| Libretto: Ledi Macbet Mzenskowo ujesda |
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Lady Macbeth von Mzensk (Katerina Ismailowa) Personen BORIS TIMOFEYEVICH ISMAILOW, Kaufmann (Bass) ZINOVIY BORISOVICH ISMAILOW, sein Sohn (Tenor) KATERINA LVOVNA ISMAILOWA, dessen Frau (Sopran) SERGEY, Ismailows Arbeiter (Tenor) AKSINYA, Ismailows Köchin (Sopran) DER POLIZEICHEF (Bass) EIN GENDARM (Bass) DER POPE (Bass) EIN LEHRER (NIHILIST) (Tenor) EIN HERUNTERGEKOMMENES BÄUERLEIN (Tenor) DER ÄLTESTE DER STRAFGEFANGENEN (Bass) SONYETKA, eine strafgefangene Dirne (Alt) EIN SERGEANT (Bass) CHOR Arbeiter und Arbeiterinnen, Gendarmen, Hochzeitsgäste, Strafgefangene, Wachen ERSTER AKT ERSTE SZENE Katerina liegt auf ihrem Bett und gähnt. KATERINA Ach, ich kann nicht mehr schlafen, aber ich muss es versuchen. Sie versucht zu schlafen. Nein, ich kann nicht schlafen. Ich habe ja die ganze Nacht geschlafen, bin dann aufgestanden, habe Tee mit meinem Mann getrunken und ging dann wieder zu Bett. Was sollte ich denn sonst auch tun? Ach Gott, wie traurig langweilig ist es! Es ging mir besser, als ich noch allein war. Wir waren zwar arm, aber in gewisser Weise frei. Und jetzt … Langeweile, Trübsal, man könnte sich aufhängen. Ich bin die Frau eines Kaufmanns, verheiratet mit einem angesehenen Kaufmann, Zinoviy Borisovich Ismailov. Die Ameise schleppt ihren Strohhalm, die Kuh gibt Milch, die Knechte sieben das Mehl. Nur ich allein habe nichts zu tun. Nur ich allein bin traurig und langweile mich. Nur mein Leben ist düster, mein Leben als Kaufmannsfrau. Boris kommt. BORIS Gibt’s heute Pilze? KATERINA Ja. BORIS Ja? Du weisst, ich mag Pilze sehr gern, vor allem mit Buchweizengrütze. KATERINA Ob die Sonne scheint oder ein Unwetter tobt, mir ist doch alles gleichgültig. Ach! BORIS Weshalb singst du, hast du nichts anderes zu tun? KATERINA Was soll ich tun? BORIS Und weshalb haben wir dich in unser Haus genommen? Ich habe immer zum Sohn gesagt: Heirate Katerina nicht. Aber er wollte nicht hören. Was für eine Frau! Fünf Jahre verheiratet, und es ist immer noch kein Kind da! KATERINA Das ist nicht meine Schuld, nicht meine Schuld. BORIS Wie bitte? KATERINA Es ist nicht meine Schuld, nicht meine Schuld … BORIS Wessen Schuld denn dann? KATERINA Zinoviy Borisovich ist nicht imstande, in meinen Bauch ein Kind zu legen. BORIS Das soll es sein? Es ist alles Sache der Frau, an welche Frau der Mann gerät. Hätte ihn eine gute Frau geliebt und wäre zärtlich zu ihm gewesen, wäre im Nu ein Kindchen geboren. Aber du bist ja kalt wie ein Fisch, versuchst es nicht, seine Liebe zu gewinnen, versuchst es nicht, seine Liebe zu gewinnen. Wir haben keinen Erben für unser Vermögen und unseren ruhmvollen Namen im Kaufmannsstand. Du möchtest dir gern einen jungen Burschen einfangen. dich mit ihm aus dem Staube machen und deinen Mann auslachen. Nein, versuche das nicht, der Zaun ist hoch, die Hunde sind frei, die Arbeiter treu ergeben, und ich bin die ganze Zeit auf der Hut. Das Gift ist fertig für die Ratten, sie haben wieder das ganze Mehl aufgefressen. geht ab KATERINA Du bist selber eine Ratte! Du solltest dieses Gift nehmen! Sie macht des Rattengift zurecht. Zinoviy, Boris, ein Bote und andere Knechte, darunter Sergey, treten auf. ZINOVIY zum Müllerburschen So sprich! MÜLLERBURSCHE Der Damm an der Mühle ist gebrochen, es ist jetzt dort ein riesiges Loch. Was sollen wir tun? ZINOVIY Als hätten wir nicht ohnehin schon genug Arbeit. Ich werde schon selbst gehen müssen. BORIS Dann geh! Ohne die Aufsicht des Herrn läuft nichts. Die Leute sind unzuverlässig! KNECHTE Ha, ha, ha! ... BORIS Was kichert ihr so? Euer Herr muss auf Reisen gehen, und ihr seid nicht traurig, euch tut es nicht leid? ARBEITER Aber doch! Warum gehst du fort, Herr, warum? Warum? In wessen Hände gibst du uns? In wessen? In wessen? Ohne den Herrn ist es traurig, traurig, langweilig, freudlos. Das Haus ist ohne dich kein Haus, die Arbeit ohne dich keine Arbeit. Keine Arbeit, keine Arbeit. Freude ist ohne dich keine Freude. Kehre so schnell wie möglich zurück! So schnell wie möglich. Zinoviy führt Sergey zu Boris hin. ZINOVIY Hier, Vater, sieh! Das ist der neue Arbeiter, den ich heute eingestellt habe. BORIS Sehr schön. Wo warst du vorher in Diensten? SERGEY Bei den Kalganovs. BORIS Und weshalb haben sie dich hinausgeworfen? Ein Arbeiter kommt herein. KUTSCHER Die Pferde sind bereit. Boris bricht sein Gespräch mit Sergey ab. BORIS Nun, da kann man nichts machen. Sag deiner Frau Lebwohl. ZINOVIY verabschiedet sich von seiner Frau Leb wohl, Katerina. zu seinem Vater Sag ihr, sie soll mir treu bleiben. BORIS Sie soll schwören! Schwören! Lass sie doch schwören, dass sie dir treu bleibt. ZINOVIY Und warum das? Ich bin nicht lange fort. BORIS Man kann nie wissen, für alle Fälle. Junge Frauen sind alle gleich … „S'il vous plaît, rendez-vous, sauce provençale …“ ZINOVIY Ja gewiss! BORIS Du verstehst mich? ZINOVIY Ja gewiss! BORIS Sieh nur zu, dass sie keiner verführt. ZINOVIY Ja gewiss! BORIS Katerina, schwöre auf die heilige Ikone, dass du deinem Mann treu bleibst. KATERINA Ich schwöre! BORIS Nun, das ist alles. Lebe wohl, Zinoviy, sag Lebwohl zu deiner Frau. ZINOVIY Lebe wohl, kleine Katerina! Lebe wohl! BORIS Nicht so! Auf den Knien! Auf den Knien! Los! Er geht auf eine weite Reise, noch ein paar Tränen … Nun fort denn! Alle gehen ab bis auf Aksinya, Katerina, Sergey und Boris. AKSINYA zu Sergey Was stehst du noch hier? Warum bist du hiergeblieben? Sergey geht ab. zu Katerina Der neue Arbeiter, er ist ein verdammter Schürzenjäger. Ihm gelingt es, jede Frau zur Sünde zu verführen. Er hat alle Vorzüge: er ist gross, sieht gut aus, ein Bild von einem Mann. Er war früher bei den Kalganovs in Diensten; er hat sich mit der Herrin eingelassen, und deshalb haben sie ihn fortgejagt. BORIS zu Katerina Warum weinst du nicht? Dein Mann ist doch auf Reisen gegangen. Was für eine Frau! Sagt Lebwohl zu ihrem Mann und vergiesst nicht einmal eine Träne. Zwischenspiel ZWEITE SZENE Auf dem Hof treiben Zinoviys Diener mit Aksinya ihren Spass. Sie haben sie in ein offenes Fass gesteckt und lassen sie nicht mehr heraus. AKSINYA Oh! Oh! Oh! Oh! Oh! Oh! Oh! Oh, du Schamloser, oh, kneif mich nicht. Oh! Das tut weh, oh! Das tut weh! Du schamloser Unhold, nimm die Hände weg! Du dreckiger, räudiger Hund, du dreckiger, räudiger Hund, Hände weg! Fort, du räudiger Hund! Oh! Du Schwein! Oh! Oh! Du Schwein, Schwein, Schwein, Schwein! O du Schwein, o du Schwein! Oh! Oh! Das tut weh, das tut weh! EIN HERUNTERGEKOMMENER BAUER Wie eine Nachtigall! Los, wie sie sich wohl anfühlt! Drück doch fester! Noch mehr! Was für ein Euter! Ei, was für ein Euter. O herrliches, o herrliches Euter! Und wie schön glatt! Drück doch, fester! Drück fester! Ha, ha, ha! … HAUSKNECHT Die Sau singt wie eine Nachtigall. Befühlt sie nur