Libretto: Turandot
Personen:
TURANDOT, eine chinesische Prinzessin (Sopran)
ALTOUM, Kaiser von China (Tenor)
TIMUR, entthronter König der Tataren (Bass)
KALAF, der unbekannte Prinz, sein Sohn (Tenor)
LIU, seine junge Sklavin (Sopran)
PING, Kanzler (Bariton)
PANG, Marschall (Tenor)
PONG, Küchenmeister (Tenor)
Ein MANDARIN (Bariton)
Der PRINZ VON PERSIEN (stumme Rolle)
Der SCHARFRICHTER (stumme Rolle)

CHOR
Kaiserliche Wachen; Gehilfen des Henkers; Knaben; Priester; Mandarine;
Würdenträger; Die acht Weisen; Turandots Kammerfrauen; Diener; Soldaten; Bannerträger;
Musikanten; Schatten der Verstorbenen; Geheimnnisvolle Stimmen; Die Menge
ERSTER AUFZUG

Die Mauern der Kaiserstadt. Massive Bollwerke umschliessen fast die ganze Bühne im Halbkreis. Am Ende eines Säulenganges befindet sich ein von zwei Bögen gehaltener Gong aus tönender Bronze. Auf den Bollwerken sind Pfähle errichtet, die die Häupter der Hingerichteten tragen. Es ist die Stunde des Sonnenunterganges. Der Platz ist gefüllt mit einer malerischen chinesischen Menge, die den Worten eines Mandarins lauscht.

EIN MANDARIN
Volk von Peking!
Dies ist das Gesetz: Turandot die Reine
wird die Braut dessen, von königlichem Blute,
der die drei Rätsel löst, die sie aufgibt.
Doch wer die Probe unternimmt und sie nicht besteht,
dem Beile biete er sein stolzes Haupt.

DIE MENGE
Ah! Ah!

DER MANDARIN
Der Prinz von Persien,
nicht geneigt war ihm das Glück!
Beim Mondesaufgang
stirbt er
von der Hand des Henkers!

DIE MENGE
Er sterbe! Ja, er sterbe!
Wir wollen den Scharfrichter!
Schnell, schnell! Er sterbe! Er sterbe!
Die Strafe! Er sterbe! Er sterbe!
Schnell! Schnell!
Wenn du nicht kommst, wecken wir dich,
Pu-Tin-Pao, Pu-Tin-Pao!
Zum kaiserlichen Palaste!
Zum kaiserlichen Palaste!

DIE KAISERLICHEN WACHEN
Zurück ihr Hunde! Zurück ihr Hunde!

DIE MENGE
O, ihr Grausamen!
Beim Himmel, lasst ab! ...
... O, Mutter!

DIE WACHEN
Zurück, ihr Hunde!

DIE MENGE
Weh, meine Kinder!…
... Ihr Grausamen! Meine Mutter!…
Ihr Grausamen! Beim Himmel, lasst ab! ...
... Lasst ab! Lasst ab!…
... O! Meine Mutter!

DIE WACHEN
Zurück, ihr Hunde!

LIU
Mein greiser Herr ist gestürzt!

DIE MENGE
... Ihr Grausamen! Seid menschlich!…
... Beim Himmel, lasst ab! Ihr Grausamen…
Tut uns nichts zu Leide!

DIE WACHEN
Zurück, ihr Hunde!

LIU
Wer hilft mir,
wer hilft mir, ihn aufzurichten?
Mein greiser Herr ist gestürzt . . .
Barmherzigkeit! Barmherzigkeit!

KALAF
Vater! Mein Vater!

DIE WACHEN
Zurück!

KALAF
O Vater, ja, ich finde dich wieder!

DIE MENGE
Ihr Grausamen!

KALAF
Blick auf mich! Es ist kein Traum!

DIE MENGE
Warum schlagt ihr uns? O weh!

LIU
Mein Herr!

DIE MENGE
Barmherzigkeit!

KALAF
Vater! Höre auf mich! Vater! Ich bin es!
Gesegnet sei . . . gesegnet sei
das Leid für diese Freude, die
ein barmherziger Gott uns gewährt!

TIMUR
O, mein Sohn! Du! Du lebst!

KALAF
Schweige! Der deine Krone geraubt,
der sucht mich und verfolgt dich.
Keine Zuflucht gibt es für uns, Vater, auf der Welt!

TIMUR
Ich suchte dich, mein Sohn,
und ich glaubte dich tot!

KALAF
Ich beweinte dich, Vater…
und ich küsse diese heiligen Hände.

TIMUR
O wiedergefundener Sohn!

DIE MENGE
Seht die Knechte des Henkers.
Er sterbe! Er sterbe! Er sterbe! Er sterbe!

TIMUR
Die Schlacht verloren, der alte König,
ohne Reich und ein Flüchtling,
eine Stimme hörte ich, die zu mir sprach:
"Komm mit mir, ich will dich führen.
Es war Liu.

KALAF
Sie sei gesegnet!

TIMUR
Und wenn ich erschöpft zusammenbrach,
trocknete sie mir die Tränen,
sie bettelte für mich.

KALAF
Liu … wer bist du?

LIU
Niemand bin ich… eine Sklavin,
mein Herr…

FRAUEN
Dreh den Schleifstein!

MÄNNER
Dreh den Schleifstein!

KALAF
Und warum wolltest du soviel Elend teilen?

MÄNNER
Dreh den Schleifstein!

LIU
Weil eines Tages ...

FRAUEN
Dreh den Schleifstein!

LIU
… im Palaste, du mir zugelächelt hast.

MÄNNER
Dreh den Schleifstein, dreh, dreh!
Dreh, dreh, dreh!

HENKERSKNECHTE
Schmiert, schleift, dass die Klinge
zucke, spritze Feuer und Blut.
An Arbeit fehlt es niemals,
fehlt es niemals ...

DIE MENGE
... fehlt es niemals.

HENKERSKNECHTE
... wo Turandot herrscht.

DIE MENGE
... wo Turandot herrscht.

HENKERSKNECHTE
Schmiert! Schleift!

HENKERSKNECHTE, MÄNNER
Feuer und Blut!

FRAUEN
Ihr holden Freier, vorwärts, vorwärts!

MÄNNER
O, ihr holden Freier, vorwärts, vorwärts!

FRAUEN
Ihr holden Freier …
... vorwärts, vorwärts!

HENKERSKNECHTE
Mit Haken und Messern …

MÄNNER
Wir sind bereit, euch die Haut zu durchstechen!

DIE MENGE
Ihr holden Freier, vorwärts, vorwärts!

HENKERSKNECHTE
... wir sind bereit euch zu durchstechen!

DIE MENGE
Wer den Gong ertönen lässt,
der sieht sie erscheinen …

HENKERSKNECHTE, MÄNNER
… der sieht sie erscheinen.
Weiss gleich der Jade …

HENKERSKNECHTE, MENGE
… kalt wie dieses Schwert ...

HENKERSKNECHTE, MÄNNER
… ist die schöne Turandot!

FRAUEN
Holde Freier ...

HENKERSKNECHTE, FRAUEN
... vorwärts, vorwärts!

DIE MENGE
Wenn der Gong ertönt,
frohlockt der Henker ...
… vergeblich ist die Liebe, wenn Glück nicht dabei ist.

HENKERSKNECHTE
Wenn der Gong ertönt,
frohlockt der Henker…
Schmiert, schleift!

DIE MENGE
Die Rätsel sind drei, der Tod ist einer!
Der Tod ist einer! Schmiert, schleift!
Dreht, dreht! Schmiert, schleift!

DIE MENGE
Die Rätsel, usw.

HENKERSKNECHTE
Wenn der Gong ertönt, usw ...
Ihr holden Freier, usw.

DIE MENGE
Die Rätsel, usw.
Dass die Klinge zucke, spritze Blut.

