Es ist hingerichtet

Bettina Kugler, St. Galler Tagblatt (23.01.2017)

The Mikado, 21.01.2017, St. Gallen

Premiere · Halbszenisch präsentiert das Theater St.Gallen Gilbert & Sullivans Operette «Der Mikado» und nimmt sich dabei selbst kräftig auf die Schippe. Serviert wird der makabre Spass von Peter Heilker als Erzähler.

Sie legen sich ins Zeug für ihre Rolle und können es doch hin und wieder kaum fassen. «Wer hat bloss diesen Text geschrieben?», beschwert sich Ko-Ko, ursprünglich Schneidermeister, jetzt Scharfrichter von Titipu, bei Operndirektor Peter Heilker. Der sitzt behaglich wie ein Märchenonkel auf dem gepolsterten Wagen am linken Bühnenrand und mag sich als Erzähler kleine Gemeinheiten nicht verkneifen.

Die Sticheleien gelten keineswegs nur der exotischen, operettenhaft korrupten und verliebten Welt des erfundenen japanischen Städtchens Titipu, das kurzerhand den nächstbesten Verurteilten (nämlich Ko-Ko, den Schneider) zum Henker seiner selbst ernennt. Nein, das Beil bissiger Bemerkungen richtet sich immer wieder gegen das eigene Fleisch und Blut: das Musiktheater, seine Marotten und Konventionen.

Exekutionen in spritzigem Tempo

Zumindest ist das so in der halbszenischen Aufführung der wohl bekanntesten Operette von William Gilbert und Arthur Sullivan, «Der Mikado oder Das Städtchen Titipu», am Theater St.Gallen. In ihrer Zeit als Dreamteam der Savoy Opera schufen Gilbert & Sullivan zwischen 1875 und 1896 vierzehn abendfüllende Werke – Komödien, die alles andere als tiefschürfend sind, dafür gespickt mit Witz, schmissig und schwungvoll. Weshalb sie bis heute heiss geliebt werden von Schul- und Laienbühnen. Auch das blitzt auf in Ansgar Weigners «szenischer Einrichtung» im Grossen Haus: der Spass der Sängerinnen und Sänger (einschliesslich ihres Direktors Peter Heilker) daran, so zu tun, als spielten sie um ihr Leben. Und damit wäre der Nagel auch auf den Kopf getroffen.

Tatsächlich macht sich der titelgebende Kaiser von Japan (mit kernigem Bass: Tomislav Lucic) einen Jux daraus, möglichst viele seiner Untertanen kopflos zu sehen. Schon die Ouvertüre gibt unmissverständlich das rasante Tempo vor, in welchem in Titipu exekutiert wird. Die grosse Trommel rumst, das Völkchen folgt in Trippelschritten – wie die Herren des keineswegs unterbeschäftigten Theaterchors (Einstudierung: Michael Vogel).

Lauter Ohrwürmer – genüsslich gestutzt

Eine dankbare Rolle kommt in «Der Mikado» dem Orchester unter der flinken, sprühend witzigen Leitung von Michael Brandstätter zu. Umso schöner, dass es gut sichtbar auf der Bühne sitzt. Sonst käme womöglich noch einer auf die Idee, irgendetwas im Stück sei ernst gemeint und gefühlsecht, wie es Musicals gern vorgaukeln. Alles geht ruckzuck; in der gerafften Form wirkt die Handlung mit ihren Liebeswirren noch eine Spur absurder. Kein Ohrwurm bekommt die Chance, sich auch nur eine halbe Minute zu lang im Bewusstsein festzubohren – wäre ja schade um den Rest des schönen Abends.

Musicalerfahrung bringt Alexander Mildner in der Rolle des Ko-Ko mit; man merkt es in den gesprochenen Dialogen: Hier ist er den Kollegen aus dem Opernensemble haushoch überlegen. Dafür kann David Maze mit herrlich snobistischem Englisch und mindestens zwanzig mimischen Spielarten verhaltener Entrüstung aufwarten. Im Buffo-Tonfall fühlt er sich erwartungsgemäss wohl wie ein Fisch im Wasser.

Das gilt auch für Nick Kevin Koch, als entlaufener Thronfolger und unglücklicher Liebhaber Nanki-Poo der tenorale Held mit dem Mikadostab (Ausstattung: Markus Karner). Die Damen treten im Kleeblatt auf (Tatjana Schneider, Sheida Damghani, Theresa Holzhauser) und geben alles an Liebreiz, was möglich ist im persiflagehaft fernöstlichen Land des Grinsens. Ganz anders Kismara Pessatti: eine Wucht in ihren emotionalen Ausbrüchen. Nichts für Romantiker! Doch musikalisch so übermütig, dass die Satire prächtig schwarz über die Rampe kommt. Selbst dann, wenn es auf die Kleinen und Dicken zielt. Davon soll es ja in der Opernwelt nicht wenige geben.