| Libretto: Norma |
|
|
Personen:
POLLIONE, römischer Prokonsul in Gallien (Tenor) OROVESO, Oberhaupt der Druiden (Bass) NORMA, Oberpriesterin der Druiden, Orovesos Tochter, Seherin (Sopran) ADALGISA, Novizin (Sopran) CLOTILDE, Vertraute Normas (Mezzosopran) FLAVIO, Freund Polliones (Tenor) ZWEI KINDER Normas und Polliones (stumme Rollen) CHOR Druiden, Barden, Priesterinnen, Gallische Krieger ERSTER AKT Ouverture Nr. 1 - Introduktion und Chor Der Vorhang hebt sich nach dem zwanzigsten Takte. Der heilige Hain des heidnischen Gottes Irmin. Rechts unter einer grossen, mit Misteln bewachsenen Eiche auf Stufen die Säule des Gottes und der Druidenstein, der als Altar dient; an der Eiche aufgehängt das Schwert des Brennus neben einem Schild. Links hinten ein Felsenablauf. Es ist Nacht; der Mond ist von Wolken bedeckt. ERSTER AUFTRITT Achtzehn gallische Anführer und Krieger. Weissgekleidete Druidenpriester. Vier Tempelwächter. Zwei Knaben. Dann Oroveso, das Oberhaupt der Druiden. Achtzehn gallische Krieger mit Schilden, Lanzen, Keulen und Beilen bewaffnet, weissgekleidete Druidenpriester, zwei Tempelwächter mit grossen Lanzen und umgehängten Hörnern, zwei Knaben mit Fackeln kommen von rechts hinter dem Druidenstein. Oroveso kommt als der letzte von rechts hinten und tritt zum Druidenstein. Zwei Tempelwächter mit Lanzen und Hörnern folgen ihm und nehmen neben den beiden anderen Tempelwächtern Aufstellung. Alle verbeugen sich vor dem Druidenstein rechts. OROVESO Steig' auf den Hügel, Druidenschar, Späh' durch die dunkeln Zweige, Ob hell bestrahlend den Altar Das neue Licht sich zeige! Die Priester verneigen sich OROVESO Wenn es dem Ost entstiegen, Erschallen die Gesänge Der frohbewegten Menge, Und dreimal tön' das heil'ge Erz, Kündend das Heil dem Land. CHOR Norma bricht die geweihte Frucht Im heil'gen Hain! OROVESO Ja, Norma darf's allein! Allein! CHOR Allein, allein! Möge der Gott der Schlachten Auf ihrer Stirne thronen, Dass, die nach Rache schmachten, Töten die Legionen, Welche im blinden Rachedurst Roma hierher gesandt, ja! OROVESO Ja, es soll in wilder Flucht, Römer, dein Heer erzittern! Bald soll des Galliers schwere Wucht Den Adlersitz zersplittern! Schrecklich sei unsre Stimme, Ähnlich des Donners Grimme! OROVESO UND CHOR Bebe, du stolze Cäsarstadt, Er naht, dein Rächer naht! CHOR Schrecklich sei unsre Stimme, ähnlich des Donners Grimme! OROVESO Ähnlich des Donners Grimme! CHOR Bebe, du stolze Cäsarstadt, er nahet, der Rächer naht! OROVESO Bebe, du Stadt! er naht, der Rächer naht! Er verneigt sich gegen den Druidenstein und entfernt sich nach links über den Felsenablauf. Die vier Tempelwächter und die beiden Knaben folgen ihm. Die Priester und die Krieger gehen ebenso ab hinter dem Felsenablauf. OROVESO UND CHOR entfernt Mond, wenn dein milder Strahl erglänzt, Tritt Norma zum Altar! Ihre Stimmen verhallen. O Luna, erscheine! Der römische Prokonsul Pollione kommt, in seinen Mantel gehüllt, rasch und vorsichtig spähend, von rechts vorn. sein Begleiter Flavius mit Mantel und Schwert, folgt ihm. ZWEITER AUFTRITT Flavius, Pollione zu seiner Linken. Dann Stimmen der Priester Nr. 2 - Rezitativ und Kavatine POLLIONE horchend Die Stimmen verhallen, Frei finden wir die Pfade aus des Waldes Dunkel. FLAVIUS tritt mahnend zu ihm Tod lauscht in diesem Walde, Weissagte Norma. POLLIONE O nenn' den Namen nicht, Er macht mich schaudern! FLAVIUS erstaunt Wie deut' ich das? Die Traute, die Mutter deiner Söhne? POLLIONE Dem Freundesherzen darf ich kühn Vertrauen, was mich tief betrübet. Einst liebt' ich Norma, Doch bald zerrissen der Liebe Bande, Die Triebe, die mich an sie gefesselt; Den Abgrund seh' ich zu meinen Füssen, Und muss hinab mich stürzen. FLAVIUS dringlich Liebst eine andere du? Er wendet sich beobachtend nach hinten POLLIONE mahnend sich umsehend O rede leise! Ja, ich liebe eine andere! Adalgisa! Du sollst sie sehen, Des Lenzes schönste Blüte, Die verborgen hier prangt. Im Dienst des Tempels, des blutbefleckten Götzen, Gleicht ihre Anmut Einem Strahle der Sonne aus finstern Wolken. FLAVIUS betroffen Ach, armer Freund! Und schenkt sie dir Gegenliebe? POLLIONE Wohl darf ich hoffen. FLAVIUS warnend Wird Norma die Schmach nicht blutig rächen? POLLIONE Entsetzen im Blicke, Medeen ähnlich Glaubt' ich sie zu erblicken. Ein Traumbild - FLAVIUS Erzähle! POLLIONE Ha! die Erinnrung macht mich beben! Kavatine POLLIONE Mit Adalgisa Hand in Hand Träumt' ich mich am Traualtare; Sie trug ein weisses Brautgewand, Blumen im Lockenhaare. Hell brannten Hymens Fackeln schon, Laut tönt' ein Lied der Minne Lohn, Da schwanden meine Sinne, Und mich durchströmte ein Hochgefühl. - Plötzlich taucht auf ein Schattenbild, Schreitet langsam zum Tempel nieder; Und ein Druidenmantel hüllt ein Die halberstarrten Glieder. Schnell brannte Hymens Fackel aus, Schweigend entflohen alle; Die frohgeschmückte Halle Glich einem Leichenhaus! Im Hintergrunde beginnt der Mondschein, vorn bleibt es dunkel Und ach, verschwunden war die Braut, Samt den geliebten Söhnen; Fernher erklang ihr Schmerzenslaut Und meiner Kinder Stöhnen. Da steigt aus dumpfer Gruft herauf Ein Weib, den Stahl gerötet: "Norma hat sie getötet, So straft sie den Verrat!" - Das heilige Erz ertönt links entfernt. Der Mond wird allmählich sichtbar. FLAVIUS Hörst du? - Ihrem Amte vorzustehn, Nahet Norma dem heil'gen Haine! CHOR DER PRIESTER links entfernt Luna erscheint am Horizont. Fliehet, ihr Ungeweihten! Flieht, Ungeweihte! FLAVIUS drängend Eile! POLLIONE bestimmt Ich bleibe! FLAVIUS mahnend Hör', o hör' mich! POLLIONE empört Schändliche! FLAVIUS wie vorher Entflieh'! POLLIONE nach links drohend Fürchtet meinen Zorn! FLAVIUS gesteigert Fliehe nur schnell, Gefahr bringt der Verzug! POLLIONE ebenso Stürzen will ich den Götzendienst, Entlarven den Betrug! FLAVIUS wie vorher O eile nur schnell! CHOR DER PRIESTER links entfernt Fliehet, ihr Ungeweihten! FLAVIUS Gefahr brächte der Verzug! POLLIONE mit Festigkeit Was mich kräftigt und beseelt, Scheuet nicht der Menschen Stärke; Was in der Gefahr mich stählt, Liebe ist es, die Grosses stets gebar. Ihre Hand mir zu erringen, Will ich kühn die Waffen schwingen, In ihr Heiligtum zu dringen Und zerstören den Altar. FLAVIUS mit fortgesetzt mahnendem Drängen Eile! Fliehe! POLLIONE Stürzen will ich den Götzendienst! FLAVIUS Gefahr bringt der Verzug! Fliehe nur schnell! POLLIONE Zerstören den Altar! CHOR DER PRIESTER links entfernt Luna erscheint am Horizont, Fliehet, ihr Ungeweihten! Ungeweihte! POLLIONE Was mich kräftigt und beseelt, Scheuet nicht der Menschen Stärke; Was in der Gefahr mich stählt, Liebe ist es, die Grosses stets gebar. Ihre Hand mir zu erringen, Will ich meine Waffen