Der Wildschütz oder Die Stimme der Natur

Der Wildschütz oder Die Stimme der Natur

Komische Oper in drei Akten

Libretto

August von Kotzebue

Uraufführung

31. Dezember 1842, Leipzig (Schauspielhaus)

Besetzung

GRAF VON EBERBACH (Bariton)
DIE GRÄFIN, seine Gemahlin (Alt)
BARON KRONTHAL, Bruder der Gräfin (Tenor)
BARONIN FREIMANN, eine junge Witwe, Schwester des Grafen (Sopran)
NANETTE, ihr Kammermädchen (Mezzosopran)
BACULUS, Schulmeister auf einem Gute des Grafen (Bass)
GRETCHEN, seine Braut (Sopran)
PANCRATIUS, Haushofmeister auf dem Schlosse (Bass)

CHOR
Diener und Jäger des Grafen. Dorfbewohner. Schuljugend

Ort

Deutschland

Zeit

Sommer 1803

Lortzing, Albert

Lortzing, (Gustav) Albert
23.10.1801 Berlin - 21.1.1851 Berlin


Bühnenwerke
mit Datum/Ort der Uraufführung:

Ali Pascha von Janina, oder Die Franzosen in Albanien (1824; 1.2.1828 Münster)
Der Pole und sein Kind, oder Der Feldwebel vom IV. Regiment (11.10.1832 ? Osnabrück?)
Szenen aus Mozarts Leben (11.10.1832 ? Osnabrück?)
Der Weihnachtsabend (21.12.1832 Münster)
Andreas Hofer (1832; 14.4.1887 Mainz)
Die beiden Schützen (20.2.1837 Leipzig)
Die Schatzkammer des Ynka (1836)
Czaar und Zimmermann, oder Die zwei Peter [Zar und Zimmermann] (22.12.1837 Leipzig)
Caramo, oder Das Fischerstechen (20.9.1839 Leipzig)
Hans Sachs (23.6.1840 Leipzig)
Casanova (31.12.1841 Leipzig)
Der Wildschütz, oder Die Stimme der Natur (31.12.1842 Leipzig)
Undine (21.4.1845 Magdeburg)
Der Waffenschmied (30.5.1846 Wien)
Zum Grossadmiral (13.12.1847 Leipzig)
Regina [Regina, oder Die Marodeure] (1848; 21.3.1899 Berlin)
Rolands Knappen, oder Das ersehnte Glück (25.5.1849 Leipzig)
Die Opernprobe, oder Die vornehmen Dilettanten (20.1.1851 Frankfurt am Main)



Vorbemerkung
Die Gräfin von Eberbach hat ihren Bruder, den Baron Kronthal, seit frühster Kindheit nicht mehr gesehen. Sie kennt ihn daher nicht, obwohl er sich in ihrer unmittelbaren Nähe, als Stallmeister im Schlosse ihres Mannes, aufhält. Ebenso hat Graf Eberbach seine Schwester, die vor kurzem verwitwete Baronin Freimann, seit vielen Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen, so dass sie ihm unbekannt geworden ist.

ERSTER AKT
Ländliche Gegend mit dem Hause des Schulmeisters und dem Gasthof. Der Schulmeister Baculus feiert seine Verlobung mit dem hübschen, jungen Gretchen. Seine Freude wird durch einen Brief des Grafen gestört. Baculus beichtet seinem Gretchen den Tatbestand: er hat sich nämlich durch Wildern einen billigen Festbraten verschaffen wollen, wurde aber dabei erwischt und nun vom Grafen seines Postens enthoben. Das Brautpaar sinnt auf ein Mittel, den Grafen umzustimmen. Gretchen will als Fürsprecherin aufs Schloss gehen, da des Grafen Schwäche für das schöne Geschlecht bekannt ist. Damit ist aber der eifersüchtige Schulmeister nicht einverstanden. Unerwartet naht Hilfe. Baronin Freimann, in Begleitung ihrer Zofe Nanette, will als Student verkleidet zunächst einmal unerkannt Bruder und Schwägerin kennenlernen. Sie erscheint den beiden als Retterin in ihrer Not mit dem Vorschlag, sich in Gretchens Kleidern aufs Schloss zu begeben und des Grafen Verzeihung zu erbitten. Doch in diesem Augenblick naht der Graf selbst mit seiner Jagdgesellschaft, ist entzückt von dem hübschen Gretchen und noch mehr von der Studenten-Baronin in ihrer Bauerntracht und ihrem Liedvortrag ( Bin ein schlichtes Kind vom Lande ). Er lädt alle Anwesenden zu seiner Geburtstagsfeier auf das Schloss ein.

ZWEITER AKT
Billardsalon beim Grafen Eberbach. Die Dienerschaft hört gelangweilt der überspannten Gräfin zu, die - dem damaligen Zug der Mode folgend - aus Dichtungen des Sophokles vorliest, obwohl niemand etwas davon versteht. Baculus, der die Gräfin für sich gewinnen möchte, wird vom Haushofmeister Pankratius in "Sophoklex" eingeführt, damit er durch ein paar hingeworfene griechische Zitate Eindruck auf sie machen kann. Die Gräfin erscheint mit dem Baron, in dem sie aber noch nicht ihren Bruder erkannt hat, der ihr vielmehr zum Scherz seine Liebe gesteht, was sie sehr gerne hört. ( Bleiben soll ich und stets sie sehen ). Die von Baculus aus dem Zylinder abgelesenen griechischen Brocken verfehlen nicht ihre Wirkung auf die Gräfin, sind aber bei dem plötzlich auftretenden Grafen fehl am Platze, der seinen entlassenen Schulmeister vor die Tür setzt. In seiner Verzweiflung ruft er seine angebliche Braut, die verkleidete Baronin, zu Hilfe, in die sich sowohl der Graf als auch der Stallmeister-Baron verlieben. Strömender Regen veranlassen Baculus und seine "Braut", im Schlosse zu bleiben. Graf und Baron versuchen einer den anderen aus dem Zimmer zu verscheuchen, um mit der Angebeteten allein zu sein. Da keiner der Nebenbuhler das Feld räumt, entschliessen sie sich zu einer Billardpartie, während Baculus in seinem Lehnstuhl sein Choralbüchlein vornimmt und die verkleidete Baronin Strümpfe strickt. Den Höhepunkt der wirkungsvollen Billardszene ( Ich habe Numro Eins ) bildet das Auslöschen der Lampe. In der entstehenden Dunkelheit versuchen die Freier die vermeintliche Schulmeisterbraut zu erhaschen, machen dabei aber so viel Lärm, dass die Gräfin erscheint und die "Braut« zum diebischen Vergnügen des Schulmeisters, der sie ja für einen verkleideten Studenten hält, mit auf ihr Zimmer nimmt. Der Baron, der mit Baculus zurückbleibt, will dem Schulmeister seine Braut abkaufen und bietet ihm 5000 Taler. Ob dieser Summe gerät Baculus in einen wahren Taumel ( Fünftausend Taler! ) und berauscht sich an vielerlei Zukunftsplänen.

DRITTER AKT
Schlosspark. Seinen Geburtstag beginnt der Graf in bester Laune ( Wie freundlich strahlt / Heiterkeit und Fröhlichkeit ). Der Entschluss des Baron Kronthal, das liebliche Kind vom Lande zu seiner Frau zu machen, scheint ihm allerdings bedenklich. Nun kommt der Schulmeister und führt ihm für die 5000 Taler seine wirkliche Braut, das Gretchen, zu; aber der Baron hat natürlich das andere Gretchen gemeint, und in seiner Enttäuschung verrät der Schulmeister, dass es sich bei diesem Gretchen um einen verkleideten Studenten handelt. Baronin Freimann gibt sich dem Baron Kronthal als Schwester des Grafen Eberbach zu erkennen. Trotzdem wiederholt der Baron seine Liebeswerbung. Er habe sie als Bauernmädchen heiraten wollen, nun möge sie ihn als bürgerlichen Stallmeister nicht abweisen. Das vermeintliche Landmädchen wird durch die hinzukommende Gräfin vor den falschen Männern gewarnt; sie entführt ihr den Stallmeister. Graf Eberbach erscheint und freut sich, die Baronin allein anzutreffen. Er raubt ihr einen Kuss, den sie ihm als ihrem Bruder natürlich lachend gewährt. Dabei werden sie ausgerechnet von der Gräfin und dem Baron überrascht, der seiner aufbrausenden Schwester das ganze Rätsel löst. Die wechselseitige Liebe entschuldigt jeder mit der sogenannten »Stimme der Natur«. Der Schulmeister erhält volle Verzeihung, da er - wie sich herausstellt - keinen "gräflichen Rehbock", sondern in der Dämmerung nur seinen eigenen Esel erschossen hat.


The Poacher

ACT I
The ageing Baculus has accidentally shot a deer belonging to Count Eberbach, for whom he works as a schoolmaster.
When he is summoned to account for his actions, his fiancée Gretchen offers to intercede, but Baculus is reluctant to let her near the lecherous count. Her place is taken by a "student" (in reality the count's disguised sister, whom he has not seen since they were children) who offers to impersonate Gretchen. The count arrives in a hunting party with his friend the baron. He is so taken by "Gretchen" that he invites her and her friends to his birthday celebrations the next day.

ACT II
At the castle, the countess gets into a misunderstanding with the baron, not realizing that he is her brother whom she too has not seen since childhood. Baculus arrives with "Gretchen", who is greatly admired by all the men, not least the count (who attempts to seduce her) and the baron (his brother-in-law) who proposes marriage. The count's game of billiards with the baron degenerates into farce as each tries to outdo the other in vying for "Gretchen's" attentions. To protect the girl the countess takes her under her wing. The baron then offers Baculus 5000 thalers if he will give up his bride, an offer he agrees to in the belief that the baron is referring to the "real" Gretchen.

ACT III
Baculus tries to persuade Gretchen to go along with the baron's offer, only to discover that the baron is interested in the counterfeit Gretchen. The baron is furious when the plot is revealed, but all is resolved when the "student" reveals that he/she is none other than Baroness Freimann. The count pardons Baculus (who had in fact shot his own donkey), who is reunited with his fiancée.
ATTO PRIMO
Germania, estate 1803. Licenziato dal suo incarico per aver ucciso un capriolo del conte, il maestro di scuola Baculus incarica un giovane studente di passaggio di travestirsi da donna e andare dal conte a perorare la sua causa, fingendo di essere Gretchen, la fidanzata di Baculus. Ma lo studente è in realtà una baronessa, sorella del conte, venuta per conoscere in incognito il barone Kronthal, a cui il fratello vorrebbe destinarla in sposa. Recatasi al castello, la baronessa fa innamorare di sé sia il conte sia un giovane scudiero, che in realtà è Kronthal travestito.

ATTO SECONDO
Nel salone del castello, Baculus manda in visibilio la contessa citando brani greci; sopraggiunge il conte e vorrebbe metterlo alla porta, ma l’intervento della presunta Gretchen lo dispone di tutt’altro umore. In una partita a biliardo il conte e il barone si disputano i favori della bella, e infine Kronthal offre a Baculus una somma ingente purché gli venga ceduta l’amata.

ATTO TERZO
Baculus, che ha accettato la proposta di Kronthal, gli conduce la vera fidanzata spiegandogli l’equivoco; a questo punto però la baronessa, ormai veramente innamorata di Kronthal, svela la propria effettiva identità. Ogni mistero viene chiarito, il conte e la contessa superano l’imbarazzo dell’essersi innamorati dei propri fratelli dicendo che in fondo hanno sentito ‘la voce della natura’, e il perdono generale giunge quando si scopre che Baculus non ha ucciso un capriolo del conte, ma il proprio asino.

Personen:
GRAF VON EBERBACH (Bariton)
DIE GRÄFIN, seine Gemahlin (Alt)
BARON KRONTHAL, Bruder der Gräfin (Tenor)
BARONIN FREIMANN, eine junge Witwe, Schwester des Grafen (Sopran)
NANETTE, ihr Kammermädchen (Mezzosopran)
BACULUS, Schulmeister auf einem Gute des Grafen (Bass)
GRETCHEN, seine Braut (Sopran)
PANCRATIUS, Haushofmeister auf dem Schlosse (Bass)

CHOR
Diener und Jäger des Grafen. Dorfbewohner. Schuljugend



ERSTER AKT

Ouvertüre

Ländliche Gegend

Seitwärts das Haus des Schulmeisters, gegenüber Gretchens Wohnung, im Hintergrunde das Wirtshaus. Im Vordergrunde auf jeder Seite eine Bank

ERSTER AUFTRITT
Landleute tanzen eine Art Konter, die älteren sitzen zur Seite auf Bänken und sehen zu. Baculus und Gretchen tanzen in der Mitte. Auf einem Tische seitwärts sitzen die Musikanten. Der Tanz endet mit einer Gruppe, dann allgemeiner Chor

ALLE
Es lebe das Brautpaar!

Nr. 1 - Introduktion

LANDLEUTE
So munter und fröhlich wie heute,
Beim Tanze, beim Weine,
So möchten wir, ihr lieben Leute,
Recht oft uns des Lebens freun.
Herr Baculus, er soll leben,
Denn er hat dies Fest uns gegeben,
Und möge sein Ehestand eben -
So heiter und fröhlich sein.

GRETCHEN, BACULUS
Danke! Danke! Danke! Danke!
Unsre Ehe wird geraten!

GRETCHEN
Denn mein Alter liebt mich sehr!

BACULUS
Denn mein Gretchen liebt mich sehr!

GRETCHEN, BACULUS
Freilich könnte es nicht schaden,
Wenn er (ich) etwas jünger wär'!

BACULUS
Mein Gesicht, was meinst du, Gretchen?
Ist nicht mehr ganz jung und schön.

GRETCHEN
Ach, ich hab' in meinem Leben
Sie weit hässlicher gesehn.

BACULUS
Der fromme Christ sieht aufs Gemüt.

GRETCHEN
Mit meiner Frömmigkeit steht's schlecht.

BACULUS
Schulmeistrin sein, nicht wahr, das zieht?

GRETCHEN
Ja, weiss es Gott; da hat Er recht!

BACULUS
Du spassest, mein Kind.

GRETCHEN
Wahrhaftig nicht!
Es ist mein Ernst!

BACULUS
Du Schelmengesicht!

GRETCHEN
Wahrhaftig!

BACULUS
Du Schelmin!

GRETCHEN
's ist mein Ernst, jajajajaja,
Jajajajaja!

BACULUS
Du spassest! Hahahahahahahahaha!

LANDLEUTE
Seht doch den verliebten Streit!
Hahahahahahahahahahahaha! -
So munter und fröhlich wie heute,
Beim Tanzen, beim Weine,
So möchten wir, ihr lieben Leute,
Recht oft uns des Lebens freun.
Herr Baculus, er soll leben,
Denn er hat dies Fest uns gegeben,
Und möge sein Ehestand eben -
So heiter und fröhlich sein!

Sie wollen wieder anfangen zu tanzen

EIN HOCHZEITSGAST
Man wird müd' vom vielen Springen;
Lasst uns lieber etwas singen,
Ein fideles Lied mit Chor.

BACULUS
Euch zu Diensten, schlagt nur vor.

LANDLEUTE
Herr Baculus, Ihr seid ein Mann,
Der schöne Reime machen kann.

BACULUS
Wohlan; ein Lied, euch unbekannt,
Charaktrisierend meinen Stand,
Will ich zum besten geben;
Ihr singt den Chorus dann.

GRETCHEN, LANDLEUTE
Singen, singen ist unser Leben!
Fangt an! Fangt an! Fangt an!

BACULUS
Ich fange an!

Lied

BACULUS
A, B, C, D,
Der Junggesellenstand tut weh,
E, F, G, H,
Sind erst die lieben Jahre da,
I, K, L, M, N, O, P,
Darum tät mit süssem Bangen,
Q, R, S, T, U, V, W,
Nach dem Ehstand mich verlangen.
Nahet sich des Lebens Winter,
Kommt man endlich doch dahinter,
Dass der Mensch nur halb geniesst,
Wenn er ganz alleine ist.
Darum nehm' ich mir ein Weibchen,
Führ' ein Leben wie ein Täubchen,
Sag' dem Stand der Junggesellen nun Valet!
X, Yps'lon, Z!

GRETCHEN
Ach, das wird ein Leben sein!

BACULUS
Ach, das wird ein Leben sein,
Dass sich darob die lieben Engel freun!
X, Ypsilon, Z, TZ!

GRETCHEN
Dass sich darob die lieben Engel freun!
X, Ypsilon, Z, TZ!

CHOR
A, B, C, D, E, F, G, H, I, K, L, M, N, O, P,
Q, R, S, T, U, V, W, - W, W, W, W!
X, Ypsilon, Z, TZ!

GRETCHEN
A, B, C, D,
Das schöne Gleichnis, ich gesteh',
E, F, G, H,
Passt herrlich, denn es liegt ganz nah;
I, K, L, M, N, O, P,
Warum sollt' es denn im Leben,
Q, R, S, T, U, V, W,
Nicht auch alte Täuber geben?
Besser was, als nichts auf Erden,
Hausfrau muss ich einmal werden;
Er baut mir ein Nestchen fein,
Drum will ich zufrieden sein.
Also nehm' ich einen Alten,
Sehe nicht die vielen Falten,
Drück' ein Auge zu, denk', er wär' jung und nett!
X, Yps'lon, Z!
Ach, das wird ein Leben sein!

BACULUS UND GRETCHEN
Ach, das wird ein Leben sein, usw.

LANDLEUTE
A, B, C usw.

BACULUS
A, B, C, D
Und welche Freude ist's, herrje!
E, F, G, H.
Hört man sich rufen erst Papa,
I, K, L, M, N, O, P,
Fühlt man schmeichelnd sich umfangen,
Q, R, S, T, U, V, W -
Von recht ungezognen Rangen,
Die, erhält der liebe Gott sie,
Man erzieht nach Pestalozzi;
Welche Wonne, wenn die Frucht
Dann gedeiht durch milde Zucht.
Pantomime des Prügelns.
Darum nehm' ich mir ein Weibchen, usw.

GRETCHEN UND BACULUS
Ach, das wird ein Leben sein usw.

CHOR
A, B, C usw.


ZWEITER AUFTRITT
Die Vorigen. Ein Jäger tritt auf und überreicht Baculus ein Schreiben.

BACULUS
Vom Herrn Grafen!
Der Jäger entfernt sich wieder

GRETCHEN UND LANDLEUTE
Vom Herrn Grafen? Vom Herrn Grafen?

BACULUS
für sich
Grosser Gott, was mag das sein?
Sollt' er meine Jagdlust strafen?
Laut und freundlich
Sicher ladet er uns ein.

GRETCHEN
freudig
Ach, das ist schön! Ihr alle wisst,
Dass morgen sein Geburtstag ist.
Da müssen wir, das wird ihn rühren,
Ihm untertänigst gratulieren.

LANDLEUTE
Da müssen wir ihm gratulieren!
Baculus hat inzwischen gelesen und steht starr da

LANDLEUTE
Es scheint, der Brief macht Euch Verdruss.
Warum so ernst, Herr Baculus?

BACULUS
sich mit Mühe sammelnd
Es wünscht im Schulfach unser Herr
'ne kleine Ändrung vorzunehmen,
Und darum fragt er mich um Rat.

LANDLEUTE
Zu viele Güte in der Tat!

BACULUS
für sich
O meine Lage ist desperat!
O meine Lag' ist desperat!

LANDLEUTE
Zu viele Güte in der Tat!

BACULUS
laut
Lasst, liebe Gäste, euch nicht stören
Und geht, die Fröhlichkeit zu mehren,
Hinauf in meines Nachbars Saal,
Dort harrt auf euch das Abendmahl.

LANDLEUTE
So munter und fröhlich wie heute,
Beim Tanze, beim Weine,
So möchten wir, ihr lieben Leute,
Recht oft uns des Lebens freun.
Herr Baculus, er soll leben,
Denn er hat dies Fest uns gegeben,
Und möge sein Ehestand eben -
So heiter und fröhlich sein!

Baculus und Gretchen stellen sich zur Tür des Wirtshauses und lassen die Gesellschaft paarweise eintreten. Gretchen will folgen. Baculus hält sie zurück und führt sie vor


DRITTER AUFTRITT
Gretchen. Baculus

BACULUS
seufzend
Grete!

GRETCHEN
Herr Sebastian?

