Suche nach Gasparone die ganze Nacht
herumgehetzt hat!
geht an die Tür des Wirtshauses
Sora! Sora! Mach auf, wir bekommen Gäste!
zum Publikum
Denn einen Räuber suchen, der gar nicht da ist ... macht durstig!
ab ins Haus


DRITTE SZENE
Chor der Zollwächter, dann Nasoni, später Sora; Volk (Frauen, Männer)

CHOR DER ZOLLWÄCHTER
treten auf
Erscheinen wir als Rächer
mit lautem Trarara,
so wissen die Verbrecher
von weitem, dass wir da!
Wir bliesen auf Trompeten
auch heute Trarara!
Da ging der Fang uns flöten,
der unser schon beinah!
Trara! Trara!
Den Gasparone fangen,
ist Kleinigkeit ja nur!
Trara! Trara!
Ist's heut' auch nicht gegangen,
wir sind doch auf der Spur!
Wir kennen keine Schonung,
wir geben keine Ruh,
erringen die Belohnung
und Ehren noch dazu!
Trara! Trara!

Rezitativ

NASONI
tritt auf; er trägt Zivilkleider jener Zeit, dazu einen Säbel, Pistolen und eine Tromba - Gewehr mit trompetenartiger Mündung -; in den Kreis tretend mit Aplomb
Ihr tapfern Kameraden,
Genossen in Gefahren,
macht euch nichts draus,
wenn heut' wir
nicht ganz glücklich waren!
Erwischen wir den Bösewicht,
wird er gehängt, doch früher nicht!

CHOR DER ZOLLWÄCHTER
Heil dem tapfern Podestà!
Trarara! Trarara!
Dem Podestà, dem Podestà!

NASONI
1.
Der verdammte Gasparone
treibt es mir denn doch zu bunt:
täglich hinter dem Patrone,
dabei geht man ja zugrund!
Was ich heute Nacht gelitten,
macht mich jetzt noch desperat!
Über Lavablöcke schritten
wir auf unwegsamstem Pfad!
Ringsherum in allen Ecken
soll der Gasparone stecken:
unterm Tische, in dem Bett,
selbst im kleinsten Kabinett;
in den Klöstern, in den Kellern,
in der Küche unter Tellern,
ob der Raum so eng und klein,
dass kein Teufel kommt hinein:
wo es dunkel oder licht,
wittert man den Bösewicht!

Ihn, den alle Häscher suchen,
ihn, dem alle Lippen fluchen,
ihn, den alle Wälder kennen,
ihn, den Räuber Bruder nennen,
ihn, von dem man schaudernd spricht:
ihn, ihn, ihn,
ihn erwisch' ich nicht,
o verflixte G'schicht!
Ich erwisch' ihn nicht,
o verflixte G'schicht!

2.
Bin schon völlig wie zerschlagen,
meine Beine fühl' ich kaum!
Hier im Kopfe, da im Magen:
überall ein leerer Raum!
Schon zu lang werd' ich geduldig
immer hin und her gesprengt,
bin's nun der Gesundheit schuldig,
dass der Kerl wird bald gehängt!
Sagt mir einer guten Morgen,
bin ich auch bereits in Sorgen,
ob's nicht Gasparone ist,
der mich so vertraulich grüsst.
Wenn Champagnerkorken knallen,
glaub' ich mich schon überfallen;
sticht mich irgendein Insekt,
glaub' ich, dass sein Dolch schon steckt,
schrei': halt auf den Bösewicht,
der auf Schandtat nur erpicht.

Ihn, den alle Häscher suchen,
ihn, dem alle Lippen fluchen,
ihn, den alle Wälder kennen,
ihn, den Räuber Bruder nennen,
ihn, von dem man schaudernd spricht:
ihn, ihn, ihn,
ihn erwisch' ich nicht,
o verflixte G'schicht!
Ich erwisch' ihn nicht,
o verflixte G'schicht!

Dialog

NASONI
legt Säbel, Pistolen und Tromba missmutig beiseite, setzt sich rechts
Ah, mir brechen fast die Beine ab vor Müdigkeit! Setzen, setzen! Das bin ich meiner Gesundheit schuldig!
dehnt sich behaglich
Ah!

SORA
kommt aus dem Wirtshaus
Eine Erfrischung gefällig. Exzellenza?

NASONI
mürrisch
Ein Glas Wein!
Sora näher betrachtend
Bist ja ein schmuckes Ding! Ich habe dich doch schon irgendwo gesehen?!

SORA
Ich heisse Sora, Exzellenza; war bis vor kurzem im Dienst der Gräfin Santa Croce!

NASONI
Meiner künftigen Schwiegertochter, richtig!

SORA
Eben will ich ihr entgegengehen. Sie hat versprochen, mich zu besuchen, meine neue
Wirtschaft anzusehen ... Ich bin seit acht Tagen verheiratet!

NASONI
Richtig! Mit diesem Halunken von Benozzo!


VIERTE SZENE
Die Vorigen, Benozzo

BENOZZO
kommt aus dem Wirtshaus
Haben Exzellenza mich gerufen?

NASONI
Weisst du, dass ich Lust hätte, dich durchprügeln zu lassen?

BENOZZO
unterwürfig
Mich ... Exzellenza?

NASONI
Du Lügenmaul hast uns abermals um eine ganze Nacht betrogen!

BENOZZO
Also Exzellenza haben Gasparone nicht gefunden?

NASONI
stark
Nein!
einlenkend, leiser
Das heisst ... eine Spur von ihm schon!

BENOZZO
Also doch!

NASONI
leise
Dies Billett.

BENOZZO
beiseite
Unser Schiffsschreiber hat's geschrieben!

NASONI
Dies Billett, das mir, an einen Stein gebunden, vor die Füsse fiel!
liest
"Wo der Podestà Nasoni erscheint, zieht sich Gasparone zurück. Der kleine Räuber weicht dem grösseren!"

BENOZZO
heiter, mit dem Finger drohend
Exzellenza, der kennt Sie!
leise
Er wird gehört haben, dass unser Podestà gern ein Auge zudrückt, wenn man ein Pflaster drauflegt.
macht die Gebärde des Geldzählens

NASONI
leise
Ah bah! Wenn ich nur täglich ein Auge zumache, so trägt das mehr ein, als wenn ich alle beide eine Woche lang offen habe. Das bin ich meiner Gesundheit schuldig!
laut
Es ist nun schon das dritte Mal, Benozzo, dass du mich, die Gendarmen und Zollwächter umsonst auf Gasparones Spur gehetzt hast! Warum begleitest du uns nie?

BENOZZO
Ei, wenn ich gerade meinen mutigen Tag habe, mit Freuden!

NASONI
Mutigen Tag?

Sora ist in den Hintergrund abgegangen.

BENOZZO
sanft
Mein Vater, Exzellenza, war Hirte und Witwer. Er päppelte das Kind mit Schafsmilch auf, und diese Milch gab meinem Charakter jene Milde, welche mich zum Liebling von ganz Syrakus machte.

NASONI
spöttisch
Eingebildeter Tropf!

BENOZZO
achselzuckend
Geschmacksache! Eines Abends geriet unser Büffelstier mit einer seiner Odalisken in Streit, ich wollte sie trennen, der Stier gabelte mich auf, rannte davon und... stürzte mit mir in einen Abgrund!

NASONI
misstrauisch
Ist das auch alles wahr?

BENOZZO
Der Abgrund existiert noch!

NASONI
Nun dann!

BENOZZO
Ein Eremit nahm sich meiner an, flösste mir das Herzblut des schwer verwundeten Stiers ein und rettete mir so das Leben!

NASONI
misstrauisch
Ist das ebenfalls wahr?

BENOZZO
So wahr Sie - ein ehrlicher Mann sind!

NASONI
Also hast du Kerl Büffelblut in den Adern?

BENOZZO
Und Schafsmilch! Deshalb habe ich Tage,
wild
wo ich mutig bin wie ein Büffel und welche,
sanft
wo ich sanft bin wie ein Lämmchen!

NASONI:
Mir scheint, mit diesem Lämmchen, diesem Büffel willst du mir einen Bären aufbinden?!

BENOZZO
Gewiss nicht! So wahr Sie ein ehrlicher Mann...

NASONI
Haha! Das hast du schon einmal gesagt!

BENOZZO
Gestern zum Beispiel, als Sie auszogen gegen Gasparone, war ich ein ... Lämmchen. Heute aber bin ich der Büffel!
brummt wild
Muh! Wenn's heute gefällig ist, heute ziehe ich mit!

NASONI
überlegend
Heute? Hm! Heute schon wieder? Ach, wenn's nicht wegen der tausend Zechinen Belohnung wäre, die ich so notwendig brauche! Also einverstanden! Wir ziehen abends wieder aus: ich, du, die Gendarmen und die Zollwache!

BENOZZO
Ja, namentlich die brave, ortskundige Zollwache!
für sich
Wir haben noch eine ganze Schiffsladung draussen! ...
plötzlich kleinlaut
Aber ... wenn sich Gasparone an mir rächt ... mich über den Haufen schiesst?

NASONI
Oho! Keine Schafsmilch! Büffelblut! Büffelmut! Wenn Gasparone dich tötet, das schwöre ich, hängt er zehn Minuten später am nächsten Baum!

BENOZZO
Zehn Minuten früher wäre mir lieber!

Man hört, ziemlich entfernt, kurz nacheinanderfolgende Pistolenschüsse; Bewegung. Alles springt auf und greift zu den Waffen.

NASONI
Was ist das?

BENOZZO
zeigt links
Schüsse im Pinienwäldchen!

NASONI
Gasparone etwa?

BENOZZO
für sich
Gasparone? Sollte dahinter nicht eher "Zucker und Kaffee" stecken?

NASONI
ersteigt einen hohen Stein
Da kommt Sora ... sie winkt, sie deutet, sie ruft!

allgemeine Stille


FÜNFTE SZENE
Die Vorigen, Sora, dann Carlotta


Nr. 3 - Melodram, Ensemble und Couplet

SORA
ruft hinter der Szene
Rettet die Gräfin Santa Croce!

NASONI
gesprochen
Die Gräfin Santa Croce? Meine künftige Schwiegertochter in Gefahr? Entsetzlich!
für sich
Ohne ihre Million wäre ich ein ruinierter Mann!

BENOZZO, NASONI, CHOR FRAUEN, MÄNNER, ZOLLWÄCHTER
Da ist sie! Sprich, was ist geschehn?

SORA
auftretend, sinkt erschöpft in Benozzos Arme, der sie nach vorn geleitet; alle folgen
Geduld!

BENOZZO
Wie soll ich das verstehn?
So sag!

CHOR
Was ist mit ihr?

SORA
sich angstvoll umschauend
Der Schreck!

NASONI
Was fehlet dir?

SORA
stockend und atemlos
Mir fehlt der Atem noch!
Ich bin ganz ausser mir!

NASONI
Ja, ja, das sehen wir!

BENOZZO
So sprich, erzähle doch!

SORA
Im dichten Walde hier
ein Hilferuf ... ganz nah!
Die Angst, ich kann nicht mehr!

NASONI
Und weisst du, was geschah?

SORA
Gewiss!
Die Gräfin, sie ward angefallen!

NASONI
Wie? Die Gräfin Santa Croce?

SORA
Schon ist sie
in des Räubers Krallen!

NASONI, CHOR
Schnell hin zu ihr,
zu retten sie!
sich gegen den Hintergrund wendend

CARLOTTA
in leichter Erregung, doch lächelnd, plötzlich entgegen
Ich bin schon da!

SORA, BENOZZO, NASONI, CHOR
Sie ist da!
Was geschah?

NASONI
bietet Carlotta einen Stuhl an, den sie verweigert
Was haben wir gehört?
Ist's möglich,
dass Sie in Gefahr geschwebt?

CARLOTTA
lächelnd
's war nicht der Rede wert!

NASONI
O teilen Sie uns mit,
was Sie erlebt!

CARLOTTA
mit heiterer Laune
1.
Ein höchst romantisch Abenteuer,
nicht weit von hier, im Pinienwald!
Zwar, die Gefahr schien ungeheuer,
doch ging's zum Glück vorüber bald.
Mein muntres Pferd war der Begleitung
vorausgeeilt auf schmalem Pfad;
ich überliess mich seiner Leitung
und träumte von der Zukunft grad.
Da plötzlich wurd' aus meinen Träumen
ich aufgeschreckt recht schauerlich:
zwei Räuber stürzten aus den Bäumen,
der packt' mein Pferd, der andre mich!
Da fühlte ich,
mein Mut entwich,
erbleichend dacht' ich innerlich:
Recht gefährlich ist der Aufenthalt
so allein im dunklen Pinienwald!
Ja, gefährlich ist der Aufenthalt
so allein im dunklen Pinienwald!

SORA, BENOZZO, NASONI, CHOR
Ja, gefährlich,
ist's im dunklen Pinienwald!

CARLOTTA
2.
Im Innern fühlt' ich mich erbeben!
Kein Wunder, wenn so plötzlich man
den Raubgesellen preisgegeben,
an Widerstand nicht denken kann!
Schon war vom Rosse ich gesunken,
da knallt ein Schuss, ein zweiter dann,
ich blick' empor ... und freudetrunken
sah einen Helfer kühn ich nahn!
Die feigen Räuber fiohn ins Weite.
Mein Retter hob mit sichrer Hand
mich in den Sattel, trat zur Seite,
verbeugt sich artig und verschwand!
Was ich galant,
diskret auch fand,
weil er die Situation verstand!
Denn gefährlich ist der Aufenthalt
so zu zwein im dunklen Pinienwald!
Ja, gefährlich ist der Aufenthalt
so zu zwein im dunklen Pinienwald!

SORA, BENOZZO, NASONI, CHOR
Ja, gefährlich
ist's im dunklen Pinienwald!

NASONI
Und jener Retter?

CARLOTTA
War

NASONI
Mein Sohn! Das dacht' ich mir!

CARLOTTA
leicht verlegen
O nein! Es war ein andrer Kavalier,
sehr artig scheint er immer gegen Damen.

NASONI
Sie kennen ihn?

CARLOTTA
Nicht seinen Namen,
doch bin ich früher schon begegnet ihm.

NASONI
parodistisch
Gleichviel!
Die Heldentat war gross, sublim!
Wo ist der edle Mann,
dass ich ihm danken kann?
Der teuren Schwiegertochter Leben
erhielt er mir!

CARLOTTA
blickt in den Hintergrund, mit leichtem Schrei, da sie Erminio erblickt
Ha! Da kommt er eben!

NASONI
Mein Sohn!
Kommt endlich er hierher?

CARLOTTA
Nein, nicht Ihr Sohn!
Mein Retter! Er!


SECHSTE SZENE
Die Vorigen, Erminio

NASONI
Wer?

CARLOTTA
Er!

NASONI
Der?

BENOZZO
Der?

SORA
Der?

CARLOTTA
Ja, er!

SORA, BENOZZO, NASONI
Wie, der wär Er?

ERMINIO
war anfangs im Hintergrund geblieben, tritt jetzt vor
Vergebung, wenn ich stör'!
zu Carlotta
Mich zog's hierher,
zu sehn, wie Ihr Befinden wär!

CARLOTTA
Nach dem Malheur?
Ich danke sehr!

NASONI
für sich
Dieser Er
kommt hierher?
Meinem Sohn zum Malheur!
Was ist sein Begehr?
Mir ist verdächtig
gar mancherlei!
Erfahren möcht' ich,
wer er wohl sei!
Als Unbekannter,
als Ungenannter
kommt er hierher,
der Herr von Er! Er!

CARLOTTA
für sich
Scheint auch verdächtig
noch mancherlei,
erfahren möcht' ich
doch, wer er sei!
Ein Ungekannter,
ein Ungenannter
blieb er bisher,
doch hübsch ist er!

ERMINIO
für sich
Ja, wetten möcht' ich
bei meiner Treu,
dass ich allen verdächtig
hier sei,
und trotzdem kam ich hierher!

NASONI
für sich
Mir ist verdächtig
gar mancherlei!
Erfahren möcht' ich,
wer das wohl sei!
Als Ungekannter,
als Ungenannter
kommt er hierher,
der Herr von Er!

BENOZZO
für sich
Mir ist verdächtig
gar mancherlei!
Erfahren möcht' ich,
wer das wohl sei!
Als Ungekannter,
als Ungenannter
kommt er,
der Herr von Er!

SORA
für sich
Ein Ungekannter
blieb er bisher,
doch hübsch ist er!

ERMINIO
für sich
Ja, wetten möcht' ich,
meiner Treu,
dass ich verdächtig
hier sei!

BENOZZO, NASONI
für sich
Mir ist verdächtig
mancherlei,
und wissen möcht' ich,
wer er sei!

CARLOTTA, SORA
für sich
Scheint auch verdächtig
er bisher,
doch hübsch ist er!
Wissen möchte ich,
wer er wohl wär!

BENOZZO, NASONI
für sich
Ganz unbekannt
kommt er hierher,
der Herr von Er!
Hier ist verdächtig
gar mancherlei!
Erfahren möcht' ich,
wer wohl der Er da sei,
denn verdächtig ist er,
dieser Er!

ERMINIO
für sich
Schwören möcht' ich,
dass verdächtig
ich hier,
meiner Ehr!

FRAUEN
untereinander
Ein Ungenannter
blieb er bisher,
doch ist er hübsch,
der Herr von Er!

MÄNNER, ZOLLWÄCHTER
untereinander
Ein Ungenannter
blieb er bisher.
Was will er hier,
der Herr von Er!

Erminio tritt einige Schritte näher.

NASONI
ihm entgegen
Mein Herr! Sie nennen sich?

ERMINIO
Noch nicht!

NASONI
für sich
Das klingt etwas verdächtig.
laut
doch meine ich, Sie kennen mich!

ERMINIO
Noch nicht!

NASONI
für sich
Das klingt noch mehr verdächtig,
und dabei lächelt er
ganz niederträchtig!
laut und heftig
Mein Herr,
wenn Sie's nicht wissen schon.
nun so erfahren Sie:
ich habe einen Sohn!

ERMINIO
verbeugt sich lächelnd
Sie sind beneidenswert!

NASONI
mit Grimasse
Nun, wie man's nimmt...
heftiger
Mein Sohn ist Bräutigam der Dame!
zeigt auf Carlotta

ERMINIO
mit Verbeugung, lächelnd
Bedaure! Ist das schon bestimmt?

NASONI
Gewiss! Drum frag' ich, wie Ihr Name?

CARLOTTA
Nur nicht so heftig!

NASONI
in Wut
Ja, zur Stunde
muss ich das wissen, weil's nicht klar,
ob mit dem Räuber Sie im Bunde,
vielleicht der Räuber selbst sogar!

ERMINIO
Hahaha! Hahaha!

CARLOTTA
Nasoni beruhigend
Was fällt Ihnen ein?

ERMINIO
Hahaha! Hahaha!

CARLOTTA
Was fällt Ihnen ein?

SORA, BENOZZO, FRAUEN, MÄNNER, ZOLLWÄCHTER
Wie? Der soll Gasparone sein.
ein Räuber sein?


Romanze

ERMINIO
mit Innigkeit gegen Carlotta, mit leiser Ironie gegen Nasoni
1.
Oh, dass ich doch der Räuber wäre,
ich strebte nicht nach Eurem Gold!
Erringen wollt', bei meiner Ehre,
ich mir weit süssern Minnesold!
Ein Lösegeld ich dann begehrte,
das aufzubringen nimmermehr,
das von unschätzbar hohem Werte.
Oh, dass ich doch der Räuber wär!

2.
Ja, wenn mir solch ein Fang gelungen,
wär meine Macht zu End fürwahr!
Gefangen würd ich sein, bezwungen
in Ihren Fesseln ganz und gar!
Doch nein, ich muss ja einem andern
nun dieses Kleinod geben hin,
muss meine Strasse weiter wandern,
weil leider ich kein Räuber bin!

hat bei den letzten Worten Carlottas Hand geküsst, verbeugt sich nun leicht und verschwindet im Hintergrund, wie er gekommen, während alle andern verblüfft dastehen. Carlotta blickt ihm mit Teilnahme nach.