schwingen, In ihr Heiligtum zu dringen Und zerstören den Altar! Ich will zerstören nun den Altar! Flavius zieht Pollione ab nach links vorn. Heller Mondschein fällt auf den Druidenstein (Altar) rechts. Die vier Tempelwächter kommen im ersten Takt mit Hörnern auf den Felsenablauf links, bleiben oben stehen und blasen. Die zwei Knaben mit Fackeln folgen und nehmen rechts vorn Aufstellung. Priesterinnen mit Mantel, Schleier und Kranz kommen im fünften Takt von rechts hinter dem Druidenstein. Oroveso und die Priester kommen im neunten Takt von links hinter dem Felsenablauf. Zwei Barden mit Harfen folgen den Priestern. Die gallischen Krieger folgen von ebendaher zuletzt. DRITTER AUFTRITT Oroveso. Priester. Priesterinnen. Tempelwächter. Barden. Krieger. Knaben Alle verneigen sich nach rechts gegen die Säule Irmins. Ein Knabe geht hinauf zum Druidenstein, entzündet mit seiner Fackel die Opferflamme und kehrt auf seinen Platz zurück. Nr. 3 - Chor ALLE Norma schreitet, des Eisenkrauts Blüte Schlingt sich heilig durch wallende Locken; In der Hand glänzt die goldene Sichel Als des wechselnden Mondes Symbol. Sie erscheint, und die Sterne der Römer, Glänzend erst, sind in Wolken verhüllet; Sie strecken die Arme nach der Säule Irmins aus. Irmin herrscht im Raume des Äthers, Gleich Kometen, bedrohend die Welt. Die vier Tempelwächter blasen. Norma kommt von rechts hinter dem Druidenstein; ihre Haare sind gelöst, ihr Haupt umgiebt ein Kranz von Eisenkraut, in der Hand trägt sie eine goldene Sichel. Acht Dienerinnen folgen ihr; zwei Dienerinnen tragen je ein Bündel von Mistelzweigen; vier Dienerinnen tragen leere flache Körbchen. VIERTER AUFTRITT Die Vorigen. Norma. Dienerinnen. Norma tritt hinauf vor den Druidenstein, legt die Sichel darauf und erhebt die Blicke wie begeistert zum Himmel. Die acht Dienerinnen nehmen vor den Stufen des Druidensteins Aufstellung. Hellster Mondschein überflutet Norma. Allgemeine Stille. Nr. 4 - Szene und Kavatine NORMA Wer lässt hier Aufruhrstimmen, Wer Kriegesruf ertönen? Wollt ihr die Götter zwingen, Eurem Willen zu folgen? Wer wagt vermessen, gleich der Prophetin, Der Zukunft Nacht zu lichten? Wollt ihr der Götter Plan vorschnell vernichten? Nicht Menschenkräfte können Die Wirren dieses Landes schlichten. OROVESO Wie lange noch soll lasten feindliches Joch Auf Galliens Gefilden? Die Tempel sind entheiligt, Das Land die Beute von Roms Gefräss'gen Adlern. Nicht länger darf es rosten, Das Schwert des grossen Brennus! CHOR mit energischer Bewegung Lass es rasch uns erheben! NORMA Dass es zersplittre? - Zersplittre! Ja, wenn tollkühn ihr versuchet, Allzufrüh es zu zeigen! Die Männer ziehen sich betroffen einen Schritt zurück. NORMA Es sind die Tage eurer blutigen Rache Noch nicht erschienen; Der Römer Wurfgeschosse Sind dem gallischen Beile Noch viel zu mächtig. OROVESO UND CHOR ruhig und gemessen Was kündet dir die Gottheit? Rede! weissage! Höchste Aufmerksamkeit NORMA In den geheimen Blättern hab' ich gelesen: Dem Untergang verfallen ist jene stolze Roma, Und Blutesbäche färben die mächtige Stadt! Doch nicht durch Gallier, Rom fällt durch eigne Schwäche, Fällt durch Laster und Verrat! Bedeutend Harret der Stunde, sie ist nicht fern, Die Schmach und Elend rächet! Friede gebiet' ich, während die Mistel ich breche! Sie streckt ihre Arme gen Himmel aus. Die zwei Barden nehmen ihre Harfen zur Hand und spielen. Die zwei Dienerinnen mit den Mistelbündeln gehen zu Norma hinauf und knieen vor sie hin. Die vier Dienerinnen mit den leeren Körbchen ebenso. Die letzten zwei Dienerinnen bleiben unten. Norma nimmt die Sichel vom Druidenstein und erhebt sie segnend über die Mistelbündel. Alle werfen sich auf die Kniee. Der Mond leuchtet in seinem vollen Glanze. Norma schneidet hierauf mit der Sichel die heilige Mistel von der Eiche und legt sie in die Körbchen der vier Dienerinnen; nach den fünfzehn Takten des Ritornells legt sie die Sichel auf den Druidenstein. Die sechs Dienerinnen erheben sich, treten herunter und knieen unten wieder nieder. NORMA Keusche Göttin im silbernen Glanze, Baue Segen auf die dir geweihte Pflanze! Deines Anblicks lass uns erfreuen, Wolkenfrei und schleierlos! OROVESO UND CHOR Keusche Göttin im Silberglanze, Thaue Segen auf diese Pflanze! Deines Anblicks lass uns freuen, Wolkenfrei und schleierlos! NORMA Schleierlos, ja, schleierlos! Lass nicht Zwietracht sich erneuen, Träufle Balsam in die Wunden, Bis den Frieden wir gefunden, Der erkeimt aus deinem Schoss. OROVESO UND CHOR Bis wir jenen Frieden aufgefunden, Der entkeimt aus deinem Schoss! Die zwei Barden enden ihr Harfenspiel. Norma schreitet herab und nimmt die Mitte. Alle erheben sich. NORMA Nun trennt euch alle, kein Frevler wage Diese Haine zu beschreiten; Wenn die Götter schleudern ihre Racheblitze, Um die Feinde zu zerstören, Hört ihr vom Druidensitze Meiner Stimme Donnerton! Die Krieger erheben drohend die Waffen OROVESO UND CHOR feurig Rufe! Nicht einer soll entrinnen! O gebiete! Lass uns beginnen, Und als erstes Racheopfer Falle der Prokonsul Roms! Norma tritt noch etwas weiter vor, steht ganz für sich. Die Dienerinnen mit den Körben voll Mistelzweigen gehen zu den einzelnen Gruppen und verteilen die Zweige. NORMA Er fällt! Ich kann ihn töten! Für sich Doch ihn töten? Mein Herz sagt nein! - Entflohner, kehre wieder, An meiner Brust erwarme, Und diese mächt'gen Arme Sind deines Lebens Pfand. O kehre wieder mit heitern Blicken, Nur du bist mein Entzücken, Meine Seligkeit! OROVESO UND CHOR unter sich Kommt langsam auch geschritten Der süsse Tag der Rache, Ist doch in allen Hütten Die Kampfeslust entbrannt; Bleibet doch auf Berg', in Hütten Die Kampfeslust entbrannt! NORMA für sich Ach! Entflohner, kehre wieder, An meiner Brust erwarme, Und diese mächt'gen Arme Sind deines Lebens Pfand! O kehre wieder mit heiteren Blicken, Nur du bist mein Entzücken, Meine Seligkeit! OROVESO UND CHOR Es bleibt auf Bergen und in Hütten Doch die Kampfeslust entbrannt! NORMA für sich O sieh' mein Sehnen, Sieh' meine Thränen, O schlinge wieder Der Liebe Band! Kehre wieder, sieh' meine Thränen! OROVESO UND CHOR Zur Rache! NORMA für sich Sieh' die Thränen, Sieh' mein Sehnen, Schlinge wieder Der Liebe Band! Sieh' die Thränen, O sieh' mein Sehnen, Schlinge wieder Der Liebe Band! OROVESO UND CHOR Auf den Bergen, in den Hütten Bleibt die Kampfeslust entbrannt! Die Knaben verlöschen das Feuer auf dem Druidenstein; einer nimmt die Sichel an sich. Alle wenden sich zum Abgang nach rechts. Norma, die Priesterinnen, die acht Dienerinnen, die Krieger gehen ab nach rechts hinten. Oroveso, die Priester, die Barden, die Tempelwächter, die Knaben entfernen sich nach rechts vorn. Die