schön! Was für eine Nase sie hat, was für eine Nase. Damit könnte Gott sieben Leute versorgen! Aus solchen Füsschen liessen sich gute Koteletts machen. Ha, ha, ha … DIE ARBEITER Und das Stimmchen, das Stimmchen, und das Stimmchen! Und das Stimmchen … Ha, ha, ha … Und das Stimmchen. Und das Stimmchen. Und das Stimmchen, ha, ha, ha … Und das Stimmchen! Ha, ha, ha … HAUSVERWALTER Oho! Sie ist fett, so fett. Noch einmal, los, los! Und noch einmal … Ho, ho, ho! … Und was für Ärmchen! Was für Füsschen, was fur Ärmchen, was für Füsschen! Ha, ha, ha … SERGEY Lasst mich dieses Ärmchen anfassen, ho-ho, es ist so glatt und fett, so glatt und heiss. Ein strammes Weib, ein strammes Weib wie Milch und Blut. Bei Gott, bei Gott, sie ist ein strammes Weib. Doch ihre Fresse ist voller Pickel. Ha, ha, ha! … HAUSKNECHT Lasst uns ein bisschen saugen. DER HERUNTERGEKOMMENE BAUER Nun was? Nun was? Ha, ha, ha! … DIE ARBEITER Ha, ha, ha … Und das Stimmchen. Ha, ha, ha! … AKSINYA Oh, du Schwein, meine Brust ist voller blauer Flecken! Was für ein schamloser Kerl, er hat mir die ganze Brust zerquetscht. Was für ein Schuft, er hat mir das ganze Kleid zerrissen. HAUSKNECHT und VERWALTER Zerreiss ihm doch die Hosen, Aksyusha! DIE ARBEITER Ha, ha, ha! … SERGEY Gut jetzt, lass sie los! AKSINYA Wache! Er hat mich gekniffen! Oh! oh! SERGEY Los! Warte! Haltet sie fest! DIE ARBEITER Ha, ha, ha! … Und das Stimmchen. Halt still, Aksinya. Pack sie, Seryozhka! AKSINYA Er soll weggehen. SERGEY Na! Halte ruhig! AKSINYA Oh! Oh! Oh! Oh! DIE ARBEITER Und das Stimmchen. SERGEY Halt ruhig, Frau! AKSINYA Oh, er will mich fangen. DIE ARBEITER Ha, ha, ha! … Drück sie! Drück sie! Drück sie! Drück sie! SERGEY Halt, Frau, halt! AKSINYA Oh! DIE ARBEITER Ha, ha, ha! … Wir lachen uns noch tot, lachen uns tot. SERGEY So halt doch still! AKSINYA Du Schwein! DIE ARBEITER Wir platzen noch vor Lachen, wir platzen noch! SERGEY A! Oh! Oh! Oh! … AKSINYA Lass mich los, lass mich los! DIE ARBEITER Ha, ha, ha! … Katerina tritt auf. DER HERUNTERGEKOMMENE BAUER Die Herrin! AKSINYA Oh! KATERINA zu Aksinya Was ist los mit dir? AKSINYA Sie haben mir den ganzen Rock zerrissen. KATERINA Lasst die Frau los. Euch macht es wohl Spass, eine Frau zu verspotten! SERGEY Über wen sollten wir denn sonst lachen? KATERINA So ist eine Frau nur dazu gut, ausgelacht zu werden, ist es so? SERGEY Wozu sollte sie denn sonst gut sein? AKSINYA zu Sergey Ach du Schwein! SERGEY Na, na, na! … KATERINA Viel bildet ihr Männer euch wohl auf euch ein. Glaubt ihr denn, nur ihr seid stark und mutig, nur ihr habt Verstand? Weisst du denn nicht, dass Frauen zuweilen eine ganze Familie ernähren? Und dass Frauen während des Krieges die Feinde in die Flucht schlugen? Mitunter opferten Frauen für ihre Männer, ihre Verlobten ihr Leben, doch dir ist das alles gleich. Jetzt bekommst du eine Tracht Prügel, damit du weisst, wozu eine Frau gut ist. SERGEY Nun denn, gewährt mir Eure Hand, wenn es wahr ist. Katerina gibt Sergey die Hand. Sergey drückt sie. KATERINA Das tut weh, lass los, der Ring … SERGEY Dein Trauring gräbt sich ein. KATERINA Lass los, lass los, lass los! SERGEY Lasst mich noch ein wenig gewähren. KATERINA Es tut weh, lass los! Katerina stösst Sergey weg. Er fällt hin. DER HERUNTERGEKOMM ENE BAUER aufgeregt Sieh doch, wie sie ihn gestossen hat. Sergey steht auf und reibt sich seine wunden Stellen. SERGEY Ich möchte Euch einen Vorschlag machen. KATERINA Nun? SERGEY Wir wollen ein bisschen ringen. KATERINA Nun gut, dann ringen wir. SERGEY Weg da, ihr Leute! Sergey und Katerina ringen. KATERINA Warum hörst du auf? SERGEY Ich habe vergessen … Ich halte Euch in meinen Armen und denke … Ja wozu denn, ich habe sehr viel Kraft! Sergey wirft Katerina zu Boden. KATERINA Lass mich los, lass mich los! Ach, Seryozha, lass mich los! Boris kommt. BORIS Was geht hier vor? Katerina steht auf. KATERINA Ich kam gerade vorbei, verhakte mich mit dem Fuss in dem Sack und fiel hin; er wollte mir aufstehen helfen und fiel selbst. DER HERUNTERGEKOMMENE BAUER Genauso ist es gewesen. BORIS zu den Arbeitern Was steht ihr hier herum? Wer wird für euch die Arbeit tun? Wofür wird euch Geld bezahlt? Tagediebe, Faulenzer, Trunkenbolde! zu Sergey Los, steh hier nicht herum! zu Katerina Brate mir ein paar Pilze. Warte nur, wenn dein Mann kommt, ich erzähle ihm alles. Zwischenspiel DRITTE SZENE Katerinas Schlafzimmer KATERINA Zeit zum Schlafengehen. Der Tag ist vorbei. Zeit zum Schlafengehen, Schlafengehen. Es ist niemand da, mit dem ich reden könnte. Ach, wie traurig, wie langweilig ist es, nur Wände, Türen und Schlösser auf den Türen. Boris kommt. BORIS Katerina! KATERINA Was ist? BORIS Es ist Zeit zum Schlafengehen. KATERINA Es ist noch früh. BORIS Unsinn, was hast du noch zu tun? Dein Mann ist nicht da, es gibt keinen Grund, die Kerze abzubrennen. KATERINA Schon gut, ich gehe zu Bett. Boris geht ab. Katerina legt ihre Kleider ab. Das Fohlen saust zur Stute hin, der Kater sucht das Kätzchen, der Täuberich fliegt zum Täubchen, und nur zu mir eilt niemand. Die Birke wird vom Wind liebkost, und die Sonne wärmt sie mit ihren Strahlen. Für alle ist irgendwo ein Lächeln, nur zu mir kommt niemand, niemand legt den Arm um mich, niemand drückt seine Lippen auf meine. Niemand streichelt meine zarte Brust, niemand erschöpft mich mit leidenschaftlichen Liebkosungen. Freudlos ziehen meine Tage dahin, mein Leben fliegt vorbei ohne ein Lächeln. Niemand, niemand kommt zu mir, niemand kommt zu mir. Katerina entkleidet sich völlig und legt sich aufs Bett. Es klopft an der Tür. Wer ist da, wer, wer klopft? SERGEY vor der Tür Habt keine Angst, ich bin es. KATERINA Wer? SERGEY Sergey. KATERINA Sergey? Was ist? Was willst du in der Nacht? SERGEY Nur eine Kleinigkeit, öffnet! KATERINA Was für eine Kleinigkeit? SERGEY Erst öffnet, dann sage ich es. Katerina öffnet die Tür. Sergey tritt ein. KATERINA Nun, was ist es? SERGEY Ich bin gekommen, um Euch um ein Buch zu bitten … KATERINA Was für ein Buch? SERGEY … um ein bisschen zu lesen. KATERINA Ich habe, Sergey, überhaupt keine Bücher. Ich kann gar nicht lesen, und mein Mann liest auch nicht. SERGEY Ich komme vor Langeweile um. KATERINA Warum heiratest du nicht? SERGEY Wen denn? Eine Tochter aus gutem Haus nimmt mich nicht, und die einfachen Mädchen mag ich nicht; sie sind so ungebildet, und ich bin ein feinfühliger Mensch; deshalb langweile ich mich so. KATERINA Auch ich langweile mich. SERGEY Wie sollte man sich nicht langweilen! KATERINA Wenn wenigstens ein Kind käme! SERGEY Doch auch ein Kind, erlaubt mir, es so auszudrücken, kommt doch als Ergebnis von etwas, nicht von ganz allein. Nun sagen wir einmal, Ihr hättet ein kleines Geheimnis, so wie alle anderen Frauen auch … In Eurer Lage wäre es doch fast unmöglich, Euch mit ihm zu treffen. Sagen wir, es wäre gar hier in diesem Haus? Glaubt Ihr