| Libretto: Intermezzo |
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Personen:
CHRISTINE (Sopran) DER KLEINE FRANZL (8jährig), ihr Sohn HOFKAPELLMEISTER ROBERT STORCH, ihr Mann (Bariton) ANNA, ihre Kammerjungfer (Sopran) BARON LUMMER (Tenor) DER NOTAR (Bariton) SEINE FRAU (Sopran) EIN KAPELLMEISTER (Tenor) EIN KOMMERZIENRAT, Roberts Skat-Partner (Bariton) EIN JUSTIZRAT, Roberts Skat-Partner, (Bariton) EIN KAMMERSÄNGER (Bass) EIN JUNGES MÄDCHEN Stubenmädchen Hausmädchen Köchin bei Storch Die Handlung spielt teils am Grundlsee, teils in Wien ERSTER AUFZUG ERSTE SZENE Im Ankleidezimmer. Vor der Abreise des Mannes, offene Reisetaschen, grosse Unordnung. 7 Uhr früh DIE FRAU Anna, Anna! Wo bleibt denn nur die dumme Gans? DER MANN im Einpacken begriffen, die Frau hilft ihm dabei Schimpf doch nicht wieder! Bis sie dir alle davonlaufen! DIE FRAU Dann gibt es andere! DER MANN So gute Mädels findest du nicht so bald wieder! DIE FRAU Ich schon! DER MANN Du hast ein Zutrauen zu dir, einen Leichtsinn, bei den Zeiten! DIE FRAU 's gibt immer welche! DER MANN Aber die Schererei, das Suchen, das Anlernen! Einen Sommer hattest du so viel Köchinnen wie Doktoren, ich glaube 15 Stück! DIE FRAU triumphierend Und habe doch endlich dann die richtige gefunden. DER MANN Ja, auf wie lange! DIE FRAU Streitest du schon wieder? DER MANN Ich streite nicht, ich warne nur. DIE FRAU Brauch' deine Warnungen nicht! DER MANN Mehr als du glaubst - ohne meine Bremse ginge dein Temperament in jeden Graben. DIE FRAU Mach lieber, dass du fortkommst! DER MANN Noch eine halbe Stunde, eh der Schlitten kommt! DIE FRAU Aber du hast ja noch nicht gefrühstückt! DER MANN Dauert fünf Minuten! DIE FRAU Ich will, dass du ordentlich frühstückst! Deine Nerven DER MANN sind vortrefflich! DIE FRAU Ach, bin ich froh, wenn du endlich fort bist - Anna - Anna - schnell! DIE JUNGFER von aussen Gleich, gnä' Frau, ich sperre nur die Koffer zu. DIE FRAU ruft hinaus Vergessen Sie nicht, dem Herrn die Schlüssel zu geben! DER MANN Sie vergisst es nicht. DIE FRAU Na! Und damals in Campiglio, wo wir drei Tage ohne Schlüssel vor unsern Koffern sassen - DER MANN Da bist du mitgefahren; und bei dem Durcheinander, wenn du mitreisest - DIE FRAU Fang nicht wieder an! Ich sehne mich wahrhaftig nach der Ruhe des Alleinseins. DER MANN Als wenn ich dich je belästigte! DIE FRAU Schon deine ewige Anwesenheit - du bist immer zu Hause - andere Männer gehn in ihr Bureau - stöhnend die vermehrte Arbeit DER MANN trifft dich doch nicht! DIE FRAU Na, wen denn? DER MANN Doch die Dienstboten, DIE FRAU denen ich alles befehlen muss, immer und überall nachsehen, ob auch alles richtig geschieht - schon allein dieses fortwährende Telephonieren DER MANN können doch auch die Mädchen besorgen. DIE FRAU Und wer macht denn die Hausarbeit? DER MANN Herrgott, ich weiss schon: 's liegt alles auf dir! DIE FRAU Na, auf wessen Schultern denn? Der Speisezettel? DER MANN Ein Vergnügen, keine Arbeit! DIE FRAU Das Saubermachen von Küche und Keller und Speicher, ist das vielleicht nichts? DER MANN Chronischer Unfug! DIE FRAU Den Garten - DER MANN besorgt der Gärtner besser ohne dich. DIE FRAU Bezahlungen der Rechnungen - DER MANN übernehme ich gerne - DIE FRAU und bezahlst alle doppelt! Kommissionen, Bestellungen - DER MANN trocken Na, etwas kannst du ja schliesslich auch tun, das ist alles keine ernste Arbeit. DIE FRAU Jedenfalls keine, die von euch Männern anerkannt wird! DER MANN Anerkannt schon, wenn auch nicht überschätzt. DIE FRAU seufzend Das Denken den ganzen Tag DER MANN Soll das wohl auch eine anstrengende Arbeit sein? DIE FRAU Die grösste doch, mich wenigstens ermüdet's! DER MANN Ja, dann - aber das bestreite icheben! Nur produzierendes Denken beim Künst- ler, beim Gelehrten, bei einem Erfinder, das ist Kopfarbeit: und die sollte eigentlich ein Vergnügen sein: für mich ist sie es wirklich. DIE FRAU Arbeit ist nie ein Vergnügen. DER MANN Dann lass' sie doch! Du hast es doch nicht nötig! DIE FRAU Und das Haus - DER MANN ging auch nicht zugrund, nur ein bisschen einfacher wird vieles DIE FRAU und alles würde verkommen und im Dreck ersticken. DER MANN Na, na, alter Putzteufel! Es leben doch tausend Familien nicht so genau und peinlich und wahrscheinlich vergnügter als wir. DIE FRAU heftig Da sterbe ich lieber! DER MANN parodierend Da lebte ich lieber! DIE FRAU höhnisch Natürlich du bei deiner Herkunft bist es nicht besser gewöhnt! DER MANN Du tust, als wenn du in einem Schlosse geboren wärst! DIE FRAU wütend Du wirst doch deine Familie nicht der Vornehmheit der mein' gen vergleichen wollen! DER MANN auf seinen Kopf deutend Da sitzt die Vornehmheit! DIE FRAU Mach, dass du fortkommst, du Plebejer. DER MANN Schau, warum bleibst du nicht lieber zu Bett, statt einen mit deiner schlechten Morgenlaune unnötig aufzuregen und über die alten langweil'gen Dinge zu streiten, wo man gut daran täte, seinen Kopf zusammenzunehmen, dass man nichts Wicht'ges vergisst! DIE FRAU Dafür sorge ich schon! DER MANN Nein, du störst nur mich und Anna. DIE FRAU Hast du dein Reisekissen? DER MANN Ich denke - sieht nach ja - DIE FRAU Schuhlöffel, Handschuhe, Reisemütze? DER MANN Anna hat noch nie was vergessen! DIE FRAU mit höhnischem Triumph Bloss alle Schlüssel zu sechs Koffern in Campiglio! DER MANN schon ungeduldig Nun lass michendlich in Ruhe - frühstücken! Schnell ab ins Nebenzimmer DIE JUNGFER stürzt herein, über die Handtasche sich eifrigst hermachend DIE FRAU Haben Sie alles für den Herrn? Die Brötchen, den Schinken, die Milchflasche für zehn Uhr? Ist die Torte gut verpackt?Kann der Himbeersaft nicht auslaufen? Zehn harte Eier: sehr nahrhaft. Bei der anstrengenden Tätigkeit muss er sich kräftig nähren. Anna, finden Sie nicht, der Herr ist wieder sehr nervös? DIE JUNGFER Nein, gnä' Frau, das find' ich nicht. DIE FRAU Hoffentlich passiert ihm nichts aufder Reise! Haben Sie die Pillen? das Gurgelwasser? den Umschlag? DIE JUNGFER Alles, gnä' Frau. DIE FRAU Eigentlich bin ich recht froh, wenn er glücklich fort ist! DIE JUNGFER Und dann weinen gnäd'ge Frau wieder jeden Morgen und Abend und sind unter Tags traurig. DIE FRAU Nun ja, mit dem Kind allein in dem grossen Haus und dem langweiligen Bauernnest! DIE JUNGFER Wollen gnä' Frau, es ist heut sehr schönes Wetter, nicht ein bisschen rodeln gehn? DIE FRAU Ist auch langweilig. Nun ja - wie Sie meinen! Sie haben sicher das Kopfkissen vergessen? DIE JUNGFER Gewiss nicht. Ab ins Nebenzimmer DER MANN tritt wieder ein und sucht sich schweigend die letzten Reiseeffekten zusammen DIE FRAU herausfordernd Warum redest du nicht? DER MANN Weil du doch nur streitest. DIE FRAU auffahrend Ich denke, wenn man auf zwei Monate fortgeht, hätte man mitseiner Frau doch manches Wicht'ge zu besprechen. DER MANN Ja, wenn sie bei Vernunft ist. DIE FRAU Du bist ein Flegel. DER MANN Du auch nicht gerade sehr liebenswürdig. DIE FRAU Ich verbitte mir diesen Ton! DER MANN Na, und ich? Was soll denn ich dann sagen? DIE FRAU Du - du - du bist geringschätzig ein Musikant. DER MANN Weiss schon, also in deinen Augen so etwas Minderwert'ges. DIE FRAU Das nicht - aber: mir passt das ganze Milieu nicht, die Öffentlichkeit und was sich so alles an den Künstler herandrängt: diese schamlosen Dichter, die all ihre Er- lebnisse auf die Strasse tragen, so ein Kapellmeister, der den Vollgefress'nen unten im Parkett den Hampelmann macht und seine brünstigen Gefühle im Viervierteltakt preis- gibt! Pfui Teufel! DER MANN Ja, das hättest du dir früher überlegen sollen! Ich habe nichts andres gelernt. Umsatteln kann ich nicht mehr. DIE FRAU ungeduldig Aber endlich abreisen! DER MANN Also, leb wohl! Hast du dich nun auch genügend ausgetobt für die nächsten zwei Monate? DIE FRAU Noch lange nicht, denn du kannst mich doch nie verstehn. DER MANN Na, na, ich kenne dich, glaub' ich, besser als du dich selbst. Geh, sei gut, ich habe nur mehr fünf Minuten, dann kommt - DIE JUNGFER kommt herein und meldet Der Schlitten ist da. DER MANN Schon? Adieu also! Bekomme ich keinen Kuss zum Abschied? Was habe ich dir denn getan? DIE FRAU Nichts. Ekelhaft bist du mir! DER MANN Ach geh, das ist ja doch nicht dein Ernst. DIE FRAU Ich bin froh, wenn ich dich los bin! DER MANN Wenn mir auf der Reise was passsiert, es gereut dich doch. DIE FRAU Um Gottes Willen, was? DER MANN Eine Ohnmacht, Herzschlag - eine Lungenentzündung - ein Raubmord - ein Eisenbahnunglück - DIE FRAU Ich bitte dich, nimm