DIE MENGE
Wer den Gong ertönen lässt ...
fahren fort auf diese Weise, bis zu…

HENKERSKNECHTE
Tod! Tod! Tod! Tod!

DIE MENGE
Ah, ah! Ah, ah! Ah, ah! Ah, ah!

HENKERSKNECHTE, MENGE
… wo Turandot herrscht, usw. Ah!

DIE MENGE
Warum zögert der Mond?
Bleiches Antlitz!
Zeig dich am Himmel!
Schnell, komm herbei!
Erscheine!
O abgeschlagenes Haupt!
O Scheusal!
Komm!
Erscheine!
Zeig dich am Himmel!
O abgeschlagenes Haupt!
Blutleer!
O blutleeres Scheusal!
O Schweigsamer!
O abgezehrter Freund der Toten!
O Schweigsamer ...
zeig dich am Himmel!
Schon erwarten ...
O Schweigsamer!
dein Begräbnis ...
... die Lichter des Friedhofes!
O blutleeres Scheusal!
O abgeschlagenes Haupt!
Seht da unten den Schimmer!
Komm, geschwind, erscheine!
O abgeschlagenes Haupt ...
erscheine!
Komm!
O abgeschlagenes Haupt, komm!
Zeig dich, oh bleiches Antlitz!
O bleiches Antlitz!
O blutleerer Bleicher!
Komm, o abgezehrter Freund der Toten!
O abgezehrter ...
... Freund der Toten!
Komm, komm, erscheine!
Seht da unten den Schimmer ...
über den Himmel breitet sich…
... sein blasses Licht!

ALLE
Pu-Tin-Pao! Der Mond ist aufgegangen!
Pu-Tin-Pao, usw.

KNABEN
Dort auf den Bergen im Osten
singt der Storch.
Doch der April blüht nicht wieder,
doch der Schnee taut nicht.
Von der Wüste bis zum Meer hörest du nicht
wie tausend Stimmen seufzen:
"Prinzessin, sei mir gnädig!
Alles wird dann erblühen, alles erglänzen!"
Ah!

Die Prozession tritt auf, die den jungen Prinzen von Persien zum Schafott fährt. Beim Anblick des bleichen Opfers wandelt sich der Grimm der Menge in Mitleid.

DIE MENGE
O Jüngling! Gnade, Gnade!
Wie fest sein Schritt!
Gnade!
Wie süss, wie süss ist sein Antlitz! …
... Seine Augen sind trunken! Erbarmen!
Wie fest sein Schritt!
In seinen Augen ist Freude!
Erbarmen, Erbarmen!

KALAF
Ah! Gnade!

FRAUEN
Habt Erbarmen mit ihm!
Erbarmen!…

TENÖRE
Prinzessin!

FRAUEN
… Erbarmen mit ihm!

FRAUEN, TENÖRE
Erbarmen!

MÄNNER
Prinzessin! Gnade! Gnade!
Erbarmen mit ihm! Erbarmen!

DIE MENGE
Erbarmen!

KALAF
Ich will dich sehen
und will dich verfluchen!
Grausame, verfluchen will ich dich!

DIE MENGE
Prinzessin!

MÄNNER
Erbarmen mit ihm!

DIE MENGE
Prinzessin!

MÄNNER
Prinzessin, Erbarmen!

DIE MENGE
Prinzessin!

MÄNNER
Erbarmen mit ihm! Erbarmen mit ihm!

DIE MENGE
Erbarmen, Erbarmen! usw.
Gnade, Prinzessin! usw.
Prinzessin! Gnade! Gnade!

Turandot erscheint im kaiserlichen Bogengang; die Menge stürzt zu Boden.

KALAF
O göttliche Schönheit! O Wunder!
O Traum! usw.

Turandot macht eine gebieterische Gebärde; es ist das Todesurteil. Der Zug setzt sich in Bewegung. Turandot zieht sich zurück.

DIE WEISSGEKLEIDETEN PRIESTER DES ZUGES
O grosser Kuong-Tse!
Möge die Seele des Sterbenden
zu dir gelangen!

TIMUR
Sohn, was tust du?

KALAF
Fühlst du es nicht? Wie ihr
Duft die Luft durchdringt! Und die Seele!

TIMUR
Du bist verloren!

KALAF
O göttliche Schönheit, Wunder!
Ich leide, Vater, leide!

TIMUR
Nein, nein! Drück dich an mich.
Liu, sprich du zu ihm!
Hier ist keine Rettung!
Nimm seine Hand in die deine!

LIU
Herr, wir wollen fort von hier!

TIMUR
Das Leben ist dort!

KALAF
Hier ist das Leben, Vater!

TIMUR
Das Leben ist dort!

KALAF
Ich leide, Vater, leide!

TIMUR
Hier ist keine Rettung!

KALAF
Das Leben, Vater, ist hier!
Turandot! Turandot! Turandot!

DIE STIMME DES PRINZEN VON PERSIEN
Turandot!

DIE MENGE
Ah!

TIMUR
seinen Sohn zurückhaltend
Willst du so sterben?

KALAF
Siegen Vater, um ihrer Schönheit willen!

TIMUR
Willst du so enden?

KALAF
Siegen, glorreich
um ihrer Schönheit willen!

Er stürzt auf den Gong zu. Ping, Pong und Pang, die kaiserlichen Minister, erscheinen und versperren ihm den Weg.

PING, PONG, PANG
Halt an! Was tust du? Bleibe!
Wer bist du, was tust du,
was willst du? Geh fort!
Geh, es ist die Türe
des grossen Schlachthauses!
Narr, geh fort!

PING
Hier wird erwürgt! ...

PONG, PANG
… gebohrt! ...

PING
... der Hals abgeschnitten! ...

PONG, PANG
… geschunden! ...

PING
… gefoltert und geköpft!

PONG, PANG
Geh fort!

PING
… gesägt und der Bauch aufgeschlitzt!

PONG, PANG
Geh fort!

PING
Schleunigst, eiligst ...

PONG, PANG
Geh fort!

PING, PONG, PANG
... in dein Land kehre zurück ...

PING
… und suche dir einen Pfosten ...

PONG,PANG
Was willst du, wer bist du?

PING
... um dir die Hörner abzustossen!

PONG, PANG
Geh fort, geh fort!

PING, PONG, PANG
Doch nicht hier!
Narr, geh fort, geh fort!

KALAF
Lasst mich vorbei!

PONG
Hier sind alle Friedhöfe
bereits besetzt!

PANG
Hier sind genug einheimische Narren!

PING
Wir brauchen keine ausländischen Narren!

PONG, PANG
O entfliehe! Dein Begräbnis
naht schon herbei!

KALAF
Lasst mich vorbei!

PONG,PANG
Für eine Prinzessin!

PONG
Pah!

PANG
Pah!

PONG
Was ist das schon?

PANG
Ein Weib mit einer Krone am Haupte ...

PONG
... und einem verbrämten Mantel?

PING
Doch ziehst du sie aus, …

PONG
… ist's Fleisch!

PANG
Ist's rohes Fleisch!

PING
Ist's Zeug ...

PING, PONG, PANG
… das man nicht essen kann!

KALAF
Lasst mich vorbei, …

PING, PONG, PANG
Ah, ah, ah! Ah, ah, ah!

KALAF
lasst mich!

PING
Lass die Weiber!
Oder nimm hundert Frauen,
denn im Grunde hat die erhabenste
Turandot der Welt
nur ein Gesicht, zwei Arme
und zwei Beine, gewiss schöne kaiserliche,
ja, ja, schöne, ja, doch stets dieselben!
Mit hundert Gattinnen, o Dummkopf',
hättest du Beine im Überfluss,
zweihundert Arme
und hundert süsse Busen ...

PONG, PANG
Hundert Busen ...

PING
... verteilt auf hundert Betten, …

PING, PONG, PANG
auf hundert Betten!
Ah, ah, ah! Ah, ah, ah!