SIEBENTE SZENE
Die Vorigen, ohne Erminio

Dialog

SORA
Ein reizender Mensch!

CARLOTTA
Ein liebenswürdiger Mann!
setzt sich rechts

NASONI
verächtlich
Ja, ja, recht nett! Etwas rätselhaft, aber recht nett!

SORA
zu Carlotta
Wie sieht er denn aus, der schreckliche Gasparone?

CARLOTTA
heiter
Ihn näher anzusehn, hatte ich nicht die Zeit! Auf dem Wege von Santa Croce hierher passierten wir den Pinienwald. Plötzlich schrie Zenobia ...
springt auf
Himmel! Wo ist Zenobia?
ruft
Zenobia!
Stille
Mein Gott! Zenobia fehlt!

NASONI
Zenobla?

CARLOTTA
Meine Duenna! Der grässliche Bandit hat sie geraubt!
zu Nasoni
Papa, ich beschwöre Sie, bieten Sie alles auf, die Arme zu befreien!

NASONI
stark und mit Zuversicht
Zu den Waffen, Sizilianer! Zeigt, dass euch Frauenehre etwas wert ist! Entreisst Zenobia dem blutdürstigen Bluthund! Ich selbst … ich bleibe bei der Gräfin. Das bin ich meiner Gesundheit schuldig!

ZOLLWÄCHTER, GENDARMEN
rufen, die Waffen schwingend
Zenobia! Trara!

Nr. 3a - Orchester-Repetition des Chorrefrains von Nr. 2

Die Truppen marschieren ab. Die Frauen und Männer folgen ihnen. Auch Benozzo schliesst sich an, nachdem er die besorgte Sora umarmt hat. Nasoni gibt ihm seinen eigenen langen Säbel. Sora geht ins Haus zurück.


ACHTE SZENE
Nasoni, Carlotta, dann Benozzo, Zenobia, ein Sergeant, vier Gendarmen, später Massaccio

Dialog

NASONI
mit Pathos
Teure Carlotta! Bei dem Gedanken, dass Sie jetzt in den Händen des unerbittlichen Gasparone sein könnten, schaudert mir!

CARLOTTA
Ei! Im äussersten Falle hätte ich von meiner Waffe Gebrauch gemacht!
hält ihm ein elegantes Taschenterzerol entgegen

NASONI
erschrickt
Oh! Ich sage es meinem Sohne ja täglich: Carlotta besitzt alle Frauentugenden. Sogar schiessen kann sie!

CARLOTTA
Sie tun wohl daran, padre mio! Sindulfo selbst scheint diese Vorzüge nicht zu bemerken!

NASONI
Wie unrecht tun Sie Sindulfo!
wütend zwischen den Zähnen
Wo der verdammte Windbeutel nur wieder steckt!
laut
Sindulfo betet Sie an, vergöttert Sie!

CARLOTTA
Wirklich?

NASONI
Es gibt auf ganz Sizilien keinen solideren Jüngling!
für sich
Der Lump hat mir mein ganzes Vermögen verjuxt!

CARLOTTA
Ich muss es glauben, weil Sie es sagen.

NASONI
Ich, Ihr uneigennütziger, Ihr einziger Freund!

CARLOTTA
warm, ihm die Hände reichend
Niemals, Nasoni, werde ich vergessen, wie warm Sie sich meiner annahmen, als ich Witwe wurde.

NASONI
spielt den Gerührten
Oh, Ihr Gemahl war ein braver Mann. - Leider starb er ohne Testament. Sein Nachlass, das alte Schloss Santa Croce und eine Million Lire in guten Papieren, ward Ihnen von der Familie bestritten!

CARLOTTA
Der Prozess verschlang alle meine Ersparnisse. Was haben Sie alles aufgeboten, dass ich ihn gewinne ... vergebens!

NASONI
Ja!
betonend
Der Fall steht schlecht, sehr schlecht! Aber wie dem auch sei, meine Schwiegertochter müssen Sie doch werden!

CARLOTTA
Mein Gott, ich arme Witwe sollte...

NASONI
Was frage ich danach! Ich schätze, liebe Sie und...

CARLOTTA
herzlich
Nun, bei Gott, ich heirate nicht, um Sindulfos Frau, sondern um Ihre Schwiegertochter zu werden!

NASONI
mit schlecht verhehlter Freude
Also eingeschlagen. Ihr Wort?!

CARLOTTA
feierlich
Mein Wort!
gibt ihm die Hand

NASONI
für sich
Endlich!
affektiert gerührt
Teure Tochter!

CARLOTTA
Bester Vater!
Umarmung. Stimmen hinter der Szene.

BENOZZO
hinter der Szene
Wir haben sie! Wir haben sie!

CARLOTTA
Was ist das?

NASONI
zurückeilend
Benozzo schleppt ein älteres, geräumiges Frauenzimmer daher!

CARLOTTA
freudig
Zenobia!
eilt Zenobia entgegen, die von Benozzo und dem Sergeanten halb ohnmächtig hereingeschleppt wird. Vier Gendarmen folgen ihnen, bleiben rückwärts.

BENOZZO
Wir haben sie! Wir haben sie!

Nasoni stellt einen Stuhl, auf den man Zenobia niederlässt.

CARLOTTA
besorgt
Schnell, Benozzo, richte ein Ruhebett, hole einen Arzt!

BENOZZO
Gleich, gleich!
zu Massaccio, der unbemerkt auftrat und sich in Benozzos Haus schleichen will, leise
Nun?

MASSACCIO
leise
Wir haben unsere Aufgabe erfüllt und enterten die Alte! Pamosa, unser Steuermann, spielte den Gasparone. Haha!
beide ab ins Haus


NEUNTE SZENE
Nasoni, Carlotta, Zenobia; ein Sergeant, vier Gendarmen

NASONI
bisher mit Carlotta und Zenobia beschäftigt
Brave Burschen! Mit Gefahr ihres Lebens entrissen sie dem grässlichen Räuber sein Opfer!

ZENOBIA
macht eine verneinende Gebärde, schwach
Nein!

CARLOTTA
bietet Zenobla ein halbvolles Glas Wein vom nächsten Tische, an dem diese nippt
Fassung, Fassung, Zenobia!
zu Nasoni
Die Ärmste muss furchtbar gelitten haben!

ZENOBIA
macht eine verneinende Gebärde, schwach
Nein!

NASONI
Schleppten Sie die Unholde? Blieben für Ihr Flehen taub?

CARLOTTA
Grässlich!

NASONI
für sich
Unbegreiflich!

ZENOBIA
Erbarmungslos rissen sie mich bis zur Höhle ihres Hauptmanns mit sich fort! Ein Stossgebet zum Himmel stärkte mich. Ich war auf alles gefasst ... da hob Gasparone meinen Schleier und sagte, im reinsten Romagna-Dialekt, nichts als: Ui je!

CARLOTTA, NASONI
Was sagte er?

ZENOBIA
Ui je! Und dann ... entliess er mich.

NASONI
Gegen ein Lösegeld?

ZENOBIA
tonlos
Nein. Er gab mir noch einen Dukaten mit auf den Weg.
zeigt ihn
Nasoni steckt ihn ein.

CARLOTTA
erfreut
Edelmütiger Mann!

NASONI
Ein Räuber, der noch was draufzahlt? Unglaublich!

ZENOBIA
Wo ist er?

NASONI
Wer?

ZENOBTA
Der Dukaten!

NASONI
zeigt auf seine Westentasche
Hier!

ZENOBIA
Ach, geben Sie ihn mir! Hier ist ein anderer!

NASONI
betrachtet den Dukaten, den er wieder aus der Tasche gezogen hat
Er sollte mir als Corpus delicti dienen.

ZENOBIA
nimmt ihn
Mir dient er als Andenken!
küsst die Münze
Als Andenken an ihn!

CARLOTTA
zu Nasoni
Sie phantasiert! Ich will sie zur Ruhe bringen!

NASONI
Sergeant! Wartet auf mich! Ihr sollt mich auf dem Heimweg bedecken, damit mich dieser Teufel Gasparone nicht etwa selbst fängt!
Auf sein Zeichen zieht sich der Sergeant mit den Gendarmen zurück.


Nr. 4 - Terzettino

CARLOTTA
sich mit Zenobia nach dem Hause wendend, zu Nasoni
Nun denn, so gehn auch wir hinein,
Ihr Sohn bleibt gar zu lang mir aus!

NASONI
freudig
Sie sehnen sich nach ihm?

CARLOTTA
O nein! O nein!
Ich sag' es Ihnen grad heraus:
lächelnd und fein
Halt der Sohn sich fern von mir
über- die Gebühr,
bleibt der Vater doch galant
immer mir zur Hand!
Er nimmt seine Stelle ein,
ich bin nicht allein,
unterhalte wohlgemut
mich mit ihm recht gut!
Aber, wenn auch nicht verstimmt,
muss ich doch gestehn:
mein Herr Bräutigam benimmt
sich durchaus nicht schön,
nicht schön, nicht schön!

ZENOBIA
plötzlich, sehr zungenfertig, dazwischen
Ja! So sind die jungen Leute
von heute!
Wenn nicht die alten Herren
noch wären,
ständ' um uns Frauenzimmer
es schlimmer!
Die sind viel amüsanter,
charmanter,
und werden dabei schwerlich
gefährlich!

CARLOTTA, ZENOBIA
So sind die jungen Leute
von heute!
Wenn nicht die alten Herren
noch wären,
ständ' um uns Frauenzimmer
es schlimmer!
Die sind viel amüsanter,
charmanter,
und werden dabei schwerlich
gefährlich!
Da braucht man zu fürchten nie!
Alles bleibt Galanterie.

NASONI
So sind die jungen Leute
von heute!
Wenn nicht wir alten Herren
noch wären,
ständ' um die Frauenzimmer
es schlimmer!
Wir sind viel amüsanter,
charmanter,
und werden dabei schwerlich
gefährlich!
Da braucht man zu fürchten nie!
Alles bleibt Galanterie.

CARLOTTA
Ihre Treu ist erprobt,
denn sie haben ausgetobt.
Ja, solch ältrer Kavalier,
ja, recht gern räum' ich's ein,
kann charmant auch sein!

ZENOBIA
Ihre Treu ist erprobt,
denn sie haben ausgetobt.
Junge wär'n wohl lieber mir,
doch solch ältrer Kavalier,
ja, recht gern räum' ich's ein,
kann charmant auch sein!

NASONI
Unsre Treu ist erprobt,
denn wir haben ausgetobt.
Jugend wär wohl lieber mir,
doch solch ältrer Kavalier,
ja, recht gern räumt man's ein,
kann charmant auch sein!

Carlotta geht mit Zenobia ins Haus. Nasoni begleitet Carlotta mit affektierter Zärtlichkeit bis zur Tür von Benozzos Kneipe.


ZEHNTE SZENE
Nasoni (allein), dann Sindulfo

Dialog

NASONI
Ah!
wischt sich den Schweiss ab
Wenn diese Heirat nicht bald zustande kommt, werde ich verrückt! Einen solchen Gauner zum Sohne zu haben, ihn täglich als Muster eines jungen Mannes hinstellen zu müssen, statt ihn durchhauen zu können: das halte ein Schwede aus, ein Norweger, ein Lappe! Für einen Sizilianer ist das zu viel, zu viel! Ich platze, ich explodiere! Oh, wäre ich der Ätna, dass ich Feuer speien könnte ... das wär ich meiner Gesundheit schuldig!
lässt sich in einen Stuhl fallen

SINDULFO
hinter der Szene
Papa! Papa! Carissimo padre!

NASONI
fährt auf
Da ist er! Ah!

SINDULFO
ein langer, magerer, abgelebter junger Mann, karikierter Stutzer im Kostüme jener Zeit, heiter und gleichgültig
O Papa, da bist du ja! Buon giorno!
will Nasoni umarmen

NASONI
wehrt ihn ab
Va via!

SINDULFO
erstaunt
Was hast du, würdiger Urheber meines Lebens?

NASONI
Ich hätte auch was Gescheiteres tun können, als dein Leben ... urzuheben! - Wo kommst du her?

SINDULFO
heiter
Vom Souper, Papa!

NASONI
Vom Souper? Um halb zehn Uhr vormittags? Woher?

SINDULFO
vertraulich
Ich sage nichts als Lucia!

NASONI
Du bist der grösste Taugenichts von Sizilien! Kostest mich mein ganzes Vermögen! Wer die Höhe der Summe kennt, kann die Tiefe meines Schmerzes ermessen!

SINDULFO
setzt sich
Dio mio! Schon wieder eine Strafpredigt

NASONI
Dir zuliebe habe ich alles angebracht, alles, bis auf dich!

SINDULFO
Papa, ich muss bitten

NASONI
Taci! Es ist also deine Pflicht, durch eine gute Partie mich und dich wieder zu rangieren!

SINDULFO
Gute Partie? Und da verlobst du mich mit der armen Gräfin Santa Croce!

NASONI
packt Sindulfo und reisst ihn an die äusserste Linke
Pscht! Nicht so laut! Carlotta ist drinnen bei Sora!
leiser
Bück dich!
Es geschieht.
Gräfin Carlotta ist nicht arm!

SINDULFO
Mein Himmel! Der Prozess ... halb verloren!

NASONI
leise
Nein, nicht halb verloren, sondern ganz gewonnen!

SINDULFO
freudig
Wie? Gewonn...

NASONI
freudig
Pscht! Das Obertribunal in Neapel hat zugunsten der Gräfin entschieden, ich habe seit drei Tagen das Urteil in der Tasche.
zieht das Dokument hervor

SINDULFO
will danach greifen
Oh!

NASONI
hindert ihn daran
Oho! Noch hat Carlotta keine Ahnung davon! Doch habe ich ihr Wort: sie wird dein Weib, ob arm, ob Millionärin!

SINDULFO
Millionärin! Hm! Die Frau fängt auf einmal an, interessant zu werden.

NASONI
Nicht wahr? Schau, Sindulfo, du musst mehr den Cavaliere servente spielen, immer zur Hand sein ... Nicht so, wie vorhin, wo Carlotta, von Räubern angefallen, ein anderer rettete!

SINDULFO
Ich hörte im Hafen davon, eilte deshalb hierher, um ihren Retter zur Rede zu stellen.

NASONI
Du kennst ihn?

SINDULFO
Ein Piemontese, sogenannter Conte Erminio. Sein Aufenthalt hier ist ganz Syrakus ein Rätsel.
fuchtelt mit seinem Spazierstöckchen in der Luft herum
Ich werde ihm die Lust vertreiben, meine Braut zu retten!

NASONI
entzückt
Endlich einmal eine ritterliche Regung! So gefällst du mir, carissimo figliuolo!

SINDULFO
Das kostet ihn die Ohren!

NASONI
Und die Nase, meinetwegen auch die Nase! Nur eine Tat, etwas Ritterliches! Ich eile jetzt zur Stadt, kehre bald zurück. Also sei artig, galant, liebenswürdig! Sie hat "Ja" gesagt. Schmiede die Gräfin, solange sie warm ist!

SINDULFO
Sollst sehen, Papa, wie ich mich zu meinem Vorteil verändere.

NASONI
Du kannst dich überhaupt nur zu deinem Vorteil verändern!

SINDULFO
O Papa!

NASON
Also, eine Tat, etwas Ritterliches! Was tut man nicht alles für eine Million! Stich diesen Conte Erminio aus bei Carlotta ... hau ihm was weg, schiess ihm was 'nein! Und dann heirate! Heirate! Das bist du meiner Gesundheit schuldig!

schnell links ab


ELFTE SZENE
Sindulfo (allein), dann Sora, später Benozzo


SINDULFO
Eine Million Lire! Sindulfo, zeige, dass du ein Weltmann, dass du diesem Conte Erminio überlegen bist!
klopft auf den Tisch
Heda, Wirtshaus!

SORA
kommt aus dem Haus
Befehlen?

SINDULFO
Meine Braut ...?

SORA
Die Gräfin ruht ein wenig.

SINDULFO
Also heisst's warten.
gähnt
Wie langweilig!
setzt sich
Bring Wein, Sora, vom besten!

SORA
Zu dienen!
ab

SINDULFO
Dieser Erminio muss mir Rede stehen. Ob auf Säbel oder auf Pistolen gleichviel!
zündet sich eine Zigarre an

SORA
kommt mit Wein
Hier, Signore, echter Syrakuser!

SINDULFO
trinkt, schnalzt mit der Zunge
Famos!
zieht Sora etwas an sich
Weisst du, Kleine, dass du ein ganz appetitliches Weibchen bist?

SORA
Deshalb fand ich auch einen braven Mann, Signore!

SINDULFO
Ach ja, diesen Tagdieb von Benozzo!

Benozzo erscheint auf dem Balkon, kehrt diesen mit einem Reisbesen, horcht auf, als
er seinen Namen nennen hört.


SORA
Der hübscheste Junge von Syrakus!

SINDULFO
Aber ein heilloser Schmuggler!

SORA
Nicht, dass ich wüsste!

SINDULFO
Papperlapapp! Ich kaufte durch ihn vorigen Monat tausend geschmuggelte Zigarren!

BENOZZO
Die Sie heute noch schuldig sind!

SINDULFO
gleichgültig, klemmt sein Monokel ins Auge
Ah, du bist auch da?

BENOZZO
Ja, ich bin auch da!
kehrt wütend aus

SINDULFO
Geniere dich nicht! Du siehst, ich mache deiner Frau die Cour!

BENOZZO
Lassen Sie mich lieber Geld sehen!

SINDULFO
Für die Frau?

BENOZZO
Nein, für die Zigarren!
sieht, dass Sindulfo zu Sora zärtlicher wird, heftig
Keine Handgreiflichkeiten, wenn ich bitten darf!

SORA
Aber Signore!

SINDULFO
Ruhig, da oben!

BENOZZO
Nein, nicht ruhig da oben, sondern ruhig da unten, und wenn Sie nicht augenblicklich ...
droht mit dem Besen; zu Sora
Marsch, ins Haus mit dir!

SINDULFO
Nein, sie bleibt!

BENOZZO
Sie geht! Herein da, Sora!

SINDULFO
Ich glaube gar, der Bursche untersteht sich, sich mit mir zu messen! Das hiesse, ein edles Pferd zu einem Esel spannen!

BENOZZO
Wie kommen Sie dazu, mich ein Pferd zu nennen?

SINDULFO
Haha! Die Eifersucht macht ihn witzig! Höre nicht auf ihn, Sora!
umfasst Sora

BENOZZO
Maledetto! Der Büffel in mir wird wütend!
wirft den Besen nach Sindulfo und eilt durchs Haus nach unten

SINDULFO
lässt sich nicht abhalten, Sora mit Zärtlichkeiten zu verfolgen
Der Büffel trägt Hörner, ergo

SORA
nimmt den Besen auf und wehrt Sindulfo damit ab
Ei, Signore, jetzt ist's genug!

BENOZZO
auftretend
Ob Sie jetzt gleich aufhören werden, meine Frau zu verfolgen, oder ...
nimmt den Besen, den Sora weggeworfen hat und dringt auf Sindulfo ein. Sora, von Sindulfo verfolgt, welchen wieder Benozzo verfolgt, fliegt dem mit Luigi von rechts auftretenden Erminio in die Arme.


ZWÖLFTE SZENE
Die Vorigen, Erminio, Luigi

ERMINIO
heiter
Gefangen!
umarmt und küsst Sora

SINDULFO
für sich
Conte Erminio? Eben recht!

BENOZZO
sieht das, fährt auf Erminio los
Was war das?

ERMINIO
heiter
Ich küsse jede hübsche Frau, die mir in die Arme eilt!
küsst Sora wieder

SORA
Ah!

BENOZZO
erkennt Erminio, plötzlich freundlich
Ah! Exzellenza!

SINDULFO
zu Benozzo
Wie? Und das lässt du dir gefallen?

BENOZZO
zu Sindulfo
Was geht's denn Sie an, wenn Exzellenza
meint Erminio
meine Frau küsst?
zu Erminio
Bitte! Wollen sich Exzellenza nur bedienen!
zu Sindulfo
Jetzt just, jetzt just!
zu Erminio
Bitte!
präsentiert mit dem Besen

SINDULFO
Ich liess' mir's doch nicht gefallen!