BACULUS
wie oben
Grete! Grete!

GRETCHEN
Nun, was will Er denn?

BACULUS
Da haben wir die Pastete!

GRETCHEN
Ach, was Pastete! Nichts Feines haben wir, nicht einmal einen Wildbraten - weil Er dumm war.

BACULUS
Du hast deine liebe Sippschaft eingeladen, du willst hoch traktieren und meintest, ohne Wildbraten wäre der Schmaus nicht vornehm genug -

GRETCHEN
Nun ja, wofür heirate ich Ihn denn? Ich bin genug verspottet worden. Das junge hübsche Gretchen, sagten die Leute, und der alte hässliche Schulmeister -

BACULUS
Nu, nu -

GRETCHEN
Ich dachte, spottet ihr nur! Kann ich nur erst recht traktieren, so stimmt ihr ein andres Liedchen an, und ist vollends ein Rehbraten dabei, so platzt ihr alle vor Neid.

BACULUS
Nun bin ich denn auf dein Begehren in der Dämmerung hinausgeschlichen und habe im Tiergarten des Herrn einen feisten Rehbock geschossen.

GRETCHEN
Und ist dumm gewesen und hat sich ertappen lassen!

BACULUS
Rede nicht so einfältig; ich bin ja doch kein Wilddieb von Profession, du hättest mich sollen stehen sehen mit dem Mordgewehr in der Hand. Siehst du, so stand ich da und überlegte, ob ich losdrücken sollte oder nicht; und das gute Tier, soviel ich in der Dämmerung erkennen konnte, stand so ruhig da, als ob es fragen wollte: »Ist das Nächstenliebe?« Bauz, da ging der Schuss los, und gleich darauf ich auch, weil ich jemand kommen hörte; am Ende des Tiergartens wurde ich erwischt, und ich glaubte bis jetzt noch gut weggekommen zu sein, dass ich nur die Flinte eingebüsst hatte.

GRETCHEN
Und wo bleibt denn nun der Rehbock?

BACULUS
Hol der Kuckuck den Rehbock! Wenn ich nur erst wüsste, wo der Schütze bliebe. Der gnädige Herr hat mir soeben in dem Schreiben ganz freundschaftlich erklärt, dass er mich auf der Stelle meines Amtes entsetzt und ich mich zum Teufel packen soll.

GRETCHEN
Aber Er will ein Studierter sein und lässt sich so leicht verblüffen? Konnte Er denn nicht sagen, das Wild habe Ihm Seinen Acker verwüstet?

BACULUS
Mein Acker liegt doch nicht im Tiergarten!

GRETCHEN
Was will Er denn nun anfangen?

BACULUS
Darauf antworte du! Wer hat mich verleitet, gegen meine Grundsätze zu handeln?

GRETCHEN
Er? Grundsätze? Hahaha!

BACULUS
Na, wenn der Informator einer zügellosen Dorfjugend, ein Pädagog, keine Grundsätze haben soll, wer soll sie denn haben?

GRETCHEN
Red Er nicht so viel gelehrtes Zeug, ich versteh' es doch nicht. Sag Er lieber, was Er zu tun willens ist.

BACULUS
Höre, Gretchen - ich wüsste wohl ein Mittel - wenn du wolltest - aber nein - wenn du auch wolltest, ich will nicht.

Nr. 2 - Duett

GRETCHEN
Lass Er doch hören! Lass Er doch hören!

BACULUS
Bei diesem schlimmen Fall
Hilft weiter nichts als bitten.
Nur bin ich bei dem Herrn
Nicht gar zu wohl gelitten.
Wenn du nun gingst und bätest
Bei unserm gnäd'gen Herrn,
Das wirkte, denn er siehet
Die hübschen Weiber gern.

GRETCHEN
Sieh mal an, die Pfiffigkeit
Hätt' ich Ihm nicht angesehn.
Weil es denn nicht anders ist,
Will ich Ihm zuliebe gehn.

BACULUS
Ne, Gretchen, so vermehrte
Am End' sich mein Malheur,
Und mir blieb von dem Bocke
Nichts als das Zubehör.

GRETCHEN
Pfui, pfui! Schäm Er sich!

BACULUS
Ich wäre närrisch ganz und gar.

GRETCHEN
Ich bin ihm treu auf ewig!

BACULUS
Bis jetzt noch, das ist wahr.

GRETCHEN
Ich werd' nach fünfzig Jahren
Ihm auch so treu noch sein.

BACULUS
Ganz recht, nach fünfzig Jahren,
Da stimm' ich selber ein!

GRETCHEN
Ich bin ein ehrbar Mädchen!

BACULUS
Ei, Kind, das weiss ich ja!

GRETCHEN
Tret Er nicht meiner Treu' zu nah!

BACULUS.
Ei, Kind, das weiss ich, das weiss ich ja!

GRETCHEN
So darf ich?

BACULUS
Was denn, Gretchen?

GRETCHEN
Aufs Schloss?

BACULUS
Wohin?

GRETCHEN
Aufs Schloss!

BACULUS
Nein, du bleibst da!

GRETCHEN
So empfindlich mich zu kränken
Und so argwöhnisch zu sein!
Wart, das werd' ich Ihm gedenken,
Kann ich niemals Ihm verzeihen.
Nun will Er mich gar bewachen!
Was sie sagten, wird doch wahr:
Glücklich kann mich niemals machen
Solch verliebter alter Narr.

BACULUS
Kind, ich will dich gar nicht kränken,
Aber klug muss man doch sein,
Niemand wird mir das verdenken,
Freilich siehst du das nicht ein.
Magst du weinen oder lachen,
Deiner Tugend droht Gefahr;
Wollt' ich diese nicht bewachen,
Wär' ich wohl ein ganzer Narr.

GRETCHEN
setzt sich, das Gesicht von ihm gewendet, auf eine Bank und schluchzt
Ich armes, armes Mädchen,
Wie wird es mir ergehn?

BACULUS
setzt sich auf die andere Seite zu ihr; sie dreht sich um
Herzallerliebstes Gretchen,
Versuch's, mich anzusehen.

GRETCHEN
Ich will nicht!

BACULUS
Nur ein bisschen!

GRETCHEN
Ich will nicht!

BACULUS
So tu es doch,
Dann reich' ich dir ein Küsschen!

GRETCHEN
Nun ja, das fehlte noch!
Sie steht auf
Ich kann Ihn nicht mehr leiden,
Er mag fortan mich meiden,
Aus ist es mit uns beiden,
Ich will Ihn nicht mehr sehn.
Aus, aus, aus ist's,
Ich will ihn nicht mehr sehn!
Aus, aus, aus ist's,
Er kann Seiner Wege gehn!

BACULUS
Wie? Trau' ich meinen Ohren?
Denkst du nicht mehr daran,
Dass Treue du geschworen
Deinem Sebastian?
Sehr gerührt
Wie kannst du so mein Herz touchieren?
Denkst du daran, als du - noch klein -
Das Abc nicht konnt'st kapieren,
Mit Sanftmut paukt' ich dir es ein.
Früh starben Vater dir und Mutter,
Ich nahm mich der Verwaisten an,
Gab Obdach, Kleidung dir und Futter,
O Gretchen, denkst du noch daran?
O Margarete, denkst du noch daran? -

GRETCHEN
besänftigt
Viel Dank bin ich Ihm schuldig,
Er nahm sich meiner an,
Drum fügt' ich mich geduldig,
Will nehmen Ihn zum Mann.
Nur muss Er mich auch quälen
Mit Eifersucht nicht mehr.

BACULUS
Was soll ich dir's verhehlen?
Ich liebe dich zu sehr.

GRETCHEN
schmeichelnd
Ich hab' Ihn auch lieb.

BACULUS
entzückt
Mädchen!

GRETCHEN
Das weiss Er ja!

BACULUS
Ich bin dem Wahnwitz nah!

GRETCHEN
So darf ich?

BACULUS
Was denn, Gretchen?

GRETCHEN
Aufs Schloss?

BACULUS
Wohin?

GRETCHEN
Aufs Schloss!

BACULUS
Nein, du bleibst da!

GRETCHEN
So empfindlich mich zu kränken
Und so argwöhnisch zu sein!
Wart, das werd' ich Ihm gedenken,
Kann ich niemals ihm verzeihn.
Nun will Er mich gar bewachen!
Was sie sagten, wird doch wahr:
Glücklich kann mich niemals machen
Solch verliebter alter Narr.

BACULUS
Kind, ich will dich gar nicht kränken,
Aber klug muss man doch sein;
Niemand wird mir das verdenken,
Freilich siehst du das nicht ein.
Magst du weinen oder lachen,
Deiner Tugend droht Gefahr;
Wollt' ich diese nicht bewachen,
Wär' ich wohl ein ganzer Narr.

Gretchen geht schnell zur Seite ab; Baculus folgt ihr


VIERTER AUFTRITT
Baronin in Männerkleidern, tritt von der entgegengesetzten Seite auf

Nr. 3 - Arie

BARONIN
Auf des Lebens raschen Wogen
Fliegt mein Schifflein leicht dahin,
Keine Wolk' am Himmelsbogen
Trübet mir den heitern Sinn;
Denn mein Heute gleicht dem Gestern,
Fessellos sind Herz und Hand,
Darum, meine trauten Schwestern,
Lob' ich mir den Witwenstand.

Mein Gemahl, Gott hab' ihn selig,
War zuerst so übel nicht,
Fein, galant, jedoch allmählich
Zeigt er sich in anderm Licht.
Stolz, gebietrisch, eifersüchtig,
Liebt' er Pferde nur und Jagd;
Darum hat die kurze Ehe
Wenig Freuden mir gebracht.
Auf des Lebens raschen Wogen usw.

Zwar mag es im Ehstand geben
Oft auch hellen Sonnenschein,
Ja, bei ein'gen soll's ein Leben
Wie im Paradiese sein.
An der Hand des liebenden Gatten
Durchs Leben eilen, die Sorgen teilen
So wie die Lust, an seiner Brust
Das ganze Dasein ihm nur weihn -
Oh, es muss schön, muss herrlich sein!
Herz, gib dich zufrieden, solch Glück wär' zu gross!
Ward mir doch beschieden ein ruhiges Los!
Ja, auf des Lebens raschen Wogen usw.


FÜNFTER AUFTRITT
Baronin. Nanette, ebenfalls in Männerkleidern

NANETTE
Der Kutscher hat ausgespannt und füttert die Pferde.

BARONIN
Er mag sich Zeit nehmen, denn ich bin entschlossen, zu Fusse nach dem Schlosse zu wandern.

NANETTE
Und werden wir dort unsere Mummerei ablegen?

BARONIN
Das kommt darauf an - sobald wohl noch nicht.

NANETTE
Ach, gnädige Frau, es wird nicht lange währen, so entdeckt man, dass wir keine Herren der Schöpfung sind.

BARONIN
Gesetzt auch, man argwöhnte, ich sei ein Frauenzimmer, so weiss man doch immer nicht, welches. Mein Bruder hat mich seit meiner Kindheit nicht gesehen.

NANETTE
Erwartet aber Ihre Ankunft.

BARONIN
Gelingt es mir nur, einen Tag ihn zu täuschen, nur bis ich den mir bestimmten Herrn Bräutigam gesehen.

NANETTE
Aha! Sie wollen ihn unerkannt prüfen.

BARONIN
Prüfen? Wozu? Die Männer gleichen sich alle auf ein Haar, und heiraten werde ich ihn auf keinen Fall.

NANETTE
Ei, wenn Sie wirklich so fest entschlossen waren, ihn zu verschmähen, warum blieben Sie nicht zu Hause und erklärten ihm schriftlich Ihre Willensmeinung?

BARONIN
Das Verlangen, meinen Bruder an seinem Geburtstage zu überraschen, meine Schwägerin kennenzulernen, und dann - ein wenig Neugier: man macht so viel Rühmens von diesem Baron Kronthal.

NANETTE
Oh, wenn Sie neugierig sind, so darf ich auch noch hoffen. Warum wollten Sie auch bei Jugend, Schönheit und Reichtum sich in den Witwenschleier wickeln, bloss weil Ihr verstorbener Gemahl nicht liebenswürdig war?

BARONIN
Nicht deswegen, sondern weil die Männer meines Standes heutzutage alle nichts taugen.

NANETTE
Dann nähme ich mir einen Bürgerlichen.

BARONIN
Nimmermehr! Du kennst meine Grundsätze.

NANETTE
Wenn es sich aber einmal träfe, dass ein Bürgerlicher einen adligen Eindruck auf Sie machte -

BARONIN
Genug davon, lass uns unsere Wallfahrt antreten.

NANETTE
Aber es wird bald dunkel, wenn wir nur den Weg nicht verfehlen -

BARONIN
Da kommen Leute, die wir fragen können.


SECHSTER AUFTRITT
Die Vorigen. Gretchen läuft voraus, Baculus hinter ihr her

GRETCHEN
Lass Er mich in Ruhe; geh Er lieber hinauf zu den Gästen, die werden nicht wissen, wo wir bleiben.

BACULUS
Ja, Grete, aber du gehst mit.

GRETCHEN
Nein, ich bleibe da.

BARONIN
Lieber Mann, wem gehört dies Dorf?

BACULUS
kurz
Dem Grafen Eberbach! Zu Grete. Ich sage dir, Grete -

NANETTE
zu Gretchen
Ist's noch weit bis dahin?

GRETCHEN
kurz
Eine dicke Stunde! Zu Baculus. Ich will aber nicht hinauf.

BARONIN
Ist der Graf zu Hause?

BACULUS
wie oben
Weiss nicht! Zu Gretchen. Was sollen die Leute denken?

NANETTE
wie oben
Ist der Baron Kronthal schon angekommen?

GRETCHEN
wie oben
Weiss nicht! Zu Baculus. Mit rotgeweinten Augen?

BARONIN
Aber, ihr guten Leute, was habt Ihr denn? Vermutlich seid Ihr unzufrieden mit Eurer Tochter?

GRETCHEN
Tochter! Da sieht Er's!

BACULUS
Warum nicht gar Enkel!

NANETTE
Der Mann doch wohl nicht gar? -

BACULUS
Bald, zur Zeit aber noch Bräutigam.

GRETCHEN
Ach, gerechter Gott, ja!

BARONIN
Also ein verliebter Streit?

GRETCHEN
Streit? Ja, aber nicht verliebt.

NANETTE
Ei, worüber denn?

BACULUS
Das geht Ihn nichts an, Mosje Naseweis!

GRETCHEN
Will Er wohl höflich sein gegen fremde Leute? Er ist mir ein sauberer Lehrer.

BARONIN
Der Kleidung nach habe ich wohl die Ehre -

BACULUS
Zu dienen. Ich bin der Schulmeister des Orts.

GRETCHEN
Aber nicht lange mehr.

BACULUS
Was brauchst du denn das fremden Leuten auf die Nase zu binden?

BARONIN
Wie soll ich das verstehen?

BACULUS
Nun sieht Er - aber wer ist Er denn eigentlich?

BARONIN
Ich bin - Student.

BACULUS
Ah so - ein hübsches Kerlchen! Und der andre?

BARONIN
Mein Stubenbursch!

GRETCHEN
Auch ein hübsches Kerlchen!

BACULUS
zur Baronin
Wie lange studiert Er denn schon?

BARONIN
Ein Jahr; jetzt reise ich nach Hause.

BACULUS
Wie? Er ist schon fertig?

BARONIN
Allerdings.

BACULUS
Da macht Er eine Ausnahme. Sonst fangen sie nach dem dritten Jahre erst an zu studieren. Er hat mir aber so einen gewissen Ernst in seinem Wesen und kann mir vielleicht einen guten Rat erteilen; also, wie schon erwähnt, ich bin Schulmeister.

GRETCHEN
Schiesst aber auch Böcke.

BACULUS
mit einem gewichtigen Blick
Du sei ganz stille. Und da hatte ich denn das Unglück, im Tiergarten des Herrn Grafen einen Rehbock zu schiessen.

GRETCHEN
Und da ist der Graf böse geworden, und will ihn vom Amte jagen.

BACULUS
So lass mich doch -

GRETCHEN
Und da muss nun auf ein Mittel gedacht werden, den Herrn Grafen zu versöhnen.

BACULUS
Und da dachten wir eben -

GRETCHEN
Ja, prosit, nichts dachten wir. Der Herr Graf sieht nämlich die jungen hübschen Mädchen gern -

BACULUS
Das heisst -

GRETCHEN
Ach, so lass Er mich doch reden! Weil nun die Leute sagen, ich wäre jung und hübsch -

NANETTE
Da haben die Leute recht.

BACULUS
Stubenbursch, schweige!

GRETCHEN
So waren wir übereingekommen, ich sollte aufs Schloss gehen und den gnädigen Herrn um Verzeihung bitten; mir schlüge er gewiss nichts ab.

BACULUS
Weisst du das schon so gewiss?

GRETCHEN
Nun will er aber nicht, weil er eifersüchtig ist.

BARONIN
Hat denn der Graf Eurer Braut schon nachgestellt?

BACULUS
Ei, er kennt sie noch gar nicht; wenn er sie aber sieht, wird die Sache gleich in Ordnung sein; er hat ein entzündbares Herz.

BARONIN
für sich
Mein Bruder steht in einem saubern Renommee.

BACULUS
Also muss auf andere Weise Rat geschafft werden.

BARONIN UND GRETCHEN
Aber wie?

BACULUS
Ich werde mich an die Frau Gräfin wenden, die soll viel über den Herrn vermögen.

GRETCHEN
Die Frau Gräfin mischt sich nicht in dem Herrn seine Angelegenheiten.

Baculus und Gretchen debattieren leise

BARONIN
Nanette! Leise zu ihr. Ich habe einen köstlichen Einfall. Du hast recht, die Männerkleider möchten doch Verdacht erregen.

NANETTE
Nun also?

BARONIN
Gleich sollst du meinen Entschluss hören.

Nr. 4 - Quartett

BARONIN
Was meint Ihr, lieber Freund,
Sollt' es mir wohl gelingen,
Das Aussehen eines hübschen jungen
Mädchens zu erringen?

BACULUS UND GRETCHEN
Ei nun, warum denn nicht?
Er hat ein glatt' Gesicht.

BARONIN
Nun, Leutchen, wisst ihr was?
Gebt mir ein Frauenkleid,
Wir machen uns den Spass
Und gehn aufs Schloss noch heut.
Da Ihr dem gnäd'gen Herrn
Nicht ganz besonders traut,
So gebet mich dort aus
Für Gretchen, Eure Braut.
Ein Bräut'gam ohne Brot,
Das wär' ja ewig schade.
Ich helf' Euch aus der Not
Und bitt' für Euch um Gnade.

BACULUS UND GRETCHEN
Ein toller Einfall ist es zwar,
Doch kann er Nutzen bringen;
So ein Student, es bleibet wahr,
Weiss Rat in allen Dingen.
Doch wenn der Spass misslingt,
Dann steht es schlimm, es bringt
Uns desto grössern Schaden!
Doch Mut gefasst!
Hoffentlich glückt der Spass;
Morgen sind wir / bin ich vielleicht schon geborgen,
Hoffentlich glückt der Spass!

BARONIN
Ein toller Einfall ist es zwar,
Doch kann er Nutzen bringen;
Vielleicht kann selber ich sogar
Mir Vorteil auch erringen.
Wenn auch der Spass misslingt,
Was liegt daran, es bringt
Mein Ansehn ihm nicht Schaden,
Drum Mut gefasst!
Hoffentlich glückt der Spass;
Morgen seid ihr vielleicht schon geborgen.
Hoffentlich glückt der Spass!

NANETTE
Ein toller Einfall ist es zwar,
Doch kann er Nutzen bringen;
Die gnäd'ge Frau, es bleibet wahr,
Weiss Rat in allen Dingen.
Wenn auch der Spass misslingt,
Was liegt daran, es bringt
Ihr Ansehn ihm nicht Schaden.
Drum Mut gefasst!
Hoffentlich glückt der Spass;
Morgen ist er vielleicht schon geborgen.
Hoffentlich glückt der Spass!

BACULUS
Nun, Grete, schnell hinein
Und hole Deinen Staat.

GRETCHEN
Sogleich. Ich geh' doch mit?

BACULUS
Ja, du wärst gleich parat;
Das geht nicht.

GRETCHEN
Ei, warum nicht?
Soll ich alleine bleiben?