denn, ich verstehe nicht? Wie lange bin ich schon in Diensten und habe genug Frauen gesehen! KATERINA Ja … Nun was denn, Sergey, geh jetzt. SERGEY Ich gehe. KATERINA Leb wohl. Sergey geht nicht. SERGEY Das war ein schöner Ringkampf, Ihr seid wirklich stark … KATERiNA Nun, warum daran erinnern. SERGEY Erlaubt, es war der schönste Augenblick in meinem Leben, wollt Ihr nicht noch einmal? KATERINA Nein, du wagst es! SERGEY Dann umarmen wir uns. Er legt den Arm um Katerina. KATERINA Lass los, Sergey, lass los! Was denkst du dir? Lass los! Der Schwiegervater könnte kommen und uns sehen; lass los, Sergey! SERGEY Ich bin trotzdem stärker. KATERINA Sergey, das sollst du nicht Was tust du? Ich habe Angst. SERGEY Du mein Leben! KATERINA Was tust du? Geliebter, lass los, Geliebter, ich will n… SERGEY Ach, Katya, du meine Freude! KATERINA Geh doch, um Gottes willen, ich bin eine verheiratete Frau. SERGEY Das brauchst du nicht zu sagen. KATERINA Ich habe keinen Mann, nur dich allein. BORIS hinter den Kulissen Katerina … KATERINA Schwiegervater … BORIS … bist du im Bett? KATERINA Ich gehe gerade. BORIS Na gut. KATERINA Geh. SERGEY Ich gehe von hier nicht weg. KATERINA Der Schwiegervater wird die Türen verschliessen. SERGEY Für einen wendigen jungen Mann sind auch die Fenster eine Tür. Nun komm, Katya! KATERINA Geliebter! ZWEITER AKT VIERTE SZENE Boris geht mit einer Laterne in der Hand über den Hof. BORIS So ist es im Alter! Man kann nicht schlafen. Es scheint mir immer, als lauerten überall Diebe. Ich gehe umher, sehe nach, ob irgendwo ein Dieb ist. Als ich jung war, konnte ich auch nicht schlafen, doch hatte das andere Gründe! Ich lungerte unter den Fernstern fremder Frauen, sang Lieder und log, was mir in den Sinn kam, kletterte auch mitunter durch ein Fenster; ich hatte ein schönes Leben, so kann man sagen. Zinoviy schlägt mir nicht nach; achtet noch nicht einmal seine eigene Frau. Wäre ich so jung wie er, wie würde ich … Ach! Ich würde sie … He, he, he! … Er bemerkt Licht in Katerinas Zimmer. Licht im Fenster. Sicher kann sie nicht schlafen; sie ist ja eine junge Frau und heissblütig dazu. Und keiner da, der sie trösten könnte. Ach! Wäre ich doch jünger, nur so zehn Jahre … Dann, ja dann! Ihr würde warm werden von mir; warm, warm, bei Gott, wie warm. Sie wäre es schon zufrieden! So eine gesunde Frau, und kein Mann da, kein Mann weit und breit, kein Mann, kein Mann, und kein Mann, kein Mann weit und breit. Kein Mann, kein Mann weit und breit, kein Mann, kein Mann, kein Mann, kein Mann; ohne Mann ist es für eine Frau langweilig, ich gehe zu ihr, jawohl! Am Fenster sagen sich Katerina und Sergey Lebwohl. SERGEY Leb wohl, Katya, leb wohl! Sergey klettert aus dem Fenster am Fallrohr hinunter. BORIS Was ist denn das? Da ist doch eine Stimme; ich muss nachsehen. KATERINA Warte noch ein bisschen. SERGEY Es wird schon hell. KATERINA Sonst streckten sich die Nächte so lange, lange hin. Doch diese sieben Nächte jetzt, die wir gemeinsam verbrachten, sind vergangen wie im Fluge. BORIS Das ist Ehebruch, Ehebruch! Katerina betrügt ihren Mann, sie hat einen Liebhaber gefunden. Wer ist es denn? Du kommst zu spät, Boris Timofeyevich! O zum Teufel, was für eine Schande, Herrgott im Himmel! SERGEY Es ist wahr, die Zeit der Liebe vergeht viel schneller. Leb wohl, Katya! BORIS Schau her, was für ein Teufel! KATERINA Leb wohl, Seryozha! SERGEY Katya! BORIS Sergey, dieser neue Arbeiter, das Schwein. Er ist der Dieb … Na schön, warte nur. KATERINA Seryozha, leb wohl, leb wohl! SERGEY Katya, leb wohl, leb wohl! Sergey kommt heraus. Boris packt ihn am Kragen. BORIS Halt! Wo warst du? SERGEY Dort, wo ich war, bin ich jetzt nicht mehr. BORIS Sieh an, von unseren Schätzen hat er sich das Beste ausgesucht: er hat die Nacht bei der Frau meines Sohnes verbracht. He, Leute! He! SERGEY Schrei doch nicht so! BORIS Ich will aber schreien, ich bin jetzt hier der Herr im Haus! Leute, kommt herbei! Ich habe einen Dieb gefangen. Die Arbeiter laufen halbbekleidet herbei. SERGEY Und was willst du jetzt von mir? BORIS Ich will dir fünfhundert Peitschenhiebe geben. KNECHTE und ARBEITER Der Herr habe Erbarmen! BORIS zum Hausknecht Los, bring mir die Peitsche! Nun, ein bisschen schneller Zieh ihm das Hemd aus! Der Hausknecht geht die Peitsche holen. DER HERUNTERGEKOMMENE BAUER Nun, Bruder … du hast es so gewollt … Und hast es auch verdient … Der heruntergekommene Bauer zieht Sergey das Hemd aus. HAUSKNECHT Wirst du ihn selbst schlagen, Herr, oder es von einem anderen erledigen lassen? BORIS Selbst! Katerina! Katerina! Katerina! Katerina! Katerina! Katerina! Katerina erscheint am Fenster. KATERINA Was ist los? Ich schlafe. BORIS zu Katerina Du schläfst? Du schläfst? Es ist gar nicht so lange her, da kamst du zum Fenster und hast die Sterne gezählt, wartetest auf den Sonnenaufgang. Schau, Katerina, ich habe einen Dieb gefangen; ich werde ihn jetzt auspeitschen. Nun los! Fangen wir an! Boris schlägt Sergey. Sieh mal, Katerina, was für ein amüsantes Schauspiel: Es blutet schon, es blutet schon, und jetzt noch einmal, so zum Spass. KATERINA Lasst ihn los, ich, ich … Lass ihn los! BORIS Blut, mein Freund, hast du viel, deshalb bist du auch so geil. KATERINA Macht mir die Tür auf! Macht mir die Tür auf! Sie ist abgeschlossen. Macht auf, macht auf! BORIS Wir schlagen dir das Blut aus dem Leib, du wirst schon noch zahm werden, du Halunke, du Schuft! Warum schreist du denn nicht, zum Teufel, du willst dich wohl aufspielen vor der Frau? Ich bringe dich schon noch zum Schreien! Und das, und das, und das! Noch mehr, noch mehr, noch mehr, noch mehr! KATERINA Ihr Leute! Ihr Leute! So hilf mir doch einer! Oh! Lasst ihn doch los; wer mir die Tür öffnet, erhält als Lohn meine Liebe. Ich springe aus dem Fenster! Leute! Schnell doch! DER HERUNTERGEKOMMENE BAUER zu Katerina Sofort, sofort … DIE ARBEITER Ha, ha, ha! … BORIS Schweig still, rühr dich ja nicht! KATERINA Ihr haltet mich nicht auf, ihr haltet mich nicht auf! Sie klettert das Fallrohr hinunter und stürzt sich auf Boris. Die Knechte packen sie und halten sie fest. Du Bestie! Du Bestie! Ich lasse das nicht zu! Lass mich los … du Ungeheuer, lasst mich los, lasst mich los, lasst mich los, lasst mich doch los! Lasst mich doch endlich los! Lasst mich los, lasst mich los, lasst mich los, lasst mich los, lasst mich los, lasst mich los, lasst mich los, lasst mich los!BORIS Haltet sie fest! Was stehst du herum wie eine Statue und sagst kein Wort? Spiel dich nicht auf vor einer Frau! Du schweigst also? Du schweigst? So schrei doch, dann höre ich auf! Und das! Und das! Und das! Und das! Und das! Und das! Und das! hört auf zu peitschen Ich kann nicht mehr. HAUSKNECHT Wünscht Ihr, dass ich weitermache? BORIS Nein, es reicht, zuviel auf einmal ist nicht gut, sonst krepiert er uns noch. Bringt ihn in die Vorratskammer, morgen