ERMINIO
stolz zu Sindulfo
Darf ich fragen, mein Herr, mit welchem Rechte Sie sich da einmischen?

SINDULFO
stolz
Ich... Herr?!

ERMINIO
lässt seinen Stock durch die Luft schwirren
Ja, Sie ... Herr!
trifft Sindulfo, der schreiend zurückfährt

SINDULFO
für sich
Unangenehmer Patron!
Werde mich nicht mit ihm schlagen!
laut
Habe nicht das Vergnügen, Sie zu kennen!

ERMINIO
Meinerseits!

SINDULFO
grüsst
Ihr Diener!
zu Sora, laut
Sora!

SORA
Signore?

SINDULFO
zum Teil bedeutsam nach Erminio hinsprechend
Melde meiner reizenden Braut, der Gräfin Santa Croce ... du verstehst?
stärker
meiner Braut, dass ich einen Wagen besorgen und mit Bedeckungsmannschaft zurückkehren werde

ERMINIO
dazwischenredend, für sich
Zurückkehren? Wie ärgerlich!

SINDULFO
ohne abzusetzen
... um gewissen Leuten die leichte Mühe zu ersparen, sie abermals retten zu müssen, wenn Räuber sie anfallen!
Sora geht ins Haus.
Räuber?! Gott, wie romantisch! Hahaha!

ERMINIO
für sich
Na warte! Das vergelt' ich dir!
leise
Luigi!
bespricht sich vertraulich mit Luigi

SINDULFO
will abgehen
Addio!

BENOZZO
verstellt ihm den Weg
Und mein Guthaben?

SINDULFO
Was bin ich schuldig?

BENOZZO
Was Sie alles schuldig sind, weiss ich nicht! Ich bekomme sechs Baiocci für den Wein und zwölf Scudi für die Zigarren.

SINDULFO
Gut, gut! Aufschreiben!
will ab

BENOZZO
Aufgeschrieben wird bei mir nicht!

SINDULFO
Desto besser!
schnell ab

BENOZZO
steht verblüfft da
Ah! Das ist stark!

LUIGI
leise
Benozzo! 's gilt einen Streich gegen den da
zeigt nach der Seite, wo Sindulfo abging
Folge mir!

BENOZZO
Ah, ich verstehe! Zucker und Kaffee! Mit Wonne!

Luigi und Benozzo folgen Sindulfo.


DREIZEHNTE SZENE
Erminio, Sora


ERMINIO
Jetzt ans Werk!
ruft
Sora!

SORA
Signore?

ERMINIO
Du beherbergst momentan die Gräfin Santa Croce?

SORA
Welcher ich bis zu meiner Verheiratung als Kammermädchen diente. Ja, Exzellenz!

ERMINIO
Ich habe der Gräfin - in ihrem Interesse - einen Rat zu geben.
will ihr Geld geben
Hier nimm und verschaffe mir eine Unterredung mit ihr!

SORA
Wo sich's um der Gräfin Interesse handelt, Signore, lasse ich mich nicht bezahlen! Ich will Sie melden.
geht ab


VIERZEHNTE SZENE
Erminio (allein)

ERMINIO
O Liebe, Liebe! Zu welchen Torheiten kannst du selbst Männer von Charakter und Ehre verleiten!
heiter zum Publikum
Ich, Conte Erminio Saluzzo, dreissig Jahre alt, ledig, Gutsbesitzer, reich ... mache mit Luigi, meinem Freund, eine geologische Exkursion hierher. Auf einem Spazierritt begegne ich Carlotta, verliebe mich sterblich in sie, höre, dass sie in den Händen dieses dunklen Ehrenmannes Nasoni ist, dessen Sohn sie heiraten soll! Ich schliesse Einverständnisse mit Schmugglern, missbrauche die allgemeine Gasparone-Furcht, arrangiere einen fingierten Überfall; die Schmuggler vergreifen sich, nehmen, statt der Alten nur, auch die Gräfin gefangen! Ich muss Carlotta befreien und ernte einen Dank, den ich gar nicht verdiene ... wie beschämend für mich! Doch gleichviel! Ich muss sie diesem Nasoni entreissen, koste es, was es wolle! Ah, da kommt die Gräfin! Gott Amor, steh mir bei!


FÜNFZEHNTE SZENE
Erminio, Carlotta

Nr. 5 - Duett

CARLOTTA
kommt aus dem Wirtshaus; mit Wärme zu Erminio
Wie freu' ich mich, dass Sie noch hier!
Zu danken herzlich nach Gebühr
war möglich mir bis jetzt noch nicht.
Hier meine Hand
als Unterpfand!
Ich fühle innig Dankespflicht!
Ja! Wohin Sie auch die Schritte lenken,
o glauben Sie,
stets werd' ich Ihrer Tat gedenken;
vergessen nie,
wie Sie als Held mit starker Hand
schnell die Gefahr von mir gewandt!

ERMINIO
freudig; sanft unterbrechend
Zuviel!
Doch bitt' ich, fahren Sie nur fort,
denn süss klingt mir solch innig Wort!

CARLOTTA
Gern möcht' ich Ihnen mehr noch sagen,
doch bin ich eigentlich zu End!

ERMINIO
entzückt
Dass solchen Dank davonzutragen
aufs neu' Gelegenheit ich fänd!
Ja! Wohin Sie auch die Schritte lenken,
stets werde ich
Sie schirmen vor des Feindes Ränken!
Ganz sicherlich!
Und wo Gefahr zu drohen scheint,
wacht über Sie ein treuer Freund!

CARLOTTA
entzückt
Zuviel!
Doch bitt' ich, fahren Sie nur fort,
denn süss klingt solch ein Freundeswort!

ERMINIO
Es wacht ein Freund,
vertraun Sie meinem Wort!
traurig
Sie sind ja Braut, in wenig Tagen
ein andrer Sie die Seine nennt!
losbrechend
Oh, dass ich Sie durchs Leben tragen,
dass ich Sie schützen, führen könnt'!

CARLOTTA
ein wenig zurückhaltend, doch ohne Kälte
Dies Recht kann nur dem Gatten passen,
er wird es sich nicht nehmen lassen.

ERMINIO
finster
Ihr Gatte? Nun, er ist's noch nicht.

CARLOTTA
schwankend
Doch wird er's sein!

ERMINIO
mit Nachdruck
Gewiss!

CARLOTTA
immer schwankender
Warum denn nicht?

ERMINIO
Warum?

CARLOTTA
Warum?

ERMINIO
nach kurzem, innerem Kampfe
Noch darf ich's nicht erklären.
Doch möchten Sie des Freundes Warnung hören!
ernst
Hüten Sie sich vor dem Räuberpaar,
das schmeichelnd die Freundeshand Ihnen bot!
Im Walde war kleiner die Gefahr,
als hier von diesen beiden droht!
Merken Sie sich:
Ein Freund bin ich,
keinem andern traun,
auf mich allein nur baun!
Und was auch geschah,
ich bin ja da,
bleibe nah!

CARLOTTA
Merken will ich,
dass sicherlich
ich auf ihn darf baun,
auf seinen Schutz vertraun.
Und was auch geschah,
er ist ja da,
bleibt mir nah,
mir nah!

ERMINIO
Merken Sie sich:
Ein Freund bin ich,
keinem andern traun,
auf mich allein nur baun!
Was auch geschah,
ich bleibe da,
bleibe da!

CARLOTTA
für sich
Wie sonderbar!
Mir droht Gefahr
von jenen beiden,
die Freunde mir?
Sollt' er sie neiden?
Was birgt sich hier?
Sie meinten's schlecht?
Verstand ich recht?

ERMINIO
Hüten Sie sich vor dem Räuberpaar,
das schmeichelnd die Freundeshand Ihnen bot!
Im Walde war kleiner die Gefahr,
als hier von diesen beiden droht!

CARLOTTA
Merken will ich,
dass sicherlich
ich auf ihn darf baun,
auf seinen Schutz vertraun.
Und was auch geschah,
er bleibt mir nah,
er ist da!
Setzt sein Leben dafür freudig ein,
darf er mein Retter sein!

ERMINIO
Merken Sie sich:
Ein Freund bin ich,
keinem traun,
auf mich nur baun!
Und was auch geschah,
ich bleibe nah,
ich bin da!
Setz' mein Leben dafür freudig ein,
darf ich Ihr Retter sein!

Mit schnellem Entschluss verabschiedet sich Erminio und eilt davon. Carlotta bleibt sinnend zurück.


SECHZEHNTE SZENE
Carlotta (allein), dann Zenobia, Sora, später Nasoni. Erminio, Luigi, zuletzt Benozzo, Massaccio, Volk (Frauen, Männer), Musikanten

Dialog

CARLOTTA
Was soll ich von alledem denken? Der Ton seiner Stimme klang so ehrlich, so männlich, so glaubwürdig ... Aber nein, nein! Ich kann, ich darf nicht zurück! Nasoni, der mir Beweise uneigennütziger Freundschaft gegeben, ist ein Ehrenmann, und ich will ihm beweisen, dass ich würdig bin, den Namen Santa Croce zu tragen. Ach, und doch, wenn ich denke: dieser Sindulfo und er!! - Nein, nein! - Es darf nicht sein!
leidenschaftlich, Erminio Kusshände nachwerfend
Addio! Addio denn! Und nun schweig, mein Herz!
hat sich sinnend in einen Sessel gesetzt, ohne anfänglich durch das im Hintergrunde hörbar werdende Geräusch gestört zu werden

Nr. 6 - Finale

ZENOBIA
auf dem Balkon
Hört von fern das Geschrei!
Vieles Volk strömt herbei!

SORA
kommt aus dem Haus
Hört doch, wie die Glocken schallen,
Freudenschüsse widerhallen!

ZENOBIA
Jubel zeiget jeder Blick!

SORA
Das verkündet Glück!
Ja, das verkündet Glück!

CARLOTTA
aus ihren Träumen erwachend
Glück - für wen?

SORA
Für wen? Für Sie nur ganz allein!

CARLOTTA
Für mich?. Ach nein!

Volk sammelt sich im Hintergrund. Musikanten ziehen auf.

VOLK
im Auftreten
Hierher! Kommet hier herein!
Rufet laut das Tamburin,
tönet lustig die Schalmei,
strömt von nah und fern
gleich alt und jung herbei!
Jubelruf und Vivat-Schrein
klingt in die Musik hinein!
Alles mag sich nun der Freude weihn!
Jubelruf, Vivat-Schrein
klingt in die Musik hinein!
Alles mag sich
der Lust und Freude weihn!
Hemmt euren Lauf,
stellt hier euch auf!
Haltet Ruh,
schweigt und höret zu!

NASONI
tritt auf, Schweigen gebietend
Genug! Wir sind am Ziel!
Man lärme nicht zuviel!

VOLK
leise, unter sich
Haltet Ruh,
höret zu!

Erminio und Luigi treten unbemerkt auf.

CARLOTTA
für sich
Sollt' der Prozess entschieden sein?
Darf ich mich froher Hoffnung weihn?

CARLOTTA, SORA, ZENOBIA, ERMINIO, LUIGI
Entscheidung ist jetzt nah,
der Augenblick ist da!
Das Wort hat jetzt der Podestà.

NASONI
entfaltet eine Papierrolle
1.
So höret, was mein Mund euch jetzt verkündet!
Ihr seht in mir den Dolmetsch der Gerechtigkeit!
Wie vor dem Sonnenstrahl der Nebel schwindet,
ward aller Trug durch Richterspruch zerstreut.
Wer daran zweifelt, kommt sofort ins Loch!
Ach, denn in Sizilien gibt es Richter noch!

NASONI, VOLK
Denn in Sizilien gibt es Richter noch!

NASONI
2.
Das alte Schloss mitsamt dem Barvermögen
der Gräfin Santa Croce nun gehört!
Die Richter mussten lang sich's überlegen.
Ich selbst hab' längst als Herrin sie verehrt,
weil ich das Richt'ge sozusagen roch.
Ach, denn in Sizilien gibt es Richter noch!

NASONI, SORA, ZENOBIA, ERMINIO, LUIGI, VOLK
Denn in Sizilien gibt es Richter noch!
Heil der Contessa! Preis und Heil,
das solches Glück ihr ward zuteil!

NASONI
zu Carlotta tretend
Ich gratulier'
als erster hier!
Von Herzen froh,
dass dieses nun
gefügt sich so
recht opportun!
Jetzt fordr' ich auch des Freundes Lohn:
die schöne Hand für meinen Sohn!
Sie schweigen?

CARLOTTA
betroffen, für sich
Mich ergreifet Zagen!
Was soll ich tun?

ERMINIO
sie beobachtend, für sich
Was wird sie sagen?

NASONI
Hab' ich erfüllt die Freundespflicht?

CARLOTTA
verlegen
Gewiss!

NASONI
drängend
Zaudern Sie drum nicht!

VOLK
untereinander
Was wird sie tun?
Was sagt sie nun?
Nicht Freude zeiget ihr Gesicht!

ERMINIO
leise zu Carlotta
Hüten Sie sich vor dem Räuberpaar,
das schmeichelnd die Freundeshand Ihnen bot!
Im Walde war kleiner die Gefahr,
als hier von diesen beiden droht!

CARLOTTA
unentschlossen, für sich
Was höre ich? Was soll ich tun?

ERMINIO, NASONI
für sich
Sie zaudert noch!

SORA, ZENOBIA, VOLK
untereinander
Was sagt sie nun?

CARLOTTA
zögernd
Nun denn

NASONI
Der Augenblick
entscheidet mein Geschick
und meines Sohnes Glück!
für sich
Der Kerl ist niemals da!

CARLOTTA
sich aufraffend
Nun denn, nun denn, ich sage Ja!
Will Ihnen Tochter sein.

NASONI
losplatzend
Triumph! Sie willigt ein!

SORA, ZENOBIA, VOLK
Sie willigt ein, sie willigt ein!

NASONI
umherlaufend
Sindulfo! Sohn! Wo mag er sein?

ERMINIO
schmerzlich zu Carlotta
Oh, mögen Sie es nie bereun!
schnell mit Luigi ab

NASONI
Sie willigt ein, sie willigt ein,
sie will mir Tochter sein!
Die Stunde zu verschonen,
lasst nun Musik ertönen,
der Freude mag sich alles nun weihn!

SORA, ZENOBIA, VOLK
Um die Stunde zu verschönen,
lasst Musik nun ertönen,
alles mag sich nun
der Lust und der Freude nur weihn!
Es lebe hoch das Paar!
Wir bringen Wünsche dar
und wollen uns mit Ihnen freun!

CARLOTTA
gewaltsam
Ja, fort mit allem Leid,
es herrsche Heiterkeit!
Zu frohem Sang seid nun bereit,
seid nun bereit!

VOLK
Zu frohem Sang seid nun bereit!

SORA
hervortretend
1.
Anzoletto sang "Komm, mia bella!
unterm Fenster der holden Estrella.
"Komm hinaus in den duftenden Hain,
möcht' dir sagen ein Wörtchen allein!'
Doch nicht will ihn Estrella verstehen.
sie bleibt taub, mag er bitten und flehen,
bis von fern Tamburinschlag erklingt
und der Liebende singt:
Hör doch die Töne, Estrella,
man tanzt Tarantella!
Berauschende Musik
bringt mir der Liebe süsses Glück.
Wem zuckt es nicht in den Füssen,
die Nacht zu geniessen?
Wer zaudert da noch lang,
wenn hell das Tamburin erklang?

Hör doch die Töne, Estrella,
man tanzt Tarantella!
Berauschende Musik
bringt mir der Liebe süsses Glück.
Wem zuckt es nicht in den Füssen,
die Nacht zu geniessen?
Wer widersteht dir lang,
Zauberklang!

CARLOTTA
Ah! Ah! Ah! O Zauberklang!

VOLK
La, la, la
Wem zuckt es nicht in den Füssen,
die Nacht zu geniessen?
Wer widersteht dir lang,
Zauberklang!

SORA
2.
Lange eh Anzoletto geendet,
hat sie trotzig das Köpfchen gewendet,
doch bald wendet sie's wieder zurück,
gar zu lockend erschallt die Musik!
Nein, Estrella kann einsam nicht bleiben,
bei dem Ton war's zu End' mit dem Sträuben,
und bald hält sie im Reigen so warm
Anzoletto im Arm!
Nun tanzt die schöne Estrella
mit ihm Tarantella.
Berauschende Musik
bracht' ihm der Liebe süsses Glück.
Wem zuckt es nicht in den Füssen,
die Nacht zu geniessen?
Wer zaudert da noch lang,
wenn hell das Tamburin erklang?

Nun tanzt die schöne Estrella
mit ihm Tarantella.
Berauschende Musik
bracht' ihm der Liebe süsses Glück.
Wem zuckt es nicht in den Füssen,
die Nacht zu geniessen?
Wer widersteht dir lang,
Zauberklang!

CARLOTTA
Ah! Ah! Ah! O Zauberklang!

VOLK
La, la, la
Wem zuckt es nicht in den Füssen,
die Nacht zu geniessen?
Wer widersteht dir lang,
Zauberklang!

BENOZZO
hinter der Szene
Weh! O weh!

ZENOBIA, NASONI, VOLK
sich nach dem Hintergrund drängend
Was soll das sein?

SORA
Benozzo ist's!

ZENOBIA
Was fällt ihm ein?

BENOZZO
tritt auf
Weh! O weh!

NASONI
Was hast du, sprich!
Sahst meinen Sohn du?

BENOZZO
Sicherlich!
Wir gingen ja zusammen fort.

NASONI
Und woher kommst du jetzt allein?
Ist er nicht hier?

BENOZZO
Nein, er ist dort,
denn Gasparone lud ihn ein!

SORA, CARLOTTA, ZENOBIA, NASONI, VOLK
Der Gasparone?
Was soll das sein?

BENOZZO
Ach, ich bin gelaufen!
Lasst mich nur verschnaufen!
Dann erzähl' sogleich
ich die Sache euch!

NASONI
Was ist's mit meinem Sohne,
und was mit Gasparone?
O sprich, o sprich,
ich bitte dich!

BENOZZO
Sogleich, sogleich
erzähl' ich's euch!
zu Massaccio, der mit ihm aufgetreten war
Nichts als "Zucker und Kaffee".
zu allen
Wo der Wald sich zieht herunter
bis nahe an das Meer,
schritt Signor Sindulfo munter,
und ich ging hinterher!
Die Zeit uns zu verkürzen,
ich ein lustig Liedchen summ'!
mit geschlossenem Munde
Mm-Mm-Mm-Mm
Aber plötzlich bleib' ich stecken,
Herr Sindulfo schaut sich um:
"Warum schweigst du voller Schrecken
und siehst mich an so dumm?
So singe doch nur weiter!",
sagt Herr Sindulfo heiter,
"dein lustig Liedchen summ!"
mit geschlossenem Munde
Mm-Mm-Mm-Mm
Doch währt es nicht lange,
wird ihm auch recht bange,
denn es regt sich
plötzlich dort im Busch,
es bewegt sich
drinnen husch, husch, husch!
Das ist sehr verdächtig,
und wetten drauf möcht' ich,
dass hinterm Baum dort einer steht!
Hör'n und Seh'n uns vergeht!

Richtig! Bald
aus dem Wald
stürzen plötzlich sieben Mann
und ein "Halt!"
donnernd schallt!
Zu zittern ich begann,
doch war ich voll Entschlossenheit
sogleich zur Flucht bereit!
Auch Ihr Sohn
rennt davon
und ich lief hinterdrein.
Doch mit Spott
und mit Hohn
holt man uns wieder ein!
Noch eh ich "Wer da?" konnte sagen,
packen zwei mich schon beim Kragen
Unterdess' mit dicken Stricken
wird auf eines Maultiers Rücken
Herr Sindulfo festgeschnürt
und ins Dickicht fortgeführt!
Mir gab man diesen Brief,
und einer von den Räubern rief:
"Du magst frei nun von hinnen gehen.
schnell, laufe 'jetzt nach Haus!
Eilig melde, was geschehen.
richte viele Gruse aus!
Die Zeit dir zu verkürzen,
dein lustig Liedchen summ!"
Mm-Mm-Mm-Mm
Hui, wie ich da ausriss
und lief und lief und lief bis
der Atem wollte mir vergehn!
Das Weitre wird da drinnen stehn!
gibt Nasoni einen Brief

NASONI
öffnet den Brief und liest
"Bruder Nasoni!" - Impertinenter Kerl! -
liest weiter
"Ich habe deinen Sohn entführt. Willst du ihn wiederhaben, so kostet das zehntausend Zechinen Lösegeld." - Zehntausend Zechinen! Misericordia!
wischt sich den Schweiss ab, liest weiter
"Ein unbewaffneter Fussgänger bringe die Summe heute nach Sonnenuntergang zum Steinbruch, 'Das Ohr
des Dionysos' genannt. Mit kollegialem Gruss, Antonio Gasparone, Podestà einer Banditen-Gemeinde."