Priesterin Adalgisa kommt von rechts hinter dem Druidenstein. FÜNFTER AUFTRITT Adalgisa allein Nr. 5 - Szene und Duett ADALGISA wird lebhaft nach dem achten Takte sichtbar; dann hält sie inne und schreitet, nachdem sie sich umgesehen, träumerisch vor. Einsam sind diese Haine, fort die Druiden! - Sie kommt weiter vor und presst die Hände aufs Herz Ungesehen fliessen nun meine Thränen, Hier, wo ich zum erstenmale Den Helden Roms, wehe mir! erblickte, Der vergessen mich machte Des Tempels, der Götter! Wär' der Traum doch vorbei! Fruchtloses Hoffen! Ein unerklärlich Sehnen bringt mich ihm nahe; In seinem Anblick schwelgt mein krankes Auge; Ich höre seine Stimme in Zephyrs Flüstern Und im Säuseln der Blätter. Sie eilt nach rechts zu dem Druidenstein und wirft sich auf die Knie O beschütze mich, du Starker! O beschütze mich, beschütze mich, Du Starker, beschütze mich, Es wanket, es wanket mein Glaube! Du Starker, sei gnädig mir! Mein Glaube, ach, mein Glaube wankt! Sie erhebt sich langsam. Der römische Prokonsul Pollione kommt mit seinem Begleiter Flavius von links hinten. SECHSTER AUFTRITT Adalgisa rechts vorn. Pollione links hinten, Flavius an seiner Seite POLLIONE leise zu Flavius Da ist sie! Fort! Ich will nichts weiter hören! Flavius geht ab nach links hinten SIEBENTER AUFTRITT Adalgisa. Pollone POLLIONE kommt nach vorn, bemerkt ihn, erschrocken Du! Du hier? POLLIONE Was seh' ich? Du hast geweint? ADALGISA O sei barmherzig und lass mich beten! POLLIONE Du flehst zu Göttern, die grausam, Tyrannisch, stets abhold Deinen Wünschen und den meinen. Ach, Adalgisa, der Gott, Zu dem wir rufen, ist Amor. ADALGISA Weh' mir, o schweige, nicht darf ich weilen. Sie entfernt sich von ihm POLLIONE Willst du mich fliehen? Welch Ort wäre so geheim, Den ich nicht fände? ADALGISA Der Tempel, des Gottes Altar, Dem ich Treue geschworen. POLLIONE Dem Gotte! und unsrer Liebe? ADALGISA Muss ich entsagen! - POLLIONE sehr leidenschaftlich Geh' und opfre den falschen Göttern, Opfre ihnen denn und bring' mein Blut zur Sühne! Er umschlingt Adalgisa. Adalgisa sucht sich ihm zu entziehen POLLIONE Opfernd magst du, magst du's vergiessen, Nimmer kann ich dich verlassen, Nein, nein, dich nie verlassen! - Adalgisa hat sich losgemacht und weist mit der Rechten nach rechts auf die Säule des Gottes Irmin, mit der Linken auf sich: "sie habe sich den Göttern geweiht!" POLLIONE Nur dein Mund schwur den Altären, Doch dein Herz, es schwur zu mir; Mir nur sollst du angehören, Niemals mehr entsag' ich dir. ADALGISA Ach, du weisst nicht, wie sehr ich leide, Wie mein Herz dich warm verteidigt! Dem Altare, den ich beleidigt, Naht ich mich mit Kindesfreude. Sie streckt hilfesuchend beide Arme nach der Säule des Gottes aus: "Vergebliches Flehen, ich bin schuldbeladen" Heiter blickte einst mein Auge Zu des Himmels Blau empor; Nun ist mir sein Glanz entschwunden, Da ich meine Ruh' verlor. POLLIONE Mildre Sitten, schönre Sonne Bietet Rom, wohin wir eilen. ADALGISA aufs höchste erschrocken Fort du? Fort du? POLLIONE Zu neuen Thaten! ADALGISA Fort du? Und ich? POLLIONE Du folgst dem Gatten! Amor ist der Gott der Götter, weiche seiner sanften Macht! ADALGISA Unsre Priester, unsre Seher - POLLIONE Sie schreien Wehe! Und versinken dann in Nacht! ADALGISA Ach, wer rettet? - POLLIONE Von der Liebe bist du bewacht. ADALGISA Nein, ich darf nicht, Wachsam lauert der Verdacht. POLLIONE Du könntest fliehen und mich verlassen? Und mich verlassen? Adalgisa! Adalgisa! Komm nach Rom, dem Schmuck der Städte, Wo der Freude Nektarschale Froh uns winkt zum Göttermahle Und die Sorge sinkt in Lethe! Säume nicht, die Feinde wachen, Folge deines Herzens Ruf! Glücklich sein und glücklich machen, Welch ein herrlicher Beruf! ADALGISA Ja, das sind die süssen Laute, Ja, das sind die Liebeszeichen. Welche Gott Irmins Vertraute Vom Altare selbst verscheuchen! Nimmer kann ich widerstehen Diesem innern Herzensdrang! Götter, hört mein heisses Flehen, Zürnet nicht, dass mein Herz ich nicht bezwang! POLLIONE drängend So komme! ADALGISA zögernd Lass mich hier. POLLIONE mit geöffneten Armen Sieh' die Arme ausgebreitet! ADALGISA Ach, lass mich! POLLIONE Du könntest mich verlassen? ADALGISA Ach, Schande mich begleitet. POLLIONE Für mich nicht alles wagen? ADALGISA O höre meine Stimme! POLLIONE Adalgisa! ADALGISA Sieh', wie ich weine, Sieh' den Kampf der Pflicht und Liebe! POLLIONE Adalgisa, gehorch dem Triebe! ADALGISA Harre - du - Ach, vergebens, ich bin die deine! Umarmung POLLIONE Morgen in der Frührot Stunde Harr' ich dein! ADALGISA Zum ew'gen Bunde! POLLIONE Schwöre! ADALGISA Heilig! POLLIONE Geliebte Seele, ich darf hoffen? ADALGISA Ja, du darfst hoffen, Treulos bin ich den Altären, Treu werd' ich der Liebe sein! POLLIONE Mildre Götter wirst du ehren, Und verachten den Betrug - ADALGISA Treu werd' ich, ja, treu Der Liebe sein, Ja, treu der Liebe sein! POLLIONE Verachten den Betrug und Schein, Und treu der Liebe sein! %Er verlässt sie nach inniger Umarmung und geht ab nach links hinten. Adalgisa wendet sich zum Abgang nach rechts hinten. ACHTER AUFTRITT Verwandlung Nr. 6 - Duett Der Vorhang hebt sich nach dem fünfundzwanzigsten Takte. Normas Felsenwohnung mit einer Mittelöffnung, deren Vorhänge geschlossen sind; hinter den Vorhängen eine Lagerstätte mit einer Fensteröffnung darüber. Rechts eine Felsenöffnung als Eingang. Zur Rechten ein Steinaltar; mehr nach der Mitte hin auf Tierfellen ein Blocksitz. Links ein Herd; in seiner Nähe auf Tierfellen ein Ruhelager; an der linken Hinterwand ein Steintisch. Es ist Tag. Klothilde, die beiden Kinder Normas an der Hand führend; Norma ohne Mantel und Schleier zu ihrer Linken. NORMA geht auf die Kinder zu und wendet sich bebend vor ihnen zurück; zu Klothilde Geh' jetzt, ich will sie nicht mehr sehen! Schauder ergreift mich, Wenn ich sie will umarmen! Sie setzt sich auf das Ruhelager links, mit dem Arm auf dem Lager ihren Kopf stützend. KLOTHILDE Woher der Zwiespalt in deiner Brust? Es sind so gute Kinder! NORMA gepeinigt Frag' nicht! - In diesem Herzen Wechseln Gefühle. Bald herrscht die Liebe, Bald hass' ich meine Kinder. Bald macht ihr Anblick mir Freude, Bald wieder Kummer. Jetzt möcht' ich sie herzen, Jetzt zornig strafen, bald mich und sie verwünschen, Dass ich die Mutter. KLOTHILDE Und du bist Mutter! NORMA leidenschaftlich aufspringend O wär' ich's nicht. KLOTHILDE rasch Du sprichst in Rätseln! NORMA Du kannst mich nicht verstehen, Du treue Seele. Sehr wichtig Vom Senat berufen Ist Pollione KLOTHILDE Du wirst ihm folgen? NORMA betroffen, langsam und düster Darüber schwieg sein Mund. Mit steigender Aufregung Ach! Wenn er fliehen könnte, Und mich verliesse! Wenn er vergessen könnte