BARONIN
Sie kann mit meinem Freunde
Sich ja die Zeit vertreiben.

BACULUS
Den Teufel auch! Gelegenheit macht Diebe!

GRETCHEN
Er sieht so fromm, tu Er mir das zuliebe!

BACULUS
Fromm hin, fromm her!

NANETTE
Ihr zweifelt?

BARONIN
Ihr wollt nicht? Meinetwegen,
So unterbleibt es.

Sie will gehen

BACULUS
Nun ja doch, habe nichts dagegen.

GRETCHEN
zur Baronin
So gehe ich hinein,
Hol ihm 'nen Anzug schmuck und fein.

BACULUS
So geh hinein! So geh hinein!

Gretchen ab ins Haus

BACULUS
zu Nanette
Pst! Herr Stubenbursch, ich will Ihm etwas sagen!
Wenn Er es mir verspricht, recht brav sich zu betragen,
Wenn Er mir das verspricht,
So geb' ich, dass die Zeit nicht lang Ihm wird,
So'n siebzig Schreibebücher, die Er korrigiert;
Da kann Er sich ein Weilchen amüsieren.
für sich
Die Grete sperr' ich ein, darauf kann sie parieren.

GRETCHEN
mit dem Anzuge
Da bin ich.

BACULUS
Junger Herr, nun komm Er, folg er mir,
Ich kleid' Ihn an.

BARONIN
Ich bitte, bleib Er nur ruhig hier;
Das tue ich allein, ich bin darin sehr eigen.

GRETCHEN
So will ich Ihm die Oberstube zeigen.

BACULUS
Warum nicht gar, das wird durch mich geschehn.

GRETCHEN
Ich freu' mich drauf, als Mädchen Ihn zu sehn.

BACULUS UND GRETCHEN
Ein toller Einfall ist es zwar
Doch kann er Nutzen bringen;
So ein Student, es bleibet wahr,
Weiss Rat in allen Dingen.
Doch wenn der Spass misslingt,
Dann steht es schlimm, es bringt
Uns desto grössern Schaden!
Doch Mut gefasst!
Hoffentlich glückt der Spass;
Morgen bin ich / sind wir vielleicht schon geborgen,
Hoffentlich glückt der Spass!

BARONIN
Ein toller Einfall ist es zwar,
Doch kann er Nutzen bringen;
Vielleicht kann selber ich sogar
Mir Vorteil auch erringen.
Wenn auch der Spass misslingt,
Was liegt daran, es bringt
Mein Ansehn ihm nicht Schaden.
Drum Mut gefasst!
Hoffentlich glückt der Spass;
Morgen seid ihr vielleicht schon geborgen.
Hoffentlich glückt der Spass!

NANETTE
Ein toller Einfall ist es zwar,
Doch kann er Nutzen bringen;
Die gnäd'ge Frau, es bleibet wahr,
Weiss Rat in allen Dingen.
Wenn auch der Spass misslingt,
Was liegt daran, es bringt
Ihr Ansehn ihm nicht Schaden.
Drum Mut gefasst!
Hoffentlich glückt der Spass;
Morgen ist er vielleicht schon geborgen.
Hoffentlich glückt der Spass!

Baronin mit den Kleidern ins Haus ab. Baculus folgt ihr


SIEBENTER AUFTRITT
Gretchen. Nanette

NANETTE
Sagt mir, schönes Kind, ist denn das wirklich Euer Schatz?

GRETCHEN
Schatz? - Nein, er ist mein Bräutigam.

NANETTE
Wie konntet Ihr Euch entschliessen, solch 'nen alten Perückenstock zu heiraten?

GRETCHEN
Herr Student, das versteht Er nicht. Wenn unsereins fünfundzwanzig Jahre alt und noch nicht unter der Haube ist, so fangen die Leute an von alten Jungfern zu munkeln, und das klingt so hässlich, dass man denkt, ein alter Mann ist doch besser als gar keiner; ausserdem hat der Herr Sebastian einen recht einträglichen Posten; das Dorf ist gross, und Kinder haben wir - ich meine unser Dorf - Er glaubt nicht, Herr Student, wie reich gesegnet wir mit Kindern sind.

NANETTE
Wann wird denn Eure Hochzeit sein?

GRETCHEN
In acht Tagen - soll die Hochzeit sein. Nun denke Er sich das Unglück, wenn der Herr Sebastian um seine Stelle käme.

NANETTE
Ich, meinesteils, würde darüber gar nicht böse sein.

GRETCHEN
Oh, garstiger Mensch! Freundlich. Warum denn?

NANETTE
Weil ich mich alsdann um die Stelle bewerben würde, und - wenn mir's gelänge, auch um die Braut.

GRETCHEN
O geh Er! Er würde einen saubern Schulmeister abgeben mit seinem Milchgesicht; Ihm spielten ja die Kinder auf der Nase herum.

NANETTE
Daraus machte ich mir nichts; freilich müsste mich die Liebe dafür entschädigen - wenn es mir daher gelänge - Umarmt Gretchen.

GRETCHEN
Pfui, schäm Er sich, einem ehrbaren Mädchen solche Dinge vorzureden; lass Er mich los, ich muss hinauf zu den Gästen, die werden gar nicht wissen, wo ich geblieben bin.

NANETTE
Aber wenn sie fort sind -

GRETCHEN
Dann habe ich zu tun, ich muss Wäsche zeichnen - zu Hause bei mir - Auf ihre Wohnung zeigend, wichtig. Ja, ja, mein lieber, junger Mensch, es gibt allerlei zu tun, wenn man sich verheiraten will.

NANETTE
Kann ich Euch dabei nicht helfen?

GRETCHEN
Na, Er wird was Schönes zeichnen.

NANETTE
Zwar hat mir Euer alter Schatz eine Beschäftigung gegeben - ich soll Schreibebücher korrigieren.

GRETCHEN
Da sieht Er, also ist an Plaudern gar nicht zu denken.

NANETTE
Wenn ich aber mit meiner Arbeit bin?

GRETCHEN
Dann ist es etwas anderes. Er kann sich hierher ans Fenster stellen und mir etwas erzählen.

NANETTE
Vom gehörnten Siegfried?

GRETCHEN
Wer war denn das?

NANETTE
Ohne Zweifel einer, der Siegfried hiess und Hörner hatte.

GRETCHEN
Ist denn das eine spassige Geschichte?

NANETTE
Wenigstens sehr unterhaltend.

GRETCHEN
Schön; ich höre dergleichen für mein Leben gern. Weiss Er was? Sehe Er die Schreibebücher lieber nicht nach; das ist eine schrecklich langweilige Arbeit - setz Er sich hier auf die Bank und erzähl Er mir.

NANETTE
Da werd' ich nur nicht lange bleiben können, denn wenn es anfängt zu regnen - der ganze Himmel ist umzogen -

GRETCHEN
Nu, wenn's regnet, kann Er nicht draussen sitzenbleiben, das versteht sich von selbst. Verschämt. Dann kann Er ein bisschen hereinkommen - aber ernst dass Er sich ordentlich aufführt, sonst -


ACHTER AUFTRITT
Die Vorigen. Baculus

BACULUS
He! Führt Er sich nicht ordentlich auf?

GRETCHEN
Ei freilich. Ich gebe ihm nur ein bisschen gute Lehren.

BACULUS
Du? Das kommt mir ganz wunderbar vor. Geh Er hinauf, Sein Freund verlangt nach Ihm.

NANETTE
Also auf Wiedersehen, schöne Braut.
ab

BACULUS
Ja, wart Er, ich will Ihm die Wiedersehens-Gedanken schon vertreiben.

GRETCHEN
Ach, Herr Sebastian, das ist ein nettes Kerlchen.

BACULUS
Warum nicht gar, so ein unreifes Bürschchen! Er sieht ja aus wie ein abgebrochener Bleistift.

GRETCHEN
Er erzählt mir die Geschichte vom gehörnten Sebastian -

BACULUS
Was? Vom gehörnten -?

GRETCHEN
Siegfried wollt' ich sagen.

BACULUS
Grete, ich sage dir: lass mir den jungen Schnüffel aus dem Spiele, oder ich bleibe da und lasse alles gehen, wie es wolle. Jetzt gehst du hinauf zu den Gästen, später sperrst du dich in deine Stube ein und lässt dir keine Geschichten erzählen, weder gehörnte noch ungehörnte.

GRETCHEN
Will Er denn zu Fusse gehn?

BACULUS
Muss ich denn nicht?

GRETCHEN
Ach, es ist ja wahr, sein Esel -

BACULUS
Nulla malheuritas solo, sagen wir Lateiner, Unglück kommt nie allein; habe auf dem guten Tiere so manchen Ritt in die Nachbarschaft vollbracht, doch seit einigen Tagen muss ich per pedes wandern.

GRETCHEN
Ach, der gute Esel wird schon wiederkommen.

BACULUS
Wollen's hoffen: denn ich leugn' es nicht, wir waren ein Herz und eine Seele; er war, was man sagt, mein zweites Ich - Das Vorspiel des folgenden Musikstücks beginnt. Was ist denn das für ein Geblase? Kann ich denn von den Hörnern gar nicht loskommen? Sieht in die Szene. So wahr ich lebe, das ist der gnädige Herr mit seiner Jagdgesellschaft.

GRETCHEN
Der Herr Graf?

BACULUS
sie zurückdrängend
Marsch hinauf, und lass dich nicht blicken, so lange er hier ist.

GRETCHEN
Ich wollte gern die Musik hören.

BACULUS
Die will ich dir morgen auf der Orgel vorspielen. Fort! Fort!
zieht sie ins Wirtshaus


NEUNTER AUFTRITT
Der Graf und der Baron treten auf mit Jagdgefolge.

Nr. 5 - Jagdlied

GRAF, BARON, JÄGER
Seht dort den muntern Jäger,
Den wilden Büchsenträger,
Er zieht aus stillem Haus
Ganz früh zum Wald hinaus.
Im Auge glänzt die Freude,
Ein Horn an seiner Seite;
Weil sie ihm engt die Brust,
Haucht er ins Horn die Lust.
Drum liebt das Horn der Jäger,
Der wilde Büchsenträger.
Trara! Trara! Trara!

Wenn spät die Sonne scheidet,
In Gold die Berge kleidet,
Er heim die Schritte lenkt
Und heiss ans Liebchen denkt.
Des Jägerhornes Lieder,
Sie hallen waldwärts wider
Und locken seinen Schatz
Zum kühlen Eichenplatz.
Drum liebt das Horn der Jäger,
Der wilde Büchsenträger,
Trara! Trara! Trara!

Sitzt sie ihm nun zur Seite,
Dann haucht er Lust und Freude
Süss aus in einem Kuss,
Vergisst des Hornes Gruss;
Das legt er auf den Rasen,
Zu seinen toten Hasen
Und schwelgt in freud'ger Lust
An seines Liebchens Brust!
Da braucht kein Horn der Jäger,
Der zahme Büchsenträger.
Trara! Trara! Trara!

GRAF
zu den Jägern
Eine kurze Rast, Kinder, dann ziehen wir weiter. Erquickt euch.

Die Jäger gehen ins Wirtshaus

GRAF
zum Baron, der sich auf die Bank vor Baculus' Haus gesetzt
Müde vom Jagen, Herr Bruder, oder hat unser Jagdlied, mit seinen Anspielungen auf das Glück der Liebe, deinen Weltschmerz wieder rege gemacht?

BARON
Und wenn es so wäre, könnte man es mir verargen? Du weisst -

GRAF
Aber, ich bitte dich, höre doch endlich auf, das alte Lied deiner missratenen Ehe zu singen! - Du hattest eine glückliche Idee, dich nach dem Trauerjahr hierherzuflüchten; wir haben hier in der Gegend einen herrlichen Mädchenflor; da suche dir aus, Herr Bruder, und gesetzt, du fändest keine, deren Blick dich fesselte, nun so haben wir ja noch meine Schwester, deren Ankunft ich täglich erwarte - welche Freude, wenn ihr euch gegenseitig behagtet. Schon habe ich in meinen Briefen ihr einen Wink gegeben.

BARON
Das ist mir nicht lieb. Eben um eine Gelegenheitsmacherei zu vermeiden, kam ich hierher unter dem Titel eines Stallmeisters. Meine eigene Schwester, deine Gattin, die das elterliche Haus verliess, als ich noch ein Kind war, ahnt nicht, dass ich ihr Bruder sei, ja, ich habe mir sogar erlaubt, ihr ein wenig den Hof zu machen.

GRAF
Ei, du Spitzbube, meine ehrbare Gemahlin zum besten zu haben? Und wie lange gedenkst du dein Inkognito zu behaupten?

BARON
Vielleicht nur bis morgen. Entweder wähle ich mir morgen eine Frau oder ich ziehe weiter.

GRAF
Doch nicht, ohne meine Schwester gesehen zu haben?

BARON
Das kann ich dir nicht versprechen. Der Gedanke, sie sei mir bestimmt, macht sie mir schon zuwider. Nur meinem Herzen will ich folgen, wes Standes die Erkorene auch sei.

GRAF
Und wenn nun ein Kammerkätzchen dein Herz eroberte?

BARON
Gleichviel.

GRAF
Oder eine Bauerndirne?

BARON
Einerlei.

GRAF
Ich glaube, du wärst imstande, bloss um deiner Grille zu genügen, einem Manne die Braut oder gar die Frau abspenstig zu machen.

BARON
Wo denkst du hin, Herr Bruder? Ich habe strenge Grundsätze.

GRAF
lächelnd
Wirklich?

BARON
Du lächelst? Das könnte ich dir übelnehmen. Du musst mich nicht nach dir beurteilen.

GRAF
Nach mir?

BARON
Allerdings. Die böse Welt will behaupten, dass kein hübsches Mädchen vor dir sicher sei.

GRAF
Schändliche Verleumdung! Nein, Herr Bruder, auch ich habe Grundsätze. Ich verehre meine Gattin über alle Massen-nun, du weisst, wie diese Heirat zustande kam: ich war arm, sie war reich, ich bin jung, sie nicht mehr ganz jung, jedes hat seine eigene Liebhaberei, und trotz dieser Ungleichheiten kann keine glücklichere Ehe existieren als die unsrige. Wenn ich mir nun wirklich einmal erlaubte -

Man hört im Wirtshaus einen Toast ausbringen

GRAF
Was Teufel ist denn da los?

BARON
Gewiss ein Fest.

GRAF

Eine Hochzeit! Bruder, so eine Bauernhochzeit ist mein Leben; lass uns hinein!

BARON
Ich bin verstimmt, was soll ich bei den Fröhlichen?

GRAF
Schüttle deinen Weltschmerz ab, tu es mir zuliebe.

BARON
Wohl! Bloss um dein Vergnügen nicht zu stören.

GRAF
führt ihn vor
Höre, es läuft doch nicht gegen unsere Grundsätze?

BARON
nach kurzem Bedenken
Ich dächte nicht.

GRAF
ihn unter den Arm fassend
Nun also! - Sie wenden sich gegen das Wirtshaus. Aber, wie es scheint, ist die Gesellschaft im Aufbruch begriffen und kommt hierher.

BARON
So müssen wir sie hier erwarten.

GRAF
durch die offene Tür sehend
Hübsche Mädchen, hol mich der Teufel! Lass uns ein wenig beiseite treten.


ZEHNTER AUFTRITT
Die Vorigen, Baculus, die Gäste. Die Gäste treten zuerst auf. Baculus, ihnen das Geleit gebend, folgt; wie er den Grafen sieht, geht er schnell zurück und bleibt unter der Tür des Wirtshauses stehen

Nr. 6 - Finale

LANDLEUTE
Lasset uns nach Hause gehen,
Nehmet unsern Dank, Herr Wirt,
Alle müssen eingestehen,
Ganz honett hat Er traktiert.

GRAF
hervortretend
Guten Abend, liebe Leute!

LANDLEUTE
Der Herr Graf! Wie, sehn wir recht?

GRAF
Wie ich merke, wurde heute
Hier ein Fest gefeiert? Sprecht!

LANDLEUTE
Ei, ja freilich, gnäd'ger Herr!

GRAF
zum Baron
Nun, gefallen dir die hübschen Weiber nicht?

BARON
Allerliebst!

GRAF
Von diesen allen
Keine dir zum Herzen spricht?

BARON
Finster ist mein Sinn und trübe,
Die Erinnrung will nicht ruhn!
Doch, mein Bruder, dir zuliebe,
Will ein übriges ich tun.

Er geht zu den Mädchen und schäkert mit ihnen

GRAF
für sich
Warte, Schelm, ich will drauf wetten,
Dass dein Weltschmerz, noch so gross,
Bald sein Ziel gefunden hat.

Baculus ist, während die beiden abgewendet standen, zu den Gästen getreten, ihnen begreiflich machend, dass sie seine Verlobung nicht erwähnen möchten

LANDLEUTE
unter sich
Das ist seltsam in der Tat;
Warum sollen wir nicht sagen,
Dass das Fest heute ihm gegolten hat?


ELFTER AUFTRITT
Die Vorigen. Gretchen, neugierig aus dem Wirtshause kommend

GRETCHEN
Ist der gnäd'ge Herr noch da?

GRAF, BARON
Sieh! Sieh! Ein allerliebstes Kind!
Immer näher, liebe Kleine!

BACULUS
halblaut
Aber Grete,
Plagt dich ganz und gar der Teufel?

LANDLEUTE
Eifersüchtig ist er, ohne allen Zweifel,
Auf diese beiden da!

Baculus gibt ihnen abermals pantomimisch zu verstehen, nicht zu verraten, dass Grete seine Braut sei

GRAF, BARON
Diese Augen, diese Wangen
Wecken Sehnsucht und Verlangen.
Sprich, wie heisst du, holdes Mädchen?

GRETCHEN
eingeschüchtert und nach Baculus blickend, der ihr winkt und droht
Zu Befehl, ich heisse Gretchen.

GRAF
Gretchen! Allerliebster Name!

BARON
Ja, fürwahr, so rein idyllisch,
Reizend, wie das ganze Wesen.

GRAF
Ei, Herr Bruder, wie mir scheint,
So erwachen deine Triebe,
Und der Weltschmerz weicht.

BARON
Es geschieht nur dir zuliebe,
Darum wird mir's leicht, ganz leicht!

GRAF
Das ist wahrlich zum Ergötzen!
Ich muss lachen,
Mich an seinen Mienen letzen;
Seht den Schwachen,
Der als hochgepriesner Held
Gleich der Lieb' zum Opfer fällt.
O des Schwachen!

BARON
Sie ist wahrlich zum Ergötzen!
Ich muss wachen,
Darf mich nicht in Glut versetzen,
Mich, den Schwachen;
Denn fürwahr, nur wenig fehlt,
Dass mich heisse Glut beseelt.
Ich muss wachen!

GRETCHEN
Er ist wahrlich zum Ergötzen!
Ich muss lachen,
Mich an seinen Mienen letzen;
Seht den Schwachen,
Wie die Eifersucht ihn quält,
Kaum, dass er noch an sich hält.
O des Schwachen!

BACULUS
O Spektakel! O Entsetzen!
Wie sie lachen,
Sich an meiner Angst ergötzen!
Solche Sachen
Muss erfahren auf der Welt,
Der sich mit der Liebe quält.
Wie sie lachen!

LANDLEUTE
Es ist wahrlich zum Ergötzen!
Man muss lachen,
Sich an seinen Mienen letzen;
Seht den Schwachen,
Wie die Eifersucht ihn quält,
Kaum, dass er noch an sich hält,
Man muss lachen!


ZWÖLFTER AUFTRITT
Die Vorigen. Baronin kommt in ländlicher Kleidung aus dem Hause

BARONIN
Seht, da bin ich.

LANDLEUTE
Ei, wer ist das?
Eine Freundin Eurem Haus?

BARON
die Baronin gewahrend
Abermals ein reizend Kind!

GRAF
ebenso
Abermals ein reizend Kind!

GRETCHEN
für sich
Allerliebst sieht er doch aus!

BACULUS
für sich
Blieb er lieber doch im Haus!

GRAF
auf die Baronin zeigend
Sieh die Gestalt!

BARON
Sie ist bezaubernd.

GRAF
Der frische Teint -

BARON
Die Rosenlippen -

GRAF
Der Hals -

BARON
Das Haar -

GRAF, BARON
Das Augenpaar -
Dieser Adel in den Zügen
Strafet Lügen ihren Stand.
Mädchen, sprich, bist du vom Land?