CARLOTTA, SORA, ZENOBIA. BENOZZO. MASSACCIO, VOLK
O Frechheit des Banditen,
das fordert Blut!
Wie sollen wir uns hüten
vor seiner Wut?

NASONI
Wo nehme zehntausend
Zechinen ich her?
Ich kann sie so leicht
nicht stehlen wie er!
Mein Sohn als Pfand bei ihm versetzt!
Wer löst ihn aus? Wie helf' ich jetzt?

CARLOTTA
mit plötzlichem Entschluss
Das Geld geb' ich, bin ich doch reich!

NASONI
Was höre ich, ist's wahr?

CARLOTTA
Sogleich
sei das verlangte Lösegeld
dem Räuber zugestellt!

NASONI
Zehntausend Zechinen sind es bloss!

ZENOBIA
unmutig
Und mich gab ganz umsonst er los!

CARLOTTA
Wer aber wagt es,
das Geld ihm zu bringen?

BENOZZO
Ich will es tun,
mir wird's gelingen!
Ich folg' der Pflicht
und zage nicht!

CARLOTTA, SORA, ZENOBIA, NASONI, MASSACCIO, VOLK
Er folgt der Pflicht
und zaget nicht!
Er zaget nicht!

BENOZZO
Voll Courage, ohne Beben
bring' kühn ich ihm sein Geld.
Will ein Beispiel dadurch geben,
wie sich benimmt ein Held!
Ich bin nicht mehr das Lämmchen,
ich fühle Heldenmut!
Und schäumend, siedend, zischend
rollt in mir das Büffelblut!

CARLOTTA, SORA, ZENOBIA, BENOZZO, NASONI, MASSACCIO
Wohlan! Wohlan!
Zum Ruhme führt die Bahn!

CARLOTTA, SORA, ZENOBIA, NASONI, MASSACCIO, VOLK
Nur Courage! Ohne Beben
bring ihm das Lösegeld!

BENOZZO
Nur Courage! Ohne Beben
bring' jetzt ich ihm sein Geld!

CARLOTTA, SORA, ZENOBIA, BENOZZO, NASONI, MASSACCIO
Wohlan! Wohlan!
Zum Ruhme führt die Bahn!

CARLOTTA, SORA, ZENOBTA, NASONI, MASSACCIO, VOLK
Ja, ein Beispiel sollst du geben,
wie sich benimmt ein Held!
Nui Courage! Ohne Beben,
sei ein Held,
bring ihm das Lösegeld
und zeige dich als kühner Held!
Er will sich ermannen,
zieht fröhlich von dannen,
dringt mit bemerkenswertem Mut
ins Hauptquartier der Räuberbrut!
Wenn's wirklich gelinget,
wenn heim er ihn bringet,
der in der Räuber Krallen schon,
kehrt wieder heim der teure Sohn,
dann wird ihm reicher Lohn!

BENOZZO
Ja, ein Beispiel soll ich geben,
wie sich benimmt ein Held!
Nur Courage! Ohne Beben,
als ein Held,
bring ich das Lösegeld
und zeige mich als kühner Held!
Ich will mich ermannen,
zieh' fröhlich von dannen,
dring' mit bemerkenswertem Mut
ins Hauptquartier der Räuberbrut!
Wenn's wirklich gelinget,
wenn heim ich ihn bringe,
der in der Räuber Krallen schon,
dann wird mir reicher Lohn!

ZWEITER AKT

Altertümlicher Salon im Schloss Santa Croce, im Hochparterre. Rings um den Salon herum ein schwerer geschnitzter und getäfelter Holzsockel. Altes Möblement. Links vorn ein Tafelklavier mit der schmalen Seite gegen das Publikum gestellt. Ein Diwan, Fauteuils, Blumentisch maskieren das Instrument etwas. Rechts ein breites hohes Fenster, das nach dem Garten sieht. Dahinter ein Kamin. Links eine Tür, zu Carlottas Gemächern führend. Rückwärts zwei hohe Türen, die, wenn sie geöffnet sind, Ausblick in einen reichmöbliertem Saal gewähren. Zwischen diesen Türen befindet sich eine solide, ins Mauerwerk gefügte eiserne Cassa, im Holzgetäfel des Sockels versteckt. Der Druck auf einen Knopf demaskiert deren Schlüsselloch. Ist sie geöffnet, sieht man hinter der schweren Eisentür mehrere Regale, auf denen einige alte Familienbücher, Pergamentrollen und einige alte Goldgeschirre stehen.


ERSTE SZENE
Marietta, dann Sora; Chor (hinter der Szene)

Nr. 7 - Zwischenaktmusik und Chor

CHOR
hinter der Szene
Hör doch die Töne, Estrella.
man tanzt Tarantella!
Berauschende Musik
bringt uns der Liebe süsses Glück.
Wem zuckt es nicht in den Füssen.
die Nacht zu geniessen?
Wer zaudert da noch lang,
wenn hell das Tamburin erklang?
Wer widersteht dir, Zauberklang

Dialog

MARIETTA
von links, im Kostüm eines Kammermädchens jener Zeit
Dio mio! Wenn die braven Leute nur einmal aufhören würden mit ihrer Serenata! Gratulieren zur Verlobung ist schön und gut, aber meine arme Gräfin hat Kopfweh und ...
geht ans Fenster, öffnet es, nickt und winkt mit dem Taschentuch
Ja! Wir glauben's euch! Wir glauben's euch!
Der Gesang wird schwächer.
Ah, sie entfernen sich, sie winken! Addio! Addio!
Der Gesang verhallt. Marietta schliesst das Fenster, trällert das Motiv mit, ordnet einiges im Zimmer, zieht die noch überzogenen Möbel ab.

SORA
von links auftretend
Die Gräfin ruht etwas, Marietta! Wenn der Herr Podestà kommt, soll er warten. Falls aber leise der Conte Erminio käme, soll man's ihr melden!

MARIETTA
schlau
Hm! Hm! Mit dem Sindulfo verlobt sie sich, und den Erminio ladet sie dazu ein! Na, beim Auskehren wird sich's ja finden!

SORA
Mir ist ebenfalls unbegreiflich, dass unsere Gräfin diesen Sindulfo von der traurigen Gestalt nimmt; aber der alte Nasoni lässt ihr keine Ruhe; will durchaus, dass die Verlobungsfeier schon heute stattfindet.

MARIETTA
spöttisch
Haha! Begreiflich! Seit die schönen runden Millionen drinnen in dem Schranke dort liegen, da hinter jener Tür, zeigt nach derselben
hat's der Alte gar eilig!

SORA
Die Gräfin fühlt sich durch ihr Wort an Sindulfo gebunden! Aber, ich lasse mir's nicht nehmen, der Erminio wär ihr lieber!

MARIETTA
Na, beim Auskehren wird sich's ja finden!

Beide plaudern, übers Klavier gelehnt, weiter.



ZWEITE SZENE
Die Vorigen, Zenobia

ZENOBIA
übellaunig eintretend
Wie, Marietta? Weisst du nichts Besseres zu tun heute, wo wir gegen hundert Gäste erwarten, als da zu tratschen und zu quatschen?

SORA
empört
Tratschen, Signorina?

MARIETTA
empört
Quatschen, Signorina?

ZENOBIA
herrisch
Schweigt!
zu Sora
Was machst du hier, Sora?

SORA
Mich hat die Gräfin rufen lassen, nur ihr zuliebe bleibe ich, denn ich bin in grässlicher Unruhe!

ZENOBIA
setzt sich auf ein überzogenes Fauteuil
Warum?

SORA
Ei, wegen meines Benozzo! Mehr als vierundzwanzig Stunden sind verstrichen, seit er mit dem Lösegeld an Gasparone abging, und er ist noch nicht zurückgekehrt!

MARIETTA
zu Zenobia
Bitte!

ZENOBIA
Was?

MARIETTA
Der Überzug!

ZENOBIA
steht auf
Ach so!

SORA
weinerlich
Ach, was mag der entsetzliche Räuber mit meinem guten Benozzo angefangen haben?

ZENOBIA
setzt sich wie früher auf ein überzogenes Fauteuil
Weine nicht, einfältiges Ding, wegen eines Mannes!

MARIETTA
unwillig über Zenobia, zu Sora
Signorina hat recht!
münzt ihre Rede auf Zenobia
Es gibt Leute, die gar keinen Mann haben und auch leben!

ZENOBIA
scharf
Meinst du damit mich?

MARIETTA
knickst
Nein, Signorina, mich!

ZENOBIA
Ich sah deutlich, wie du auf mich zeigtest!

MARIETTA
lebhaft
Ja, wenn Sie es selbst gesehen haben, wird es wohl so sein!

ZENOBIA
Genug, genug! Keinen Widerspruch, kecker Schnabel!

MARIETTA
scharf
Bitte!

ZENOBIA
Was?

MARIETTA
Der Überzug!

ZENOBIA
steht wütend auf
Ach so! Hinaus! Hinaus einmal! Und eins sage ich dir: mässige deine lose Zunge! Wenn nicht, gehst du aus dem Hause - oder ich!

MARIETTA
Na, beim Auskehren wird sich's ja finden!
geht mit Sora links ab


DRITTE SZENE
Zenobia (allein)

ZENOBIA
Ah! Haushalt besorgen, wenn das Innere blutet; Küche bestellen, wenn das Herz hungert; Keller inspizieren, wenn die Seele durstet... welch eine Tortur! O gemeine Prosa des Lebens, wie ekelst du mich an, seit ich in
Räuberhänden war!

Nr. 8 - Couplet

ZENOBIA
sinnend
Und doch ... und doch ist er nicht ohne, ah, dieser Gasparone!

1.
Der Blick von diesem Ungeheuer
schien grausam wohl, jedoch voll Feuer.
Er stand vor mir, so gross, so stramm,
ein Wolf vor einem zarten Lamm!
Die Hände zitternd hoch erhoben
fleht' ich ihn an, den schönen Mann!
Er schaut von unten mich bis oben
durchdringend an und lächelt dann.
Da fühlt' ich alle Fassung weichen;
ohnmächtig sank ich um, doch er
liess sinken mich, tat nichts dergleichen!

Es gibt ja keine Männer mehr!
Keine Männer mehr, keine Männer mehr!
Nein, nein, die gibt's nicht mehr!

2.
Ganz hilflos lag ich auf dem Sande,
dicht neben mir ein Teil der Bande,
die andern weiter im Gebüsch.
Es war romantisch, malerisch!
Bedenk' ich, was mir konnt' geschehen,
erstarret mir noch jetzt das Blut!
Vor Angst und Schreck wollt' ich vergehen,
dahin der Jungfrau Stolz und Mut!
Die wilde Schar auf öder Heide:
der Augenblick war kritisch sehr,
doch tat mir keiner was zuleide!

Es gibt ja keine Männer mehr!
Keine Männer mehr, keine Männer mehr!
Nein, nein, die gibt's nicht mehr!
setzt sich träumerisch auf den Diwan


VIERTE SZENE
Zenobia, Nasoni

Dialog

NASONI
stürmt von rückwärts herein
Nichts, nichts! Keine Spur von Benozzo und immer noch kein Sindulfo! Mit wem soll sich Carlotta verloben, wenn sie keinen Sindulfo hat?

ZENOBIA
die aus ihren Träumen unwillig aufschreckte
Warum auch das Verlobungsfest schon auf heute ansetzen, ohne Ihres Sohnes Rückkunft abzuwarten?!

NASONI
Vielleicht verlangt dieser Gasparone mehr Lösegeld?

ZENOBIA
höhnisch
Nun, hat die Gräfin für den Bräutigam zehntausend Zechinen gezahlt, wird sie schon noch was drauflegen!

NASONI
scharf
Den Bräutigam? Was wollen Sie damit sagen, Signorina?

ZENOBIA
Dass Ihr Sohn so viel Lösegeld gar nicht wert ist.

NASONI
scharf
Wenn Sindulfo ein überreifes Frauenzimmer wäre wie Sie, gäb Gasparone ihn vielleicht ohne Lösegeld frei!

ZENOBIA
wütend
Überreif?

NASONI
scharf
Sagen wir: alt!

ZENOBIA
wütend
Alt? ... Herr Podestà, man ist nur so alt, wie man aussieht!

NASON
giftig
Für so alt hätte ich Sie gar nicht gehalten!

ZENOBIA
stampft mit dem Fusse
Oh!
mit vor Wut erstickter Stimme
Was kostet es hierzulande, wenn man einen Podestà "Flegel" nennt?

NASONI
frech
Zwei bis drei Monate Einzelhaft!

ZENOBIA
Dann ...
bemeistert sich
dann will ich Sie lieber nicht ,,Flegel" nennen!
geht ab

NASONI
sieht Carlotta in Begleitung Erminios von links kommen
Da kommt die Gräfin; und wieder dieser Conte Erminio mit ihr! Oh, vergiften könnte ich diesen Menschen, vergiften! Das wär' ich meiner Gesundheit schuldig.
grüsst Carlotta


FÜNFTE SZENE
Nasoni, Carlotta, Erminio

CARLOTTA
Willkommen, padre mio! Nun... und Sindulfo?

NASONI
Ist noch immer nicht da! Sie sehen mich in heller Verzweiflung darüber!

ERMINIO:
ironisch
Also eine Verlobung ohne Bräutigam!
fein
Darf ich als Ersatz vielleicht indes mich anbieten?

NASONI
zwischen beide tretend
Nein, nein, danke!
für sich
Erdolchen könnt' ich diesen Menschen, erdolchen!
laut
Geduld, teure Carlotta! Ich habe eine ganze Postenkette ausgestellt, die uns meines Sohnes Rückkehr durch Schüsse anzeigt. Er wird bald hier sein!

CARLOTTA
heiter
Nun denn, vertreiben wir uns die Zeit indes, so gut es geht! Musizieren
wir!
tritt zum Klavier

NASONI
eifrig
Ja, ja, musizieren wir!

CARLOTTA
blättert in Noten
Da ist das Duett, welches Sie mir letzthin brachten 'Der einsame Schäfer!"

NASONI
Sie wollten es mit Sindulfo singen?!

CARLOTTA
Der leider nicht da ist!

ERMINIO
Darf vielleicht ich mich als Partner anbieten?

CARLOTTA
Bitte!

NASONI
für sich
Erwürgen könnt' ich diesen Menschen, erwürgen
laut zu Errninio
Singen Sie denn überhaupt?

ERMINIO
Bis ins hohe A. Singt Sindulfo?

NASONI
Bis ins hohe B, mein Herr! Bis ins hohe B, C, D, E. F, G, H, J, K, L, bis ins Z!

ERMINIO
Schade, dass er nicht da ist! Ich hätte ihn gebeten, mir sein ABC vorzusingen!

CARLOTTA
Nun, behelfen wir uns ohne ihn!
zu Erminio
Also, wir beide singen, und
zu Nasoni
Sie begleiten!

NASONI
verblüfft
Begleiten?

CARLOTTA
Nun ja!

ERMINIO
hämisch
Begleiten und umblättern!

NASONI
für sich, wütend
Durchblättern könnt' ich diesen Menschen, durchblättern!

CARLOTTA
Also?

NASONI
Ja, ja, meinetwegen
für sich
Oh, ich berste vor Wut!
setzt sich ans Klavier, spielt einige Akkorde, dann die einfach gesetzte Einleitung eines Duetts. Im Augenblick, wo Erminio den ersten Ton singt, unterbricht Nasoni sein Spiel.
War das nicht ein Schuss?

CARLOTTA
Gott bewahre, spielen Sie nur!

ERMINIO
Ich habe nichts gehört!

NASONI
brummig
Ich würde schwören, dass das ein Schuss war!

CARLOTTA, ERMINIO
Nein, nein! Weiter, weiter!

NASONI
spielt wieder die Einleitung. Im Augenblick, wo Erminio den ersten Ton singt, springt Nasoni auf, setzt sich auf die Klaviatur und schreit
Diesmal war's einer!

CARLOTTA, ERMINIO
Nein, nein!

CARLOTTA
Nur fort! Ich weiss nicht, was Sie haben! Spielen Sie, spielen Sie, spielen Sie nur!

NASONI
Aber' ich ...
im selben Augenblick, als er sich wieder setzt und spielen will, ertönen Schüsse, näher als die früheren. Er springt auf.
Diesmal ist' richtig! Kein Zweifel, man hat geschossen, er ist's! Es ist Sindulfo!
höhnisch zu Erminio
Jetzt wird er singen! Er! Und nicht Sie!
eilt zum Fenster, öffnet es und blickt gespannt hinaus


SECHSTE SZENE
Erminio, Carlotta, dann Nasoni

Carlotta will Nasoni folgen, Erminio vertritt ihr den Weg.

ERMINIO
Ein Wort, Gräfin! Lassen Sie mich den Moment benützen, Sie nochmals zu warnen!

CARLOTTA
Bitte, nichts Mehr davon! Sie kennen meinen Entschluss. Ich kann nicht zurück!

ERMINIO
Mit diesen Worten kennzeichnen Sie selbst Ihre Lage. Sie stehen im Begriff, eine Verbindung zu schliessen, gegen welche sich Ihr Herz sträubt, und...

CARLOTTA
unterbricht ihn
...Ich bitte, quälen Sie mich nicht! Ich muss ...
beherrscht sich
Ich will ... und gebe niemand das Recht, meinem Vorsatz entgegenzutreten!

Vivatrufe hinter der Szene

NASONI
kommt zurück vom Fenster
Eviva! Eviva! Oh, oh, ich kann mich vor Freude nicht fassen! Schüsse! Freudenrufe! Staub auf der Landstrasse! Er ist's, er ist's! Oh!
küsst und umarmt Carlotta leidenschaftlich
Ich muss Sie umarmen, Carlotta, küssen ... bin das meiner Gesundheit schuldig!

CARLOTTA
Ich teile Ihre Freude, Papa.

NASONI
Oh, ich kann meine Ungeduld nicht mehr bemeistern! Ihm entgegen, entgegen!
will ab


SIEBENTE SZENE
Die Vorigen, Marietta, dann Sora, Benozzo


MARIETTA
stösst mit Nasoni unter der Tür zusammen
Er kommt! Er kommt! Da ist er!

NASONI
weicht zurück
Sindulfo?

MARIETTA
Geschehen ist ihm nichts, nichts!

NASONI
Sindulfo?
will ab

SORA
stürzt Nasoni entgegen
Da ist er, da ist er! Und unbeschädigt!

NASONI
Sindulfo?

SORA
eilt zurück und zerrt Benozzo herein
Nein, Benozzo! So komm doch, mein Männchen!

BENOZZO
folgt ziemlich kleinlaut seinem Weibe
Da bin ich, da bin ich schon, mein Weibchen!

NASONI
ungeduldig
Nun also, was ist's? Wo ist mein Sohn Sindulfo?

BENOZZO
grüsst die Anwesenden
Ergebenster Diener, meine Herrschaften!

NASONI
Wo mein Sohn ist, will ich wissen!

BENOZZO
grüsst die Anwesenden, ohne sich um Nasoni zu kümmern
Mein teures Weib! Wie froh bin ich, dich nach so grässlicher Gefahr wieder umarmen zu können!
umarmt Sora

SORA
zärtlich
Mein Männchen!

NASONI
trennt beide
Macht diese Zärtlichkeiten zu Hause ab! Wo mein Sohn ist, will ich wissen!