dich in acht, steig nicht in die vorderen, nicht in die letzten Waggons! DER MANN Wenn möglich - nicht. DIE FRAU Kühl dich immer gut ab, bevor du in die Kälte gehst, schlag deinen Pelzkragen hoch, den Mund zu, geh früh zu Bett, der Schlaf vor Mitternacht - DER MANN Ja, ja ich weiss schon - also leb' wohl DIE FRAU fällt ihm stürmisch um den Hals Adieu! Bleib mir gesund! DER MANN Gleichfalls. Und schreib hie und da. DIE FRAU Schon wieder unliebenswürdig Zum Schreiben hab' ich keine Zeit - DER MANN Na, aber..... DIE FRAU und ausserdem wenig Lust, du kannst es dir auch ersparen! DER MANN eifrig Doch, doch ich - DIE FRAU Und schick keine Zeitungen, DER MANN auch das nicht? DIE FRAU Ich lese sie doch nicht, sie liegen mir nur im Wege herum. DER MANN Schreiben muss ich, mir ist's ein Bedürfnis, mit dir aus der Ferne wenigstens zu plaudern. DIE FRAU Mir gar nicht. DER MANN wütend Dann also, zum Teufel! Lass es bleiben, du unaustehliche Kratzbürste du! Adieu! rasch ab DIE FRAU Mit Gott! Versäume den ZUg nicht! DIE FRAU am Toilettentisch Nun wollenn wir frisieren DIE JUNGFER beginnt mit der Frisur DIE FRAU Haben Sie gestern für Bubi die Hemden besorgt? DIE JUNGFER Jawohl, gnä' Frau. DIE FRAU Meine Taille - die Knöpfe? DIE JUNGFER Fertig. DIE FRAU springt auf, rennt mit der Lorgnette ans Fenster Grüsst mein Mann herauf? DIE JUNGFER Er grüsst mit der Hand. DIE FRAU versteckt sich hinter der Gardine Warum er nur immer reist! Langsam an den Toilettentisch zurückkehrend DIE JUNGFER Ich glaube, der Herr ist nicht gerne allzulange an einem Ort. DIE FRAU höhnisch Er hat, glaube ich, doch jüdisches Blut in den Adern! DIE JUNGFER beginnt wieder zu frisieren Und dann sein schöner Beruf. DIE FRAU Schöner Beruf. Ha, ha, fangen Sie auch noch an? DIE JUNGFER Die Berühmtheit! DIE FRAU Na, ich danke für die Ehre! Dass nachdem Tode noch wildfremde Leute aus purer Neugier urteilen, ob sich die Gemahlin ihrerandren besseren Hälfte würdig erwiesen hat. Mein Mann hat seinem Herrn Biographenausdrücklich verbieten müssen, meiner zu erwähnen, man muss doch noch das Recht haben, Privatperson bleiben zu dürfen - Au! aber - so passen Sie doch auf, sie reissen mir ja alle Haare aus! Sie lernen's auch nie! Und was bin ich und was war ich als "Tondichtersgattin"? Ha, ha, ha, ha! Nicht mal hoffähig. DIE JUNGFER schnippisch Das wäre gerade nach des Herrn Geschmack! DIE FRAU Halten Sie Ihr freches Maul! Anna frisiert gekränkt - schweigend weiter DER JUNGE steckt den Kopf zur Tür herein Mama, soll ich die genagelten Stiefel anziehen? DIE FRAU Freilich, mein Herzchen, bei dem Schnee. Zur Jungfer Ich verbitte mir Ihr freches Benehmen. DIE JUNGFER Ich sage ja gar nichts. DIE FRAU Aber Sie schneiden ein Gesicht. Ich seh's im Spiegel. DAS HAUSMÄDCHEN stürzt herein Gnä'Frau, der Steuerbote ist da, hier ist die Quittung. DIE FRAU Natürlich, fünf Minuten, nachdem der Herr aus dem Hause! Erschöpft Sie sehen, alles Unangenehme kommt an mich. Er salviert sich, spielt Skat in Wien: Sagen Sie dem Boten, ich dürfe nicht bezahlen, er möchte die Quittung an den Herrn schicken. DAS HAUSMÄDCHEN Schön.Ab DIE FRAU Halt - da fällt mir ein - springt auf, ans Telephon, klingelt wütend, schreiend ich klingle, wie es mir beliebt, bitte 178. Pause Hier Frau Hofkapellmeister Robert Storch. Bitte, liebe Frau Pritek, wann bekomme ich nun endlich das Hagebuttenmark - natürlich zum Einmachen, die einzige Marmelade, die mein Mann gerne isst - wissen Sie, wo er doch so angestrengt arbeitet, wenn er seine Hagebutten nicht hat, ist er unglücklich, aber bitte, nicht vergessen! Danke, danke. DIE KÖCHIN tritt ein, bleibt in der halbgeöffneten Tür stehen DIE FRAU Wenn man gut zu den Leuten ist, kann man sie um den Finger wickeln. DIE JUNGFER nickt ironisch Jawohl, gnä'Frau! KÖCHIN Gnä' Frau, wegen des Speisezettels? DIE FRAU fährt wütend auf Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, Sie sollen ganz ins Zimmer kommen und die Türe schliessen. DIE JUNGFER beendet inzwischen die Frisur KÖCHIN Was soll ich kochen? DIE FRAU wütend: Was Sie wollen, Sie wissen ja selbst. Sie sehen, wie alles auf mich einstürmt - es gehört sich doch nicht, dass Sie mich da auch noch ärgern. KÖCHIN ab DIE JUNGFER entschuldigend Aber gnä' Frau, wirklich - DIE FRAU Halten Sie Ihren Schnabel! Wenn mein Mann fortreist DIE JUNGFER Warum reisen gnä' Frau nicht mit? DIE FRAU Sie sehn doch, was ich zu tun habe! Sagen sie selbst, ob ich da fort kann - ich, eine brave, treue, arbeitsame Frau - ich gehöre nicht zu diesen leichtsinnigen Weibern, die nur ihre Kleider und Hüte spazierentragen und zu Hause alles liegen und stehen lassen - "Den Krempel besorgt meine Babette" hat mir neulich mal so eine gesagt, - sehn sie nicht, wie notwendig ich zu Hause bin, ich komme nicht einmal zum Frisieren, zum Anziehn - und da soll ich in der Welt herumkutschieren und in den Hotels herumlungern? Es kommt sowieso alles Unangenehme auf mich, verzweifelt wenn mein Mann fort ist auf zwei Monate! DIE JUNGFER Ich denk', gnä'Frau sind froh, ein bisschen allein zu sein? DIE FRAU Ich bin immer allein, entweder ist er auf Reisen oder, wenn er zu Hause - in Gedanken seufzend und bei der Arbeit. DIE JUNGFER Aber der Herr ist doch immer so nett mit der gnädigen Frau. DIE FRAU auffahrend Das wäre noch schöner, das gehört sich doch! Aber sehen sie, so gemütlich bei mir sitzen, nichts tun, plaudern, das kann er nicht. Er ist eben so gar kein Damenmann. DIE JUNGFER Ach, so einen möcht gnä' Frau ja gar nicht! Gnä' Frau sind gar nicht so böse auf den Herrn. DIE FRAU heftig Er reizt mich fortwährend. DIE JUNGFER Aber er ist doch so gut und nachgiebig! DIE FRAU Diese ew'ge Güte und Nachgiebigkeit - das ist es ja, was mich so rasend macht. Wenn er nur mal richtig grob und brutal wäre, wie ein richtiger Mann - aber dieser ewig "waiche Günstler" und dabei diese ruh'ge süffisante Ueberlegenheit, die er mir gegenüber stets markiert. DIE JUNGFER Aber nein, gnä'Frau irren sich - DIE FRAU eifrig und kindlich dich, doch, er sieht auf alle Frauen mächtig herab, hält uns mehr oder minder für dumme, eitle, ungebildete Gänse DIE JUNGFER Gnä' Frau, ich mein', der Herr gibt sehr viel gerade auf Ihr Urteil - DIE FRAU Ja, ja, bis zu einem gewissen Grade - DIE JUNGFER Wie oft fragt er Sie um Rat! DIE FRAU Ja, eifrig weil er genau weiss, dass ich viel prakt'scher bin als er. DIE JUNGFER Der Herr ist doch auch ganz praktisch! DIE FRAU Nur schlau! Diese Bauernpfiffigkeit, das fehlt mir eben. Ich platze immer heraus mit allem; er heimtückisch, kann sich beherrschen, verstellen! Da werde ich immer wütender, finde nicht die richtigen Worte - da gibt's dann diese scheusslichen Szenen. DIE JUNGFER Der Herr weiss schon, wie's gemeint ist, dass gnä' Frau gut sind - DIE FRAU Aber man setzt sich dadurch ins Unrecht seufzend und ist dann der schwächere Teil. - Seine Ruh' will er haben, darum gibt er immer nach und ich, ich bin dann immer das Scheusal! Ach, Anna, ich bin recht unglücklich! DIE JUNGFER Aber gnä' Frau, beruh'gen Sie sich doch! Das Telephon läutet DIE FRAU steht auf und geht langsam hin. Am Telephon mit leidender Stimme Wer ist da? Plötzlich sehr heiter Ach! Frau Huss! GrüssGott! Wie geht's Ihnen? Um 10 Uhr? Zum Schlittschuhlaufen? Sehr gerne! Ha, ha, ha! Also Sie holen mich ab? Auf Wiedersehn! Ganz verwandelt und vergnügt Sehn Sie, das ist eine nette Frau, die klingelt mich doch wenigstens an. Ich hasse es, dass ich immer die Leute anrufen und auffordern soll! DIE JUNGFER Viele Damen getrau'n sich nicht, fürchten zu stören... DIE FRAU Schweigen Sie! Faul sind sie, die Weiber! Ich kenne sie besser! Nun aber schnell anziehn! Welche Bluse? Die blauseidene? Ja, die gelbe ist besser! Aber nein! Halt! Anna! Anna! Verwandlung. Orchesterzwischenspiel. ZWEITE SZENE Auf der Rodelbahn. Ein Schlitten nach dem anderen fährt herab und verschwindet in der Kulisse. BARON LUMMER tritt auf, auf Skiern Man hört von hinten die Stimme der Frau "Bahnfrei" rufen. Eine NEUE RODLERIN fährt herab, nach ihr will der BARON rasch die Bahn überschreiten, da kommt DIE FRAU, viel zu schnell hinter ihrem Vormann, etwas kreuz und quer rodelnd um die Ecke, schreit noch schnell, aber zu spät: "Obacht" und fährt den Baron über den Haufen. Als der Schneeknäuel sich entwirrt, schreit sie den Baron an: DIE FRAU Sie Esel! Sehn Sie denn nicht, dass hier gerodelt wird. DER BARON Doch, aber Sie waren zu schnell! DIE FRAU Nein! Sie zu langsam! Ich habe mir