KALAF
Lasst mich vorbei!

PING, PONG, PANG
Narr, geh, fort, geh fort! usw.

Eine Gruppe junger Mädchen zeigt sich an der Brüstung der kaiserlichen Galerie.

DIE MÄGDE DER TURANDOT
Stille, holla!
Wer spricht da unten?

EINE MAGD
Stille!

EINE ANDERE MAGD
Stille!

BEIDE ZUSAMMEN
Es ist die Stunde
... des süssen Schlummers.

DIE ÜBRIGEN MÄGDE
Stille, stille, stille!

EINE MAGD
Der Schlummer ...
... küsst die Augen

DIE ÜBRIGEN MÄGDE
Der Schlummer küsst ...

EINE ANDERE MAGD
... küsst die Augen . . .

DIE ÜBRIGEN MÄGDE
Turandots.

DIE ZWEI MÄGDE ZUSAMMEN
Die Dunkelheit durchdringt ihr Duft!

PING
Fort, Ihr schwatzhaften Weiber!

DIE ÜBRIGEN MÄGDE
Die Dunkelheit durchdringt ihr Duft!

PANG
Fort von hier!

PONG
Fort von hier!

PING
Fort von hier!

Die Mägde ziehen sich zurück.

PING, PONG, PANG
Achte auf den Gong! Achte auf den Gong!

KALAF
Die Dunkelheit durchdringt ihr Duft!

PANG
Sieh ihn an, Pong!

PONG
Sieh ihn an, Ping!

PING
Sieh ihn an, Pang!

PANG
Er ist taub!

PONG
Verwirrt!

PING
Geblendet!

TIMUR
Er hört sie nicht mehr, o weh!

PING, PONG, PANG
Auf! Wir wollen alle drei zu ihm sprechen!

PANG
Die Nacht ohne Leuchte ...

PONG
… die Schwärze des Rauchfangs ...

PING
sind heller als die Rätsel
der Turandot!

PANG
Eisen, Bronze, Mauer, Felsen, …

PONG
... dein hartnäckiger Schädel ...

PING
... sind weniger hart als die Rätsel
der Turandot!

PANG
Also geh und grüsse alle!

PONG
Überschreite Gebirge, durchschneide die Wogen!

PING
Weit weg bleibe von den Rätseln
der Turandot!

Auf den Bollwerken erscheinen die Schatten der für Turandot Gestorbenen.

DIE SCHATTEN DER TOTEN
Zögere nicht!
Rufe sie, dass sie erscheine,
von der selbst wir Verstorbenen
noch träumen.
Mach, dass sie rede!
Mach, dass wir sie hören!
Ich liebe sie! Ich liebe sie! Ich liebe sie!

KALAF
Nein, nein, ich allein liebe sie!

PING, PONG, PANG
Du liebst sie? Was denn? Wen?
Turandot? Ah, ah, ah!
Turandot! Ah, ah!

PONG
O wahnsinniger Jüngling!

PANG
Turandot gibt es nicht!

PING
Nichts gibt es als das Nichts,
in dem du dich vernichtest!

PONG, PANG
Turandot gibt es nicht, gibt es nicht! ...

PING
Turandot! Wie alle
Dummköpfe deinesgleichen!
Der Mensch! Gott! Ich selbst! Die Völker! ...
Die Herrscher! . . . Pu-Tin-Pao!
Nichts gibt es als das Tao!

PANG
Du vernichtest dich wie die
Dummköpfe deinesgleichen, du vernichtest dich!

PONG
Wie alle die Dummköpfe deinesgleichen!
Nichts gibt es ...
... als das Tao!

KALAF
Mein der Triumph!
Mein die Liebe!

Der Henker erscheint mit dem abgeschlagenen Haupt des Prinzen von Persien.

PING, PONG, PANG
Tor, sieh hier die Liebe!
So wird der Mond dein Antlitz küssen!

TIMUR
O Sohn, willst du also, dass ich allein,
dass ich allein mein gequältes
Greisentum durch die Welt schleppe?
Zu Hilfe! Gibt es denn keine menschliche Stimme,
die dein grausames Herz bewegt?

LIU
O Herr, höre mich!
Ach Herr, höre mich!
Liu erträgt es nicht länger,
es bricht ihr Herz!
O weh, o weh, wie lange wanderten wir
mit deinem Namen in der Seele,
mit deinem Namen auf den Lippen!
Doch wenn dein Schicksal
sich morgen soll entscheiden,
so sterben wir auf der Strasse der Verbannung.
Er verliert seinen Sohn ...
ich den Schatten eines Lächelns.
Liu erträgt es nicht länger!
Ach!

KALAF
O, weine nicht, Liu!
Wenn einst in fernen Tagen
ich dir zugelächelt,
um dieses Lächelns willen,
zartes Mädchen, höre mich:
dein Herr ist morgen
vielleicht allein auf der Weit ...
Verlass ihn nicht,
nimm ihn fort mit dir!

LIU
Wir sterben auf der Strasse der Verbannung!

TIMUR
Wir sterben!

KALAF
Mildere du ihm die
Strassen der Verbannung!
Dies … dies, meine arme Liu,
wünscht von deinem kleinen Herzen,
dass es nicht breche dem, der nie mehr lächeln wird.

TIMUR
Ach! Zum letzten Male!

LIU
Besiege den schrecklichen Zauber!

PING, PONG, PANG
Das Leben ist so schön!

TIMUR
Hab Erbarmen mit mir!

LIU
Hab Erbarmen mit Liu!

PING, PONG, PANG
Das Leben ist so schön!

TIMUR
Mit mir, mit mir ...

LIU
Herr, hab Erbarmen!

TIMUR
Erbarmen, Erbarmen!…

LIU
Hab Erbarmen mit Liu! ...

PING, PONG, PANG
Verlier' es nicht so!

KALAF
Ich bin es, der um Erbarmen fleht!…

LIU
Herr, Erbarmen!…

TIMUR
… Nicht losreissen kann ich mich…

PING
Ergreift ihn,…

KALAF
... Niemand will ich mehr hören, …

LIU
... Erbarmen mit Liu…

TIMUR
... von dir! ...

PING, PONG, PANG
nehmt ihn fort! ...

KALAF
... niemand will ich mehr hören! …

PING
Haltet den rasenden Narren zurück,…

LIU
... Erbarmen! ...

PING
... nehmt ihn fort!…

PONG,PANG
Auf! Nehmt ihn von hier, den Narren!

(Sie fahren fort auf diese Weise. Nur die wichtigsten Phrasen werden wiedergegeben.)

KALAF
Ich sehe ihr strahlendes Antlitz! Ich sehe sie!
Sie ruft mich! Sie ist da!
zu Liu
Deine Verzeihung heischt der,
der nie mehr lächeln wird!

TIMUR
verzweifelt zu Kalaf
Nicht losreissen kann ich mich von dir!
Erbarmen! Erbarmen!
Klagend werfe ich mich dir zu Füssen.
Hab Erbarmen!
Gib mir nicht den Tod!

PING, PANG, PONG
Auf, nehmt ihn fort, den Narren!
Haltet den rasenden Narren zurück!
zu Kalaf
Wahnsinnig bist du! Das Leben ist schön!

LIU
Erbarmen! Herr, Erbarmen, Erbarmen! usw.

PING
Auf, eine letzte Bemühung,
bringen wir ihn fort!

PING, PANG, PONG
Bringen wir ihn fort, bringen wir ihn fort!

KALAF
Lasst mich…
ich habe zu viel gelitten!
Triumph erwartet mich dort.
Keine menschliche Kraft kann mich zurückhalten.
Ich folge meinem Geschick.
Ich bin wie im Fieber,
ich bin in Raserei!
Alle meine Sinne erleiden grausame Qual.
Alle Fasern der Seele rufen mit einer Stimme …

TIMUR
Du trittst über ein armes Herz,
das vergebens um dich blutet!
Niemand hat je gesiegt, niemand.
Auf alle fiel das Schwert.
Ich werfe mich dir zu Füssen -
gib mir nicht den Tod.