BENOZZO
schüttelt Marietta die Hand, ohne sich um Nasoni zu kümmern
Die gute Marietta! Wie teilnahmsvoll sie mich anblickt!

MARIETTA
Und Gasparone hat Euch nichts angehabt, Benozzo?

NASONI
trennt beide, wütend
Wo ist Sindulfo? Unmensch!

BENOZZO
zu Marietta
Nein, gar nichts!

NASONI
Maledetto! Jetzt reisst mir die Geduld!
packt Benozzo am Kragen und schüttelt ihn
Wo ist Sindulfo?

BENOZZO
Wo soll er denn sein? Beim Gasparone!

CARLOTTA, SORA, MARIETTA, NASONI
schreien leicht auf
Ah!

BENOZZO
leise zu Erminio
Zucker und Kaffee!

NASONI
Entsetzlich! Dieser Bluthund war mit dem Lösegeld nicht zufrieden. Verlangt er mehr?

BENOZZO
Das weiss ich nicht.

NASONI
Mensch! Ich lasse dich peitschen, wenn du nicht sprichst! Du hast gestern das Lösegeld übernommen?

BENOZZO
Ja!

NASONI
Bist du damit zum "Ohr des Dionysos" geeilt?

BENOZZO
Ja! - Das heisst, ich bin nur bis zum Läppchen gekommen.

NASONI
Wie?

BENOZZO
Bis zum Ohrläppchen! Je weiter ich gegangen bin, desto weniger hat mein Büffelblut getobt. Und wie ich ganz nahe war, beim Ohr, da hat's ganz aufgehört zu toben: das Büffelblut.
mit Pantomime
Und die Schafsmilch ist nach oben gestiegen. 's reine Obers!

NASONI
Feiger Halunke!

CARLOTTA
teilnahmsvoll
Mein armer Nasoni!

ERMINIO
für sich
Braver Benozzo!

NASONI
niedergeschmettert
Ha! Elender Wicht! Wehe dir, wenn meinem Sindulfo nur ein Haar gekrümmt wird!
setzt sich verzweifelt

ERMINIO
leise zu Benozzo
Wo ist Sindulfo?

BENOZZO
leise, schnell zu Erminio
In unseren Keller eingesperrt, bei Zucker und Kaffee!

NASONI
mit raschem Entschluss
Wo ist das Lösegeld? Her mit den zehntausend Zechinen!

BENOZZO
Die hab' ich nicht mehr.

ALLE
Oh!

NASONI
Schuft, infamer! Was hast du mit dem Gelde gemacht?

BENOZZO
Ich hab's meinem Onkel Massaccio gegeben und ihm aufgetragen, es Gasparone zu bringen.

NASONI
Ah! Das schlägt dem Fass den Boden aus! Zehntausend Zechinen ... Massaccio, dem grössten Halunken von Syrakus!

BENOZZO
Herr Podestà, Sie vergessen sich! Mein Onkel ist ein ehrlicher Mann, für den ich bürge!

NASONI
Und wer bürgt für dich?

BENOZZO
Mein Onkel!

NASONI
rennt ausser sich auf und ab
Grässlich, grässlich! Was tun? Was tun?

CARLOTTA
Beruhigen Sie sich, teurer Freund! Wozu habe ich das viele Geld dort in der Kasse?
zeigt danach, zu Marietta
Marietta, bring mir die Kassenschlüssel!

MARIETTA
Zu Befehl!
geht links ab

NASONI
O Carlotta, teuerste Tochter, wie soll ich Ihnen danken?

CARLOTTA
herzlich
Verdanke ich nicht Ihren Bemühungen mein ganzes Vermögen?

NASONI
Wenn auch, aber...

CARLOTTA
Wenn es notwendig ist, senden wir noch heute dieselbe Summe an Gasparone.

MARIETTA
mit zwei kleinen Schlüsseln an einer Stahlkette zurückkehrend
Hier die Schlüssel, Frau Gräfin!

CARLOTTA
nimmt die Schlüssel
Danke. Es wird sich doch ein mutiger Mann finden, der den Weg zu Gasparone nicht scheut!
steckt die Schlüssel zu sich

BENOZZO
heldenmässig vortretend
Dieser mutige Mann bin ich! Jetzt fühle ich mich wieder Büffel! Wehe Gasparone! Wehe!

NASONI
schickt Benozzo beiseite
Mach, dass du weiterkommst, Tölpel ... mit deinem Büffelblut! Geh in einen Schafstall, dorthin gehörst du!

Musik


ACHTE SZENE
Die Vorigen, dann Ballgäste, Zenobia

Nr. 9 - Melodram, Chor und Ensemble

CARLOTTA
Das Orchester! Wir wollen unsere Gäste nicht umsonst geladen haben!
zu Nasoni
Heiter, heiter, Papa! Sindulfo wird uns zurückgegeben, dessen bin ich gewiss!
wendet sich nach rückwärts, wo sie sich mit Benozzo und Sora beschäftigt; Marietta öffnet beide Türen und geht hinter denselben nach rechts und links, als lade sie die Gesellschaft ein, einzutreten.

ERMINIO
leise zu Nasoni
Und so viel Edelsinn rührt Sie nicht, macht Sie nicht schamrot?

NASONI
frech
Schamrot?

ERMINIO
leise zu Nasoni
Sie bestehen auf einer Verbindung, zu der Sie der Gräfin Ja-Wort durch Lug und Trug gewonnen?

NASONI
fährt zusammen, fasst sich aber schnell
Ja, mein Herr! Ich bestehe darauf!
wendet sich nach rückwärts

ERMINIO
für sich
Dann bleibt nichts anderes übrig, als dass ich den grossen Coup ausführe!

CARLOTTA
Ah, meine Gäste!

Eintritt der Damen und Herren, die beim Eintreten Carlotta ehrfurchtsvoll begrüssen. Die Baligäste in französischer Kleidung jener Epoche. Unter ihnen einige Offiziere der Armee und der Marine. Nasoni begrüsst ebenfalls.

BALLGÄSTE
Durch dieses Schlosses weite Hallen,
das lang in Nacht und Schweigen lag,
lasst nun die heitren Klänge schallen;
es brach herein der junge Tag!

CARLOTTA
Der Freude wollen wir uns weihn!

NASONI
tragisch
Sindulfo ist noch immer fern!

CARLOTTA
In kurzem wird auf jeden Fall er wieder bei uns sein. Indes eröffnen wir den Ball.

ERMINIO
Ich tret' an seine Stelle gern und hoff', er wird mir dankbar sein!

NASONI
für sich
Vergiften könnt' ich diesen Herrn!
halblaut zu Erminio, der mit Carlotta plaudert
Mein Herr, Sie sind im Wege mir!

ERMINIO
verbindlich
Gern mach' ich Platz! Sie bleiben hier, ich geh' zum Tanz!
reicht der Gräfin den Arm

NASONI
wütend
Zum Teufel!
für sich
Mir wird schwach!

ERMINIO
sich zurückwendend, zu Nasoni
Wenn Ihr Herr Sohn kommt,
schicken Sie ihn nach!
geht mit Carlotta zu den mittleren Türen, die in den Saal führen

BALLGÄSTE
folgend
Durch dieses Schlosses weite Hallen,
das lang in Nacht und Schweigen lag,
lasst heitre Sänge jetzt erschallen;
es brach herein der junge Tag!

CARLOTTA
im Hintergrunde sich wendend, indem sie einige Paare an sich vorübergehen lässt, ehe sie im den Saal folgt
Wohlan, zum Ball! Ich bitte sehr!

NASONI
bleibt wütend vorn stehen
Kommt er mir nochmals in die Quer',
dann wehe ihm!
folgt Carlotta und Erminio

BALLGÄSTE
im Abgehen
Zum frohen Reihn!
Es herrsche heitre Lust allein!

ZENOBIA
auf der entgegengesetzten Seite von Nasoni vorn allein, wartet vergeblich, dass einer der defilierenden Herren ihr den Arm reicht
Na, na, na, na, na, na,
ha! Es gibt ja keine Männer mehr!
Keine Männer mehr, keine Männer mehr!
Nein, nein, die gibt's nicht mehr!
folgt den übrigen


NEUNTE SZENE
Benozzo (allein), dann Sora

Dialog

BENOZZO
hüllt sich in einen weiten Mantel
Ich will Sora aufsuchen und ihr mitteilen, dass ich die Nacht auswärts verbringe. Wir haben wieder eine Ladung geschmuggelter Ware zu bergen. Sora hat keine Ahnung davon, dass wir schwärzen - was soll ich ihr also weismachen? 's ist ein ahnungsloses Gemüt, mein Weibchen! Haha! Es glaubt noch heute, dass es Gasparone war, der ihm neulich im Hohlwege begegnete, es küsste! Und doch war ich's, der in rabenschwarzer Nacht mit geschwärztem Gesicht geschwärzte Waren paschte! Hm! Was soll ich ihr sagen, mein Ausbleiben heute Nacht zu entschuldigen?

SORA
kommt aus dem Saal; für sich
Die Gräfin verlangt einen Fächer …
will rechts ab, sieht Benozzo
Benozzo, du hier, und im Mantel? Willst du schon nach Hause?

BENOZZO
nimmt den Mantel ab, er trägt Pistolen im Gürtel; für sich
Hm! Am besten ist, ich spiel' den Eifersüchtigen, mache ihr eine kleine Szene.

SORA
Ob du nach Hause gehst, frage ich!

BENOZZO
spielt den Übelgelaunten
Ich kann gehen, wohin ich will, bin dir keine Rechenschaft schuldig!

SORA
erstaunt
Was?

BENOZZO
Du bindest mir auch nicht alles auf die Nase!

SORA:
Was ist denn das für ein Ton? Wo lernst du auf einmal solche Unarten?

BENOZZO
Die kann ich alle auswendig!

SORA
Seh' mir einer den Flegel an! Ist grob mit mir, statt der Vorsehung zu danken, dass sie mich zu seiner Frau machte!

BENOZZO
Die Vorsehung gibt uns die Mädchen. Zu Frauen machen wir sie!

SORA
verächtlich
Pah!

BENOZZO
Pah! Pah! Was soll dieses Pah heissen?

SORA
Dieses Pah heisst
schnalzt mit den Fingern
soviel als, du machst dir nichts aus mir!

BENOZZO
Das merke ich schon lange!

SORA
Wie?

BENOZZO
Du bist eine Kokette!

SORA
Ich?

BENOZZO
Ja! Gegen Nachbar Pamfilio artig, zuvorkommend

SORA
Ich?

BENOZZO
Vom Conte Erminio hast du dich küssen lassen

SORA
Mit deiner Erlaubnis!

BENOZZA
Ein braves Weib soll sich selbst mit seines Mannes Erlaubnis nicht küssen lassen!
stärker
Und Gasparone?

SORA
Gasparone?

BENOZZO
Hast du vergessen, dass er dich neulich im Hohlwege attackierte?

SORA
In allen Ehren!

BENOZZO
... dich küsste?

SORA
In allen Ehren!

BENOZZO
Was tat er sonst noch? Sprich! Sprich!


Nr.10 - Duett

SORA
's ist gar nicht schön, mit solchen Fragen
auf mich zu dringen ein!

BENOZZO
Dem Gatten muss man alles sagen,
dein Richter will ich sein!

SORA
Es ist nichts Böses ja geschehn!

BENOZZO
Nichts Böses? Nun, wir wollen sehn!

SORA
Du wirst schon sehn!

BENOZZO
Wir wollen sehn!

SORA
Stockfinster war die Nacht,
kein Mond, kein Sternlein wacht!
In solchem Dunkel kann
nicht deutlich sehen man!

BENOZZO
Das fängt ja ziemlich dunkel an!
Jedoch, lass sehn, was dann?

SORA
Stockfinster war die Nacht,
kein Mond, kein Sternlein wacht!
In solchem Dunkel kann
nicht deutlich sehen man!

BENOZZO
Doch ich sehe leider klar,
wie die Affaire war!

SORA
Nun, wohlan! Sag an!

BENOZZO
Erst nahm er zärtlich deine Hand,

SORA
unterbrechend
O nein, o nein! So war es nicht!

BENOZZO
... er drückte sie so recht galant,

SORA
O nein, o nein! Das tat er nicht!

BENOZZO
er hielt sie fest dann ziemlich lang!

SORA
O nein, o nein! Das ist nicht wahr!

BENOZZO
spöttisch
Und dir, und dir war gar nicht bang!

SORA
O nein, du weisst nicht, wie es war!
Ha, stockfinster war die Nacht,
kein Mond, kein Sternlein wacht!
in solchem Dunkel kann
nicht deutlich sehen man!

BENOZZO
Und dann?

SORA
stockend
Und dann nichts weiter mehr!

BENOZZO
fest
Nun, einen Kuss verlangte er?!
Und du?

SORA
einfallend
Ich wies ihn fest zurück!

BENOZZO
Da stahl ihn dir der Galgenstrick!
Und du, du hast's geduldet?

SORA
weinerlich
Ich habe nichts verschuldet!
Er stahl ihn trotz dem Widerstand,
weil er im Stehlen sehr gewandt!
weinend
Huhuhuhu!
Es war ja finstre Nacht!

BENOZZO
sie kopierend
Kein Mond, kein Sternlein wacht!
zornig
Ich kenne sie, die Melodie!
Und mir ist alles offenbar,
mit Nachdruck
denn wisse,
dass ich selbst der Räuber war!

SORA
Wie, du?

BENOZZO
Ja, ich! Ja, ich!

SORA
erstaunt
Warum nicht gar?

BENOZZO
Ja, ja, 's ist wahr!

SORA
Ha, nun wird mir sonnenklar,
was bisher noch dunkel war
bei dieser Finsternis!
Ist auch Übles nicht geschehn,
konnt' es leicht doch schlimmer gehn,
das ist nur zu gewiss!
Obzwar die Nacht stockfinster war,
seh' ich doch jetzt ganz klar!

BENOZZO
Ha, nun sieht sie sonnenklar,
was bisher noch dunkel war
bei dieser Finsternis!
Ist auch Übles nicht geschehn,
konnt' es leicht doch schlimmer gehn,
das ist nur zu gewiss!
Obzwar die Nacht stockfinster wai,
seh' ich doch jetzt ganz klar!

SORA
Nun siehst du, wie du dich blamiert,
wohin die Eifersucht dich führt!

BENOZZO
Und kannst du denn noch wagen.
die Augen aufzuschlagen?

SORA
Oh! An mir ist's jetzt, zu fragen!
Du wirst sogleich mir sagen,
was du in schwarzer Nacht
dort eigentlich gemacht?

BENOZZO
verdutzt
Wieso?

SORA
Gestehe, sprich, was triebst du, wie?

BENOZZO
für sich
Am besten ist's, ich mach's wie sie!
laut
Stockfinster war die Nacht,
kein Mond, kein Sternlein wacht!
In solchem Dunkel kann
nicht deutlich sehen man!

SORA
ärgerlich
Fang selbst dir deine Lieder an!
Was tatst du dort, sag an!

BENOZZO
Stockfinster war die Nacht,
kein Mond, kein Sternlein wacht!
In solchem Dunkel kann
nicht deutlich sehen man!

SORA
heftig
Doch mir ist's leider klar,
wie die Affaire war!

BENOZZO
Nun, sag an, sag an!

SORA
Du hattest dort ein Stelldichein,

BENOZZO
O nein, o nein, so war es nicht!

SORA
…du ludest dir ein Liebchen ein!

BENOZZO
O nein, o nein, so war es nicht!

SORA
Gesteh. gesteh! Sonst werd ich wild!

BENOZZO
Ich hab' ja gar nichts zu gestehn!

SOFIA
Du warst im Mantel dicht verhüllt!

BENOZZO
Das konntest du ja gar nicht sehn,
denn: stockfinster war die Nacht,
kein Mond, kein Sternlein wacht!
In solchem Dunkel kann
nicht deutlich sehen man!

SORA
Lass jetzt die Possen, Element!
Sonst sind auf ewig wir getrennt!
Gib Antwort meinen Fragen!

BENOZZO
Nun gut, so lass dir sagen:
was ist denn Schlimmes dran am End'?
leiser
Ich führte mit Massaccio dort
ganz heimlich Schmugglerwaren fort!

SORA
laut, sehr überrascht
Ein Schwärzer! Du?

BENOZZO
hält ihr den Mund zu
Nur still!

SORA
leise und erfreut
Ist's wahr?
Ich hielt für treulos dich,
ich will's gestehn!

BENOZZO
Was fällt dir ein?
Den Schwärzer hast
du allzu schwarz gesehn!
Mich lockt ganz anderer Gewinn;
auch heute muss ich wieder hin!

SORA
Was kümmert mich die Schmuggelei!

BENOZZO
Sie bringt mir Gold!

SORA
Wenn du mir nur als Gatte treu,

BENOZZO
Mehr als ich sollt'!

SOFIA
... magst weiter schmuggeln du!
Dass dabei nichts störe deine Ruh,
wünsch' ich recht schwarze Nacht dazu!

BENOZZO
Hahahaha!

SORA
Stockfinster sei die Nacht,
kein Mond, kein Sternlein wacht!
Denn in solchem Dunkel kann
nicht deutlich sehen man!
Dass eure Schmuggelei
sicher vor Spähern sei,
wünsch' ich dir gute,
das heisst eine kohlschwarze Nacht!

BENOZZO
Sie wünscht mir schwarze Nacht,
kohlrabenschwarze Nacht,
damit in dem Dunkel dann
niemand mich sehen kann!
Wahrlich, das brave Weib
kümmert nicht, was ich treib'!
Sie wünscht mir gute,
das heisst eine kohlschwarze Nacht!

Es wird nach und nach dunkel. Benozzo und Sora gehen rückwärts rechts ab.


ZEHNTE SZENE
Marietta (allein), dann Carlotta

Dialog

Im selben Augenblick, wo Sora und Benozzo abgehen, tritt Marietta von links rückwärts auf.

MARIETTA
Ei, ei, ei! Da drüben im Ballsaal scheint etwas vorgefallen zu sein! Der interessante Conte Erminio ist plötzlich verschwunden! Die Gräfin, bis dahin heiter und tanzlustig, ist verstimmt, echauffiert, will sich etwas zurückziehen, hat sich ein Glas Limonade bestellt! Das ist immer ein Zeichen übler Laune bei ihr!
will links abgehen; es donnert

CARLOTTA
tritt von links hinten auf
Marietta!

MARIETTA
Frau Gräfin?

CARLOTTA
Rasch ein Tuch! Mich fröstelt!

MARIETTA
Gleich!
für sich
Vorhin war ihr warm, jetzt fröstelt sie's wieder!
eilt links ab

CARLOTTA
geht aufgeregt ans Fenster, stösst es auf, gleichzeitig hört man Donner
Es jagt ein Gewitter übers aufgeregte Meer daher, das passt so recht zu meiner Stimmung!

MARIETTA
mit einem Tuch und einer Platte, auf welcher ein Glas Wasser steht und ein Kaffeelöffel liegt
Hier, Frau Gräfin! Limonade zum Abkühlen und
leicht spöttisch
ein Tuch zum Wärmen!
stellt die Platte auf einen Tisch; gibt Carlotta das Tuch um, in das sich diese rasch hüllt

CARLOTTA
trinkt
Ich muss einen Moment ruhen! Lass mich allein!
setzt sich

MARIETTA
Zu Befehl!
fährt bei einem starken Blitz, dem ein heftiger Donner folgt, sich bekreuzigend, zurück
Alle guten Geister! War das ein Blitz!
verstopft sich die Ohren
Puh, und der Donner!

CARLOTTA
ärgerlich
Ja, ja, schon gut! Mach endlich, dass du fortkommst!

MARIETTA
Mein Gott, ich gehe ja schon, ich gehe ja schon! Man wird sich doch noch fürchten dürfen!
geht kopfschüttelnd nach hinten ab
Hat die Frau heute eine Gewitterlaune! Ich gehe, damit's nicht einschlägt!

Es wird ziemlich dunkel, flammende Blitze erhellen zeitweise durchs rechte Fenster den Salon; der Donner grollt fort.