furchtbar weh getan! DER BARON Ich bedaure unendlich, mein Fräulein! DIE FRAU Mein Mann würde Ihnen schöne Grobheiten machen - wenn er nämlich hier wäre! DER BARON Wo haben Sie Schmerzen? DIE FRAU weinerlich Das kann ich einem fremden Herrn doch nicht sagen! DER BARON Mein Name ist: Baron Lummer. DIE FRAU verändert, plötzlich freundlich Ach! sind Sie verwandt mit dem Oberst Baron Lummer, der in Linz das Regiment hatte und eine geborene von Müller zur Frau? DER BARON Das sind meine Eltern. DIE FRAU Ach! Das freut mich! Ich bin Frau Hofkapellmeister Storch, mein Mann der berühmte Tondichter. DER BARON Kann ich Ihnen behilflich sein? DIE FRAU Danke nein: es geht schon besser, nur ein bisschen Prellung. Was treiben Sie hier? Bleiben Sie lange? DER BARON Zur Erholung, etwas Sport drei bis vier Wochen. DIE FRAU Meine Eltern haben Ihre Eltern gut gekannt, als in Linz Frau von Ref- ha, ha, ha, ha, Gouverneurin war, von der man sagt: "kommandiert hoffentlich nur ihren Mann" ha, ha, ha - Woll'n Sie mich besuchen? DER BARON Mit grösstem Vergnügen! Bitte nur nochmals zu entschuldigen! DIE FRAU Macht nichts. Sein Sie nur das nächste Mal etwas flinker! Auf Wiedersehn! DER BARON Empfehle mich, gnäd'ge Frau er küsst ihr die Hand Verwandlung. Orchesterzwischenspiel (Walzer). DRITTE SZENE Ball beim Grundlseewirt DIE FRAU kommt mit dem Baron nach vorn, erschöpft auf einen Stuhl sinkend Ich kann nicht mehr! So toll hab' ich aber schon lange nicht mehr getanzt. Übrigens eine Luft zum Ersticken! Gar nichts für Sie, für Ihre Gesundheit! DER BARON Einmal, eine Ausnahme! DIE FRAU Wenn Sie schon hier zur Kur sind, müssen Sie sich doch pflegen! DER BARON Morgen fange ich strenge an. DIE FRAU Gut, unter meiner Aufsicht! Mein Mann sagt immer, ich sei der beste Arzt! Sie wollten mir auch von Ihrem Leben, Ihrer Familie erzählen! DER BARON Alles morgen, wenn Sie gestatten. Aber ich fürchte, der Walzer geht zu Ende. Darf ich bitten? Gnäd'ge Frau tanzen wie eine Feder! DIE FRAU Nun denken Sie sich: mein Mann tanzt gar nicht mehr. Er behauptet, Schwindel zu bekommen. Und ich tanze so gern! DER BARON Und so vorzüglich! Beide mischen sich wieder unter die Tanzenden Verwandlung. Schluss des Walzers. VIERTE SZENE Möbliertes Zimmer im Hause des Notars DIE FRAU mit der Notarin schnell eintretend Wissen Sie, mein Mann, der immer an der Arbeit sitzt - er ist so furchtbar fleissig - sagte mir schon immer: wenn du nette Gesellschaft findest zum Spazierengehn, zum Sport - dieser Baron Lummer ist der Sohn alter Freunde meiner Eltern in Linz, wissen Sie! Also dies ist das Zimmer? Aber sehr hübsch: Gerade das richtige für meinen Schützling. Denken Sie: der Arme kann seine Studien nicht beginnen - starke Migräne - in der hohen Luft hier schon viel besser! In seiner Verwandtschaft grosser Widerstand! Er hat grosses Talent zum Naturforscher. Der Schreibtisch steht nicht gut im Licht. Der junge Baron will doch ab und zu auch einmal ein bisschen arbeiten richtet den Schreibtisch So, haben Sie keinen Lehnstuhl? DIE NOTARIN Ich müsste den von meinem Mann? DIE FRAU Gewiss, gewiss, Therese, Sie bringen ihn sofort herauf. Das Bett steht gut. Wegen der Zugluft - Sie wissen ja, bei Migräne muss man bei offnen Fenstern schlafen! DIE NOTARIN So jung?! DIE FRAU Zweiundzwanzig, glaube ich! DIE NOTARIN Doch schon?! Immerhin - Migräne! DIE FRAU Erblich, wie es scheint. DIE NOTARIN Was Sie sagen! DIE FRAU Ein Onkel starb im Irrsinn! Therese! Die Schubfächer müssen Sie alle feucht auswischen! DIE NOTARIN Bitte, es ist alles sauber. DIE FRAU förmlich Verzeihen Sie, da bin ich eigen. Sie glauben nicht, wie es hier staubt! Die vielen Fremden, Zentralheizungen - ich seh' es an meinen Fensterbrettern! Frühstück kann er haben? DIE NOTARIN Gewiss! DIE FRAU Vielleicht auch ab und zu kaltes Abendbrot - er sollte nicht soviel ins Wirtshaus! Die jungen Leute gewöhnen sich zu schnell ans Bummeln. Also, all right. Ich bezahle - wöchentlich. Mein Mann gibt mir plein pouvoir. Also ich schicke Ihnen jetzt den Jüngling. Sie sorgen gut für ihn. Vor dem Einheizen gut lüften! Ich schaue dann schon wieder her. Grüssen Sie Ihren Mann! DIE NOTARIN Danke sehr. Es wird alles nach Ihren Wünschen sein. DIE FRAU zu Therese Alle Schränke feucht wischen: für die Hygiene das Wichtigste. Das verstehe ich. Mein Mann sagt immer, ich wäre der leibhaftigste Arzt. Sie sehen ja, wie er blüht. Adieu! Auf Wiedersehen. Verwandlung. Orchesterzwischenspiel. FÜNFTE SZENE Wohnung der Frau Storch. Esszimmer. Die Frau sitzt bei der Lampe und überliest noch einmal einen beinahe beendigten Brief an ihren Mann DIE FRAU "Es ist wirklich ein sehr netter, ungeheuer bescheidener Mensch. Da er vor Beginn seines Studiums wegen starker Migräne ganz der Erholung leben muss, hat er immer Zeit, ist bei gleicher Neigung mit mir für Sport, Spazieren- rennen, frische Luft und Naturgenuss ein selten geeigneter Begleiter für deine arme, verlassene, von dir stets so vernachlässigte Frau“ - Das ist gut, das soll er nur hören! "stets vernachlässigte Frau" - Was soll er denn dagegen haben?! dagegen, dass ich den Baron, der sehr gute Manieren hat, auch öfters einmal zum Essen einlade. "Neulich haben wir sehr fidel beim Grundlseewirt getanzt. Nur die Luft war miserabel. Ich muss dem Baron, der, glaube ich, nicht in den besten Verhältnissen lebt und der in seiner Familie nicht das nötige Verständnis für seine geistigen Ziele findet, versprechen, dass du dich seiner etwas annehmen wirst. Nicht wahr, du tust es. Er verdient es, da er mir hier sehr gefällig ist. Ich muss schliessen für heute. Das Kind ist wohl. Bleibe gesund, rauche nicht zu viel, überanstrenge dich nicht.... "Ich glaube, der Brief ist gut. Mitteilen muss ich es ihm doch. Er ist sicher einverstanden. Er kann doch nicht verlangen, dass ich mich hier zu Tode mopse... Endlich einmal ein junger, frischer Mensch. - Die alten Häuser, die Robert mir ins Haus bringt, sehen so eine harmlose Frau als lustige Bagatelle an. Nicht einer kommt meinetwegen zu uns! Alle zum berühmten Mann! Alles erstirbt immer in Ehrfurcht! Pfui Teufel! Ich will mit meinesgleichen fröhlich plaudern, rüstig wandern! Wenn es ihm nicht recht ist, ich werde ihm schon zeigen, wer der Herr im Hause ist!"Die bessere Hälfte" hat mich der berühmte Kritiker, der ihn nicht leiden kann, genannt, das hat ihn doch geärgert. Ha, ha, ha, ha! DIE KöCHIN tritt ein DIE FRAU Fanny, was wollen Sie? KÖCHIN Rechnen, gnä' Frau! DIE FRAU Tür zu, sag' ich! KÖCHIN Der Speisezettel für morgen! DIE FRAU Was Sie wollen! Was gibt's heute abend? Der Baron kommt. KÖCHIN Schon wieder? DIE FRAU Ich verbitt' mir Ihre Glossen! Ich weiss nicht, ob er zu Tisch bleibt. Jedenfalls richten Sie sich ein! KÖCHIN Ich hab' schon was. MARIE meldet Baron Lummer. DIE FRAU Ach schön! Soll hereinkommen! DER BARON tritt ein DIE FRAU Guten Tag! Entschuld'gen Sie: Ich bin gerade beim Rechnen seufzend des Küchenbuchs. Sie erlauben doch? DER BARON Bitte, bitte, gnäd'ge Frau - kann ich helfen? DIE FRAU Sehr willkommen! Wenn man bei so lästiger Kopfarbeit ein bisschen angenehme Gesellschaft hat, geht's doppelt leicht: Rechnen und Briefschreiben ist so das Allerschlimmste. Ich hasse die Schreibtische. Rechnet Fünf und sechs DER BARON elf. DIE FRAU Und siebene ist achtzehn und fünf ist - DER BARON dreiundzwanzig DIE FRAU und acht ist - DER BARON einunddreissig - DIE FRAU einunddreissig, bleibt drei im Sinn, drei und neun ist zwölf und neun ... und neun... na, wieviel ist denn zwölf und neun - DER BARON einundzwanzig - DIE FRAU danke! Das wäre wieder überstanden! Wie geht es Ihnen? Bleiben Sie zu Tisch? DER BARON Nein, danke vielmals. Ich bin mit einem Freunde verabrede DIE FRAU Freunde? Die Freunde kennt man! DER BARON Aber ich bitte! Nein wirklich - gnäd'ge Frau! DIE FRAU Will gar nichts wissen! Ich mische mich nie in fremder Leute Dinge. Verlegenheitspause DIE FRAU Was haben Sie heute getan? DER BARON Nicht viel. DIE FRAU spöttisch Wie gewöhnlich. DER BARON Ein bisschen Ski - ein bisschen Rodeln... Pause DIE FRAU Sind Sie mit Ihrer Wohnung zufrieden? DER BARON Geradezu ideal! Neue Pause DIE FRAU Sie gestatten, dass ich ein wenig Zeitung lese, vor lauter Arbeit komme ich nicht einmal dazu... Wollen Sie auch? DER BARON Bitte! Beide lesen Zeitung DIE FRAU Haben Sie gehört? Frau von Hupp lässt sich scheiden! Er flirtet mit einer Schauspielerin. Ein Skandal! Wann gedenken Sie eigentlich Ihre Studien zu beginnen? DER