PING, PANG, PONG
Das Antlitz, das du siehst ist Täuschung,
das Licht, das dir glänzt ist verhängnisvoll.
Du spielst mit deinem Verderben,
du spielst mit deinem Kopfe.
Der Tod, das ist der Schatten des Henkers dort.
Du eilst ins Verderben!
Verspiele nicht das Leben!

LIU
Erbarmen! Erbarmen mit uns!
Ist seine Qual dir nicht genug, o Herr,
verloren sind wir mit dir!
O, lasst uns fliehen, Herr, o, lasst uns fliehen!

DIE MENGE
Den Graben heben wir schon aus für dich,
der die Liebe herausfordern will.
Im Dunkeln aufgezeichnet, o weh!
ist dein grausames Geschick!

KALAF
… Turandot!…

LIU, TIMUR, PING, PONG, PANG
Der Tod!

DIE MENGE
Ah! ...

KALAF
… Turandot! …

LIU, TIMUR, PING, PONG, PANG
der Tod!

DIE MENGE
... Ah! ...

KALAF
Turandot!

LIU, TIMUR, PING, PONG, PANG
... der Tod! ...

DIE MENGE
... Ah! …

Kalaf stürzt auf den Gong zu und schlägt ihn dreimal.

DIE MENGE
Den Graben heben wir schon aus für dich, usw.

PING, PANG, PONG
Ach lassen wir ihn gehen!
Unnütz zu mahnen
in Sanskrit, in Chinesisch,
in mongolischer Sprache!
Wenn der Gong ertönt
frohlockt der Tod.
Ah,ah,ah,ah!...
Ah, ah, ah, ah!


ZWEITER AUFZUG

ERSTE SZENE
Ein Pavillon, gebildet aus einer grossen Zeltleinwand, die mit symbolischen chinesischen Figuren verziert ist.

PING
Holla, Pang! Holla, Pong!
Seit der unheilvolle Gong
erweckte den Palast und erweckte die Stadt,
sind wir bereit für jeden Fall:
siegt der Fremdling, so ist's für die Hochzeit,
und verliert er, so ist's fürs Begräbnis.

PONG
Ich bereite die Hochzeit…

PANG
... und ich die Leichenfeier,…

PONG
... die roten Laternen des Festes,…

PANG
... die weissen Laternen der Trauer,…

PONG
den Weihrauch und die Opfer,…

PANG
... den Weihrauch und die Opfer…

PONG
... Geld aus vergoldeter Pappe,
die schöne scharlachrote Sänfte,…

PANG
... Tee, Zucker, Muskatnuss,
die grosse Bahre, wohlgefertigt, ...

PONG
... die Bonzen, die singen,…

PANG
... die Bonzen, die klagen, . . .

PONG, PANG
... und alles übrige,
wie es die Sitte verlangt,…

PANG
peinlichst ...

PONG
... peinlichst …

PONG, PANG
... genau!

PING
O China, o China!
wie du nun zuckst und
beunruhigt aufschreckst,
da du glücklich schliefst,
erfüllt mit deinen siebzigtausend Jahrhunderten!

PING, PONG, PANG
Alles nahm seinen Lauf gemäss
der ältesten Regel der Welt.

PANG
Dann wurde geboren…

PONG
Dann wurde geboren…

PING
Dann wurde geboren ...

PING, PONG, PANG
... Turandot!

PING
Und seit Jahren sind unsere Feste
auf die folgenden Freuden beschränkt:

PONG
... drei Schläge auf den Gong ...

PANG
... drei Rätsel ...

PING
... und herunter die Köpfe!

PONG
Und herunter die Köpfe!

PING
Und herunter die Köpfe!

PANG
Im Jahre der Maus waren es sechs.

PONG
Im Jahre des Hundes waren es acht.

PANG, PING, PONG
Im laufenden Jahre,
dem schrecklichen Jahre des Tigers
sind wir bereits am dreizehnten!

PONG, PANG
dreizehn,
mit dem, der untergeht!

PING
Welche Arbeit!

PANG
Welche Arbeit!

PONG
Welcher Überdruss!

PING
Welche Arbeit!

PANG
Welche Arbeit!

PONG
Welcher Überdruss!

PING, PONG, PANG
Wie tief sind wir gesunken?
Wir sind die Minister des Henkers!
Minister des Henkers!

PING
Ich habe ein Haus in Honan
mit seinem blauen Teich,
ganz umgeben von Bambus.
Und ich bin hier, vergeude mein Leben,
zerbreche mir den Kopf über heilige Schriften.

PONG, PANG
über heilige Schriften!

PING
... über heilige Schriften!
O könnte ich zurück dorthin…

PANG
Zurück dorthin!

PONG
Zurück dorthin!

PING
... zu meinem blauen Teich...

PANG
Zurück dorthin!

PONG
Zurück dorthin!

PING
... ganz umgeben von Bambus!

PONG
Ich habe Wälder nahe bei Tsiang ...
schönere gibt es nirgends,
doch Schatten geben sie mir nicht.
Ich habe Wälder,
schönere gibt es nirgends!

PANG
Ich habe einen Garten, nahe bei Kiu,
den ich verliess um hierher zu kommen,
und den ich nie wiedersehen werde,
nie mehr, nie mehr werde ich ihn wiedersehn!

PING
O könnte ich zurück dorthin,
zu meinem blauen Teiche…
... ganz umgeben von Bambus!
Und ich bin hier…

PONG
Bin hier!

PANG
Bin hier!

PING
... zerbreche mir den Kopf…

PING, PONG, PANG
... über heilige Schriften!

PONG
O könnte ich zurück nach Tsiang…

PING
O könnte ich zurück dorthin…

PANG
O könnte ich zurück nach Kiu ...

PING
… mich erfreuen an dem blauen Teiche,…

PONG
... Tsiang…

PANG
... Kiu…

PING
... Honan, ...
ganz umgeben von Bambus!

PONG
o könnte ich zurück nach Tsiang!

PANG
o könnte ich zurück nach Kiu!

PING
O, Welt…

PONG
O, Welt ...

PANG
O, Welt ...

PING, PONG, PANG
... voll von verliebten Narren!

PONG
Wir haben ...

PANG
Wir haben ...

PONG
Wir haben Bewerber ankommen sehen!

PING
O, wie viele!

PONG
O, wie viele!

PING
Wir haben Bewerber, usw.

PANG
O, wie viele, viele!

PONG
O, wie viele!

PING
O, Welt voll verliebter Narren!
Erinnert ihr euch des Königssohns
aus Samarkand?
Er stellte sein Ansuchen,
und sie, mit welcher Freude,
rief sie den Henker für ihn!

DIE MENGE
Chor im Inneren
Schmiert, schleift,
dass die Klinge zucke und spritze …

PING
Den Henker!

DIE MENGE
... dass die Klinge zucke und spritze
... Feuer und Blut!

PONG
Und der mit Juwelen bestückte Inder Sagarika ...
... mit Ohrgehängen wie kleine Glöckchen?
Liebe suchte er, doch sein Haupt musste fallen!

PANG
Und der aus Birma?

PONG
Und der Prinz der Kirgisen?

PONG, PANG
Gemordet! Gemordet! Gemordet! Gemordet!

PING
Und der Tartar mit dem sechs Ellen langen Bogen ...

DIE MENGE
Schmiert, schleift,…
dass die Klinge spritze Blut!…

PING
mit reichen Pelzen umhüllt?

DIE MENGE
... Wo Turandot herrscht…

PONG
Getötet!

PANG
Getötet!

DIE MENGE
... an Arbeit …
... fehlt es nie!

PING
Geköpft!