BARONIN
Bin ein schlichtes Kind vom Lande,
Mein Palast auf grüner Flur
Jene Hütt' am Wiesenrande,
Meine Amme die Natur.
Freue mich inniglich,
Wenn die muntern Herden treiben
Auf der Berge luft'gen Höh'n;
Auf dem Lande will ich bleiben,
Auf dem Lande ist's so schön!

Hörte viel vom Glanz der Städte,
Wo man lebt in Saus und Braus;
Doch die Sittsamkeit, ich wette,
Ist nur spärlich dort zu Haus.
Ach, davon viele schon
Konnten nicht genug beschreiben!
Nein, ich mag die Stadt nicht sehn.
Auf dem Lande will ich bleiben,
Auf dem Lande ist's so schön!

GRAF, BARON
Solchen Reiz, ohn' Übertreiben,
Hab' ich niemals noch gesehn.

GRETCHEN, BACULUS
Prächtig weiss er es zu treiben,
's ist 'ne Lust, ihn anzusehn.

LANDLEUTE
Auf dem Lande ist's so schön!


DREIZEHNTER AUFTRITT
Die Vorigen. Die Jäger treten aus dem Wirtshause

JÄGER
Es lässt am Himmel sich
Ein Ungewitter blicken;
Befehlen der Herr Graf,
Dass wir den Wagen schicken?

GRAF
(Vortrefflich! Geht allein! Ich bleibe!)

BARON
Du vergisst, es lud die Gräfin
Zur Vorlesung uns ein.

GRAF
Verwünscht! Doch hast du recht.
Mir Beifall zu erzielen,
Will heute abend ich
Mal den Soliden spielen.
zu den Landleuten
Doch morgen, morgen, zu meinem Wiegenfeste,
Lad' ich euch alle ein, traktiere euch aufs beste!
Seid alle meine Gäste!
Bei Gläserklang, bei Tanz und Gesang,
Mögt ihr dann ermessen und nimmer vergessen,
Wie huldvoll gesinnt stets euer gnäd'ger Herr.

LANDLEUTE UND JÄGER
sich freudig bedankend
Doch morgen, morgen zu seinem Wiegenfeste
Läd't er uns alle ein, traktieret uns aufs beste!
Wir all sind seine Gäste!
Bei Gläserklang, bei Tanz und Gesang,
Da woll'n wir ermessen und nimmer vergessen,
Wie huldvoll gesinnt stets unser gnäd'ger Herr.

GRAF
Diese Holde dort zu sehen
Und zu sprechen sie allein,
Mich im Tanz mit ihr zu drehen,
Soll mir eine Wonne sein.
Eurer Wohlfahrt nur zu leben,
Ist mein Trachten, mein Bestreben,
Wird stets meine Sorge sein!

BARON
Ja, ich muss die Holde sehen
Und sie sprechen ganz allein;
Weiss nicht, wie mir ist geschehen,
Wunderbar nimmt sie mich ein.
Möglich, dass dies Mädchen eben
Krönet meiner Wünsche Streben
Und mir dann versüsst des herben Lebens Pein!

BARONIN
Diesen Herrn, ich muss gestehen,
Flösste schnell ich Neigung ein;
So bewundert mich zu sehen,
Darf mir schmeichelhaft nur sein.
Gar zu klar ist ihr Bestreben,
Ihre Liebe mir zu weihn!

GRETCHEN
Dürft' ich nur mit ihnen gehen,
Auch mich dem Vergnügen weihn,
Mich im Tanz mit ihnen drehen!
Leider wird es anders sein.
Während sie der Lust ergeben,
Soll ich still und einsam leben
Und darf mich nicht mit andern freun.

BACULUS
zu Gretchen
Gib nur acht, du wirst es sehen
Mit der List, so schlau und fein,
Wird es ganz vortrefflich gehen,
Und der Herr wird mir verzeihn.
Du wirst mir dein Händchen geben,
Uns winkt dann ein Götterleben,
Und bald ist versüsst uns die erlittne Pein!

LANDLEUTE UND JÄGER
Lasst uns froh das Fest begehen
Und uns ganz der Freude weihn;
Alle will er uns dort sehen,
Alle finden wir uns ein.
Lasst dann beim Saft der Reben
Hoch, ja hoch den Herren leben
Und uns seiner Gnade freun!

Baculus führt Gretchen, die sich sträubt, ins Haus

GRAF
zur Baronin
Du wirst, mein schönes Kind,
Doch auch beim Fest erscheinen?

BARONIN
Wenn es der Herr vergönnt -

GRAF
Ei ja, das will ich meinen.
Sich nach Gretchen umsehend.
Wo ist die andre Kleine,
Das hübsche Mädchen, sprecht?
Auch sie darf mir nicht fehlen.

BACULUS
für sich
Du kämst mir grade recht!

GRAF
dreht sich und sieht Baculus
Irr' ich mich nicht, so ist dies Gesicht
Des Schulmeisters, der auch Rehböcke schiesst.

BACULUS
Gnade, Herr Graf!

GRAF
Hinweg mit Ihm!

BACULUS
Es tut mir leid -

GRAF
Hinweg mit Ihm! Er kennt den Bescheid.

LANDLEUTE
Ei, warum zürnt der gnäd'ge Herr?

BARONIN
leise zu Baculus
Stell Er mich dem Grafen vor.

BACULUS
Er sieht doch wohl, dass es nicht geht,
Wenn meine Braut daneben steht.

GRAF
Ihr Freunde, denn auf Wiedersehen
Bei Tanz, Gesang und Spiel;
Der Morgen bringet Freud' und Lust,
Vom Morgen hoff' ich viel!

GRAF, BARON, BARONIN, BACULUS
mit Bezug
Vom Morgen hoff' ich viel!

GRAF
Diese Holde dort zu sehen usw.

BARON
Ja, ich muss die Holde sehen usw.

BARONIN
Diesen Herrn, ich muss gestehen, usw.

GRETCHEN
am Fenster
Dürft ich nur mit ihnen gehen usw.

BACULUS
Gib nur acht, du wirst es sehen, usw.

LANDLEUTE UND JÄGER
Lasst uns froh das Fest begehen usw.

ZWEITER AUFZUG

Eleganter Salon

Mit zwei Mitteltüren. Rechts eine Seitentür, links ein Fenster. In der Mitte der Bühne, jedoch mehr nach hinten zu, steht ein Billard. Zwischen den beiden Mitteltüren an der Wand befindet sich das Regal mit den Queues usw., über dem Billard hängt eine elegante brennende Lampe, welche mittels eines Schiebers ausgelöscht werden kann. Es ist gegen Abend

ERSTER AUFTRITT
Pancratius sitzt vor der offenen Tür rechts, hinter ihm die Dienerschaft des Schlosses: Bediente, Köche, Jäger, Mädchen usw. Einige von ihnen sind eingeschlafen. Später Baculus

Nr. 7 - Introduktion

PANCRATIUS UND DIENERCHOR
Nicht geplaudert! Acht gegeben!
Alles schärfe Sinn und Ohr! St!
Denn es kommt in unserm Leben
So etwas nicht wieder vor.

DIENER
Die Frau Gräfin liest vortrefflich,
Unnachahmlich, wunderschön,
Tränen möchte man vergiessen -
Schade, dass wir's nicht verstehn!
Schade!

BACULUS
tritt mit Reverenzen ein, laut
Darf ich untertänigst wagen -

ALLE
drehen die Köpfe, ihm Ruhe gebietend
Nicht geplaudert! Stille! Stille!

GRÄFIN
liest im Kabinett
»Dann lernt er wohl noch weise zu werden im Alter!«

PANCRATIUS
nach einer Pause die Tür schliessend
Die Frau Gräfin ist zu Ende.
Zur Dienerschaft, die sich erhebt
Trollt euch leise und behende.
Nun, was sagt ihr? Nun, was meint ihr?
Nun, wie ist euch? Wie?

CHOR
Die Frau Gräfin liest vortrefflich, usw.

Allmählich entfernen sich alle bis auf Baculus und Pancratius


ZWEITER AUFTRITT
Baculus. Pancratius

BACULUS
der an der Tür stehen geblieben, kommt vor
Aber was hat denn das zu bedeuten, Herr Pancratius? Weder im Hofe, noch auf der Treppe, noch im Vorzimmer eine menschliche Seele. -

PANCRATIUS
Weil alles bei der Vorlesung versammelt war, wie närr'sch.

BACULUS
Vorlesung?

PANCRATIUS
Wie ich Euch sage, und wenn das so fortgeht, so seid Ihr binnen kurzem gegen den Stallknecht ein Einfaltspinsel, denn bei uns muss jetzt alles gelehrt werden, wie närr'sch.

BACULUS
Wie versteh' ich denn das?

PANCRATIUS
Unsre gnädige Frau Gräfin nämlich - wie denn jeder Mensch sein närr'schen Einfälle hat - will mit aller Gewalt Komödie spielen, wie närr'sch. Und das wäre auch ganz hübsch, wenn sie nur recht spassige Stücke wählte, wobei man lachen könnte; aber so hat sie sich ganz alte Komödienbücher aus der Stadt mitgebracht, die man gar nicht versteht, wenn sie gelesen werden; und wenn man nicht versteht, was die Leute wollen, kann man doch nicht lachen, und bei jeder Komödie muss doch gelacht werden, wie närr'sch.

BACULUS
Je nun, mein lieber Herr Pancratius, es gibt wohl auch ernste Komödien. Mir zum Beispiel hat der Graf heute eine vorgespielt, bei der ich eher hätte in Tränen zerfliessen mögen.

PANCRATIUS
Ich weiss, ich weiss. Aber, Herr Baculus, wie ist Er auch auf den närr'schen Einfall gekommen?

BACULUS
Du lieber Gott, wie kommt der Mensch auf so manches! Meine Rangen hatten mir den Kopf warm gemacht. Um mich zu zerstreuen, nehm' ich die Flinte, mit welcher ich gewöhnlich nur Sperlinge zu vertilgen pflege, trete vor die Haustür, das Gewehr geht los, und die Kugel fliegt ...

PANCRATIUS
Na, na, doch wohl nicht ein paar Stunden weit bis in unsern Tiergarten.

BACULUS
Es ist allerdings ein vortreffliches Gewehr, aber in der Zerstreuung mochte ich mich wohl ein wenig vom Hause entfernt haben.

PANCRATIUS
Und was gedenkt Ihr denn jetzt zu tun, Herr Baculus?

BACULUS
Seht, man sagt: Der Herr Graf sähe die hübschen Weiber gern.

PANCRATIUS
Na - wie närr'sch.

BACULUS
Da habe ich denn meine Braut mitgebracht - sie wartet unten im Park -, und die, hoffe ich, soll ihn herumbringen.

PANCRATIUS
So kriege ich doch seine Herzliebste bei der Gelegenheit auch einmal zu Gesicht.

BACULUS
Und dann, was meint Ihr, sollte denn die Frau Gräfin keine Gewalt über den Herrn haben und ein gutes Wort für mich einlegen können?

PANCRATIUS
Es käme darauf an; sie hat nur jetzt für nichts anderes Sinn als für die alte Komödie, die morgen aufgeführt werden soll, wie närr'sch - Da fällt mir etwas ein! Ihr seid doch ein Gelehrter?

BACULUS
I nun - so ein Stück davon allerdings, wenn nicht zuviel verlangt wird.

PANCRATIUS
Ich wüsste etwas, wodurch Ihr die Frau Gräfin gewinnen könntet.

BACULUS
Heraus damit.

PANCRATIUS
Kennt Ihr den Sophoklex?

BACULUS
Den Sophoklex?

PANCRATIUS
Das ist nämlich der Poet, der die Komödie gemacht hat - vor langer Zeit - wie der Teufel noch ein kleiner Junge war, wie närr'sch.

BACULUS
So? Ich habe noch nichts von ihm gehört.

PANCRATIUS
Ich höre die Frau Gräfin. - Kommt mit hinunter, Ihr müsst mir etwas davon erzählen.

BACULUS
Vom Sophoklex? Den kannte ich ja gar nicht.

PANCRATIUS
Kommt nur mit.

BACULUS
Wenn ich ihn aber doch nicht kenne!

Beide ab


DRITTER AUFTRITT
Gräfin und Baron im Gespräch aus der Seitentür tretend

GRÄFIN
Nein, nein, Herr Stallmeister, Sie sind nicht recht im klaren. Erst nachdem Ödipus König von Thebä geworden, ermählte er sich mit Jokaste, der Tochter des Menökeus.

BARON
Sie mögen recht haben, Frau Gräfin. Doch entschuldigen Sie mich, wenn ich Sie jetzt verlasse, eine plötzliche Migräne verhindert mich, klar zu denken.

GRÄFIN
Ei, ei, Herr Stallmeister, gestehen Sie vielmehr, dass Sie heute für die hehre Sage des griechischen Altertums ganz unempfänglich sind.

BARON
Sie tun mir unrecht, Frau Gräfin; wer bei Ihrem seelenvollen Vortrage nicht davon begeistert würde, müsste geistig und körperlich krank sein, und beides -

GRÄFIN
Scheint bei Ihnen der Fall zu sein. Nun, mein geistig und körperlich kranker Herr Stallmeister, welch hartes Schicksal ruht denn auf Ihnen? Wurden Sie, ein zweiter Polyneikes, von den Ihrigen verstossen, oder sind Sie ein trostloser Hämon, den Verlust der verbundenen Braut beklagend?

BARON
für sich
Meine Frau Schwester setzt mir Daumschrauben an; ich kann ihr doch unmöglich sagen, dass ich mich in ein Bauernmädchen verliebt habe.

GRÄFIN
Sie schweigen? Hab' ich's erraten?

BARON
Schöne Gräfin, Sie martern mich. So hören Sie denn ein Geständnis, welches schon lange auf meinen Lippen schwebt.

GRÄFIN
beiseite
Was werde ich hören?

BARON
Nach manchen Stürmen des Lebens glaubte ich hier endlich unter edlen Menschen eine Freistatt gefunden zu haben - zu meinem Unglück fand ich nicht bloss Edelmut - auch die höchste Liebenswürdigkeit.

GRÄFIN
Herr Stallmeister, Sie vergessen -

BARON
Sie haben recht, ich bin strafbar und möchte mich, gleich dem Ödip, selbst des Augenlichts berauben, um mein Verbrechen zu büssen; darum vergönnen Sie mir, dass ich sofort mich aus Ihrem Hause entferne.

GRÄFIN
für sich
Der junge Mann spricht gut! Laut. Herr Stallmeister, ich sollte Ihnen zürnen, doch - »vernehm' es Zeus, der stets Allsehende« - ich bin kein König Laïos, Sie dem Verderben preiszugeben.

BARON
Wie? Sie verzeihen?

GRÄFIN
Ihre Leidenschaft ist eine Schwäche, und ich habe kein Gedächtnis für Schwächen; fragen Sie den delphischen Apollo - Ihren Verstand - er wird Ihnen das Rechte sagen, aber - bleiben Sie.

BARON
O Gräfin, was muten Sie mir zu? Ich bin nur ein schwacher Mensch.

GRÄFIN
rezitierend
»Vieles Gewaltige lebt, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch -« Sie sind ein Mann von Erziehung; ich weiss das zu schätzen, und darum habe ich Sie ausgezeichnet. Sie mögen bleiben - »nicht mitzuhassen pfleg' ich, mitzulieben nur«.

Reicht ihm die Hand zum Kuss

BARON
schnell
Mitzulieben?

GRÄFIN
So sagt Antigone. Sie sollen bleiben.

BARON
küsst ihr die Hand
O himmlische Güte! Wohlan, ich will versuchen, den Kampf zu bestehen, aber ich werde unterliegen.

Nr. 8 - Duett und Kavatine

BARON
Bleiben soll ich und stets sie sehen,
Für die mein liebend Herz erglüht!
Werd' ich vor Schmerzen nicht vergehen,
Wenn keine Hoffnung mir erblüht?
Bei Gott, viel lieber stürzte ich,
Gleich jener Sphinx, vom Felsen mich.

GRÄFIN
beiseite
Oh, er spricht gut, oh, er spricht gut!
Doch wenn mein Gemahl es hörte,
Drohte sicher ihm Gefahr!

BARON
beiseite
Das Gesicht nur will ich sehen,
Wenn es später ihr wird klar,
Dass, der schmachtend sie verehrte,
Ihr leibhafter Bruder war!

GRÄFIN
Oh, er spricht gut, sehr gut, sehr gut!

BARON
zu ihr
Schweigen soll ich, wenn bittre Leiden
Mir trüben den sonst heitern Blick,
Wenn dieses Lebens schönste Freuden
Sich wenden scheu von mir zurück!
Wenn diese Brust presst süsses Weh,
Wie Hämon um Antigone?

BARONIN
hinter der Szene
Auf dem Lande will ich bleiben,
Auf dem Lande ist's so schön!

GRÄFIN
beiseite
Oh, er spricht gut, sehr gut!

BARON
beiseite
Was ist das?
stutzt und horcht auf
Welche Stimme!

BARONIN
Auf dem Lande will ich bleiben!

BARON
's ist der nämliche Gesang,
Der von jenen schönen Lippen
Mächtig mir zum Herzen drang!
laut
Mich fasst der Schmerz, ich kann's nicht tragen,
In ihrer Näh' nicht ferner sein;
Den Abendlüften will ich klagen
Meines Herzens herbe Pein.
Ich kann's nicht tragen!

BARONIN
Auf dem Lande ist's so schön!

BARON
nach dem Fenster lauschend
Aus dem Parke erklingen liebliche Töne,
Ja, sie ist es selbst, die ländliche Schöne!
Ich will sie sehen, ihr Liebe gestehen,
In Wonne vergehen und seliger Lust,
Wenn mir es gelinget, ihr Herz zu gewinnen!
Sie ist meiner wert, ich täusche mich nicht,
Nein, nein! Ich werde glücklich sein!
sich plötzlich wieder zur Gräfin wendend, die ihn erstaunt betrachtet
Ja, den Lüften will ich klagen
Meines Busens herbe Pein.

BARONIN
Auf dem Lande ist's so schön!

BARON
Aus dem Park erklingen die lieblichen Töne, usw.
zur Gräfin
Ach, ach!
beiseite
Ich werde glücklich sein.
stürzt ab


VIERTER AUFTRITT
Gräfin allein

GRÄFIN
Der junge Mann macht mir Angst; entweder ist er krank, oder seine Leidenschaft für mich ist wirklich der Art, dass -
sie tritt unwillkürlich vor den Spiegel
warum auch nicht! Als Ödipus um Jokaste warb, zählte sie gewiss auch bereits - ja, ja, so alt wie ich!
sich im Spiegel musternd
Ich glaube, ich habe Ähnlichkeit mit Jokaste; sie muss sehr liebenswürdig gewesen sein!
plötzlich ernst
Aber sie besass auch Stolz und Grundsätze! Als sie die grässliche Gewissheit vernahm, dass ihr Gatte ihr Sohn sei, erhing sie sich! - Wohlan, Eleonore, Gräfin von Eberbach, spiegle dich an jenem erhabenen Vorbilde! Wahre deinen Stolz, deine Grundsätze wie sie - aber hänge dich nicht auf!


FÜNFTER AUFTRITT
Gräfin. Pancratius

PANCRATIUS
Frau Gräfin, ich habe untertänigst zu melden, dass -

GRÄFIN
»Was gibt es Neues, hoher Greis Teiresias?« Wo ist mein Gemahl?

PANCRATIUS
Der Herr Gemahl sind auf Ihrem Zimmer und liegen auf dem Kanapee, wie närr'sch.

GRÄFIN
Ich lasse ihn bitten, wenn er ausgeruht, zu mir zu kommen.

PANCRATIUS
Ganz wohl, Frau Gräfin.

GRÄFIN
Ist für den morgenden Tag alles geordnet?

PANCRATIUS
Alles, wie närr'sch; nur mit einem bin ich in Schwulität.

GRÄFIN
Schwulität? »Was ist es? Schauder fasst mich an bei diesem Wort!«

PANCRATIUS
Die Musikanten, welche wir aus der Stadt verschrieben, haben absagen lassen.

GRÄFIN
O weh mir! »Gibt es wohl ein Übel, das von Ödipus forterbend, uns nicht Zeus erschuf?« Was beginnen wir nun?