BARON ja, das ist es eben DIE FRAU Ihr Bruder, sagen Sie, tut gar nichts für Sie? DER BARON schüttelt mit dem Kopf DIE FRAU Aber er könnte doch? DER BARON Freilich könnte er, aber er will, dass ich Jura büffle. DIE FRAU Und warum nicht? DER BARON Aber ich bitte, gnäd'ge Frau, dies trockene Studium! DIE FRAU Gott, ich meine, arbeiten müssen Sie doch überall! DER BARON entschlossen Nein, zu den Pandekten bringt mich niemand! MARIE tritt ein DIE FRAU ruft ihr zu Marie, ist Bubi mit seiner Klavierstunde fertig? MARIE Ich glaube ja, gnä' Frau. DIE FRAU Er soll dann gleich ins Bad, damit er vor dem Abendessen richtig fertig ist. MARIE ab DIE FRAU macht sich am Schreibtisch zu schaffen, dann nimmt sie wieder dieZeitung auf DER BARON Dürfte ich Ihnen ein kleines Anliegen unterbreiten? DIE FRAU liest eifrig, ohne hinzuhören DER BARON Ich hätte eine kleine Bitte. DIE FRAU Was haben Sie? DER BARON Eine grosse Bitte - DIE FRAU An mich? Wirft ab und zu wieder einen Blick in die Zeitung DER BARON Da Sie sich so freundlich für meine Zukunft interessieren DIE FRAU eifrig Freilich, freilich! DER BARON es ist für mich so schwer, ich habe nun einmal die Passion für den Beruf des Naturforschers! DIE FRAU Das ist ja auch recht schön: Reisen nach Afrika, China, Spanien, Serbien, Australien ist zwar nicht mein Geschmack! Aber ein Onkel von mir war in Alaska, aber ich glaube, dazu muss man vermögend sein. DER BARON Leider ja. DIE FRAU Haben Sie denn die Mittel zum Universitätsstudium? Verzeihen Sie, wenn ich etwas indiskret! DER BARON Nicht einmal die. DIE FRAU Ja, dann verstehe ich aber nicht - schaut wieder in die Zeitung Ha, ha, ha, ha. Der Hauptmann Sturtz hat seinen Abschied eingereicht. Gesundheitsrücksichten, die kennt man, wahrscheinlich blamiert. War ein Tänzer von mir, als Fähnrich sehr nett später ein ziemlicher Grobian - gönn' ich ihm! Was sagten Sie vorhin? DER BARON Dass mir leider die Mittel zum geliebten Studium fehlen - DIE FRAU Ja, da weiss ich halt auch keinen Rat. DER BARON Es gibt Stipendien, ein bisschen Protektion, wenn ich nur - DIE FRAU Stipendien, das müsste sich doch machen lassen. DER BARON Ich habe so gar keine Beziehungen, DIE FRAU aber Protektion, Protektion, da könnte doch mein Mann? DER BARON Wie wäre das wohl möglich? DIE FRAU sehr lebhaft O sicher, mein Mann! Ich hab' ihm schon etwas im Briefe angedeutet - er hat schon vielen geholfen - Sie glauben nicht, wie gut er ist: er ist aus vornehmer Familie, altes Patrizierhaus, gute Beziehungen - immer eifriger und praktisch ist er, er weiss immer die richtigen Wege. Man sagt oft, geniale Menschen seien in Dingen des Lebens so unerfahren - im Gegenteil: wenn ich oft gar nicht mehr weiss, wo aus und ein, mit einem Schlage hat er das Richtige. Ein so weiches Gemüt, mein Mann - man sieht es ihm nicht an - oft scheint er abweisend - o, er wird sehr verkannt, nicht als Künstler: da kann er sich nicht beklagen, seine glänzende Laufbahn, diese Masse Orden und üb'rall Erfolg, dabei ist er nicht mal eitel, nein, eigentlich bescheiden, ja wirklich bescheiden: zu Hause spricht er nie von sich, von seiner Arbeit - und was ist der Mann fleissig, zu fleissig! Das ist ja oft mein Kummer, dass er mich vernachlässigt, nicht aus Lieblosigkeit - aber immer in Ge- danken, den Kopf voller Projekte - wirklich ein seltner Mensch! Sie kennen meinen Mann nicht? DER BARON witzig, dreist Ich bin vorläufig mit der Bekanntschaft seiner Frau Gemahlin zufrieden. DIE FRAU Pfui, Baron, sagen Sie nichts über meinen Mann! Wenn Ihnen jemand helfen kann, ist er es! DER BARON Sie meinen, gnäd'ge Frau? Kläglich Ihr Gemahl kennt mich ja noch gar nicht. DIE FRAU Aber ich kenne und schätze Sie, das genügt. Sie sind mir ein lieber Begleiter, ich hab' eine wirkliche Sympathie für Sie. DER BARON Ja, aber - DIE FRAU ungeduldig Was aber? Sehr warm und betont Ich sage Ihnen: mein Mann ist der beste Mensch von der Welt. Glauben Sie mir, dass er mir noch nie eine Bitte abgeschlagen hat? Hie und da streiten wir ein bisschen, wir sind nie eigentlich derselben Meinung, aber das tut nichts: ein bisschen Zank würzt die Unterhaltung, schliesslich behalte ich dann doch immer recht. Er gibt oft nach, wenn ich sogar mal im Unrecht bin - aus reiner Güte! Kurz, er erfüllt mir eben jeden Wunsch. DER BARON Ja, ich möchte nur - DIE FRAU Ja? DER BARON Ich möchte nur - DIE FRAU Na, na rasch ein bisschen! Sie drucksen ja heute herum! Tempo, tempo, sagt mein Mann immer, tempo ist alles! DER BARON mit Entschluss Ich möchte doch nicht warten, bis Ihr Herr Gemahl - DIE FRAU Wieso? Ich tue nichts ohne seine Zustimmung! DER BARON Aber gnäd'ge Frau sagten doch? DIE FRAU Natürlich. Ich bin vollkommen frei in meinen Entschlüssen! DER BARON Da möchte ich schon lieber - DIE FRAU ungeduldig Was möchten Sie schon lieber? DER BARON mutiger Ja, sehn Sie, gnäd'ge Frau, es ist so schwer für mich - meine Familie versteht mich gar nicht - ich habe eigentlich niemand, der mir ein wenig freundlich gesinnt ist; gnäd'ge Frau haben mir schon so viel Gutes erwiesen - die Sympathie einer schönen Frau - Ja, wie soll ich mich ausdrücken? - ich bin Ihnen schon so verpflichtet - DIE FRAU herzlich Nun ja, wir wollen recht gute Freunde bleiben, an meinem Mann werden Sie eine wahre Stütze finden - Ach! Es ist so traurig, wieviel ich allein bin! Sie glauben nicht für eine Frau - DER BARON Ja, gnäd'ge Frau, wenn ich - DIE FRAU nicht auf ihn hörend in dieser Einsamkeit -- DER BARON wenn ich dürfte - DIE FRAU Was nützt mir der berühmte Mann, den ich habe? Naiv und harmlos Für mich genügt ein einfacher, gemütlicher Mann, wie Sie! DER BARON Ich würde ja ganz gern - dürft' ich noch einmal auf meine Bitte zurückkommen? DIE FRAU Ich habe Robert heute von Ihnen geschrieben: sehr schöne Dinge! Welch ein guter Sportler Sie sind! Nur in der Unterhaltung ein wenig zäh. lachend Das habe ich ihm natürlich nicht geschrieben. scherzend Ich hätte nun einen wirklichen Galan! Vielleicht wird er einmal ein bisschen eifersüchtig. Sich korrigierend Nein, nein, ich musste ihm doch mitteilen, dass Sie hier sind! Hoffentlich können Sie so lange bleiben, bis er zurückkommt. DER BARON Ich fürchte, nein! Ich muss mich doch umsehn, wenn nicht Sie selbst, gnäd'ge Frau - DIE FRAU Ich sagte Ihnen ja schon, ich kann gar nichts tun, ausser mit Ihnen bummeln, plaudern, rodeln! DER BARON Aber Sie sagten doch? - DIE FRAU Was? - DER BARON Dass wir recht gute Freunde sein sollen! DIE FRAU Will ich auch! Aber wenn Sie nicht zu Tische bleiben - weich müssen Sie jetzt gehn, lieber Freund. Wann sehn wir uns wieder? Wollen wir morgen nach Aussee gehen? DER BARON Sehr gerne! DIE FRAU Wann Rendezvous? Zehn Uhr? Holen Sie mich ab? Aber morgen sind Sie hoffentlich etwas fröhlicher! Lassen Sie Ihre Sorgen zu Hause! Ich kann nur heitere Menschen um mich sehn! Der Baron verabschiedet sich Auf Wiedersehn! DIE FRAU in Träumerei versunken Ein hübscher Mensch! Und jung ist er halt - Nun sitz' ich wieder allein! Mein lieber Mann! Er ist so gut, so treu. - Diese langen, einsamen Abende - man wird ganz traurig - sie versinkt in immer tieferes Sinnieren Verwandlung. Orchesterzwischenspiel. SECHSTE SZENE Zimmer des Barons im Hause des Notars Der Baron liegt auf dem Sofa und raucht eine Zigarette DER BARON springt auf und ruft zur Tür hinaus Frau Notar! Können Sie mir meinen Koffer heraufschicken? DIE NOTARIN von aussen Sie wollen doch nicht schon abreisen DER BARON Ich muss vielleicht. Pfeift Was fällt ihr denn ein? Glaubt sie, ich setze mich jeden Abend so hin, einfach zum Zeitvertreib? "Die Freunde kennt man!" Trällernd "Theresulein, Theresulein, du bist mein süsses Madulein !" Na, heute abend soll es mal lustig werden! Dieses Zeitunglesen zu zwein scheint ihr Hauptvergnügen zu sein! Schöne Langeweile! Und immer fängt sie wieder von meinen Studien an! Der reine Pastor! Dabei ist sie eigentlich recht hübsch und pikant! Aber an die Migräne glaubt sie fest! Ob ich eine richt'ge Liebeserklärung mache? Sie ist imstande und antwortet mit einem Lobeshymnus auf ihren alten Ehekrüppel.Pfeift Ein junges Mädchen im Vorstadtsportanzug steckt den Kopf zur Tür herein RESI Bist du fertig, Schatz? DER BARON Herrgott, diese Frechheit! Mach, dass du rauskommst! Wenn die Notarin dich sieht und alles meiner freigebigen Patronin klatscht! RESI Ich gehe ja schon. Wollte nur deine Bude mal sehn! Ab DER BARON ruft ihr nach In fünfzehn Minuten bin ich bei dir! Einmal probier' ich's