PANG
Gemordet,…

PING
Gemordet! Gemordet! Gemordet! Geschlachtet!

PANG
… getötet! Gemordet! Getötet! Geschlachtet!

PONG
Geschlachtet! Geschlachtet! Geschlachtet!

DIE MENGE
Schmiert, schleift, dass die Klinge spritze Blut!

PING, PONG, PANG
Ade, Liebe, ade Rasse!
Ade, göttliches Geschlecht!
Ade, usw.
Es ist vorbei mit China!
Ade, göttliches Geschlecht!

PING
wie in Anrufung
O Tiger! O Tiger!

PING, PANG, PONG
O grosser Himmelsmarschall,
mach, dass sie komme, die ersehnte Nacht,
die Nacht der Hingabe!

PING
Das Bett will ich ihr bereiten!

PONG
Ich will ihr die Daunen weich schütteln.

PANG
Den Alkoven will mit Düften ich füllen.

PING
Geleiten will ich das Paar und die Leuchte halten,

PING, PONG, PANG
Dann singen wir alle drei
im Garten ...

PONG
... von der Liebe bis zum Morgen…

PING
... so …

PANG
... so ...

PING, PONG, PANG
Es gibt zu unserem Glücke in China
kein Weib mehr, das verleugnet die Liebe!
Eines doch gab es noch und dieses eine
war wie Eis,
nun ist sie Feuer und Glut!
Prinzessin, dein Reich erstreckt sich
vom Tse-Kiang bis zum mächtigen Jang-Tse.

PING
Pong und Pang singen mit geschlossenem Mund die Begleitung.
Doch dort hinter den weichen Vorhängen
da ist ein Gatte, der herrscht über dich!

PING, PONG, PANG
Das Aroma der Küsse, schon riechst du es,
schon bist du bezähmt, bist voll des Schmachtens!

PONG,PANG
Heil, heil der heimlichen Nacht,
die das Wunder vollendet sieht!

PING, PANG
Heil, Heil der...

PONG
der Decke aus gelber Seide…

PING, PANG
... heimlichen Nacht!

PONG
Zeugin süsser Seufzer!
Im Garten säuseln die Dinge
und es erklingen goldene Glöckchen ...
Liebesworte seufzen,…

PING
... mit Tau schmücken sich die Blumen!

PING, PONG, PANG
Heil, Heil dem entblössten Leibe, der das
unbekannte Geheimnis nun kennt!
Heil der Trunkenheit und der Liebe, die gesiegt hat,
und in China herrscht der Frieden,
in China herrscht der Frieden
der Frieden herrscht!

Aus dem Inneren ruft der Lärm im königlichen Palaste die drei Minister in die traurige Wirklichkeit zurück.

PING
Wir träumen und der Palast wimmelt bereits
von Laternen, Bedienten und Soldaten!
Hört die grosse Trommel
des grünen Tempels!
Man hört schon das Schlürfen
der unzähligen Pantoffel Pekings.

PONG
Hört die Trompeten! Alles andere als Frieden!

PANG
Die Festlichkeit hat begonnen.

PING, PONG, PANG
Erfreuen wir uns denn
an dem soundsovielten Todesurteil!


ZWEITE SZENE

Der weite Platz vor dem kaiserlichen Palaste.
Etwa in der Mitte ist eine riesige Marmortreppe. Acht Gelehrte treten auf. Jeder trägt drei Seidenrollen. Diese Rollen enthalten die Lösungen zu Turandots Rätseln.


DIE MENGE
Ernst, gross und imposant
mit dem Geheimnis der verschlossenen Rätsel
schreiten hier die Gelehrten,
mit dem Geheimnis der verschlossenen Rätsel
schreiten hier die Gelehrten.
Da ist Ping! Da ist Pong! Da ist Pang!

Oberhalb der Treppe, auf dem Throne sitzend, wird der Kaiser sichtbar. Er ist ein ehrwürdiger Greis.

DIE MENGE
Zehntausend Jahre unserem Kaiser!
Heil Dir!

DER KAISER
Ein grässlicher Schwur zwingt mich,
dem düsteren Pakte Treue zu halten.
Und das heilige Zepter, das ich halte,
trieft von Blut.
Genug des Blutes! Jüngling, geh!

KALAF
Sohn des Himmels, ich wünsche
die Probe zu bestehen!

DER KAISER
Lass mich sterben, ohne die Last
deines jungen Lebens tragen zu müssen!

KALAF
Sohn des Himmels, ich wünsche
die Probe zu bestehen!

DER KAISER
Wünsche nicht, wünsche nicht, dass wieder
sich mit Schrecken der Palast, die Welt, erfülle,

KALAF
Sohn des Himmels, ich wünsche
die Probe zu bestehen!

DER KAISER
Todestrunkener Fremdling! So sei's denn!
Dein Schicksal möge sich vollenden!

DIE MENGE
Zehntausend Jahre unserem Kaiser!

DER MANDARIN
Volk von Peking!
Dies ist das Gesetz: Turandot die Reine,
wird die Braut dessen, von königlichem Blute,
der die Rätsel löst, die sie aufgibt.
Doch wer die Probe unternimmt und sie nicht besteht,
dem Beile biete er sein stolzes Haupt!

DIE KNABEN
Von der Wüste bis ans Meer, hörst du nicht
wie tausend Stimmen seufzen:
Prinzessin, sei mir gnädig!
Alles wird erglänzen, wird erglänzen, wird erglänzen!

Turandot stellt sich zu Füssen des Thrones. Wunderschön, und ganz in Gold gekleidet.

TURANDOT
In diesem Palaste, vor tausend und abertausend Jahren,
erscholl verzweiflungsvoll ein Schrei.
Und dieser Schrei, durch Geschlechter und Geschlechter,
Zuflucht fand er hier in meiner Seele!
Prinzessin Lou-Ling,
holde und erhabene Ahnfrau,
die du herrschtest in deiner dunklen Stille
in reiner Freude, und die du unbeugsamen Trotz
der rauhen Gewalt entgegensetztest,
heute erstehst du in mir auf!

DIE MENGE
Das war als der Tartarenkönig
die sieben Fahnen entfaltete.

TURANDOT
Doch in der Zeit, wie jeder weiss,
war Furcht und Schrecken und Lärm von Waffen.
Das Reich besiegt! Das Reich besiegt!
Und Lou-Ling, meine Ahnin, verschleppt
von einem Mann wie du, wie du
ein Fremdling. Dort in der grauenvollen Nacht
verstummte ihre frische Stimme!

DIE MENGE
Seit Jahrhunderten schläft sie
in ihrem riesigen Grabe.

TURANDOT
O Prinzen, die ihr in langen Reihen
aus jedem Teil der Welt
hierher kommt, euer Glück zu versuchen,
ich räche an euch, an euch
jene Reinheit, jenen Schrei und jenen Tod!
Jenen Schrei und jenen Tod!
Niemand soll je mich haben!
Niemand, niemand soll je mich haben!
Das Grauen vor jenem Mörder
bleibt lebend mir im Herzen wach.
Nein, nein! Niemand soll je mich haben!
Ah, neugeboren ist in mir der Stolz
solch unberührter Reinheit!
Fremdling! Versuche nicht das Glück!
Drei sind die Rätsel, einer ist der Tod!

KALAF
Nein, nein! Drei sind die Rätsel,
eines ist das Leben!

TURANDOT
Nein, nein!…
Drei sind die Rätsel, einer ist der Tod!

KALAF
Drei sind die Rätsel, eines ist das Leben!

DIE MENGE
Dem fremden Prinzen
stelle die harte Probe,
o Turandot! Turandot!

TURANDOT
So höre, Fremdling:
"In der düstren Nacht schwebt ein schillerndes Phantom,
steigt auf und entfaltet die Flügel
über der dunklen Masse der Menschheit.
Jeder fleht ihm zu
und jeder sehnt sich nach ihm.
Doch das Phantom verschwindet mit der Morgenröte,
um im Herzen neu zu entstehen.
Jede Nacht wird neu es geboren
und jeden Tag erstirbt es!"