wird er noch einmal verprügelt. Sergey wird weggetragen und Katerina freigelassen. BORIS zu Katerina Nun was? Das hat mich hungrig gemacht. Ist noch etwas übrig vom Abendessen? He! Ich rede mit dir! KATERINA Pilze sind übrig. BORIS Das ist gut. Bring mir die Pilze. Katerina geht ab. HAUSKNECHT Sergey ist in der Vorratskammer eingeschlossen, hier ist der Schlüssel. BORIS Lauf schnell zur Mühle und suche Zinoviy Borisovich. Sag ihm, er soll so schnell wie moglich nach Hause kommen. Sag ihm, zu Hause ist etwas Schlimmes passiert. Der Hausknecht geht ab. Katerina kommt zurück. KATERINA beiseite Ich habe Gift dazugetan. Der Alte wird krepieren vom Rattengift. Boris isst die Pilze. BORIS Die Pilze schmecken köstlich, du bist eine Meisterin, Katerina, im Zubereiten von Pilzen. Geh und zieh dich an, du rennst ja halbnackt auf dem Hof herum. Geh … Nein, halt! Es brennt in mir wie Feuer … Bring mir … Wasser. KATERINA Ich will nicht. BORIS Was? Was hast du gesagt? Du wagst es … KATERINA Ich wage es! BORIS Du wagst es … KATERINA Ich wage es! BORIS Du Schlampe! Er hebt drohend die Hand und fällt dann zu Boden. KATERINA So! BORIS Was ist los mit mir? KATERINA Ihr habt wohl die Pilze zu spät in der Nacht gegessen … Viele, viele Leute sterben daran. BORIS Ruf den Popen, meine liebe kleine Katerina, ruf den Popen, vielleicht ist es wahr, und ich muss sterben. Es brennt … es brennt … es brennt wie Feuer. Ich habe lange gelebt und viel gesündigt. Hol den Popen her, den Popen her. O Gott, o Gott, welche Schmerzen … Welche Schmerzen … KATERINA Wo sind die Schlüssel zur Vorratskammer? Sie durchsucht Boris' Taschen, nimmt die Schlüssel an sich and geht. BORIS Ich bekomme keine Luft … Aus der Ferne ist der Gesang der Aufseher zu hören, die zur Arbeit gehen. Ihre Stimmen kommen immer näher. DIE ARBEITER Sieh, bald dämmert der Morgen, sieh, bald dämmert der Morgen. Hei! Der Himmel wird heller, der Himmel wird heller. Hei! Nur keine Zeit vergeuden. Hei, schneller, an die Arbeit. Hei! Die Speicher warten schon auf uns. Die Speicher warten schon auf uns, Hei! Das Mehl, das uns nährt, wartet auf uns. Das Mehl, das uns nährt, wartet auf uns. Hei! Unser Herr ist böse und grausam wie ein Krokodil. Hei! Die Arbeiter treten auf. BORIS Einer von euch soll zum Popen laufen … Mir geht es schlecht. ERSTER AUFSEHER Augenblick … ZWEITER AUFSEHER Vielleicht befehlt Ihr, Euch ins Haus zu tragen? BORIS Nein, es ist besser hier. Die Sonne geht bald auf, legt mich dorthin. Die Schlüssel ... ZWEITER AUFSEHER Was? BORIS Nehmt ihr die Schlüssel ab. Sie ist eine Dirne … ZWEITER AUFSEHER Er redet wohl wirres Zeug? DRITTER AUFSEHER So ist es wohl, er redet wirr. ZWEITER AUFSEHER Das heisst, ihm geht es wirklich schlecht. DRITTER AUFSEHER Er sieht schlecht aus. ZWEITER AUFSEMER Vielleicht stirbt er. DRITTER AUFSEHER Er stirbt. ZWEITER AUFSEHER Das sag' ich doch, er stirbt. Der erste Aufseher kommt mit dem Popen. POPE Wer stirbt denn hier? ERSTER AUFSEHER Er dort. POPE Ah! lm Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes … BORIS zum Popen Vater, ich muss beichten. Viele Sünden habe ich begangen. Aber du sollst wissen: Ich sterbe nicht einfach so. Ratten krepieren auf diese Weise. Und das Rattengift ist so ein weisses Pulver … Katerina kommt. zeigt auf Katerina Sie war es! Sie! sinkt in sich zusammen POPE Es ist zu Ende. DIE AUFSEHER Amen. KATERINA Oh, Boris Timofeyevich, warum hast du uns verlassen? In wessen Hände gibst du jetzt Zinoviy Borisovich und mich? Was sollen Zinoviy und ich ohne dich jetzt tun? POPE zu Katerina Warum ist ihm das geschehen? Er war doch gut dabei, der alte Knabe. KATERINA Er hat Pilze in der Nacht gegessen; viele, viele Leute sterben daran. POPE So ist das. „Oh, schon wieder diese Pilze und kalten Suppen“, wie Nikolay Vasilyich Gogol sagte, der grosse Dichter unseres russischen Landes. Ja, seltsame Gedanken kommen den Menschen vor dem Tod. Boris Timofeyevich sagte, er krepiere wie eine Ratte; das kann aber nicht sein: Eine Ratte krepiert, ein Mensch jedoch scheidet dahin. Seltsam … Das hindert uns aber nicht, für ihn eine Messe zu lesen. „Nun nimm, o Herr, deinen Diener in Frieden an …“ Zwischenspiel FÜNFTE SZENE Katerinas Schlafzimmer. Katerina und Sergey liegen im Bett. Sergey schläft. KATERINA Sergey, Seryozha! Er schläft immer noch … SERGEY erwacht Ja? KATERINA Wach auf! SERGEY Was willst du? KATERINA Wach auf! SERGEY Was ist? KATERINA Küss mich! Sergey küsst sie. Nicht so, nicht so; küss mich so, dass die Lippen schmerzen, das Blut in den Kopf schiesst und die Ikonen vom Sims fallen. Sergey küsst sie. Oh! Seryozha! SERGEY Katya, unsere Liebe geht dem Ende zu. KATERINA Wie das? SERGEY Zinoviy Borisych kommt zurück, dein rechtmässiger Ehemann, wie wird mir wohl zumute sein? Ansehen, wie du dich schlafenlegst mit deinem rechtmässigen Mann? KATERINA Das wird nicht geschehen. SERGEY Katerina Lvovna, Katenka, ich bin nicht wie andere Männer, denen alles gleichgültig ist, solange sie einen weichen Frauenkörper zu vernaschen haben. Ich bin sehr empfindsam, musst du wissen, ich fühle, was Liebe bedeutet. Ach, warum habe ich mich in dich verliebt, glühe für dich voller Leidenschaft? Ist es wirklich eine Ehre für dich, die Frau eines berühmten Kaufmanns, meine Geliebte zu sein? Ach, Katya, ich möchte vor Gottes Augen dein Ehemann werden! So wie es jetzt ist, können wir uns nur nachts sehen, und bei Tageslicht haben wir Angst, unser Gesicht der Welt zu zeigen. KATERINA Sei nicht so traurig, Sergey, ich mache aus dir einen Kaufmann, und wir leben zusammen, wie es sich gehört. SERGEY Wie soll dir das gelingen? KATERINA Lass das nicht deine Sorge sein. Deine Sache ist es, mich ganz fest zu küssen, genau so. Sergey küsst sie und schläft wieder ein. KATERINA Er schläft schon wieder. Ach, Sergey, kannst du wirklich schlafen, wenn die geliebten Lippen so nahe sind? Ach, Sergey, ich fürchte niemanden, ich mache dich zu meinem Ehemann. Ich habe vor keinem Angst. Boris Timofeyich wollte uns stören, und es gibt ihn nicht mehr: tot, begraben, vergessen. Nur des Nachts erinnere ich mich an ihn. Oft erscheint mir sein schreckliches Gesicht. Der Geist von Boris erscheint. Da ist er in der Ecke. DER GEIST VON BORIS Katerina Lvovna, du Mörderin! Ich bin gekommen, weil ich sehen wollte, wie du und Sergey das Bett meines Sohnes warmhaltet. KATERINA Du erschreckst mich nicht, schau nur, wie schön ich mit Sergey schlafe. DER GEIST VON BORIS Meine Augen können es nicht sehen; schau, in meinen Augen ist nur Leere und Feuer. Katerina, Katerina, sei auf ewig verflucht! KATERINA Oh, Sergey, wach doch auf! Sergey erwacht. SERGEY Nun? Was willst du? KATERINA Sergey, Seryozha, schau, sieh doch, die schreckliche Gestalt des Boris Timofeyich. Sergey kann den Geist nicht sehen. SERGEY Unfug, dort ist niemand, beruhige dich doch, Katya. KATERINA