Mich und die Kinder! KLOTHILDE Und glaubst du? - NORMA mit einigen Schritten nach links Gewissheit! Sie wäre minder grausam Als böse Ahnung, als trüber Zweifel! - Ich höre Tritte! Zu Klothilde Geh', verbirg sie! Klothilde geht mit den Kindern ab durch die Mittelvorhänge. Die Vorhänge fallen hinter ihr wieder zu. Adalgisa kommt mit dem Eintritt des Andante von rechts. NEUNTER AUFTRITT Adalgisa, Norma zu ihrer Linken Adalgisa steht still NORMA Adalgisa! ADALGISA für sich Herz, bleibe standhaft! NORMA Tritt näher, du holdes Wesen! Adalgisa bleibt stehen NORMA Komm näher! Du scheinst zu zittern? Zu sprechen wünschest du mit mir, Geheimes trägst du auf dem Herzen? ADALGISA So ist's. Doch du bist strenge, Kennst nicht die Macht der Leidenschaft, Der Schwäche bist du verschlossen. Sie tritt näher und wirft sich vor Norma auf die Knie Wo find' ich Stärke, mein Herz Dir zu entschleiern? Dir mich zu entdecken! NORMA Vertraue und rede, was betrübt dich? ADALGISA nach einem Augenblick des Bedenkens Die Liebe - Norma macht eine Bewegung ADALGISA O zürne nicht! Lange hab' ich gestritten, sie zu besiegen, All' meine Kraft verschwendet, Eifrig gebetet - Ach, alles fruchtlos! So wisse, was ich ihm zugeschworen: Den Tempel meiden und den Altar, Dem ich verlobt, verraten, Mein Heimatland verlassen - NORMA Halt ein, Verirrte! Sie legt ihre Hand auf Adalgisas Haupt Im Morgenrot des Lebens Ist dein Stern schon versunken? Sie hebt Adalgisa auf und führt sie nach dem Ruhelager links Erzähle mir alles! Sie sitzt und hält Adalgisas Hände Wie fasste dich die Glut? ADALGISA zu Normas Füssen knieend Von einem Blicke, von einem Seufzer Im geweihten Haine, dort am Altare, Wo ich in Andacht flehte. Ich bebte, Auf meiner Lippe starb das Wort des Gebetes. Norma lässt allmählich Adalgisas Hände los und versinkt in träumerisches Erinnern ADALGISA Ich war versunken in nie geahnte Wonne, Sah andre Himmel und andre Sonnen, Er war mein alles, mein Himmel! NORMA für sich O Rückerinnrung! So war mein Los, so ward mein Aug' geblendet, Als es auf seinem ruhte. ADALGISA Doch - du scheinst ja zerstreut? NORMA Rede! Ich höre. ADALGISA steht langsam auf Hier stahl er mir den Frieden, Hier sah ich ihn manche Stunde; Wenn er von mir geschieden, Brannte des Herzens Wunde. NORMA für sich Ach, so erging es mir! ADALGISA Lass mich, rief er mit Flehen, Dir in das Auge sehen - NORMA für sich O Rückerinnrung! ADALGISA entfernt sich einige Schritte von Norma; mehr für sich Lass mich aus deinen Augen - NORMA für sich So hat auch er gesprochen! ADALGISA Wonne und Hoffnung saugen, Gieb mir des Haares Locke, Nicht versage der Liebe Kuss! NORMA für sich O süsse Töne! So haben sie auch einst Dies unbewachte weiche Herz gebrochen! ADALGISA in seligem Erinnern wie für sich Sanft, wie der Zephyr am Fliederstrauch, Süss, wie die Töne der Harfe, Klang seines Mundes Beredsamkeit - Ich sah den Himmel offen. NORMA für sich Ich fühlte gleichen Zauber! ADALGISA weinend, sich Norma wieder nähernd Ach, da vergass ich die Pflichten - NORMA Du sollst nicht weinen. ADALGISA Wirst du mich gnädig richten? NORMA Ich bin nicht grausam. ADALGISA Nun kennst du mein Vergehen. NORMA Ich bin nicht grausam. ADALGISA Wirst du mein Herz verdammen? Verzweifelnd vor Norma zusammenstürzend und deren Knie umfassend Rette mich vor mir selber, Rette mich, rette mich, wenn du kannst! NORMA O klage nicht, du Tiefbetrübte, Noch ist zu lösen dein Gelübde. ADALGISA Ach! wiederhole des Trostes süsse Worte! NORMA steht auf und hebt Adalgisa empor an ihre Brust Heil dir, o Heil! Sie küsst sie Empfange diesen Schwesterkuss, Ich will der Welt dich retten, Sich von Adalgisa loslösend Denn dein Gelübde lös' ich auf, Ich breche deine Ketten! Dir lacht das Glück der Liebe, Die höchste Erdenlust. ADALGISA O wiederhole noch einmal Des Trostes süsse Worte; Geendet ist nun meine Qual, Mir strahlt der Hoffnung Sonne! Du hast hinweg genommen Die Leiden meiner Brust, Ja - ja - ha, welch süsse Lust! NORMA Dir wird noch lachen das Glück der Liebe, Die höchste Lust - ach! ADALGISA O wiederhol' des Trostes Wort, Des Trostes Wort - ach! NORMA Empfange diesen Schwesterkuss, Ich will der Welt dich retten. Ja, dein Gelübde löse ich, Ich sprenge deine Ketten. Dir lacht das Glück der Liebe, Die höchste Erdenlust, Ja, ja, ja, höchste Lust! ADALGISA O lass die Worte, Lass mich sie hören! Du hast weggenommen Den Stachel der Brust, Ja, ja, ach, welche Lust! BEIDE Ach - ach, welche Lust! NORMA drängt Adalgisa nach der Mitte und umarmt sie stürmisch Doch sprich, wie ist sein Name? Mit einigen Schritten nach links Ist er vom Kriegerstande? ADALGISA Gallien ist nicht sein Heimatland, Er ist ein Römer! NORMA ahnend Römer? Und heisst? Vollende! - Pollione kommt von rechts ZEHNTER AUFTRITT Pollione rechts. Adalgisa in der Mitte, etwas zurückstehend. Norma links ADALGISA zeigt nach rechts Hier kommt er. NORMA aufflammend Dieser? Pollione! ADALGISA. Du zürnest? NORMA gesteigert Pollione ist dein Geliebter? Täuscht mein Gehör mich? ADALGISA Ach, nein! POLLIONE zu Adalgisa Unheil hast du gestiftet! ADALGISA betroffen Unheil? NORMA zu Pollione Bebest du? Und für wen Magst du jetzt erbeben? Ausbrechend. Du sollst nicht beben für jene dort, Nein, nicht für jene, Die nur dein Hauch vergiftet! Adalgisa bebt erschrocken mehr nach hinten zurück NORMA Sie nicht; du gabst dein Heuchelwort, Du nur warst der Verräter! Erbebe nur für dich, erbebe nur für dich, Für deine Kinder, zittre für mich, Für dich, Verräter, erzittre nur für dich, Erzittre für dich, für dich und mich! ADALGISA aufs höchste betroffen Was hör' ich? Du? - Pollione? - Rede! - POLLIONE wendet sich schweigend ab ADALGISA Nein, schweige! O Himmel! Sie presst, etwas in sich zusammensinkend, das Gesicht in die Hände. Norma tritt zu ihr. Pollione hat nur für Adalgisa Sinn und Auge. Nr. 7 - Terzett NORMA Arme! geopfert ist dein Glück, Ihm konntest du vertrauen! Besser wär's, giftigen Schlangenblick, Sie zeigt nach Pollione Als seine Blicke zu schauen! Ach, deine holden Augen Gleichen zwei Thränenbächen. Brennende Qualen foltern Zwei treue Herzen, Die der Verräter treulos brach! ADALGISA Ach, wann schliesst sich des Zweifels Thor? Schrecklich sind deine Züge! Wahrheit verlangt mein scheues Ohr Doch dieses Herz verlangt die Lüge. NORMA zu Adalgisa Arme, geopfert ist dein Glück. Ja, besser wär's, gift'ger Schlangenblick, Als diese Blicke, den Blick zu schauen. ADALGISA Ahnung erfüllt mein banges Herz! Was wird die Zukunft spenden? Nie wird mein Jammer enden, Wenn er den Eid mir brach. NORMA zu Adalgisa Lass deine Thränen strömen, Brennende Qualen foltern Zwei Herzen, die er treulos brach, Die der Verräter treulos brach! POLLIONE