noch; auf dem Spaziergang übergeb' ich ihr den Brief, da ist sie immer am besten gelaunt. Setzt sich an den Schreibtisch Also - erster und letzter Versuch! Beginnt zu schreiben "Verehrte, gnädige Frau! So freundlich Sie heute zu mir waren, so brachte ich es doch nicht über die Lippen, Ihnen mein ganzes Herz auszuschütten... Verzeihen Sie, wenn ich es nun schriftlich wage. . . Während er weiter- schreibt, fällt der Vorhang Verwandlung. Orchesterzwischenspiel. SIEBENTE SZENE Esszimmer der Frau. Draussen starkes Schneegestöber DIE FRAU in der Hand den Brief des Barons Tausend Mark will er haben! Der ist wohl verrückt? Was glaubt er denn? Tausend Mark! Was würde Robert denken? Solch ein dummer Brief! Mündlich getraut er sich nicht - Darum druckste er neulich immer so herum! Das ist nun auch wieder vorbei. Und ich habe geglaubt - schade. Der dumme Kerl! Tut mir ja leid. Aber das geht wirklich nicht. DER BARON eintretend) Ich habe mir erlaubt... DIE FRAU Aber nicht in diesem Zustande! Erst ordentlich abputzen, bitte. DER BARON wieder hinaus DIE FRAU ruft ihm nach Da sieht man wieder den Junggesellen. DER BARON tritt wieder ein DIE FRAU Also dass ich es Ihnen nur gleich heraussage: Das ist ein für allemal ausgeschlossen! Wollen Sie unsre guten Beziehungen stören, auf die ich so viel Wert gelegt hatte? Ich habe eine ehrliche Sympathie für Sie. Wir wollen doch gute Freunde bleiben - wirklich, es war nicht hübsch von Ihnen - in dieser Weise - warm mein Mann wird Ihnen jede Förderung angedeihen lassen, er wird sich fur Sie verwenden... Mein Vater sagte immer, Geld leihen verdirbt die beste Freundschaft. DER BARON Ich würde alles mit Zins zurückerstatten. DIE FRAU Lieber etwas schenken, dass nie mehr davon gesprochen wird, sagt Robert - Können Sie denn nicht Stunden geben, wie so viele - DER BARON mit Emphase Neben dem anstrengenden Studium, unmöglich! DIE FRAU trocken Nun, da weiss ich wirklich keinen Rat. MARIE bringt einen Brief DIE FRAU freudig Von meinem Mann? Sie erlauben? Liest die Adresse Herrn Hofkapellmeister Robert Storch. Wieder ein Bettelbrief oder Ankündigung eines Operntextes. Doch nein! Die Schrift kenne ich. Sie öffnet und liest, entsetzt aufschreiend Was ist das? DER BARON erschrocken Was ist Ihnen? DIE FRAU Das ist ja unerhört! DER BARON Was denn? DIE FRAU Ach! Ach! Ach! Ach! Liest den Brief vor "Lieber Schatz! Schicke mir doch wieder zwei Billette morgen zur Oper! Nachher in der Bar wie immer! Deine Mieze Maier." Mieze Maier! Eine Dirne! In der Bar wie immer - mein Mann! Das ist das Ende! Ich hab' es längst geahnt. Sie fasst sich mit beiden Händen an den Kopf DER BARON Um Gottes willen, gnäd'ge Frau! DIE FRAU blickt wie versteinert in den Brief Lieber Schatz! Deine Mieze Maier! DER BARON Kann ich Ihnen in irgend etwas beistehn? DIE FRAU Nein, ich danke, Herr Baron! Sollte ich Ihrer bedürfen, werde ich so frei sein, Sie zu mir zu bitten. DER BARON eilt, sichtlich erleichtert, ab DIE FRAU nach langer Pause, an dem Schreibtisch, ein Telegrammformular abreissend, schreibt Du kennst Mieze Maier! Deine Untreue erwiesen! Wir sind auf immer geschieden! Klingelt. Anna tritt ein Schicken Sie diese Depesche sofort auf die Post. Augenblicklich die Koffer packen! Alle! ANNA Warum denn? DIE FRAU Wir reisen - ANNA Heute? DIE FRAU Für immer - ANNA Aber gnä' Frau! DIE FRAU Ruhig! Später! Sofort packen - alles! Wir reisen, sobald Sie fertig. ANNA Um Gottes willen, was ist geschehn? DIE FRAU ausser sich So machen Sie doch, dass Sie hinauskommen! Sie sinkt erschöpft in den Lehnstuhl Verwandlung. Orchesterzwischenspiel. ACHTE SZENE Das Schlafzimmer des Kindes, nur mit einer Kerze erleuchtet DIE FRAU am Bett des Kindes sitzend Mein lieber, lieber Bubi! Ich bin so furchtbar unglücklich! DAS KIND Warum weinst du? DIE FRAU Dein Papa ist ganz furchtbar schlecht und böse. DAS KIND Das ist nicht wahr! Papa ist gut. DIE FRAU Nein, nein. Mein armes Kind! Er hat mich unerhört betrogen! Wir gehen fort, wir zwei ganz allein. DAS KIND Ich will aber nicht fort! DIE FRAU Du gehst mit mir und wirst Papa nie wiedersehn. DAS KIND fängt zu heulen an Ich will nicht weg von Papa! DIE FRAU Was? Du willst bei dem bösen Manne bleiben, der so schlecht gegen deine liebe Mutter war? DAS KIND Papa ist immer gut zu dir, du bist böse mit Papa, zankst ihn, bist garstig. DIE FRAU O, ich war viel zu gut mit ihm! Sie weint Er hat das nicht verdient! Oh, Bubi! Alles ist vorbei für ewig. Schlaf nur wieder! Ich bleibe, bis du eingeschlafen, mein Liebling! Ich will für dich beten, du armes, verlassenes Kind! Ich arme, verlassene Frau! Sie kniet betend am Bett des Kindes nieder. Der Vorhang fällt. ZWEITER AUFZUG ERSTE SZENE Die Skatpartie Komfortables Wohnzimmer mit guten modernen Bildern und Bronzen im Hause des Kommerzienrats. Am Skattisch in der Mitte des Zimmers unter einem grossen Luster sitzen der JUSTIZRAT, der KOMMERZIENRAT, der KAMMERSÄNGER und KAPELLMEISTER STROH beim Skatspiel Der Justizrat mischt die Karten und gibt aus DER KOMMERZIENRAT Ach! Sie kennen sie nicht, Herr Justizrat! Ein Ekel! Er ist ein reizender Mensch. Aber die Frau: einfach fürchterlich! DER KAMMERSÄNGER Sie haben etwas gegen die Frau. DER KOMMERZIENRAT Kunststück, bei die Behandlung! STROH Aber es ist doch eine sehr tüchtige Frau! DER KOMMERZIENRAT Für ihn vielleicht. DER KAMMERSÄNGER Gucki DER JUSTIZRAT Wer spielt aus? STROH Ich! Bei Grand die Asse auf den Tisch. Sie spielen DER JUSTIZRAT Er soll die Frau riesig gern haben - DER KOMMERZIENRAT Wie sie ihn auch oft behandelt, sogar vor Leuten! STROH Ich finde, die Frau wird schwer verkannt. Sie ist sehr temperamentvoll, vielleicht zu hitzig - DER KAMMERSÄNGER ruft Schneider! Neunundzwanzig haben Sie! Sechzig Gute für mich! STROH fortfahrend ein bisschen wild und rücksichtslos sie spielen immer weiter aber ich glaube, sie hat ein gutes Herz und sie sorgt sehr gut für ihn. DER KOMMERZIENRAT Na ja, irgendeinen Vorzug muss sie wohl haben. Zum Justizrat Sie haben ja das Vergnügen, sie nicht zu kennen, aber wen sie näherer Bekanntschaft würdigt - schlaf- lose Nächte, sag' ich Ihnen. Achtzehn! Achtzehn! Herr Kammersänger! DER KAMMERSÄNGER Einen Moment, ich bin noch nicht auf dem Kontor, halte ich - DER KOMMERZIENRA Vierundzwanzig! DER JUSTIZRAT Für Sie, mein Herr! ROBERT tritt ein Guten Abend, meine Herren! Entschuldigen Sie, aber die Probe war nicht abzukürzen - DER KAMMERSÄNGER spottend Am Anfang jeder Spielzeit haben Sie immer einen kolossalen Probeneifer, so gegen den März zu legt er sich. ROBERT Naja, einmal im Jahr. Wenn ihr euch das alles merken würdet, was ich euch da sage, für drei Jahre müsst' es genügen. STROH Sie können gleich eintreten, verehrter Meister, noch dieses Spiel! DER KAMMERSÄNGER dröhnend "Hast du schon zur Nacht gebetet, Desdemona!" STROH ruft Neunundfünfzig. Haben Sie denn keinen König mehr zum Reinschmeissen? Neunundfünfzig ohne vier! kostet ein Vermögen! DER JUSTIZRAT zum Kammersänger Sehr fein gespielt, dass Sie Pique nicht brachten! zu Stroh Du hättest dieses Spiel nicht gewonnen! ROBERT behaglich Ach, so ein Skätchen ist ein Genuss, die einzige Erholung nach Musik! DER KOMMERZIENRAT spottend Besonders, wenn die Frau recht weit weg ist! ROBERT gutmütig Na ja, Sie wissen: ich habe meine Frau sehr gerne, nur beim Skat ist es angenehm, wenn keine Damen im Nebenzimmer. DER KOMMERZIENRAT Alle Augenblicke steckt eine den Kopf zur Tür herein: "Sind die Herren schon bald fertig?" "Gleich, mein Engel," sagt er, hol dich der Satan, denkt er. Oder: "Gewinnen die Herren?" Nur ein Vorwand, um schnell nachzusehn, ob der Gatte verliert oder gewinnt, und zu Hause dann, au wei! ROBERT Na, so schlimm ist's nicht. Null auf dem Pferde! DER JUSTIZRAT Ich gebe Kontra. KAMMERSÄNGER Bei Null ouvert? ROBERT Rekontra. Nicht zu fassen! Legt die Karten au DER KOMMERZIENRAT Das ist aber doch kein Kontra, ich bitte Sie! DER JUSTIZRAT Mit zwei Sieben? DER KOMMERZIENRAT Trotzdem, Sie sehen ja! ROBERT Keine Leichenreden! Aufschreiben! Zweihundert Gute für mich! Sie geben! DER KAMMERSÄNGER Wie lange bleiben Sie diesmal, Meister? ROBERT Vier Wochen. Noch zwei Konzerte ohne das übrige. Zum Kommerzienrat Sie reizen. DER KOMMERZIENRAT Gleich, ich habe noch nicht ausgepackt. Zehn! DER KAMMERSÄNGER Gibt's nicht. Nur Solo. DER KOMMERZIENRAT Seit wann denn? DER KAMMERSÄNGER Schon immer bei uns. DER KOMMERZIENRAT Na, also achtzehn. DER KAMMERSÄNGER Passen! DER JUSTIZRAT Passen! DER KOMMERZIENRAT