Ich habe Angst, Seryozha, küss mich, küss mich, küss mich doch, Geliebter, mein Teurer, drück mich noch fester an dein Herz! Der Geist verschwindet. Katerina und Sergey schlafen ein. Dann wacht Katerina wieder auf und weckt Sergey. flüsternd Hör, Sergey, Sergey! SERGEY Was denn? KATERINA Hörst du? SERGEY Was ist denn? KATERINA Jemand geht leise, ganz leise. SERGEY Du bildest es dir wieder nur ein. KATERINA Nein, nein. Die Hunde haben nicht gebellt, es ist also jemand, den sie kennen. Hörst du nicht? Da geht doch jemand. SERGEY Ja, ich höre es. KATERINA Versteck dich irgendwo. Es ist Zinoviy Borisych, mein Mann. Sergey stösst einen Pfiff aus. SERGEY Das ist ja eine schöne Bescherung! KATERINA Versteck dich doch, versteck dich! Sergey versteckt sich. Er lauscht an der Tür, das Schwein! Na warte nur! ZINOVIY vor der Tür Katerina! KATERINA Wer ist da? ZINOVIY Mach auf! KATERINA Ich kann die Stimme nicht erkennen … Wer ist da? ZINOVIY Ich … KATERINA Wer? ZINOVIY Ich, hörst du denn nicht? KATERINA Ich kann die Stimme nicht erkennen. ZINOVIY Nun ich doch, Zinoviy Borisovich. Katerina öffnet die Tür. Zinoviy tritt ein. Und wie geht es Euch? KATERINA Ich bin nicht ins Theater gegangen und auch zu keinem Ball. ZINOVIY erblickt Sergeys Hosen So wart Ihr die ganze Zeit zu Hause? KATERINA Ja, zu Hause. ZINOVIY Soso! Gut, na schön, wie ist denn Vater gestorben? KATERINA Er ist eben gestorben und ehrenvoll begraben worden. ZINOVIY Und warum ist das Bett für zwei gemacht? KATERINA Ich habe Euch die ganze Zeit erwartet. ZINOVIY Und dafür danke ich. erblickt Sergeys Gürtel Und was ist das für ein Ding? KATERINA Wo? ZINOVIY Hier! Soweit ich sehen kann, ist das ein Männergürtel. KATERINA Ich habe ihn im Garten gefunden und mir den Rock damit zugebunden. ZINOVIY Wir haben einiges gehört über Eure Röcke, über Eure Röcke. KATERINA Was habt Ihr denn gehört? ZINOVIY Wir haben viel über Eure Affären gehört … KATERINA Was habt Ihr gehört? ZINOVIY Wir haben alles gehört. KATERINA Was habt Ihr gehört? ZINOVIY Wir haben alles gehört, alles gehört, alles gehört, alles, alles, alles! KATERINA Ich mag es nicht, wenn man mit mir so unverschämt redet. Erklärt mir doch, was für „Affären“ Ihr denn meint? Ihr wisst nämlich überhaupt nichts, nur ich weiss alles. Ich erlaube weder Euch noch anderen, über meine Affären zu reden. Ihr habt kein Recht, über mich zu richten. Hände weg, du erbärmlicher Widerling. Ich kann noch nicht einmal sagen, dass du ein Mann bist, du bist gefühllos wie ein Stück Holz, ein Schwächling und kalt wie ein Fisch. Du ekelst mich an, oh, du jämmerlicher Krämer! ZINOVIY Schau, Katerina, so schöne Worte kommen aus deinem Mund, als hättest du sie in Büchern gelesen; wie kommt das? Woher hast du solch unverschämte Manieren? Sie haben wohl recht, wenn sie sagen, du hättest mich betrogen. Warte nur, Katerina, ich werde alles erfahren, alles erfahren, warte nur, Katerina, ich werde alles erfahren und dich grausam bestrafen, grün und blau, grün und blau, grün und blau dich schlagen. Ich bin dein Ehemann vor Gott und dem Zaren. Ich bin verantwortlich für die Ehre der Familie. Sag mir die Wahrheit. KATERINA Aus welchem Grund? ZINOVIY Sage mir die Wahrheit! KATERINA Ich will aber nicht reden, du bist doch nur ein jämmerlicher Krämer und wirst nichts begreifen! Zinoviy schlägt Katerina mit einem Gürtel. ZINOVIY Nimm das, und das, und das! KATERINA Oh! Oh! Sergey, Sergey, ich werde geschlagen! Komm heraus und beschütze mich! ZINOVIY Was für ein Sergey? Wer ist das? Wo ist er? Was für ein Sergey? Sergey tritt auf. Katerina eilt zu ihm und küsst ihn. KATERINA Sergey, mein Geliebter! ZINOVIY Sie bringen mich um! Leute her! Er rennt zum Fenster. KATERINA Du gehst nicht weg! Katerina holt Zinoviy ein, stösst ihn auf den Boden und beginnt ihn zu würgen. Sergey eilt herbei und hält Zinoviy auf dem Boden fest. Zinoviy wehrt sich. ZINOVIY Ich … weiss … alles … KATERINA Halt ihn fest, Seryozha, fester! ZINOVIY Ihr Schweine, zu Hilfe! Oh, sie erwürgen mich! mit schwacher Stimme Den Popen … SERGEY Hier hast du deinen Popen! Sergey schlägt Zinoviy mit einem schweren Kerzenleuchter auf den Kopf. KATERINA Er röchelt … Zinoviy stirbt. SERGEY Nun, das war es … KATERINA Bring ihn in den Keller. Ich werde dir leuchten. Sergey lädt sich Zinoviys Leiche auf den Rücken und trägt ihn in den Keller. Katerina leuchtet ihm mit einer Kerze. Als sie im Keller sind, rollt Sergey ein paar Steine weg und legt den Toten in das Loch. SERGEY Leuchte mir, Katya. KATERINA So beeil dich doch, beeil dich. Sergey legt die Steine wieder an ihren Platz. SERGEY Ich bin gleich fertig. So … erledigt … KATERINA Küss, küss, küss mich. Sie küssen sich. SERGEY Katya … KATERINA Jetzt bist du mein Mann. Katerina und Sergey umarmen sich. DRITTER AKT SECHSTE SZENE Katerina steht in der Nähe des Kellers und starrt in diese Richtung. Sergey kommt. Beide sind festtäglich gekleidet. SERGEY Was stehst du hier so? Was schaust du so? KATERINA Aber Seryozha, da liegt doch Zinoviy Borisych, dort haben wir ihn doch begraben. SERGEY Nicht so laut! KATERINA Wenn ich daran denke, dann habe ich Angst, Seryozha! SERGEY Vor den Toten brauchst du dich nicht zu fürchten, vor den Lebenden sollte dir bang sein. KATERINA Das weiss ich. SERGEY Wenn du es also weisst, brauchst du dort nicht zu stehen, die Leute werden es noch merken. KATERINA Nun gut. Seryozha, heute ist unsere Hochzeit, es ist Zeit für die Kirche. Alles wird gut werden. SERGEY Es ist Zeit für die Kirche. KATERINA Gehen wir schnell, heute ist unser Tag, und morgen auch und immer. Katerina und Sergey gehen ab. Der heruntergekommene Bauer tritt auf, er ist betrunken. DER HERUNTERGEKOMMENE BAUER Ich hatte einen Kameraden, er trank ohne Verstand, hicks! Ich hatte einen lieben Freund, er betrank sich mit Wein und Wodka, hicks! Einen Patenonkel hatte ich auch, er hat sich zu Tode getrunken, hicks! Hicks! Hicks! Hicks! … Ohne Wein könnte meine Familie keinen einzigen Tag überleben, hicks! Nun, warum sollte ich schlechter sein als sie? Ich trinke Wodka für drei, hicks! hicks! Ich beginne schon am Morgen zu trinken, trinke des Nachts, am Tag und am Abend, im Winter, im Sommer und Frühling, ich trinke, bis ich einschlafe, hicks! Ich werde trinken bis in alle Ewigkeit, ich bin ein lustiger Kerl. Hicks! Hicks! Hicks! Hicks! Singen ist schön, wenn's etwas zu trinken gibt, und wenn es nichts zu trinken gibt, dann kann man auch nicht singen. Und warum gibt es nichts zu trinken? Weil ich pleite bin. Meine Sterne stehen schlecht, bei einem anderen stehen die Sterne gut. Dieser Sergey, er war auch bettelarm, und jetzt kann er im Wodka baden. Warum nimmt sie nicht mich, sondern Sergey zum Mann? Warum bin ich schlechter? Arme, Beine, Kopf, Bauch - alles an seinem Platz. Nur meine Sterne stehen schlecht. Ich will etwas zu trinken! Da ist