ELFTE SZENE
Carlotta (allein), dann Erminio


CARLOTTA
Ah!
geht nervös-erregt auf und ab
Dieser Zustand ist unerträglich! Dieser Kampf zwischen Pflicht, Ehre und - warum soll ich's nicht aussprechen? - Liebe. Ja, Liebe! Dieser Kampf reibt mich auf!
setzt sich links in einen Lehnstuhl, stützt melancholisch den Kopf auf die rechte Hand
Schreckliches Los! Meine erste Ehe mit einem alternden Manne freudlos, und die zweite mit…
sinnt nach


Nr. 11 - Szene und Duett

sehr fernes Gewitter und Wetterleuchten

CARLOTTA
kehrt langsam vom Fenster zurück und lässt sich sinnend auf dem Diwan nieder
Dunkel breitet sich über das Meer
der Donner rollt,
Blitze zucken, die Luft ist schwer .
ein Wetter grollt.

ERMINIO
springt, nachdem er sich, umgesehen, leicht und ohne Geräusch durchs Fenster. Er ist in einen Mantel gehüllt; für sich
Fast erbeb' ich, ob auch gelingt.
was ich erdacht,
doch vertraun will ich unbedingt
der Liebe Macht!

CARLOTTA
für sich
Bin ich allein,
allein mit meinen Gedanken,
beginnt mein Mut zu wanken,
ich denke sein!
vergräbt ihr Gesicht in den Händen

ERMINIO
für sich
Ans Werk denn ohne Schwanken,
es muss ja sein!
spricht
Doch Vorsicht!
Erst den Rückzug gesichert!
versperrt beide rückwärtige Türen; beim Sperren der zweiten auf der rechten Seite entsteht ein heftiges Geräusch.

CARLOTTA
fährt auf
Marietta, bist du da?
steht auf; ein Blitzstrahl erleuchtet das Zimmer und zeigt ihr Erminio; erschrocken
O Gott, ein Mann ist hier!

ERMINIO
einen Schritt näher tretend
Ich bitte, keinen Laut!

CARLOTTA
ihn erkennend, etwas beruhigter
Sie sind es? Sie bei mir?
Wie kommen Sie herein?

ERMINIO
unbefangen
Durchs Fenster stieg ich ein!

CARLOTTA
betroffen
Für einen Ehrenmann
recht seltsam immerhin!

ERMINIO
leicht
Für einen Ehrenmann?
Wer weiss, ob ich das bin.

CARLOTTA
beleidigt
Genug mit diesem Ton!
Sie gehen, oder ich!
geht entschlossen zur Tür

ERMINIO
ohne sich zu rühren
Das sah voraus ich schon.
Umsonst bemühn Sie sieh,
verschlossen ist die Tür.
da Carlotta eine Bewegung macht, nach der anderen Seite zu gehen
Die andre auch!

CARLOTTA
Weh mir!
Verlassen Sie das Haus,
sonst ruf' urn Hilfe ich!
ergreift die Glocke

ERMINIO
Auch das sah ich voraus.
lässt den Mantel fallen, hält in jeder Hand eine Pistole und zielt mit der rechten auf Carlotta
Sie würden zwingen mich,
recht ungalant zu sein,
wenn Sie zu rufen wagen.
Da Carlotta die Kraft versagt, unterstützt er sie und geleitet sie zum Diwan.

CARLOTTA
sucht sich zu fassen
Sie dringen heimlich ein,
bei Nacht, bewaffnet gar!
Das ist …

ERMINIO
... ich muss es sagen,
verdächtig offenbar!

CARLOTTA
fest
Und gegen alle Sitte!
Warum bedrohn Sie mich?

ERMINIO
Den Schlüssel nur erbitte
zu jenem Schranke ich!
deutet auf dem Wandschrank

CARLOTTA
Der Scherz geht etwas weit!

ERMINIO
Kein Scherz! Mir tät es leid,
macht einen Schritt näher
wenn ich gezwungen wäre

CARLOTTA
entsetzt
Gewalt?

ERMINIO
Nicht Ihrer Ehre
soll Gefahr hier drohn,
nein, nur der Million!

CARLOTTA
verwirrt
Ein Räuber wären Sie?
Ist's Wahrheit, was ich seh'?

ERMINIO
leicht
Mein Gott, was wollen Sie,
s ist einmal mein Metier!
lustig
Nur Gold will ich holen,
nichts andres mich zieht,
ein wirklicher Räuber,
ein echter Bandit!
Ich kann Sie versichern,
bei mir trügt der Schein,
mein Äussres ist nobel,
mein Innres gemein!
Wohl weiss Ihre Reize
zu würd'gen ich sehr,
allein die Millionen,
die reizen noch mehr!

CARLOTTA
für sich
Nur Gold will er holen,
nichts andres ihn zieht,
als wirklicher Räuber,
als echter Bandit!

ERMINIO
Nur Gold will ich holen.
nichts andres mich zieht,
als wirklicher Räuber,
als echter Bandit!
Was man in der Tasche
nicht forttragen kann,
das bleibt mir stets heilig,
das rühr' ich nicht an!
Es gibt ein altes Lied,
da singt der Bandit:
Wird erfüllt mein Verlangen,
bleib' ich sanft,
nicht braucht Ihr zu bangen!
Ja, wenn man zahlt,
bin ich galant,
ja, wenn man zahlt,
bin ich charmant!
Nur gegen bar,
kling, kling, kling, kling,
geh' ich euch frei,
ha, ha, ha, ha!
Nur gegen bar,
kling, kling, kling, kling,
sonst droht Gefahr!

CARLOTTA
für sich
Wär es wahr?
Was ich empfand,
bin zu deuten
ich kaum imstand!
Nur gegen bar
gibt er mich frei?
O San Giovanni, mich bewahr
vor der Gefahr!

ERMINIO
Nur gegen bar!
Beenden wir die Sache!
Zu lang hab' ich Sie derangiert.

CARLOTTA
immer leidenschaftlicher
Und wenn ich Lärm nun mache?
Sie werden arretiert,
gefesselt, fortgeführt,
verurteilt vom Gerichte!

ERMINIO
leicht
Und aufgehängt sodann!
So endet die Geschichte
wahrscheinlich
recht peinlich,
die doch so schön begann!
Drum muss ich mich beeilen.
darf nicht so lang hier weilen,
bis man mich hier gefunden!
dringend
Den Schlüssel!
Carlotta reicht ihm schweigend den Schlüssel.
ihn nehmend
Sehr verbunden!
während Erminio den Schrank öffnet und behutsam das Portefeuille herausnimmt und den Inhalt überprüft

CARLOTTA
für sich
Ach, was muss ich entdecken?
's ist nicht Angst nur und Schrecken,
was mein Herz jetzt durchglüht!
Nein, er ist kein Bandit,
nimmer kann ich es glauben,
dass er kam, um zu rauben!
Wer löst dies Rätsel nur?
Wer hilft mir auf die Spur?

ERMINIO
Das schöne Kapital,
das hier verschlossen ruht,
soll Ihnen Zinsen tragen,
ich leg' es an sehr gut!
sich artig verabschiedend
Sie werden gütig mir verzeihn!
Beklagenswert ist mein Geschick:
das Schönste lasse ich zurück,
nahm schnöden Mammon nur allein!

CARLOTTA
ironisch dankend
Galanter kann man nicht mehr sein!

ERMINIO
Ha! Wird erfüllt mein Verlangen,
bleib' ich sanft,
nicht braucht Ihr zu bangen!
Ja, wenn man zahlt,
bin ich galant,
ja, wenn man zahlt,
dann bin ich charmant!

CARLOTTA
für sich
Ob Schrecken auch dies Herz durchzieht,
zu Erminio
andres Gefühl nicht in mir glüht!
Nehmt, was Ihr wollt,
nehmt all mein Gold,
doch nun eilet schnell fort!
Entflieht!

ERMINIO
schwingt sich aufs Fenster, während ihm Carlotta angstvoll nachstarrt
Ruhen Sie sanft, reizende Frau!
Bitte sich nicht zu bemühn!
Ich kenn' den Weg sehr genau!

CARLOTTA
halb ohnmächtig in den Sessel sinkend nächst dem Fenster
Meine Kraft ist dahin!

ERMINIO
springt aus dem Fenster
Adieu! Adieu!


ZWÖLFTE SZENE
Carlotta (allein).
Marietta, Zenobia (hinter der Szene)


Dialog

Carlotta liegt halb in Ohnmacht.

MARIETTA
hinter der linken Tür
Frau Gräfin! Frau Gräfin! Das Souper ist bereit!

ZENOBIA
hinter der rechten Tür
Frau Gräfin! Frau Gräfin! Die Gesellschaft wartet!
Beide klopfen; kurze Pause

BEIDE
hinter den Türen
Frau Gräfin!

ZENOBIA
hinter der Szene
Was ist das? Sie antwortet nicht?!

MARIETTA
hinter der Szene
Vorhin fühlte sie sich nicht wohl!

BEIDE
hinter der Szene
Hilfe! Hilfe!


DREIZEHNTE SZENE
Carlotta, Zenobia. Marietta, dann Nasoni, Ballgäste, später Männer; Sora, zwei Diener

Zwei Diener brechen die rückwärtigen Türen auf. Marietta eilt auf die Gräfin zu, nimmt sich ihrer hilfreich an.

ZENOBIA
blickt im Salon umher
Mein Himmel, die Gräfin in Ohnmacht? Das Fenster offen ... die Kasse erbrochen ... beraubt!


Nr.12 - Finale

MARIETTA, ZENOBIA
Herein! Herein!
Nur alles herein!
Kommt sehn, kommt sehn,
welch Unheil geschehn!

BALLGÄSTE
Was ist geschehn?
Was gibt's zu sehn?

ZENOBIA
Ein Raub, ein Einbruch.
es ist klar!

NASONI
hereinlaufend
Ein Raub. ein Einbruch.
ist es wahr?

ZENOBIA
Kein Zweifel! Seht nur her.
die Cassa offen. leer!

BALLGÄSTE
Die Cassa offen, leer!
Was braucht's Beweise mehr?

NASONI
Die Million!
Wer hätt's geglaubt,
wär heute schon
entführt, geraubt?
Wer war's, wer drang hier ein'?
Wo finden wir die Spur'?

MARIETTA
Die Gräfin war allein,
kann Auskunft geben nur!

Carlotta, die sich, von Marietta betreut, unterdessen erholt hat, erhebt sich.

NASONI
zu Carlotta
Sprecht, wer mit Frevlerhand
hier eingegriffen, wer'?

CARLOTTA
verlegen, stockend
Er ist mir unbekannt.
fragt mich nicht weiter mehr.

NASONI
Kein Zweifel mehr,
das war Er!

BALLGÄSTE
Wer? Er?

NASONI
Ich sage gar nichts mehr
als das war Er!
So lasset uns den suchen,
wir holen ihn noch ein,
den Schuft, dem wir fluchen!
Bestraft soll er sein!

BALLGÄSTE
Schleppt ihn her, wer's auch sei!
Keinen einz'gen lasset frei!

MÄNNER
hinter der Szene
Wir haben ihn, wir haben ihn,
er soll uns nicht entfliehn!
Nein, solch ein Wicht,
darf länger nicht
verhöhnen das Gericht!

NASONI
Sie haben ihn schon.
Sie bringen ihn ein!
Das muss Gasparone sein!


VIERZEHNTE SZENE
Die Vorigen. Benozzo


NASONI
Ans Licht! Damit sich zeig'.
wer es gewesen sei!

Benozzo, in Mantel und breitkrempigem Hut, wird von den Männern hereingebracht.

BALLGÄSTE
Benozzo ist's!

SORA
leise zu Benozzo
Wo warst du, sprich?

BENOZZO
leise zu Sora
Sie störten mich
in schönster Schmuggelei!

BALLGÄSTE
Benozzo ist's!
Wo kommt er her?

NASONI
So sprich, gestehe nun.
was draussen du gemacht!
Was hattest du zu tun
bewaffnet in der Nacht?

SORA
leise zu Benozzo
Jetzt lüge schnell etwas!

BENOZZO
leise zu Sora
Nichts leichter als das!
laut

1.
Nach schimpflicher Blamage,
von der ihr habt gehört,
war wieder die Courage
zurücke mir gekehrt!
Sobald das Büffeiblut
die Oberhand gewann,
kam wieder mir der Mut,
die Schafsmilch, sie gerann!
Ich muss ihn ganz allein
und ohne Lösegeld
durch tapfre Faust befrein!
So macht's der echte Held!
Weh dir, du Bösewicht!

NASONI
Und hast du ihn?

BENOZZO
gleichmütig
Noch nicht! Noch nicht!
Doch tat ich meine Pflicht!
Noch nicht! Noch nicht!
Doch tat ich meine Pflicht!

SORA, MARIETTA, ZENOBIA, BALLGÄSTE
Noch nicht! Noch nicht!
Doch tat er seine Pflicht!

BENOZZO
2.
Da schlich's heran verdächtig,
im Dunkel die Gestalt!
Ach, dacht' ich, das geht prächtig.
na wart, dich hab' ich bald!
Schon hob ich mein Gewehr,
da fiel zum Glück mir ein,
dass es viel besser wä r,
man fängt ihn lebend ein!
Ganz leise nah' ich mich,
will so ihn packen grad,
da packen diese mich,
und meine Heldentat
man grausam unterbricht!

NASONI
Und hast du ihn?

BENOZZO
Noch nicht! Noch nicht!
Doch tat ich meine Pflicht!
Noch nicht! Noch nicht!
Doch tat ich meine Pflicht!

SORA. MARIETTA, ZENOBIA, BALLGÄSTE
Noch nicht! Noch nicht!
Doch tat er seine Pflicht!

NASONI
Kerl, was schwatzest du da für Zeug!

BENOZZO
Als sie lärmten, floh er weiter!

NASONI
wendet sich von Benozzo ab
Vorwärts denn, das ist gescheiter,
jagt ihm nach! Hinaus sogleich!
Männer ab
Die ganze Bevölk'rung sperret mir ein,
da wird doch der Rechte drunter sein!

MÄNNER
hinter der Szene
Wir haben ihn, wir haben ihn,
Er soll uns nicht entfliehn!
Nein, dieser Wicht,
darf länger nicht
verhöhnen das Gericht!


FÜNFZEHNTE SZENE
Die Vorigen, Massaccio

Diesmal schleppen die Männer den in einen Mantel gehüllten Massaccio herein.

NASONI
triumphierend
Ha! Diesmal ist's der Echte!

MASSACCIO
dem man Hut und Mantel abnahm
Nein, ich bin nicht der Rechte!
Doch war bei den Banditen
ich mit dem Lösegeld,
und bald wird Herr Sindulfo
uns franco zugestellt.
Das schwor der Bösewicht.
Männer ab

NASONI
Und hast du ihn?

MASSACCIO
Noch nicht! Noch nicht!
Doch tat ich meine Pflicht!
Noch nicht! Noch nicht!
Doch tat ich meine Pflicht!

SORA, MARIETTA, ZENOBIA, BALLGÄSTE
Noch nicht! Noch nicht!
Doch tat er seine Pflicht!

NASONI
Hin ist das Lösegeld,
verzweifelt
hin ist auch die Million,
und ich hab' gar nichts mehr.
hab' nicht mal meinen Sohn!

MÄNNER
hinter der Szene
Da bringen wir noch einen,
wir haben jetzt den Dritten!


SECHZEHNTE SZENE
Die Vorigen, Sindulfo

Die Männer führen Sindulfo, ebenfalls in Hut und Mantel, herein.

NASONI
Da bringen sie noch einen!
Ah, da muss ich doch bitten!
zu Sindulfo, der mit dem breiten Hut bedeckt, von einigen festgehalten wird, gravitätisch
Du nächtlicher Tourist,
gestehe, wer du bist!
Räuber kann sich jeder nennen,
das muss man beweisen können!
Kannst du's, sei willkommen mir,
bist du ehrlich, fort von hier!

BALLGÄSTE
Bist du Gasparone, sprich?
Bist du's nicht, so packe dich!

SINDULFO
dem man Hut und Mantel abnimmt
Aber Papa!
Ich bin es ja!

NASONI
Mein Sohn Sindulfo wieder da?!

BALLGÄSTE
Der Räuber war sein Sohn. haha!

NASONI
Mein Sohn ist wieder da!

SINDULFO
Papa!

NASONI
Den ich so lang nicht sah!

SINDULFO
Papa!

NASONI
Ich fand ihn. Heureka!
Er ist mir endlich nah!

SINDULFO
Ich bin da!

CARLOTTA
für sich
Mein Bräutigam ist da

SINDULFO
Papa!

CARLOTTA
für sich
und die Entscheidung nah!

SINDULFO
Papa!

CARLOTTA
für sich
Was hier indes geschah
scheint mir ein Traum beinah!

SINDULFO
Ich bin da!
Papa!

SORA, MARIETTA, ZENOBIA, BENOZZO, MASSACCIO
Ein rührend Bild steht da,
wie man noch keines sah!

NASONI
Er ist da, mir wieder nah!

BALLGÄSTE
Er ist da!

SORA, MARIETTA, ZENOBIA, BENOZZO, MASSACCIO
Der Sohn mit dem Papa,
sie sind sich wieder nah!
Er ist da!

BALLGÄSTE
Er ist da!
Sindulfo ist es ja!

NASONI:
Er ist da! Er ist da!

SINDULFO
Papa! Ich bin da!

BALLGÄSTE
Unglaublich ist's beinah!
Weil er nun endlich da,
erfährt man, was geschah!
Er ist da! Er ist da!

CARLOTTA
Weil er nun endlich da,
erfährt man, was geschah!
Mein Bräutigam ist da!
Er ist da!

SORA, MARIETTA, ZENOBIA, BENOZZO, MASSACCIO
Weil er nun endlich da,
erfährt man, was geschah!
Er ist da!

NASONI
Er ist nun wieder da!
Er ist da!

SINDULFO
Ich bin nun wieder da!
Papa, ich bin da!

NASONI
nachdem er Sindulfo von allen Seiten untersucht hat, freudig
Er ist ganz unverletzt!
Doch gib uns Auskunft jetzt,
wo warst du? Rede, sprich!

SINDULFO
Die Räuber schleppten mich
in ein stockfinstres Kellerloch,
wo's nach Kaffee und Zucker roch!

NASONI
Wie? Zucker und Kaffee?

SORA
Aha, ich versteh'!

BENOZZO
leise zu Sora
's war unser Atelier!

NASONI
Aber sag nur, wo und wer?

SINDULFO
Das zu sagen, ist sehr schwer,
weil die Augen mir verbunden!
Einsam sass ich manche Stunden,
dachte dabei gelegentlich
nach Carlotta schmachtend
an meine Braut, so heiss ersehnt,
und mir ward gar so wunderlich!

NASONI
ungeduldig
Weiter! Weiter!

SINDULFO
Plötzlich tönt
eine Stimme durch die Nacht,
die bekannt mir schien:
"Lasst den Tölpel fliehn,
alles ist schon abgemacht!
Nur Gold wollt' ich haben,
nichts andres mich zieht,
als wirklicher Räuber,
als echter Bandit!"

CARLOTTA
entsetzt, für sich
So war's Gasparone,
es war der Bandit,
für den bange Sorge
das Herz mir durchzieht!

ALLE
ohne Carlotta
Wohlan, ihm nach!
Nur fort, ihm nach!
Ihn einzuholen, eilet nach!
Dann wehe dir, Gasparone!
Nur fort, ihm nach
und rächt die Schmach!

CARLOTTA
für sich
Weh! Ach, kein Zweifel waltet nunmehr,
der Bandit, der Räuber war er!
Was muss ich entdecken,
kaum berg' ich meinen Schrecken,
doch muss ich schweigen,
nur Gleichmut zeigen!
Mir selbst es sagen,
darf kaum ich wagen.
Ich kann's nicht glauben.
Nur Gold zu rauben
war sein Begehr
nimmermehr, nein, nein!

ALLE
ohne Carlotta
Solcher Frechheit kann doch allein
Gasparone fähig nur sein!
Doch wiederzuholen.
was kühn er hier gestohlen,
ihm ohne Zagen
es abzujagen,
das muss gelingen
vor allen Dingen!
Das Gold zu rauben.
's ist kaum zu glauben.
dass solch Malheur
denkbar wär!