Nein! Diese Maurer! Einen auf achtzehn hängen zu lassen! DER JUSTIZRAT Ja, das einzige, was heute billig ist! DER KOMMERZIENRAT nimmt auf Zwei Wenzel! DER KAMMERSÄNGER Da siehst du, ob wir gemauert haben. DER KOMMERZIENRAT Coeur solo. Die Herren können schenken! DER JUSTIZRAT zu Robert Wie geht es Ihrer Frau Gemahlin? ROBERT Ich danke, gut. Habe heut einen Brief von ihr, sie hat jetzt recht nette Gesellschaft: ein junger Mann, der mit ihr spazierengeht und Sport treibt. DER KAMMERSÄNGER Na, hör'n Sie, Meester?! ROBERT Wieso? Meine Frau, die kennen Sie nicht. DER KOMMERZIENRAT Na, ich kenne sie. ROBERT Auch Sie nicht! DER KOMMERZIENRAT Oho! ROBERT Weil sie Ihnen einmal - DER KOMMERZIENRAT einmal? Ein Dutzend reicht nicht - ROBERT wie ich gerne zugebe, unangenehme Dinge und sehr mit Unrecht deswegen kennen Sie sie doch nicht genau. DER KOMMERZIENRAT Danke für noch nähere Berührung. Bin schon nervös genug. DER KAMMERSÄNGER Sind wir hier zum Unterhalten oder zum Skatspielen? Schieberamschrunde. ROBERT Sehr wohl! Wenn er auf meiner Frau herumhackt, muss ich sie doch verteidigen. Ich nehme zu Grand auf. DER JUSTIZRAT Einer verdirbt's immer. STROH zu Robert Sie sind wirklich ein rührender Ehemann! ROBERT Und ich fühle mich sehr wohl dabei. DER KOMMERZIENRAT Das wundert mich ja, Sie haben keine Nerven! ROBERT Gott sei Dank nicht! Alles Training! DER KOMMERZIENRAT Daran fehlt es Ihnen ja nicht. DER KAMMERSÄNGER ruft Schwarz, Ihr Ludersch! STROH So ein Glückspilz! ROBERT Dass ich gezwungen bin, ihr gegenüber, die hitzig, starker Phantasiemensch, von etwas mangelnder Selbstdisziplin oft rührend hilflos- DER KOMMERZIENRAT Hilflos? Davon hab'ich noch nichts gemerkt. ROBERT Doch, oft rührend hilflos und kindlich dabei, das hat mir die Nerven gestählt. Nervosität gibt's nicht: Mangel an Selbstzucht. DER KOMMERZIENRAT Na, hör'n Sie - das ist stark! ROBERT Behaupte ich gegen jeden! DER KAMMERSÄNGER Ramsch! DER KOMMERZIENRAT Sie selbst sind allerdings ein gutes Beispiel. Ich mit einer solchen Frau sässe längst im Irrenhause! DER JUSTIZRAT Ich habe fünfundsechzig. ROBERT zum Kommerzienrat Trotz Ihres schlechten Spiels. DER KOMMERZIENRAT Natürlich, wenn ich an die Frau nur denke, bekomme ich das Zittern. ROBERT mit Wärme Und für mich ist sie grade das Richtige. Ich habe ein Talent zum Verdösen, Verbummeln; was aus mir geworden, danke ich ihr, besonders die Gesund- heit! Sie hat mich aufgepulvert. DER KOMMERZIENRAT Aufpulvern, das kann sie! Dynamit! ROBERT Nur nicht übertreiben! Mir tut das gut, ich muss Leben und Temperament um mich haben. Jeder Mensch hat seine zwei Seiten, der Unterschied ist nur, dass der eine nur das Gute zeigt, das sind die Menschen mit der an- genehmen Fläche. Während sie, - sie ist eine von den ganz zarten, schamhaften Naturen mit rauher Schale, ich kenne manche - es sind die Besten! Ein Igel, nach aussen mit Stacheln gepanzert - Das Dienstmädchen tritt ein und gibt Robert ein Telegramm. Zum Kammersänger Bitte, geben Sie für mich - er hat das Telegramm geöffnet und starrt es fassungslos an DER JUSTIZRAT Was gibt's? Doch nichts Unangenehmes? Was ist Ihnen? ROBERT Was soll denn das heissen? DER JUSTIZRAT Darf man wissen, von wem? ROBERT Jedenfalls von meiner Frau. DER KOMMERZIENRAT Sticht der Igel? ROBERT Ich bitte, jetzt keinen Scherz! DER JUSTIZRAT Doch nicht wirklich was Ernsthaftes? ROBERT Ich bin sprachlos. Zu Stroh Lesen Sie! STROH liest "Du kennst Mieze Maier. Deine Untreue erwiesen. Wir sind auf immer geschieden." Keine Unterschrift. ROBERT Meine Frau unterschreibt nie eine Depesche. Ist sie verrückt? DER JUSTIZRAT Schon lang ein wenig. ROBERT Nun hören Sie auf! Das ist kein Scherz mehr. Mieze Maier! STROH Sie kennen die auch? ROBERT Wer ist denn das? STROH Nun, so etwas'- so, so, la la. ROBERT Sie kennen sie? STROH Flüchtig ROBERT Aber ich habe keine Ahnung. STROH Das sagt ein jeder, wenn's herauskommt. ROBERT Ich muss schon bitten! STROH Entschuldigen Sie, aber ich begreife ja, dass es peinlich ist, wenn das Frauchen es erfährt. ROBERT Da hört sich aber doch schon die Geschichte auf... plötzlich ruhig Die Herren entschuldigen, wenn ich Sie verlasse, aber mir ist die Lust zum Spielen vergangen. Ich muss die Sache erst überdenken - die Herren sind ja zu vieren! Adieu! Schnell ab DER KOMMERZIENRAT Verfluchte Chose! Frau Christine wird toben! DER KAMMERSÄNGER Ich möchte nicht in seiner Haut stecken! DER JUSTIZRAT Ich habe es ihm eigentlich nicht zugetraut! STROH Das Muster eines Ehemanns! DER JUSTIZRAT Nun, er wird sich schon herauswinden! DER KAMMERSÄNGER "Schwach auch er, schwach alle!" DER KOMMERZIENRAT Wahrlich, ich sage euch: mit der Frau ist schon im Frieden nicht zu spassen, nun ein solcher Kriegsanlass, oh je, oh je, er tut mir leid! DER KAMMERSÄNGER "Ein Fehltritt, ist er solcher Büssung wert?" STROH Dass er die Mieze Maier auch kennt, das hätt' ich ihm allerdings nicht zugetraut! DER JUSTIZRAT Nun, wie wär's, meine Herren, spielen wir noch ein bisschen, uns von dem Schrecken zu erholen? DER KOMMERZIENRAT Meinen Sie nicht, man sollte sich nach dem Meister doch ein bisschen umsehn, er schien wirklich aufs tiefste erschrocken? Ich werde ihn morgen anrufen, wenn er die Sache ein bisschen beschlafen hat. Sie setzen sich wieder zum Spiel, STROH gibt die Karten aus DER KOMMERZIENRAT Achtzehn! DER JUSTIZRAT Zwanzig! DER KOMMERZIENRAT Vierundzwanzig! DER JUSTIZRAT Ich passe! DER KAMMERSÄNGER Passe. DER KOMMERZIENRAT Ich spiele Treff solo! Orchesternachspiel. Verwandlung. ZWEITE SZENE Bureau des Notars DIE FRAU tritt ein, feierlich ernst Guten Tag, Herr Notar. DER NOTAR Ah, guten Tag, gnädige Frau. Sich vom Schreibtisch erhebend Was verschafft mir die Ehre? DIE FRAU Ich will mich scheiden lassen. DER NOTAR Also doch? DIE FRAU Also doch - wieso? DER NOTAR Ach, entschuldigen Sie, meine Frau sagte mir - DIE FRAU Ihre Frau? Was weiss denn die? DER NOTAR verlegen Nun, er wohnt doch bei uns? DIE FRAU Wer? Mein Mann? DER NOTAR Nein, nein, der Herr Baron! DIE FRAU Reden Sie doch keinen Unsinn, von dem will ich mich doch nicht scheiden lassen. DER NOTAR trocken Natürlich nicht. Aber vielleicht wegen ihm. DIE FRAU Sie träumen wohl? Wegen meines Mannes! DER NOTAR Ja - ach so? Wegen Ihres Mannes? Ja, da müssen Sie schon zu einem andren Notar gehen: ich verehre Ihren Gemahl viel zu sehr - DIE FRAU Verehren? Ha, ha, Ihr Männer seid alle ein Gesindel, das zusammenhält. DER NOTAR auffahrend Da muss ich aber sehr bitten! DIE FRAU Ich muss bitten, dass Sie mich ruhig anhören! Ich stehe amtlich vor Ihnen! DER NOTAR halb lachend Gewiss, aber gerade deshalb kann ich verlangen, dass Sie mich nicht beschimpfen. DIE FRAU Wenn man euch die Wahrheit sagt, so ist das keine Beschimpfung. DER NOTAR Gut also! Lädt sie ein, sich zu setzen Fangen wir von vorne an. Sie wünschen also, von Ihrem Gatten geschieden zu werden? DIE FRAU Sie hören doch! DER NOTAR Haben Sie einen Scheidungsgrund? DIE FRAU hält triumphierend dem Brief hoch Kennen Sie Mieze Maier? DER NOTAR Wer ist das? DIE FRAU Der Scheidungsgrund. DER NOTAR Das hier? DIE FRAU Der Scheidungsgrund. Der von Ihnen so gerühmte Gatte ist ein Elender. Ihr Männer taugt eben alle nichts! DER NOTAR Ich bitte, bei der Sache zu bleiben! Sie scheinen also zu vermuten? DIE FRAU höhnisch Vermuten? Können Sie nicht lesen? Sie duzt ihn. DER NOTAR Ja, wer ist denn Mieze Maier? DIE FRAU Will ich gar nicht wissen. Eine Frau'nsperson, das genügt.. DER NOTAR Ja aber, so ohne weitres - DIE FRAU So ohne weiteres will ich sofort geschieden sein! Ich behalte das Kind. Ich behalte das Haus, da er im Unrecht. DER NOTAR Das ist noch keineswegs erwiesen. DIE FRAU Wie? DER NOTAR Ja, sind Sie denn sicher, dass der Brief auch wirklich Ihrem Gatten gilt? DIE FRAU Natürlich, hier die genaue Adresse. DER NOTAR Eine Verwechslung ist ausgeschlossen? DIE FRAU Ausgeschlossen! Ich glaub's auch. Denn ich habe ihm nie getraut. Ich kenne doch die Männer. Woll'n Sie mich nun scheiden oder nicht? DER NOTAR Nein, verzeihen Sie, bevor ich Ihren Mann gesprochen, noch nicht. DIE FRAU Dann Adieu! Es gibt noch andere Notare. Ab DER NOTAR kopfschüttelnd Seltsam, sehr seltsam! Verwandlung. Orchesterzwischenspiel. DRITTE SZENE Im Prater. Gewitter und Sturm ROBERT im Hintergrunde verzweiflungsvoll herumirrend Es ist einfach zum Rasendwer- den! Ich schreibe - ich telegraphiere. Keine Antwort. Wie am Nordpol. Und ich kenne das verfluchte Weibsbild nicht einmal. Der