Norma, in dieser Stunde nicht Soll mich dein Zorn erreichen! Er zeigt nach Adalgisa Sieh' auf dies holde Angesicht, Es stirbt dahin, sieh', es will erbleichen! Nicht in der Jungfrau Gegenwart Sollst du den Schleier lüften; Mag denn der Himmel richten, Wer von uns beiden mehr verbrach! Sieh' dort die Arme, Gebeugt von dem Harme, Die ohne Schuld Die rein, die nichts verbrach! - NORMA Ja, besser wär' es, Schlangenblick, Nach Pollione zeigend Als diesen Blick zu schauen! - Du kannst es wagen! - Lass den Thränen freien Lauf, Beide sind, beide sind betrogen! Beide hat er uns belogen, Ja, uns belogen, Da er seine Schwüre, seine Schwüre brach, Er seinen Eid mir brach! - ADALGISA tritt Norma näher Ach, wann schliesst sich des Zweifels Thor? Wahrheit verlangt mein scheues Ohr, Doch dieser Busen verlangt die Lüge! Ahnung erfüllt mein banges Herz, Was wird die Zukunft spenden? Nie wird mein Jammer enden, Wenn er den Eid mir brach. Ahnung, ja, sie erfüllt mein banges Herz! O was wird mir die Zukunft spenden? Ach, nie, niemals wird, nie sich mein Jammer enden, Wenn er den Eid mir brach! - Sie schmiegt sich bittend an Normas Schulter NORMA macht sich frei; empört zu Pollione Schändlicher! POLLIONE Du rasest! Er will fort NORMA beobachtet beide mit grösster Aufmerksamkeit; zu Pollione Bleibe noch! POLLIONE fasst Adalgisas Hand und will sie mit sich fortziehend Folge mir! ADALGISA sich von ihm losreissend Nein, niemals folg' ich dir! Norma nennt dich Gatten! POLLIONE Teure, dich hab' ich erkoren! ADALGISA Nein, niemals folg' ich dir! POLLIONE schliesst Adalgisa fest in seine Arme Mein wirst du, hab' ich geschworen. ADALGISA Geh', falscher Mann! POLLIONE mit Feuer Für dich nur fühl' ich allein Heisse Liebe, für jene Hass! Für jene empfind' ich Hass! NORMA Wohlan! Mit erstickter Stimme Vollende den Meineid Und fliehe! Zu Adalgisa Folge ihm! ADALGISA reisst sich von Pollione los und eilt zu Norma hin Norma, o höre mich! gieb mir den Tod! NORMA in höchster Leidenschaft die Mitte nehmend; zu Pollione Ziehe hin, weil du vergessen Deinen Schwur, der Kinder Ehre! Doch lässt meines Fluches Schwere Nie der Liebe froh dich werden! Ziehe fort, weil du vergessen Deinen Schwur, der Kinder Ehre! Ziehe fort, weil du vergessen Wort und Ehre! Sie wendet sich nach links POLLIONE zu Norma Magst du fluchen im Thorengrimme, Abscheu wecket dies tolle Wüten! NORMA zu Pollione Auf dem Lande, wie auf dem Meere Wird ereilen dich meine Rache, An dem Lager hält sie die Wache, Rüttelt dich mit Allgewalt. POLLIONE Magst du fluchen im Thorengrimme, Abscheu weckt dies tolle Wüten; Magst du Hassespläne brüten, Mächt'ger ist der Liebe Stimme. Fluche nur im Thorengrimme, Abscheu weckt dies tolle Wüten, Ja, dies Wüten! ADALGISA Norma anflehend O verzeihe, meine Leiden Dir getrübet der Seele Ruhe! POLLIONE zu Norma Sieh' mich trotzen dem Schrei nach Rache, Denn der Himmel schützt die Schwache. Fluche mir im Thorengrimme, Ja, ich trotze deiner Wut! ADALGISA zu Norma O verzeihe, dass meine Leiden Dir getrübt der Seele Ruhe! NORMA zu Pollione Fliehe! ADALGISA Berge, Meere sollen scheiden Ewig mich von dem Verräter! NORMA Verräter! ADALGISA O verzeih', dass meine Leiden Dir getrübt der Seele Ruhe - POLLIONE Magst du fluchen, magst du wüten! ADALGISA Deine Ruhe dir getrübt, Ja, dir getrübt! POLLIONE Sieh' mich trotzen dem Schrei nach Rache, Denn der Himmel, er schützt die Schwache! NORMA Auf dem Lande, wie auf dem Meere Wird ereilen dich meine Rache! ADALGISA Dich nur will ich glücklich wissen, Meine Schmerzen in mich verschliessen; Vater sei er seinen Kindern Und das Grab mein Aufenthalt! NORMA Ja, Verräter, meine Flüche Stören deine Liebeslust! POLLIONE Fluche nur im Thorengrimme, Ja, ich trotze deiner Macht! Deine Brust, Sie fühlt sich schuldbewusst. NORMA Nie, nie fühle du der Liebe Lust. ADALGISA Ja, ja! Schweigen soll der Schmerz; In der eignen Brust Verschliessen meine Schmerzen Sich schuldbewusst! POLLIONE eilt ab nach rechts, Adalgisa stürzt Norma zu Füssen. ZWEITER AKT Nr. 8 - Introduktion und Szene Der Vorhang hebt sich im fünfzigsten Takte. Dieselbe Felsenwohnung Normas. Die Mittelvorhänge sind zurückgeschlagen. Es ist Nacht; durch die Fensteröffnung über der Lagerstätte hinten fällt das Mondlicht. ERSTER AUFTRITT Norma. Ihre beiden Kinder schlafend auf der Lagerstätte hinter den Mittelvorhängen, vom Mond beschienen, der durch die Fensteröffnung darüber fällt. NORMA kommt ohne Schleier, offene Haare, verstört und bleich, mit einer brennenden Lampe und einem Dolche von rechts; sie setzt die Lampe auf den Steintisch an der linken Hinterwand, tritt vor ihre beiden Söhne und neigt sich leicht über sie. Beide im Schlafe! - Sie sehen nicht das Eisen, Das sie durchbohren soll. Sie drückt ihr Mitleid hinab Nicht rege dich, Erbarmen, sie müssen sterben! Hier harrt der Tod und Schande trifft sie in Rom. Ha, Normas Blut entehret! Zum Sklavendienst erniedrigt! Könnt' ich's ertragen? Rasch vollbracht! Sie macht einen Schritt, bleibt dann stehen Ja, wenn ich dem Lager nahe, Fasst mich ein Schauder, Es sträubt sich das Haar auf meinem Haupt! Die Kinder töten - Die hier in Unschuld noch schlummern? Sie, Noch vor kurzem Wonne der Mutter, Sie, deren süsses Lächeln Die Verzeihung des Himmels mir verhiessen! Sie tötet dieser Stahl! Sind sie Verbrecher? Es sind Polliones Söhne: dies ihr Verbrechen! Mir sind sie schon gestorben! Sie mögen beide tot auch für ihn sein! Er find' sie als Leichen! - Wohlan! Sie schreitet zur Lagerstätte hinten und erhebt den Dolch; plötzlich grell aufschreiend. O nein! teure Kinder! Die Kinder erwachen von diesem Aufschrei und richten sich auf NORMA kniet über sie gebückt und umfasst sie Geliebte! Sie beruhigt die Kinder und legt sie wieder zurück; noch knieend Herbei! Klothilde! Klothilde kommt eilig von rechts ZWEITER AUFTRITT Klothilde, Norma zu ihrer Linken. Die Kinder auf der Lagerstätte hinten NORMA Eile! Bringe mir Adalgisa! KLOTHILDE Sie ist dir nahe! Sie sucht einsame Pfade und weinet und betet. NORMA erhebt sich Geh'! Klothilde geht ab nach rechts. Die Kinder schlafen wieder ein. NORMA Meinen Fehltritt will ich bekennen Und dann, dann sterben! Adalgisa kommt von rechts DRITTER AUFTRITT Adalgisa, Norma zu ihrer Linken. Die Kinder auf der Lagerstätte hinten Nr. 9 - Rezitativ und Duett ADALGISA furchtsam, mit gesenktem Blick Du willst mich sprechen? Sie erhebt den Blick und geht rasch einige Schritte auf Norma zu; erschrocken. Tief gefurcht die Stirne, bleich dein Gesicht? NORMA Blässe des Todes! Du sollst nun meine Schande erfahren! Nur eine letzte Bitte höre und erfülle sie, Wenn du Erbarmen hast Mit dem grässlichen Schmerz, Der mich durchwühlet! ADALGISA Alles, alles