PANCRATIUS
Ich wollte Euer Gnaden eben einen untertänigen Vorschlag machen: mein Gevatter, der Schulmeister Baculus, ein äusserst gelehrter Mann, ist da. Er spielt das Klavier, wie närr'sch, und würde sich eine Ehre daraus machen.

GRÄFIN
Das liesse sich hören. Der Mann ist hier?

PANCRATIUS
Im Vorzimmer, wie närr'sch; er hat ausserdem Euer Gnaden eine Bitte vorzutragen.

GRÄFIN
So lass Er ihn eintreten. Noch eins: hat Er den Herrn Stallmeister gesehen?

PANCRATIUS
Er lief soeben in den Park hinunter, wie närr'sch. Die Vorlesung von Euer Gnaden muss ihn gewaltig ergriffen haben.

GRÄFIN
Meint Er?
selbstgefällig
Mein Vortrag ist ergreifend, wie? Ich lese gut!

PANCRATIUS
Oh, wie ärr'sch -
sich erschrocken auf den Mund schlagend

GRÄFIN
stutzt
Wie?

PANCRATIUS
sich verbessernd
Oh, göttlich! Erschrecklich!

GRÄFIN
Schon gut; herein mit dem Schulmeister.

PANCRATIUS
verbeugt sich und lässt Baculus eintreten
Nur herein, Herr Baculus, die gnädige Frau will die Gnade haben.
ab


SECHSTER AUFTRITT
Gräfin. Baculus

GRÄFIN
Einen Augenblick, Herr Schulmeister, ich bin gleich wieder hier.
Ab in ihr Zimmer

BACULUS
allein
Nun, lieber Gott, bitte ich dich, lass einen armen Schlucker nicht im Stich. Zieht einen Zettel hervor. Mein Freund Pancratius hat in der Geschwindigkeit aus dem Zimmer der Frau Gräfin das Komödienbuch wegstibitzt, und ich habe mir daraus einige Redensarten auf ein Zettelchen notiert; gebe Gott, dass ich mich damit nicht blamiere. Courage, Sebastian, es handelt sich hier um Amt und Brot! - Sie kommt. Aufgepasst und ihr gleich eine faustdicke Phrase ins Gesicht geworfen.

GRÄFIN
im Eintreten
Unerklärlich, ich liess doch das Buch auf dem Tisch liegen.

BACULUS
hat den Zettel in den Hut gelegt und hineingesehen, deklamierend
»Strahl der Sonne, du schönstes Licht,
Das je dieses Thebanervolks -«

GRÄFIN
erstaunt
Was höre ich?

BACULUS
fortfahrend, nachdem er jedesmal in den Hut gesehen
»Siebentoriger Stadt erschien!«

GRÄFIN
Sie überraschen mich; also kennen Sie dies erhabene Gedicht des grauen Altertums?

BACULUS
Durch und durch, Eure gräflichen Gnaden, durch und durch.

GRÄFIN
setzt sich
Oh, Sie entzücken mich, nehmen Sie Platz!

BACULUS
setzt sich
Wenn ich es wagen dürfte -

GRÄFIN
Wie freut es mich, einen Lehrer vor mir zu sehen, der die alten Meisterwerke kennt und schätzt. Leider wird dieser Zweig der Wissenschaft in den Schulen so gänzlich vernachlässigt.

BACULUS
Oh, es ist abscheulich; aber ich versichere Euer Gnaden, dass in meiner Schule -

GRÄFIN
Wie, Sie kultivieren diese Wissenschaft?

BACULUS
Tagtäglich. Morgens Abc, nachmittags Sophokles.

GRÄFIN
Oh, Sie sind mir von Gott gesendet!

BACULUS
Wenn ich eine untertänige Bitte -

GRÄFIN
So sind Sie ohne Zweifel auch vertraut mit der Einrichtung der griechischen Schaubühne?

BACULUS
beiseite
O weh! Laut. Ich habe zwar noch keine gesehen, aber doch viel davon gehört -

GRÄFIN
Und gelesen?

BACULUS
Versteht sich, gelesen.

GRÄFIN
Herrlich! Also Ihre Meinung? Ich bin nämlich wegen des Arrangements der Bühne zur Vorstellung, welche zu Ehren des Grafen morgen abend stattfindet, noch etwas im Zweifel. Stand der Altar mehr nach hinten oder in der Mitte der Orchestra?

BACULUS
konfus
Wo drin?

GRÄFIN
Ich frage Sie, ob der Altar des Bacchus in der Mitte stand?

BACULUS
Wahrscheinlich; allerdings. Ich würde ihn jedenfalls in die Mitte setzen.

GRÄFIN
Ganz meine Ansicht. Und - nicht wahr - drei Türen im Hintergrunde?

BACULUS
Versteht sich, auch in die Mitte.

GRÄFIN
Wie? Die Seitentüren auch?

BACULUS
Alles in die Mitte, das ist altgriechisch.

GRÄFIN
beiseite
Der Mann ist wirklich nicht uninteressant.

BACULUS
beiseite
Wenn ich nur erst mit meinem Anliegen zustande kommen könnte!

GRÄFIN
laut
Nun aber ein Übelstand: wir haben keinen Chor.

BACULUS
Wenn ich untertänigst meine Schuljugend offerieren dürfte -

GRÄFIN
Sie scherzen - Kinder!

BACULUS
Es befinden sich schon passable Pflanzen darunter.

GRÄFIN
So sind ihnen doch immer diese Chöre unbekannt. Wie erhebend ist gleich der erste: »Strahl der Sonne, du schönstes Licht« und so weiter.

BACULUS
Vielleicht liesse sich statt dessen der schöne Choral verwenden: »Wie schön leucht't uns der Morgenstern.«

GRÄFIN
Doch wohl nicht, Herr Schulmeister; ich weiss keinen andern Ausweg, als das Ganze melodramatisch zu behandeln.

BACULUS
Auch sehr gut, sehr zweckmässig.

GRÄFIN
Ich hoffe, durch diese Vorstellung den Grafen ganz für die griechische Tragödie zu gewinnen.

BACULUS
hat in den Hut gesehen
»Dann lernt er wohl noch weise zu werden im Alter.«

GRÄFIN
Gar nicht übel! Beiseite. Der Mann hat auch Witz.

BACULUS
beiseite
Ich mache meine Sache ja prächtig! Laut. Wenn ich es jetzt wagen dürfte, Euer Gnaden Gnade in Anspruch zu nehmen, so -


SIEBENTER AUFTRITT
Die Vorigen. Graf

Nr. 9 - Quintett

GRAF
Baculus erblickend
Was seh' ich? Mir aus den Augen!
Diese Kühnheit geht zu weit!
Soll ich Gewalt noch gebrauchen?

BACULUS
ist aufgesprungen
Ach, gnäd'ger Herr, Barmherzigkeit!

GRÄFIN
Diesen Mann so zu beleid'gen!
Ich bin starr!

GRAF
Dieser Mann ist nicht zu verteid'gen.

BACULUS
Hören Sie mich ruhig an.

GRAF
Er ist ein Wilddieb!

BACULUS
Oh, ich bitte!

GRÄFIN
Er, ein Wilddieb?

GRAF
Darum eben
Finde ein Exempel statt.

BACULUS
Jeder Mensch in seinem Leben
Mal 'nen Bock geschossen hat.

GRÄFIN
Und mir gestand er frei,
Dass er Schulmeister sei.

GRAF
Das ist er auch.

BACULUS
Das bin ich auch.

GRÄFIN
Und Wilddieb? Unerhört!

GRAF
Das ist es ja.

BACULUS
Das ist es ja.

GRÄFIN
Und Gnade er begehrt?

GRAF
Nein, es soll ihm nicht gelingen,
Sich Gnade zu erzwingen.
Drum möge Strenge walten;
Mein Wort, ich werd' es halten.

Geht in den Hintergrund; die Gräfin, ihn besänftigend, ihm nach

BACULUS
für sich
Meine Weisheit ist zu Ende;
Helfen muss nun der Studente,
Denn es scheint, bei dem Prozess
Hilft mir nichts der Sophokles.
geht an das Fenster und ruft hinunter
Studente, herauf! Studente, herauf! -
vom Fenster weggehend
Denn kann der sein Herz nicht rühren,
Darf ich getrost das Bündel schnüren.

GRAF
vortretend
Fort! Ich will nichts weiter hören,
Fühle meines Willens Kraft;
Mir das Jagdvergnügen stören,
Bleibet nimmer ungestraft.

GRÄFIN
Er will nichts von Gnade hören,
Allzusehr tobt Leidenschaft;
Ihm das Jagdvergnügen stören,
Bleibet nimmer ungestraft.

BACULUS
Er will nichts von Gnade hören,
Allzusehr tobt Leidenschaft;
Doch ich hoffe zu zerstören
Seines starren Willens Kraft.


ACHTER AUFTRITT
Die Vorigen. Baron

BARON
Ich höre, dass hier oben
Sich ein Streit erhoben.
Man rief aus jenem Fenster.
Was - konnt' ich nicht verstehn.

GRAF
Man rief aus jenem Fenster?
Herr, was fällt Ihnen ein?
Sie träumten wohl Gespenster?

BARON
Ich träumte wachend, ja,
Ich will es eingestehn,
Von Wünschen, die vielleicht
Nie in Erfüllung gehn.

GRÄFIN
für sich
Er träumt' von mir, von seiner Schönen,
Vergehet schier vor Liebessehnen,
Gestehet frei, ohn' alle Scheu,
Dass er verliebet sei;
Doch in wen, darf er nicht eingestehn.

GRAF
beiseite
Er träumt' von ihr, der holden Schönen,
Vergehet schier vor Liebessehnen,
Gesteht frei, ohn' alle Scheu
Dass er verliebet sei;
Doch in wen, darf er nicht eingestehn.

BARON
beiseite
Ich sprach mit ihr, der holden Schönen,
Vergehe schier vor Liebessehnen,
Gestände frei, ohn' alle Scheu,
Dass ich verliebt aufs neu';
Doch in wen, darf ich nicht eingestehn.

BACULUS
für sich
Wär' ich bei ihr, bei meiner Schönen!
Doch nichts hilft mir mein Liebesstöhnen
Die Schelmerei quält mich aufs neu';
Vor Angst werd' ich dabei,
Noch vergehn, das darf ich eingestehn.


NEUNTER AUFTRITT
Die Vorigen. Baronin, schüchtern eintretend

GRAF
Wen seh' ich?

BARON
beiseite
Was will sie hier?

GRAF
Es ist das schöne Kind vom Lande!

GRÄFIN
Was willst du, liebes Kind?

BARONIN
Ach, Sie verzeihn,
Dass ich so frei hier trete ein;
Ich komm', für meinen Bräutigam
Zu bitten beim Herrn Grafen.

GRAF, BARON
schnell
Du wärest Braut?

BARONIN
Ach ja, zu dienen.

GRÄFIN
Ei, meine Herrn, missfällt das Ihnen?

BARONIN
Nun sagt man von dem gnäd'gen Herrn,
Er säh' die hübschen Mädchen gern -

GRÄFIN
Ei, ei!

GRAF
Wer sagt das?

BARONIN
Alle Welt!

GRAF
Sieh, wie mich die zum Narren hält.

BARONIN
Der Herr will ohne Fragen
auf Baculus zeigend
Ihn nun vom Amte jagen.

GRAF, BARON
überrascht
Wer ist der Bräutigam?

BARONIN
Der!

GRAF
Der?

BARON
Der?

GRÄFIN
Der?

GRAF, BARON, GRÄFIN, BARONIN
Der?!

BACULUS
beiseite
Darüber wundern sie sich sehr.

GRAF, BARON
Nein, es ist kaum zu glauben,
Dass dieses Monstrum hier
Imstande wär', zu rauben
Der Mädchen schönste Zier!
Und diese Rosenwangen,
Sie sollten vor Verlangen
Für diesen Alten glühn?
Erdrosseln möcht' ich ihn!

GRÄFIN
Was soll ich davon glauben?
Die Nachricht scheinet mir
Die Laune schnell zu rauben
Dem Herrn Gemahle hier.
Dass diese Rosenwangen
In bräutlichem Verlangen
Für einen, Alten glühn -
Fürwahr, das ärgert ihn.

BARONIN
Sie scheinen nicht zu glauben,
Dass dieser Alte hier
Imstande wär' zu rauben
Des Herzens Neigung mir.
Vor heimlichem Verlangen
Erglühen ihre Wangen,
Es möchten beide kühn
Erdrosseln lieber ihn.

BACULUS
Man sollte es nicht glauben,
Dass der Studente hier
Imstand wär', so zu schrauben
Die beiden Herren hier.
Wüsst' ihr, nach welchen Wangen
Ihr traget solch Verlangen,
So würde eure Mien'
Gewaltig sich verziehn.

GRÄFIN
Der Herr wird gnädig sein!
Doch habt Ihr falsch vertraut,
Wenn Ihr der Meinung seid,
Dass er Euch nur verzeiht,
Weil schön ist Eure Braut.

GRAF
Das mein' ich auch.

GRÄFIN
Beweis, dass Ihr den Herrn nicht kennt.

BACULUS
Die Leute sagten so,
Da meinte der Student -

GRÄFIN, GRAF, BARON
Student? Student?

BACULUS
sich verbessernd
Mein Vetter, wollt' ich sagen.

BARONIN
Schwatzt nicht so dummes Zeug.
Schweigt lieber!

GRÄFIN
Student? Student?

GRAF, BARON
Vergiften möchte ich den Alten auf der Stelle?

BACULUS
Mein Vetter!

GRÄFIN
den Grafen und Baron beobachtend
Wie Verdruss sich malt in ihren Zügen!

Baronin macht währenddessen Baculus leise Vorwürfe

GRÄFIN
Wie? Zank? Ich will nicht hoffen -
Geschwind, geschwind, vertragt euch!

GRAF, BARON
zur Gräfin
Die Leute sind betroffen!

GRÄFIN
Versöhnung! Umarmt euch!

BARONIN
Ach, das ist gar nicht nötig.

GRAF
zur Gräfin
Es schämen sich die Leute.

BARON
ebenso
Ja wahrlich, sie genieren sich.

BACULUS
Ich bin dazu erbötig.

BARONIN
für sich
Gott, was beginn' ich nur!

BARON
Boshafte Kreatur!

GRAF
für sich
Mich ärgern will sie nur.

GRÄFIN
Ein Kuss! Gleich auf der Stelle!

GRAF, BARON
Oh, wär' er in der Hölle!

BACULUS
zur Baronin
So komm Er einmal her!

GRÄFIN, GRAF, BARON
Er! Er! Was soll das heissen?
Ist er verrückt?
Was soll zur Unzeit dieser Scherz?

BARONIN
Der Tölpel! Der Tölpel!

BACULUS
verbessernd
Ein Scherz, ein Scherz!
Es war ein gar unschuld'ger Scherz!

BARONIN
beiseite sich drein ergebend
In Gottes Namen denn,
Die Augen zugedrückt!

Baculus gibt ihr einen derben Schmatz. Graf und Baron stampfen vor Wut mit den Füssen

GRÄFIN
Was soll ich davon glauben, usw.

GRAF, BARON
Nein, es ist kaum zu glauben, usw.

BARONIN
Sie scheinen nicht zu glauben, usw.

BACULUS
Man sollte es nicht glauben, usw.

Der Graf führt die Gräfin in den Speisesaal


ZEHNTER AUFTRITT
Baronin. Baron. Baculus

BACULUS
beiseite
Die Herrschaften gehn, und ich bin wegen meiner Angelegenheit immer noch nicht im klaren.

BARONIN
beiseite
Der Mann durchbohrt mich fast mit seinen Blicken.

BARON
der folgen wollte, kehrt um, für sich
Ich kann mich von dem holden Geschöpf nicht trennen. Laut. Schönes Kind, ich bedauere dich von Herzen!

BARONIN
Ei, warum denn das?

BARON
Stell dich so einfältig, wie du willst; dein Auge sprüht Geist und klagt nur deine Erziehung an.

BARONIN
Ich verstehe den Herrn nicht.

BARON
Bekenn es nur, du wirst nicht glücklich mit diesem Manne, du kannst nicht glücklich mit ihm werden.

BARONIN
Man muss sich in sein Schicksal finden.

BACULUS
beiseite
Der beisst an; hähähä! Der wird sich wundern!


ELFTER AUFTRITT
Die Vorigen. Pancratius, aus dem Speisesaal

PANCRATIUS
Der Herr Stallmeister möchten zu der Abendtafel kommen. Die Herrschaften warten, wie närr'sch.

BARON
Ich habe keinen Appetit, ich bin unwohl.

BACULUS
Schade, dass die Einladung nicht an mich gerichtet ist, mein Appetit ist grenzenlos.

PANCRACIUS
Desto besser. Der Herr Graf haben befohlen, Ihn zu restaurieren; wenn es also gefällig ist, mir zu folgen -

BACULUS
Edler Mann! So was lässt man sich nicht zweimal sagen.
Will gehen

BARONIN
Er will mich allein lassen?

BACULUS
I was, der Herr bleibt ja.

BARONIN
leise
Eben deswegen soll Er dableiben.

BACULUS
Zier Er sich doch nicht. Ich habe Hunger, und da der Herr Graf so zuvorkommend ist -

BARON
Versteht sich, drum geh Er getrost; Seine Braut ist in den besten Händen.

BACULUS
Meine Braut? Ja so. Mir fiel eben sein Stubenbursche ein.

BARON
Was schwatzt Er da?

PANCRATIUS
Wer fiel Euch ein?

BARONIN
So geh Er, aber lass Er mich nicht lange warten!

BACULUS
Nun, Herr Stallmeister, gute Unterhaltung; meinetwegen braucht Er sich keinen Zwang anzutun; ich bin nicht eifersüchtig, hähähä!

Baron und Baronin gehen im Gespräch in den Hintergrund

PANCRATIUS
leise
Wie steht's denn?

BACULUS
leise
Je nun -

PANCRATIUS
Gut?

BACULUS
Passabel.

PANCRATIUS
Also Hoffnung?

BACULUS
Wie närr'sch! Hähähä!

PANCRATIUS
Freut mich - wie närr'sch - hahaha!

Beide lachend ab


ZWÖLFTER AUFTRITT
Baronin. Baron

BARON
sie vorführend
Nun höre mich an, Gretchen; wir wurden vorhin gestört. Ich bin Witwer, wohlhabend. Mit vieler Überlegung wählte ich mir eine Frau und war unglücklich. Als sie starb, wollte ich nie wieder heiraten. Ich führte monatelang ein qualvolles Leben, der Weltschmerz erfasste mich, und ich wollte mich bereits erschiessen - ich habe mich nicht erschossen.

BARONIN
Das seh' ich.

BARON
Oh, es kann noch dahin kommen!

BARONIN
Das verhüte Gott!

BARON
Da nun das erstemal Überlegung und Rücksicht mich so bitter getäuscht, so beschloss ich, bei der zweiten Wahl ganz ohne alle Rücksichten zu verfahren. Kurz, Gretchen, als ich dich erblickte, da war mir's, wenngleich meine Augen dich zum ersten Male sahen, als hätte dich mein Herz schon längst gekannt; mein Schmerz wurde milder, und plötzlich stand es fest vor meiner Seele: diese wird mein Weib!

Nr. 10 - Duett

BARONIN
Ihr Weib?

BARON
Mein teures Weib!

BARONIN
Das wäre viel Ehre
Für mich, doch gehet das nicht an;
In unserm Dorf hat jede Frau
Nicht mehr als einen Mann.

BARON
Noch bist du frei.

BARONIN
Nicht frei, ich bin versprochen.

BARON
erregt
Entsage jenem Band.

BARONIN
Das wäre Treu' gebrochen.

BARON
Gesetzt, dein Bräutigam tritt dich
Mir ab, wärst du dagegen?

BARONIN
Der Herr ist viel zu vornehm mir.

BARON
Lass, Holde, dich bewegen!
Reich bin ich auch und vornehm -

BARONIN
Auch?

BARON
Vielleicht;
Doch soll dich das nicht blenden
Von meiner Lieb' allein -

BARONIN
Ach so -

BARON
Lass mich vollenden.
Von meiner heissen Lieb' allein
Red' ich zu deinem Herzen.
Wirst du noch ferner grausam sein,
Erwachen alle Schmerzen
Aufs neu in mir!
Nicht trag' ich mehr dies Leben; preisgegeben
Fühl' ich mich der Verzweiflung wieder;
Ein tötend Gift oder Blei, einerlei,
Gift oder Blei, was es auch sei,
Soll mir willkommen sein,
Zu enden meine Pein.