Irrtum muss sich doch aufklären lassen. Wenn ich nur überhaupt wüsste, was vorliegt. Aber so! Wenn Christine nur eine Erklärung schickte! Der Teufel hol' diese Weiberkniffe! Wenn ich nur nach Hause könnte - aber wegen einer solchen Dummheit alles absagen und im Stiche lassen: das geht doch nicht. STROH hereinstürzend Meister! Meister! ROBERT sich umwendend Ach, Sie sind's? Was gibt's? STROH etwas stockend Ich muss Ihnen ein Geständnis machen - ROBERT Mir? STROH Der Mann, an den Mieze Maier geschrieben hat - ROBERT sie hat geschrieben? STROH Ja, aber nicht an Sie, der Brief-! ROBERT nicht an mich - STROH galt - ROBERT galt - STROH jämmerlich mir! ROBERT Ihnen? STROH Trug aber Ihre Adresse. ROBERT in steigendem Zorn Meine Adresse? Da hört sich doch - STROH Ich komme soeben von ihr, mir schwante neulich schon so etwas. Die Weiber merken sich selten genau die Namen - sie hat geglaubt, ich sei der berühmte. Eine Verwechslung - ROBERT eine Verwechslung... STROH sie suchte die Wohnung im Telephonbuch ROBERT im Telephonbuch... STROH fand ROBERT fand? STROH zögernd Ihre Adresse. ROBERT in ausbrechender Wut Nun, da bin ich Ihnen aber schon ausserordentlich dankbar. Unerhört. Sie sind wohl auch nicht ganz schuldlos an der Verwechslung? Sie haben diesen Irrtum vielleicht stillschweigend geduldet, wenn nicht gar gepflegt? Wenn sich da etwas herausstellen sollte - brüllend Herr! Dann sollen Sie mich kennenlernen! Schlaflose Nächte! Meine arme Frau! Ich war dem Wahnsinn nahe. Meine gute Christine verflucht mich, war schon beim Notar wegen Scheidung, er hat es mir heute mitgeteilt - und sie hat ganz recht! Fasst sich plötzlich, sehr energisch Mensch, Sie haben dieses Unglück angerichtet, Sie müssen alles wieder gutmachen. STROH Mit tausend Freuden, ich tue alles, was Ihr befehlt, werde sofort telegraphieren. ROBERT Auch das, genügt aber nicht, Sie müssen zu meiner Frau fahren mit genauesten Beweisen, genauster schriftlicher Bestät'gung Ihrer saub'ren Donna! Unerhört So ein Mistvieh! STROH Ja, ich kann aber doch nicht fort... ROBERT Herr, wollen Sie oder wollen nicht? STROH Nun ja, wenn möglich. ROBERT Sie müssen! Zum Teufel, nun reisst mir die Geduld! Sie reisen heute abend oder. Sie sollen mich kennenlernen! STROH In Gottes Namen, es ist mir so schrecklich, dass mir das passiert! ROBERT Ich verdanke Ihnen die drei schlimmsten Tage meines Lebens; darauf können Sie sich was einbilden! Nun schnell aufs Telegraphenamt, dann in den Zug! Alles Weit're besorgen wir bis dahin. Den Urlaub verschaff'ich Ihnen. Schnell! Fort, fort, Gott sei Dank! Ich war nah' dem Wahnsinn! Beide schnell ab Orchesternachspiel. Verwandlung. VIERTE SZENE Das Toilettenzimmer der Frau in wildester Unordnung, offene Schränke und Schubladen, die von der Frau in ungeduldiger Hast geleert werden. Dazwischen rast sie planlos durchs Zimmer. Anna über einer Unmasse von Koffern beschäftigt DIE FRAU sinkt erschöpft in einen Sessel Anna! Ich hätte den Baron doch nicht dahin schicken sollen. ANNA Wohin, gnä' Frau? DIE FRAU Na, zu der Person doch nach Wien! ANNA Ja, aber wie wollen Sie denn sonst völlige Gewissheit haben? Gnä' Frau können sie doch nicht persönlich fragen; das ginge doch nicht. DIE FRAU Natürlich nicht. Auffahrend Zum Donnerwetter noch einmal. Rufend Therese, Therese, wo bleiben Sie denn? THERESE von aussen Ich finde die Decken nicht. DIE FRAU So machen Sie doch Ihre blöden Augen auf. THERESE Sie sind nicht da. ANNA Welche Decken? DIE FRAU Die seidnen Tischdecken. ANNA Aber gnä' Frau, die sind doch mit dem Eilgut schon fort! DIE FRAU So? Therese, es ist gut, sind schon da - das hatte ich ganz vergessen - die blöde Person müsste doch auch immer mehr in Zorn geratend statt da stundenlang - eilen Sie sich, bringen Sie mir die schwarzen Knopfstiefel. - Sich wieder auf die Schubladen stürzend Alles ausräumen, nichts da lassen, was mir gehört. Er wird ein recht wohnliches Heim vorfinden - schreiend Stehen Sie mir doch nicht immer im Weg! Wo sind denn meine Ringe? Meine Ringe! Rast herum, suchend Ich habe sie doch soeben gehabt. ANNA suchend Hier sind sie nicht. DIE FRAU So suchen Sie doch! ANNA Ich suche ja. DIE FRAU Sie haben sie mir sicher heruntergeschmissen. ANNA Das hätte ich ja doch gemerkt. DIE FRAU gereizt Sie merken nie etwas. Immer ärgerlicher Sie werden überhaupt so faul in der letzten Zeit. ANNA Wenn ich gnä' Frau nicht mehr recht bin, so kann ich ja... DIE FRAU heftig Sofort können Sie gehn, Sie widerspenstiges Ding, das mich nur ärgert und alles mir entgegen tut. Sie sind von einer Ungezogenheit - ich weiss schon: Ihr seid alle gegen mich, haltet natürlich zu dem saubren Herrn! Gehn Sie nur, ich brauche niemand! Sucht von neuem Da habe ich die Ringe. Eingesteckt hatt' ich sie. Matt Übrigens meinen Sie, dass der Baron die Sache heraus- bringen wird? Halten Sie ihn eigentlich für sehr helle? ANNA weinend Eigentlich nicht. DIE FRAU Aber das wäre doch kein grosses Kunststück - ANNA Gewiss nicht. DIE FRAU Und er ist doch mit Begeistrung gereist, kommt mal umsonst, das heisst auf meine Kosten, nach Wien. ANNA Haben gnä' Frau ihm eine Photographie mitgegeben? DIE FRAU Zu was braucht der eine Photographie von mir? ANNA Von dem Herrn doch! DIE FRAU Ja - nein - ANNA Wie soll denn da festgestellt werden, DIE FRAU begreifend Ei ja! ANNA ob die Person den Herrn wirklich kennt? DIE FRAU Herrgott, das ist wahr! Aber warum ha'm Sie das nicht früher gesagt? ANNA Gnä' Frau haben mich ja nicht gefragt. DIE FRAU Aber der Trottel... ANNA Natürlich - DIE FRAU ...hätte doch daran denken sollen. ANNA Wie kann er denn nun? DIE FRAU Kann ich nicht meinem Mann depeschieren? er soll selbst mit dem Baron hingehn? ANNA entsetzt Aber gnä' Frau! DIE FRAU Und seine Identität feststellen lassen? ANNA Aber gnä' Frau, das können Sie doch dem Herrn nicht zumuten? DIE FRAU ausbrechend Diesem treulosen Betrüger, der immer depeschiert, er wisse von gar nichts, schwächer so dass ich schon fast an- fange, es zu glauben. Sich aufraffend Wenn er unschuldig ist, muss er doch froh sein, sein Alibi, oder wie man das Ding da nennt, beweisen zu können! THERESE tritt ein Ein Telegramm, gnädige Frau! DIE FRAU Schon wieder. Das ist, glaube ich, das zehnte, ich mache sie schon gar nicht mehr auf. FÜNFTE SZENE Das Esszimmer, festlich geschmückt. ANNA noch am Esstisch beschäftigt. DIE FRAU stürzt herein Er kommt! Herrgott, wie ich mich freue. Zu Anna Ist der Frühstückstisch schon fertig? So? Schön! Hoffentlich ist der Kuchen nicht spintig? Hinausrufend Therese! Wann kommt der Zug? Schon da? Da kann er jede Minute hier sein! THERESE stürzt herein Der gnädige Herr! Ab DIE FRAU will ihm entgegeneilen, plötzlich fasst sie sich Nein, nein! Nicht so entgegenkommend! Er soll nur hereintanzen! Ich habe mich genug geärgert! ROBERT stürzt herein Christinerl! Christinerl! Da bin ich! Will sie umarmen, sie weicht zurück und reicht ihm nur die Hand DIE FRAU abwehrend Nur nicht so hitzig! Du denkst wohl, es sei alles in Ordnung? ROBERT Aber natürlich! Gott sei Lob und Dank! Was habe ich ausgestanden! Diese drei Tage - DIE FRAU Du ausgestanden? Von meinen Seelenschmerzen, meiner Kränkung redest du nicht? ROBERT Doch ich begreife, dass du wütend warst! DIE FRAU Wütend? Ich war gar nicht wütend. Es war eben alles ausgestorben. Die Ehre, auf dich wütend zu sein, werde ich dir nicht antun. ROBERT ohne ihre Bemerkung zu beachten, vergnügt Das ist nun alles glücklich vorbei - da hast du deinen verlor'nen Mann: betont den Ungetreuen! Na, Christine? Was ist denn? DIE FRAU sehr betont Du scheinst das nicht sehr ernst genommen zu haben. ROBERT Doch - drei Tage lang verflucht ernst. Aber nachdem sich die Tragödie in eine Bur- leske verwandelt hat - DIE FRAU komisch ernst Ich finde gar nichts Spassiges dabei. ROBERT Erlaube - DIE FRAU immer feierlicher Du musst mir schon einige Zeit lassen, mich mit der bitt'ren Enttäuschung abzufinden. ROBERT Ich soll wohl um Verzeihung bitten? DIE FRAU Verzeihung? Was ich gelitten, wird dadurch nicht ausgelöscht. ROBERT Aber doch nicht durch meine Schuld. DIE FRAU Vielleicht meine? ROBERT Natürlich. Dieses unüberlegt hitzige Köpfchen - DIE FRAU Ich? Das ist unerhört! ROBERT Na, ich keinesfalls! DIE FRAU Wer denn? ROBERT Du weisst, dass ich ganz schuldlos bin. DIE FRAU Das weiss ich nicht. ROBERT Die Beweise genügen dir nicht? DIE FRAU Für diesen besonderen Fall vielleicht... aber man weiss doch nicht... ROBERT Du könntest wissen! DIE