geschehe! NORMA Du schwörest? ADALGISA Ich schwöre! NORMA So höre! Ein Ziel zu setzen Dem mir verhassten qualvollen Leben Bin ich entschlossen. Adalgisa macht eine erschrockene Bewegung NORMA Diese Teuern will ich nicht mit mir nehmen. Sei ihnen Mutter! ADALGISA heftig erschrocken Halt ein! Ich ihnen Mutter? NORMA In der Römer Lager Bring' sie dem Manne, Den ich zu nennen scheue. ADALGISA Ach, was verlangst du! NORMA Wird er dein treuer Gatte, Sei sterbend ihm verziehen. ADALGISA schaut schmerzlich zu Norma auf Gatte? Ha, nimmer! NORMA gross, erhaben Sei unsern Kindern nun Mutter! - Duett NORMA Diese Zarten jetzt beschütze, Sei ihr Stab, sei ihre Stütze. Nicht begehr' ich Rang' und Grösse, Hüten mögen sie die Herden; Nur bedecke ihre Blösse Und lass sie nicht Sklaven werden! Immer wirst du daran denken, Dass ich ihnen Mutter ward. Freiheit wirst du ihnen schenken, Sklavenlos ist allzuhart! ADALGISA Hohe Norma, du Starke, Weise, Bleibe Mutter, sei Freundin mir; Deine Kinder kann ich dir nicht rauben, Deinen Auftrag nimmer vollziehn! NORMA Deine Eide - ADALGISA Will ich halten, Dir zum Heile, dir zum Gedeihen! In das Lager will ich fliegen, Deinen hehren Sinn zu künden; Ja, mein Flehn wird ihn besiegen, Meinen Mund mit Kraft beseelen. Hoffe! Mit der Einsicht Waffen Werd' ich bald zurück ihn führen; Hart ist nicht sein Herz geschaffen, Norma herrschet noch darin. NORMA Ich ihn bitten? Kannst du das glauben? Ich ihn? ADALGISA Norma! O hör' mich! NORMA Ich darf nicht hören! Mit der ausgestreckten Rechten. Eile - fort! ADALGISA Ach, nein, ich kann nicht! Ach, nein! - Sie ergreift die ausgestreckte Rechte Normas. Sieh', o Norma, ach, hab' Erbarmen, Diese Pfänder verschmähter Liebe! Habe Mitleid mit diesen Armen, Eh' du grausam, ja, grausam dich zerstörst! NORMA ihre Hand von Adalgisa losmachend Ach, warum willst du mein Herz bewegen? Neue Hoffnung soll ihm entkeimen? Siehst doch, wie mit solchen Träumen Du den stolzen Sinn verkehrst! ADALGISA zeigt auf die Kinde Sieh' die teuren Pfänder deiner Liebe, O hab' Erbarmen, ach! Sieh', o Norma, o hab' Erbarmen! Diese Pfänder der verschmähten Liebe, Habe Mitleid mit diesen Armen, Ehe du grausam dich zerstörest, Dich grausam, dich selber zerstörst, Dich selbst zerstörst! NORMA Ach, warum, ach, warum willst du mein Herz, Dieses Herz, ach! ach, warum denn mein Herz bewegen? Ja, du willst nur mein Herz bewegen, Neue Hoffnung soll ihm entkeimen! Siehst du, wie mit solchen Träumen Den Sinn mir, den Sinn mir verkehrst, In mir verkehrst! ADALGISA schliesst die Mittelvorhänge und geht auf Norma zu Höre mein Flehen! NORM im Innersten bewegt, schwankend, hoffend Verlasse mich! Er liebt dich! ADALGISA Er wird bereuen. NORMA Und du? ADALGISA Ich liebt' ihn, nun kann Ich ihm nur Mitleid weihen. NORMA gross, bedeutend Du reine Seele! Du wolltest? ADALGISA entsagend, feierlich Heiligen deine Rechte, oder mit dir Auf ewig mich bergen in Waldes Nacht. NORMA von Adalgisas Opfer aufs höchste ergriffen Ja, du siegest! umarme mich! Gerührt, weich, mit Kuss und Umarmung Tugend, es siegt deine Macht! Adalgisas Kopf in ihren beiden Händen haltend ADALGISA, NORMA Ja, bis zur letzten Lebensstunde Bleib' ich dir Freundin und treue Gefährte. Ach, für zwei Herzen im engen Seelenbunde Ist gross genug noch die weite Erde. Sich umschlungen haltend Stürzt auch die Welt zusammen, Steht der Altar in Flammen, Halten zwei Schwesterherzen Einander treu bewacht! VIERTER AUFTRITT Verwandlung Nr. 10 - Chor und Arie Der Vorhang hebt sich nach dem neunzehnten Takte. Kurze Waldgegend. Es ist früh am Morgen. Anführer und gallische Krieger mit Schilden, Lanzen, Keulen und Beilen bewaffnet.Die Ersten kommen erregt von rechts vorn. DIE ERSTEN Noch nicht fort? DIE ZWEITEN Er ist im Lager, im Lager! Nichts gewisser! Die rauhen Klänge Der Schlachtgesänge Schallen laut empor! Gebietrisch stehen Adler noch am Lagerthor. BEIDE in feurigem Unmute Ein kurzes Zaudern Bringet unsern Plan zur Reife. Wartet noch, wartet noch! Ein kurzes Zaudern Bringet unsern Plan zur Reife. Ob sich Not und Elend häufe, Gläubig blickt zu Gott empor! In trotziger Ruhe Haltet still und keiner greife Nun dem Rat der Götter vor! Oroveso kommt von links hinten FÜNFTER AUFTRITT Die Vorigen. Oroveso. OROVESO die Mitte nehmend Ihr Tapfern! Wohl durft' ich hoffen, Dem raschen Mut ein nahes Ziel zu zeigen; Gern hätt' ich euch befohlen, Der Römer Stolz zu beugen. Alle mit den Waffen in freudiger Bewegung OROVESO Doch - bezähmt euern Zorn! Die Götter schweigen. CHOR Schrecklich! soll in den Wäldern Der verhasste Prokonsul länger hausen? Er ward nach Rom berufen! OROVESO Er kehrt zurück zur Tiber, Doch einen wildern Krieger Gedenkt uns Rom zu senden. CHOR Und Norma weiss? Und Frieden Verkündet noch ihr Mund? OROVESO Es war vergebens, Zur Rach' sie anzueifern. CHOR Und was befiehlst du? OROVESO Dem Schicksal die Stirn zu beugen, Uns zu trennen und vorsichtig noch Zu bergen unser Unternehmen. CHOR trotzig, wild Warum Verstellung? OROVESO Sie nur allein führt zum Ziele! - Fluch den Römern! ihr Joch zu brechen, Zucket krampfhaft diese Rechte! Doch die Gottheit will nicht Gefechte, Nur Verstellung rät sie an! CHOR So lasst uns schweigen und schweigend harren, Bis der Rache Stunden schlagen! OROVESO Glaubt der Feind an unsre Schwächen, Wird er sorglos sich entscharen: Kommt die Stunde, soll er erfahren, Dass der Gallier kämpfen kann! CHOR Wehe Rom, wenn unsre Waffen Stürmend seinen Adlern nahn! Heuchelt denn, wenn heucheln nützet, Wallt das Blut auch zornerhitzet! Wehe Rom, wenn unsre Waffen Stürmend seinen Adlern nahn! Doch Verstellung rät sie an! OROVESO Nur Verstellung rät sie an! Kommt die Stund', soll er erfahren, Dass der Gallier kämpfen kann. Doch Verstellung rät sie an! SECHSTER AUFTRITT Verwandlung Nr. 11 - Szene Der Vorhang hebt sich nach dem zehnten Takte. Der heilige Hain des heidnischen Gottes Irmin wie zu Anfang des ersten Aufzuges. Es ist Tag. Norma allein, wie im ersten Aufzug mit dem Kranz NORMA ruhig, doch freudig verklärt Er kehrt zurück! Ja, fest kann ich vertrauen auf Adalgisa! Er wird den Fehl bereuen, Um Verzeihung flehn, wieder mein sein. Ach! die süsse Ahnung Verscheucht die dunklen Wolken, Die meine Stirn bedeckten! Mit erhobenen Armen Es scheint die Sonne, wie in den Tagen Unsrer jungen Liebe. Klothilde kommt eilig von links SIEBENTER AUFTRITT Norma, Klothilde zu ihrer Linken. Dann nahe Stimmen NORMA tritt ihr erwartungsvoll entgegen Klothilde! KLOTHILDE O Norma! Jetzt handle rasch! NORMA Was sagst du? KLOTHILDE Treulos! NORMA Erzähle, berichte! KLOTHILDE Umsonst flehte Adalgisa und weinte. NORMA wendet sich von Klothilde ab nach vorn Ihr konnt' ich trauen, Ihr, meiner