BARONIN
Ach Gott, das wär' doch schade
Um ein so junges Leben.
Mich jammert Ihre Lage,
Doch hat es keine Not,
Vor Liebe heutzutage
Schiesst keiner sich mehr tot.

BEIDE
für sich
Ist sein / ihr Plan, mich zu necken, abzuschrecken?
Fühlt sein / ihr Herz wirklich Liebe, wahre Triebe?
Ei, das schmeichelte mir sehr, ja wahrhaftig!
Zwar gelobt ich hoch und teuer,
Mich an Hymens heil'gem Feuer
Zu erwärmen nimmermehr;
Doch man müsste es probieren
Und noch einmal es riskieren,
Vielleicht wird ein dauernd Glück erreicht. -

BARON
So zweifelst du an meinem Wort?

BARONIN
Ich bitte, lassen Sie mich fort.

BARON
Sei offen, Kind, missfall' ich dir?

BARONIN
Davon ist keine Rede hier.

BARON
Bin ich so hässlich?

BARONIN
Nein!

BARON
Dir ganz zuwider?

BARONIN
Sie sind so ernst.

BARON
Das macht der Schmerz;
Soll mein Benehmen anders sein?

BARONIN
's ist etwas wild.

BARON
Das macht der Schmerz.
Ich bin ein Mensch voll lauter Schmerz,
Bis ich erzwungen hab' ein Herz,
Das mich dem Dasein wiedergibt,
Das mich versteht, das mich liebt.

BARONIN
Ich zweifle fast, dass ich es kann,
Sie armer, schmerzensreicher Mann.

BARON
Wohlan, du willst nicht, dass ich lebe?

BARONIN
Ach Gott, es fällt mir gar nicht ein.

BARON
Wohlan, der Tod, er ende meine Pein!
Geht bis zur Tür und wendet sich.
Ich gehe.

BARONIN
Wunsche wohl zu leben.

BARON
Von leben kann nicht Rede sein.

BARONIN
lachend
So wünsch' ich wohl zu sterben.

BARON
Es würde wohl mein Tod dich gar erfreun?

BARONIN
ärgerlich
So argen Scherz zu treiben!

BARON
Ein Scherz? Ein Scherz?
Wohlan! Nun lass' ich's bleiben.

BARONIN
Es wär' auch wirklich schade, usw.

BEIDE
für sich
Ist sein / ihr Plan, mich zu necken, abzuschrecken? usw.


DREIZEHNTER AUFTRITT
Die Vorigen. Baculus

BACULUS
Das ist ein Wetterchen draussen, wie bei der Sintflut. Wie sollen wir denn nun nach Hause kommen?

BARON
Eben recht. Ich habe mit Ihm zu reden, Herr Schulmeister. - Wer kommt?


VIERZEHNTER AUFTRITT
Die Vorigen. Graf

GRAF
Was soll das heissen? Wir warten auf den Herrn Stallmeister bei Tische, aber wie es scheint, neigte sich sein Appetit nach etwas anderem.

BACULUS
beiseite
Hähähä! Die Geschmäcker sind verschieden!

BARON
Und wenn ich in der Tat Ihrer interessanten Unterhaltung eine noch interessantere vorgezogen hätte?

GRAF
Mit einem Bauernmädchen? Sehr schmeichelhaft für meine Frau.

BARON
leise zum Grafen
Herr Bruder, das Mädchen ist bezaubernd!

GRAF
ebenso
Der Meinung bin ich auch.

BARON
Wenn du wüsstest -

GRAF
Was denn?

BARON
Nun später, wenn wir allein. -
Winkt Baculus und geht mit ihm in den Hintergrund

GRAF
für sich
Ich glaube, der will hier Hahn im Korbe sein? Ja prosit, du kommst mir gerade recht!
laut
He, Baculus!

BACULUS
schnell vorkommend
Gräfliche Gnaden!

GRAF
Meine Gemahlin hat ein gutes Wort für Ihn eingelegt, und werde ich rücksichtlich dessen milder gegen Ihn verfahren.

BACULUS
für sich
Dank, o Sophokles!

GRAF
Was sagt Er?

BACULUS
Ich sage, allzu gnädig!

GRAF
Halt! Die Sache ist damit noch nicht abgetan; doch da es spät und der Jäger Thomas nicht anwesend ist, so mag Er für heute nach Hause gehen; morgen wollen wir den Fall näher untersuchen.

BACULUS
Wollen der Herr Graf nicht huldreichst eine Droschke kommandieren; draussen befindet sich eine überaus feuchte Atmosphäre.

GRAF
Unverschämtheit ohnegleichen! Am Ende soll ich Ihn noch mit vier Pferden nach Hause fahren lassen!

BACULUS
Aber dieser enorme Regen -

GRAF
So mag Er im Schlosse bleiben.

BACULUS.
Ja, aber meine Braut?

GRAF
Auch die, das versteht sich.

BACULUS
Meine Braut? Ja so, die da!

GRAF
Die da? Hat Er mehr als eine?

BACULUS
Behüte, ich dachte nur -

BARONIN
mit welcher der Baron bisher gesprochen
Geb Er sich doch mit dem Denken lieber gar nicht ab.

GRAF
Sie kann - bei der Kammerjungfer schlafen, wenn sie will.

BACULUS
Bei der Kammerjungfer? Hähähä! I nu, meinethalben, wenn die Kammerjungfer es zufrieden ist.

BARONIN
Ach, wenn's der gnäd'ge Herr vergönnte, so bliebe ich gern hier im Saale.

GRAF
beiseite
Desto besser. Laut. Wie es dir gefällt, mein Kind. So kann Er beim Verwalter schlafen.

BARONIN
Wie, ich soll allein hierbleiben?

BACULUS
Na, Seine Unschuld wird doch hier nicht in Gefahr kommen.

GRAF
Wessen Unschuld?

BACULUS
Ich meine den Verwalter, wenn ich -

BARONIN
leise zu Baculus
Entweder Er bleibt hier, oder ich verrate alles.

BACULUS
Nun, meinetwegen, wenn Er gar so zimperlich tut -

BARON
vortretend
Ich dächte auch, es wäre dem Anstande gemäss -

GRAF
Ach, der Herr Stallmeister auch noch da? Zu Baculus. Wohlan, so setz Er sich in jenen Lehnstuhl. Für sich. Hoffentlich schläft er bald ein.

BARONIN
aus ihrem Körbchen ein Strickzeug nehmend
Ich setze mich hierher und stricke - oh, ich will mir schon die Zeit vertreiben!
Setzt sich rechts

BACULUS
beiseite
Der wird einen guten Stiefel stricken.
Setzt sich links

GRAF
Herr Stallmeister, ich wünsche wohl zu schlafen.

BARON
Ich habe noch keinen Schlaf.

GRAF
Mir geht es ebenso.

BARON
Da bleibt weiter nichts übrig, als uns gegenseitig zu amüsieren.

GRAF
Ich bin dabei. Vielleicht noch eine Partie gefällig?

BARON
Ich stehe zu Dienst.
Für sich
Wüsst' ich ihn nur zu entfernen!

GRAF
ebenso
Der Satan weicht nicht von der Stelle.

Beide bereiten sich zum Spiel, setzen die Bälle usw

BARONIN
beiseite
Die Nacht scheint amüsant zu werden.

BACULUS
ein Gesangbuch aus der Tasche ziehen
Ich will den Choral für morgen noch einmal durchnehmen.

Nr. 11 - Quintett

BARON
Ich habe Numro eins.

GRAF
Sie setzen aus.

BARON
Doch sind Sie mir weit überlegen.

GRAF
So geb' ich Ihnen vor.

BARON
Wieviel?

GRAF
Wohlan, ich geb' vierundzwanzig.

BARON
Meinetwegen.

Er stösst

BARONIN
für sich
Ich glaube gar, man spielt um mich!

Graf stösst

BARONIN
Oh, wie will ich morgen lachen,
Denn die beiden Herren machen
Sich gewaltig lächerlich.

GRAF, BARON
für sich
Aus dem Zimmer ihn zu treiben
Und allein bei ihr zu bleiben,
Sei mein Streben, ist mein Plan.

BACULUS
singt mit lauter Stimme aus dem Gesangbuch
»Wach auf, mein Herz, und singe!«

BARONIN, GRAF, BARON
zu Baculus
Welch Gebrülle! Seid Ihr toll?
Sagt, was das bedeuten soll?

BACULUS
Ich glaubt', es sollte mir gelingen,
Mich in sanften Schlaf zu singen.

GRAF, BARON
Schlaft, doch brüllet uns nichts vor.

BACULUS
Gut, so leg' ich mich aufs Ohr.

Bereitet sich zum Schlafen

GRAF
Wie steht das Spiel?

BARON
A point.

GRAF
A point! Wohlan!

Sie stellen sich wieder zum Spiel, der Graf will stossen. Es wird hinter der Szene geklingelt

GRAF
Die Gräfin klingelt.
Was will sie noch so spät?

BARON
auf den Grafen deutend
Da würd' es doch wohl schicklich sein,
Dass jemand zu ihr geht.

BARONIN
schnell
Gleich will ich hin zu ihr.

GRAF
schnell
Nein, bleibe, liebes Kind.
Für sich
Sie blieb am End' bei ihr.
Laut
Ich geh' zu ihr geschwind.
Rüttelt Baculus
He, Alter, schickt es sich, zu schlafen
In Gegenwart des Herrn Grafen?

BARON
für sich
Wie boshaft!

GRAF
Hübsch die Augen klar!

BARONIN
für sich
Zum Wächter stellt er ihn wohl gar.

GRAF
triumphierend, für sich
Nun sind sie mindstens nicht allein,
Da darf er auch nicht zärtlich sein.
ab

BARON
wirft das Queue aufs Billard und stürzt leidenschaftlich vor
Lass mich nicht in Zweifel schweben,
Denn du weisst, es gilt mein Leben,
Dass du willst dein Herz mir weihn,
Mein fürs ganze Leben sein.

GRAF
tritt wieder ein
Da bin ich wieder.

BARON
Verwünscht!

GRAF
Die Frau Gräfin möchte wissen,
Ob ihr Reitpferd wieder wohl.

BARON
Werde ihr zu Diensten stehn morgen früh.

GRAF
schnell
Nein, gleich, im Augenblick.

BARONIN
für sich
Aus dem Zimmer ihn zu treiben,
Ist sein Streben nur allein.

BARON
So geh' ich, doch nicht lange
Lass' ich beide hier allein.

GRAF
Aus dem Zimmer ihn zu treiben,
Ist mein Streben nur allein.

BACULUS
Keine Ruhe! Wohl, so will ich
In die Ohren ihnen schrein.

GRAF
Wie steht das Spiel?

BARON
mit Bezug auf die Baronin
A point!

BARONIN
schelmisch
A point!
Meine Liebe zu erringen,
Dürfte endlich ihm gelingen;
Mich, die Spröde, zu bezwingen,
Ist sein Streben nur allein!
Schmeichelhaft, ich muss gestehen,
Ist, sich so geliebt zu sehen,
Und ich glaube, dass sein Flehen
Nicht vergebens werde sein.

GRAF, BARON
Ihre Gunst mir zu erringen,
Wird mir sicher noch gelingen;
Diese Spröde zu bezwingen,
Streb' ich nur allein!
Noch will sie mich nicht verstehen,
Doch Geduld, wir werden sehen,
Und ich hoffe, dass mein Flehen
Nicht vergebens werde sein.

BACULUS
»Wach auf, mein Herz, und singe!«
Ach, wann werd' ich endlich sehen,
Dass die Herren schlafen gehen?
Denn bevor das nicht geschehen,
Wird kein Schlummer mich erfreun.

Schläft ein. Baron schnell ab

GRAF
Holdes Kind, willst du nicht sehen
Mich vor Liebe gleich vergehen,
Reiche, denn ich schmachte sehr,
Mir zum Kuss dein Mündchen her.

BARONIN
ihm entschlüpfend und zu Baculus laufend
Ach, der Herr will mich nur necken!

GRAF
Halt, mein Kind, was willst du tun?

BARONIN
Meinen Bräut'gam will ich wecken.

GRAF
Nicht doch, lass den Alten ruhn.

BARONIN
Ei was, es schickt sich nicht zu schlafen
In Gegenwart des Herren Grafen.

GRAF
sie verfolgend
Lass die Possen!

BARONIN
Soll ich schrein?

GRAF
Nur ein Küsschen.

BARONIN
Nein, nein, nein!

BARON
eilig eintretend
Da bin ich wieder.

GRAF
Verwünscht!

BARON
Dem Herrn Grafen hat's gefallen,
In April zu schicken mich.

GRAF
Ei, es sagte doch die Gräfin -

BARON
Nein, mein Herr, Sie irrten sich.

GRAF
Ei, da bitt' ich um Verzeihung,
Sicher hatt' ich mich verhört.

BARON
Wie steht das Spiel?

GRAF
mit Bezug, sich den Mund wischend
A point!

BARON
A point!

BARONIN
schelmisch
A point!

BARONIN, GRAF, BARON
Einer führt den andern an!

BACULUS
erwachend
Weil ich doch nicht schlafen kann,
Fange ich zu singen an:
»Wach auf, mein Herz, und singe!« usw.

BARONIN
Meine Liebe zu erringen, usw.

GRAF, BARON
Ihre Gunst mir zu erringen, usw.

BARON
Doch nun dächt' ich, wir beendeten
Das Spiel. Was meinen Sie?

GRAF
Gern.

BARON
für sich
Ich geh' nicht von der Stelle.

GRAF
für sich
Ich bleib' hier bis morgen früh.

Beide fangen wieder zu spielen an

BARONIN
beiseite
In der Tat, ich bin begierig,
Wie sich end'gen wird die Szene.

BACULUS
Sie fangen wieder an! Noch keine Ruh!
Mir fallen wahrlich vor Schlaf die Augen zu.

BARON
stösst
Wenn nur ein Ballen mir geläng'!

GRAF
Sie spielen ohne all Dessein.

BARON
Ohne Dessein? Da muss ich lachen.

GRAF
Dieser Ballen war zu machen.

BARON
Der gehört ja gar nicht mein.

GRAF
Herr, was reden Sie für Sachen?

BARON
Lassen wir das Spielen sein.
Sie sind Streiter!

BARON
Oder Sie!

GRAF
Sie!

BARON
Sie!

GRAF
Sie!

BEIDE
Sie!

Durch das Demonstrieren mit den Queues berühren sie die Lampe, der Schieber fällt herab, und die Bühne wird dunkel

ALLE VIER
Das ist das Ende von dem Streit,
Nun sitzen wir in Dunkelheit.

GRAF
für sich
Das ist mir lieb!

BARON
Fataler Streich!

BARONIN
Das geht zu weit!

BACULUS
Welch tolles Zeug!

GRAF
Zu mir, mein Kind, ich suche dich!

BARON
Zu mir, mein Kind, ich schütze dich!

BARONIN
Gefährlich wird es nun für mich!

BACULUS
Nun haschen sie im Dunkeln sich!

Mit den Worten »Das ist mir lieb« schlüpft der Graf zur Baronin; diese entwischt ihm und läuft bei Baculus vorbei, um das Billard herum, der Graf ihr nach, hinter ihm der Baron; nachdem sich alle drei einigemal herumgejagt, jedoch ohne sich zu fassen, tritt die Gräfin im Negligé aus ihrem Zimmer und gerade zwischen den Grafen und die Baronin. Ersterer umarmt die Gräfin, in der Meinung, die Baronin erwischt zu haben; der Baron schiesst vorbei und packt den sich eben vom Stuhl erhebenden Baculus, ihn festhaltend. Zu gleicher Zeit tritt durch die Haupttür Pancratius mit Licht ein, die Gruppe beleuchtend.


FÜNFZEHNTER AUFTRITT
Die Vorigen. Gräfin. Pancratius

Graf und Baron, ihren Irrtum erkennend, stehen beschämt

PANCRATIUS
spricht
Hier ist ja ein Geschrei wie närr'sch!

GRÄFIN
singt
Welch unruhvolles Treiben!
Wer störte meinen Schlummer?

BARON
verlegen
Wir spielten.

GRAF
ebenso
Wir spielten.

GRÄFIN
Aha!

GRAF
Und kamen sehr in Rage.

BARONIN
vortretend
Ich strickte!

BACULUS
Ich nickte!

GRÄFIN
Aha!

GRAF
Das gab Karambolage.

GRÄFIN
Das leuchtet mir schon ein.
Nur glaub' ich, dass Ihr Spiel
Der holden Jungfrau viel
Von ihrem Schlummer raubt;
Drum sei es ihr vergönnt,
Der sichern Ruh' zu pflegen
Bei mir, auf meinem Zimmer.
Sie haben nichts dagegen?

Baronin küsst der Gräfin die Hand und tritt auf ihre Seite

BACULUS
Ei, ein gewagter Schritt!
Jetzt nimmt sich die Frau Gräfin
Gar den Studenten mit.

GRÄFIN, BARONIN
Wie ein Schlag aus heitern Höhen
Traf mein / ihr Wort, und beide stehen
Sie beschämet da vor mir / ihr.
Darum müssen ohne Säumen
Sie den Unmut nun verträumen,
Heut bezähmen die Begier.
Gute Nacht! Gute Nacht! Gute Nacht!

GRAF UND BARON
Wie ein Schlag aus heitern Höhen
Traf ihr Wort, und beide stehen
Wir beschämet da vor ihr.
Darum wollen ohne Säumen
Wir den Unmut nun verträumen,
Heute bezähmen die Begier.
Gute Nacht! Gute Nacht!
Ärgerlich mit dem Fusse stampfend.
Gute Nacht!

BACULUS
Wie ein Schlag aus heitern Höhen
Traf ihr Wort, und beide stehen
Sie beschämet da vor ihr.
Beide wachten ohne Säumen
Auf aus ihren Liebesträumen,
Wüssten sie Bescheid gleich mir.
Gute Nacht! Gute Nacht! Gute Nacht!

Graf begleitet die Gräfin bis an die Tür ihres Zimmers; sie geht mit der Baronin hinein; der Graf zur Haupttür ab. Pancratius folgt ihm


SECHZEHNTER AUFTRITT
Baron. Baculus

BARON
tut, als ob er folge und kehrt dann um; für sich
Wahrhaftig, lebten wir noch in finstern Zeiten, so würde ich glauben, das Mädchen habe mir einen Liebestrank gegeben. Laut. He, Schulmeister!

BACULUS
Noch keine Ruhe! Was beliebt?

BARON
Ich habe Euch einen Vorschlag zu machen. Wenn ihr einwilligt, so geb' ich Euch mein Wort, dass Ihr nicht allein Euer Amt behalten, sondern noch tausend Taler obendrein verdienen sollt.

BACULUS
Ei der Tausend! Wie denn das?

BARON
Wollt Ihr mir Eure Braut abtreten?

BACULUS
Meine Braut? Ei beileibe! Was will der Herr denn mit meiner Braut anfangen?

BARON
Ich will sie heiraten. Das holde Wesen machte gleich, als ich sie in Eurem Dorfe sah, einen tiefen Eindruck auf mich.

BACULUS
Das glaub' ich wohl, aber ich habe meine Braut lieb.

BARON
Sind Euch tausend Taler nicht noch lieber?

BACULUS
überlegend
Tausend Taler? Nein, Herr Stallmeister, tausend Taler sind mir nicht lieber.

BARON
Aber zweitausend?

BACULUS
Zweitausend? Für sich. Potz Adam Riese und Pestalozzi! Laut. Nein, auch zweitausend Taler sind mir nicht lieber.

BARON
Aber fünftausend?

BACULUS
Fünftausend! - Alle Wetter, Herr Stallmeister, wenn das Ihr Ernst ist und meine Braut nichts dawider hat -

BARON
Ihr müsst sie zu überreden suchen.

BACULUS
Das wird schwerhalten, sie liebt mich unmenschlich, in acht Tagen sollte ja unsre Hochzeit sein. Wie wär' es denn, wenn ich sie erst auf ein Jahr heiratete, und wir machten hernach das Geschäft ab?

BARON
Wo denkt Ihr hin! Morgen oder nie! Morgen mit dem frühesten.