FRAU Gar nichts weiss ich! Ich habe jetzt gesehn, was alles passieren kann! ROBERT heiter und behaglich Aber es ist doch nichts geschehn. DIE FRAU Meine Leiden, meine Seelenqualen ROBERT hättest du dir grösstenteils ersparen können, wenn du besonnener zu Werke gegangen wärst. Statt dessen zwei völlig unverständliche, unbeantwortbare Telegramme an mich, die mich dem Wahnsinn nah brachten. Du warst beim Notar wegen Scheidung? DIE FRAU Du weisst? ROBERT Er hat mir telegraphiert. DIE FRAU Gemeinheit. Kennt der Kerl kein Amtsgeheimnis? Schöner Notar! ROBERT Ja, der hat eine bessere Meinung von mir als meine eigene Frau. DIE FRAU wütend Ihr steckt alle unter einer Decke! ROBERT Also kurz und gut: es war die schlimmste Zeit meines ganzen Lebens! Drei Nächte kein Auge zu. DIE FRAU Ich auch nicht. ROBERT Meine ganze Tätigkeit unterbrochen. DIE FRAU höhnisch Das schadet dir schon! ROBERT Hättest du lieber ordentliche Erkundigungen eingezogen! DIE FRAU triumphierend Habe ich! Sind noch gar nicht abgeschlossen! ROBERT Was? DIE FRAU Deinem saubren Kollegen traue ich nicht. Wer weiss, welches Komplott? ROBERT allmählich ärgerlich Nun wird mir's aber zu dumm! Ich gutmüt'ger Narre reise eigens nach Hause, dir alles zu vergeben - DIE FRAU Du mir? ROBERT Ich dir, jawohl! Und du machst mir noch eine Szene, anstatt mir reumütig um den Hals zu fallen! DIE FRAU immer zorniger Reumütig? Ich bedaure nur, dass ich dich geheiratet habe, dass ich ausser sich überhaupt geheiratet habe! ROBERT Zum Teufel! Da hört sich aber doch alles auf! DIE FRAU Es hört auch auf. Ich lasse mich erst recht scheiden! Ich will nicht mehr hei dir bleiben! Ich will von den Männern überhaupt nichts wissen! Ich war an deiner Seite immer unglücklich. Du hast mich nie gewürdigt, nie verstanden, immer vernachlässigt! Ich mag nicht mehr deine Haushälterin sein! Du kannst sofort zu deinem Freunde Notar und die Scheidung beantragen! ROBERT wütend Nun ist's genug! Das kannst du selber tun! Kreuzelement! Ich habe ge- nug von dieser Komödie!läuft ab DIE FRAU ziemlich überrascht über diesen heftigen Wutausbruch Ich hab's gewusst, dass es einmal so enden wird! Besser heut als morgen! SECHSTE SZENE DER BARON tritt schnell ein Da bin ich, gnäd'ge Frau! DIE FRAU sehr kühl Nun? Was haben Sie ausgerichtet? DER BARON Nicht viel. Ich hatte keine Photographie Ihres Gatten. DIE FRAU Allerdings. Die hatten Sie vergessen. Konnten Sie aber in jeder Buch- handlung kaufen. DER BARON Daran habe ich nicht gedacht. DIE FRAU Nun - und? DER BARON Also ich war bei der Dame. DIE FRAU spöttisch Dame? DER BARON Nun ja, wie Sie es nennen wollen.. sie kennt den Herrn Hofkapellmeister Storch sehr gut. DIE FRAU Ach, sie kennt ihn? Was Sie sagen! Das weiss ich längst DER BARON verblüfft Sie wissen? DIE FRAU Ja, aber Sie wissen nicht, ob der Herr Hofkapellmeister Storch wirklich mein Mann war! DER BARON macht ein immer dümmeres Gesicht Ja gibt's denn noch? DIE FRAU immer höhnischer Ja, es gibt noch... DER BARON einen andern - DIE FRAU einen andern - aber der heisst Stroh! DER BARON Eine Verwechslung? Und der? DIE FRAU nickt stolz Der hat die Suppe eingebrockt. DER BARON sehr dämlich Ach, ich verstehe. DIE FRAU Verstehn Sie endlich, Herr Baron? Jedenfalls danke ich Ihnen für Ihre Bemühungen; spitzig wenn ich auch gestehen muss, dass Sie sich zum Detektiv nicht besonders eignen. Für heute so viel, dass alles aufgeklärt ist, DER BARON aufgeklärt? DIE FRAU sehr betont dass alles aufgeklärt ist. DER BARON Ach so! DIE FRAU Dass mein Mann hier ist. Baron zuckt zusammen DIE FRAU Soeben noch wie Sie von der Reise DER BARON zurückgekehrt? DIE FRAU Vielleicht kommen Sie zu geleg'ner Stunde wieder? Ich mache Sie mit meinem Mann bekannt, der, wie ich Sie versichern kann, vollkommen, vollkommen unschuldig ist, wie ich es ja auch gar nicht anders erwartet habe. DER BARON Ja, ja, dann empfehl' ich mich für heute. DIE FRAU Auf Wiedersehen, mein lieber Herr Baron! Baron nach flüchtigem Handkuss ab ROBERT eintretend Wer war denn das? DIE FRAU etwas verlegen Das, das war der junge Herr Baron, von dem ich dir schrieb... ROBERT trocken Ja, ja, der Notar schrieb mir auch: er ist eigentlich der Hauptgrund, dass ich heimkam. DIE FRAU auffahrend Du glaubst doch nicht? ROBERT Nein, aber ich dachte, es ist nicht gut, dass die Frau allein sei, wenigstens nicht gar zu lang. DIE FRAU Das ist schändlich von dir! Ich versichere dich. ROBERT Gar nicht nötig. Ich kenne meine liebe Frau viel zu gut, um nicht genau zu wissen... Aber es ist auch nicht nötig, dass die Leute auch nur von so was reden, vermuten, Glossen machen, und du weisst, wie gerade in deinen Kreisen der Klatsch blüht. DIE FRAU Ich denke, ich wäre doch... ROBERT Du bist's! DIE FRAU Du weisst, ich war niemals... ROBERT Niemals! DIE FRAU Sei versichert, ich werde immer ROBERT Immer. Nun lass uns Frieden schliessen ein für allemal. DIE FRAU Warst du sehr böse auf mich? ROBERT Das glaube ich, und du? DIE FRAU Alles war ausgelöscht, erstorben. ROBERT Du hattest dir wohl die Trennung schon in allen Farben ausgemalt? DIE FRAU Das eigentlich nicht. Ich war viel zu wütend auf dich! ROBERT Aber ich lebte bereits drei Tage in allen Schrecken des Junggesellendaseins, die meine Phantasie mir nur ersinnen konnte. Wer sollte das Kind behalten? DIE FRAU Ich, natürlich! ROBERT Wer das Landhaus? DIE FRAU Ich, natürlich! ROBERT Für mich wäre da wohl nicht viel übriggeblieben? DIE FRAU Du warst ja auch der schuldige Teil! ROBERT leichthin Und der junge, schöne, flotte Edelmann? DIE FRAU Ich bitte dich, rede jetzt in diesem feierlichen Augenblick nicht von dem! ROBERT Doch reden wir! Er war wohl sehr nett? DIE FRAU Ach Gott! Harmlos, gefällig...stockt ROBERT Hatte immer Zeit! DIE FRAU Allerdings! ROBERT Famos in allen Dingen des Sports? DIE FRAU Sehr. ROBERT Vornehme Familie? Guter Gesellschafter? DIE FRAU Na, eigentlich nicht -- ein bisschen langweilig. ROBERT Hattest du Sympathie für ihn? DIE FRAU Ja, ein wenig Sympathie, bis - bis - ROBERT bis...? DIE FRAU Bis er mich um tausend Mark gebeten hat. ROBERT Was? Lacht Ha ha ha ha, ha ha ha ha - Ich ahne... Armes Christinchen, das nenn' ich ein Malheur! DIE FRAU sehr schüchtern Er ist sicher kein Gauner, nur vielleicht ein bisschen leichtsinnig und naiv ich hab's ihm auch gleich abgeschlagen. ROBERT Nun, dann ist ja alles gut! Da er nett zu dir war - er war doch nett? DIE FRAU mutiger Sehr nett und liebenswürdig, bis... ROBERT Nun ja, bis... Also höre: betont weil er zu meiner lieben Frau nett war, werde ich für ihn sorgen, in jeder Form, die du wünschest, ihn unterstützen... DIE FRAU etwas weinerlich Ich wünsche ja nichts! ROBERT Nun wir werden sehen - reden wir nun heute nicht mehr davon! Gutmütig war er, sagst du? Da habt ihr euch wohl nie gestritten? DIE FRAU Nein, zum Streiten war er nicht zu gebrauchen, dazu war er zu blöd und schüchtern... ROBERT Schüchtern? Na? DIE FRAU Doch, er war eher schüchtern - sicher! ROBERT Zum Streiten taugen also wohl nur Ehemänner? DIE FRAU Nun ja, Menschen, die man genau kennt, sonst hat man ja keinen int'ressanten Stoff: es macht auch gar keinen Spass! ROBERT Na, für den Spass danke ich schon. DIE FRAU Aber ich kann doch nicht immer deiner Meinung sein. Wo bliebe mein Stolz, meine Selbstachtung? ROBERT Die sollst du immer behalten als schönste Zierde. Ich bin zufrieden, wenn du mir nur in ganz unzweifelhaften Streitpunkten hie und da - DIE FRAU einfallend Ich werde dir nie mehr widersprechen, ich will dich auf Händen tragen, dir jeden Willen, jeden erfüllen! Ich habe jetzt erst gesehn, wie schrecklich es gewesen wäre, dich zu verlieren, ich glaube, ich hätte nicht weiter leben können. ROBERT Doch - doch - schon des Kindes wegen! Denk doch: das Kind! DIE FRAU Das hättest doch du bekommen. ROBERT Wenn ich aber der schuld'ge Teil war? DIE FRAU Auch dann! Wer konnte das Kind so erziehen wie du? Heute hab' ich es so recht erst erkannt! Wie du so böse warst, da zog ein Schauder mir durch den Leib; schön - schön direkt warst du in deinem Zorn. ROBERT Na, na, nur nicht wieder übertreiben! Umarmung DIE FRAU Du bist mein schöner, reiner, prachtvoller Mann! Ich liebe dich allein und immer und ewig. ROBERT Um das noch einmal so zuhören, breit dafür hätte ich gerne noch mehr ausgestanden! DIE FRAU Verzeihung für alles! ROBERT Für gar nichts! Du hast mir ja so leid getan! DIE FRAU Gelt, mein lieber Robert, das nennt man doch wahrhaftig eine glückliche Ehe? |