der Keller, und die Herrin steht oft am Keller und schaut und schaut … Dort müsste guter Wein sein … Sie schaut und schaut und schaut … Ich werde auch nachsehen. Hicks, da muss wirklich guter Wein sein! Er bricht das Schloss auf und geht in den Keller hinein, dann rennt er schnell wieder heraus und hält sich die Nase zu. Oh, was für ein Gestank! Oh, oh, oh! Was für ein Gestank! Es stinkt, es stinkt, es stinkt! Was stinkt denn da so? Sind etwa die ganzen Lebensmittel verdorben? Er geht wieder in den Keller. Ich werde nachsehen O Gott, was für ein Gestank! Oh! Er entdeckt Zinoviys Leiche im Keller und rennt in Panik nach draussen. Eine Leiche! Die Leiche von Zinoviy Borisovich, die Leiche, die Leiche von Zinoviy Borisovich. Oh! Oh! Zur Polizei! Er läuft in Panik weg. Zwischenspiel SIEBTE SZENE Auf dem Polizeirevier. Der Polizeichef und die Gendarmen – 20 bis 24 Leute ? sitzen müssig und mürrisch herum. POLIZEICHEF Die Polizei, so heisst es, gab es schon in alter Zeit bei den Pharaonen. Wie sollte dann in unserem aufgeklärten Jahrhundert der Mensch ohne Polizei leben können? POLIZEICHEF und GENDARMEN Doch für all unsere Mühe ernten wir nur Undank. Unsere Bezahlung ist dürftig, ein Schmiergeld zu erhaschen, ist schwer. POLIZEICHEF Wie sollen wir es zu etwas bringen, wenn wir, ach, im trüben Wasser fischen? GENDARMEN Wie sollen wir es zu etwas bringen, wenn wir im trüben Wasser fischen? POLIZEICHEF Sonne und Mond geben abwechselnd Licht, doch die Sterne leuchten nur nachts. GENDARMEN Ach! POLIZEICHEF Doch ein Schutzmann ist ständig auf dem Posten, bei Regen oder Sturm, bei Dürre oder Nebel. POLIZEICHEF und GENDARMEN Doch für all unsere Mühe ernten wir nur Undank. Unsere Bezahlung ist dürftig, ein Schmiergeld zu erhaschen, ist schwer. POLIZEICHEF Wie sollen wir es zu etwas bringen, wenn wir, ach, im trüben Wasser fischen? GENDARMEN Wie sollen wir es zu etwas bringen, wenn wir im trüben Wasser fischen? POLIZEICHEF Darum wacht der Schutzmann auch des Nachts, rollt schrecklich mit den Augen, um den Rechtsbrechern Angst einzujagen, und hält die Ordnung im Lande aufrecht. Doch für all unsere Mühe ernten wir nur Undank. Unsere Bezahlung ist dürftig, ein Schmiergeld zu erhaschen, ist schwer. GENDARMEN Ach! für all, ach, unsere Mühe, ach, ach, ernten wir, ach, nur Undank, ach! Ach! Unsere Bezahlung, ach, ach, ist dürftig, ach, ein Schmiergeld, ach, zu erhaschen, ach, ach, so schwer! POLIZEICHEF Wie sollen wir es zu etwas bringen, wenn wir im trüben Wasser fischen? GENDARMEN Wie sollen wir es zu etwas bringen, wenn wir im trüben Wasser fischen? POLIZEICHEF Bei den Ismailovs geht es jetzt hoch her, die Schlampe heiratet doch, und mich hat sie nicht eingeladen. Das wird sie mir büssen, eine Hochzeit ohne Obrigkeit. Das wird sie mir büssen, eine Hochzeit ohne Obrigkeit. GENDARMEN Sehr richtig, das wird sie uns büssen! POLIZEICHEF Wenn wir nur einen Vorwand hätten, doch ein Vorwand findet sich immer. GENDARMEN Sehr richtig, findet sich immer. Ein Gendarm führt einen Lehrer herein, der verängstigt aussieht. Die Gendarmen und der Polizeichef springen auf und schauen gespannt. GENDARM Ich habe einen Sozialisten geschnappt. GENDARMEN Ah! Ih! Oh! Uh! Ih! Ho, ho, ho! POLIZEICHEF Ho, ho, ho! GENDARM Er sagt, Euer Ehren, er glaubt nicht an Gott. LEHRER Es … gibt … einen Gott. POLIZEICHEF zum Lehrer Schweig! GENDARMEN Ho, ho, he! GENDARM Er erzählt etwas von Fröschen … POLIZEICHEF Was für Frösche? LEHRER Ich habe mir überlegt, warum nur der Mensch eine Seele hat und Frösche keine haben sollen. So habe ich mir einen Frosch geholt und ihn untersucht. POLIZEICHEF Na und? LEHRER Er hat eine Seele, zwar nur eine kleine und nicht unsterblich … POLIZEI Führt ihn ab! LEHRER Verzeiht, es gibt einen Gott, es gibt einen Gott. GENDARMEN Ho, ho, ho! Die Gendarmen bringen den Lehrer fort und kommen dann wieder. POLIZEICHEF Na ja! Wieder Schweigen und ein Anflug von Langeweile. Die Polizei, so heisst es, gab es schon … Bei den Ismailovs geht es doch jetzt hoch her. GENDARMEN Ach! POLIZEICHEF Dort könnten wir etwas Gutes bekommen, wenn wir nur einen Vorwand hätten. Ach! Der heruntergekommene Bauer tritt auf. DER HERUNTERGEKOMMENE BAUER Euer Ehren! POLIZEICHEF Was willst du? DER HERUNTERGEKOMMENE BAUER Es ist etwas geschehen … POLIZEICHEF Was ist geschehen? DER HERUNTERGIEKOMMENE BAUER Bei den Ismailovs … POLIZEICHEF Bei den Ismailovs? Ho, ho! GENDARMEN Ho, ho, ho! DER HERUNTERGEKOMMENE BAUER Eine Leiche ist im Keller … GENDARMEN Ho, ho, ho! Die Gendarmen und der Polizeichef erheben sich und machen sich fröhlich auf den Weg. POLIZEICHEF Den schickt der Himmel! GENDARMEN Ho, ho, ho! POLIZEICHEF Schnell, schnell, schnell, schnell, dass uns nur kein Vorwurf trifft, wir seien nachlässig, pflichtvergessen, nutzlos und zögerlich! GENDARMEN Schnell, schnell, schnell, schnell, dass uns nur kein Vorwurf trifft, wir seien nachlässig, pflichtvergessen, nutzlos und zögerlich! POLIZEICHEF Schnell, schnell, schnell, schnell, dort fällt für uns etwas ab, wir werden schlemmen und schmausen, so eilen wir doch, lasst uns eilen! GENDARMEN Schnell, schnell, schnell, schnell, dort fällt für uns etwas ab, wir werden schlemmen und schmausen, so eilen wir doch, lasst uns eilen! Zwischenspiel ACHTE SZENE Im Garten stehen die Tische in Hufeisenform, die schon betrunkenen Gäste feiern Katerinas und Sergeys Hochzeit. Das Brautpaar steht in der Mitte. Das Fest geht dem Ende zu. Ganz in der Nähe ist der Keller, wo sich Zinoviys Leiche befindet. Katerina ist sehr unruhig und nervös, die Gäste prosten dem Brautpaar zu. GÄSTE Ein Hoch dem Brautpaar, Katerina Lvovna und Sergey Filippych, hoch! Ein Hoch dem Brautpaar, ein Leben in Liebe und Harmonie! Ein Hoch dem Brautpaar. Katerina Lvovna und Sergey Filippych, hoch! Wir wünschen euch Glück und Gesundheit und ein Leben in Frieden, hoch! POPE Ein Kuss! Einen Kuss! GÄSTE Einen Kuss! Einen Kuss! Katerina und Sergey küssen sich. GÄSTE Ha, ha, ha! … POPE Wunderbar! Noch einen Kuss! GÄSTE Noch einen Kuss! Noch einen Kuss! Sie küssen sich noch einmal. KATERINA Liebe Gäste, so esst doch, ich bitte euch! GÄSTE Danke, danke. POPE Wer ist schöner als die Sonne am Himmel, wer ist schöner als die Sonne am Himmel? Na? GÄSTE Ist jemand schöner als die Sonne am Himmel, ist jemand schöner als die Sonne am Himmel? Ja! POPE Jawohl! Es ist jemand schöner als die Sonne am Himmel! Jawohl! Jawohl! Jawohl, es ist jemand schöner als die Sonne am Himmel! Wer? GÄSTE Wir wissen nicht, wer schöner ist als die Sonne am Himmel. Wir kennen niemanden, der schöner als die Sonne ist! POPE Katerina Lvovna ist schöner als die Sonne am Himmel, mm … ja … sie ist wirklich himmlisch! Mm … ihre Hand … Einen Kuss! GÄSTE Einen Kuss, einen Kuss! POPE He, he, he! … Was sind sie so zurückhaltend geworden? GÄSTE He, he, he! Die Gäste sind betrunken und fast