CARLOTTA
für sich
Doch muss ich schweigen,
nur Gleichmut zeigen!
Mir selbst zu sagen,
darf kaum ich wagen.
Ich kann's nicht glauben:
nur Gold zu rauben
war sein Begehr
nimmermehr!

NASONI
Jetzt auf!
Dem Räuber nachgejagt!

SINDULFO
will zu Carlotta
Noch nicht!
Erst rufet mich die Pflicht!
Gern hätt' ich der Gräfin
ein Wort gesagt!

NASONI
hält ihn zurück
Noch nicht!
Erst rufet uns die Pflicht!

SINDULFO
Nun bin ich frei,
und sie wird mein!

NASONI
beiseite
Zu früh, zu früh, o weh, o weh!

SINDULFO
will abermals hin
Lass endlich die Verlobung sein!

NASONI
Zu spät, zu spät, o jemine!

SORA, MARIETTA, ZENOBIA, BENOZZO, MASSACCIO
Nun eilet ihm nach!
Nein, es ist kein Zweifel mehr,
dass der Räuber er!

CARLOTTA
Nein, es ist kein Zweifel mehr.
dass der Räuber er!

BALLGÄSTE
Es waltet kein Zweifel,
der Räuber war er!

NASONI
leise zu Sindulfo
Sie hat ja keine Millionen mehr!
laut
Die Gräfin braucht jetzt Ruhe sehr!
Ihr andern, auf jetzt, unverzagt!
Dem frechen Räuber nachgejagt!
Ihn, den alle Häscher suchen,
ihn, dem alle Lippen fluchen,
ihn, den alle Wälder kennen,
ihn, den Räuber Bruder nennen.
ihn, von dem man schaudernd spricht.
ihn erwisch' ich doch,
ihn, ihn, ihn,
höchstwahrscheinlich noch,
ihn erwisch' ich doch
höchstwahrscheinlich noch!

SORA, MARIETTA, ZENOBIA, BENOZZO, MASSACCIO, BALLGÄSTE
Ihn erwischt er doch
höchstwahrscheinlich noch!

SORA, MARIETTA, ZENOBIA, BENOZZO, SINDULFO, NASONI, MASSACCIO, BALLGÄSTE
Ihm nach, ihm nach!
Solcher Frechheit kann doch allein
Gasparone fähig nur sein!
Doch wiederzuholen,
was kühn er hier gestohlen,
ihm ohne Zagen
es abzujagen,
das muss gelingen
vor allen Dingen!
Das Gold zu rauben,
s ist kaum zu glauben,
dass solch Malheur
denkbar wär!
Kein Zweifel mehr,
er kam hierher!
Er war uns nah!
Das war kein anderer als ei!
Er ist noch da,
ganz nah!

CARLOTTA
Weh mir!
Ha, was muss ich entdecken!
Mir selbst es sagen,
darf kaum ich wagen.
Ich kann's nicht glauben:
nur Gold zu rauben,
war sein Begehr
nimmermehr!
Doch war er da!
Er war mir nah,
war da!

Alle wenden sich zum Gehen. Nasoni zieht Sindulfo mit sich. Carlotta wird von Zenobia und Sora gestützt.

DRITTER AKT

Freier Platz in Syrakus, auf einem gegen das Meer abfallenden Hochplateau gelegen. Links vorn das Rathaus mit prächtigem Eingang. Vor demselben eine mächtige Palme, unter der später das Standgericht im Freien abgehalten wird: vorläufig stehen ein langer Tisch und mehrere Stühle unter derselben. Rechts Häuser; der Prospekt bildet eine Stadtvedute: hinter einer nach abwärts steigenden Strasse sieht man das Meer. Nach rückwärts ist die Bühne mittels einer steinernen Balustrade abgeschlossen, durch die ein Eingang besteht, der mittels Treppe nach abwärts führt.


ERSTE SZENE
Sora, Benozzo, Massaccio, Volk (Frauen, Mädchen, Männer), ein Leutnant, ein Fahnenträger, zwei Trompeter, eine Abteilung Carabinieri

Nr. 13 - Chor

Frauen, Mädchen und Männer, unter ihnen Sora, Benozzo und Massaccio blicken und deuten erwartungsvoll auf die aufmarschierenden Carabinieri.

CHOR DER CARABINIERI
aufmarschierend
Die Carabiniers marschieren ein
und stelin die Ordnung her!
Die Carabiniers marschieren ein,
drum fürchtet euch nicht mehr!
Wir nehmen hier
bei euch Quartier,
um eure Beschützer zu sein.
Auch Appetit
bringt jeder mit,
lasst sehn, was habt ihr für Wein!
Respekt vor der bewaffneten Macht!
Ihr Fraun und Mädchen, habet wohl acht,
die Carabiniers marschieren ein,
um Sieger hier zu sein!

Nachdem die Carabinieri in der Mitte der Bühne Stellung genommen, pflanzt man die Fahne schräg in die Palme, wo sie ein Mann befestigt.

LEUTNANT
Er liest aus einer gedruckten Rolle
"Für Stadt und Bezirk Syrakus wird bis zur Habhaftwerdung des Räubers Antonio Gasparone und seiner Genossen hiermit das Standrecht publiziert. Im Namen des Königs: das königliche Obergericht!"
Die Rolle wird an die Palme geheftet. Der Leutnant geht in das Haus des Podestà. Die Carabinieri marschieren ebenso ab, wie sie gekommen sind.

FRAUEN, MÄDCHEN, CARABINIERI
Die Carabiniers marschieren ein
und stelin die Ordnung her!
Die Carabiniers marschieren ein,
drum fürchtet euch nicht mehr!

FRAUEN, MÄDCHEN
Sie nehmen hier
bei uns Quartier,
um unsre Beschützer zu sein!

CARABINIERI
Wir nehmen hier
bei euch Quartier.
um eure Beschützer zu sein!

FRAUEN, MÄDCHEN, CARABINIERI
Auch Appetit bringt jeder mit.
lässt gern sich schmecken den Wein!
Respekt vor der bewaffneten Macht!
Ihr Fraun und Mädchen, habet wohl acht,
die Carabiniers marschieren ein,
um Sieger hier zu sein!

Die Carabinieri mit Fahnenträger und Trompetern sind abmarschiert. Das Volk zerstreut sich.


ZWEITE SZENE
Benozzo, Massaccio, Sora

DiaIog

BENOZZO
vorn, sich verlegen den Kopf kraulend, halblaut
Nun, Onkel Massaccio. was sagst du dazu! Das Standrecht?!

MASSACCIO
halblaut
Pah, was kümmert's mich? Sind wir vielleicht Räuber?

BENOZZO
Das nicht, aber Schmuggler!

MASSACCIO
So lange das Standrecht dauert, werden wir eben nicht schmuggeln!

BENOZZO
Recht geschieht uns! Wozu haben wir den Gasparone an die Wand gemalt! Wüsst' ich nur, wer den Raub an der Gräfin in seinem Namen ausgeführt hat?!

MASSACCIO
Ein kecker Streich! Doch was kümmert's uns? Fort, nach Hause!

BENOZZO
Ich muss den Conte Erminio noch aufsuchen. Er befahl es.
zu Massaccio halblaut
Zucker und Kaffee!

SORA
Und ich soll der Gräfin dies Billet des Podestà bringen.
zeigt ein Billet

MASSACCIO
Also dann auf heute abend! Verratet euch nicht, das Standgericht versteht keinen Spass!

BENOZZO
Und erschiesst die Missetäter. Wenn sie sich erwischen lassen!

SORA
weinerlich
Ach Gott. wenn nur meinem Benozzo kein Leid geschieht!
klammert sich an ihn

MASSACCIO
Unsinn!
Sora weint.
Flenn nicht, einfältiges Ding!

BENOZZO
Geh. geh, mein Schatz!

SORA
karikiert
Ach, Benozzo!
umarmt ihn

BENOZZO
karikiert
Ach, Sora!
umarmt sie

MASSACCIO
drängend
Vorwärts! Vorwärts!

BENOZZO
Ja, geh, mein Schätzchen, geh!

SORA
weinend
Ach, wenn ihm nur nichts geschieht!
geht weinend, von Massaccio gezogen, links ab


DRITTE SZENE
Benozzo (allein)

BENOZZO
Wie sie mich liebt, die gute Sora! Wie besorgt sie ist, dass mir etwas geschehen könnte! Oh, oh!
wirft ihr Kusshânde nach
In der Lotterie "Ehe" hat mir Gott einen Treffer beschert mit dieser Frau! Ich hab' es vor der Heirat auch an Gebeten nicht fehlen lassen. Heisst's in Sizilien doch: "Gehst du in den Krieg, so bete einmal; gehst du zur See, bete zweimal; gehst du in den Ehestand, bete dreimal!" Ich habe sechsmal gebetet! Doppelt hält besser! Deshalb macht mich meine Soretta auch so glücklich, und wir führen eine Ehe, die sich für Geld sehen lassen kann. vertraulich zum Publikum Denn in Sizilien haben sich die Weiber den Ehestand zurechtgelegt in einer Weise, welche mir nicht passen würde. Mir nicht!

Nr. 14 - Walzer

BENOZZO
Er soll dein Herr sein!
Wie stolz das klingt!
Geltung hat's leider nur sehr bedingt;
denn man beseh'
sich in der Näh'
solche Eh' in Sizilien!

Hier steht der Eh'mann
stets vor der Tür.
Der Cicisbeo sitzt drin bei ihr
ganz ungeniert!
Und das passiert
in den besten Familien!

Lang blieb sie im Bette.
spät macht sie Toilette,
endlich sitzt sie im Glanz,
spielt mit dem Rosenkranz:
draussen am Herd
steht und schwitzt der Mann,
kocht ihr Schokolade!
Sie, mit dem Abbate,
plaudert vom Seelenheil
oder vom Gegenteil:
Wirtschaft, die geht sie nichts an!
Horch, aus dem Gemache
süsser Stimmenklang.
holder Zwiegesang!
Und der Mann hält draussen Wache,
lauscht auf den Tenor,
spitzt das Ohr.
Er muss Braten wenden.
bei der Wäsche stehn,
nach der Suppe sehn,
hat zu tun an hundert Enden,
weil ihr Freund zumeist
bei ihm speist!
"Geh, Mann!" ruft sie,
"zum Abend kauf ein!
Schau nach,
warum die Kinder so schrein!
Du störst uns hier,
wir machen Musik!"
Und er zieht sich zurück ...
Indes bleibt mit dem Freund sie allein,
schenkt von des Gatten Weinen ihm ein,
er dankt und trinkt
mit schmachtendem Blick,
er seufzt, sie seufzt zurück!
Oh, armer Ehemann,
wie bist du übel dran!
Nein, da dank' ich schön,
muss ich gestehn!

Er soll dein Herr sein!
Wie stolz das klingt!
Geltung hat's leider nur sehr bedingt;
denn man beseh'
sich in der Näh'
solche Eh' in Sizilien!
Hier steht der Eh'mann
stets vor der Tür!
Der Cicisbeo sitzt drin bei ihr
ganz ungeniert!
Und das passiert
in den besten Familien!
Benozzo geht rechts ab.


VIERTE SZENE
Nasoni, Leutnant, Gerichtsdiener

Dialog

NASONI
tritt mit Papieren in der Hand aus dem Bürgermeisteramt, verabschiedet sich von dem Leutnant
Melden Sie dem Herrn Oberst meinen Respekt. Das Verhör sei für zwölf Uhr anberaumt!
zum Gerichtsdiener
Hier meine Dispositionen!
Der Gerichtsdiener grüsst und geht ab.

LEUTNANT
salutiert
Guten Morgen, Herr Podestà!
geht ab

NASONI
Ganz Ergebenster, padrone, amilissimo servo!
begleitet ihn devot, kehrt in grosser Aufregung zurück, allein
Oh! Oh! Dieser Gasparone bringt mich noch ums Leben! Das Obergericht zeigt ein Aktenstück verlangt partout, dass ich Gasparone erwischen soll! Es droht mir mit Absetzung, wenn ich der Gräfin Santa Croce nicht wieder zu ihrer Million verhelfe! Man wirft mir vor, dass ich den Banditen zu neuen Taten ermutigt hätte, weil ich ihm das Lösegeld für meinen Sohn gesendet habe! Du lieber Gott, ich hätte das Lösegeld ja so gern unterschlagen, wenn's nur gegangen wäre! Zehntausend Zechinen zusammenbringen! Ach, wär ich nicht Podestà, ich möchte Gasparone sein!
setzt sich


FÜNFTE SZENE
Nasoni. Sindulfo, dann Erminio, Benozzo


SINDULFO
affektiert schwermütig; er hat einen Trauerflor am Hute, ein Trauerband um den linken Arm und ist schwarz gekleidet
Guten Morgen, Papa!

NASONI
mürrisch
Hol dich der ...
Rest unverständlich
Was soll das heissen? Du trauerst?

SINDULFO
mit Seufzen
Ja!

NASONI
Um wen?

SINDULFO
mit Seufzen
Um sie!

NASONI
Um die Million?

SINDULFO
Nein, - um Carlotta!

NASONI
erstaunt
Um Carlotta?

SINDULFO
Ich trauere, weil du mir jetzt auf einmal verbietest, sie zu heiraten!

NASONI
Carlotta hat kein Geld mehr!

SINDULFO
zeigt auf den Anschlag an der Palme
Wenn's aber Gasparone wieder herausgibt?

NASONI
Was man einmal gestohlen, gibt man nicht mehr heraus! Das versteh' ich besser!

SINDULFO
Aber du hast die Mutter doch auch ohne Geld geheiratet! Warum?

NASONI
Ausrede suchend
Ich …
karikiert weich
ich wollte dich zum Sohne haben!

SINDULFO
gerührt
Papa!

NASONI
gerührt
Sindulfo!
Umarmung

SINDULFO
bittend
Also ich darf die Gräfin heiraten?

NASONI
Nur, wenn sie die Million zurückkriegt!

SINDULFO:
streichelt Nasoni schmeichelnd das Kinn
Schau, Papa, Carlotta hat durch Erlass des Lösegeldes bewiesen, wie teuer ich ihr bin, wie sie mich liebt!

NASONI
Prr! Lieben ... dich ... dich? Lieben -
packt ihn am Kinn, zeigt dem Publikum Sindulfos Gesicht
mit der Larve? Der Figur?
zum Publikum
Einen Kerl. der nur aus zwei langen Beinen besteht! Lieben? Hahaha! So
lachen, das war ich meiner Gesundheit schuldig!
setzt sich

SINDULFO
unwillig
Nun sag. was du willst, ich bin mündig, liebe Carlotta. habe ihr Wort
und heirate! will abgehen

NASONI
springt auf, läuft Sindulfo nach
Unmensch! Bedenke unsere Lage! Halb Syrakus hat Geld von mir zu fordern!

SINDULFO
Und die andere Hälfte von mir! Haben wir einander nichts vorzuwerfen.
geht schnell ab

Erminio und Benozzo treten von rückwärts über die Treppe auf und beobachten Nasoni.

NASONI
Oh! Oh! Das ist zum Verzweifeln! Ein ungeratener Sohn - ruiniert - die Million beim Teufel - das Standrecht - Gasparone - das Obergericht - schlägt wütend auf den Tisch
Himmelkreuztausendbombenelement!
wirft sich wütend auf den Stuhl

BENOZZO
leise zu Erminio
Wenn die Not am grössten, ist der Podestà am bösesten! Jetzt, Exzellenza, wär der richtige Moment!

ERMINIO
leise
Du hast recht, lass uns allein!

BENOZZO
leise
Den Brief werde ich zur rechten Zeit bringen
sehr leise
Zucker und Kaffee!
geht ab durch die Treppe


SECHSTE SZENE
Nasoni, Erminio


NASONI
steht verzweifelt da
Ich sehe einen Abgrund vor mir! Tritt nicht ein Glücksfall ein, bin ich verloren!

ERMINIO
der langsam zu Nasoni trat, legt ihm die Hand auf die Schulter
Vielleicht doch nicht!

NASONI
blickt finster auf, barsch
Ha! Sie? Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen! Was wollen Sie?

ERMINIO
Einen Moment mit Ihnen plaudern, guter ehrlicher Mann!

NASONI
schroff, aufstehend
Ich bin kein guter ehrlicher Mann! Ich bin der Podestà Nasoni und werde Sie rufen lassen, wenn ich Sie zum Verhör brauche!

ERMINIO
Und wenn ich Ihnen Rettung brächte?

NASONI
höhnisch
Sie mir? Rettung? Sie, ein Unbekannter?! Ein dubioser Conte!

ERMINIO
Ich sehe, es ist an der Zeit, dass ich mich Ihnen gegenüber legitimiere. Hier, meine Papiere ... von Ihrer Regierung beglaubigt!

NASONI
blättert in zwei Dokumenten, die ihm Erminio reicht, erstaunt
Conte Erminio Saluzzo?
höflicher
Ein Verwandter des Ministers vielleicht?

ERMINIO
einfach
Sein Sohn!

NASONI
gibt artig das Papier zurück
Somit einer der angesehensten Kavaliere Piemontes

ERMINIO
mit artigem Grusse bestätigend
... und leidenschaftlicher Geologe! Die Erforschung des Ätna führte mich nach Syrakus!

NASONI
sichtlich artiger
Und der Herr Graf wollten mir hilfreich beispringen?

ERMINIO
Wenn Sie mir rückhaltlos vertrauen, ja! Zuvörderst heisst's, Ihren stark beschädigten Ruf als Podestà zu rehabilitieren!

NASONI
kratzt sich verlegen am Kopfe, sagt zaudernd und mit humoristischer Offenheit
Hm! Das wird schwer gehen, denn .., ich bin schlechter als mein Ruf!

ERMINIO
humoristisch bestätigend
Man zieht Vergleiche zwischen Ihnen und Gasparone, die zugunsten des Räubers ausfallen

NASONI
heiter triumphierend
... hat aber keine Beweise!

ERMINIO
Richtig! Sie können sogar in Amt und Würden bleiben, vielleicht avancieren, aber

NASONI
Aber?

ERMINIO
Sie müssten ein ehrlicher Mann werden!

NASONI
mit Grimasse
Ein ehrlicher Mann?

ERMINIO
herzlicher
Versuchen Sie's einmal!
reicht ihm die Hand
Und versprechen Sie mir …

NASONI
will einschlagen, tut es aber nicht, unterbricht Erminio
Versuchen will ich's! Versprechen nicht!

ERMINIO
Ja, in die Affäre des Millionendiebstahls glaube ich Licht bringen zu können!

NASONI
eifrig
Und etwa gar die Million wieder verschaffen?

ERMINIO
heiter
Oho! Sie gehen zu weit! Die Million ist für Sie unwiderruflich verloren!

NASONI
enttäuscht
Worin besteht dann das Licht?

ERMINIO
Man wird erfahren, wer das Geld genommen!

NASONI
Mir ganz gleich, wenn ich's nicht war!

ERMINIO
droht mit dem Finger
Ist das der Gedanke eines
betonend
ehrlichen Mannes?

NASONI
Ich will ja nur versuchen, einer zu werden!

ERMINIO
blickt hinter die Szene
Ah, die Gräfin!

NASONI
Sie kommt zum Verhöre!

ERMINIO
Ihre Aussage ist von Wichtigkeit. - Wenn Sie meiner bedürfen, Herr Podestà. so befehlen Sie! Ich bin in der Nähe.
will nach links abgehen

NASONI
Gut, gut!
hält ihn zurück
Sie glauben also wirklich, dass die Million hin ist?

ERMINIO
Futsch! Total futsch!
geht links ab

NASONI
Futsch!
stampft mit dem Fuss
Maledetto!



SIEBENTE SZENE
Nasoni. Carlotta. Zenobia, Sora, dann Erminio

CARLOTTA
mit Zenobia und Sora. auftretend; freundlich
So, da bin ich, mein lieber Papa! Buon giorno!

NASONI
barsch
Guten Tag!
für sich
Jetzt, wo die Frau kein Geld hat, ist sie mir total gleichgültig!
laut, barsch
Guten Tag!