BACULUS
In Gottes Namen denn, ich will's versuchen. Aber geben Sie acht, sie wird nicht wollen.

BARON
Sie wird wollen - wir sind schon halb und halb einig.

BACULUS
So? Das wär' der Teufel!

BARON
Überlegt es wohl! Mit fünftausend Talern könnt Ihr Euch ein schönes Gütchen kaufen, und Bräute gibt's ja noch genug in der Welt. Morgen mit dem frühesten erwarte ich Euren Entschluss.

Geht ab


SIEBZEHNTER AUFTRITT
Baculus allein

Nr. 12 - Arie

BACULUS
Fünftausend Taler! Fünftausend Taler!
Träum' oder wach' ich? Zittre und zag' ich?
Wein' oder lach' ich? Götter, was mach' ich?
Wahr bleibt es ewig doch, das Glück ist kugelrund,
Vor kurzem war ich noch ein rechter Lumpenhund;
Nicht sehr viel mehr als Mensch und Christ,
Und nun auf einmal - Kapitalist!
Dir dank' ich, ew'ges Fatum,
Jetzt meines Glückes Statum!
überlegend
Doch wenn Gretchen, tränenvoll,
Mich um Gottes willen bittet,
Dass ich sie behalten soll?
Wenn sie schmeichelt und mich streichelt,
Was bis jetzt noch nie geschah;
Wenn sie jammert, mich umklammert?
Lieber Gott, was mach' ich da?
zum Publikum
Tun Sie mir den einz'gen Gefallen und sagen Sie mir; was mach' ich da?
nach kurzem Bedenken
Kann alles nicht helfen, ich schlage sie los,
Denn fünftausend Taler sind gar zu viel Moos.
Doch nun heisst es überlegen,
Was fang' ich mit Gottes Segen,
Mit dem Kapitale an?
Soll ich ein Gelehrter bleiben
Oder 's Merkantilsche treiben?
Baue ich mir ein Palais
Oder werde Kneipier?
Kaufe ich mir Staatspapiere
Oder schenk' ich bayr'sche Biere?
Treibe ich Ökonomie, baue ich ein Tivoli?

Doch warum die Zeit jetzt töten
Und mit Plänen martern mich?
Habe ich erst die Moneten,
Findet schon das Weitre sich.
Fünftausend Taler! Das ist ein Wort,
So voluminös, so numerös,
So pekuniös und so famös!
Beschlossen ist's im Weltenplan,
Ich werd' ein hochberühmter Mann!
Es sauset und brauset, es sumset und brumset,
Es schimmert und flimmert, es krabbelt und zappelt
Im Körper, vor Augen und Ohren mir.
Beschlossen ist's im Weltenplan,
Ich werd' ein hochberühmter Mann!

Geht rasch und aufgeblasen ab

DRITTER AUFZUG

Park des gräflichen Schlosses. Hinten ein grosses Gittertor. Links ein Pavillon, rechts der Eingang in das Schloss; weiter vorn eine Laube.

ERSTER AUFTRITT
Graf tritt auf

Nr. 13 - Rezitativ und Arie

Rezitativ

GRAF
Wie freundlich strahlt die helle Morgensonne
Auf mich herab, auf diesen Tag der Wonne!
Bald naht der Dorfbewohner frohe Schar,
Sie bringen Wünsche mancher Art mir dar.
»Gesundheit, langes Leben«,
So schallt's vom Mund der Gäste,
Doch wünsch' ich mir daneben
Das Köstlichste, das Beste:

Arie

Heiterkeit und Fröhlichkeit,
Ihr Götter dieses Lebens,
Euch zu sehen, zu erflehen,
Ist das Ziel des Strebens!
Oh, du holde Seligkeit,
Die des Menschen Herz erfreut,
Jubelnd ruf' ich aus: Ziehe nie hinaus!
Oh, holde Göttin Freude,
Gib mir immer das Geleite!
Seh' ich Blumen blühen,
Will's mich immer ziehen,
Sie sogleich zu pflücken,
Mich damit zu schmücken.
Ja, es bringt mir jede Sonne
Neue Lust und neue Wonne!
Kommt auf meinen Wegen
Etwas mir entgegen,
Was die Freude stört,
Lust in Schmerz verkehrt,
Werden stiller meine Lieder!
Aber gleich sing' ich doch wieder:
Heiterkeit und Fröhlichkeit! usw.

Hübsche Mädchen, hübsche Frauen,
Kann ich euch nur immer schauen!
Holde Sterne meines Lebens,
Ihr ruft nie, nein, nie vergebens.
Doch durch Liebe nicht allein
Zieht die Freude bei mir ein.
Sinkt der Abend nieder,
Dann im Kreis der Brüder,
Wenn Champagner winket,
Wenn man jubelt, trinket,
Dann ertönen meine Sänge
Bei der Laute frohen Klängen:
Heiterkeit und Fröhlichkeit! usw.
Durch Liebe, Sang und Wein,
Zieht die Freude bei mir ein!


ZWEITER AUFTRITT
Graf. Baron

BARON
Sieh da, der Herr Graf -

GRAF
Ah - der Herr Stallmeister -

BARON
Auch schon aus den Federn?

GRAF
Ich - botanisiere, und Sie?

BARON
Ich - botanisiere auch.

GRAF
lachend
Ja, du siehst mir auch aus, wie lauter Botanik. Die Wahrheit zu sagen, Herr Bruder, du siehst mir recht kläglich aus.

BARON
Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan.

GRAF
Wohl aus Ärger, weil ich dir gestern nicht das Feld überlassen wollte? Oh, du spieltest in deiner Verliebtheit eine äusserst komische Figur.

BARON
Komisch oder nicht, so viel ist gewiss, dass mich dein Betragen gegen das junge Mädchen empörte.

GRAF
Mein Betragen? Was soll das heissen?

BARON
Ich hoffe, jede andere Erklärung werde überflüssig sein, wenn ich dir sage, dass ich Gretchen zu meiner Gattin erwählt habe.

GRAF
Zu deiner Gattin? Hahaha!

BARON
pikiert
Herr Bruder, ich verbitte mir dies Lachen.

GRAF
Die Sache ist allerdings eher zum Weinen. - Sei gescheit, Herr Bruder, das Mädchen ist ja versprochen.

BARON
Ich schmeichle mir, alle Hindernisse beseitigen zu können.

GRAF
Also es wäre wirklich dein Ernst?

BARON
Mein völliger Ernst.

GRAF
Und meine Schwester -

BARON
Die wird schon einen Mann finden.

GRAF
Das Urteil der Welt -

BARON
Mein Glück gilt mir mehr.

GRAF
Eben deswegen; und weisst du denn schon, ob das Mädchen deiner wert ist, ob sie dich liebt?

BARON
Nein, Bruder, das weiss ich eben noch nicht. Aber -

GRAF
Na also -

BARON
Sie hält noch zurück, sie will mich prüfen, sich an meinem Schmerz weiden. Willst du mir einen Gefallen tun?

GRAF
Was denn?

BARON
Ich will sie hier erwarten. Verlass mich.

GRAF
Gern; aber du wirst gestört werden, es kommen Leute.

BARON
zur Laube gehend
Sie werden vorüberziehen.

GRAF
Eine Garnitur allerliebster Mädchen.

BARON
sich schnell wendend
Wahrhaftig?
Fasst sich
Mir sehr egal!
Setzt sich in die Laube

GRAF
Denen muss ich guten Morgen wünschen.
Geht auch in die Laube

BARON
Was willst du denn hier?

GRAF
Dableiben.

BARON
Aber du wolltest ja -

GRAF
Wir haben doch beide Platz.


DRITTER AUFTRITT
Die Vorigen in der Laube. Junge Mädchen aus dem Dorfe, geschmückt und Girlanden tragend, treten auf

Nr. 14 - Ensemble

MÄDCHEN
Um die Laube zu schmücken zu Freude und Glanz,
Eilet Blumen zu pflücken und windet den Kranz.
Ach, wir möchten gern dem Herrn es sagen,
Dass im Herzen wir ihn alle tragen.
Wenn sein Aug' auf einem ruht,
Wird ein'm so wonnig, wird ein'm so gut.
Ganz apart ist seine Art und seine Weise.
Um die Laube zu schmücken zu Freude und Glanz,
Eilet Blumen zu pflücken und windet den Kranz.
Unser Bestreben ist nur allein,
Für so viel Glück dankbar zu sein.

Alle wenden sich nach der Laube und wollen, als sie den Graf erblicken, mit einem Schrei davonlaufen

GRAF
vertritt ihnen den Weg
Halt! Ihr schönen Kinder!

MÄDCHEN
Der gnäd'ge Herr!

GRAF
Für so viel edle Denkungsart
Werde nicht der Dank gespart.

MÄDCHEN
Wir schämen uns.

GRAF
Ei, warum schämen?

MÄDCHEN
Sie könnten übel es wohl nehmen.

GRAF
Mitnichten, meine Kinder!
Nichts kann den Herrscher wohl mehr erfreun,
Als vom Volke so geliebt zu sein.
Und zum Beweise meiner Huld
Gelob' ich, heut bei Festes Glanz
Jede zu führen zum frohen Tanz.

BARON
Der freu'ge Lärm mehrt meine Pein!

GRAF
Das soll 'ne wahre Freude sein!

MÄDCHEN
unter sich
Er tanzt mit uns! Ach, das wird herrlich sein!

GRAF
Ihr könnt doch tanzen?

ERSTES MÄDCHEN
mit einem Knicks
Ich tanze gut!

ZWEITES MÄDCHEN
Ich tanze besser!

ALLE
sich vordrängend
Auch ich! Auch ich!

GRAF
Was nicht der Eghrgeiz tut!
Wohlan, ihr holden Mädchen,
Lasst ein Pröbchen mich sehn.

MÄDCHEN
drängen sich an ihn
Sogleich, mit tausend Freuden,
Der Herr muss es verstehn.

GRAF
Nicht all auf einmal! 's wird besser sein,
Ich tanz' mit jeder zuerst allein.

MÄDCHEN
unter sich
's wird besser sein, es tanzet jede mit ihm allein.

Graf walzt abwechselnd mit einigen

DIE ANDERN
Sammeln sich auf der Seite, die Köpfe zusammensteckend und lästernd
Die glaubt nun gleich, dass sie allein gefällt.
Wie sie sich ziert, wie sie die Beine stellt.
Seht doch nur hin, es ist zu lächerlich!
Da tanze ich doch etwas besser, ich!

BARON
in der Laube
Wie pocht mein armes Herz!
Könnt' ich betäuben diesen Schmerz!
Vor Sehnsucht und Verlangen pocht mein Herz!

DIE ANDERN MÄDCHEN
Seht nur hin, wir tanzen besser, viel besser!
Ach Gott, wie lächerlich! Ach Gott, wie lächerlich!

BARON
steht auf
Oh, welche Qual! Schmerzerfüllt
Muss ich einsam hier stehn,
Darf nicht im Tanze mit ihnen mich drehn.

GRAF
zu den Mädchen
Herrlich! Prächtig! Wunderschön
Wisst ihr im Tanze euch zu drehn. -
Zum Baron
Gefällt dir dieses Treiben?
Wie kannst du ruhig bleiben?

EINIGE MÄDCHEN
unter sich streitend
Ich tanz' am besten, hat er gesagt!

ANDERE
ebenso
Nein ich, hat er gesagt!

ALLE
den Grafen umringend
Wer tanzt am besten?

GRAF
Jede gut auf ihre Art.
Noch kann bestimmt ich nicht entscheiden,
Da an der Reih' ihr all' nicht wart.

DIE MÄDCHEN
sich wieder herandrängend
Jetzt komm' ich! Jetzt komm' ich! Jetzt komm' ich!

GRAF
Nicht all' auf einmal! Nicht all' auf einmal!

Beginnt wieder zu tanzen

BARON
Oh, diese Qual das Herz mir bricht!
Ich ertrag' es länger nicht; eine innre Stimme spricht:
Aus Verzweiflung ergib dich den Scherzen,
Betäube die Schmerzen!

Er kann sich nicht länger halten, ergreift ein Mädchen und walzt mit ihm. Der Graf hat indessen mehrere Male gewechselt. Die Mädchen können sich auch nicht länger halten und walzen miteinander. Die Gräfin tritt plötzlich mitten unter sie. Die Mädchen laufen schreiend davon. Graf und Baron stehen in grosser Verlegenheit da.


VIERTER AUFTRITT
Graf. Baron. Gräfin

GRÄFIN
»Von diesen Mädchen, glaub' ich, ward die eine jetzt sinnlos, die andern waren's schon vor Anbeginn.« Nicht übel, meine Herren, ich wähnte beide noch in Momus Armen und finde Sie, wo korykische Mädchen froh der Bacchen Tanz begehen.

GRAF
sich fassend
Verzeihe, liebes Kind, ich wollte dich überraschen.

GRÄFIN
In der Tat, das ist Ihnen gelungen.

BARON
Allerdings, wir wollten -

GRÄFIN
»Sie schweigen, eh' mich Ihre Rede ganz mit Zorn erfüllt.«

GRAF
Ich weiss, du liebst die Bilder in Teniers Manier.

BARON
Da probierten wir eine Szene -

GRAF
Bloss aus Liebe zur niederländischen Schule -

GRÄFIN
Ich will für diesmal das Märchen glauben, Herr Gemahl, verbitte mir jedoch die Vorstellung dieser niederländischen Szene, da schon die Probe mich nicht besonders enchantiert hat. Reichen Sie mir Ihren Arm, das Frühstück erwartet uns auf der Terrasse.


FÜNFTER AUFTRITT
Die Vorigen. Pancratius

PANCRATIUS
Der Schulmeister Baculus wünscht den Herrn Stallmeister zu sprechen.
Leise zum Baron
Er lässt Ihnen sagen, er hätte sie bei sich, wie närr'sch.

BARON
für sich
Mein Gott!

GRAF
Begleiten Sie uns zum Frühstück, Herr Stallmeister?

BARON
Ich erfahre soeben -

GRAF
leise zu ihm
Geh mit, ich bitte dich.

BARON
Sie haben zu befehlen.
Zu Pancratius
Er soll mich hier erwarten.

Graf, Gräfin, Baron gehen ins Schloss

PANCRATIUS
die Girlanden und Blumen aufraffend
Was ist denn hier geschehen? Die Blumen liegen ja herum, wie närr'sch. Nach aussen rufend. Nur näher, Herr Gevatter, der Herr Stallmeister werden gleich erscheinen.
Zur Seite ab


SECHSTER AUFTRITT
Baculus. Gretchen

GRETCHEN
vorauslaufend
Und nun lass Er mich in Ruhe! Er ist und bleibt ein eifersüchtiger Narr!

BACULUS
Ein Narr war ich, so lange ich den Gedanken trug, dich zur Frau nehmen zu wollen; aber mit der Eifersucht, da ist's Matthäi am letzten.

GRETCHEN
Nun, Gott sei Dank!

BACULUS
Du hast für weiter nichts zu danken, als dass ich dir nicht auf der Stelle den Hals umgedreht habe.

GRETCHEN
Wer Ihn so reden hörte, sollte glauben, es wäre was Entsetzliches geschehen.

BACULUS
Es ist auch was Entsetzliches geschehen, du Kreuzspinne, du!

GRETCHEN
Das ist nicht wahr, nichts ist geschehen, aber er macht gar zu gern Lärmen um nichts.

BACULUS
Nun höre ein Mensch diesen Tugendspiegel. Ich komme bei stockfinsterer Nacht nach Hause, denke: der Herr Stubenbursch wird wohl noch über den Schreibbüchern sitzen, aber prosit die Mahlzeit! Er ist im ganzen Hause nicht zu finden. Ist das nichts?

GRETCHEN
Das war gewiss nichts.

BACULUS
Ich denke, du musst doch deinem Gret chen eine gute Nacht wünschen, gehe hinüber, trete in ihre Stube; wer sitzt mit ihr auf dem alten ledernen Diwan, im trauten Gespräche begriffen?

GRETCHEN
Das war wieder nichts.

BACULUS
Der Teufel auch, war das Nichts? Das waren zwei mir sehr fatale Etwasse. Sind das deine Grundsätze? Ist das die Treue, mit der du noch gestern prahltest?

GRETCHEN
Meine Treue ist unverletzt, ich kann's beschwören - weinend Er aber bringt mich ins Geschrei um nichts und wieder nichts, wegen eines Menschen, der noch ein pures Kind ist.

BACULUS
Das pure Kind trug, als ich es visitierte, lauter Mordinstrumente bei sich, Scheren, Nähnadeln, Nadelbüchsen; wer weiss, was der im Schilde führt, die Ortsbehörde wird ihn schon abfassen.

GRETCHEN
Sei Er froh, wenn sie Ihn nicht fasst.

BACULUS
Schweig, angehende Potiphar! In einen Sack würde ich dich stecken und in den Mühlbach werfen, wenn nicht zum Glück der Herr Stallmeister so ein Narr wäre, dich heiraten zu wollen. Gretchen sehr verwundert. Der Herr Stallmeister will mich heiraten?

BACULAS
Ja, du Eidechse! Rede mir nicht ein Wort dagegen oder du spazierst in den Mühlgraben.

GRETCHEN
Ach, ich bin's schon zufrieden, wenn ich Ihn nur loswerde, mein alter Schatz.

BACULUS
Was ist das? Beim Antigonus, nun ist's aus mit uns!

GRETCHEN
Aber ich kann noch gar nicht begreifen -

BACULUS
Kann ich's denn begreifen? Wie es scheint, ist der Herr Stallmeister noch vernagelter als ich.

GRETCHEN
Das will viel sagen.

BACULUS
Er zahlt mir fünftausend Taler, dass ich ihm meine Ansprüche auf dich abtrete.

GRETCHEN
Ach, der liebe Herr!

BACULUS
Wie sich der Basilisk freut, dass er mich los wird. Auf den Pavillon deutend. Da tritt hinein! Ich muss erst meinen Handel ins reine bringen, ehe er dich sieht.

GRETCHEN
So lebe Er wohl, Herr Sebastian!

BACULUS
Fahr hin, Gomorrha-Seele!

GRETCHEN
schluchzend
Ich danke Ihm für alle Liebe, die Er mir erwiesen; verzeih Er mir, wenn ich Ihn jemals betrübt habe, und sei Er versichert, dass ich noch in späten Jahren dem Himmel dafür danken werde,
plötzlich heiter
dass er mir von Ihm geholfen hat, Er alter, grauköpfiger Abc-Schütz!
Ab in den Pavillon


SIEBENTER AUFTRITT
Baculus allein

BACULUS
Das Wesen wollte mich nun jemals geliebt haben! - Ich vermute fast, dass es niemals der Fall war; oder ist sie nur darüber entrüstet, dass ich sie verkaufe? Pah, werden doch in England die Frauen verhandelt, und ich bin noch gar nicht verheiratet. Was ist dabei? Wer weiss, ob ich das Fünftausendtalergeschäft nicht in Zukunft ins grosse treibe. Übrigens ist jetzt mein Gewissen ganz beruhigt. Sie war meine Braut und sass ohne meinen Konsens mit einem Studenten auf dem Diwan. Und wenn eine Braut einmal mit einem Studenten auf einem ledernen Diwan gesessen hat, dann - ist es eine lederne Geschichte! Ah, der Herr Stallmeister!


ACHTER AUFTRITT
Baculus. Baron

BARON
Da bin ich; habt Ihr über die Sache nachgedacht?

BACULUS
Alles in Ordnung.

BARON
Habt Ihr mit Eurer Braut gesprochen?

BACULUS
Ei freilich.

BARON
Und sie willigt ein?

BACULUS
Sie macht sich eine Ehre daraus.

BARON
Sprecht, was sagt sie?

BACULUS
I nun, sie sagte, ich wäre zwar ihr lieber kleiner Sebastian - und das Herz würde ihr bluten - aber wenn's nicht anders sein könnte, und wenn der Herr Stallmeister ihr ein schönes Brautkleid verspräche -

BARON
Ihr lügt, das hat sie nicht gesagt.

BACULUS
Nun, so hat sie es doch gedacht: denn ich habe mein Lebtag gehört: wenn ein Mädchen heiraten soll, so denkt es immer zuerst ans Brautkleid.

BARON
Wo ist sie? Ich muss selbst mit ihr sprechen.

BACULUS
Hier ganz in der Nähe - und von wegen der fünftausend Taler -

BARON
Sie liegen bereit.