Feindin? Sie log, die Falsche! bestürmte Mein Herz mit Thränen! Sie ist hingegangen, neu ihn zu fesseln! KLOTHILDE Sie kehrt zurück zum Tempel, Trauernd, beklommen, Bereit, das Gelübde abzulegen. NORMA ohne Klothilde anzusehen Und er? KLOTHILDE Er schwur, vom Altar der Götter Sich seine Braut zu rauben. Norma giebt Klothilde ein Zeichen. Klothilde entfernt sich nach rechts hinter dem Druidenstein. NORMA Voll ist die Sündenschale Und erwacht ist die Rache! Ja, Blut soll fliessen, römisches Blut, Stromweis will ich's vergiessen! Sie geht nach rechts hinauf zur heiligen Eiche, ergreift das dort hängende Schwert und schlägt dreimal damit auf den Schild. Drommeten links in der Nähe. CHOR links und rechts in der Nähe Schallt das Erz unsrer Gottheit? Priesterinnen kommen mit Mantel, Schleier und Kranz von rechts hinter dem Druidenstein. Oroveso, Priester, vier Tempelwächter, zwei Barden, gallische Anführer und Krieger mit Schilden, Lanzen, Keulen und Beilen bewaffnet, kommen von links, teils über den Felsenablauf. ACHTER AUFTRITT Tempelwächter. Norma. Barden. Priesterinnen. Priester. Oroveso. Krieger. CHOR Norma, was soll's? Erklungen der Schild von Gott Irmin? Wirst du der Erde Götterspruch künden? NORMA hält das Schwert hoch Kämpfe! - Schlachten! - Vertilgung! CHOR Doch hat erst heute dein prophet'scher Mund Frieden geboten! NORMA Die Götter zürnen und eure Feinde fallen! Lasst Schlachtenruf erschallen, Ihr starken Krieger! Kämpfet, kämpfet! Nr. 12 - Schlachtgesang CHOR begeistert gegen Norma Kämpfe! Kämpfe! die gallischen Eichen Sind nicht stärker als Galliens Mann! Wie das hungernde Raubtier die Herden, Fallt die römischen Phalangen an. Schlachtgemetzel! Vernichtung und Rache! Falle Wucht und der Sturmbock erkrache! Wie die Mistel der Sichel erlieget, Sei der Römer durch Schwerter besieget! Stürzt die Adler, beschneidet die Schwingen, Tötet alles, was Waffen noch trägt! Lasst ins Lager der Römer uns dringen, Wo das Herz unsres Todfeindes schlägt. Die Barden spielen die Harfe. Die Krieger knieen nieder, erheben die Waffen, dass sie gesegnet werden. Die Priester und Priesterinnen segnen die Waffen mit erhobenen Händen. Auch Norma segnet, das Schwert in der Linken vor sich hinhaltend, mit ihrer Rechten. CHOR Auf, ihr kräftigen Söhne der Wälder! Lasset den Boden mit Blut uns befeuchten, In höchster Aufregung Dass die Strahlen der Sonne beleuchten Roms Verderben und Galliens Sieg! Die Krieger erheben sich und schlagen die Waffen aneinander. Die vier Tempelwächter entfernen sich unauffällig nach rechts hinter dem Druidenstein. Nr. 13 - Rezitativ und Duett OROVESO Du willst den Göttern opfern? Noch gewahr' ich kein Opfer. NORMA Es wird sich stellen! Es hat noch dem Altare Ein Opfer nie gefehlt. Lärmen rechts entfernt. Doch welch Getümmel? Klothilde kommt eilig von rechts hinter dem Druidenstein NEUNTER AUFTRITT Die Vorigen. Klothilde nimmt die Mitte und steht dann zurück KLOTHILDE Der Tempel ward geschändet Durch einen Römer. In geweihter Halle, Wo die Jungfrauen beten, ward er ergriffen. Grosse Bewegung OROVESO UND CHOR Ha, ein Römer! NORMA beiseite Was hör' ich? Wenn er es wäre! OROVESO UND CHOR nach rechts hinten sehend Der Frevler nahet! Die vier Tempelwächter führen den entwaffneten Pollione von rechts hinter dem Druidenstein herbei. ZEHNTER AUFTRITT Die Vorigen. Pollione. Oroveso zur Rechten. Die Tempelwächter NORMA beiseite Er ist es! OROVESO UND CHOR Ha, Pollione! Norma gibt ein Zeichen. Die Tempelwächter lassen Pollione los und treten auf ihre vorige Stelle. NORMA beiseite Süss ist der Rache Stunde! Sie tritt über die Stufen herunter OROVESO Du Lästrer unsrer Götter, Aus welchem Grund entweihtest du Der frommen Jungfraun Zellen, Betratest Gott Irmins Gebiet? POLLIONE Durchbohrt mich, doch stellet keine Fragen! NORMA Ich will ihn töten! Entfernet euch! Sie tritt zwischen Pollione und Oroveso POLLIONE Wen seh' ich? Norma!? NORMA Ja, Norma! OROVESO ergreift das Schwert eines Kriegers und reicht es Norma Das Heldenschwert ergreife, Räche die Götter! NORMA nimmt das Schwert Wohlan, es sei! Sie erhebt es, um Pollione zu durchbohren, hält inne OROVESO UND CHOR Du zögerst? NORMA beiseite Ach, ich vermag's nicht! OROVESO UND CHOR Du wankst? - Darfst du noch zaudern? NORMA beiseite Er flösst mir Mitleid ein. OROVESO UND CHOR Durchstoss' ihn! NORMA unsicher und wankend Erst muss ich ihn befragen, Ob er allein der Schuld'ge, ob jene Jungfrau Nicht im geheimen Bunde stand mit dem Verführer; Ich muss ihn sprechen ganz ohne Zeugen. Sie giebt das Schwert an Oroveso zurück OROVESO UND CHOR Welch Geheimnis? POLLIONE für sich Ich bebe! Die Priesterinnen, Klothilde, Oroveso, Tempelwächter, Priester, Barden, Krieger gehen ab, woher sie kamen. ELFTER AUFTRITT Pollione, Norma zu seiner Linken Duett NORMA schwer atmend Nun bist du in meinen Händen, Niemand kann dich mehr erretten, Ich vermag es. POLLIONE Doch du darfst nicht! NORMA Ja, ich will es! POLLIONE Du, Norma? NORMA Höre! Schwöre mir bei unsern Söhnen Und bei Phöbus Sonnenwagen, Adalgisa zu entsagen, und mit ihr Zum Altare nicht zu treten; Und ich löse dann deine Ketten, Sah heute dich, sah dich jetzt zum letztenmal! Schwöre! POLLIONE Nein! Ich bin nicht feige! NORMA drängend Schwöre! Schwöre! POLLIONE entschlossen Gieb mir den Tod! NORMA Hoffest du, Dass mir genüge nur dein Leben? POLLIONE Es ist verfallen! NORMA nahe an ihn herantretend Schon gezückt Aufs Herz der Kinder war das Eisen! POLLIONE aufschreiend Ha, unerhört! NORMA schmerzlich weinend Schlummernd wollt' ich sie ermorden! Treulos ist mein Mut geworden, Ich verschonte die Kinder; doch heute Sind sie meine sichre Beute. Zögre ferner, und ich vergesse, Dass ich Gattin und Mutter bin. POLLIONE ausser sich Ha! Megäre, den Stahl entblösse! Nimm mein Leben, o nimm es hin! Kein Erbarmen! NORMA Nur dich? POLLIONE O dass ich allein als Opfer falle! NORMA Meinst du? - Alle! Tausend nicht von Römerleichen Können meinen Grimm erweichen. Adalgisa - POLLIONE leidenschaftlich empört Auch sie? NORMA Sie vergass ihr Gelübde! POLLIONE Willst du sie töten? NORMA Büssen soll sie ihr Verbrechen, Sterben heut' den Flammentod! POLLIONE flehend Strafe mich, den Missethäter, Wende ab, was sie bedroht. NORMA Sinkt dein Hochmut? Zu spät nun. Verräter! Durch das Wort, das jene richtet, Wirst auch du, dein Glück vernichtet. An dem Schmerz will ich mich weiden, Lächeln bei dem Todesstöhnen; Rächen mich, und euch verhöhnen Kann ich jetzt, und will es auch! Mit unterdrückter Stimme Kann mich rächen und euch verhöhnen; Ja, bebet beide, ich will es auch! POLLIONE Lass mich mein Verbrechen büssen! Er kniet vor ihr Sieh' mich hier zu deinen Füssen! Richte mich mit strenger