KALAF
Ja! Neu geboren! Neu geboren!
Und im Jubel führt es
mich fort mit sich,
Turandot: "die Hoffnung"!

DIE GELEHRTEN
öffnen die erste Rolle
Die Hoffnung! Die Hoffnung! Die Hoffnung!

TURANDOT
Ja, die Hoffnung, die immer trügt!
"Lodernd gleich der Flamme
ist es doch Flamme nicht.
Manchmal rasend
und fiebernd von Ungestüm und Glut!
Untätigkeit versetzt es in Schmachten.
Wenn du zugrunde gehst oder stirbst, wird es kalt.
Träumst du von Siegen, so flackert es auf, flackert es auf!
Es hat eine Stimme, der bebend du lauschest,
und wie der Sonnenuntergang lebhaft ist sein Schimmer!"

DER KAISER
Verlier' dich nicht, o Fremdling!

DIE MENGE
Es geht um das Leben!
Es geht um das Leben! Sprich!
Verlier' dich nicht, Fremdling! Sprich!
Sprich! Sprich! Sprich!

LIU
Es geht um die Liebe!

KALAF
Ja, Prinzessin! Es flackert auf und schmachtet gleichzeitig,
wenn du mich ansiehst, in den Venen:
"das Blut!"

DIE GELEHRTEN
Das Blut! Das Blut! Das Blut!

DIE MENGE
Mut, o Löser der Rätsel!

TURANDOT
zu den Wachen, auf die Menge weisend
Schlagt den Pöbel!
zum Prinzen
"Eis, das dir Feuer gibt
und durch dein Feuer
noch mehr zu Eis wird!
Offenbar und undurchsichtig!
Wenn es frei dich will,
macht es mehr zum Knechte dich.
Nimmt es dich zum Knechte,
so macht es zum König dich!"
Nun, Fremdling, die Furcht macht dich erbleichen!
Du fühlst dich verloren!
Nun Fremdling, das Eis, das Feuer gibt,
was ist es?

KALAF
Mein Sieg, der dich nunmehr
mir gegeben hat!
Mein Feuer taut dein Eis:
"Turandot"!

DIE GELEHRTEN
Turandot! Turandot! Turandot!

DIE MENGE
Turandot! Turandot!
Heil, Heil, o Sieger!
Heil, Heil, o Sieger!
Willkommen heisst dich das Leben!
Willkommen heisst dich die Liebe!
Zehntausend Jahre unserem Kaiser!
Licht, Herrscher der Welt!

TURANDOT
Sohn des Himmels! Erhabner Vater! Nein!
Wirf deine Tochter nicht
in die Arme des Fremdlings!

DER KAISER
Der Schwur ist heilig!

TURANDOT
Nein, sprich nicht so! Deine Tochter ist heilig!
Du kannst mich nicht
ihm geben wie eine Sklavin.
Ah, nein! Deine Tochter ist heilig!
Du kannst mich nicht ihm geben
wie eine Sklavin, die vor Scham vergeht!
zum Prinzen
Sich mich nicht so an!
Du, der du meinen Hochmut verlachst,
sieh mich nicht so an!
Ich werde nicht die Deine!
Nein, nein, ich werde nicht die Deine!
Ich will nicht, ich will nicht!
Nein, nein, ich werde nicht die Deine!

DER KAISER
Der Schwur ist heilig!

DIE MENGE
Der Schwur ist heilig!

TURANDOT
Nein, sieh mich nicht'so an,
ich werde nicht die Deine!

DIE MENGE
Er hat gesiegt, Prinzessin!
Für dich hat er sein Leben geboten!

TURANDOT
Niemand soll je mich haben!

DIE MENGE
Sei der Preis seiner Kühnheit! ...
Sei der Preis seiner Kühnheit!
Für dich hat er sein Leben geboten!
Heilig ist der Schwur!

TURANDOT
zum Prinzen
Willst du mich in deine Arme zwingen mit Gewalt,
widerwillig, schaudernd?

DIE MENGE
Heilig, heilig, heilig ist der Schwur, heilig!

KALAF
Nein, nein, stolze Prinzessin!
Ich will dich glühend vor Liebe!

DIE MENGE
Mutig! Kühn!
Mutig! O Stärke!

KALAF
Drei Rätsel gabst du mir auf
und drei hab ich gelöst.
Eines nur will ich dir aufgeben:
Meinen Namen kennst du nicht.
Nenne mir meinen Namen.
Nenne mir meinen Narnen
noch vor dem Morgengrauen,
und wenn der Tag anbricht, sterbe ich!

Turandot neigt zustimmend das Haupt.

DER KAISER
Der Himmel gebe, dass mit der ersten Sonne
mein Sohn du bist!

DIE MENGE
Wir stürzen dir zu Füssen,
Licht, Herrscher der Weit!
Um deiner Weisheit, deiner Güte willen
geben wir uns dir, freudig in Demut
dringt zu dir unsere Liebe!
Zehntausend Jahre unserem Kaiser!
Zu dir, dem Erben von Hien-Wang,
rufen wir:
Zehntausend Jahre unserem Kaiser!
Hoch, hoch die Fahnen!
Heil dir! Heil dir!



DRITTER AUFZUG

ERSTE SZENE

Der Garten des Palastes. Es ist Nacht.

DIE HEROLDE
So befiehlt Turandot:
"Diese Nacht soll niemand schlafen
in Peking!"

DIE MENGE
Keiner schlafe! Keiner schlafe!

DIE HEROLDE
"Bei Todesstrafe, der Name des Unbekannten
muss noch vor dem Morgen offenbart werden!"

DIE MENGE
Bei Todesstrafe! Bei Todesstrafe!

DIE HEROLDE
"Diese Nacht soll niemand schlafen in Peking! "

DIE MENGE
Keiner schlafe! Keiner schlafe!

KALAF
Keiner schlafe! Keiner schlafe!
Auch du, o Prinzessin,
in deiner kalten Kammer
blickst nach den Sternen, die
flimmern von Liebe und von Hoffnung!
Doch mein Geheimnis ist verschlossen in mir,
meinen Namen soll niemand wissen!
Nein, nein, nur deinen Lippen sage ich ihn,
wenn das Licht neu erstrahlt!
Und mein Kuss wird lösen
dieses Schweigen, das mein dich macht!

FRAUEN
innen; von Ferne
Seinen Namen kennt niemand…
Und wir, o weh, sterben! Sterben!

KALAF
Entweiche, o Nacht! Geht unter, Sterne!
Geht unter, Sterne! Im Morgengrauen siege ich!
Siege ich! Siege ich!

Die drei Minister sind an der Spitze einer kleinen Gruppe von Gestalten unkenntlich im Dunkel der Nacht.

PING
Du, der du blickst…
... auf die Sterne, senk lieber den Blick.

PONG
Unser Leben ist…

PING
senk lieber den Blick!

PONG
... in deiner Gewalt!

PANG
Unser Leben!

PING
Hörtest du den Aufruf?
In den Strassen von Peking
an jeder Türe pocht der Tod
und ruft: den Namen!

PONG
Den Namen!

PONG, PANG
Den Namen!

PING, PONG, PANG
O Blut!

KALAF
Was wollt ihr von mir?

PING
Sag du was du willst! Sag du was du willst!

PONG
Sag du was du willst!

PING
Ist es Liebe, die du suchst?

PANG
Sag du was du willst!

PING
Sag du was du willst!
Kalaf antwortet nicht.
Nun denn, bedien dich!
stösst eine Gruppe schönster, halbnackter, herausfordernder Mädchen dem Prinzen vor die Füsse
Sieh, sie sind schön,
sie sind schön unter leuchtenden Schleiern!