eingeschlafen. Ein Hoch auf Katerina Lvovna, die schöner ist als die Sonne am Himmel, ein Hoch! POPE Einen Kuss! Katerina bemerkt, dass das Schloss an der Kellertür aufgebrochen ist. KATERINA Oh! POPE Einen Kuss! SERGEY Was ist los? GÄSTE He, he, he! KATERINA Das Schloss ist aufgebrochen. SERGEY Na und? KATERINA Dort ist Zinoviy Borisych, schau doch, es ist entsetzlich. Oh! Wenn sie weg sind, fliehen wir und bringen uns in Sicherheit. SERGEY Es kann nicht sein. Tatsächlich, es ist aufgebrochen. Leise doch, leise. POPE Wer ist schöner als die Sonne am Himmel, wer ist schöner … Wo ist denn das Brautpaar, haben sie sich davongemacht? Ein bisschen früh, es ist noch nicht Nacht, he, he, he! GÄSTE Ein Hoch! KATERINA zu den Gästen So esst doch, ich bitte euch! GÄSTE Katerina Lvovna ist schöner als die Sonne am Himmel! Sie schlafen ein. POPE Wer ist schöner als die Sonne am Himmel, heh? EIN BETRUNKENER GAST Einen Kuss! Die Gäste schlafen. Katerina und Sergey sind sehr aufgeregt. KATERINA Sergey, wir müssen fliehen, jemand hat das Schloss aufgebrochen und bestimmt die Leiche gesehen. SERGEY Und was ist mit dem Haushalt? Und mit dem Geschäft? KATERINA Wir müssen alles aufgeben, wir nehmen das ganze Geld mit, es reicht für uns zum Leben, wir haben vielleicht noch Zeit. Geh und hol schnell das Geld, wir dürfen keine Minute verlieren! Sergey läuft ins Haus. Na, wo ist er denn? Wo ist er denn? SERGEY Ich komme, ich komme! Sergey kommt zurück. Katerina hört Schritte und sieht die Gendarmen näherkommen, ihnen voran der Polizeichef. Katerina ist verwirrt und versucht zu fliehen. KATERINA Was ist das? Es ist zu spät! … Ach, Sergey, wir sind verloren … SERGEY Warum denn verloren, lass uns fliehen! KATERINA Wohin denn? Es wird ans Tor geklopft. SERGEY Wer ist da? GENDARMEN Polizei! Das Tor geht auf. Die Gendarmen kommen herein. POLIZEICHEF Seid gegrüsst! KATERINA nach aussen ruhig Seid gegrüsst! POLIZEICHEF Ihr habt uns nicht eingeladen, wir waren wohl nicht gut genug? Aber wir sind trotzdem gekommen! Einen kleinen Zwischenfall hat es gegeben! Oh, so eine Menge Gäste! Es ist wohl viel Wein getrunken worden! Ja? Ein gewisser Zwischenfall, mit einem Wort, ein kleiner Zwischenfall! Katerina umarmt Sergey. KATERINA Redet nicht um den heissen Brei, so nehmt mich schon fest, ach, Sergey, verzeih, verzeih mir, Seryozha! Seryozha! Sie streckt den Gendarmen die Arme entgegen. Sie legen ihr Ketten an. POLIZEICHEF Nun los, die Ketten an! Flink! Sergey versucht zu fliehen. SERGEY Lass mich los, du Schwein! GENDARMEN Halt ihn, halt ihn, halt ihn, halt ihn! Sie packen ihn sofort. Er wehrt sich, und sie schlagen ihn. Katerina in Ketten will Sergey verteidigen. Sie werden beide in Ketten gelegt. SERGEY Lass mich los! Lass mich los! Lass mich los! POLIZEICHEF O nein! Du entkommst mir nicht! Du entkommst mir nicht! Das! Und das! Und das! Und das! GENDARMEN Oh nein! Ha, ha, ha! … Das braucht er! Das braucht er! Das braucht er! Das braucht er! Das braucht er! Das braucht er! KATERINA Du wagst es nicht! Du wagst es nicht! POLIZEICHEF Haltet ihn schön fest! Ab ins Gefängnis mit ihm! Er wird abgeführt. KATERINA Ach, Sergey, verzeih mir, verzeih. VIERTER AKT NEUNTE SZENE Es ist Abend. Die Strafgefangenen schlagen ihr Lager für die Nacht auf Die Frauen sind von den Männern getrennt. Unter den Frauen befinden sich Katerina und eine junge Gefangene namens Sonyetka. Unter den Männern ist Sergey. Alle Gefangenen tragen Fussfesseln. Wachen stehen überall. EIN ALTER GEFANGENER Ein Werst reiht sich an den anderen in endloser Kette, vorbei ist des Tages drückende Glut, die Sonne senkt sich jetzt über der Steppe. Ach, was für ein Weg, von den Ketten aufgerieben, der Weg nach Sibirien, von Knochen übersät, ein Weg von Schweiss und Blut durchtränkt, widerhallend vom Stöhnen der Sterbenden! Ach! DIE GEFANGENEN Ach, was für ein Weg, von den Ketten aufgerieben, der Weg nach Sibirien, von Knochen übersät, ein Weg von Schweiss und Blut durchtränkt, widerhallend vom Stöhnen der Sterbenden! DER ALTE GEFANGENE Die Nacht verbringen wir hier, doch mit den ersten Sonnenstrahlen zählen wir wieder einen Werst nach dem anderen zum Gerassel unserer Ketten. O Steppe, du dehnst dich so unermesslich weit, die Tage und Nächte ziehen sich endlos hin, unsere Gedanken sind so freudlos und die Wachen ohne Herz! DIE GEFANGENEN O Steppe, du dehnst dich so unermesslich weit, die Tage und Nachte ziehen sich endlos hin, unsere Gedanken sind so freudlos und die Wachen ohne Herz! Katerina geht zu dem Wachposten hin, der die Männer von den Frauen trennt. KATERINA Stepanych! Lass mich durch, hier sind zwanzig Kopeken, kauf dir Wodka, Stepanych! WACHPOSTEN O diese Frauen! O diese Frauen! Was für ein geiles Volk! Nun gut, geh durch! KATERINA Danke! Sie geht auf Sergey zu. Seryozha! Mein Geliebter! Sie schmiegt sich an Sergey. Dieser bewahrt ein eisernes Schweigen. Na endlich! Ich habe dich doch den ganzen Tag nicht gesehen. Seryozha! Sogar meine Füsse schmerzen nicht mehr, die Müdigkeit ist vorüber, der Kummer … Alles ist jetzt vergessen, wo ich wieder bei dir bin, Seryozha, Seryozha! SERGEY Und deine Tat hast du vergessen? KATERINA Welche Tat, Seryozha? SERGEY Wer hat mich zur Zwangsarbeit gebracht? Hast du das vergessen? KATERINA Seryozha! SERGEY Geh fort! KATERINA Seryozha! Ach, verzeih mir, Seryozha! SERGEY Geh doch, du hast mein Leben ruiniert! Geh! KATERINA Ach, verzeih mir, verzeih mir, Seryozha! Mein Gott, was für eine Qual, Seryozha! SERGEY Du bist mir eine schöne Kaufmannsfrau! Ganz einfach ein Schwein. Katerina geht auf ihre Seite zurück. KATERINA Es ist nicht leicht, nach einem Leben in Ruhm und Ehre plötzlich vor einem Richter zu stehen. Es ist nicht leicht, nach einer Zeit der Freude und Liebkosungen den Rücken unter der Knute des Häschers zu fühlen, es ist nicht leicht, die weichen Daunenbette mit einem Lager auf der kalten Erde zu vertauschen. Es ist nicht leicht, nach einem Leben in Ruhe und Frieden Tausende von Werst zu Fuss zurückzulegen, es ist nicht leicht, es ist nicht leicht! Aber ich habe nicht die Kraft, Sergeys Verrat zu ertragen, in jedem seiner Blicke seinen Hass zu sehen, in jedem seiner Worte seine Verachtung zu spüren. Nein, ich kann das nicht ertragen. Sergey geht auf Sonyetka zu und weckt sie auf. SERGEY Zum Gruss! SONYETKA Wie bringst du es fertig, dich so frei zu bewegen? SERGEY Ich habe dem Wachposten 25 Kopeken gegeben. SONYETKA Und woher hast du soviel Geld? SERGEY Von der Kaufmannsfrau. SONYETKA Von der Kaufmannsfrau? Dann ist sie eine Närrin, deine Kaufmannsfrau! SERGEY Ja natürlich eine Närrin, eine Närrin. SONYETKA Eine Närrin! SERGEY Eine Närrin! SONYETKA und SERGEY Ha, ha, ha! … SERGEY Meine Sonyetochka, ich möchte dich bitten, mir meinen Herzenswunsch zu erfüllen! SONYETKA Was für einen Wunsch? SERGEY Du weisst schon welchen! SONYETKA