Wage, Aber schone ihrer Tage. Norma in vor Eifersucht rasender Bewegung POLLIONE Magst du mich allein verderben, Segen sei mein letzter Hauch! NORMA Durch das Wort, das jene richtet - POLLIONE Lass mich mein Verbrechen büssen! NORMA Wirst nun auch du - POLLIONE Willst du nicht? NORMA Dein Glück vernichtet! POLLIONE Richte mich mit strenger Wage, Aber schone ihrer Tage. NORMA An dem Schmerz will ich mich weiden, Lächeln bei dem Todesstöhnen, Rächen mich und euch verhöhnen Kann ich jetzt und will es auch. POLLIONE Ungerechte! NORMA Rache ist so süss! POLLIONE Magst du mich allein verderben, Segen sei mein letzter Hauch! Er steht auf NORMA Rächen kann ich mich an beiden, Und will es auch! Ich kann und will und will es auch! Nr. 14 - Rezitativ und Schlussarie POLLIONE Gib mir das Eisen! NORMA Du wagst es? Fort von mir! POLLIONE stürzt nach rechts auf die Eiche zu, um das Schwert zu ergreifen Das Eisen! Das Eisen! NORMA vertritt ihm den Weg und eilt hinauf Herbei, ihr Wächter! Tempelpriester, erscheinet! Sie ergreift das Schwert und schlägt dreimal auf den Schild. Priesterinnen kommen zurück mit Mantel, Schleier und Kranz von rechts hinter dem Druidenstein. Oroveso, Priester, Tempelwächter, zwei Barden, gallische Anführer und Krieger mit Schilden, Lanzen, Keulen und Beilen bewaffnet, ebenso von links, teils über den Felsenablauf ZWÖLFTER AUFTRITT Die Vorigen. Barden. Tempelwächter. Priesterinnen. Oroveso. Priester. Krieger Norma schreitet herunter und in die Mitte. Alle stehen erwartungsvoll. NORMA Ein neues Opfer Liefre ich eurem Grimme! Eine Verruchte vom Priesterstande Schloss schnöde Liebesbande, Verriet die Götter, Ward treulos ihrem Lande! OROVESO UND CHOR Welch Verbrechen, welche Schmach! Entdecke alles! NORMA Ihr mögt den Holzstoss rüsten. Vier Priester entfernen sich nach links hinten POLLIONE zu Norma Lass dich erweichen, töte sie nicht! OROVESO UND CHOR Den Namen! NORMA Vernehmt ihn! - Sie zittert heftig; für sich Ich Thörin, darf ich eigne Schuld An andern rächen? CHOR Norma, den Namen! POLLIONE zu Norma O nenn' ihn nicht! NORMA nach einem langen Blick auf Pollione Ich selber! Allgemeine grösste Betroffenheit. Alle stehen bewegungslos. CHOR Du? - Norma? NORMA Ich selber - entflammt den Holzstoss! CHOR Mich fasset Grauen! POLLIONE für sich Es bricht mein Herz. CHOR Du uns betrügen? Norma und Pollione stehen ganz frei POLLIONE Ihr müsst nicht glauben - NORMA Kann Norma lügen? OROVESO UND CHOR in tiefster Trauer O welcher Schmerz! NORMA zu Pollione wie geflüstert In dieser Stunde sollst du erkennen, Was für ein Herz du dein konntest nennen. Du wolltest fliehen - du bist bezwungen, Treuloser Römer, du bleibest hier! Des Schicksals Stimme, der Götter Gnade. Hat uns vereinigt am Todespfade; Am Holzstoss hier nur in Flammenzungen Hat deine Norma ein Grab mit dir. POLLIONE zu Norma Da ich verloren, was ich besessen, Kann deine Grösse ich erst ermessen, Und mit der Reue ist meine Liebe Mit neuer Stärke zurückgekehrt. NORMA Das Herz, das du gebrochen, Der Liebe war es doch wert! POLLIONE Ja, lass uns sterben so fest verschlungen - Er umfasst sie NORMA O grause Stunde! POLLIONE Mein letzter Seufzer soll dir gehören, Doch lass im Scheiden die Worte hören, Dass der Verzeihung ich dennoch wert! OROVESO UND CHOR O widerrufe die harten Worte, Die unwillkürlich dem Mund entflogen! Sag', dass du rasest, dass du gelogen, Dass nur im Wahnsinn die Lippe sprach. Rein ist der Himmel, die Götter schweigen, Und ruhig säuseln die alten Eichen. O widerrufe, um wegzunehmen Von dir die Strafe, von uns die Schmach, Von uns die Schmach! NORMA zu den Priestern Ich bin die Schuld'ge! Zu Pollione Du sollst erkennen, Welch Herz du dein konntest nennen. - Du sollst erkennen, Welch Herz du dein konntest nennen! Dahin! - Auf immer! - Dahin, dahin! POLLIONE zu Norma Du wirst verzeihen! Nun lass uns sterben, Einander wert. Du bist verloren, Du bist verloren, erhabnes Wesen, Verzeihe, verzeihe! Du bist verloren, Erhabnes Wesen, dahin, dahin! Zwei Priester kommen mit einem grossen schwarzen Schleier von links hinten zurück und nehmen hinter Pollione und Norma Aufstellung. CHOR Norma! Ach, widerrufe! - Schweigst du? - Verstummt die Zunge? NORMA leise zu Pollione Himmel, meine Kinder! POLLIONE leise Ach, elternlos! Verlassen! NORMA ebenso Weh, unsre Kinder! POLLIONE leise Sind Waisen! CHOR Bist du die Schuld'ge, rede! NORMA Ja! Sie nähert sich plötzlich, von einem Gedanken ergriffen, Oroveso POLLIONE beobachtet beide mit gespannter Aufmerksamkeit NORMA Doppelt ist mein Verbrechen! CHOR Schrecklich! NORMA zu Oroveso O hör' mich! OROVESO Schändliche! NORMA Vater, hör' mich! OROVESO O welcher Schmerz! NORMA leise zu ihm Ich bin Mutter! OROVESO entsetzt Mutter? NORMA leise Verborgen hat Klothilde die teuern Pfänder; Sei ihnen Vater, beschütze sie, Ergreife mit ihnen die Flucht! OROVESO leise Deine Kinder? Fort, lasse mich! NORMA ebenso O Vater, es fleht dein Kind! Sie fällt auf die Knie POLLIONE UND CHOR Ha, welcher Schmerz! NORMA immer leise zu Oroveso Soll für der Mutter Frevelthat Kindliche Unschuld büssen? Kelche, die sich erschliessen, Früchte der bösen Saat? Blut sind sie deines Blutes. Kannst du sie wohl verstossen? O Vater, sei gnädig doch, Erbarme dich! OROVESO weint POLLIONE für sich Er ist gerührt, es tritt ins Aug' Ihm schon der Schmerz. Mein Wunsch ist erfüllet Und froh besteig' ich nun das Gerüst! Ja, mein Wunsch ist erfüllt, Da er verzeiht, Mein Wunsch erfüllet Und froh besteig' ich nun das Gerüst! NORMA leise Vater, du weinst und verzeihest, Du hast verziehen, das sagt die Thräne, Mein Schmerz gestillet, mein Wunsch erfüllet Und froh besteig' ich nun das Gerüst! Sie steht auf und umarmt Oroveso OROVESO drückt sie bewegt und zärtlich ans Herz; leise Das Herz des Vaters hast du gerührt, Es tritt ins Auge schon der Schmerz. Tochter, ach, o bestieg' ich Selbst das Blutgerüst! Mein Herz ist gebrochen! Kann das dich trösten: Dir sei verziehn, Tochter! Ach, o bestieg ich selbst das Blutgerüst! CHOR Weine, bete, o Druide, Nimmer lächelt dir der Friede! Nehmt den Schmuck aus ihrem Haar, Dann zur Bahre, wo ihr sie Als Opfer grüsst. Die beiden Priester bedecken Norma mit dem schwarzen Schleier CHOR Zum Schafotte! Zum Flammentode! Hebt die Fackeln! Macht rein die Lüfte! Steig', Verruchte, steig', Verfluchte in das Grab! OROVESO Geh', du Arme! NORMA sinkt unter dem Schleier zusammen Ach, ich scheide! POLLIONE auf die Kniee stürzend Eine Flamm' verzehrt uns beide! NORMA Vater, ich scheide! POLLIONE Unsere Liebe, sie reicht noch übers Grab! OROVESO Du scheidest! Ach, es reicht Des Vaters Liebe übers Grab! Die beiden Priester wenden sich mit Pollione und Norma nach hinten |