PONG, PANG
Geschmeidige Körper…

PING
Alles Trunkenheit und Versprechen
wunderbarer Umarmungen!

DIE FRAUEN
den Prinzen umgebend
Ah, ah! Ah, ah! Ah, ah! Ah, ah!

KALAF
Nein! Nein!

PONG, PANG
Was willst du?

PING, PONG, PANG
Reichtümer? Alle Schätze sind dein!
Sind dein! Sind dein! usw.
Auf ein Zeichen Pings werden Körbe, Schreine, Säcke, übervoll mit Gold und Juwelen hereingebracht.

PING
Das Dunkel der Nacht wird durchbrochen ...

PONG
Blaue Feuer!

PING
von diesen glänzenden Juwelen!

PANG
Grüner Glanz!

PONG
Blasse Hyazynthen!

PANG
Die roten Flammen der Rubine!

PING
Es sind Tropfen der Sterne!

PONG, PANG
Blaue Feuer!

PING
Nimm, alles ist dein!

PONG, PANG
Rote Flammen!

KALAF
Nein! Keine Reichtümer! Nein!

PING, PONG, PANG
Willst du den Ruhm?
Wir verhelfen dir zur Flucht ...

PONG, PANG
und geh weit weg von hier mit den
Sternen nach märchenhaften Reichen.

MÄNNER
Flieh!…

DIE MENGE
... Flieh!…

FRAUEN
... Geh fern von hier, geh fern von hier! ...

DIE MENGE
Flieh, geh weit weg von hier, geh! Geh!
Flieh! Flieh! Geh weit weg von hier,
und uns alle errettest du!

KALAF
Morgengrauen, komm heran,
dass dieser Alp sich löse!

PING
Fremder, du weisst es nicht, du weisst nicht,
wozu die Grausame fähig ist…

PING, PONG, PANG
Du weisst es nicht ...

PONG, PANG
welch grausame Martern…

PING
Du weisst es nicht, du weisst es nicht!

PONG, PANG
... China ausdenken kann.
Wenn du bleibst und nicht enthüllest ...

PONG, PANG, TEIL DER MENGE
... den Namen, so sind wir verloren.

PING, EIN ANDERER TEIL DER MENGE
Die Schlaflose verzeiht nicht!

DIE DREI MINISTER, DIE MENGE
fahren auf die gleiche Weise fort; nur das wichtigste ist wiedergegeben.
Es wird grausame Marter sein!
Die spitzen Eisen! Das Zackenrad!
Der heisse Biss der Zangen!
Die langsame Folter bis zum Tode!
O, lass uns nicht sterben!
O, lass uns nicht sterben, nein, lass uns nicht sterben

KALAF
Vergebliches Bitten! Vergebliches Drohen!
Die Welt stürze ein! Ich will Turandot!

DIE MENGE
den Prinzen mit Dolchen bedrohend.
Sie wird nicht dein! Nein, sie wird nicht dein!
Du stirbst noch vor uns!
Du bist verflucht!
Du stirbst vor uns,
du Erbarmungsloser, Grausamer!
Sprich, den Namen, den Namen, den Namen!
Sprich, sprich, sprich!
Den Namen, den Namen!

SCHERGEN
Hier ist der Name! Hier ist er! Hier ist er!
Eine Gruppe von Schergen schleppen Timur und Liu herbei.
Hier ist der Name! Hier! Hier!

KALAF
Diese hier wissen nichts!
Unbekannt ist ihnen mein Name!

PING
Es ist der Alte und das Mädchen,
die gestern abend mit dir sprachen!

KALAF
Lasst sie!

PING
Sie kennen das Geheimnis!
zu den Schergen
Wo habt ihr sie gefangen?

SCHERGEN
Als sie hier einhergingen, in der Nähe der Mauer!

PING, PONG, PANG
Prinzessin!

PING, PONG, PANG, DIE MENGE
Prinzessin!

Turandot erscheint. Alles wirft sich zu Boden.

PING
mit grosser Unterwürfigkeit
Göttliche Prinzessin! Der Name
des Unbekannten ist verschlossen
hinter diesen schweigenden Lippen.
Doch wir haben Eisen, um diese Zähne zu brechen,
und wir haben Haken, um ihnen diesen Namen zu entreissen!

TURANDOT
Du bist bleich, Fremdling!

KALAF
Mit Schrecken
siehst du die Bleiche
des Morgengrauens auf meinem Antlitz.
Diese da kennen mich nicht!

TURANDOT
Wir wollen sehen!
Auf, rede, Alter!
Ich will, dass er rede!
Den Namen!

LIU
Den Namen, den ihr sucht, kenne ich allein!

DIE MENGE
Das Leben ist gerettet.
Der Alpdruck weicht!

KALAF
Nichts weisst du, Sklavin!

LIU
Ich weiss seinen Namen …
Es ist meine höchste Wonne,
das Geheimnis zu bewahren
und allein zu besitzen!

DIE MENGE
Lasst sie binden! Lasst sie foltern!
Dass sie rede! Dass sie sterbe!

KALAF
Büssen sollt ihr für ihre Tränen!
Büssen sollt ihr für ihre Qualen!

TURANDOT
zu den Schergen
Ergreift ihn!
Dem Prinzen werden von einem der Schergen die Füsse mit einem Strick zusammengebunden; zwei andere halten ihn an den Armen fest.

LIU
O Herr, ich werde nicht reden!

PING
Den Namen!

LIU
Nein!

PING
Den Namen!

LIU
Deine Dienerin heischt Vergebung,
doch gehorchen kann sie nicht!
Ein Scherge presst ihre Handgelenke zusammen.
Ah!

TIMUR
Warum schreist du?

KALAF
Lasst sie!

LIU
Nein … nein … ich schreie nicht mehr!
Sie tun mir nicht weh!
Nein, niemand berührt mich.
zu den Schergen
Presst nur … doch schliesst mir den Mund,
dass er mich nicht höre!
entkräftigt
Ich kann nicht mehr!

DIE MENGE
Sprich! Seinen Namen!

TURANDOT
zu den Schergen
Lasst sie!
zu Liu
Sprich!

LIU
Eher sterbe ich!

TURANDOT
Was legt so viel Kraft in dein Herz?

LIU
Prinzessin, die Liebe!

TURANDOT
Die Liebe?

LIU
Die Liebe, heimlich und uneingestanden,
sie ist so gross, dass Dinge wie diese Qualen,
mir süss sind,
denn ich bringe sie zum Geschenke
meinem Herrn…
Denn im Schweigen gebe ich ihm,
gebe ich ihm deine Liebe ...
Dich gebe ich ihm, Prinzessin,
und verliere alles! Und verliere alles!
Sogar die unmögliche Hoffnung!
Bindet mich! Foltert mich!
Qualen und Pein gebt mir!
Ah! Als höchstes Opfer
meiner Liebe!

TURANDOT
Entreisst ihr das Geheimnis!

PING
Ruft Pu-Tin-Pao!

KALAF
Nein! Er sei verflucht! Er sei verflucht!

DIE MENGE
Den Henker! Den Henker! Den Henker!

PING
Er spanne sie auf die Folter.

DIE MENGE
Auf die Folter! Ja, den Henker!
Sprich! Auf die Folter!

LIU
Ich widerstehe nicht mehr!
Ich habe Angst vor mir selber!
Lasst mich hindurch!
Lasst mich hindurch!

DIE MENGE
Sprich! Sprich!

LIU
Ja, Prinzessin, höre mich!
Du, die du von Eis umgürtet,
von so starker Flamme wirst du besiegt,
und auch du wirst ihn lieben!
Noch ehe die Morgenröte erscheint,
schliesse ich müde die Augen,
damit er nochmals siege…
er nochmals siege!
Um nie … um nie ihn wiederzusehn!
Noch ehe die Morgenröte erscheint,
schliesse ich müde die Augen,
um nie ihn wiederzusrehn!