Was für ein dreister Kerl du bist, geh doch zu deiner Kaufmannsfrau! SERGEY Sie ist mir zuwider, sie ist mir zuwider, sie ist mir ja so zuwider! SONYETKA Warum prahlst du dann mit ihr? SERGEY Es bringt mir Vorteile! SONYETKA Glaubst du denn, ich gebe dir umsonst, was du willst? Da irrst du dich! Sie steht auf, als wolle sie gehen. SERGEY Halt, Sonyetka! SONYETKA Na, was heisst hier halt! Sergey umarmt Sonyetka. Diese wehrt ab. SERGEY Ich liebe dich, ich liebe dich! Ich liebe, liebe dich, ich liebe dich! SONYETKA Zeig mir, dass du mich liebst! SERGEY Was verlangst du von mir? Sonyetka zeigt Sergey ihre zerrissenen Strümpfe. Sergey fasst ihre Beine, aber Sonyetka beendet seine Avancen mit einer Ohrfeige. SONYETKA Siehst du? Die Strümpfe sind zerrissen, mir ist kalt, besorg mir Strümpfe! SERGEY Und woher? SONYETKA Von deiner Kaufmannsfrau. SERGEY Das ist wahr! Gut, ich besorge dir welche! Er macht sich auf den Weg zu Katerina. Katya! KATERINA Seryozha, du bist also gekommen? SERGEY Katya, sei mir nicht böse, verzeih mir. KATERINA Seryozha, Seryozha, du bist alles, was ich habe, meine Freude, oh du … du hast mich schrecklich verletzt, Seryozha! SERGEY Katya, verzeih, mir ist so schwer ums Herz … Es ist das letzte Mal, dass wir uns sehen. KATERINA Warum? Seryozha? SERGEY Ich muss in die Stadt, muss ins Hospital, die Fesseln haben die Beine aufgerieben, der Schmerz ist unerträglich. KATERINA Wie denn das? Was soll ich ohne dich tun? Sie werden mich noch mehr quälen! SERGEY Sie werden! Ich kann nicht mehr laufen, es schmerzt so sehr! KATERINA Seryozha, ich kann ohne dich keine einzige Minute sein, was soll ich tun? Ich kann nicht, ich kann nicht, Seryozha. Verlass, mich nicht! SERGEY Wenn ich nur irgendwoher Wollstrümpfe bekommen könnte? Das würde mir sicher helfen! KATERINA Strümpfe? Warum hast du das nicht gleich gesagt, Seryozha? Hier sind Strümpfe, nimm sie! Sie zieht ihre Strümpfe aus. SERGEY Ach, Katya, danke, meine Liebe! KATERINA gibt Sergey ihre Strümpfe Hier, nimm sie. SERGEY Na, ich komme gleich wieder. Er nimmt die Strümpfe und läuft zu Sonyetka. KATERINA Wohin gehst du? SERGEY Ich komme gleich wieder. KATERINA Seryozha, Seryozha! Weshalb ist er gegangen? SERGEY zu Sonyetka Hier sind Strümpfe! Gehen wir, jetzt gehörst du mir! Er nimmt Sonyetka in die Arme und führt sie von der Bühne. SONYETKA hingerissen Da schau her, ein Tausendsassa! Katerina merkt, was vor sich geht, und läuft Sergey hinterher, wird jedoch von den weiblichen Gefangenen aufgehalten, die sich über sie lustig machen. KATERINA Sergey, Sergey, was hat das zu bedeuten? Die Strümpfe sind fur Sonyetka? Sergey! Sergey! DIE FRAUEN Ha, ha, ha! … EINE FRAU Die Kaufmannsfrau ist noch immer voller Feuer. Ihr Liebhaber zeigt ihr die kalte Schulter, er will nichts mehr von ihr wissen! DIE FRAUEN Ihr Liebhaber zeigt ihr die kalte Schulter und will nichts mehr von ihr wissen! Ha, ha, ha! … EINE FRAU Ihr ist nichts mehr geblieben: Sie verlor ihre Freuden der Freiheit und in der Gefangenschaft den Bräutigam! DIE FRAUEN Ha, ha, ha! … Sie verlor ihre Freuden der Freiheit und in der Gefangenschaft den Bräutigam! EINE FRAU Katerina Lvovna, was hast du angerichtet! DIE FRAUEN Ha, ha, ha! … EINE FRAU Ohne Sergey wird es für Katerina sehr langweilig sein! DIE FRAUEN Die Kaufmannsfrau ist ohne Sergey verloren, ist ohne Sergey verloren. EINE FRAU Gib uns, gib uns, gib uns die Strümpfe! DIE FRAUEN Ha, ha, ha! … Gib uns die Strümpfe! KATERINA Ach! Lasst mich doch! Sie versucht sich durch die Frauen einen Weg zu bahnen. EIN FRAU Keine Nacht kann sie alleine schlafen … Es ist langweilig so ganz allein, langweilig ohne Sergey! DIE FRAUEN Ha, ha, ha! … KATERINA Ach! Ach! ALLE FRAUEN ZUSAMMEN Ohne Sergey ist es für Katerina sehr langweilig, ohne Sergey ist es für Katerina sehr langweilig, ohne Sergey ist es für Katerina sehr langweilig, ohne Sergey. Auf den Lärm kommen die Wachen herbei. Sie stellen wieder Ordnung her. WACHEN Ruhig! Ruhig! Was schreit ihr so? EINE FRAU zeigt auf den Wachposten, an dem Sonyetka und Sergey vorbei sind Dort … dort … Sergey, Sonyetka. WACHPOSTEN Schweigt! Ich werde euch! schaut sie an und schüttelt den Kopf Nanu! Katerina befreit sich aus der Umzingelung der Frauen und rennt auf die Bühne. DIE FRAUE Ha, ha, ha! WACHPOSTEN Na ich nie! DIE FRAUEN Ha, ha, ha! Katerina steht bewegungslos, man sieht ihr ihre Verzweiflung an. Dann rennt sie in Panik nach vorn auf die Bühne und bleibt regungslos stehen. KATERINA Ganz tief im Wald ist ein See, fast ganz rund und sehr tief, und das Wasser darin ist schwarz. wie mein Gewissen, schwarz. Und wenn der Wind weht im Wald, erheben sich die Wellen auf dem See, riesige Wellen zum Fürchten, im Herbst sind auf dem See immer Wellen, schwarzes Wasser und riesige Wellen. Riesige schwarze Wellen. Sonyetka und Sergey kommen aus den Kulissen. SERGEY Weisst du, Sonyetka, wem wir ähnlich sind? Adam und Eva. SONYETKA Nach dem Paradies sieht es hier aber nicht aus! SERGEY Unsinn, wir waren gerade zusammen im Paradies … Sonyetka geht zu Katerina hin, die regungslos dasitzt und auf eine Stelle starrt. SONYETKA Danke, Katerina Lvovna, danke, Katerina Lvovna, danke für die Strümpfe! Schau, wie schön sie an meinen Beinen sind. Seryozha hat sie mir angezogen und wärmte mir die Füsse mit seinen Küssen. Ach, Seryozha, mein Seryozha, Katerina ist eine Närrin, sie konnte Sergey nicht halten. Ha, eine Närrin! Ha, eine Närrin! Und ihre Strümpfe sieht sie nie wieder, sie sind jetzt mein, siehst du? Mir ist jetzt warm! Ein Sergeant weckt die Gefangenen. Trommeln sind zu hören. SERGEANT Aufgestanden! Auf eure Plätze! Geschwind! Die Gefangenen erheben sich. DIE GEFANGENEN Ach, wir müssen aufstehen, weiter, weiter müssen wir gehen! Die Gefangenen stellen sich in Reihen auf. Katerina bleibt regungslos sitzen. Ein alter Gefangener geht zu ihr hin. DER GEFANGENE Du, altes Mädchen, hörst du? Wir gehen weiter! Sie werden sonst über uns herfallen, hörst du? Katerina geht langsam auf Sonyetka zu, die auf der Brücke steht, wo das Geländer schadhaft ist. Sie stösst Sonyetka in den Fluss und stürzt sich hinterher. SONYETKA Ach! DIE GEFANGENEN Grosser Gott! Was ist geschehen? SERGEANT Rührt euch nicht von der Stelle! Na! Ich werde euch! SONYETKA aus der Ferne Ach! Ach! SERGEANT Beide sind untergegangen, wir können sie nicht retten, die Strömung ist zu stark! Ruhe! Auf eure Plätze! Die Gefangenen stellen sich auf und marschieren los. DER ALTE GEFANGENE Und wieder ziehen wir weiter zum Gerassel unserer Ketten, zählen verzagt Werst auf Werst mit den Füssen durch den Staub! DIE GEFANGENEN O Steppe, du dehnst dich so unermesslich weit, die Tage und Nächte ziehen sich endlos hin, unsere Gedanken sind so freudlos und die Wachen ohne Herz! Ach … Die Gefangenen gehen ab. Ihr Gesang ist in der Ferne zu hören. Die Bühne ist jetzt leer. |