CARLOTTA
Welch wichtige Amtsmiene! Ah ich ...
wichtig...das Standrecht?... Das Verhör?... Nicht so, Papa?

NASONI
barsch
Nennen Sie mich nicht Papa, Madame! Hier bin ich Podestà, Sie sind Partei, werden gleich Zeugenschaft ablegen wegen des Millionendiebstahls! Ich will Sie instruieren!
barsch
Setzen Sie sieh!

CARLOTTA
Mein Himmel! Wie verändert Sie sind!

NASONI
grob
Setzen sollen Sie sich!
Carlotta setzt sich.

ZENOBIA
Soll ich mich auch setzen, Herr Podestà?

NASONI
Ja, und bleiben Sie sitzen, Sie sind daran gewöhnt!

ZENOBIA
setzt sich
Was kostet es hierzulande, wenn man einen Podestà …, Fle..

NASONI
Was?

ZENOBIA
... phlegmatisch anhört?

NASONI
Ach so!

SORA
Darf ich mich auch setzen?

NASONI
wütend
Ja!
Sora setzt sich hin.
Wenn Sie präzise Antworten geben, kriegen wir die Million wieder!

CARLOTTA
Diese Hoffnung habe ich aufgegeben!

NASONI
für sich
So, schön! Die auch!
laut
Papperlapp! Mit solchen nichtssagenden Antworten kommt man der Justizmacht?!....

CARLOTTA
erstaunt
Dieser Ton! Was haben Sie nur?

NASONI
Was ich habe? Nichts habe ich, gar nichts!
für sich
Sie leider auch nichts!

ERMINIO
hinter der Palme verborgen
Pst! Pst!

NASONI
horcht auf
Was?

ERMINIO
hinter der Palme
Pst! Pst!

NASONI
zu Zenobia
Ich verbitte mir solche Vertraulichkeiten!

ZENOBIA
Wieso?

ERMINIO
flüstert Nasoni zu
Ich bin es ja! Fahren Sie fort! Nur streng! Streng!

NASONI
nickt Erminio verständnisvoll zu
Hm!
zu Carlotta
Zuvörderst rate ich den Zeuginnen, die reinste Wahrheit zu sagen, da sich schielt hinter die Palme ein Mann von hoher Stellung freiwillig gemeldet hat, Licht in die Affäre zu bringen!

CARLOTTA
erstaunt
Ein Mann von hoher Stellung?

ZENOBIA
aufstehend
Der mehr weiss als wir? Den möchte ich kennenlernen!

NASONI
Bleiben Sie sitzen!
Zenobia setzt sich.

SORA
aufstehend
Doch nicht etwa Benozzo?

NASONI
Nein! Setz dich!
zu Carlotta
Sie wollen den Mann kennenlernen? Bitte!
zeigt auf Erminio, der vortritt

ERMINIO
grüsst
Meine Damen!

CARLOTTA:
im höchsten Grade erschreckt und erstaunt
Ah!
für sich
Er? - Er hier?

SORA, ZENOBIA
bleiben sitzen, gleichgültig
Der Conte!

NASONI
Was gibt's da zu stau ...
will ,,staunen" sagen

CARLOTTA
unterbricht ihn
Wie. Herr Podestà, das ... das ist Ihr Zeuge?

NASONI
Ja.

ERMINIO
überlegen und artig
Gewiss, Frau Gräfin!

NASONI
Und das ein Zeuge, der vom Diebstahl manches zu wissen scheint!

CARLOTTA
nervös, gegen Absicht fast ironisch
Das stimmt!

NASONI
Ein Mann von bekanntem Namen

CARLOTTA
nervös, gegen Absicht fast ironisch
Ja, ja, sehr bekannt!

NASONI
... grossem Vermögen!

CARLOTTA
ironisch
Millionär etwa?

NASONI
Ja, Gräfin: Millionär! Das kann nicht jeder von sich sagen!

CARLOTTA
Nein, gewiss nicht!geht auf und ab, zerdrückt nervös ihr Taschentuch, für sich Nicht jeder kann eine Million stehlen. - Und er. er hat die Vermessenheit, hier zu erscheinen!

ERMINIO
leise zu Nasoni
Zuvörderst fragen Sie wohl nach des Räubers Signalement?

NASONI
eifrig, leise
Gewiss, gewiss, Herr Graf!

ERMINIO
für sich
Mir pocht das Herz! Wird Carlotta die Prüfung bestehen?

NASONI
zu Carlotta
Wie sieht der Räuber aus?

ZENOBIA
steht auf, elegisch
Männlich, kräftig, strahlend, schön!
setzt sich

NASONI
Ja, ja, schon gut!

SORA
steht auf
Ich hab' ihn auch gesehen!

NASONI
Wie sieht er aus?

SORA
singt
Stockfinster war die Nacht

NASONI
unterbricht
Wie hast du ihn dann sehen können? Setz dich!
Sora setzt sich.
Und Sie, Gräfin, was sagen Sie? Wie sieht der Räuber aus?

CARLOTTA
fixiert Erminio
Ich sage ... ich sage, dass er ein Ungeheuer ist!

ERMINIO
Ein ... Ungeheuer?

NASONI
Wie?

ZENOBIA
Aber ein bildschönes Ungeheuer!

CAR LOTTA
Abscheulich!

ERMINIO
Abscheulich? O Gräfin!

NASONI
erstaunt zu Erminio
Bitte, bitte, bitte! Lassen Sie die Zeugin sprechen! Warum soll ein Räuber nicht abscheulich sein?

ERMINIO
Pardon!

NASONI
Augen?

ZENOBIA
steht auf
Braun, karfunkelnd!
setzt sich

SORA
steht auf
Blau!
setzt sich

CARLOTTA
bestimmt
Grün!

ERMINIO
Grün?

NASONI
Nun ja, warum soll ein Räuber keine grünen Augen haben?
fährt fort
Haare?

ZENOBIA
steht auf
Schwarz!
setzt sich

SORA
steht auf Blond!
setzt sich

CARLOTTA
bestimmt
Rot!

ERMINIO
Was sagen Sie?

CARLOTTA
Ich sage, dass er rote Haare hat und bleibe dabei!
leise zu Erminio
Jetzt aber bitte ich: gehen Sie! Fliehen Sie!

ERMINIO
freudig, leise
Edle Frau! Sie geben ein falsches Signalement, um mich zu retten?

CARLOTTA
leise
Ja! Aber gehen Sie, meine Kraft ist zu Ende!
laut zu Nasoni, sich aufraffend
Wo ist Sindulfo?
indem sie Erminio scharf fixiert
Ich wünsche, Papa, dass unsere Heirat so bald wie möglich stattfinde!

NASONI
für sich
Könnt' mir einfallen!
laut, forciert, artig
Jawohl, jawohl, gewiss! Auch Sindulfo brennt vor Verlangen und …

CARLOTTA
sich aufraffend
Er ist ein ehrenhafter Charakter, unfähig jeder schimpflichen Komödie!

ERMINIO
Braver Sindulfo!

CARLOTTA
wütend, leise zu Erminio
Werden Sie endlich fliehen?!

Geräusch hinter der Szene, rückwärts aus der Tiefe schallend


ACHTE SZENE
Die Vorigen, Benozzo, Massaccio, später Luigi

Nr.15 - Septett

BENOZZO, MASSACCIO
hinter der Szene
Herr Podestà! Herr Podestà!

NASONI
Was gibt es denn schon wieder da?

SORA, ZENOBIA, NASONI
Hört doch, hört, was dort geschah!

Alle drei gehen nach rückwärts, sehen über die Balustrade hinab.

SORA
Benozzo ist's!

ZENOBIA
Massaccio auch!

SORA
Er winkt!

NASONI
Wir wollen hören, was er bringt!

SOfiA. ZENOBIA, NASONI
Wir wollen hören, was er bringt!

Zenobia, Nasoni bleiben im Hintergrunde, blicken Sora nach, die den Ankommenden entgegen eilt.

ERMINIO
sich entschlossen Carlotta nähernd, die indes im Vordergrunde blieb, spricht mit gedämpfter Stimme
Und Sie halten mich wirklich für Gasparone?

CARLOTTA:
abgewendet; spricht
Fliehen Sie!

ERMINIO
Sie begreifen nicht, dass ich den Räuber nur spielte, um Sie zu retten?

CARLOTTA
Wie?

ERMINIO
Nasoni wird Ihnen noch heute Ihr Wort zurückgeben, da er die Million verloren glaubt, die ich Ihnen sicher und treu bewahrte!

CARLOTTA
Ist's möglich? Sie riskierten, als Dieb verhaftet zu werden, - wagten Gefängnis. Verurteilung, - weil

ERMINIO
Weil ich - Sie liebe!
ergreift Carlottas Hände; beide blicken sich zärtlich an. In dem Augenblick erscheinen rückwärts atemlos Benozzo und Massaccio und kommen mit Nasoni, Sora und Zenobia in den Vordergrund.

BENOZZO, MASSACCIO
Da sind wir!

SORA, ZENOBIA
Da sind sie!

NASONI
Was habt ihr? Redet! Sprecht!

ERMINIO
Was ist geschehn?

CARLOTTA
Was ist geschehn?

SORA, ZENOBIA
Was ist geschehn?

BENOZZO
zu Nasoni
Ich habe einen Brief an Euch zu übergeben!

NASONI
Schon wieder? Von wem?
So lass doch sehn!

BENOZZO
Von wem - das ist es eben!

MASSACCIO
Von wem - das ist es eben!

BENOZZO
Ein höchst verdächtiger Gesell
stand plötzlich vor mir
und sprach: "Zum Podestà geh schnell
mit diesem Papier!"

MASSACCIO
Mir gab den Beutel er und sagt:
"Nimm das noch dazu!"
Und eh ich noch "von wem" gefragt,
verschwand er im Nu!

CARLOTTA, SORA, ZENOBIA. ERMINIO, NASONI
Sehr seltsam, muss ich sagen!
Was hat sich zugetragen,
was wird da drinnen stehn?

NASONI
öffnet den Brief
Gleich werden wir es sehn!
liest; gesprochen
"An das Standgericht! Müde
der Verfolgung des genialen Podestà Nasoni
räume ich Sizilien und kehre in meine ge-
liebten Abruzzen zurück. Antonio Gasparone.
Nachschrift: Die zehntausend Zechinen für
Sindulfo folgen anbei!"

NASONI
freudig nach dem Beutel greifend, den Massaccio hält
Zehntausend Zechinen für meinen Sohn?
steckt den Beutel ein
Die bin ich meiner Gesundheit schuldig!

ERMINIO, BENOZZO, MASSACCIO
unter sich
Er steckt sie ein; er hat sie schon!

NASONI
Doch Auskunft erwart' mit Ungeduld ich:
wie steht es denn mit der Million?

BENOZZO
bestimmt
Die nimmt er mit!

NASONI
schmerzlich, für sich
O Infamie!
Dann hat sie nichts! Adieu, Partie!
entfernt sich ostentativ von Carlotta

ERMINIO
ihn betrachtend, zu Carlotta
Wie ich es gedacht hab',
wird's in Erfüllung gehn!

ZENOBIA
für sich, mit Bedauern
Der Räuber geht, reist ab.
Ich werd' ihn nimmer wiedersehn!
Der Räuber geht, reist ab.
Ich werd' ihn nimmer sehn, ha!

CARLOTTA, SORA, ERMINIO, BENOZZO
Der Räuber geht, reist ab.
Sie wird ihn nimmer sehn, ha!

NASONI, MASSACCIO
Der Räuber geht, reist ab.
Man wird ihn nicht mehr sehn, ha!

CARLOTTA
beglückt zu Erminio
Bald kehrt das Glück
mir neu zurück,
o welche süsse Freud!
Mein Herz durchbebt
wie neu belebt
der Liebe Seligkeit!
Der Trug erliegt,
die Wahrheit siegt,
sie strahlt in reiner Pracht!
Ich bin erwacht
aus trüber Nacht,
und hold die Zukunft lacht!

Bald kehrt das Glück
mir neu zurück,
o welche süsse Freud!
Mein Herz durchbebt
wie neu belebt
der Liebe Seligkeit!
Der Trug erliegt,
die Wahrheit siegt,
sie strahlt in reiner Pracht!
Ich bin erwacht
aus trüber Nacht,
und hold die Zukunft lacht!
Ihm will ich vertrauen,
ja, ihm nur allein!
Sein Auge kann nimmer
mich täuschen, ach nein!
Der Plan, er gelingt,
goldne Freiheit mir bringt.
Doch halt! Auf der Hut!
Dann endet alles gut!

SORA, BENOZZO, MASSACCIO
Mit viel Geschick
und etwas Glück
sind wir vom Ziel nicht weit.
Was wir erstrebt,
geheim gewebt,
ist keine Kleinigkeit!
Doch wenn sich's fügt.
dass wir gesiegt,
ein reicher Lohn uns lacht!
Drum nicht bedacht,
zu End' gebracht!
Bald endet seine Macht!
Der Gräfin zu dienen,
geloben wir treu!
Gilt ihr es zu nützen,
sind gern wir dabei,
und, dass es gelingt,
folgen wir unbedingt!
Doch halt! Auf der Hut!
Dann endet alles gut!

ZENOBIA
Der Galgenstrick
kehrt nie zurück.
Das tut mir innig leid!
Was mich durchbebt,
da er entschwebt,
ist keine Kleinigkeit.
Mein Herz erliegt,
durchbohrt, besiegt
von dieses Räubers Macht!
Ach, manche Nacht
hab' ich durchwacht,
hab' nur an ihn gedacht!
Ihn bessern, bekehren nur
wollt' ich allein.
Das Schicksal entführt ihn,
es sollte nicht sein.
Der Schmerz in mir ringt,
und das Herz pocht und springt!
Doch halt! Auf der Hut!
Wer weiss, wozu es gut!

ERMINIO
Bald kehrt das Glück
mir neu zurück,
o welche süsse Freud!
Mein Herz durchbebt
wie neu belebt
der Liebe Seligkeit!
Der Trug erliegt,
die Wahrheit siegt,
sie strahlt in reiner Pracht!
Ich bin erwacht
aus trüber Nacht,
und hold die Zukunft lacht!
Ja, mir darf sie vertrauen,
ja, mir nur allein!
Die Hoffnung, sie tauschet
uns nimmer, ach nein!
Der Plan, er gelingt,
goldne Freiheit uns bringt.
Doch halt! Auf der Hut!
Dann endet alles gut!

NASONI
Das nenn' ich Glück!
Er zahlt zurück
das Lösegeld mir heut'.
Doch es entschwebt,
was ich erstrebt,
die Million, mir weit!
Doch unbesiegt
kann ich vergnügt
mich freuen meiner Macht.
Ich hab' es doch so weit gebracht,
dass froh die Zukunft lacht!
Ja, den Sohn ihr zu geben,
das fällt mir nicht ein!
Sie hat kein Vermögen,
das geht nicht! Nein, nein!
Das Wort, das mich zwingt,
das ist null unbedingt!
Doch halt! Nur recht auf der Hut!
Dann endet alles gut!

Dialog

NASONI
freudig
Nun mag das Standgericht zusammentreten! Dieser kostbare Brief sagt mehr als alles!
legt den Brief auf den Tisch

SORA
leise zu Benozzo und Massaccio
Aber wenn Gasparone nie hier war, wie kann er dann fortgehen?

BENOZZO, MASSACCIO
leise
Zucker und Kaffee!
Sora, die sich mit beiden zurückzieht, deutet pantomimisch an, dass sie das nicht versteht. Im selben Moment tritt Luigi, von einem
Diener gefolgt, rechts auf.


LUIGI
trägt ein Paket von der Grösse der Mappe, in der die Million enthalten war; in Papier gewickelt, verschnürt und versiegelt
Hier, Erminio, das Paket!

ERMINIO
leise zu Nasoni
Sie sollen noch kräftigere Belege für Ihre Rehabilitierung erhalten! Überreichen Sie der Gräfin dieses Paket!
gibt Nasoni das Paket

NASONI
leise
Was enthält es?

ERMINIO
leise
Ein Hochzeitsgeschenk!

NASONI
leise
Fällt mir nicht ein! Meinen Sohn kriegt sie nicht!

ERMINIO
leise
Sie geben ihr also ihr Wort zurück?

NASONI
Ja! Und das gleich!
will auf Carlotta, die abseits mit Zenobia steht, zugehen, im selben Moment Auftritt des Volkes
Ah, das
Standgericht!


NEUNTE SZENE
Die Vorigen, Sindulfo, das Standgericht
(Oberst, Leutnant, ein Hauptmann, ein Sergeant, eine Abteilung Carabinieri), Volk (Frauen, Männer)


Volk strömt von allen Seiten herbei. Die Offiziere werden von Nasoni begrüsst und gruppieren sich hinter die Tische. Die Carabinieri nehmen weiter hinten Stellung.

SINDULFO
nicht mehr in Trauerkleidung
So, Papa, da bin ich!
sieht Carlotta
Oh, meine schöne Braut!
will auf sie zugehen

NASONI
hält ihn zurück, leise
Untersteh dich! Ich dreh' dir den Kragen um, wenn du anders sprichst als ich!
zu Carlotta
Gräfin! Ich habe mir die Sache überlegt. Eine Million verlieren und meinen Sohn heiraten, wär zuviel Unglück auf einmal! Ich bitte Sie, mir mein Wort zurückgeben zu wollen!

CARLOTTA
Oh, mit Freuden!
reicht Erminio freudig ihre Hand

SINDULFO
verblüfft
Sie liebt mich also nicht?
leise zu Nasoni
Und gab doch Lösegeld für mich?

NASONI
leise
Das habe ich im Sacke!

SINDULFO
leise zu Nasoni, freudig
Du?

NASONI
feierlich
Meine Herren Richter! Unserem Standrecht ist die Basis entzogen, Gasparone hat Sizilien verlassen!

ALLE
freudig
Ah!

OBERST
blickt mit den anderen Offizieren in den ihm von Nasoni gereichten Brief
Und was ist mit der geraubten Million geschehen?

NASONI
Die Million ist f…
will "futsch" sagen

ERMINIO
laut, ihn unterbrechend
Dank den Bemühungen des Herrn Podestà ist die Million zustande gebracht! nimmt rasch das Paket aus Nasonis Händen Und aus seinen Händen erhält Gräfin Carlotta ihr Geld zurück! gibt Carlotta das Paket

NASONI
in höchstem Grade verblüfft, halblaut zu Erminio
Wie? Das Paket enthält die Million?

ERMINIO
Ja!

NASONI
verblüfft, halblaut zu Erminio
Aber dann kann ja Sindulfo die Gräfin heiraten?!

ERMINIO
tritt zu Carlotta
Wenn nicht ich sie heiraten würde!

NASONI
für sich
Oh, oh ... düpiert! Könnt' ich jetzt aus der Haut fahren - das wäre ich meiner Gesundheit schuldig!


Nr. 16 - Schlussgesang

CARLOTTA
Gasparone scheint Bessrung zu zeigen:
was er stahl, ist nun wieder mein eigen!
Gerne will ich dem Räuber verzeihn,
ihm nur danke mein Glück ich allein!

SORA
Sein gefährlichster Streich ist gelungen,
und der schönste Gewinn uns errungen!
Drum soll alles der Freude sich weihn,
in den Sang stimmet ein:
Hör doch die Töne, Estrella,
man tanzt Tarantella!
Berauschende Musik
bringt mir der Liebe süsses Glück.
Wem zuckt es nicht in den Füssen,
die Nacht zu geniessen?
Wer zaudert da noch lang,
wenn hell das Tamburin erklang?
Hör doch die Töne, Estrella,
man tanzt Tarantella!
Berauschende Musik
bringt mir der Liebe süsses Glück.
Wem zuckt es nicht in den Füssen,
die Nacht zu geniessen?
Wer widersteht dir lang,
Zauberklang!

CARLOTTA
Ah, ah, ah,
Zauberklang!

EINIGE FRAUEN
Wem zuckt es nicht in den Füssen,
die Nacht zu geniessen?
Wer widersteht dir lang,
Zauberklang!

FRAUEN, MÄNNER
Lala, lala, lala,
Zauberklang!