Ergreift unversehens den Dolch eines Soldaten und ersticht sich.

DIE MENGE
Ah!…
Sprich! Sprich!
Den Namen! Den Namen!

Liu taumelt wankend auf den Prinzen zu und fällt ihm tot zu Füssen.

KALAF
Ah! Du bist tot, du bist tot,
o meine kleine Liu!

TIMUR
kniet bei Liu nieder
Liu! Liu! Steh auf! Steh auf!
Es ist die Stunde, da alles wieder auflebt!
Das Morgengrauen, o meine Liu …
Öffne die Augen, mein Täubchen!

PING
Steh auf, Alter! Sie ist tot!

TIMUR
Ah! Grässliches Verbrechen!
Das büssen wir alle!
Die gekränkte Seele,
die gekränkte Seele wird sich rächen!

DIE MENGE
Klagender Schatten, tu uns kein Unheil!
Unwilliger Schatten, vergib, vergib!
Klagender Schatten, usw.

TIMUR
Liu ... die Güte! Liu ... die Milde!
Mit religiöser Andacht, und unter dem tiefen Respekt der Menge, wird Lius Leichnam aufgehoben.
Ah! Gemeinsam gehen wir die Strasse wieder,
mit deiner Hand in der meinen!
Ich weiss, wohin du gehst und folge dir
um mich hinzulegen nahe bei dir
in der Nacht, die keinen Morgen hat.

PONG
Es erwacht was hier drinnen,
das alte Triebwerk des Herzens,
und quält mich!

PING
Ah! Zum ersten Male
sehe ich den Tod
und grinse nicht!

PANG
Dieses Mädchen, das gestorben,
lastet auf meinem Herzen
wie ein Stein!

DIE MENGE
Liu, Güte, Vergebung! Vergebung!
Liu, die Güte! Liu, die Milde!
Schlafe! Vergiss!
Liu! Poesie!

Der Prinz und Turandot bleiben allein einander gegenüber. Die Prinzessin, unter einem weiten Schleier, rührt sich nicht.

KALAF
Prinzessin des Todes!
Prinzessin von Eis!
Aus deinem tragischen Himmel
steig herab zur Erde!
Ah! Hebe diesen Schleier!
Sieh, sieh, Grausame
dieses reinste Blut,
das vergossen ward um deinetwillen!

Er stürzt sich auf sie und entreisst ihr den Schleier.

TURANDOT
Was wagst du, Fremdling!
Ich bin kein menschliches Wesen.
Die Tochter des Himmels bin ich,
frei und rein.
Meinen kalten Schleier hältst du,
doch die Seele ist da oben!

KALAF
Deine Seele ist hoch oben,
doch dein Körper ist nah!
Mit glühenden Händen
will ich fassen den goldenen Saum
deines sternenbesetzten Mantels.
Meine bebenden Lippen will
ich pressen auf dich ...

TURANDOT
Entweihe mich nicht!

KALAF
Ah! Dich lebend zu fühlen!

TURANDOT
Zurück!

KALAF
Dich lebend zu fühlen!

TURANDOT
Zurück!

KALAF
Dich lebend zu fühlen!

TURANDOT
Entweihe mich nicht! Entweihe mich nicht!

KALAF
Deine Kälte ist Lüge!

TURANDOT
Zurück!

KALAF
Ist Lüge!

TURANDOT
Niemand soll je mich haben!

KALAF
Ich will dich für mich!

TURANDOT
Die Qual der Ahnfrau
soll sich nicht wiederholen! O nein!

KALAF
Ich will dich für mich!

TURANDOT
Berühre mich nicht, Fremdling!
Es ist Frevel!

KALAF
Nein, dein Kuss
gibt mir die Ewigkeit!

TURANDOT
Frevel!
Was ist mit mir?
Ich bin verloren!

KALAF
küsst sie feurig
Meine Blume! O! Meine Blume des Morgens!
Meine Blume, ich atme dich!
Deinen lilienweissen Busen
fühle ich erbeben an meiner Brust!…

FRAUENSTIMMEN
Ah! Ah! Ah! Ah!

KALAF
Schon fühl ich dich in süsse Ohnmacht sinken,
ganz weiss in deinem Mantel von Silber!

TURANDOT
Wie konntest du siegen?

KALAF
Weinst du?

TURANDOT
Es wird Tag! Es wird Tag!…
... Es wird Tag! Turandot geht unter!

KNABEN
Chor innen
Der Morgen bricht an! Licht und Leben! Alles ist rein! …

MÄNNER
Chor innen
Der Morgen bricht an! Licht und Leben! Prinzessin …

KALAF
Es wird Tag! Es wird Tag! Und die Liebe…
und die Liebe geht auf mit der Sonne!

KNABEN
Alles ist heilig! Welche Süsse in deinen Tränen!

MÄNNER
welche Süsse in deinen Tränen!

TURANDOT
Niemand soll mich sehen,
mein Ruhm ist zu Ende!

KALAF
Nein! Er beginnt!

TURANDOT
Schmach über mich!

KALAF
O Wunder! Dein Ruhm
erglänzt neu im Zauber
des ersten Kusses, der ersten Tränen!

TURANDOT
Der ersten Tränen … Ah ...
der ersten Tränen! Ja,
Fremdling, als du gekommen,
mit Schmerz empfand ich
den verhängnisvollen Schauder
des höchsten Wehs.
Wie viele sah ich sterben um mich!
Und ich verachtete sie; doch dich fürchtete ich!
Es war in deinen Augen
das Licht der Helden.
Es war in deinen Augen
die stolze Zuversicht ...
Und ich hasste dich dafür ...
Und ich liebte dich dafür,
gepeinigt und zerrissen
zwischen zwei gleichen Schrecken:
dich zu besiegen oder besiegt zu sein…
Und ich bin besiegt ... Ah! Besiegt,
nicht durch die hohe Prüfung, sondern
durch dieses Fieber, das zu mir kam von dir!

KALAF
Du bist mein! Mein!

TURANDOT
Das, das verlangtest du.
Nun weisst du es.
Grösseren Sieg kannst du nicht wollen!
Geh, Fremdling, mit deinem Geheimnis!

KALAF
Mein Geheimnis?
Ich habe es nicht mehr! Du bist mein!
Du, die du erbebst, wenn ich dich berühre!
Du, die du erbleichst, wenn ich dich küsse,
du kannst mich verderben, wenn du es willst!
Meinen Namen und das Leben,
zusammen gebe ich sie dir.
Ich bin Kalaf, Sohn des Timur.

TURANDOT
Ich kenne deinen Namen! Ich kenne deinen Namen!

KALAF
Mein Ruhm ist in deiner Umarmung!

TURANDOT
Höre! Es erschallen die Trompeten!

KALAF
Mein Leben ist in deinem Kuss!

TURANDOT
Sie ist da! Die Stunde!
Die Stunde der Prüfung!

KALAF
Ich fürchte sie nicht!

TURANDOT
Ah! Kalaf, vor das Volk tritt mit mir!

KALAF
Du hast gesiegt!


ZWEITE SZENE

Die Aussenseite des kaiserlichen Palastes. Oben an einer hohen Treppe, in der Mitte der Bühne, thront der Kaiser umgeben von seinem Hofe.

DIE MENGE
Zehntausend Jahre unserem Kaiser!

TURANDOT
Erhabener Vater,
ich kenne den Namen des Fremdlings!
Kalaf fest anblickend
Sein Name ist ... Liebe!

Das Liebespaar verliert sich in einer Umarmung, während die Menge Blumen wirft und ihnen zujubelt.

DIE MENGE
Liebe!
O Sonne! Leben! Ewigkeit!
Liebe ist das Licht der Welt!
Lachet und singet in der Sonne!
Unendlich ist unser Glück!
Heil dir! Heil dir! Heil!