BACULUS
Ah, gratias!

BARON
Auch Euer Posten soll Euch bleiben.

BACULUS
aufgeblasen, sich den Hut aufsetzend
Es ist nun übrigens eine grosse Frage, ob ich die Stelle behalte oder nicht -

BARON
Wie Ihr wollt -

BACULUS
Man hat andere Ideen - grossartige -

BARON
Ruft mir Gretchen, ich stehe auf Kohlen.

BACULUS
den Pavillon öffnend
Hier, mein Herr Stallmeister, langen Sie zu.


NEUNTER AUFTRITT
Die Vorigen. Gretchen

Nr. 15 - Terzett

BARON
Komm, liebes Gretchen,
Bekenne frei und ohne Scheu,
Dass du mir willst angehören.

GRETCHEN
lässt die Schürze, die sie sich vorhielt, fallen und verneigt sich
Wenn Sie befehlen.

BARON
Ha, Höll' und Teufel! Was ist das?

BACULUS
für sich
Er sieht ihr's an,
Dass der Student bei ihr sass.

GRETCHEN
zu Baculus
Macht Ernst Er oder Spass?

BARON
Die ist nicht deine Braut!

BACULUS
Ei freilich.

BARON
Hast du zwei?

BACULUS
Bewahre!

BARON
Bekenne laut, welche die Rechte sei?
Dies ist das liebliche Gesicht
Doch von gestern nicht, beim Teufel!
Das ist das Gesicht von gestern nicht!

BACULUS
Das ist es nicht?

BARON
Macht mich nicht toll!

BACULUS
's fällt mir nicht ein.

BARON
Die andre, wo kam sie hin?

BACULUS
Wenn ich dem Herrn gut raten soll:
Lass Er die andre ziehn.
Die ist doch auch ganz hübsch und fein
Und würde mir viel lieber sein.

GRETCHEN
Was hab' ich ihm denn getan?
Er sieht mich ja gar nicht an.

BACULUS
zu Gretchen
Sei nur getrost, sei nur getrost!
Dir wird dein Herr Gemahl
Und mir mein Kapital.

BARON
Es vergehen mir die Sinne,
Ich weiss kaum, was ich beginne,
Und erbebe schier vor Zorn und Wut!
Alle Qualen, alle Schmerzen
Nagen wieder mir am Herzen.
Diese Kränkung, sie fordert Blut!

GRETCHEN
Es vergehen mir die Sinne,
Denke ich, dass ich gewinne
Einen schönen Mann von edlem Blut!
Ha, schon weichen aus dem Herzen
Alle Leiden, alle Schmerzen,
Ich erhalte auch noch Hab und Gut!

BACULUS
Es vergehen mir die Sinne,
Denke ich, dass ich gewinne
Durch den Handel vieles Hab und Gut.
Ha, schon weichen aus dem Herzen
Alle Leiden, alle Schmerzen,
Die bereitet Liebe mir, darum Mut!
Alle Leiden verschwinden, darum Mut!

BARON
Wer ist das Mädchen, sprich?

BACULUS
Ach, lieber Herr, ich fürchte mich,
Es Ihnen grad' heraus zu sagen.

BARON
Was wäre wohl dabei zu wagen?

BACULUS
's könnt' im Schloss, bei meinem Leben,
Einen Mordspektakel geben.

BARON
Dein Schweigen macht die Sache schlimmer;
Sprich und zähl auf reichen Lohn.

BACULUS
Die andre ist kein Frauenzimmer.

BARON
Kein Frauenzimmer? Wer ist sie denn?

BACULUS
ihm ins Ohr schreiend
'ne Mannsperson.

BARON
empört
Ein Mann! Ein Mann!

BACULUS
Durch und durch und Student dazu.

BARON
Und hat die ganze Nacht
Im Zimmer meiner Schwester zugebracht?
Himmel und Erde! Tod und Hölle!
Ich ermord' ihn auf der Stelle!

Er läuft erregt herum

GRETCHEN, BACULUS
Seine Schwester?
Hier im Schloss! Was ist das?

GRETCHEN
zu Baculus
Er will mich wohl nicht nehmen?

BACULUS
Et, er wird sich schon bequemen.

GRETCHEN
Doch er bekümmert sich ja nicht um mich.

BACULUS
Hab nur Geduld, das findet sich.
Sei nur getrost!
Dir wird dein Herr Gemahl
Und mir mein Kapital.

BARON
Es vergehen mir die Sinne, usw.

GRETCHEN
Es vergehen mir die Sinne, usw.

BACULUS
Es vergehen mir die Sinne, usw.

Baculus und Gretchen ab

Wenn Nr. 15 nicht gesungen wird, folgt nachstehender Dialog:

BARON
spricht
Alle Teufel, das ist ja nicht Eure Braut!

BACULUS
Ei freilich.

BARON
Habt Ihr zwei?

BACULUS
Bewahre!

BARON
Wo ist denn die andere?

BACULUS
Herr Stallmeister, mit der andern hat's 'n Haken!

BARON
Wieso?

BACULUS
heimlich zum Baron
Ich will Ihnen nur gestehen: die andere ist kein Frauenzimmer.

BARON
Was denn?

BACULUS
Eine Mannsperson.

BARON
Ein Mann?

BACULUS
Durch und durch, ein Student. Nehmen Sie deshalb lieber hier das hübsche Kind.

BARON
Packt Euch samt Eurer Braut zum Teufel! - Fort, sag' ich!

GRETCHEN
Aber, Herr Baculus -?

BACULUS
Still, komm mit! Der Herr Stallmeister reitet jetzt ein anderes Prinzip. Der Paroxismus muss erst vorübergehn!

Geht mit Gretchen durch das Gittertor ab

BARON
Der Bursche war die ganze Nacht im Schloss, im Zimmer meiner Schwester! Höll' und Teufel!


ZEHNTER AUFTRITT
Baron, gleich darauf Baronin

BARON
für sich
Seh' ich recht? Er ist es! Beim ewigen Gott, es ging nie etwas Vollendeteres aus den Händen der Schöpfung hervor, als die schöne Hülle, welche dem Buben verliehen wurde, um Biedermänner zu verlocken; aber warte, Bursche, du sollst nicht ungestraft deine Pagenstreiche hier getrieben haben. Student also? Na, mit dir werd' ich schon fertig werden.

BARONIN
tritt auf
Guten Morgen, Herr Stallmeister.

BARON
beiseite
Was das Bürschchen für eine melodische Stimme hat.

BARONIN
Warum sehen Sie mich denn so sonderbar an?

BARON
für sich
Sonderbar? Da haben wir's. Das ist Tusch bei den Studenten.

BARONIN
Ich begreife Ihr Benehmen nicht, Herr Stallmeister.

BARON
Nimmt es Sie wunder - in der Tat? Für sich. Ich weiss nicht, warum ich so viele Umstände mache.
laut
Mein Herr -

BARONIN
Was ist das?

BARON
Sie sind ein dummer Junge!

BARONIN
Mein Herr, Sie sind von Sinnen! Für sich. Sicher hat der Alte geplaudert.

BARON
Sie werden mir Genugtuung geben für den Karnevalsstreich, den Sie sich in diesem Hause zu spielen erlaubten.

BARONIN
lacht
Herr Stallmeister!

BARON
Er lacht mich aus. Höll' und Teufel!

BARONIN
Halten Sie mich im Ernst für einen sogenannten Herrn der Schöpfung?

BARON
verwirrt
Dieser Ton - diese reizenden Züge - bei Gott, ich werde versucht zu glauben: wenn das ein Mann ist, so bin ich ein Frauenzimmer und weiss es nicht.

BARONIN
Herr Stallmeister, Ihr Betragen in diesem Augenblick ist zwar nicht das feinste, doch haben Sie mir vom ersten Augenblick unserer Bekanntschaft so viel Teilnahme eingeflösst, dass ich nicht umhin kann, mich Ihnen zu entdecken. Erfahren Sie also -

BARON
Was werd' ich hören?

BARONIN
Dass ich nicht die Braut des alten Schulmeisters bin -

BARON
Mir sehr einleuchtend - wenn Sie ein Mann wären!

BARONIN
Dass ich aber doch ein Frauenzimmer zu sein die Ehre habe, nämlich - die Baronin Freimann, des Grafen
Schwester.

BARON
höchst angenehm überrascht
Wie? Was? Wär' es möglich?

BARONIN
Aus guten Ursachen wünsche ich noch unerkannt zu bleiben und ersuche daher sehr ernstlich -

BARON
Sie, des Grafen Schwester? Also nicht verheiratet? Gott sei Dank! So muss ich keinem Grundsatz untreu werden, indem ich aufs neue um Ihre Hand werbe.

BARONIN
Haben Sie mich denn nicht verstanden? Ich bin die Schwester Ihres Herrn.

BARON
Also sollte ein blosses Vorurteil das Glück meines Lebens hindern? Beiseite. Nun ist die Reihe zu foppen an mir. Laut. Ich kenne Ihr Schicksal, gnädige Frau; Sie waren mit Ihrem ersten Mann nicht glücklich, mit mir werden Sie es sein. Sie kennen mich noch zu wenig. Ich bin nur ein Bürgerlicher, aber ein ehrlicher Mann; ich bin leidenschaftlich, heftig - Sie haben es erfahren -, im übrigen aber der ruhigste Mensch von der Welt! und gut bin ich - gut! Wahrhaftig, es wäre schlecht von mir, zu behaupten, dass ich nicht gut wäre.

BARONIN
Was wollen Sie aus mir machen, mein Herr - meine Verhältnisse, meine Grundsätze -

BARON
Der Bäuerin schenkt' ich mein Herz ohne Rücksicht auf Stand und Verhältnisse - vergelten Sie mir nun, verschmähen Sie den Bürgerlichen nicht.

Hat sich zu ihren Füssen geworfen und drückt ihre Hand an seine Lippen


ELFTER AUFTRITT
Die Vorigen. Gräfin und Pancratius im Gespräch

GRÄFIN
Was ist das? Abermals eine Szene in niederländischer Manier?

Baron springt auf

GRÄFIN
Herr Stallmeister, was Sie gestern wünschten, sei Ihnen gewährt, Sie haben volle Freiheit, sich einen andern Aufenthalt zu wählen. Für jetzt bitte ich, mich zu begleiten, um eine Deputation der Dorfbewohner zu empfangen.
zur Baronin
Du, mein Kind, geh zu deinem Bräutigam und hüte dich vor der Verführung gewissenloser Männer: »Von den Sterblichen gehst du zum Hades.«
Sie geht mit Pancratius ab

BARON
indem er folgte leise zur Baronin
Ich schweige noch, weil Sie es wollen.
ab


ZWÖLFTER AUFTRITT
Baronin allein

BARONIN
Fast scheint es mir, die Frau Schwester sei mehr empfindlich als stolz und der Herr Stallmeister ihr trotz des Unterschiedes der Jahre nicht gleichgültig. Ja, ja, das Herz ist ein gar wunderliches Ding.


DREIZEHNTER AUFTRITT
Baronin. Graf

GRAF
Ha, schönes Gretchen, bist du endlich allein? Wo ist denn dein alter Schatz? Hol ihn der Teufel! Lass uns geschwind Abrede nehmen, wie und wo wir uns künftig ohne Zeugen sprechen können.

BARONIN
Künftig, Herr Graf, werden wir Gelegenheit genug dazu finden, aber ich wette, Sie werden sie selten benutzen.

GRAF
Du verlierst die Wette, denn ich bin ganz entsetzlich in dich verliebt.

BARONIN
Ich spreche nur ein Wort, und Ihre Liebe erkaltet.

GRAF
So will ich wenigstens - ehe du dieses fatale Wort aussprichst - dir beweisen, wie glühend sie war.
Will sie umarmen

BARONIN
Nicht mit Gewalt, Herr Graf, aber wenn Sie mir ein gutes Wort geben, so küsse ich Sie freiwillig.

GRAF
Schönes, liebes, süsses Gretchen, ich gebe dir die besten Worte von der Welt.

BARONIN
Und ich will denken, ich küsse meinen Bruder.

GRAF
Denke, was du willst, nur küsse mich.

BARONIN
fliegt in seine Arme
Recht von Herzen!


VIERZEHNTER AUFTRITT
Die Vorigen. Gräfin und Baron aus dem Schlosse kommend

Nr. 16 - Finale

GRÄFIN
Was seh' ich?

GRAF
prallt zurück
Alle Teufel!

BARON UND BARONIN
jedes für sich
Nun geht das Spiel zu Ende,
Und meine / jede Maske fallt.

GRÄFIN
»Du, die zur Erde neigt das Haupt, ich frage dich,
Bekennest oder leugnest du die Missetat?«

GRAF
zur Gräfin
Mein Kind, beruh'ge dich,
Im Scherz nur war's gemeint.

BARONIN
Ach nein, der gnäd'ge Herr,
Im Ernst hat er's gemeint.

GRÄFIN.
Im Ernst?

BARON
Im Ernst? Nun, wie man's nimmt!
Hahahaha!

GRAF UND GRÄFIN
Mein Herr, Ihr Lachen stimmt
Nicht zu der ernsten Sache.

BARON
leise zur Baronin
So darf ich?

GRAF UND GRÄFIN
Erklärung!

BARON
wie oben
So darf ich?

Baronin nickt bejahend

GRAF UND GRÄFIN
Erklärung! Mein Herr, was soll das heissen?

BARON
Der Graf, ich kann beweisen,
Dass er ganz schuldlos ist,
Nicht kann Verbrechen heissen,
Wenn man die Schwester küsst.

GRAF
Die Schwester?

GRÄFIN
Die Schwester?

BARONIN
Seine Schwester!

GRÄFIN
die Baronin umarmend
»Ismene, traute Schwester,
Vielgeliebtes Haupt«,
Wie hast du uns vexiert!

GRAF
für sich
Da haben Sie, mein Bester,
Sich schauderhaft blamiert.
Zur Gräfin, laut
Da siehst du, mein Vergehen
War blosse Ahnung nur;
Es hat mich nicht getäuscht
Die Stimme der Natur.

GRAFIN, BARONIN, BARON
Wir bitten sehr, zu schweigen!
Sie hatten keine Spur
Und waren schuldbewusst.

GRAF
Ich war es nicht allein,
Das wird sogleich sich zeigen.
Zur Gräfin
Gestehe nur, mein Kind,
Nach dem Baron deutend.
Dass dieser feine Herr
Dir nicht gleichgültig war.

GRÄFIN
Mein Herr! Sind Sie bei Sinnen?

GRAF
Nun, gib dich nur zufrieden,
Dein Bruder mit dir spricht.

GRÄFIN
Mein Bruder?

BARONIN
Ihr Bruder?

BARON
Ich bin's.

GRAF
Erstaune nur!

GRÄFIN
So hat mich nicht getäuscht
Die Stimme der Natur.

GRAF UND BARON
Wir bitten sehr, zu schweigen,
Du hattest keine Spur!

GRÄFIN
Ich will es nicht verschweigen,
's war blosse Ahnung nur!

BARONIN
Auch ich will's nicht verschweigen,
's war blosse Ahnung nur!

GRÄFIN
den Baron feurig umarmend
»Hämon, geliebter Bruder!«
Oh, wie selig fühl' ich mich.

GRAF
So komm denn, liebe Schwester.
Komm, ich umarme dich.

Umarmt sie etwas kalt

Quartett

ALLE VIER
Kann es im Erdenleben
Wohl Schönres noch geben,
Als wenn Geschwister sich
Liebhaben inniglich?
Wenn auch bei diesem Falle
Ein Zweifel presst die Brust -
Dass eh' wir schuldbewusst;
Unschuldig sind wir alle.


FÜNFZEHNTER AUFTRITT
Die Vorigen. Dorfdeputierte. Landleute. Dienerschaft. Baculus und Gretchen mit der Schuljugend, alle geputzt, mit Fahnen, Kränzen usw. ziehen um die Buhne. Später Pancratius

LANDLEUTE
Unser Herr lebe hoch!
Er ist so brav, er ist so gut,
Unser Herr lebe hoch!
Jedermann er Gutes tut.
Unser Herr lebe hoch!
Die Frau Gräfin auch nicht minder;
Leider mangeln noch die Kinder,
Sonsten liessen wir daneben
Auch noch die Familie leben.
Weil's dermalen nicht so weit,
Sparen wir's für künft'ge Zeit.
Unser Herr lebe hoch!
Die Frau Gräfin auch nicht minder;
Vivat hoch das edle Paar,
Wie heute, so noch manches Jahr.

GRAF
der sich mit den übrigen in die Laube gesetzt hatte, steht auf
Ich danke innig euch
Für eure Segenswünsche!
Begrüsset auch zugleich
Die Schwester eures Herrn,
Die mich in dieser Maske
So herrlich überraschte.

BACULUS, GRETCHEN
Was hör' ich?

SCHULJUGEND
Unsre Schwester lebe hoch!

LANDLEUTE
Sie lebe hoch!

GRÄFIN
Dies ist mein teurer Bruder!

SCHULJUGEND
Unser Bruder lebe hoch!

LANDLEUTE
Er lebe hoch!

BACULUS
Wie soll ich das verstehen?
Wer ist der andre denn?
Den Stubenburschen mein' ich.

BARONIN
Er ist mein Kammermädchen
Und meines Jägers Braut.

GRETCHEN
zu Baculus
Da sieht Er's.

BACULUS
Höre, Gretchen,
Nun glaub ich deinem Schwur.

GRETCHEN
Sie hat mich nicht getäuscht
Die Stimme der Natur.

BACULUS
Ich bitte dich, zu schweigen.

BARON
der sich inzwischen mit der Baronin verständigte
So willigen Sie ein?

BACULUS
erstaunt
Was hör' ich?

BARON
Bald wird Vermählung sein!

BACULUS
Vermählung? Vermählung? O Missgeschick!
Mein ganzer Handel geht zurück.
Ich abgesetzter Mann,
Was fange ich nun an?

BARONIN, BARON
So sind wir nun verbunden;
Sein / Mein Weltschmerz ist verschwunden,
Nur Freude füllt die Brust.

Baculus plötzlich von einem Gedanken ergriffen, eilt in den Hintergrund zur Schuljugend und lässt sie im Halbkreise, dem Grafen gegenüber, niederknien; er selbst kniet hinter der Front, ihnen zuflüsternd

SCHULJUGEND
mit gefalteten Händen
O du, der du die Tugend selber bist,
Du bist aus edlem Blut, sei auch ein Christ!
Wir schwören hier zu deinen Füssen,
Im Leben keinen Bock zu schiessen!
Erhöre uns, erhöre uns, sei bös nicht mehr
Und lass uns unsern lieben Schulmeister.

GRAF
der mit den übrigen in Lachen ausbrach
Der Unschuld Lallen rühret mich,
Ich will deshalb auch milde sein und Ihm -

Pancratius ist aufgetreten und sagt dem Grafen etwas ins Ohr

ALLE
gespannt
Was ist geschehn?

GRAF
Im Ernst?

PANCRATIUS
Wie närr'sch!

GRAF
in lautes Lachen ausbrechend, spricht
Der arme Teufel ist zwar schuldbewusst, aber auch unschuldig; denn soeben wird mir gemeldet, dass er in der Dämmerung anstatt eines Rehbocks seinen eigenen Esel erschossen hat.

Alle lachen

BACULUS
schlägt die Hände zusammen und spricht zu Gretchen
Hab' ich dir nicht gesagt, dass mich das Tier so wehmütig ansah?
Singt
Sie hat mich nicht getäuscht
Die Stimme der Natur.

LANDLEUTE
Der Herr will milde sein
Und gnädig ihm verzeihn.

GRAF
Wofern Er künftig nicht
Mehr Jägerei will treiben,
Mag Er fortan getrost
In seinem Amte bleiben.

LANDLEUTE
Hoch lebe unser Herr! Hoch lebe unser Herr!

ALLE SOLI
Wie heut sich alles
Uns zum Heil gestaltet!

GRÄFIN, GRAF, BARONIN, BARON
Euch / Uns erblüht ein neues Leben
Durch der Ehe heilig Band,
Liebe wird euch / uns Freuden geben,
Da sich Herz zum Herzen fand.

BACULUS, GRETCHEN, LANDLEUTE
Lasset hoch den Herren leben!
Herz bezeigt er und Verstand;
Zeugnis wollen wir ihm geben,
Dass sein Walten anerkannt!

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Partitur

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Klavierauszug

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